Wider den ‚physikalistischen’ Klassenbegriff des Werner Seppmann

Am 01.06.2001 refe­rier­ten Wer­ner Sepp­mann und Willi Hajek beim Roten Abend (Grün­ber­ger Str. 73, Berlin-​​Friedrichshain) zum Thema „Klas­sen­kampf – Kal­ter Kaf­fee oder aktu­ell wie nie?“.1

[Ein­ge­scho­be­ner Nach­trag: Audio-​​Mitschnitte der Ver­an­stal­tungs­re­fe­rate]

[Der fol­gende Text als .pdf-Datei.]

Wer­ner Sepp­mann publi­zierte kürz­lich in der jun­gen Welt einen Arti­kel zu einem ver­wand­ten Thema „Die Arbei­ter­klasse hat sich ver­än­dert – und ist doch kei­nes­wegs ver­schwun­den“. Am Ende läuft der Text frei­lich auf eine ganz andere Behaup­tung hin­aus – näm­lich nicht auf die ana­ly­ti­sche und zutref­fende Behaup­tung: „Die Arbei­te­rIn­nen­klasse exis­tiert wei­ter­hin.“, son­dern auf die stra­te­gi­sche und fal­sche Behaup­tung, klas­sen­kämp­fe­ri­sche Pra­xis sei auf den „Kern der Lohn­ab­hän­gi­gen­klasse“ (Hv. d TaP) zu fokus­sie­ren. Die­ser umfasse „die indus­tri­ell Beschäf­tig­ten in ihren über­wie­gen­den Tei­len, die übri­gen Klas­sen­seg­mente jedoch nur, inso­fern die Struk­tur ihrer Arbeits­plätze durch ein Min­dest­maß an Kol­lek­ti­vi­tät, als Vor­aus­set­zung ihrer Hand­lungs­fä­hig­keit, geprägt ist“.
Im Hin­ter­grund scheint die impli­zite These zu ste­hen, daß der Streik die wich­tigste Form des anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Klas­sen­kamp­fes ist: „Ihnen [Den „indus­tri­el­len Kern­be­rei­chen“ der Lohn­ab­hän­gi­gen] zuge­ord­net sind die Lohn­ab­hän­gi­gen in den Repro­duk­ti­ons­be­rei­chen, die auf­grund ihrer objek­ti­ven beruf­li­chen Exis­tenz­be­din­gun­gen nicht nur eben­falls in einem struk­tu­rel­len Gegen­satz zum Kapi­tal ste­hen, son­dern auch in der Lage sind, wirk­sam zu strei­ken und so nach dem alten Motto der Arbei­ter­be­we­gung ‚Alle Räder ste­hen still’ in Kon­flikt­si­tua­tio­nen Sand ins Getriebe der Kapi­tal­ver­wer­tung zu streuen.“
Diese Fokus­sie­rung auf die Streik­fä­hig­keit über­sieht zwei­er­lei:
Ers­tens war die Wirk­sam­keit von Streiks schon immer durch die weit­ge­hende Eigen­tums­lo­sig­keit der Lohn­ab­hän­gi­gen beschränkt. Jeder Streik konnte nur zeit­lich begrenzt durch­ge­hal­ten wer­den. Die Hoff­nung Rosa Luxem­burgs, ein Mas­sen­streik könne ein Mit­tel des revo­lu­tio­nä­ren Umstur­zes wer­den, ist schon damals von Lenin kri­ti­siert wor­den und auch danach nie­mals Wirk­lich­keit gewor­den.
Zwei­tens ver­schärft sich die­ses grund­sätz­li­che Pro­blem, wenn a) der Anteil jener „indus­tri­el­len Kern­be­rei­che“ an der gesam­ten Mehr­wert­pro­duk­tion abnimmt und b) auch die Beschäf­tig­ten jener Kern­be­reich durch Phä­no­mene wie Leih­ar­beit und out­sour­cing in viel­fäl­ti­ger Weise gespal­ten sind.
In die­ser Situa­tion ist viel­mehr nach neuen, zusätz­li­chen Kampf­for­men zu suchen statt, wie Wer­ner Sepp­mann, – abge­se­hen von eini­gen rein ver­ba­len, kon­se­quenz­los blei­ben­den Zuge­ständ­nis­sen – an einem „traditionelle[n] Begriffs­schema“ fest­zu­hal­ten.

