Antikapitalistisch ist nicht revolutionär genug!

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Vor kur­zem wurde an ver­schie­de­nen Stel­len im Netz ein Papier eines Dis­kus­si­ons­krei­ses um Michael Prütz (1, 2, 3, 4; vgl. 5) ver­öf­fent­licht – Titel: Neue Anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tion? Na end­lich! Wor­über müs­sen wir uns ver­stän­di­gen und wor­über nicht. Plä­diert wird für eine „soli­da­ri­sche und kon­tro­verse, ergeb­nis­of­fene und ziel­ge­rich­tete Debatte“ zwi­schen „‚Mar­xis­mus’ und ‚Auto­no­mie’, Links-​​Sozialisten /​ Links-​​Kommunisten und Bewe­gungs­linke“. Ver­öf­fent­licht wurde der Text von den online-​​Zeitschriften trend, Linke Zei­tung (wo es in den Kom­men­ta­ren eine LeserIn-​​Diskussion zu dem Text gibt) sowie scharf-​​links (wo auch zwei daran anschlie­ßende Texte ver­öf­fent­licht wur­den) und den blogs Rap­pel­kiste (bei blog​sport​.de) und Rote Pre­digt (bei over-​​blogs, die zu dem social bookmark-​​Dienst wikio gehö­ren) sowie auf der home­page der Sozia­lis­ti­schen Koope­ra­tion; Ent­ding­li­chung ver­linkte den Text.
Diese paar Ver­öf­fent­li­chungs­orte und Ant­wor­ten sind zwar bei wei­tem nicht die Reso­nanz auf das Papier, die not­wen­dig wäre, um jene Idee mehr als eine Idee sein zu las­sen. Ich will mir aber trotz­dem nicht zu schade dafür sein, fünf Anmer­kun­gen zu dem Text zu machen. Denn die gene­relle Über­zeu­gung, daß es einer lin­ken Struk­tur bedarf, die pro­gram­ma­tisch links von der Links­par­tei (m.E. auch links von der Inter­ven­tio­nis­ti­schen Lin­ken [IL]) steht, die ver­bind­li­cher orga­ni­siert ist als die auto­nome Szene (und eben­falls ver­bind­li­cher als die IL), aber im Gegen­satz zu der Revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken um die Zeit­schrift radi­kal nicht klan­des­tin orga­ni­siert, son­dern in Demons­tra­tio­nen, Ver­an­stal­tun­gen und Bünd­nis­sen auch per­sön­lich (in Form von für sie ein­ste­hen­den Mit­glie­dern) sicht-​​ und ansprech­bar ist, würde ich tei­len. Was die inhalt­li­che Aus­rich­tung anbe­langt, hört sich, „die eige­nen revo­lu­tio­nä­ren Posi­tio­nen wie­der mit ein wenig mehr Selbst­be­wusst­sein zu ver­tre­ten“ (Hv. hin­zu­ge­fügt), für mei­nen Geschmack aller­dings noch zu zag­haft an. –
Hier also meine fünf Anmer­kun­gen:

Anmer­kung 1 – Zur Ein­schät­zung der gesell­schaft­li­chen Lage:

Posi­tiv her­vor­zu­he­ben ist die deut­lich rea­lis­ti­schere Lage­ein­schät­zung, die sich vom lin­ken ‚Kri­sen­op­ti­mis­mus’ vie­ler Texte der letz­ten Zeit abhebt: „Das zuge­ge­be­ner­ma­ßen hand­werk­lich sehr geschickte Kri­sen­ma­nage­ment (Abwrack­prä­mie, Ver­län­ge­rung des Kurz­ar­bei­ter­gel­des, kein Fron­tal­an­griff auf die regu­lär Beschäf­tig­ten, son­dern auf die Mar­gi­na­li­sier­ten) konnte sich […] nicht nur auf die deut­sche Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie (ins­be­son­dere der IGM), son­dern auch auf die Stim­mung in vie­len Betrie­ben stüt­zen – ‚Lie­ber den eige­nen Stand­ort sichern als kämp­fen’ lau­tete viel­fach die Losung. Und es scheint ja zu funk­tio­nie­ren: Mode­rate Lohn­er­hö­hun­gen wie bei VW und Son­der­zah­lun­gen wie bei Daim­ler las­sen ein ‚Kri­sen­ge­fühl’ erst­mal nicht auf­kom­men.“
Trotz­dem scheint mir aber auch die­ser Text noch zu opti­mis­tisch zu sein, wenn es wei­ter unten heißt: „Den Stand des Klas­sen­be­wusst­seins bringt Kol­lege Riex­in­ger sehr schön auf den Punkt: ‚Die Leute sagen, so wie die Fran­zo­sen müss­ten wir’s machen’ – was zwei­er­lei zum Aus­druck bringt: Wir haben die Schnauze voll, aber es wäre schon schön, wenn andere für uns kämp­fen.“ Und mehr noch, wenn es spä­ter – anschei­nend noch wei­ter­ge­hend – heißt: „Wir tre­ten ein in eine Phase von Revo­lu­tion und Kon­ter­re­vo­lu­tion.“, ohne auch nur die Wör­ter „Phase“ und „Revo­lu­tion“ (Poli­ti­sche Revo­lu­tio­nen [‚regime chan­ges’]? Oder Umwäl­zun­gen der Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse?) zu erläu­tern. – Auch diese For­mu­lie­run­gen, vom Ende des Tex­tes, schei­nen mir allzu all­ge­meine (und inso­fern volun­ta­ris­ti­sche Schluß­fol­ge­run­gen nahe­le­gende) Wahr­hei­ten zu sein: „Keine Angst vor der eige­nen Cou­rage. Eigent­lich muss mensch nur zwei Sachen wis­sen, um los­zu­le­gen: ‚Eure Ord­nung ist auf Sand gebaut’ und ‚Etwas Bes­se­res als den Tod fin­den wir über­all’.“

Anmer­kung 2 – Zur Ein­schät­zung der Lage der Lin­ken:

Die Auto­ren (der Text ver­wen­det als Selbst­be­zeich­nung die männ­li­che Form „Dis­kus­si­ons­zu­sam­men­hang von mit­tel­al­ten bis älte­ren Genos­sen, die vor­wie­gend links­so­zia­lis­tisch /​ trotz­kis­tisch sozia­li­siert sind“) schrei­ben:
„Die Geschichte hat die unschöne Eigen­schaft, sich öfter nicht an die ‚Geschichts­fahr­pläne’ stu­dier­ter Mar­xis­tIn­nen zu hal­ten […]. Erge­ben sich rea­lis­ti­sche Mög­lich­kei­ten revo­lu­tio­nä­rer Orga­ni­sie­rung, muss Mensch auch mal zugrei­fen, denn sol­che ‚Zeit­fens­ter’ blei­ben nicht ewig offen.“
Das ist wohl wahr, nur habe ich nir­gends in dem Papier eine klare Dar­le­gung gefun­den, warum die­ses „Zeit­fens­ter“ im Moment vor­han­den bzw. offen sein soll.
Im ers­ten Satz des Papiers heißt es zwar: „Teile der (post)autonomen Bewe­gung /​ der radi­ka­len Lin­ken dis­ku­tie­ren z. Z. sehr ernst­haft die ‚Orga­ni­sa­ti­ons­frage’ (die AVAN­TIS spre­chen sogar von einem ‚Neuen kom­mu­nis­ti­schen Pro­jekt’), was wir auf’s Schärfste begrü­ßen.“ Aber der ein­zige kon­krete Bezugs­punkt dafür ist ein bereits 7 Jahre altes AVANTI-​​Papier: „Aller­dings gestal­tete sich die ‚Quel­len­lage’ für uns etwas schwie­rig – der pro­gram­ma­ti­sche ‚Out­put’ der (Post)autonomie zur begin­nen­den Dis­kus­sion ist recht über­schau­bar (viel­leicht liegt das auch daran, dass die Debatte – noch – etwas ‚klan­des­tin’ geführt wird). Fün­dig wur­den wir bei AVANTI, näm­lich dem ‚Grund­satz­pa­pier’ vom Mai 2004, mit wel­chem wir – was uns selbst über­rascht hat – ein hohes Maß an Überein­stim­mung fest­ge­stellt haben.“ (link hin­zu­ge­fügt, TaP).
Außer­dem wird behaup­tet: „Wäh­rend in den 1970er Jah­ren die im Wochen­takt erfolg­ten Par­tei­grün­dun­gen sich gegen­sei­tig in die ‚Fisch­mehl­fa­brik’ expe­die­ren woll­ten, koope­rie­ren heute etwa in den Anti-​​Krisen-​​Bündnissen der Attac‘ler mit dem DKP’ler oder der junge Auto­nome mit dem Verdi-​​Funktionär.“
Das erscheint mir nicht plau­si­bel: Auch die Fischmehl-​​K-​​Gruppen hat­ten in Bonn immer­hin gemein­sam gegen ihr Ver­bot demons­triert; Bünd­nisse mit Betei­li­gung von Auto­no­men, Grü­nen und Kom­mu­nis­ti­schem Bund (KB) waren keine Sel­ten­heit; es gab breite linke Bündnis-​​Demos mit auto­no­men Schwar­zen Blö­cken, aber ebenso DKP-​​Blöcken und sogar SPD-​​Beteiligung; aller­dings gab es auch immer wie­der Streit über die „Gewalt­frage“.
Wenn heute also in „Anti-​​Krisen-​​Bündnissen der Attac‘ler mit dem DKP’ler oder der junge Auto­nome mit dem Verdi-​​Funktionär“ dis­ku­tiert und demons­triert, dann scheint mir das nichts grund­le­gend ande­res zu sein und vor allem für ein Organisierungs-​​ (und nicht nur Bünd­nis)pro­jekt gar nichts zu hei­ßen.

Anmer­kung 3 – Zum Ver­hält­nis zur Links­par­tei und über­haupt zu Bünd­nis­sen:

Mehr sagt mir zu, was in dem Papier zur Links­par­tei im beson­de­ren und zu Bünd­nis­sen im all­ge­mei­nen gesagt wird:
► Es soll um eine orga­ni­sa­to­ri­sche (aber, wenn ich das Wort [neue anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche] „Orga­ni­sa­tion“ [nicht: „Par­tei“] rich­tig deute, auf abseh­bare Zeit nicht: wahl­po­li­ti­sche1) Alter­na­tive zur Links­par­tei gehen:
„wenn wir nicht oder nicht gut genug erklä­ren kön­nen, warum Anti­ka­pi­ta­lis­tIn­nen bei uns und nicht bei der LIN­KEN mit­ma­chen sol­len, kön­nen wir gleich wie­der ein­pa­cken.“
► Es soll auch nicht um ein Bewe­gungs­an­häng­sel der Links­par­tei bzw. gar einer rot-​​rot-​​grünen Regie­rung gehen:
„Wenn das Kon­zept der ‚Mosaik-​​Linken’ so aus­sieht, dass die einen in der Regie­rung ‚Sach­zwänge’ exe­ku­tie­ren und die ande­ren auf der Strasse dage­gen pro­tes­tie­ren und hin­ter­her set­zen wir uns zusam­men und reden mal drü­ber – dann soll­ten wir uns von der­ar­ti­gen Ver­an­stal­tun­gen lie­ber fern­hal­ten.“
► Die Links­par­tei soll aber nicht zum neuen Haupt­feind erko­ren wer­den:
„Auch wenn es nervt, wir sagen es noch mal, eine unsek­tie­re­ri­sche Poli­tik gegen­über der LIN­KEN wird die erste und größte Her­aus­for­de­rung für das neue Pro­jekt, so es denn tat­säch­lich an den Start geht. Natür­lich tre­ten wir in Kon­kur­renz zur LIN­KEN (sonst bräuch­ten wir ja gar nicht los­le­gen), aber nach unse­rer fes­ten Über­zeu­gung muss das neue Pro­jekt glaub­haft rüber­brin­gen, dass es sich um eine sozu­sa­gen ‚soli­da­ri­sche Kon­kur­renz’ han­delt.“
► Und es wird klar, daß die Phrase von der „Ein­heits­front von unten“ in der poli­ti­schen Pra­xis nichts ande­res bedeu­tet als – gar keine Ein­heits­front:
„‚Ein­heits­front von unten’ ist bis heute das Credo aller Ultra­lin­ken. Motto: Ein­heit mit sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter oder Basis­glie­de­run­gen? Bitte gerne, aber nie­mals mit ihren ver­rä­te­ri­schen Füh­run­gen! Das ist genau das, was Einheitsfront-​​Politik nicht ist. Es setzt näm­lich vor­aus, was fehlt: Den kla­ren Bruch der Basis refor­mis­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen mit ihrer Füh­rung.“
Und dage­gen wird rich­ti­ger­weise gesetzt:
„Ange­bote zur Ein­heit müs­sen sich immer an die gesamte Orga­ni­sa­tion incl. Ihrer Füh­rung rich­ten. Lehnt die Füh­rung ab, muss sie das den eige­nen Leu­ten erklä­ren – nimmt sie an, läuft sie immer Gefahr, dass in der gemein­sa­men Aktion eine Dyna­mik ent­steht, die sich nicht mehr oder schwer kon­trol­lie­ren lässt.“
► Etwas in Unklar­heit bleibt aller­dings, was (defi­ni­to­risch) den Unter­schied zwi­schen einer „Ein­heits­front“ und einer „Akti­ons­ein­heit“ aus­macht: Auf wel­che The­men oder Gegen­stände (oder was auch immer) bezieht sich „Ein­heits­front“? Und auf was „Akti­ons­ein­heit“?
Gesagt wird aus­schließ­lich, daß ein unter­schied­li­cher Kreis von Betei­lig­ten in Betracht kommt (auch dem ist zuzu­stim­men): „Kon­sti­tu­ie­ren­des, unver­zicht­ba­res Ele­ment der Ein­heits­fron­to­ri­en­tie­rung ist das Prin­zip der Klas­sen­un­ab­hän­gig­keit – ‚Ein­heits­front’ mit bür­ger­li­chen, kapi­ta­lis­ti­schen Par­teien ist ‚Volks­front’. Das heißt aller­dings nicht, SPD und GRÜNE aus Akti­ons­ein­hei­ten aus­zu­gren­zen (genauso wie kei­ner was dage­gen hat, wenn kri­ti­sche CDU’ler bei den Pro­tes­ten gegen ‚Stutt­gart 21’ mit­ma­chen).“
Dar­über hin­aus dürfte auch noch klar sein, daß eine „Akti­ons­ein­heit“ etwas kurzfristig-​​punktuelles und eine „Ein­heits­front“ etwas mittel-​​ bis lang­fris­ti­ges ist. Bleibt aber trotz­dem die Frage: Wofür kom­men Ein­heits­fron­ten in Betracht? (Wie) unter­schei­det sich eine „Ein­heits­front“ orga­ni­sa­to­risch von einer blo­ßen „Akti­ons­ein­heit“? Bedeu­tet „Ein­heits­front“ auch eine grö­ßere orga­ni­sa­to­ri­sche Fes­tig­keit des Zusam­men­halts als „Akti­ons­ein­heit“? Und wofür muß/​sollte sich auf letz­te­res (die Bünd­nis­form der „Akti­ons­ein­heit“) beschränkt wer­den?
Also ganz prak­tisch gefragt: Was darf auch mit kri­ti­schen Unions-​​Leuten, mit SPD-​​lerInnen und Grü­nen gemacht wer­den, soweit hin­rei­chende inhalt­li­che Kon­ver­gen­zen gege­ben sind? Und was darf mit ihnen selbst dann nicht gemacht wer­den, wenn inhalt­li­che Gemein­sam­kei­ten gege­ben sind? Was ist zuläs­sige Akti­ons­ein­heit? Und was unzu­läs­sige Ein­heits­front?
Oder ist es ein­fach so, daß alles (egal was), was mit Betei­li­gung von Grü­nen usw. gemacht wird, Akti­ons­ein­heit genannt wird? Und alles (egal was), was ohne deren Betei­li­gung gemacht wird, Ein­heits­front genannt wird? – Oder gibt es auch inhaltlich-​​organisatorische Unter­schiede zwi­schen bei­den Bünd­nis­ty­pen?

Anmer­kung 4 – Zum Kon­flikt ‚Anti-​​Deutsche’ vs. ‚Anti­im­pe­ria­lis­ten’:

Klar und rich­tig erscheint mir die dop­pelte Abgren­zung von ‚Anti-​​Deutschen’ (jeden­falls jenen ‚Anti-​​Deutschen’, die gar nicht mehr anti-​​deutsch sind) und jenen Anti­im­pe­ria­lis­tIn­nen, die nichts anders als „Anti­im­pe­ria­lis­mus“ zu bie­ten haben: „Dem ganz brei­ten ‚anti-​​imperialistischen’ Bünd­nis von Kim über Ahma­dined­schad und Luka­schenko bis Scheich Nas­ral­lah sollte unser ‚Pro­jekt’ kei­nes­falls bei­tre­ten. Wir soll­ten uns klar gegen diese außen­po­li­ti­sche Linie der ‚Jun­gen Welt’ und die Argu­men­ta­tion der ‚Anti-​​Imps’ stel­len, denn für uns hören die Klas­sen­ge­gen­sätze nicht an den Gren­zen des Tri­kont auf zu exis­tie­ren […]. Diese klare Front­stel­lung muss sich aller­dings ihrer­seits scharf dis­tan­zie­ren vom mili­tan­ten ‚Anti-​​Anti-​​Imperialismus’ der so genann­ten ‚Anti-​​Deutschen’, die eben keine ‚lin­ken Anti-​​Deutschen’, son­dern ‚(ver­dammt) deut­sche Anti-​​Linke’ sind. In ihren schärfs­ten Aus­for­mun­gen han­delt es sich um offe­nen Pro-​​Imperialismus.“

Anmer­kung 5 – Zum neu-​​alten ‚Haupt­wi­der­spruch Kapi­ta­lis­mus’:

Die Ver­fas­ser wer­fen in einem – so beti­tel­ten – Unter­ab­schnitt zum Abschnitt „Klasse, Pre­ka­riat, soziale Bewe­gung“ ernst­lich erneut die Frage, „Triple Opp­res­sion oder Haupt­wi­der­spruch?“, auf.

a) Schon bevor der frag­li­che Unter­ab­schnitt beginnt, heißt es in dem Text bereits: „Arbei­te­rIn­nen sind nicht bes­ser, schö­ner oder klü­ger als Femi­nis­tin­nen oder Anti-​​Atom-​​Aktivisten, aber als Mehr­wert­pro­du­zen­ten sind sie die ein­zi­gen, die die Herr­schaft des Kapi­tals unmit­tel­bar und direkt in Frage stel­len (kön­nen).“
Dies ist so wahr wie banal. Nur ist damit noch nicht begrün­det, was anschei­nend damit zugleich aus­ge­sagt wer­den soll – näm­lich: (1.) Femi­nis­mus ist auf einer Ebene mit Anti-​​Atom-​​Aktivismus anzu­sie­deln und (2.) die Besei­ti­gung der Herr­schaft des Kapi­tals sei irgend­wie (wich­ti­ger [?] oder) grund­le­gen­der (oder drin­gen­der [?]) als die Besei­ti­gung der Herr­schaft der Män­ner.
Und, daß diese bei­den Bot­schaft mit­ge­meint sind, zeigt sich spä­tes­tens, wenn es auf der nächs­ten Seite heißt: „Die Lohn­ar­bei­te­rIn­nen­klasse ist nach wie vor das ‚eine’ revo­lu­tio­näre Sub­jekt auch wenn sich ihr ‚Gesicht’ seit 1970 und erst recht seit 1917 dra­ma­tisch ver­än­dert hat.“
Das mit dem Wan­del des Gesichts der Klasse der Lohn­ab­hän­gi­gen ist aller­dings wahr. Und wahr ist auch, daß, falls über­haupt irgend­je­mandE das kapi­ta­lis­ti­sche Klas­sen­ver­hält­nis umstür­zen wird, es genau diese Klasse sein wird.
Damit ist aber noch nicht gesagt, daß es z.Z. nur ein zu revo­lu­tio­nie­ren­des gesell­schaft­li­ches Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nis, näm­lich das kapi­ta­lis­ti­sche Klas­sen­ver­hält­nis, und folg­lich nur eine Revo­lu­tion und ein poten­ti­ell, so ist hin­zu­zu­fü­gen, revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt gibt.
So wahr, wie es ist, zu sagen, daß die Nut­zung von Atom­en­er­gie keine gesell­schaft­li­che Struk­tur (son­dern ein kon­junk­tu­rel­les Sym­ptom der gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren) und die Anti-​​AKW-​​Bewegung (als Anti-​​AKW-​​Bewegung) folg­lich auch kein revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt ist, so unzu­tref­fend wäre es, das Glei­che über das patri­ar­chale Geschlech­ter­ver­hält­nis und den Femi­nis­mus zu sagen.

b) Die Papier­ver­fas­ser geste­hen sogar zu: „Frau­en­un­ter­drü­ckung und Ras­sis­mus sind sehr viel älter als der Kapi­ta­lis­mus und wer­den auch nach sei­nem hof­fent­lich bal­di­gen Ende nicht auto­ma­tisch ver­schwin­den.“
Und trotz­dem legen sie Wert auf die For­mu­lie­rung: „Natür­lich gibt es im Kapi­ta­lis­mus ‚Triple Opp­res­sion’.“ Wenn wir die mit dem Begriff der „Unter­drü­ckung“ ver­bun­de­nen theo­re­ti­schen Pro­bleme hier für einen Moment bei­sei­telas­sen und „opp­res­sion“ ein­fach mal als Ober­be­griff für „Herr­schaft und Aus­beu­tung“ auf­fas­sen, so ist jeden­falls der Unter­schied zwi­schen der von den Papier­ver­fas­sern gemach­ten Aus­sage, „Natür­lich gibt es im Kapi­ta­lis­mus ‚Triple Opp­res­sion’.“, und der nicht gemach­ten Aus­sage „Der Kapi­ta­lis­mus ist ein Ele­ment der ‚Triple Opp­res­sion’“ auf­fäl­lig.
Der Hin­weis auf die­sen Unter­schied macht deut­lich, daß an der tat­säch­lich gemach­ten Aus­sage ‚etwas nicht stimmt’: Denn, wenn wir mal anneh­men, daß mit den drei Unter­drü­ckun­gen Kapi­ta­lis­mus, Patri­ar­chat und Ras­sis­mus gemeint sind, so läuft die von den Papier­ver­fas­sern tat­säch­lich gemachte Aus­sage auf die etwas merk­wür­dige, teil-​​tautologische For­mu­lie­rung hin­aus: „Im Kapi­ta­lis­mus gibt es Kapi­ta­lis­mus, Patri­ar­chat und Ras­sis­mus.“

c) Die Papier­ver­fas­ser sagen wei­ter: „Eine schwarze Arbei­te­rin ist ohne Zwei­fel ‚drei­fach unter­drückt’ – als Arbei­te­rin, als Frau und als Schwarze.“
Ja, zwei­fels­ohne; aber damit ist das ent­schei­dende – jedem Pri­mat des Klas­sen­kampfs, jeder These vom Hauptwider­spruch Kapi­ta­lis­mus ent­ge­gen­ste­hende – Punkt noch nicht erfaßt: Auch die schwarze Bourgeoise-​​Frau wird als Frau und Schwarze von (wei­ßen sowie schwar­zen) Män­nern und Wei­ßen (Frauen wie Män­nern) jeden­falls beherrscht (ob auch „aus­ge­beu­tet“, lasse ich an die­ser Stelle der Ein­fach­heit hal­ber offen).
Und ent­spre­chend ist auch die weiße Bourgeoise-​​Frau von Män­nern und der schwarze Bourgeois-​​Mann von Wei­ßen beherrscht.
Und mehr noch: Auch im Fall der schwar­zen Arbei­te­rin haben wir es nicht ein­fach mit der Addi­tion von drei Unter­drü­ckun­gen zu tun, son­dern: die Über­la­ge­rung meh­re­rer Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse bewirkt nicht deren schlichte Addi­tion, son­dern deren gegen­sei­tig Modi­fi­ka­tion: Das Patri­ar­chat ‚funk­tio­niert’ in der Arbei­te­rIn­nen­klasse anders als in der Bour­geoi­sie, aber es ‚funk­tio­niert’ in bei­den Klas­sen.
Dies wird über­se­hen, wenn der Aus­druck „triple opp­res­sion“ – wie anschei­nend von den Papier­ver­fas­sern – nur als Fort­schrei­bung der mar­xis­ti­schen These von der „dop­pel­ten Unter­drü­ckung“ der Frau2 auf­ge­faßt wird.

d) Wei­ter wird in dem Papier aus­ge­führt: „Wenn wir sagen, auch eine noch so erfolg­rei­che Bear­bei­tung der Kate­go­rien ‚Geschlecht’ und ‚Rasse’ führt alleine nicht zum Sturz des Kapi­ta­lis­mus, dann heißt das nicht, den Kampf gegen Sexis­mus, Ras­sis­mus, Frau­en­un­ter­drü­ckung auf den Sankt-​​Nimmerleins-​​Tag (‚nach der Revo­lu­tion’) zu ver­schie­ben.“
Auch dies ist zwei­fels­ohne wahr. Nur würde (1.) die in der ers­ten Satz­hälfte kri­ti­sierte Auf­fas­sung ja auch auf die These von einem ein­zi­gen Haupt­wi­der­spruch Ras­sis­mus oder einen ein­zi­gen Haupt­wi­der­spruch Patri­ar­chat hin­aus­lau­fen – was aber ohne­hin allen­falls von mar­gi­na­len Sek­to­ren der Lin­ken behaup­tet wird. Die zwar denk­bare, aber nicht ein­zig denk­bare Alter­na­tive dazu ist die These vom Haupt­wi­der­spruch Kapi­ta­lis­mus.
Vor­zu­zie­hen ist frei­lich diese These von der struk­tu­rel­len Gleich­ran­gig­keit von Klasse, Rasse, Geschlecht/​Sexualität.
Und zum (2.) ist ebenso wahr: „Wenn wir sagen, auch eine noch so erfolg­rei­che Bear­bei­tung der Kate­go­rien ‚Klasse’ führt alleine nicht zum Sturz des Patri­ar­chats und zur Besei­ti­gung von Ras­sis­mus, dann heißt das nicht, den Kampf gegen Kapi­ta­lis­mus auf den Sankt-​​Nimmerleins-​​Tag (‚nach der Revo­lu­tion’) zu ver­schie­ben.“

e) Die Ver­fas­ser plä­die­ren für eine Ver­ge­sell­schaf­tung von Haus­ar­beit statt für die For­de­rung nach „Lohn für Haus­ar­beit“.

aa) Was die Ableh­nung der letzt­ge­nann­ten For­de­rung anbe­langt, so ist den Ver­fas­sern zuzu­stim­men. Aller­dings wird jene For­de­rung ja auch nur von weni­gen Femi­nis­tin­nen erho­ben, wäh­rend viele Femi­nis­tin­nen viel­mehr davor war­nen, daß „Lohn für Haus­ar­beit“ gerade zu einer Ver­fes­ti­gung der geschlecht­li­chen Arbeits­tei­lung und nicht zu einer Über­win­dung des Patri­ar­chats füh­ren würde.
Zurecht kri­ti­sie­ren die Ver­fas­ser auch die von AVANTI ver­tre­tene Auf­fas­sung (?) oder – wie viel­leicht bes­ser zu sagen ist – gewählte For­mu­lie­rung: „Mit der Repro­duk­ti­ons­ar­beit wird die ‚Ware Arbeits­kraft’ (die der Lohn­ar­bei­ter ver­kauft) erst her­ge­stellt. Daher befin­det sie sich eigent­lich auch im Kreis­lauf der Mehr­wert­pro­duk­tion.“ Satz 1 des AVANTI-​​Zitates ist wahr. Satz 2 ist ‚wahr’, wenn das Wort „eigent­lich“ dick unter­stri­chen und damit aus­ge­drückt wird, daß dies eine meta­pho­ri­sche und nicht ana­ly­ti­sche Rede­weise ist.
Die Haus­ar­beit ist keine Ware (sei es denn sie würde in ein Lohn­ar­beits­ver­hält­nis zwi­schen den sie Leis­ten­den und den sie Bekommenden/​Konsumierenden [bzw. etwai­gen ‚Zwi­schen­händ­le­rIn­nen’] umge­wan­delt), und des­halb hat der Begriff „Mehr­wert­pro­duk­tion“ in dem Zusam­men­hang nichts zu suchen.
Im Gegen­satz zur Nei­gung von Anti-​​Marxistinnen vom Mar­xis­mus zu erwar­ten (und den Mar­xis­mus wegen Ver­feh­lung die­ser Erwar­tung zu ver­wer­fen) und von Mar­xis­tin­nen zu bean­spru­chen, daß der Mar­xis­mus alle Fra­gen (jeden­falls auf gesell­schafts­ana­ly­ti­schem Gebiet) beant­wor­ten könne, sollte die begrenzte Reich­weite des Mar­xis­mus aner­kannt wer­den. Mar­xis­tIn­nen mögen als Poli­ti­ke­rIn­nen etwas zur Haus­ar­beit zu sagen haben; der Mar­xis­mus als wis­sen­schaft­li­che Theo­rie eines spe­zi­fi­schen Gegen­stan­des, der Klas­sen­ver­hält­nisse, vor­ran­gig sogar des kapi­ta­lis­ti­schen Klas­sen­ver­hält­nis­ses, hat zum Thema „Haus­ar­beit“ kaum etwas Rele­van­tes zu sagen – und das ist aber auch kein Drama:
Das patri­ar­chale Geschlech­ter­ver­hält­nisse ist eben nicht das­selbe wie das kapi­ta­lis­ti­sche Klas­sen­ver­hält­nisse und des­halb benö­ti­gen wir zur Ana­lyse bei­der unter­schied­li­che (und jeweils prä­zise defi­nierte) Begriffe (und nicht eine meta­pho­ri­schen Begriffs­trans­fer hin und her).

bb) Was die For­de­rung nach Ver­ge­sell­schaf­tung der Haus­ar­beit anbe­langt – für die vie­les spricht, soweit sie über­haupt sinn­voll mög­lich ist –, so ist für Femi­nis­tin­nen als Femi­nis­tin­nen aller­dings das wich­ti­gere Anlie­gen, daß die (ehe­ma­lige) Haus­ar­beit, egal ob sie (wei­ter­hin) in den ein­zel­nen Haus­hal­ten oder haus­halts­über­grei­fend (ver­ge­sell­schaf­tet) erle­digt wird, auf Män­ner und Frauen gleich­mä­ßig ver­teilt wird und diese Arbeit nicht – wie es Lenin aus­drück­lich noch pro­pa­giert hatte (S. 336, FN 50) – keine Frau­en­do­mäne bleibt.
So mag also auch das fol­gende poli­tisch rich­tig (Satz 1) und ana­ly­tisch wahr (Satz 2) sein: „Haus­ar­beit gehört abge­schafft und ver­ge­sell­schaf­tet, sprich aus­ge­la­gert und pro­fes­sio­na­li­siert. Das wird im Kapi­ta­lis­mus nicht funk­tio­nie­ren, ….“ Voll­stän­dig mag das im Kapi­ta­lis­mus viel­leicht nicht funk­tio­nie­ren, aber diese Ten­denz kön­nen wir ja gerade live beob­ach­ten: Pfle­ge­ver­si­che­rung; Putz­frauen und andere „haus­halts­na­hen Dienst­leis­tun­gen“.
Aber: Selbst wenn der (erste Halb­satz des) zweite(n) Satz(es) wahr ist, folgt dar­aus nicht die Schluß­fol­ge­rung, die die Papier­ver­fas­ser dar­aus zie­hen: „…, wes­halb es für uns dabei bleibt: Ohne Sozia­lis­mus keine Befrei­ung der Frau, ohne Befrei­ung der Frau kein Sozia­lis­mus.“
Abge­se­hen von dem frag­wür­di­gen Kol­lek­tiv­sin­gu­lar („die Frau“ ist genauso eine Fik­tion wie „der Arbei­ter“): Es ist kei­nes­falls aus­ge­macht – und auch von den Ver­fas­sern nicht ein­mal behaup­tet wor­den –, daß die Über­win­dung des Patri­ar­chats aus­schließ­lich durch Ver­ge­sell­schaf­tung der Haus­ar­beit und nicht auch durch Gleich­ver­tei­lung pri­va­ter Haus­ar­beit (+ jeweils wei­tere Maß­nah­men) mög­lich ist.
Zutref­fend ist aller­dings, daß Frauen, soweit sie Lohn­ar­bei­te­rin­nen sind, als Lohn­ar­bei­te­rin­nen aus­ge­beu­tet blei­ben, solange der Kapi­ta­lis­mus besteht, und in die­sem Sinne gilt selbst­ver­ständ­lich: Ohne Sozia­lis­mus keine Befrei­ung von Frauen (und Män­nern) vom Kapi­ta­lis­mus.

f) In Ent­spre­chung dazu, daß die Ver­fas­ser aus­ge­rech­net den Sozia­lis­mus zur Bedin­gung der „Befrei­ung der Frau“ erklä­ren („Ohne Sozia­lis­mus keine Befrei­ung der Frau“), sagen sie umge­kehrt über den „klas­sen­un­spe­zi­fi­schen Femi­nis­mus“: „Und drit­tens zeigt sich hier [an den – viel­fach migran­ti­schen – (unter)bezahlten /​ über­aus­ge­beu­te­ten Haus­ar­bei­te­rin­nen] deut­lich, dass ‚Frau­en­för­de­rung’ unter kapi­ta­lis­ti­schen Vor­zei­chen bzw. ein Main­stream gewor­de­ner klas­sen­un­spe­zi­fi­scher Femi­nis­mus nur neue, grö­ßere soziale Ungleich­hei­ten /​ Dis­kri­mi­nie­run­gen her­vor­ruft.“
Dem ist ent­ge­gen­zu­hal­ten: Die­ser Femi­nis­mus ist gerade nicht klas­sen­in­dif­fe­rent – was ent­ge­gen der Ansicht der Papier­au­to­ren rich­tig wäre –, son­dern er hat eine Klassen-​​bias.
Klas­sen­in­dif­fe­ren­ter Femi­nis­mus hieße gegen die Män­ner und für deren Über­nahme von 50 % der Haus-​​ und Erzie­hungs­ar­beit zu kämp­fen. Und das wäre rich­tig. – Pseu­dofe­mi­nis­ti­sche Schichten-​​ oder Klassen-​​3 und Ras­sen­in­ter­es­sen wer­den dage­gen ver­folgt, wenn die Umver­tei­lung von Haus­ar­beit von wei­ßen, aka­de­misch aus­ge­bil­de­ten Frauen auf schwarze Frauen (die trotz ihrer hie­si­gen Haus­halt­s­tä­tig­keit oft aka­de­misch aus­ge­bil­det sind) und nicht-​​akademisch aus­ge­bil­dete weiße Frauen betrie­ben wird.
Um ein biß­chen zu pro­vo­zie­ren: Mehr Sozia­lis­mus ist natür­lich nie schlecht; aber: was wir in dem Fall brau­chen, ist nicht in ers­ter Linie mehr Sozia­lis­mus, son­dern mehr Femi­nis­mus, mehr Män­ner­feind­lich­keit und weni­ger ‚Umver­tei­lung inner­halb eines Geschlechts’ (hier: dem der Frauen).
Im übri­gen ist noch anzu­mer­ken: Der/​die typi­sche Käu­fe­rIn der ver­schie­de­nen „haus­halts­na­hen Dienst­leis­tun­gen“ dürfte – wegen der fort­be­ste­hen­den Frau­en­lohn­dis­kri­mi­nie­rung – wei­ter­hin nicht die Kli­schee­fi­gur der „femi­nis­ti­schen Karriere-​​Single-​​Frau“, die arme Pro­le­ta­rie­rin­nen aus­beu­tet, sein, son­dern hete­ro­se­xu­elle und schwule Single-​​Männer, schwule Haus­halte mit meh­re­ren Lohn­ein­kom­men sowie hete­ro­se­xu­elle Paare mit zwei Ein­kom­men.

g) Im Hin­ter­grund der Hal­tung der Ver­fas­ser zum Femi­nis­mus dürfte die Postmoderne-​​Kritik von Ellen Meiksins Wood ste­hen, auf die sich die Papier-​​Autoren an ande­rer Stelle des Tex­tes aus­drück­lich beru­fen: „Wenn Post­mo­der­nis­ten auf Frag­men­tie­rung und ‚Dif­fe­renz’ behar­ren, mei­nen sie, neben ande­rem, auch, dass es so etwas wie ein ‚tota­li­sie­ren­des’ Sys­tem des Kapi­ta­lis­mus nicht gibt, ein Sys­tem, das seine eigene, ver­ein­heit­li­chende Logik, seine eige­nen Bewe­gungs­ge­setze der Gesamt­heit der Gesell­schaft auf­zwingt. Was sind also die Impli­ka­tio­nen einer sol­chen Sicht­weise? Mei­nes Erach­tens, dass es kein überg­rei­fen­des Herr­schafts­sys­tem wie das der Macht des Kapi­tals oder das der Sys­tem­zwänge des kapi­ta­lis­ti­schen Mark­tes gibt, und dass es nur eine Menge unter­schied­li­cher und unver­bun­de­ner Macht­be­zie­hun­gen gibt.’ (…..) ‚Die Men­schen mögen heute über Iden­ti­tä­ten reden anstatt von Inter­es­sen­grup­pen, doch der post­mo­derne Plu­ra­lis­mus ver­schlei­ert ebenso wie seine alten Spiel­ar­ten die Rea­li­tä­ten der Macht in kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten. Er ent­waff­net und zer­setzt auch den Wider­stand gegen den Kapi­ta­lis­mus.’“