Die­ses Fest­hal­ten gelingt Sepp­mann in dem genann­ten Arti­kel nur, weil er bestän­dig, zwi­schen sei­ner ana­ly­ti­schen und sei­ner stra­te­gi­schen Behaup­tung hin-​​ und her­springt und den – unzu­tref­fen­den – Ein­druck erweckt, die zutref­fende ana­ly­ti­sche Behaup­tung (Die Klasse der Lohn­ab­hän­gi­gen exis­tiert noch.)2 sei ein Argu­ment für seine fal­sche stra­te­gi­sche Behaup­tung (Die Fokus­sie­rung auf „indus­tri­elle Kern­be­reich“ + etwas Drum­herum sei rich­tig.)
Dem zugrunde liegt eine ‚phy­si­ka­lis­ti­sche’ (‚stoff­li­che’) Umdeu­tung der mar­xis­ti­schen Klas­sen­ana­lyse. Sepp­manns Bedürf­nis gegen „sozio­lo­gi­sche Lehr­bü­cher“ (die er mit den Pos­tope­rais­ten Hardt und Negri, denen er eine „intel­lek­tua­lis­ti­schen Nega­tion des Indus­trie­sys­tems“ vor­wirft, und Dekon­struk­ti­vis­tIn­nen, denen er pau­schal unter­stellt, sie seien um „Ver­hin­de­rung eines rea­lis­ti­schen Ver­ständ­nis­ses der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse bemüht“, in einen Topf wirft3) ver­führt Sepp­mann dazu, einen losen Begriff von „Indus­trie­ka­pi­ta­lis­mus“ und den mar­xis­ti­schen Begriff der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise zu ver­wech­seln.
Sepp­mann über­sieht das Ent­schei­dende: Der sozio­lo­gi­sche Abschied von der „Indus­trie­ge­sell­schaft“ oder dem „Indus­trie­ka­pi­ta­lis­mus“ ist von vorn­her­ein untaug­lich zu einer Kri­tik der mar­xis­ti­schen Ana­lyse der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise. Die kapi­ta­lis­ti­sche Pro­duk­ti­ons­weise ist näm­lich nicht durch bestimmte indus­tri­elle Pro­duk­ti­ons­tech­ni­ken, son­dern durch das Aus­beu­tungs­ver­hält­nis zwi­schen Kapi­tal und dop­pelt freier Lohn­ar­beit gekenn­zeich­net.
Sepp­mann meint wohl „Indus­trie­ka­pi­ta­lis­mus“ nach­wei­sen zu müs­sen, um Kapi­ta­lis­mus, Klas­sen­kampf usw. nach­wei­sen zu kön­nen. Beson­ders deut­lich zeigt sich dies an Sepp­manns Begrif­fen von „pro­duk­tiv“ und „pro­du­zie­rend“: „Denn die im pro­duk­ti­ven Sek­tor unmit­tel­bar Täti­gen machen immer noch fast ein Drit­tel aller Beschäf­tig­ten aus“. Und – er wie­der­holt es extra –: „Es bleibt dabei, daß, wie schon erwähnt, in den pro­duk­ti­ven Berei­chen ein knap­pes Drit­tel aller Lohn­ab­hän­gi­gen beschäf­tigt ist.“ Außer­dem inter­pre­tiert er die main­stream-These von der „Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft“ als These „die pro­du­zie­rende Klasse [sei] weit­ge­hend bedeu­tungs­los gewor­den“.
Für Marx’ Unter­schei­dung zwi­schen pro­duk­ti­ver und unpro­duk­ti­ver Arbeit kommt es aber gar nicht auf den stoff­li­chen Cha­rak­ter des Pro­duk­ti­ons­er­geb­nis­ses an4:
„Die stoff­li­che Bestimmt­heit der Arbeit und daher ihres Pro­dukts hat an und für sich nichts mit die­ser Unter­schei­dung zwi­schen pro­duk­ti­ver und unpro­duk­ti­ver Arbeit zu tun.“ (K. Marx, Theo­rien über pro­duk­tive und unpro­duk­tive Arbeit, in: MEGA II.3.2, 445 = MEW 26.1, 129). „Die­selbe Sorte Arbeit kann pro­duk­tiv oder unpro­duk­tiv sein.“ (a.a.O., MEW, 26.1, 376 f.; vgl. MEGA II.3.2, 451 = MEW 26.1, 135) So kann die Arbeit einer Schau­er­spie­le­rin (= Dienst­leis­te­rin) im marx­schen Sinne pro­duk­tiv sein; die Arbei­ter eines Schnei­ders aber unpro­duk­tiv:

„Ein Schau­spie­ler z.B., selbst ein Clown, ist hier­nach ein pro­duk­ti­ver Arbei­ter, wenn er im Dienst eines Kapi­ta­lis­ten arbei­tet […], dem er mehr Arbeit zurück­gibt, als er in der Form des Salairs von ihm erhält, wäh­rend ein Flick­schnei­der, der zu dem Kapi­ta­lis­ten ins Haus kommt und ihm seine Hosen flickt, ihm einen blo­ßen Gebrauchs­wert schafft, ein unpro­duk­ti­ver Arbei­ter ist. Die Arbeit des erstren tauscht sich gegen Kapi­tal aus, die des zwei­ten gegen Reve­nue. Die erstre schafft einen Mehr­wert; in der zwei­ten ver­zehrt sich eine Reve­nue. […] Ein Schrift­stel­ler ist ein pro­duk­ti­ver Arbei­ter, nicht inso­fern er Ideen pro­du­ziert, son­dern inso­fern er den Buch­händ­ler berei­chert, der den Ver­lag sei­ner Schrif­ten betreibt, oder sofern er der Lohn­ar­bei­ter eines Kapi­ta­lis­ten ist.“ (ebd., MEGA II.3.2, 443, 445 ≈ MEW 26.1, 127, 128).

Ebenso im Falle eines Kochs oder eine Köchin:

„die Köche und wai­ters in einem öffent­li­chen5 Hotel sind pro­duk­tive Arbei­ter, sofern ihre Arbeit sich in Kapi­tal für den Hotel­be­sit­zer ver­wan­delt. Die­sel­ben Per­so­nen sind unpro­duk­tive Arbei­ter als menial ser­vants, inso­fern ich in ihrem Dienst nicht Kapi­tal mache, son­dern Reve­nue ver­aus­gabe.“ (ebd., 445 bzw. 129).6

An einer Stelle scheint dies auch Sepp­mann wenigs­tens ansatz­weise zur Kennt­nis zu neh­men: „Gerade auch wegen vie­ler Über­schnei­dun­gen zwi­schen den ‚neuen’ und ‚alten’ Anfor­de­rungs­pro­fi­len würde ein her­me­ti­scher Begriff von Indus­trie­ar­beit (und dem­ent­spre­chend der Arbei­ter­klasse) den gewan­del­ten For­men kapi­ta­lis­ti­scher Mehr­wert­pro­duk­tion nicht gerecht wer­den.“ Nur zieht er keine stra­te­gi­schen Kon­se­quen­zen dar­aus.
Wenn wir auf die Bedeu­tung bestimm­ter Arbei­ten für die Mehr­wertpro­duk­tion abstel­len, dann müs­sen wir nicht auf den stoff­li­chen Cha­rak­ter der jewei­li­gen Arbei­ten abstel­len, son­dern auf die Frage, ob diese Arbeit unmit­tel­bar für End­ver­brau­che­rIn­nen geleis­tet wird oder für ein Unter­neh­men, das die Arbeit und Arbeits­pro­dukte wei­ter­ver­kauft und dabei einen Mehr­wert rea­li­siert.