Ich möchte dem fol­gende Gegen­po­si­tion ent­ge­gen­stel­len:

aa) Iden­ti­tät und Inter­es­sen sind keine Gegen­sätze, son­dern gehö­ren zusam­men. Vor allem sind Inter­es­sen nicht ‚natür­lich’ oder schlicht gege­bene ökono­mi­sche ‚Fak­ten’, und Iden­ti­tä­ten dage­gen nur Schall und Rauch oder Illu­sio­nen. Viel­mehr sind Inter­es­sen [von lat. inter esse = dazwi­schen sein] schon sprach­lich etwas (und sie sind auch in der poli­ti­schen Pra­xis nur in die­sem Sinne rele­vant), das sub­jek­ti­ves Über­zeugt­sein und Enga­ge­ment impli­ziert. Die Her­aus­bil­dung von Iden­ti­tä­ten und Inter­es­sen geschieht in ein und dem­sel­ben poli­ti­schen Pro­zeß. Das ist die große Lehre von Lenins Ökonomismus-​​Kritik in Was tun?4

bb) Die Dar­stel­lung der Post­mo­derne durch die Ver­fas­ser ist ihrer­seits zu tota­li­sie­rend. Nicht alle ‚Post­mo­der­nen’ (oder der Post­mo­derne Zuge­ord­ne­ten) sind plu­ra­lis­tisch und ken­nen nur noch eine dif­fuse „Menge unter­schied­li­cher und unver­bun­de­ner Macht­be­zie­hun­gen“.5

cc) Die post­mo­derne Kri­tik der Kate­go­rie der „Tota­li­tät“ zu ver­wer­fen, ohne Alt­hus­sers These, daß die Kate­go­rie der „Tota­li­tät“ Hegel ‚gehöre’, Marx aber die des kom­plex, geglie­der­ten Gan­zen6, macht es sich auf alle Fälle ein­fa­cher als es der Debat­ten­stand erlaubt.
Die These, daß der Kapi­ta­lis­mus ‚total’ sei, ein Sys­tem, das seine eigene, ver­ein­heit­li­chende Logik, seine eige­nen Bewe­gungs­ge­setze der Gesamt­heit der Gesell­schaft auf­zwingt, ist genau viel oder genauso wenig wahr und sinn­voll, wie die These, daß Patri­ar­chat und Ras­sis­mus ‚total’ seien, daß sie jeweils einer bestimm­ten ‚Logik’ folg­ten, die in der gesam­ten Gesell­schaft zum Tra­gen komme.
In dem Sinne bzw. in dem Maße, in dem diese Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nisse tat­säch­lich ‚total’ (im schwa­che Sinne) sind, also sie nicht rein und von ein­an­der getrennt exis­tie­ren, son­dern sich gegen­sei­tig beein­flus­sen und modi­fi­zie­ren, sind sie gerade nicht ‚total’ (im star­ken Sinne, daß es nur eine die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung bestim­mende ‚Logik’ gebe).
Um es so zu sagen: Die Kate­go­rie der „Tota­li­tät“ begüns­tigt nicht die von Lenin gefor­der­ten kon­kre­ten Ana­ly­sen kon­kre­ter Situa­tio­nen, son­dern von Engels als hohl kri­ti­sierte „ewige Wahr­hei­ten“.

dd) Rich­tig ist statt der main­stream-post­mo­der­nen Prä­fe­renz für „Dif­fe­renz statt Ein­heit“ und statt der main­stream-mar­xis­ti­schen Prä­fe­renz für „Ein­heit ohne Dif­fe­ren­zen“ das, was die links­le­ni­nis­ti­sche Post­mo­derne vor­schlägt: „Ein­heit, die Dif­fe­ren­zen zuläßt (und vor­aus­setzt)“. Ein Bünd­nis hat nur Sinn und kommt nur zustande, wenn den Betei­lig­ten der Raum gelas­sen wird, ihre jewei­li­gen eige­nen Motive und Inter­es­sen ein­zu­brin­gen und nicht die Ein­heit jedem ‚Par­ti­ku­la­ris­mus’ der Betei­lig­ten über­ge­ord­net wird.7

Schluß­be­mer­kung

In die­sem Sinne möchte ich also sagen: Anti­ka­pi­ta­lis­tisch ist nicht revo­lu­tio­när genug.
Eine neue anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Orga­ni­sa­tion mag einige bereits beste­hende Grüpp­chen und Klein-​​Organisationen zusam­men­füh­ren, aber sie wird keine gesell­schaft­li­che Dyna­mik aus­lö­sen.
Chance auf eine sol­che gesell­schaft­li­che Dyna­mik besteht allen­falls mit einer revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­tion, die sich nicht auf Anti­ka­pi­ta­lis­mus kon­zen­triert, son­dern auch in Sachen Femi­nis­mus und Anti­ras­sis­mus (sowie Ökolo­gie, die aber kein eige­ner gesell­schaft­li­cher Wider­spruch ist) auf der Höhe der Zeit /​ dem Stand der Dis­kus­sion ist.8

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Als Par­al­lel­lek­türe dürfte sich anbie­ten (ich habe in eini­ges auch erst hin­ein­ge­blät­tert):

I.

http://​sol​-hh​.de/​i​m​a​g​e​s​/​B​r​o​s​c​h​u​e​r​e​n​/​s​o​l​-​g​r​u​n​d​s​a​t​z​p​a​p​i​e​r​-​a​p​r​i​l​2​0​1​1.pdf
http://​www​.per​spek​tive​.nostate​.net/​u​e​b​e​r_uns
http://​prp​.bpla​ced​.de/​w​o​r​d​p​r​e​s​s​/​?​p​a​g​e​_id=2

II.
http://​8ma​erz​.blog​sport​.de/​i​m​a​g​e​s​/​8​m​a​e​r​z.pdf
http://​www​.pra​ger​-fru​ehling​-maga​zin​.de/​a​r​t​i​c​l​e​/​6​7​1​.​g​e​s​c​h​l​e​c​h​t​-​s​e​x​u​a​l​i​t​a​e​t​-​n​u​r​-​e​i​n​-​n​e​b​e​n​w​i​d​e​r​s​p​r​u​c​h​.html
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​5​/​0​3​/​g​e​g​e​n​-​d​e​n​-​s​trom/

III.
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​2​9​/​i​c​h​-​s​a​g​-​w​i​e​s​-​i​s​t​-​p​a​p​i​e​r​-​u​n​d​-​i​n​t​e​r​v​e​n​t​i​o​n​i​s​t​i​s​c​h​e​-​l​inke/
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​2​5​/​r​a​d​i​k​a​l​-​i​n​t​e​r​v​i​e​w​-​m​i​t​-​d​e​r​-​m​i​l​i​t​a​n​t​e​n​-​g​r​u​p​p​e​-​z​u​-​o​r​g​a​n​i​s​i​e​r​u​n​g​-​d​e​s​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​a​e​r​e​n​-​w​i​d​e​r​s​t​a​n​d​e​s​-​t​e​i​l​-​i​v​-​d​e​r​-​r​e​z​e​n​s​i​o​n​-​z​u​-​r​a​d​i​k​a​l​-​n​r​-161/.

  1. Im übri­gen wird die wahl­po­li­ti­sche Bedeu­tung der Links­par­tei expli­zit aner­kannt: „Zum ers­ten Mal nach dem zwei­ten Welt­krieg gibt es eine wahl­po­li­tisch rele­vante Par­tei links von der Sozi­al­de­mo­kra­tie in der Bun­des­re­pu­blik, von der Epi­sode der Grü­nen in den 80ern abge­se­hen.“ [zurück]
  2. Die Redak­tion der Zeit­schrift Per­spek­ti­ven wies 1988 (S. 8) auf fol­gen­des hin: „Hat August Bebel die dop­pelte Unter­drü­ckung mit ver­gleichs­weise gesun­dem Men­schen­ver­stand als Unter­drü­ckung durch das Kapi­tal einer­seits und Män­ner ande­rer­seits beschrie­ben […], so wurde diese Defi­ni­tion spä­ter prak­ti­scher­weise abge­wan­delt. Danach wür­den Frauen dop­pelt vom Kapi­tal aus­ge­beu­tet und unter­drückt: als Ver­käu­fe­rin­nen ihrer Arbeits­kraft und als Geschlechts­we­sen.“ [zurück]
  3. Hier ist eher von Schichten-​​ als von Klas­sen­in­ter­es­sen zu spre­chen: Für Bourgeoise-​​Frauen ist es keine neue, erst in der neo­li­be­ra­len Epo­che auf­kom­mende Erfah­rung, über Haus­per­so­nal zu ver­fü­gen. Womit wir es viel­mehr zu tun haben, ist der ver­stärkte Ein­kauf von per­sön­li­chen Dienst­leis­tun­gen durch die Hochlohn-​​Segmente der Klasse der Lohn­ab­hän­gi­gen. [zurück]
  4. Vgl. zu die­sem Pro­blem­kreis: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​1​5​/​w​a​r​u​m​-​i​d​e​o​l​o​g​i​e​-​k​e​i​n​-​n​o​t​w​e​n​d​i​g​-​f​a​l​s​c​h​e​s​-​b​e​w​u​s​s​t​s​e​i​n​-​i​s​t​-​u​n​d​-​a​u​s​-​e​i​n​e​r​-​e​r​k​e​n​n​t​n​i​s​-​n​i​c​h​t​-​a​u​t​o​m​a​t​i​s​c​h​-​e​i​n​e​-​b​e​s​t​i​m​m​t​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​h​a​l​t​u​n​g​-​f​olgt/ sowie Frie­der Otto Wolf, Per­for­mierte Iden­ti­tä­ten in der Dis­kus­sion zwi­schen Old Labour und Neuen Sozia­len Bewe­gun­gen in dem dort vor­ge­stell­ten Buch. [zurück]
  5. Siehe dage­gen: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​1​9​9​6​/​1​0​/​1​0​/​p​l​u​r​a​l​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​a​n​t​a​g​o​n​i​smus/. [zurück]
  6. Louis Alt­hus­ser, Ist es ein­fach, in der Phi­lo­so­phie Mar­xist zu sein?, in: ders., Ideo­lo­gie und ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­rate (Reihe Posi­tio­nen 3 hrsg. von Pe­ter Schött­ler), VSA: Hamburg/​Westberlin, 1977, 51 – 88 [65]; vgl. Marx (Ein­lei­tung von 1857, S. 617 und 631): Das „All­ge­meine […] ist selbst ein viel­fach Geglie­der­tes, in ver­schiedne Bestim­mun­gen Aus­ein­an­der­fah­ren­des.“ (Hv. i.O.). „Es fin­det Wech­sel­wir­kung zwi­schen den ver­schied­nen Momen­ten statt.“
    [zurück]
  7. Vgl. dazu http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​7​/​b​o​m​b​a​r​d​i​e​r​t​-​d​a​s​-​h​a​u​p​t​q​u​a​r​t​i​e​r​-​d​e​r​-​p​h​i​l​o​s​o​p​h​e​n​-​k​o​e​n​i​g​e​-​oder/: „Der Kom­mu­nis­mus ist […] kein irdi­sches Para­dies der uni­ver­sel­len Gemein­sam­keit, son­dern der kon­krete und nega­tive Kampf gegen jede Form von Herr­schaft und Aus­beu­tung, keine neue ideale Ord­nung; kein Ende der Geschichte. Ich möchte [… in die­sem] Sinne einen Satz von Alt­hus­ser über den Huma­nis­mus mei­ner­seits gegen den Uni­ver­sa­lis­mus wen­den: Alt­hus­ser sagte, das Wort ‚Huma­nis­mus’ tötet den Klas­sen­kampf. Der Uni­ver­sa­lis­mus […] tötet eben­falls den Klas­sen­kampf, tötet femi­nis­ti­sche Kämpfe, tötet anti­ras­sis­ti­sche Kämpfe. Gesell­schaft­li­che Kämpfe sind Kämpfe zwi­schen par­ti­ku­la­ren Inter­es­sen; revo­lu­tio­näre Kämpfe sind Kämpfe, die sich nicht mit einem Kom­pro­miß zwi­schen Herr­schen­den und Beherrsch­ten, zwi­schen Aus­beu­ten­den und Aus­ge­beu­te­ten beschei­den. Und über den kämp­fen­den par­ti­ku­la­ren ant­ago­nis­ti­schen Inter­es­sen steht kein Uni­ver­sel­les, das die Ant­ago­nis­men schließ­lich einer phi­lo­so­phi­schen Syn­these zuführt.“ [zurück]
  8. Das hieße dann auch, den Femi­nis­mus nicht auf dem Stand von 1975 (der Haus­ar­beits­de­batte einer­seits und Shul­a­mith Fires­tone ande­rer­seits) und dem anschei­nend zufäl­lig auf­ge­schnapp­ten (und ein­sei­tig im Sinne von neo­li­be­ra­lem gender-​​mainstreaming ver­stan­den) Begriff gen­der, um den sich die femi­nis­ti­schen Kon­tro­ver­sen seit Mitte der 60er Jahre ran­ken*, abzu­kan­zeln: „Die aktu­el­len Erschei­nungs­for­men des Femi­nis­mus schei­nen uns aller­dings für eine Befrei­ungs­per­spek­tive nicht nur vom Kapi­tal, son­dern auch vom Patri­ar­chat eher hin­der­lich als för­der­lich. Einer­seits ein klas­sen­un­spe­zi­fi­scher Ultra-​​Feminismus (Frauen und Män­ner als ‚Klas­sen’, zurück­ge­hend auf Shul­a­mith Fires­to­nes „Dialec­tics of Sex“ 1975). Ande­rer­seits ein ange­pass­ter ‚Staats­fe­mi­nis­mus’ der Gender-​​ /​ Gleich­stel­lungs­po­li­tik.“
    Was zumin­dest zur Kennt­nis genom­men wer­den müßte, ist, daß jeden­falls anfangs der Anspruch der Theo­re­ti­ke­rin­nen des neue­ren, quee­ren Femi­nis­mus war, aus der dou­ble blind-Alter­na­tive von bio­lo­gis­ti­schem Dif­fe­renz­fe­mi­nis­mus und refor­mis­ti­schem Gleich­heits­fe­mi­nis­mus hin­aus zu kom­men (vgl. 1 und dazu ein­lei­tend: 2 [zum dor­ti­gen Text 2.]) – wel­che Feh­ler (die dann aller­dings kon­kret auf­ge­zeigt wer­den müß­ten, was wie­derum Kennt­nis des Debat­ten­stan­des vor­aus­set­zen würde) auch immer schon in der ursprüng­li­chen Theo­re­ti­sie­rung die­ses Ansat­zes vor­han­den gewe­sen sein mögen und welch feh­ler­hafte, instrumentalistisch-​​interessierte Aus­le­gung die­ser theo­re­ti­sche Ansatz in den poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Pra­xen der ver­gan­ge­nen rund 20 Jah­ren erfah­ren haben mag (eini­ges davon erschlie­ßen die dort am Ende genann­ten Texte und die Fuß­no­ten zum ers­ten Abschnitt des dort genann­ten Tex­tes; vgl. außer­dem noch dort).

    * Vgl. rück­bli­ckend:
    Donna Hara­way, Geschlecht, Gen­der, Genre. Sexu­al­po­li­tik eines Wor­tes, in: Kor­ne­lia Hau­ser (Hg.), Viele Orte. Über­all? Femi­nis­mus in Bewe­gung (FS Frigga Haug), Argu­ment: [West]berlin /​ Ham­burg, 1987, 22 – 41.
    dies., Stich­wort „Geschlecht“. Abschnitt I., in: Wolf­gang Fritz Haug (Hg.), Historisch-​​kritisches Wör­ter­buch des Mar­xis­mus. Bd. 5, Argu­ment: Ham­burg, 2001, Sp. 470 – 480.
    Linda Nichol­son: Was heißt „gen­der“?, in: Insti­tut für Sozi­al­for­schung Frank­furt (Hg.), Geschlech­ter­ver­hält­nisse und Poli­tik, Suhr­kamp: Frank­furt am Main 1994, 198 – 220.
    Joan W. Scott: Gen­der: A Use­ful Cate­gory of His­to­ri­cal Ana­ly­sis, in: Ame­ri­can His­to­ri­cal Review, Vol. 91, Nr. 5, Dec. 1985, S. 1053 – 1075; dt. Über­set­zung in: Nancy Kai­ser (Hg.): Selbst Bewußt. Frauen in den USA, Reclam: Leip­zig 1994, 27 – 75. [zurück]

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32 Antworten auf „Antikapitalistisch ist nicht revolutionär genug!“


  1. 1 Zara 16. Mai 2011 um 15:16 Uhr

    Damit ist aber noch nicht gesagt, daß es z.Z. nur ein zu revolutionierendes gesellschaftliches Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis, nämlich das kapitalistische Klassenverhältnis, und folglich nur eine Revolution und ein potentiell, so ist hinzuzufügen, revolutionäres Subjekt gibt.

    Mal abgesehen von deinem sprachlich ungenauen Begriff des Ausbeutungsverhältnisses: es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen dem Klassenverhältnis und anderen Unterdrückungsverhältnissen.
    Das Klassenverhältnis ist ein dichotomes Verhältnis: Es gibt eine Klasse von Menschen, die arbeiten müssen, um zu überleben bzw. auf niedrigstem Niveau zu existieren und es gibt eine Klasse, die nicht arbeiten muss, sondern von der Arbeit der anderen Klasse lebt. Diese Trennung ist im Grunde total.
    Die Unterdrückungsverhältnisse, die die Postmoderne jetzt, durchaus begründet, so stark macht, sind in keinster Weise dichtom und sie sind grundlegend anders wie das Klassenverhältnis. Betrachtet man nur ein Verhältnis, beispielsweise das Patriarchat, dann ist hier weder jeder Mann sehr unterdrückend, noch jede Frau unterdrückt, genauso wenig gilt, dass ein Mann nicht unterdrückt ist oder eine Frau nicht andere unterdrückt. Betrachtet man jetzt nicht ein Verhältnis, sondern alle möglichen oder euer Tripple Oppression, dann stellt man fest, dass Subjekte in unzähligen Dimensionen jeweils unterschiedlich zu einander positioniert sind. Es lässt sich also überhaupt keine Aussage mehr treffen, dass eine Frau per se unterdrückter als ein Mann ist.
    Für all diese Unterdrückungsverhältnisse gilt, dass sie im Durchschnitt gelten. Im Durchschnitt ist der schwarze Mann schlechter gestellt wie der Weiße, im Durchschnitt ist die Frau schlechter gestellt wie der Mann. Der Klassenwiderspruch ist dem gegenüber aber eben keiner, der im Durchschnitt gilt, sondern einer, der absolut gilt, weil es eben eine ganz andere, keine soziologische Definition ist.
    Deine obigen Ausführungen zu mehreren Revolutionen oder revolutionären Subjekten gehen deshalb weit an den Begriffen vorbei. Wenn du dir „mehr Feminismus“ wünschst und damit „mehr Männerfeindlichkeit“ meinst, dann solltest du deine Begriffe und generell deine vulgärmarxistische und voluntaristische Übernahme von Begriffen und Kategorien auf andere Bereiche überdenken.

    Die zwar denkbare, aber nicht einzig denkbare Alternative dazu ist die These vom Hauptwiderspruch Kapitalismus.
    Vorzuziehen ist freilich diese These von der strukturellen Gleichrangigkeit von Klasse, Rasse, Geschlecht/Sexualität.

    Die These der strukturellen Gleichrangigkeit wurde von Kulturwissenschaftlern und Soziologen entwickelt, die von Marx so gar nichts verstanden haben und denen es um realpolitische Fragen von Diskriminierung geht. Wenn man einen Einführungskurs Marx hinter sich hat, dann kann man so etwas nicht vertreten. Wie oben ausgeführt, bezeichnet der Klassenwiderspruch etwas grundlegend anderes wie die von der linksliberalen Diskriminierungskritik hervorgebrachten soziologische Kategorien.
    Deshalb sei folgendes festgestellt: Der Klassenwiderspruch ist der Hauptwiderspruch des Kapitalismus, weil er der einzige Widerspruch ist, der konstitutiv für diesen ist. Das heißt nicht, dass andere Widersprüche nicht genauso schlimme oder schlimmere Auswirkungen haben. Das ist in erster Linie aber eine moralische Frage und keine marxistische. Es geht bei der Frage des Hauptwiderspruchs aus marxistischer Sicht eben nicht um eine moralische Bewertung, sondern um die Frage, was den Kapitalismus konstituiert und wo deshalb der Ansatzpunkt für seine Überwindung ist. Leider haben die postmodernen Linken und Linksliberalen noch nicht mal diese grundlegendste Frage des Marxismus verstanden, sondern denken „die Marxisten sehen das Klassenverhältnis als Hauptwiderspruch, also meinen sie, dass alle anderen Verhältnisse weniger schlimm sind“, was nur zum Ausdruck bringt, dass sie von Marx noch nicht mal den Klappentext gelesen haben, was bekanntlich selbst Gerhard Schröder für sich reklamiert.