Auch mit die­sem – wei­ten – marx­schen Begriff von „pro­duk­ti­ver“ Arbeit blei­ben frei­lich noch weit­ge­hend Eigen­tums­lose und daher Lohn­ab­hän­gige übrig, die nicht unter den Begriff der „pro­duk­ti­ven Arbeit“ fal­len, also auch die Mehr­wert­pro­duk­tion nicht mit­tels Streik unter­bre­chen kön­nen, die aber – bspw. als Staats­an­ge­stellte – den­noch kol­lek­tiv strei­ken und damit Druck aus­üben oder – als pri­vate Haus­an­ge­stellte – zwar Gebrauchs-​​, aber keine Tausch­werte (und daher auch kei­nen Mehr­wert) schaf­fen und wegen der Viel­zahl von unter­schied­li­chen Arbeits­stät­ten und Ver­trags­part­ne­rIn­nen sich ungleich schlech­ter zu kol­lek­ti­ven Streik­maß­nah­men zusam­men­schlie­ßen kön­nen, aber den­noch in zeit­ge­mäße Kampf­for­men zur Über­win­dung der Herr­schaft – nicht des sepp­mann­schen „Indus­trie­ka­pi­ta­lis­mus“, son­dern – der Herr­schaft der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise und damit von Lohn­ab­hän­gig­keit ein­zu­be­zie­hen sind. Denn lohn­ab­hän­gig sind die Lohn­ab­hän­gi­gen, weil es – bei eini­gen Weni­gen stark kon­zen­trier­ten – Pri­vat­be­sitz an den Pro­duk­ti­ons­mit­teln gibt, und Lohn­ar­beit in der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise die ein­zige Mög­lich­keit des Ein­kom­mens­er­werbs für Eigen­tums­lose ist.

  1. „Klas­sen­kampf – Kal­ter Kaf­fee oder aktu­ell wie nie?
    Am 1. Mai war in Ber­lin und bun­des­weit die Parole „Klasse gegen Klasse“ oft auf Trans­pa­ren­ten und Pla­ka­ten zu lesen. Der Klas­sen­be­griff scheint inner­halb der lin­ken Bewe­gung wie­der stär­ker eine Rolle zu spie­len. Die BRD als Klas­sen­ge­sell­schaft zu bezeich­nen wird aller­dings im vor­herr­schen­den öffent­li­chen Dis­kurs als ver­al­tet und nicht mehr zutref­fend ange­se­hen.
    Andere Begriffe wie Milieus oder Lebens­stile kenn­zeich­nen jedoch nur Erschei­nun­gen, ohne die Abhän­gig­keit von Lohn­ar­beit ins Zen­trum zu stel­len. Ins­ge­samt sind in der BRD 36 Mil­lio­nen abhän­gig beschäf­tigt. Davon sind noch 30 Pro­zent im indus­tri­el­len Sek­tor tätig.
    Die Arbei­ter­klasse ist nicht ver­schwun­den – sie ist jedoch in der Öffent­lich­keit kaum mehr als orga­ni­sier­ter gesell­schaft­li­cher Fak­tor wahr­nehm­bar. Dabei ist der Klas­sen­kampf auch in der BRD per­ma­nent im Gange. Aller­dings in ers­ter Linie als Klas­sen­kampf von oben: Sozi­al­ab­bau, nied­rige Löhne, Erhö­hung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters, Bil­dungs­ab­bau, der Aus­bau des Repres­si­ons­ap­pa­ra­tes und vie­les mehr. Staat und Kapi­tal füh­ren einen Angriff auf die Lohn­ab­hän­gi­gen nach dem nächs­ten durch. Eine ent­schlos­sene und kämp­fe­ri­sche breite Bewe­gung dage­gen ist jedoch noch nicht ent­stan­den. Doch es gibt auch in eini­gen Berei­chen Gegen­wehr der Lohn­ab­hän­gi­gen, wie zum Bei­spiel der Streik der Lok­füh­rer oder der Charité-​​Beschäftigten in Ber­lin. Ins­ge­samt sind klas­sen­kämp­fe­ri­sche Kol­le­gIn­nen am Arbeits­platz jedoch in der Min­der­heit, Ver­ein­ze­lung und Pas­si­vi­tät über­wie­gen. Die linke Bewe­gung hat wenn es um das Thema Arbeits­kämpfe geht oft wenig Inter­esse. Es feh­len die Kon­takte zu den Beschäf­tig­ten und die eigene Lohn­ar­beit oder Erwerbs­lo­sig­keit wird häu­fig nicht als Kampf­feld betrach­tet. Des­halb bleibt es oft bei der rein theo­re­ti­schen Beschäf­ti­gung mit der Arbei­ter­klasse in mar­xis­ti­schen Semi­na­ren. Um den Klas­sen­kampf von unten zu stär­ken bedarf es aber auch einer gemein­sa­men Pra­xis von Beschäf­ti­gen, Schü­le­rIn­nen, Stu­die­ren­den und Erwerbs­lo­sen im Betrieb, im Stadt­teil und natür­lich auf der Straße.
    Bei der Ver­an­stal­tung wer­den der mar­xis­ti­sche Sozio­loge Wer­ner Sepp­mann, Autor des Buches: ‚Die ver­leug­nete Klasse’ und Willi Hajek, lin­ker Basis­ak­ti­vist und Autor aus Ber­lin, unter ande­rem fol­gende Fra­gen dis­ku­tie­ren: Was ist heute unter Arbei­ter­klasse kon­kret zu ver­ste­hen? Was ist die Ursa­che für die man­gelnde Wider­stands­kraft der Arbei­ter­klasse gegen die Angriffe des Kapi­tals und wie kann das Klas­sen­be­wusst­sein der Lohn­ab­hän­gi­gen gestärkt wer­den? Wel­che Rolle spielt die Klasse der Lohn­ab­hän­gi­gen bei der Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus? Wie kann eine klas­sen­kämp­fe­ri­sche Pra­xis heute aus­se­hen? Wel­che Erfah­run­gen bei betrieb­li­chen und gewerk­schaft­li­chen Basis­kämp­fen gibt es?
    Außer­dem wird ein Ver­tre­ter des klas­sen­kämp­fe­ri­schen Blo­ckes die Initia­tive vor­stel­len und die Inten­tio­nen erläu­tern. Die Ver­an­stal­tung wird vom Roten Abend zusam­men mit dem klas­sen­kämp­fe­ri­schen Block orga­ni­siert.
    Roter Abend: Mitt­woch, 01. Juni 2011 ab 20 Uhr im Stadt­teil­la­den Zie­lona Gora, Grün­ber­ger Str. 73, Berlin-​​Friedrichshain.“

    (Quelle: http://​inter​komm​.so36​.net/​a​r​c​h​i​v​/​r​o​t​e​r​a​b​e​n​d.php) [zurück]

  2. Erst im letz­ten Zehn­tel sei­nes Arti­kels legt Sepp­mann expli­zit offen, daß für ihn die Begriffe „Arbei­ter­klasse“ und „Klasse der Lohn­ab­hän­gi­gen“ nicht syn­onym sind: „Es spricht vie­les dafür, wei­ter­hin [sic!, TaP] den Begriff ‚Arbei­ter­klasse’ für die Beschäf­tig­ten in den indus­tri­el­len Kern­be­rei­chen zu reser­vie­ren.“ Damit legt Sepp­mann sei­ner – sei­nem Anspruch nach ver­mut­lich mar­xis­ti­schen – poli­ti­schen Stra­te­gie einen Begriff von „Arbei­ter­klasse“ zugrunde, der nichts mit der Marx­schen Ana­lyse der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise zu tun hat.
    Indus­tri­elle Pro­duk­tion – und damit Indus­trie­ar­bei­te­rIn­nen – wird es sicher­lich, wenn auch mit erheb­li­chen Ver­än­de­run­gen unter ergo­no­mi­schen Gesichts­punk­ten auch in einer kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft (sofern es sie denn über­haupt geben wird) geben – nur eine Klasse von Lohn­ab­hän­gi­gen wird es dann nicht mehr geben, und die Arbeits­kraft wird keine Ware mehr sein. An die Stelle von Waren­tausch tritt die poli­ti­sche Ver­tei­lung (demo­kra­ti­sche Pla­nung) von Arbeit und Pro­duk­ten. [zurück]
  3. Eine ernst­hafte Kri­tik – statt Feindbild-​​bashing – würde frei­lich vor­aus­set­zen, diese drei Rich­tun­gen in ihrer jewei­li­gen Spe­zi­fik zur Kennt­nis zu neh­men, dar­zu­stel­len und ggf. wider­le­gen statt alles mit allem zu ver­men­gen. [zurück]
  4. Beim ver­gan­ge­nen Roten Abend wies Feli­cita Peu­schling dar­auf hin. In einem frü­he­ren Arti­kel schrieb sie ent­spre­chend: „Dort [bei Marx] ist pro­duk­tive Arbeit eine vor­wie­gend rela­tio­nale Bestim­mung. D.h. sie defi­niert nicht die Mate­ria­li­tät oder Beschaf­fen­heit des Pro­duk­tes […]. Ent­schei­dend ist für Marx, dass die Arbeit für das Kapi­tal als Lohn­ar­beit geleis­tet wird.“ (Hv. d. TaP).
    Etwas unscharf ist aller­dings, wenn sie im Anschluß daran schreibt: „Die [im vor­ge­nann­ten Sinne, TaP] durch­aus kri­ti­sche Kate­go­rie der ‚pro­duk­ti­ven Arbeit’ macht […] die meis­ten fami­liä­ren Tätig­kei­ten, meist tra­di­tio­nelle Frau­en­ar­bei­ten, die der Repro­duk­tion der Ware Arbeits­kraft die­nen, unsicht­bar, inso­fern sie nicht wert­för­mig geleis­tet wer­den.“
    Unscharf ist diese Kri­tik aus fol­gen­dem Grund: Daß der Mar­xis­mus inso­weit über zwei unter­schied­li­che Begriffe ver­fügt – „Repro­duk­tion der Ware Arbeits­kraft“ und „pro­duk­tive Arbeit“ – macht das Phä­no­men, das unter dem ers­ten Begriff gedacht wird, ja nicht „unsicht­bar“, son­dern unter­schei­det es nur – und zwar aus trif­ti­gen Grün­den – von dem Phä­no­men, das unter dem zwei­ten Begriff gedacht wird.