    MarxistInnen mögen als PolitikerInnen etwas zur Hausarbeit zu sagen haben; der Marxismus als wissenschaftliche Theorie eines spezifischen Gegenstandes, der Klassenverhältnisse, vorrangig sogar des kapitalistischen Klassenverhältnisses, hat zum Thema „Hausarbeit“ kaum etwas Relevantes zu sagen – und das ist aber auch kein Drama:
    Das patriarchale Geschlechterverhältnisse ist eben nicht dasselbe wie das kapitalistische Klassenverhältnisse und deshalb benötigen wir zur Analyse beider unterschiedliche (und jeweils präzise definierte) Begriffe (und nicht eine metaphorischen Begriffstransfer hin und her).

    Zum einen gibt es keine marxistischen Politiker, solche nennt man Sozialdemokraten, und zum anderen kann man aus marxistischer Sicht Hausarbeit wunderbar erklären, was auch in der Hausarbeitsdebatte getan wurde, nur halt nicht so, wie es Feministen gerne hätten: Marxisten können halt nicht so einfach interessengeleitet eine leichte körperliche Tätigkeit (ja, es gibt einen Unterschied zwischen dem acht Stunden langen Schleppen von 30 Kilo-Säcken und dem Putzen eines Bades), mit freier Zeiteinteilung, als unglaublich unterdrückerisch bezeichnen, wenn andere Menschen 12 Stunden am Tag im Kohlebergwerk arbeiten. Dieses interessengeleitete Denken ist dem Materialisten fremd und deshalb kann er nicht überall mitgehen, wo die Feministen gerade wieder die schlimmste patriarchale Erscheinung ausgemacht haben.

  2. 2 TaP 16. Mai 2011 um 16:01 Uhr

    Beginnen wir mit dem grundlegendesten Punkt:

    „Der Klassenwiderspruch ist der Hauptwiderspruch des Kapitalismus, weil er der einzige Widerspruch ist, der konstitutiv für diesen ist.“

    Ja, aber nicht dies ist der Streitpunkt. Der wahre Streitpunkt ist, ob das Lohnarbeits-Kapital-Verhältnis die einzige Struktur der heute existierenden Gesellschaftsformationen ist oder aber, ob das (hetero)sexistisch-patriarchale Geschlechterverhältnis und das rassistische Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen ebenfalls auf materielle Arbeitsteilungsstrukturen gegründete Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse sind.

    „Betrachtet man nur ein Verhältnis, beispielsweise das Patriarchat, dann ist hier weder jeder Mann sehr unterdrückend, noch jede Frau unterdrückt, genauso wenig gilt, dass ein Mann nicht unterdrückt ist oder eine Frau nicht andere unterdrückt.“

    Vielleicht ist nicht jeder Mann „sehr unterdrückend“ – wie es auch heute noch ein paar sozialpartnerschaftlich eingestellte Unternehmer gibt. Aber das Patriarchat als gesellschaftliches Verhältnis macht gerade aus, daß Männer von ihm – ganz unabhängig von ihrem individuellen ‚guten‘ oder ‚bösen Willen‘ – profitieren;
    genauso wie es Marx über die Kapitalisten sagte: JedeR bleibt Geschöpf gesellschaftlicher Verhältnisse, sosehr er/sie „sich auch subjektiv über sie erheben mag.“

    „Zum einen gibt es keine marxistischen Politiker, solche nennt man Sozialdemokraten, und zum anderen kann man aus marxistischer Sicht Hausarbeit wunderbar erklären, was auch in der Hausarbeitsdebatte getan wurde, nur halt nicht so, wie es Feministen gerne hätten: Marxisten können halt nicht so einfach interessengeleitet eine leichte körperliche Tätigkeit (ja, es gibt einen Unterschied zwischen dem acht Stunden langen Schleppen von 30 Kilo-Säcken und dem Putzen eines Bades), […]“

    1. Auch, wenn es viele pseudo-marxistische TechnokratInnen gab – was waren Lenin, Luxemburg, Trotzki, Gramsci (bis er durch Inhaftierung aus der aktiven Politik ausscheiden mußte), Mao, wenn nicht große PolitikerInnen?!

    2. Gerade wissenschaftlich erklärt haben MarxistInnen die Hausarbeit nicht, aber – qua politischer Intuition – hat Lenin die Hausarbeit ziemlich (von einer Erötertung der Problematik des Produktivitäts-Begriffs sei hier der Einfachheit halber abgesehen) gut beschrieben: „Die Frau bleibt nach wie vor Haussklavin, trotz aller Befreiungsgesetze, denn sie wird erdrückt, erstickt, abgestumpft, erniedrigt von der Kleinarbeit der Hauswirtschaft, die sie an die Küche und an das Kinderzimmer fesselt und sie ihre Schaffenskraft durch eine geradezu barbarisch unproduktive, kleinliche, entnervende, abstumpfende, niederdrückende Arbeit vergeuden lässt.“

  3. 3 TaP 16. Mai 2011 um 17:34 Uhr

    Patriarchat und Rassismus – individuelle Diskriminierungen oder gesellschaftliche Strukturen?

    „Wie oben ausgeführt, bezeichnet der Klassenwiderspruch etwas grundlegend anderes wie die von der linksliberalen Diskriminierungskritik hervorgebrachten soziologische Kategorien.“

    Ja, aber was hier verteidigt wird und was in der Debatte zwischen revolutionärem Feminismus und Nebenwiderspruchs-Marxismus auf dem Spiel steht, ist nicht die Frage „linksliberale[r] Diskriminierungskritik“.

    Der Streitpunkt ist vielmehr, daß sich der Nebenwiderspruchs-Marxismus mit den Linksliberalen einig ist, daß in Bezug auf das Geschlechterverhältnis und den Rassismus nur Antidiskriminierungspolitik in Betracht kommt (weshalb diese Felder für revolutionäre Politik nur von nachrangiger Bedeutung seien).

    Demggü. lautet die Gegenthese revolutionärer Feministinnen und AntirassistInnen, daß es auch auf jenen Feldern nicht nur um individuelle Diskriminierungsakte oder Vorurteile geht, sondern das auch diese Verhältnisse Determinanten der gesellschaftlichen Struktur darstellen:

    „Der Feminismus definiert die Unterdrückung der Frauen nicht nur über die individualisierten Handlungen der Männer, sondern als System – das Patriarchat.“ (Jenny Bourne – in dem dort genannten Text, S. 3)

    Die „general assumption behind the discussion of present-day patriarchy […] that even if women have been oppressed throughout history, patriarchy today is not simple a historical left-over. The subjection of women is not just the last kind of inequality to be removed, as John Stuart Mill thought, but an integrated part of the structure of present-day society.“
    (Drude Dahlerup, Confusing concepts – confusing reality: a theoretical discussion of the patriarchal state, in: A. Showstack Sassoon [Hg.], Women and the State. The shifting boundaries of public and private, London: Unwin Hyman 1987, 93-127 [93, 96]).

    Entsprechend schreibt auch Juliet Mitchell*, daß der Begriff Patriarchat verwendet wird, „nicht um die Herrschaft des Vaters zu bezeichnen, sondern die Herrschaft der Männer überhaupt. […], so daß wir sagen können, Feminismus ist die Überzeugung, daß die Unterdrückung der Frau zuallererst dagewesen ist und losgelöst werden kann von jedem spezifischen historischen Kontext.“ (Letzterer – etwas mißverständlich formulierte Halbsatz – meint: also nicht nur ein Nebeneffekt der Klassenverhältnisse im allgemeinen oder sogar nur des Kapitalismus im besonderen ist.)

    * Juliet Mitchell, Frauenbefreiung – Frauenbewegung, Ullstein: Frankfurt am Main / [West]berlin / Wien. 1981 (60, 62).

  4. 4 TaP 16. Mai 2011 um 18:44 Uhr

    Auch der maßgebliche Szene-Texte zu dem Thema, das 3:1-Papier von Viehmann u.a., machte sich eine ähnliche Definition/These zu eigen („Das lange Zitat über diesem Abschnitt teilt die hier verwendete Definition des Begriffs Patriarchat mit“):

    „Der Begriff Patriarchat ist von der neuen feministischen Bewegung als Kampfbegriff wiederentdeckt worden, weil die Bewegung einen Begriff brauchte, mit dem die Gesamtheit wie auch der systemische Charakter der unterdrückerischen und ausbeuterischen Verhältnisse ausgedrückt werden konnte, von denen Frauen betroffen sind. Patriarchat bezeichnet die historischen und gesellschaftlichen Dimensionen (…) und ist so weniger offen für biologistische Deutungen, im Gegensatz zum Begriff Männerherrschaft. Geschichtlich sind patriarchalische Systeme keine universellen, zeitlosen Systeme, die immer existiert haben. (…) Wenn das Patriarchat einen bestimmten Anfang in der Geschichte besaß, kann es auch ein Ende haben.“

    http://www.nadir.org/nadir/initiativ/id-verlag/BuchTexte/DreiZuEins/DreiZuEinsViehmann.html

    (Ob die Zitat-Autorin im übrigen ihrem anti-biologistischen Anspruch gerecht geworden ist, kann für die hiesige Diskussion offenbleiben.)

    Was für eine Verteidigung des Nebenwiderspruchs-Marxismus also gezeigt werden müßte, ist, daß jener behaupteter „systemische[r] Charakter“ des patriarchalen Geschlechterverhältnisses in Wirklichkeit nicht besteht, sondern Liberale völlig Recht haben, wenn sie bloß von einzelnen individuellen Diskriminierungshandlungen und Vorurteilen sprechen.

  5. 5 Zara 16. Mai 2011 um 19:26 Uhr

    Beginnen wir mit dem grundlegendesten Punkt:

    „Der Klassenwiderspruch ist der Hauptwiderspruch des Kapitalismus, weil er der einzige Widerspruch ist, der konstitutiv für diesen ist.“

    Ja, aber nicht dies ist der Streitpunkt. Der wahre Streitpunkt ist, ob das Lohnarbeits-Kapital-Verhältnis die einzige Struktur der heute existierenden Gesellschaftsformationen ist oder aber, ob das (hetero)sexistisch-patriarchale Geschlechterverhältnis und das rassistische Verhältnis zwischen Weißen und Schwarzen ebenfalls auf materielle Arbeitsteilungsstrukturen gegründete Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse sind.

    Ich muss Dir wirklich widersprechen, kein Marxist würde behaupten, dass das „Lohnarbeits-Kapital-Verhältnis die einzige Struktur der heute existierenden Gesellschaftsformationen ist“, das würde wahrscheinlich auch sonst niemand behaupten. Das Problem manifestiert sich im Wörtchen „Struktur“. Wenn Du von Strukturen sprichst, dann ziehst Du den Marxismus auf eine soziologische Ebene, mit der er nichts zu tun hat. An dieser Stelle, in dieser Unkenntnis des Marxismus, liegt auch das Kernproblem der ganzen Auseinandersetzung mit ihm.
    Natürlich lassen sich in allen bisherigen Gesellschaften strukturelle Gewaltverhältnisse in beliebigem Ausmaß finden, ihnen detektivisch nachzuspüren ist bis heute das zentrale Anliegen der Linken. Das ist halt nur nicht der Punkt der Marxisten. Ihnen geht es als Marxisten um die Überwindung des Kapitalismus, um also überhaupt erst die Möglichkeit zu schaffen, gewaltvolle Verhältnisse an sich zu überwinden. You know, „alle Verhältnisse umzuwerfen…“.
    Die Frage der Marxisten ist auch nicht Arbeitsteilung oder „materielle Arbeitsteilungsstrukturen“, was auch immer das sein mag, sondern die Überwindung des Kapitalismus.
    Der Kapitalismus entstand aus einer Gesellschaft, mit vielfachen Ungleichheitsverhältnissen, die er in sich aufnahm und die beständig genutzt und verändert wurden, um sich Vorteile im kapitalistischen Kampf aller gegen alle zu verschaffen. Linke rennen beständig gegen diese gewandelten und veränderten Ungleichheitsverhältnisse an, Marxisten argumentieren, dass man sie nur in toto beseitigen kann, indem man die Ursache beseitigt.
    Das bedeutet natürlich nicht, dass Marxisten nicht auch realpolitische linke oder feministische Argumente vertreten können, nur werden dann daraus keine marxistischen Argumente, sondern es bleiben linke oder feministische aus dem Mund von Marxisten. Insofern waren „Lenin, Luxemburg, Trotzki, Gramsci (bis er durch Inhaftierung aus der aktiven Politik ausscheiden mußte), Mao“ vielleicht „große PolitikerInnen“ und mehr oder weniger Marxisten, sie waren aber keine marxistischen Politiker. Denn dort wo sie Politiker waren, war ihr Handeln links-sozialdemokratisch. Marxistische Politik ist ein Widerspruch in sich.

    „Betrachtet man nur ein Verhältnis, beispielsweise das Patriarchat, dann ist hier weder jeder Mann sehr unterdrückend, noch jede Frau unterdrückt, genauso wenig gilt, dass ein Mann nicht unterdrückt ist oder eine Frau nicht andere unterdrückt.“

    Vielleicht ist nicht jeder Mann „sehr unterdrückend“ – wie es auch heute noch ein paar sozialpartnerschaftlich eingestellte Unternehmer gibt. Aber das Patriarchat als gesellschaftliches Verhältnis macht gerade aus, daß Männer von ihm – ganz unabhängig von ihrem individuellen ‚guten‘ oder ‚bösen Willen‘ – profitieren;
    genauso wie es Marx über die Kapitalisten sagte: JedeR bleibt Geschöpf gesellschaftlicher Verhältnisse, sosehr er/sie „sich auch subjektiv über sie erheben mag.“

    Und hier kommt eben wieder der Unterschied zwischen den von dir benannten Strukturen und dem Klassenverhältnis zum Tragen. Es profitiert eben nicht jeder Mann vom Patriarchat und es verliert eben nicht jede Frau. Das könnte man für das klassische Patriarchat, wo ein konkreter Patriarch über seine Frauen herrschte, was man fast nur noch in bestimmten islamisch geprägten Gesellschaften findet, sagen. Genauso ist ein in Analogie zum Klassenverhältnis bestimmter Rassismus nur in der Sklavenhaltergesellschaft zu finden. Für die Gesellschaften, über die wir hier reden, sind das strukturelle Verhältnisse, die der Tendenz nach bzw. im Durchschnitt gelten und damit etwas grundlegend anderes wie das Klassenverhältnis.
    Die Revolution von der du eben sprachst würde bedeuten, dass Barack Obama auf der Barrikade den weißen Obdachlosen erschießt, weil dieser ihn so krass unterdrückt. Es ist offensichtlich, dass sich hier eine Parallelisierung verbietet.

    „Zum einen gibt es keine marxistischen Politiker, solche nennt man Sozialdemokraten, und zum anderen kann man aus marxistischer Sicht Hausarbeit wunderbar erklären, was auch in der Hausarbeitsdebatte getan wurde, nur halt nicht so, wie es Feministen gerne hätten: Marxisten können halt nicht so einfach interessengeleitet eine leichte körperliche Tätigkeit (ja, es gibt einen Unterschied zwischen dem acht Stunden langen Schleppen von 30 Kilo-Säcken und dem Putzen eines Bades), […]“

    2. Gerade wissenschaftlich erklärt haben MarxistInnen die Hausarbeit nicht, aber – qua politischer Intuition – hat Lenin die Hausarbeit ziemlich (von einer Erötertung der Problematik des Produktivitäts-Begriffs sei hier der Einfachheit halber abgesehen) gut beschrieben: „Die Frau bleibt nach wie vor Haussklavin, trotz aller Befreiungsgesetze, denn sie wird erdrückt, erstickt, abgestumpft, erniedrigt von der Kleinarbeit der Hauswirtschaft, die sie an die Küche und an das Kinderzimmer fesselt und sie ihre Schaffenskraft durch eine geradezu barbarisch unproduktive, kleinliche, entnervende, abstumpfende, niederdrückende Arbeit vergeuden lässt.“

    Wissenschaftlich erklärt haben Marxisten die Hausarbeit in meinen Augen schon, so viel ist da aus marxistischer Perspektive halt nur nicht zu erklären. Marxisten erklären ja auch nicht die „geradezu barbarisch unproduktive, kleinliche, entnervende, abstumpfende, niederdrückende Arbeit“ eines kleinen Selbstständigen gesondert, der seine Schaffenskraft mit dem Übersetzen von Texten vergeudet. Aus marxistischer Perspektive ist Hausarbeit keine so unheimlich spezifische Tätigkeit. Aus einer realpolitisch-feministischen Perspektive natürlich schon und das ist der Grund, warum wir hier darüber reden.
    Mal provokativ formuliert, hätten Alice Schwarzer nicht „Der kleine Unterschied“ und Mariarosa Dalla Costa nicht „Die Frauen und der Umsturz der Gesellschaft“ geschrieben, dann würden wir uns nicht näher über Hausarbeit austauschen, da es nicht schwer ist sie in die marxsche Systematik einzuordnen, nur ist sie dann halt nicht eine so exponierte Grausamkeit, wie sie Feministen für ihre Argumentation benötigen. Zur Klarstellung, es liegt mir absolut fern den Aufwand und die Anstrengung, die mit Hausarbeit und Kinderaufsicht verbunden sind kleinzureden, als jemand der aber auch schon mal in einer Fabrik mit dem Heben von Auto-Ersatzteilen beschäftigt war, kann ich aber auch keine spezifische Widerwärtigkeit sehen. Alice Schwarzer hat in „Der kleine Unterschied“ ein Beispiel für Hausarbeit gewählt (ich habe das Buch gerade nicht parat, deshalb kann ich es nur aus dem Kopf aufschreiben), wo die Frau eines Bankangestellten bis Mittag mit der Hausarbeit durch ist und sich dann bis zur Ankunft ihres Mannes langweilt. Alice Schwarzer expliziert dieses zur Langeweile verdammte Dasein, dann als Frauen unterdrückend. Ich will nicht zum Ausdruck bringen, dass Hausarbeit etwas Tolles ist, aber man muss doch ein bisschen die Relation waren. Um in Zeiten von Spühl- und Waschmaschinen, von nine-to-five Betreuung der 1,3 Kinder und von Fertigpizza Hausarbeit als etwas zu skizzieren, was kurz hinter Völkermord rangiert, muss man schon sehr interessengeleitet argumentieren. Hausarbeit besitzt sicher ein paar Spezifika, aber im Grunde ist es eine Arbeit wie jede andere auch und sicher nicht die schlimmste.

  6. 6 TaP 16. Mai 2011 um 19:29 Uhr

    Was Engels, Lenin und Bebel immerhin wußten:

    1. Das patriarchale Geschlechterverhältnis ist nicht nur eine Frage rechtlicher Diskriminierungen

    „Die modernen zivilisierten Gesetzsysteme erkennen mehr und mehr an, erstens, daß die Ehe, um gültig zu sein, ein von beiden Teilen freiwillig eingegangner Vertrag sein muß, und zweitens, daß auch während der Ehe beide Teile einander mit gleichen Rechten und Pflichten gegenüberstehn sollen. Seien diese beiden Forderungen aber konsequent durchgeführt, so hätten die Frauen alles, was sie verlangen können. Diese echt juristische Argumentation ist genau dieselbe, womit der radikale republikanische Bourgeois den Proletarier ab- und zur Ruhe verweist. Der Arbeitsvertrag soll ein von beiden Teilen freiwillig eingegangner sein. Aber er gilt als für freiwillig eingegangen, sobald das Gesetz beide Teile auf dem Papier gleichstellt. Die Macht, die die verschiedne Klassenstellung dem einen Teil gibt, der Druck, den sie auf den andern Teil ausübt – die wirkliche ökonomische Stellung beider –, das geht das Gesetz nichts an.“ (MEW 21, 74).

    2. Das patriarchale Geschlechterverhältnis ist nicht nur eine Frage des ideologischen Überbaus

    Lenins richte 1894 gegen Michailowski Nahelegung, die Kindererzeugung nicht Bestandteil der materiellen Basis sei (LW 1, 141 f.), die ironische Frage: „Wie denn, glaubt Herr Michailowski am Ende, die Verhältnisse bei der Kindererzeugung gehörten zu den ideologischen?“ (143).

    (Deren ideologischer [= Überbau] Charakter ist die logische Konsequenz aus Michailowskis, von Lenin kritisierter Verneinung deren materiellen Charakters. Lenins rhetorische Frage läuft also auf ein argumentum ad absurdum gegen Michailowski hinaus, während Lenin selbst die Kindererzeugung in den Begriff der materiellen Basis einschließt.)

    3. Es gibt a) einen Interessensgegensatz zwischen Frauen und Männern und folglich hat b) ein interklassistischer Feminismus Berechtigung für die Überwindung des patriarchalen Geschlechterverhältnisses

    a)
    „Die Frauen dürfen so wenig auf die Hilfe der Männer warten, wie die Arbeiter auf die Hilfe der Bourgeoisie.“ (August Bebel, Die Frau und der Sozialismus, 1879/1909, 180).
    „Es ist derselbe Gedanke, der auch die Arbeiterklasse leitet, auf die Eroberung der politischen Macht ihre Agitation zu richten. Was für die Arbeiterklasse recht ist, kann für die Frauen nicht unrecht sein.“ (ebd., 318).

    b)
    „Immerhin haben die feindlichen Schwestern weit mehr als die im Klassenkampf gespaltene Männerwelt eine Reihe Berührungspunkt, in denen sie, getrennt marschierend, aber vereint schlagend, den Kampf führen können: Das ist auf allen Gebieten der Fall, auf welchen die Gleichberechtigung der Frauen mit den Männern, auf dem Boden der gegenwärtige Staats- und Gesellschaftsordnung, in Frage kommt: also der Betätigung des Weibes auf allen Gebieten, für die ihre Kräfte und Fähigkeiten reichen, und für die volle zivilrechtliche und politische Gleichberechtigung mit dem Manne. Das sind sehr wichtige und, wie sich zeigen wird, sehr umfangreiche Gebiete.“ (ebd., 29)

    Selbst diese Einsichten wurde freilich später von MarxistInnen ‚vergessen‘…

  7. 7 Zara 16. Mai 2011 um 20:46 Uhr

    All das, was Du hier so zitierst und ich zu spät gesehen habe, hat wenig bis nichts mit meiner Argumentation zu tun. Du hängst dich zu sehr an dem Begriff der Diskriminierung auf.
    Meine Argumentation in aller Kürze lautet:
    - Jede auf Konkurrenz basierende Gesellschaft bringt notwendig strukturelle Unterdrückungsverhältnisse hervor.
    - Es kann systemimmanent zwar ein Unterdrückungsverhältnis vermindert werden, es entstehen aber neue, andere werden verstärkt… Der linke bzw. linksliberale Kampf gegen diese Unterdrückungsverhältnisse steht dem des Herakles gegen die Hydra in nichts nach. Der Kampf dauerte so lange bis Iolaos das Feuer brachte und auch die Linke wird ihren Kampf bis zum Tage der kommunistischen Revolution führen.
    - Erst mit der Überwindung des Kapitalismus werden diese strukturellen Unterdrückungsverhältnisse nach und nach zum Verschwinden zu bringen sein. Da dann die Ursachen, die sie hervorbringen und in der ganzen Menschheitsgeschichte hervorgebracht haben, überwunden sind.

    Was für eine Verteidigung des Nebenwiderspruchs-Marxismus also gezeigt werden müßte, ist, daß jener behaupteter „systemische[r] Charakter“ des patriarchalen Geschlechterverhältnisses in Wirklichkeit nicht besteht, sondern Liberale völlig Recht haben, wenn sie bloß von einzelnen individuellen Diskriminierungshandlungen und Vorurteilen sprechen.

    Nein, was ich aufzeige ist, dass Unterdrückungsverhältnisse notwenig zum Kapitalismus gehören. Das heißt, der Kampf gegen ein ausgewähltes Unterdrückungsverhältnis nichts an der Existenz von Unterdrückungsverhältnissen ändert, sondern nur eine soziale Gruppe besser stellt und eine andere schlechter. Was nicht falsch ist, aber auch nur begrenzt richtig. Um Unterdrückungsverhältnisse an sich abzuschaffen, müsste die Gesellschaft eine sein, die frei ist von Konkurrenz, mit anderen Worten, sie müsste kommunistisch sein.

  8. 8 TaP 16. Mai 2011 um 21:38 Uhr

    @ Zara, 16. Mai 2011 um 19:26 Uhr:

    1. Was sind Strukturen?

    „Das Problem manifestiert sich im Wörtchen ‚Struktur‘.“

    Ja, in der Tat.

    „Natürlich lassen sich in allen bisherigen Gesellschaften strukturelle Gewaltverhältnisse in beliebigem Ausmaß finden, ihnen detektivisch nachzuspüren ist bis heute das zentrale Anliegen der Linken.“

    Meinetwegen. Aber nicht jedes Gewaltverhältnis ist ein strukturelles; und nicht alle Strukturen sind gewaltsam. (So zeichnet sich die kapitalistische Produktionsweise gerade dadurch aus, daß sie nicht in erster Linie mittels Gewalt / ‚persönlicher‘ Herrschaft, sondern mittels freien und gleichen Warentauschs / ’sachlicher‘ Herrschaft funktioniert.)

    Eine gesellschaftliche Struktur ist etwas anders als das Gewaltverhältnis zwischen DiebIn und EigentümerIn oder zwischen raufenden SchülerInnen. Im Französischen ist infrastructure die Übersetzung für den marxistischen Begriff Basis und suprastructure für Überbau.
    „Strukturen“ sind gerade nicht einzelne, vertreute Phänomene, sondern ein grundlegendes Muster: „Unter Struktur (von lat.: structura = ordentliche Zusammenfügung, Bau, Zusammenhang; bzw. lat.: struere = schichten, zusammenfügen) versteht man das Muster von Systemelementen und ihrer Wirk-Beziehungen (Relationen) untereinander, also die Art und Weise, wie die Elemente eines Systems aufeinander bezogen sind (durch Beziehungen „verbunden“ sind), so dass ein System bzw. Organismus funktioniert (entsteht und sich erhält).“ (dt. Wikipedia, s.v. – Hv. d. TaP).

    Strukturen sind in diesem Sinne gerade das Grundlegende – jedenfalls für den Strukturalismus und den strukturalen Marximus (über den wir reden, wenn ich von Dominante der gesellschaftlichen Struktur, vom komplex, gegliederten Ganzen, von Überdeterminierung verschiedener Widersprüche usw. spreche): „Die strukturalistische Methode begreift ihre Objekte nicht als an sich seiend, sondern als Objekte, die kraft ihrer Einordnung in Strukturen überhaupt erst bestehen.“ (dt. Wikipedia, s.v. Strukturalismus).

    2. Arbeitsteilungsstrukturen

    Und grundlegend sind die gesellschaftlichen Arbeitsteilungsstrukturen.

    „Die Frage der Marxisten ist auch nicht Arbeitsteilung oder ‚materielle Arbeitsteilungsstrukturen‘, was auch immer das sein mag, sondern die Überwindung des Kapitalismus.“

    Ach so, und ich dachte immer „Kapitalismus“ habe etwas mit Klassen und Kommunismus mit Überwindung der Klassen und Klassen etwas mit Arbeitsteilung zu tun – z.B.: Lenin:

    Klassen sind „große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden durch ihren Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem […] Verhältnis zu den Produktionsmitteln“ (LW 29, 410; engl.).

    Was Lenin freilich nicht klar genug gesehen hat: Daß nicht nur das „Verhältnis zu den Produktionsmitteln“ den „Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion“ bestimmt, sondern daß Rasse und Geschlecht ebensolche ‚Platzanweiser‘ sind (vgl. zur diesbzgl. Argumentation den dort genannten Text).

    3. Der Kapitalismus als Angelpunkt für alles andere?

    „Ihnen geht es als Marxisten um die Überwindung des Kapitalismus, um also überhaupt erst die Möglichkeit zu schaffen, gewaltvolle Verhältnisse an sich zu überwinden.“ (meine Hv.)

    Das, was Du mit dem „also“ als so selbstverständlich voraussetzt, ist aber gerade das Umstrittene – jedenfalls, je nachdem, in welchem Sinne Dein Satz zu verstehen ist.

    -- Selbstverständlich läßt sich (abgesehen von den Einwänden, die ich gegen einen so weiten „Gewalt“-Begriff habe, aber das ist hier nicht ausschlaggebend) sagen, daß, solange es noch Kapitalismus gibt, es noch „gewaltvolle Verhältnisse“ gibt.

    -- Aber dies erlaubt nicht die Schlußfolgerung, daß die Überwindung aller anderen „gewaltvolle[n] Verhältnisse“ an die Überwindung des Kapitalismus gebunden ist, wie aber die – im Ausgangstext von mir kritisierte – Parole „Keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus“ impliziert.

    „Der Kapitalismus entstand aus einer Gesellschaft, mit vielfachen Ungleichheitsverhältnissen, die er in sich aufnahm und die beständig genutzt und verändert wurden, um sich Vorteile im kapitalistischen Kampf aller gegen alle zu verschaffen.“

    Ja, aber das heißt weder,

    -- daß der Kapitalismus nicht einerseits auch ohne diese vorgefundene „Ungleichheitsverhältnisse“ existieren kann,

    noch,

    -- daß diese „Ungleichheitsverhältnisse“, sofern deren Überwindung nicht bereits vorher erkämpft wird, automatisch mit der Abschaffung des ebenfalls verschwinden.

    Vielmehr spricht der Umstand, daß sie vom Kapitalismus vorgefunden wurden und bloß ‚benutzt‘ und modifiziert werden, gegen diese beiden Annahme – und für die Möglichkeit und Sinnhaftigkeit eines relativ selbstständigen Kampfes gegen jene „Ungleichheitsverhältnisse“.

    „Linke rennen beständig gegen diese gewandelten und veränderten Ungleichheitsverhältnisse an, Marxisten argumentieren, dass man sie nur in toto beseitigen kann, indem man die Ursache beseitigt.“

    Da sie vom Kapitalismus aber bereits vorgefunden wurden, kann dieser nicht deren Ursache sein. Logisch, oder?

    „Marxistische Politik ist ein Widerspruch in sich.“

    Das meinte vielleicht der alte Engels, als er über die bloße „Verwaltung von Sachen“ sprach; Lenin und Mao machten aber – im Gegensatz zu Stalin, der diese technokratische Utopie teilte und verallgemeinerte – das Primat der Politik geltend.

    4. Der Mann im Patriarchat

    „Es profitiert eben nicht jeder Mann vom Patriarchat und es verliert eben nicht jede Frau.“

    Doch jeder Mann profitiert, ob er es will oder nicht, beispielsweise von gender-Implikationen, die in Qualifikations-, Leistungs- und damit Bezahlungsdefintionen eingehen, von Standards, was für Männer, aber nicht für Frauen normal ist.

    5. Hausarbeit

    „Aus marxistischer Perspektive ist Hausarbeit keine so unheimlich spezifische Tätigkeit.“

    a) Das von Lenin immerhin erkannte Entnervende ist, bspw. daß Staub jeden Tag neu da ist, unabhängig davon, ob Du bspw. etwas gekocht hast (was im Ggs. dazu wischen mit einer außer-häuslichen Produktivitätserfahrung durchaus vergleichbar ist).

    b) Und im übrigen ist erklärungsbedürftig, warum Hausarbeit fast ausschließlich an Frauen hängen bleibt. Das wird aber vom Marxismus nicht erklärt – und das muß er auch nicht erklären, solange er sich bescheiden darauf beschränkt, zu beanspruchen, zu erklären, wie die kapitalistische Produktionsweise funktioniert. – Nur ist damit eben noch nicht alles Notwendige gesagt.

    „Hausarbeit besitzt sicher ein paar Spezifika,“

    Neben den schon genannten, daß sie gegenleistungs-los verausgabt wird (Unterhaltsansprüche sind keine Gegenleistung für Hausarbeit).

  9. 9 TaP 16. Mai 2011 um 22:15 Uhr

    @ Zara, 16. Mai 2011 um 20:46 Uhr:

    „Jede auf Konkurrenz basierende Gesellschaft bringt notwendig strukturelle Unterdrückungsverhältnisse hervor.“

    Ja, das mit der privaten Aneignung des Mehrwertes verbundene „Unterdrückungsverhältnis“.

    Andere „Unterdrückungsverhältnisse“ werden vom Kapitalismus nicht hervorgebracht, sondern Leute, die in derartigen „Unterdrückungsverhältnissen“ schlecht plaziert sind, haben aus kapitalismus-externen Gründen schlechte Karten im kapitalistischen Konkurrenzkampf. -

    Damit sind auch Deine weiteren Sätze, die in der Tat logisch aus der – allerdings unzutreffenden – Hervorbringungs-These hervorgehen, widerlegt.

  10. 10 ekmek 16. Mai 2011 um 23:55 Uhr

    Das Klassenverhältnis ist ein dichotomes Verhältnis: Es gibt eine Klasse von Menschen, die arbeiten müssen, um zu überleben bzw. auf niedrigstem Niveau zu existieren und es gibt eine Klasse, die nicht arbeiten muss, sondern von der Arbeit der anderen Klasse lebt. Diese Trennung ist im Grunde total.

    Da stellt sich mir die Frage: ist dies denn heute überhaupt noch der Fall?
    Denn es gibt durchaus eine Vielzahl von Menschen die von der Arbeit durch sie selbst eingestellter Lohnabhängiger lebt, aber dennoch selbst arbeiten müssen um ihre Existens zu sichern.

    Auf der anderen Seite gibt es durch Beteilligung an Unternehmen durchaus für viele Menschen die Lohnabhängig sind die Möglichkeit von der Arbeit anderer finanziel zu profitieren.

    Letzen Endes gibt es auch kaum noch eine klare Einheit von Produktionsmittel-Besitzenden und Herrschaft-Ausübenden. Siehe Funktionsträger in Unternehmen wie etwa Manager. Oder sind Manager (da „Lohnabhängig“+kein Besitz von Produktionsmitteln) teil der Arbeiterklasse?

  11. 11 TaP 17. Mai 2011 um 0:06 Uhr

    Ja, das ist auch noch ein Problem (ganz unabhängig von der „Nebenwiderspruchs“-Diskussion):

    Zwar mag es einerseits mehr oder minder hochrangige Angestellte, die ein Gehalt beziehen (entsprechend: Beamte und PolitikerInnen), geben, die aber trotzdem aus Produktionsmittel-Besitz (Aktien) hinreichend Einkommen beziehen, um davon zu leben. Die lassen sich weiterhin ziemlich klar als „herrschende Klasse“ identifizieren.

    Áber das „dichotomische“ Weltbild bricht sich in der Tat an den von Dir beschriebenen Faktoren. Bspw. ‚Dank‘ der neoliberalen Kapitalisierung der Rentenversicherung gibt es kaum noch Leute, die ausschließlich Lohn-/Gehalts-Einkommen haben, und nicht irgendwie – und als wie ideologisch auch immer zu kritisieren – an die Kapitalakkumulation gebunden sind.

    Das macht kommunistische Agitation auf alle Fälle noch schwieriger als sie früher schon war.

  12. 12 Entdinglichung 17. Mai 2011 um 11:59 Uhr
  13. 13 Zara 17. Mai 2011 um 13:19 Uhr

    Aber nicht jedes Gewaltverhältnis ist ein strukturelles; und nicht alle Strukturen sind gewaltsam.

    Banal. Nur als Anmerkung dazu, es gibt unzählige strukturelle Gewaltverhältnisse von denen nur ein sehr geringer Teil überhaupt benannt sind. Die Verhältnisse zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Pfleger und Gepflegtem, zwischen psychisch Kranken und den anderen sind alles strukturelle und gewaltvolle Verhältnisse. Welche davon überhaupt einen Begriff erhalten oder gar ins Triple-Oppression-Pantheon aufgenommen werden, hängt nur begrenzt davon ab, was wie schlimm oder wirkmächtig ist, sondern von sozialen Kämpfen, die von Schülern, psychisch Kranken oder Pflegebedürftigen nur einfach nicht so gut geführt werden können.
    Man kann also ad infinitum Gewaltverhältnisse entdecken und moralisch anprangern. Das gibt sicher ein gutes Gefühl, grundlegend ändern kann das aber nichts.

    Strukturen sind in diesem Sinne gerade das Grundlegende – jedenfalls für den Strukturalismus und den strukturalen Marximus (über den wir reden, wenn ich von Dominante der gesellschaftlichen Struktur, vom komplex, gegliederten Ganzen, von Überdeterminierung verschiedener Widersprüche usw. spreche): „Die strukturalistische Methode begreift ihre Objekte nicht als an sich seiend, sondern als Objekte, die kraft ihrer Einordnung in Strukturen überhaupt erst bestehen.“ (dt. Wikipedia, s.v. Strukturalismus).

    Wenn du von etwas sprichst, dann redest Du davon. Der Strukturalismus ist für mich kein primärer Bezugspunkt. Althusser hatte ein paar gute Gedanken, die man weiter ausbauen kann, ich kann mich aber nicht in seinem Gedankengebäude einschließen.

    Und grundlegend sind die gesellschaftlichen Arbeitsteilungsstrukturen.

    „Die Frage der Marxisten ist auch nicht Arbeitsteilung oder ‚materielle Arbeitsteilungsstrukturen‘, was auch immer das sein mag, sondern die Überwindung des Kapitalismus.“

    Ach so, und ich dachte immer „Kapitalismus“ habe etwas mit Klassen und Kommunismus mit Überwindung der Klassen und Klassen etwas mit Arbeitsteilung zu tun – z.B.: Lenin:

    Klassen sind „große Menschengruppen, die sich voneinander unterscheiden durch ihren Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion, nach ihrem […] Verhältnis zu den Produktionsmitteln“ (LW 29, 410; engl.).

    Vielleicht bist du hier einfach nur sehr unsauber mit dem Begriff oder du nimmst ihn so, um im Endeffekt auf etwas anderes hinauszukommen, z. B. auf

    Was Lenin freilich nicht klar genug gesehen hat: Daß nicht nur das „Verhältnis zu den Produktionsmitteln“ den „Platz in einem geschichtlich bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion“ bestimmt, sondern daß Rasse und Geschlecht ebensolche ‚Platzanweiser‘ sind

    Ein Kapitalist, der nicht arbeitet, sondern nur ein mal im Monat auf sein Bankkonto guckt, teilt sich mit niemandem die Arbeit. Natürlich steht er dennoch in einem bestimmten „Verhältnis zu den Produktionsmitteln“, denn sie gehören ihm.
    Hier ist wieder das Problem, dass du auf Teufel komm raus dem Marxismus die Analyse anderer Gewaltverhältnisse unterschieben willst und dafür die Begriffe nach Gutdünken biegst.