    In die­ser Unter­schei­dung liegt als sol­che auch keine ana­ly­ti­sche Ver­nach­läs­si­gung oder poli­ti­sche Abwer­tung des Bereichs der unpro­duk­ti­ven Arbeit. (Obwohl auch Staats­an­ge­stellte, sofern sie nicht für Staats­un­ter­neh­mern, die ihre Pro­dukte als Waren anbie­ten, arbei­ten, unpro­duk­tive Arbeit leis­ten, ver­fügt der Mar­xis­mus zumin­dest über beacht­li­che Ansätze einer Staats­theo­rie und betont – im Gegen­satz zu Sepp­manns Streik­fi­xie­rung – die Wich­tig­keit der Frage der Staats­macht für einen revo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß.)
    Zutref­fend ist aller­dings, daß der Mar­xis­mus nicht in der Lage ist (und auch nicht beson­ders inter­es­siert daran ist), zu erklä­ren, warum diese Repro­duk­ti­ons­ar­beit vor allem Frau­en­ar­beit ist. Aber – wie neu­lich schon geschrie­ben –: „Im Gegen­satz zur Nei­gung von Anti-​​Marxistinnen vom Mar­xis­mus zu erwar­ten (und den Mar­xis­mus wegen Ver­feh­lung die­ser Erwar­tung zu ver­wer­fen) und von Mar­xis­tIn­nen zu bean­spru­chen, daß der Mar­xis­mus alle Fra­gen (jeden­falls auf gesell­schafts­ana­ly­ti­schem Gebiet) beant­wor­ten könne, sollte die begrenzte Reich­weite des Mar­xis­mus“ – und damit die Not­wen­dig­keit bspw. von femi­nis­ti­schen Gesell­schafts­ana­ly­sen – „aner­kannt wer­den.“. [zurück]
  5. „Öffent­lich“ hier im Unter­schied zu Pri­vat­haus­halt; nicht (unbe­dingt) im Sinne von „in staat­li­chem Eigen­tum befind­lich“. [zurück]
  6. Die – sagen wir – ‚qua­li­ta­tive’ oder in die­sem Sinne ‚abso­lute’ Unter­schei­dung zwi­schen pro­duktiver und unpro­duktiver Arbeit ist also von der in dem Sinne ‚quan­ti­ta­ti­ven’ oder ‚rela­ti­ven’ Frage nach der Pro­duk­tivität von Arbeit zu unter­schei­den. Unum­strit­te­ner­ma­ßen ist die als Haus­an­ge­stellte arbei­tende Schnei­de­rin, die in einer bestimm­ten Zeit 10 Hosen näht, pro­duk­ti­ver als ein haus­an­ge­stell­ter Schnei­der, der in der glei­chen Zeit nur 8 Hosen pro­du­ziert – obwohl beide im Sinne der erst­ge­nann­ten Unter­schei­dung „unpro­duk­tive“ Arbeit leis­ten. Die Unter­schei­dung zwi­schen pro­duk­ti­ver und unpro­duk­ti­ver Arbeit bezieht sich also nicht auf die Her­stel­lung von Gebrauchs­wer­ten, son­dern auf den Bei­trag die­ser Arbeit zum Pro­zeß der Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion.
    [zurück]
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