    „Ihnen geht es als Marxisten um die Überwindung des Kapitalismus, um also überhaupt erst die Möglichkeit zu schaffen, gewaltvolle Verhältnisse an sich zu überwinden.“

    Das, was Du mit dem „also“ als so selbstverständlich voraussetzt, ist aber gerade das Umstrittene – jedenfalls, je nachdem, in welchem Sinne Dein Satz zu verstehen ist.

    -- Selbstverständlich läßt sich (abgesehen von den Einwänden, die ich gegen einen so weiten „Gewalt“-Begriff habe, aber das ist hier nicht ausschlaggebend) sagen, daß, solange es noch Kapitalismus gibt, es noch „gewaltvolle Verhältnisse“ gibt.

    -- Aber dies erlaubt nicht die Schlußfolgerung, daß die Überwindung aller anderen „gewaltvolle[n] Verhältnisse“ an die Überwindung des Kapitalismus gebunden ist, wie aber die – im Ausgangstext von mir kritisierte – Parole „Keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus“ impliziert.

    Noch mal zum Verständnis: Meine These lautet nicht, dass es nicht einen Kapitalismus ohne Frauenunterdrückung oder Rassismus geben könnte. Den könnte es geben. Meine These lautet, dass es keinen Kapitalismus ohne Gewaltverhältnisse geben kann. Die Überwindung einzelner gewaltvollen Verhältnisse (bis auf das Verhältnis Kapital-Arbeit) sind nicht an die Überwindung des Kapitalismus gebunden, die Überwindung von Gewaltverhältnissen an sich schon.

    -- daß diese „Ungleichheitsverhältnisse“, sofern deren Überwindung nicht bereits vorher erkämpft wird, automatisch mit der Abschaffung des ebenfalls verschwinden.

    Habe ich auch an keiner Stelle behauptet, das ist deine Projektion. Mit der Überwindung kann der Prozess beginnen, der Gewaltverhältnisse an sich zum Verschwinden bringt.

    „Linke rennen beständig gegen diese gewandelten und veränderten Ungleichheitsverhältnisse an, Marxisten argumentieren, dass man sie nur in toto beseitigen kann, indem man die Ursache beseitigt.“

    Da sie vom Kapitalismus aber bereits vorgefunden wurden, kann dieser nicht deren Ursache sein. Logisch, oder?

    Die Ursache ist der Kampf und die Konkurrenz um Ressourcen, da es diese auch in den vorkapitalistischen Gesellschaften gab, existierten Gewaltverhältnisse auch schon vorher. Der Kapitalismus ist aber die letzte dieser Konkurrenzgesellschaften, insofern geht seine Überwindung mit der Überwindung der Ursache einher.

    „Es profitiert eben nicht jeder Mann vom Patriarchat und es verliert eben nicht jede Frau.“

    Doch jeder Mann profitiert, ob er es will oder nicht, beispielsweise von gender-Implikationen, die in Qualifikations-, Leistungs- und damit Bezahlungsdefintionen eingehen, von Standards, was für Männer, aber nicht für Frauen normal ist.

    Moment, du musst ja schon eine Gesamtschau machen, dass jeder Mann an mancher Stelle vom Patriarchat profitiert ist eine triviale Erkenntnis, das tut aber auch jede Frau an mancher Stelle. Es gibt nur Männer, die beispielsweise mit 30 am Herzinfarkt sterben, weil sie durch die patriarchalen Verhältnisse in die Rolle des Familienernährers gepresst wurden und Frauen, die 100 Jahre alt werden und ein wunderbares Leben hatten. Wie gesagt, im Durchschnitt profitiert insgesamt ein Mann mehr als eine Frau, aber eben nur im Durchschnitt.

    „Aus marxistischer Perspektive ist Hausarbeit keine so unheimlich spezifische Tätigkeit.“

    a) Das von Lenin immerhin erkannte Entnervende ist, bspw. daß Staub jeden Tag neu da ist, unabhängig davon, ob Du bspw. etwas gekocht hast (was im Ggs. dazu wischen mit einer außer-häuslichen Produktivitätserfahrung durchaus vergleichbar ist).

    b) Und im übrigen ist erklärungsbedürftig, warum Hausarbeit fast ausschließlich an Frauen hängen bleibt. Das wird aber vom Marxismus nicht erklärt – und das muß er auch nicht erklären, solange er sich bescheiden darauf beschränkt, zu beanspruchen, zu erklären, wie die kapitalistische Produktionsweise funktioniert. – Nur ist damit eben noch nicht alles Notwendige gesagt.

    „Hausarbeit besitzt sicher ein paar Spezifika,“

    Neben den schon genannten, daß sie gegenleistungs-los verausgabt wird (Unterhaltsansprüche sind keine Gegenleistung für Hausarbeit).

    Ob jetzt der Staub, die Aktenberge oder die zu übersetzenden Texte jeden Tag wieder da sind ist doch wirklich egal. Es gibt unzählige Jobs, die an Monotonie die Hausarbeit bei weitem übertreffen, die einsam im Büro gefristet werden, die schlecht bezahlt werden usw. Es gibt keinen Aspekt der Hausarbeit, der nicht durch irgendeinen Lohnarbeitsjob locker in den Schatten gestellt würde.
    Und dass sie Gegenleistungslos verausgabt wird ist doch absurd. Man füllt doch nicht sein Leben lang eine Tätigkeit aus, ohne eine Gegenleistung zu erhalten.

    „Jede auf Konkurrenz basierende Gesellschaft bringt notwendig strukturelle Unterdrückungsverhältnisse hervor.“

    Ja, das mit der privaten Aneignung des Mehrwertes verbundene „Unterdrückungsverhältnis“.

    Andere „Unterdrückungsverhältnisse“ werden vom Kapitalismus nicht hervorgebracht, sondern Leute, die in derartigen „Unterdrückungsverhältnissen“ schlecht plaziert sind, haben aus kapitalismus-externen Gründen schlechte Karten im kapitalistischen Konkurrenzkampf. -

    Damit sind auch Deine weiteren Sätze, die in der Tat logisch aus der – allerdings unzutreffenden – Hervorbringungs-These hervorgehen, widerlegt.

    Du widerlegst meine These, indem du behauptest, dass alle „Unterdrückungsverhältnisse“ außer dem „mit der privaten Aneignung des Mehrwertes verbundene“ kapitalismus-extern sind. Okay, meinst du das ernst? Aktuell vorhandene Unterdrückungsverhältnisse haben also keinerlei Bezug zum aktuellen Schalten und Walten den Kapitalismus?
    Im übrigen habe ich von „auf Konkurrenz basierende Gesellschaft“ geschrieben. Da „Kapitalismus“ reinzulesen ist das eine, aber dann zu behaupten irgendwas widerlegt zu haben, nun ja.

    Das Klassenverhältnis ist ein dichotomes Verhältnis: Es gibt eine Klasse von Menschen, die arbeiten müssen, um zu überleben bzw. auf niedrigstem Niveau zu existieren und es gibt eine Klasse, die nicht arbeiten muss, sondern von der Arbeit der anderen Klasse lebt. Diese Trennung ist im Grunde total.

    Da stellt sich mir die Frage: ist dies denn heute überhaupt noch der Fall?
    Denn es gibt durchaus eine Vielzahl von Menschen die von der Arbeit durch sie selbst eingestellter Lohnabhängiger lebt, aber dennoch selbst arbeiten müssen um ihre Existens zu sichern.

    So groß ist die Anzahl an Menschen, die vielleicht einen kleinen Handwerksbetrieb besitzen, in dem sie mitarbeiten, dann auch noch nicht. Dein Argument würde durchgehen, wenn die Bourgeoisie heute, anders als vor 150 Jahren fast vollständig aus solchen Kleinstbetrieben bestehen würde. Aber an der quantitativen Größe des Kleinbürgertums, wie auch der des Proletariats oder des Großbürgertums hat sich wenig geändert.

    Auf der anderen Seite gibt es durch Beteilligung an Unternehmen durchaus für viele Menschen die Lohnabhängig sind die Möglichkeit von der Arbeit anderer finanziel zu profitieren.

    Letzen Endes gibt es auch kaum noch eine klare Einheit von Produktionsmittel-Besitzenden und Herrschaft-Ausübenden. Siehe Funktionsträger in Unternehmen wie etwa Manager. Oder sind Manager (da „Lohnabhängig“+kein Besitz von Produktionsmitteln) teil der Arbeiterklasse?

    Manager, die arbeiten müssen sind im Grunde Teil des Proletariats. Die entscheidende Trennung ist die Frage, ob jemand von dem Mehrwert (und eine Aktien-Dividende ist nichts anderes als Mehrwert) leben kann oder seine Arbeitskraft verkaufen muss. Es geht also nicht um ein „profitieren an“. Natürlich kann man sich spitzfindig verschiedenste Konstellationen ausdenken, wo das dann nicht in Reinform gilt. Damit musste sich bereits Marx zur Genüge herumschlagen. Diese Spitzfindigkeiten ändern aber nichts an der Tatsache, dass es seit Anbeginn des Kapitalismus nahezu unverändert diese dichotome Trennung gibt. An der Größe des Proletariats und der der Bourgeoisie hat sich quantitativ nichts geändert und, an TaP gerichtet, ein Proletarier mit 20 Telekom-Aktien bleibt natürlich ein Proletarier.
    Und es bedarf auch keiner Einheit von Produktionsmittel-Besitzenden und Herrschaft-Ausübenden. Das ist nicht der Punkt.

  14. 14 TaP 17. Mai 2011 um 15:21 Uhr

    I. Über Begriffe und Kritik

    1. Strukturen

    „Wenn du von etwas sprichst, dann redest Du davon. Der Strukturalismus ist für mich kein primärer Bezugspunkt.“

    Ja, meinetwegen. Aber wenn Du einen Text von mir kritisierst, dann hast Du zwei sinnvolle Kritikmöglichkeiten:
    a) Du kannst mir eine unklare Begriffsverwendung vorwerfen.
    oder
    b) Du kannst argumentieren, daß die Begriffe, so wie ich sie verwenden, nicht die Wirklichkeit treffen.

    Keine sinnvolle Kritikstrategie ist dagegen, meinen Begriffen einen ganz anderen Sinn beizulegen, und dann zu argumentieren, meine Sätze hätten keinen Sinn oder seien falsch oder unzutreffend.

    Konkret: Wenn ich mit einem engen Strukturbegriff argumentiere, hat es keinen Sinn mich mit Leuten in einen Topf zu werfen, die einen weiten Strukturbegriff verwenden, und dann statt meiner Argumentation einen weiten Strukturbegriff zu kritisieren. Diese Kritik mag dann richtig sein, widerlegt aber nicht meine Position.

    Das gilt logischerweise auch umgekehrt:

    2. Konkurrenz

    „Die Ursache ist der Kampf und die Konkurrenz um Ressourcen, da es diese auch in den vorkapitalistischen Gesellschaften gab, existierten Gewaltverhältnisse auch schon vorher. Der Kapitalismus ist aber die letzte dieser Konkurrenzgesellschaften, insofern geht seine Überwindung mit der Überwindung der Ursache einher.“

    Gut, ist für mich eine etwas überraschende Begriffsverwendung – von „Konkurrenz“ losgelöst von einem (großen) freien Warenmarkt zu sprechen. – Dann war meine erste Kritik jedenfalls nicht treffend.

    Neuer Versuch:
    In diesem weiten Sinne von „Konkurrenz“ zu sprechen, hört sich für mich allerdings weniger nach Marx als nach einer sozialdarwinistischen Lesart des „Kampfes ums Dasein“ an. Von einer Analyse konkreter Produktionsweisen kommen wir zu einer anthropologischen Geschichtsphilosophie: vom K zum K, von der Konkurrenzgesellschaft zum Kommunismus. – Habe ich Zweifel, ob wir solche eine ‚große Erzählung‘ brauchen.

  15. 15 TaP 17. Mai 2011 um 16:34 Uhr

    II. Geschlechterverhältnis und Kapitalverhältnis

    1. Struktur-Inflation?

    „Nur als Anmerkung dazu, es gibt unzählige strukturelle Gewaltverhältnisse von denen nur ein sehr geringer Teil überhaupt benannt sind. Die Verhältnisse zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Pfleger und Gepflegtem, zwischen psychisch Kranken und den anderen sind alles strukturelle und gewaltvolle Verhältnisse. Welche davon überhaupt einen Begriff erhalten oder gar ins Triple-Oppression-Pantheon aufgenommen werden, hängt nur begrenzt davon ab, was wie schlimm oder wirkmächtig ist, sondern von sozialen Kämpfen, die von Schülern, psychisch Kranken oder Pflegebedürftigen nur einfach nicht so gut geführt werden können.“

    Ja, also: Wie schon in der vorstehenden ‚methodologischen‘ Antwort I. gesagt: Ja, das gibt’s, ist nur nicht meine Position.
    a) Ich habe ich weder einen solch weiten Struktur- noch insbesondere Gewaltbegriff.
    und
    b) Ich denke – im Gegensatz zu einer endlosen Auflistung von immer mehr -ismen – bietet die von mir in Bezug genommene Arbeitsteilung zwischen großen gesellschaftlichen Gruppen ein ziemlich brauchbares Kriterium:
    -- Transitorische Hierarchieverhältnisse wie Alter scheiden damit schon mal aus; SchülerIn-LehrerIn würde ich (obwohl gewissermaßen auch eine ‚Arbeitsteilung‘) eben wegen des transitorischen Charakters analog behandeln.
    -- Ableism wird sich als Nebeneffekt in erster Linie des Klassenverhältnisses (Verwertbarkeit) fassen lassen; ist also auch keine Dominanten der gesellschaftlichen Struktur.
    -- Im Lookism treffen vergeschlechtlichte und rassifizierte Schönheitsideale und Aspekte der (kulturellen) Klassendistinktion und unterschiedliche (ökonomische) Konsummöglichkeiten zusammen; ist also auch kein eigener Widerspruch.
    -- Speciesism ist jedenfalls kein gesellschaftlicher Widerspruch, sondern wenn einer zwischen (menschlicher) Gesellschaft und Tieren.
    -- Sexualität/Homophobie würde ich nicht neben gender, class und race stellen, sondern mit gender zusammenfassen. (Die Kategorien von Sexualität und Geschlecht ‚erläutern’ sich im herrschenden Diskurs in Termini der jeweils anderen Kategorie [Sedgwick]: Heterosexualität ist das, was Frauen und Männer mit einander machen, und Frauen sind Wesen, die Sex mit Männern haben – Männer Wesen, die Sex mit Frauen haben. Mittels dieser zirkulären Definitionen erlangen Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität und die hierarchisch-komplementäre Geschlechterdifferenz den Status des Selbstverständlichen.)

    2. Arbeitsteilung

    „Ein Kapitalist, der nicht arbeitet, sondern nur ein mal im Monat auf sein Bankkonto guckt, teilt sich mit niemandem die Arbeit. Natürlich steht er dennoch in einem bestimmten ‚Verhältnis zu den Produktionsmitteln‘, denn sie gehören ihm. Hier ist wieder das Problem, dass du auf Teufel komm raus dem Marxismus die Analyse anderer Gewaltverhältnisse unterschieben willst und dafür die Begriffe nach Gutdünken biegst.“

    a) EinE KapitalistIn, der/die einfach nur seinen/ihren Profit auffrißt (und nicht bspw. in irgendwelche Aufsichtsräten sitzt), dürfte schon ziemlich selten sein. Schließlich war der Müßigang des Adels das gemeinsame Feindbild der ehemals noch als „arbeitende Klassen“ zusammengefaßten Klassen Bourgeoisie und Proletariat. – Außerdem: Die einen arbeiten – die anderen arbeiten nicht; das ist doch eine Arbeitsteilung, eine Form der Aufteilung der Arbeit.

    b) „dem Marxismus die Analyse anderer Gewaltverhältnisse unterschieben willst und dafür die Begriffe nach Gutdünken biegst“. Nein, das kritisiere ich gerade an dem Versuch, die Hausarbeit werttheoretisch zu fassen. Aber, daß die Arbeitsteilung nicht nur nach Klassen, sondern auch nach Geschlechtern und Rassen strukturiert ist, liegt doch auf der Hand (und nach Schichten innerhalb der Klassen).

    3. Kein analytischer und politischer Vorrangig des Klassenkampfes

    „Meine These lautet nicht, dass es nicht einen Kapitalismus ohne Frauenunterdrückung oder Rassismus geben könnte. Den könnte es geben. Meine These lautet, dass es keinen Kapitalismus ohne Gewaltverhältnisse geben kann. Die Überwindung einzelner gewaltvollen Verhältnisse (bis auf das Verhältnis Kapital-Arbeit) sind nicht an die Überwindung des Kapitalismus gebunden, die Überwindung von Gewaltverhältnissen an sich schon.“

    Okay, wenn wir uns da einig sind – dann sehe ich nun wirklich überhaupt keinen Grund, dem Klassenkampf einen analytischen und/oder politischen Vorrang zu geben.

    (Und: Auch eine post-kapitalistische Gesellschaft, selbst in ihrer ‚höheren‘, kommunistische Stufe wird nicht das Paradies auf Erden sein. Auch dort wird es Konflikt und Kämpfe und daher Politik geben [s. oben – Abschnitt 3.]. Und deshalb folgt auch aus dem Hinweis, daß mit einem „Gewaltverhältnis“ nicht alle „Gewaltverhältnisse“ abgeschafft sind, kein durchgreifendes Argument gegen meine Position. Das Ende der Geschichte wird nie geben.)

    4. Hausarbeit

    „Ob jetzt der Staub, die Aktenberge oder die zu übersetzenden Texte jeden Tag wieder da sind ist doch wirklich egal. Es gibt unzählige Jobs, die an Monotonie die Hausarbeit bei weitem übertreffen,“

    Jede neue Akte ist aber ein neuer ‚Fall‘ oder eine Neuentwicklung eines allen ‚Falls‘, und jeder – als solches monotoner – Handgriff am Fließband ist ein Beitrag zu einem neuen Auto, Kühlschrank usw.

    „Und dass sie Gegenleistungslos verausgabt wird ist doch absurd. Man füllt doch nicht sein Leben lang eine Tätigkeit aus, ohne eine Gegenleistung zu erhalten.“

    Und was ist die Gegenleistung? (Unterhaltungszahlungen sind – wie gesagt („noch mal zu 7.“) – keine Gegenleistung für [Haus]arbeit, sondern an Bedürftigkeit gekoppelt: Eine Hausfrau mit großem eigenem Vermögen hat keinen Unterhaltsanspruch gegen ihren Ehemann.)

    Vom Ehemann (oder LebenspartnerIn) geliebt zu werden?

    5. Kapitalismus-externe „Unterdrückungsverhältnisse“

    Ich: „Andere ‚Unterdrückungsverhältnisse‘ werden vom Kapitalismus nicht hervorgebracht, sondern Leute, die in derartigen ‚Unterdrückungsverhältnissen‘ schlecht plaziert sind, haben aus kapitalismus-externen Gründen schlechte Karten im kapitalistischen Konkurrenzkampf.“

    Du: „Aktuell vorhandene Unterdrückungsverhältnisse haben also keinerlei Bezug zum aktuellen Schalten und Walten den Kapitalismus?“

    Daß die Gründe dieser anderen „Unterdrückungsverhältnisse“ kapitalismus-extern sind, heißt nicht, daß es „keinerlei Bezug“ gibt. Daß sich ein feudales und ein kapitalistisches Patriachat von einander unterscheiden, hatte ich schon geschrieben; genauso, daß sich die verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse gegenseitig beeinflussen und modifizieren („Überdeterminierung“).

  16. 16 Zara 17. Mai 2011 um 16:58 Uhr

    Zu 1. Du benutzt häufiger Begriffe, die in einem marxistischen Kontext eine bestimmte exakt definierte Bedeutung haben für etwas anderes oder sehr ungenau. Beispiele wären Ausbeutung, Arbeitsteilung oder deine Uminterpretation von Lenins Klassenzitates. Natürlich gehen mir auch mal die Begriffe durcheinander und eine Blog-Diskussion ist keine Doktorarbeit, was ich aber bei deiner Argumentation schwierig finde ist, dass dir die Bedeutungen der Begriffe geläufig sind, du sie aber sehr gewollt umdeutest und aus ihrer ursprünglichen Bedeutung heraushebst um zu bestimmten Argumentationsergebnissen zu kommen.

    Das Problem mit dem Strukturbegriff liegt auch darin, dass er so schwammig und beliebig ist. Ich könnte auch nach dieser Diskussion nicht sagen, was du unter einer engen Auslegung verstehst.

    In diesem weiten Sinne von „Konkurrenz“ zu sprechen, hört sich für mich allerdings weniger nach Marx als nach einer sozialdarwinistischen Lesart des „Kampfes ums Dasein“ an. Von einer Analyse konkreter Produktionsweisen kommen wir zu einer anthropologischen Geschichtsphilosophie: vom K zum K, von der Konkurrenzgesellschaft zum Kommunismus. – Habe ich Zweifel, ob wir solche eine ‚große Erzählung‘ brauchen.

    Wenn wir darin einig sind, dass Unterdrückungsstrukturen zwar ihre Form im Kapitalismus gewandelt haben, aber schon viel früher entstanden sind, dann stellt sich natürlich sofort die Frage, warum sie entstanden. Und für diese Frage kann es aus materialistischer Perspektive im Grunde nur eine Antwort geben, eben der Kampf um Ressourcen. Xenophobie ist eine Konstante in der Menschheitsgeschichte, weil Fremde immer eine Bedrohung für die eigenen Ressourcen darstellten.

  17. 17 TaP 17. Mai 2011 um 17:03 Uhr

    III. Klassenanalyse

    1. Die wissenschaftliche Seite des Problems

    Emek: „es gibt durchaus eine Vielzahl von Menschen die von der Arbeit durch sie selbst eingestellter Lohnabhängiger lebt, aber dennoch selbst arbeiten müssen um ihre Existens zu sichern.“

    Du: „So groß ist die Anzahl an Menschen, die vielleicht einen kleinen Handwerksbetrieb besitzen, in dem sie mitarbeiten, dann auch noch nicht.“

    Das betrifft ja nicht nur Handwerksbetriebe, sondern auch viele der neueren Dienstleistungsanbieter. – Jedenfalls scheint es mir wenig wahrscheinlich, daß wirklich von einer Tendenz zur Reduktion auf zwei glasklar geschiedene Grundklassen gesprochen werden kann – was allerdings den Klassen-Begriff nicht falsch macht.

    „Diese Spitzfindigkeiten ändern aber nichts an der Tatsache, dass es seit Anbeginn des Kapitalismus nahezu unverändert diese dichotome Trennung gibt. An der Größe des Proletariats und der der Bourgeoisie hat sich quantitativ nichts geändert und, an TaP gerichtet, ein Proletarier mit 20 Telekom-Aktien bleibt natürlich ein Proletarier.“

    Ja, der bliebt lohnabhängig. Aber das habe ich auch nicht bestritten. Was Emek und ich bestreiten, ist, daß es wirklichkeits-adäquat ist, den Klassengegensatz zwischen Kapital und Lohnarbeit als „dichtomotisch“ zu bezeichnen (was Du eingeführt hast, um einen Unterschied zwischen Kapitalismus und Patriarchat zu behaupten).

    Der Klarheit halber noch:
    Zu sagen, daß ein Gegensatz nicht dichotomisch ist, heißt nicht zu sagen, daß er nicht existiert. Daß wir es beim Unterschied zwischen Lohnabhängigen und Bourgeoisie nicht mit einem Schwarz-Weiß-Gegensatz zu tun haben, heißt nicht, daß er nicht existiert. Auch Graustufen-Unterscheidungen sind sinnvolle Unterscheidungen.

    2. Die politische Seite des Problems

    Und im übrigen: Während sich emek auf die analytische Seite des Problems konzentrierte, hatte ich auf das propagandistische Problem fokussiert: „Das macht kommunistische Agitation auf alle Fälle noch schwieriger als sie früher schon war.“

    Der Typ, dessen 20 Telekom-Aktien an Wert verlieren, sagt nämlich nicht: ‚Wie toll, jetzt geht’s aber mal endlich los mit dem dichtomotischen Klassenkampf gegen das Kapital.“, sondern der macht sich zunächst einmal Sorgen.
    Und das macht den Kapitalismus unheimlich stark, und damit müssen wir uns sowohl in der wissenschaftlichen Analyse als auch in der politischen Propaganda auseinandersetzen. – Und da in der Manier von irgendwelchen 68er-Studies anzukommen, und dem Typen mit den Telekom-Aktien zu erzählen, daß er aber ein „falsches Bewußtsein“ habe, wenn er sich um den Wert seiner Aktien sorgt, bringt gar nichts – außer vielleicht einen proletarischen Schlag aufs Maul.

  18. 18 Zara 17. Mai 2011 um 18:34 Uhr

    II. Geschlechterverhältnis und Kapitalverhältnis

    1. Struktur-Inflation?

    „Nur als Anmerkung dazu, es gibt unzählige strukturelle Gewaltverhältnisse von denen nur ein sehr geringer Teil überhaupt benannt sind. Die Verhältnisse zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Pfleger und Gepflegtem, zwischen psychisch Kranken und den anderen sind alles strukturelle und gewaltvolle Verhältnisse. Welche davon überhaupt einen Begriff erhalten oder gar ins Triple-Oppression-Pantheon aufgenommen werden, hängt nur begrenzt davon ab, was wie schlimm oder wirkmächtig ist, sondern von sozialen Kämpfen, die von Schülern, psychisch Kranken oder Pflegebedürftigen nur einfach nicht so gut geführt werden können.“

    Ja, also: Wie schon in der vorstehenden ‚methodologischen‘ Antwort I. gesagt: Ja, das gibt’s, ist nur nicht meine Position.
    a) Ich habe ich weder einen solch weiten Struktur- noch insbesondere Gewaltbegriff.
    und
    b) Ich denke – im Gegensatz zu einer endlosen Auflistung von immer mehr -ismen – bietet die von mir in Bezug genommene Arbeitsteilung zwischen großen gesellschaftlichen Gruppen ein ziemlich brauchbares Kriterium:

    Aber das ist doch ein beliebig gewähltes Kriterium. Selbst wenn die Arbeitsteilung komplett überwunden wäre, dann wären doch damit nicht die Gewaltverhältnisse beendet. Patriarchat ist eben mehr als die Verteilung der Hausarbeit. Auch kann die Arbeitsteilung zwischen großen gesellschaftlichen Gruppen durchaus sinnvoll sein. Akademiker versus Nicht-Akademiker, Schwere Arbeit tendenziell Männerarbeit, weil Männer tendenziell kräftiger sind…
    Wenn man schon Realpolitik betreibt, dann wäre es schon plausibler zu fragen, was ist wie schlimm für die Menschen. Und solange Menschen an Hunger sterben ist für mir die Aufteilung der Hausarbeit nicht ganz so relevant. Folglich halte ich hier den weiten Strukturbegriff für diese Fragestellung für plausibler. Nur ist es halt nicht meine Fragestellung.

    2. Arbeitsteilung

    „Ein Kapitalist, der nicht arbeitet, sondern nur ein mal im Monat auf sein Bankkonto guckt, teilt sich mit niemandem die Arbeit. Natürlich steht er dennoch in einem bestimmten ‚Verhältnis zu den Produktionsmitteln‘, denn sie gehören ihm. Hier ist wieder das Problem, dass du auf Teufel komm raus dem Marxismus die Analyse anderer Gewaltverhältnisse unterschieben willst und dafür die Begriffe nach Gutdünken biegst.“

    a) EinE KapitalistIn, der/die einfach nur seinen/ihren Profit auffrißt (und nicht bspw. in irgendwelche Aufsichtsräten sitzt), dürfte schon ziemlich selten sein. Schließlich war der Müßigang des Adels das gemeinsame Feindbild der ehemals noch als „arbeitende Klassen“ zusammengefaßten Klassen Bourgeoisie und Proletariat. – Außerdem: Die einen arbeiten – die anderen arbeiten nicht; das ist doch eine Arbeitsteilung, eine Form der Aufteilung der Arbeit.

    Wenn wir einen Kuchen vor uns haben und ich esse ihn, habe ich dann irgendetwas geteilt? Der Punkt ist auch nicht, ob der Firmenbesitzer die Firma auch noch quasi als Hobby leitet. Es ist vollkommen egal, ob er das tut oder einen Geschäftsführer bestellt. Der Punkt ist, dass er das nicht tun muss, sondern vom Mehrwert, den seine Angestellten produzieren lebt.
    Mit dem Begriff der Arbeitsteilung kommst du hier nicht weiter. Ich verstehe schon, dass du ihn so brauchst, um die Analogie zur geschlechtlichen Arbeitsteilung herzustellen, nur bringst du damit Dinge mit viel Gewalt zusammen, die sich nicht so simpel zusammenbringen lassen.

    b) „dem Marxismus die Analyse anderer Gewaltverhältnisse unterschieben willst und dafür die Begriffe nach Gutdünken biegst“. Nein, das kritisiere ich gerade an dem Versuch, die Hausarbeit werttheoretisch zu fassen. Aber, daß die Arbeitsteilung nicht nur nach Klassen, sondern auch nach Geschlechtern und Rassen strukturiert ist, liegt doch auf der Hand (und nach Schichten innerhalb der Klassen).

    Wo biegt denn die Werttheorie Begriffe, nur weil sie dem soziologisch interessierten nicht erklärt, warum sie vor allem von Frauen geleistet wird? Was aber halt einfach nicht die Frage ist, auf die sie eine Antwort geben möchte. Oder was meinst du genau?

    Die Arbeitsteilung ist aber in Bezug auf Rasse oder Geschlecht wieder nur eine Tendenz, d. h. es ist nicht unmöglich, dass ein türkischer Migrant Deutsche Bank-Vorstandsvorsitzender wird, es ist nur weniger wahrscheinlich, weil wir eben in rassistischen Verhältnissen leben. Die tendenzielle Teilung ist aber wie schon ausgeführt, etwas gänzlich anderes, wie das Arbeit-Kapital-Verhältnis und mit dem obigen Zitat wollte ich die von dir vorgenommene Parallelisierung dieser Verhältnisse kritisieren und nicht in Frage stellen, dass es eine tendenzielle Arbeitsteilung gibt.

    3. Kein analytischer und politischer Vorrangig des Klassenkampfes

    „Meine These lautet nicht, dass es nicht einen Kapitalismus ohne Frauenunterdrückung oder Rassismus geben könnte. Den könnte es geben. Meine These lautet, dass es keinen Kapitalismus ohne Gewaltverhältnisse geben kann. Die Überwindung einzelner gewaltvollen Verhältnisse (bis auf das Verhältnis Kapital-Arbeit) sind nicht an die Überwindung des Kapitalismus gebunden, die Überwindung von Gewaltverhältnissen an sich schon.“

    Okay, wenn wir uns da einig sind – dann sehe ich nun wirklich überhaupt keinen Grund, dem Klassenkampf einen analytischen und/oder politischen Vorrang zu geben.

    Das verstehe ich nicht. Ich habe zwei Optionen, ich kann mich darum kümmern, dass eine bestimmte soziale Gruppe weniger oder nicht mehr unterdrückt wird oder darum, dass alle Menschen nicht mehr unterdrückt werden. Ersteres bedeutet Triple oppression-Kämpfe, zweiteres „Klassenkampf“ (wobei ich den Begriff schwierig finde, da die meisten etwas damit verbinden, was ich nicht meine. Mir fehlt aber zur Zeit noch eine Antwort auf die Frage, wie die Überwindung des Kapitalismus geschafft werden kann)

    (Und: Auch eine post-kapitalistische Gesellschaft, selbst in ihrer ‚höheren‘, kommunistische Stufe wird nicht das Paradies auf Erden sein. Auch dort wird es Konflikt und Kämpfe und daher Politik geben [s. oben – Abschnitt 3.]. Und deshalb folgt auch aus dem Hinweis, daß mit einem „Gewaltverhältnis“ nicht alle „Gewaltverhältnisse“ abgeschafft sind, kein durchgreifendes Argument gegen meine Position. Das Ende der Geschichte wird nie geben.)

    Das wäre zu diskutieren, ich strebe ja auch nur das Ende der Vorgeschichte an ;-). Wie gesagt, ich würde die Abschaffung der Gewaltverhältnisse in einer kommunistischen Gesellschaft als einen Prozess fassen, in dem sie permanent geringer werden, also gegen 0 konvergieren. Das sie wahrscheinlich nie restlos verschwinden mag sein, aber ich gehe scho davon aus, dass sie so weit verringert werden, dass es keiner Kämpfe mehr bedarf, sondern die Menschen es vernünftig unter sich regeln können und damit auch Politik nicht mehr existieren wird.

    4. Hausarbeit

    „Ob jetzt der Staub, die Aktenberge oder die zu übersetzenden Texte jeden Tag wieder da sind ist doch wirklich egal. Es gibt unzählige Jobs, die an Monotonie die Hausarbeit bei weitem übertreffen,“

    Jede neue Akte ist aber ein neuer ‚Fall‘ oder eine Neuentwicklung eines allen ‚Falls‘, und jeder – als solches monotoner – Handgriff am Fließband ist ein Beitrag zu einem neuen Auto, Kühlschrank usw.

    Ja, und? Aber den entfremdeten Arbeiter kann es doch schnuppe sein, ob er für den Mülleimer, für ein altes oder ein neues Auto produziert. Bei einem Autozulieferer weißt du doch gar nicht, ob der Kolben später in einem VW oder einem Audi landet. Hier ist doch die Hausarbeit viel weniger entfremdet, viel selbstbestimmter (was mache ich wann, was mache ich wie, was für Arbeitsgeräte kaufe ich dafür), viel unbeaufsichtiger und damit entspannter (man kann sich auch mal einen Vormittag frei nehmen, am Fließband kann man das keine 15 Sekunden) und befriedigender (man sieht, was man geschafft hat) als die Fließbandarbeit. Dass es dennoch ein Scheißjob ist, stelle ich nicht in Frage, nur muss man schon ein großes Interesse haben, um sie als widerwärtiger wie die Fließbandarbeit zu beschreiben.

    „Und dass sie Gegenleistungslos verausgabt wird ist doch absurd. Man füllt doch nicht sein Leben lang eine Tätigkeit aus, ohne eine Gegenleistung zu erhalten.“

    Und was ist die Gegenleistung? (Unterhaltungszahlungen sind – wie gesagt („noch mal zu 7.“) – keine Gegenleistung für [Haus]arbeit, sondern an Bedürftigkeit gekoppelt: Eine Hausfrau mit großem eigenem Vermögen hat keinen Unterhaltsanspruch gegen ihren Ehemann.)

    TaP, lege mal kurz deine juristische Brille ab. Die Geldaufteilung zwischen Ehepartnern ist doch keine juristische Frage, wo der Mann der Frau vorrechnet, dass sie nach dem und dem BGH-Urteil so und so viel Geld zu bekommen hat. Welche Frau mit großem Vermögen schmeißt denn für ihren armen Gatten den Haushalt? Ist es ernsthaft strittig, dass sie Geld zur Verfügung gestellt bekommt? Ist es ernsthaft strittig, dass sich doch keine Frau auf die Hausarbeit einlassen würde, wenn das zur Verfügung gestellte Geld ihr nicht ein ganz bekömmliches Auskommen und die Erfüllung verschiedenster Bedürfnisse ermöglichen würde? Wir leben doch nicht 1950, wo du noch etwas mehr Recht mit deinen Argumenten gehabt hättest.

    5. Kapitalismus-externe „Unterdrückungsverhältnisse“

    Ich: „Andere ‚Unterdrückungsverhältnisse‘ werden vom Kapitalismus nicht hervorgebracht, sondern Leute, die in derartigen ‚Unterdrückungsverhältnissen‘ schlecht plaziert sind, haben aus kapitalismus-externen Gründen schlechte Karten im kapitalistischen Konkurrenzkampf.“

    Du: „Aktuell vorhandene Unterdrückungsverhältnisse haben also keinerlei Bezug zum aktuellen Schalten und Walten den Kapitalismus?“

    Daß die Gründe dieser anderen „Unterdrückungsverhältnisse“ kapitalismus-extern sind, heißt nicht, daß es „keinerlei Bezug“ gibt. Daß sich ein feudales und ein kapitalistisches Patriachat von einander unterscheiden, hatte ich schon geschrieben; genauso, daß sich die verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse gegenseitig beeinflussen und modifizieren („Überdeterminierung“).

    Ich glaube, dass das vor allem ein Begriffsproblem ist. Mit „hervorbringen“ meine ich, dass auf struktureller oder individueller Ebene Differenzen zwischen Menschen markiert und benannt werden, um sie auszunutzen. Dass dies passiert ist Folge kapitalistischer Konkurrenz, Unterdrückungsverhältnisse sind also nichts Kapitalismus-externes, sondern werden aus den kapitalistischen Verhältnissen hervorgebracht. Eine Gesellschaft, in der jedes Bedürfnis befriedigt wird, bedarf nicht mehr der Abwertung des Anderen, da es keinen Vorteil bringen würde.

  19. 19 Zara 17. Mai 2011 um 18:56 Uhr

    III. Klassenanalyse

    1. Die wissenschaftliche Seite des Problems

    […]

    Was Emek und ich bestreiten, ist, daß es wirklichkeits-adäquat ist, den Klassengegensatz zwischen Kapital und Lohnarbeit als „dichtomotisch“ zu bezeichnen (was Du eingeführt hast, um einen Unterschied zwischen Kapitalismus und Patriarchat zu behaupten).

    Der Klarheit halber noch:
    Zu sagen, daß ein Gegensatz nicht dichotomisch ist, heißt nicht zu sagen, daß er nicht existiert. Daß wir es beim Unterschied zwischen Lohnabhängigen und Bourgeoisie nicht mit einem Schwarz-Weiß-Gegensatz zu tun haben, heißt nicht, daß er nicht existiert. Auch Graustufen-Unterscheidungen sind sinnvolle Unterscheidungen.

    Die Gesellschaft lässt sich in zwei dichotome Klassen aufteilen. Die Klasse derer, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen und die, die von vorhandenem Geld oder dem Mehrwert ihre Bedürfnisse befriedigen können. Ich muss vielleicht hier noch genauer sein: Ich beziehe mich marxistisch auf die dichotome Trennung zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Ich meine nicht, eine dichotome Aufteilung der ganzen Gesellschaft, sondern nur, dass die Trennung zwischen denen die Arbeitskraft verkaufen müssen und denen, die vom Mehrwert leben können trennscharf ist. Die Definition ist einfach genau so dichotom gewählt.
    Dass es darüber hinaus auch noch das Kleinbürgertum, mit dem mitarbeitenden Besitzer, Bauern oder Menschen, die ihren Beruf als Hobby betreiben gibt stimmt ja alles, nur soll diese Definition ja eben nicht soziologisch jede gesellscftliche Schicht beschreiben, sondern das konstitutive Element des Kapitalismus erfassen.

    PS. Kommunistische Agitation ist nicht mein point of view.

  20. 20 ekmek 17. Mai 2011 um 22:46 Uhr

    „Und für diese Frage kann es aus materialistischer Perspektive im Grunde nur eine Antwort geben, eben der Kampf um Ressourcen. Xenophobie ist eine Konstante in der Menschheitsgeschichte, weil Fremde immer eine Bedrohung für die eigenen Ressourcen darstellten.“

    Hier würde ich gerne außer der materialistischen Perspektive die du ja bereits benannt hast noch eine weitere hinzufügen.

    Denn Xenophobie, wird zwar durch Konkurrenz (insbesondere im Kapitalismus) gefördert, jedoch entsteht sie nicht aus ihr heraus, zumindest erscheint mir dies nicht vollkommen schlüssig.

    Xenophobie und Diskriominierung jeglicher Art, ob Rassismus, Homophobie oder auch Sexismus ist letztendlich ein Produkt von Gruppenzugehörigkeiten, welche vom Kollektiv definiert werden und in die Einzelpersonen sozialisiert werden.

    Wenn ich Mitglied einer sozialen Gruppe bin, welche für mich die „In-group“ darstellt, so werte ich meine eigene Gruppe auf, ich sehe positive Seiten, übersehe negative und da ich Teil dieser Gruppe bin werde ich mich hüten meine In-group schlecht zu machen da es gleichzeitig ein Angriff auf einen Teil meiner Identität, meines Selbst wäre.

    Das kann man bei sämtlichen Gruppen Beobachten von der „Igelgruppe“ im Kindergarten bis zur Einsatzhundertschaft. Konkurrenz facht dieses Verhalten natürlicherweise ungemein an, erzeugt es jedoch nicht und muss nichtmal vorhanden sein, um derartige Identifizierungsprozesse herzustellen.

    Wenn ich weiss, männlich, christlich, hetero bin und jemandem begegne (bei der ersten Begegnung natürlich aus der Distanz) der nicht Teil meiner Gruppe ist, dann merke ich als allererstes: Der ist nicht wie ich. Wenn man bereits sehen kann dass die Person gegenüber kein Teil der eigenen Gruppe ist geschieht dies schnell, wenn man es später herausfindet, beispielsweise durch ein Outing dann tritt der Effekt erst ein nachdem man erfahren hat, dass die Person zu einer Out-group gehört.

    Überhöhung der eigenen Gruppe wirkt gegenüber anderen Gruppen dementsprechend negativ und führt zu einer Abwertung dieser, dafür gibt es ja genug Alltags-Beispiele.

    Je stärker die Identifikation mit der eigenen Gruppe (Nation, Geschlecht etc.) desto stärker auch die Effekte von Überhöhung und Abwertung.
    Natürlich kann man sich von diesen Mustern in jeder Phase seines Lebens emanzipieren.
    Konkurrenz ist denke ich jedoch eher Katalysator als Ursache.

  21. 21 ekmek 17. Mai 2011 um 23:06 Uhr

    „Aber das habe ich auch nicht bestritten. Was Emek und ich bestreiten, ist, daß es wirklichkeits-adäquat ist, den Klassengegensatz zwischen Kapital und Lohnarbeit als „dichtomotisch“ zu bezeichnen“

    An der Definition was Proletarier und was Bougeois ist ändert das übrigens nichts.

    Wenn jemand Anteile beispielsweise über Aktien an Produktionsmitteln hat und dadurch finanzielles Plus aber dennoch lohnabhängig ist dann ist er natürlich trotzdem Proletarier,denn nur von den Aktien könnte er nicht Leben und ausgebeutet bleibt er.

    Wenn jemand genug Kapital hat, um davon zu Leben, ist er Bourgeois, auch wenn dieser jemand Lohnarbeit nachgeht, obwohl er es nicht müsste (beispielsweise Spitzenmanager).

    Wenn dies nicht auf die Definition zutrifft, so denke ich dass die Begriffe tatsächlich nicht mehr sinnig auf heutige Verhältnisse anzuwenden sind.
    (Was wie gesagt nichts an der Definition ändert.)

    Der Besitz von Produktionsmitteln ist noch komplizierter, denn nicht einmal mehr der Vorstandschef eines Unternehmens ist im Besitz der Produktionsmittel außer über Aktienanteile, wie alle anderen Teilhaber auch.

    Dazu kommt der Aspekt, dass Anleger und Teilhaber heutzutage zunehmend von den Unternehmen deren Anteile sie besitzen entfremdet sind (auch dadurch dass der Besitz der Aktien ständig wechselt), es sei denn sie haben direkten Einfluss auf das Unternehmen (welchen sie heute nur über eine hohen Posten im Unternehmen, also letztendlich als Lohnabhängige ausüben können).

  22. 22 TaP 17. Mai 2011 um 23:13 Uhr

    @ Zara:

    Technische Zwischenbemerkung: Mir ist nicht klar, warum Deine Kommentare z.Z. erst in der Moderationsschleife laden.

  23. 23 Zara 18. Mai 2011 um 12:50 Uhr

    Hallo ekmek

    Denn Xenophobie, wird zwar durch Konkurrenz (insbesondere im Kapitalismus) gefördert, jedoch entsteht sie nicht aus ihr heraus, zumindest erscheint mir dies nicht vollkommen schlüssig.
    Xenophobie und Diskriominierung jeglicher Art, ob Rassismus, Homophobie oder auch Sexismus ist letztendlich ein Produkt von Gruppenzugehörigkeiten, welche vom Kollektiv definiert werden und in die Einzelpersonen sozialisiert werden.

    Ich finde deine Argumentation bezüglich der Frage, wie Gruppen und die Abgrenzung zu anderen Gruppen funktionieren, vollkommen richtig. Du machst aber in meinen Augen einen Fehler, indem du Gruppen oder Kollektive als a priori gegeben setzt. Gruppen sind in deiner Argumentation irgendwie immer schon da und quasi Selbstzweck. Die materialistische Wendung, die Marx gegen Hegels Idealismus ins Feld führte, ist gerade das Pochen darauf, dass diese Kollektive eben nicht Manifestation einer Idee oder des Weltgeistes sind, sondern sich aus den materiellen Verhältnissen ergeben. Jedes Kollektiv vom Wolfsrudel, über die Mammutjäger, den bürgerlichen Staat bis hin zur Ehe lässt sich unschwer auf seinen Vorteil im Kampf um Ressourcen zurückführen. Diese große Erzählung, die TaP so ungerne liest, ist das materialistische Denken.
    Deshalb ist zwar deine Agumentation stringent, nur setzt sie einen Schritt zu spät an. Nämlich schon beim existierenden Kollektiv. Meine Argumentation setzt aber bereits bei der Entstehung eines Kollektivs ein.

    Der Besitz von Produktionsmitteln ist noch komplizierter, denn nicht einmal mehr der Vorstandschef eines Unternehmens ist im Besitz der Produktionsmittel außer über Aktienanteile, wie alle anderen Teilhaber auch.

    Dazu kommt der Aspekt, dass Anleger und Teilhaber heutzutage zunehmend von den Unternehmen deren Anteile sie besitzen entfremdet sind (auch dadurch dass der Besitz der Aktien ständig wechselt), es sei denn sie haben direkten Einfluss auf das Unternehmen (welchen sie heute nur über eine hohen Posten im Unternehmen, also letztendlich als Lohnabhängige ausüben können).

    Das stimmt ja alles und das ist sicherlich ein Problem für TaPs „kommunistische Agitation“, weil Kapitalismus nicht mehr simpel personifiziert im Fabrikbesitzer daher spaziert kommt, nur ändert das doch nichts an der Richtigkeit einer Definition. Für die Frage, ob eine Definition zutrifft, ist es unerheblich, ob man das, was sie definiert einfach fassen kann.

  24. 24 TaP 18. Mai 2011 um 14:02 Uhr

    „Ich finde deine Argumentation bezüglich der Frage, wie Gruppen und die Abgrenzung zu anderen Gruppen funktionieren, vollkommen richtig. Du machst aber in meinen Augen einen Fehler, indem du Gruppen oder Kollektive als a priori gegeben setzt. Gruppen sind in deiner Argumentation irgendwie immer schon da und quasi Selbstzweck. […]. Jedes Kollektiv vom Wolfsrudel, über die Mammutjäger, den bürgerlichen Staat bis hin zur Ehe lässt sich unschwer auf seinen Vorteil im Kampf um Ressourcen zurückführen. Diese große Erzählung, die TaP so ungerne liest, ist das materialistische Denken.“

    Ich finde den Einwand, daß ekmek quasi ‚zu spät‘ einsetze, das Funktionieren der Gruppen, aber nicht deren Entstehung erkläre, richtig. „Kampf um Ressourcen“ ist aber m.E. weiterhin nicht die zutreffende Antwort auf die richtige Frage. Und es scheint mir auch keine „materialistisch“ Antwort auf gesellschaftswissenschaftlichem Felde, also keine marxistische Antwort, zu sein; vielmehr bleibe ich bei meinem Verdacht, daß wir es hier mit einem problematischen Fall von ‚Interdisziplinarität‘ mit sozialdarwinistischen Implikationen zu tun haben.
    Mein Antwortvorschlag lautet: Große, gesellschaftsstrukturell relevante Gruppen entstehen aus der Verfestigung spontaner (in Marx‘ Sprache: naturwüchsiger, nicht: natürlicher!) Arbeitsteilung. Das schaffe ich aber erst in den nächsten Tagen auszuformulieren (heute erst einmal Vortrag um 19:30 h: „Über die Probleme des juristischen Politisierens und der politizistischen Juristerei. Zu den sog. ‚politischen Beweisanträgen‘ im Berliner mg-Prozeß“).

    Und ich werde dafür wahrscheinlich auch einen neuen Beitrag schreiben, denn mir scheint, daß sich unsere Diskussion über die Entstehung von Herrschaft und Ausbeutung ziemlich weit von dem Ausgangspunkt, dem Vorschlag der Gründung einer Neuen Antikapitalistischen – oder: Revolutionären – Organisation entfernt.
    Eine solche Organisation braucht keine umfassende, gemeinsame Geschichstheorie oder -philosophie, sondern eine gemeinsame Vorstellung davon, welche Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse heute existieren, wie sie funktionieren und wie sie überwunden werden können.

    Deshalb würde ich die hiesige Debatte ganz gerne etwas in die – von Zara nicht sonderlich geschätzte – Richtung der Realpolitik, die hier keine ‚Real‘politik, sondern reale Politik ist, verschieben – wozu dann allerdings auch diese von Zara angesprochene Frage gehören würden:

    „‚Klassenkampf‘ (wobei ich den Begriff schwierig finde, da die meisten etwas damit verbinden, was ich nicht meine. Mir fehlt aber zur Zeit noch eine Antwort auf die Frage, wie die Überwindung des Kapitalismus geschafft werden kann)“.

    Wie die Überwindung des Kapitalismus (Patriarchats, Rassismus) geschafft werden soll – auf diese Frage bräuchte eine solche Organisation in der Tat eine – weitgehend gemeinsame – Antwort.

  25. 25 TaP 18. Mai 2011 um 14:10 Uhr

    Ach,
    und im übrigen, der ‚Vorlauf‘ zur hiesigen theoretischen Diskussion ist dort zusammengestellt:

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/05/17/diskussion-ueber-antidiskriminierungspolitik-revolutionaerem-feminsmus-und-nebenwiderspruchs-marxismus/

  26. 26 Zara 18. Mai 2011 um 15:15 Uhr

    „Kampf um Ressourcen“ ist aber m.E. weiterhin nicht die zutreffende Antwort auf die richtige Frage. Und es scheint mir auch keine „materialistisch“ Antwort auf gesellschaftswissenschaftlichem Felde, also keine marxistische Antwort, zu sein; vielmehr bleibe ich bei meinem Verdacht, daß wir es hier mit einem problematischen Fall von ‚Interdisziplinarität‘ mit sozialdarwinistischen Implikationen zu tun haben.
    Mein Antwortvorschlag lautet: Große, gesellschaftsstrukturell relevante Gruppen entstehen aus der Verfestigung spontaner (in Marx‘ Sprache: naturwüchsiger, nicht: natürlicher!) Arbeitsteilung.

    Du bist ebenso wie ekmek schon einen Schritt weiter. Warum kam es überhaupt zur Arbeitsteilung? Warum hat sie sich verfestigt? Warum war man Fremden gegenüber vorsichtig oder feindlich gesinnt? Die Antwort darauf lautet, weil es ihnen Vorteile brachte. Ob man das jetzt sozialdarwinistisch liest und behauptet, dass die Gruppen, die die Hochschwangeren mit auf die Jagd genommen haben ausgestorben sind oder ob man den Menschen dieser Zeit die Erkenntnis zutraut, dass jemand, der im achten Monat schwanger ist, sich nicht so schnell bewegen kann, ist für meine These egal.

    Die naturwüchsige Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern entwickelte sich halt nicht spontan oder beliebig, sondern, nach meiner These, und ich weiß nicht, ob Marx das auch so fasste, aus gerade dieser Differenz zwischen Mann und Frau. Hier die Männer, die immer zur Jagd gehen konnten, dort die Frauen, die sich mehrere Monate im Jahr nur eingeschränkt an der Jagd beteiligen konnten. Dass sich dann aus der Arbeitsteilung Klassen und manche deiner „großen, gesellschaftsstrukturell relevante Gruppen“ entwickelten, stell ich nicht in Frage, da hat Marx einiges zu geschrieben. Mir geht es nur um den Punkt davor, um die Ursache und die kann ich materialistisch nur aus dem Kampf um Ressourcen herleiten.

  27. 27 TaP 19. Mai 2011 um 11:37 Uhr

    L.nsentrug erwähnt die hiesige Diskussion lobend: „erhellend“ und „spannend“.

    http://linsentrug.blogsport.de/2011/05/18/ohne-vernuenftigen-kartoffelsalat-kein-richtiger-arbeiterstaat/

  28. 28 TaP 21. Mai 2011 um 1:22 Uhr

    @ Entdinglichung (17.05.2011; 11:59 h):

    Ich bin immer noch nicht zum Lesen des dokumementierten Textes gekommen – aber immerhin mal kurz zur Vorbemerkung:

    „Der 1993 verfasste und hier nun zum Download bereitgestellte Text Kapitalismus und Hausarbeit. Betrachtungen über die Reproduktion als Grundlage kapitalistischer Geschlechterspaltung (pdf-Datei, 3,4 mb) der autonomen gruppe 1.Mai aus Stuttgart stellt einen der interessanteren und gelungeneren Versuche dar, Geschlechterverhältnisse unter Zuhilfenahme eines marxistischen Instrumentariums zu analysieren und diese als integrales und notwendiges Bestandteil der kapitalistischen Produktionsweise zu verstehen. Hiermit wandten sich die AutorInnen in der damaligen Debatte des Textes auch explizit einerseits gegen reduktionistische, die patriarchale Unterdrückung als nachrangigen Nebenwiderspruch ansehende wie auch gegen im Rahmen der Triple-Oppression-Ansatzes tendenziell von einer Getrenntheit patriarchaler beziehungsweise kapitalistischer (wie auch anderer) Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse ausgehenden Sichtweisen. Eine weitere Verbreitung oder eingehendere Rezeption, welche sich in der autonomen oder radikalen Linken niederschlug, fand der Text damals allerdings leider nicht.“

    Ich gehe meinerseits auch nicht von einer „Getrenntheit patriarchaler beziehungsweise kapitalistischer (wie auch anderer) Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse“ aus (Hv. d. TaP) – von einer „tendenziell[en …] Getrenntheit“ (Hv. d. TaP) allerdings schon.

    Oder genauer gesagt: Die verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse sind analytisch zu unterscheiden, weil sie nach unterschiedlichen ‚Logiken‘ funktionieren. Aber: Mal abgesehen von der Ur-Kommunismus-Hypothese, in der bisherigen realen Geschichte dürften immer mehrere Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse gleichzeitig bestanden und sich gegenseitig beeinflußt und modifiziert haben.

    Oder wie ich im vergangenen Jahr, stärker auf die politischen Konsequenzen fokussierend – im Rahmen der Butler/CSD/Rassismus-Diskussion – beim Mädchenblog geschrieben hatte:

    „Ich würde sagen, hypothetisch kann es eine Gesellschaft geben, die kapitalistisch ist, ohne sexistisch und ohne rassistisch zu sein. Die kapitalistische ‚Logik‘ ist als solche indifferent gegenüber den Geschlechtern und Rassen.
    Sie ist historisch kontingent mit Patriarchat und weißen Rassismus verbunden; genauso kontingent könnte sie auch mit umgekehrten Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen oder eben auch mit der Auflösung dieser Verhältnisse verbunden sein. [….].
    Eine ganz andere Frage wäre es, ob es in Anbetracht der (historisch kontingent) gegebenen Verpflechtung der verschiedenen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse faktisch möglich ist, sie unabhängig von einander wirklich erfolgreich zu bekämpfen.
    Da bin ich skeptisch,
    ohne das endgültig ausschließen zu wollen. […].
    Rassismus und Sexismus sind m.E. keine Folgen der kapitalistischen Produktionsweise.
    Notwendige (i.S.v. logisch erforderliche) Voraussetzungen der kap. PW sind sie aber auch nicht.
    Vielmehr handelt es um daneben bestehende Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse, die sich gegenseitig modifizieren, häufig gegenseitig stabilisieren – vielleicht aber auch gegenseitig destabilisieren können.“ (fett-Setzung hinzugefügt).

    Und:
    „Rassismus und Sexismus hängen nicht vom gesellschaftlichen Verhältnis ‚Kapitalismus‘ ab. Aber sie sind selbst gesellschaftliche Verhältnisse, und in dem Sinne ’sozial konstruiert‘, d.h. weder naturgegeben noch notwendigerweise ewig (omnihistorisch).“

  29. 29 TaP 21. Mai 2011 um 13:16 Uhr

    Der oben stehende Artikel wurde im übrigen am 18.5. auch von scharf-links veröffentlicht.

  30. 30 TaP 21. Mai 2011 um 23:33 Uhr
  31. 31 TaP 23. Mai 2011 um 17:38 Uhr

    Und noch zwei weitere Kommentare zur Debatte bei Entdinglichung:

    -- von mir
    und
    -- von Entdinglichung selbst.

  32. 32 TaP 24. Mai 2011 um 11:33 Uhr

    Anscheinend nicht die Bildung einer neuen antilkapitalistischen Organisation, aber eines antikapitalistischen Netzwerkes wird von der Sozialistischen Kooperation vorgeschlagen:

    „Im Rahmen dieser grob skizzierten Zielsetzungen streben wir eine Kooperation bereits existierender antikapitalistischer, jedoch meist zersplitterter Kräfte an. Es gilt, einen gesellschaftlich wahrnehmbaren antikapitalistischen Pol aufzubauen, der die solidarische Debatte zur Lösung anstehender Fragen pflegt und darüber hinaus gemeinsame Kampagnen und Initiativen voranbringt. Dabei erwarten wir keinen ‚Bruch’ und auch kein ‚Abschwören’ von der eigenen biografischen Vergangenheit oder organisatorischen Bindungen. Jede/r ist willkommen, der/die sich solidarisch einbringen.“

    (http://www.sozialistische-kooperation.de/soko_faq/soko_faq_antikap_netzwerk.pdf, S. 2 f.)

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