Rassismus – „Vorurteil“ oder gesellschaftliche Struktur?

Bereits 1984 wandte sich Jenny Bourne unter der Über­schrift „Für einen anti-​​rassistischen Femi­nis­mus“ gegen eine Kon­zep­tio­nie­rung von Ras­sis­mus als Samm­lung von „Vor­ur­tei­len“. Der Text wurde zunächst auf Eng­lisch in Lon­don vom Insti­tute of Race Rela­ti­ons ver­öf­fent­licht. Als – unge­hef­tete – Mini-​​Broschüre/​Flugschrift (ohne Ver­lags­an­gabe und Erschei­nungs­ort) wurde er wohl zunächst 1991 ins Deut­sche über­setzt und ver­brei­tet. Im Jahr dar­auf wurde er – zusam­men mit einem wei­te­ren Text der Ver­fas­se­rin in das Buch From Resis­tance to Rebel­lion. Texte zur Rassismus-​​Diskussion (Schwarze Risse /​ Rote Straße: Berlin/​Göttingen, 1992), das außer­dem Texte von A. Siva­n­an­dan und Fiz Fekete ent­hält, auf­ge­nom­men. Das fol­gende Zitat doku­men­tiert mit gering­fü­gi­gen Aus­las­sun­gen den Abschnitt „Ras­sis­mus – ein indi­vi­du­el­les Pro­blem?“ (S. 20 bis 23, wobei das Zitat bereits auf S. 22 endet. Der Beginn von S. 21 und 22 wird durch fett-​​gesetzte Zah­len in ecki­gen Klam­mern ange­zeigt)

„War die zen­trale Frage frü­her noch, ‚Wie kön­nen wir als Frauen den Ras­sis­mus bekämp­fen?’, so heißt es heute, ‚Warum ist die Frau­en­be­we­gung so weiß?’. Natür­lich müs­sen Femi­nis­tin­nen fra­gen, warum ihre Bewe­gung so aus­schließ­lich weiß ist. Auf ihre eigene Bewe­gung haben sie einen direk­ten Ein­fluß und damit aus­rei­chende Erfah­run­gen gemacht. Aber in der Art und Weise, wie diese Frage ange­gan­gen wird, ent­fer­nen sich Femi­nis­tin­nen von der genauen Ana­lyse des gesell­schaft­li­chen Ras­sis­mus und ihrer Mit­tä­ter­schaft, um ein orga­ni­sa­to­ri­sches Pro­blem inner­halb der Bewe­gung zu unter­su­chen. […] Ras­sis­mus [wird] als ein mora­li­sches Pro­blem behan­delt, als ein Stör­fak­tor der Frau­en­so­li­da­ri­tät, Ras­sis­mus wird redu­ziert auf ein zwi­schen­mensch­li­ches Pro­blem. Um zu ver­ste­hen, wie wir unsere schwar­zen Schwes­tern behan­deln, müs­sen wir unsere eige­nen Vor­ur­teile ver­ste­hen. Um unsere eige­nen Vor­ur­teile zu ver­ste­hen, müs­sen wir uns über deren Qua­li­tät und Her­kunft bewußt wer­den. Des­we­gen wird jetzt Bewußt­s­eins­bil­dung und anti-​​rassistisches Bewußts­eins­trai­ning in der Frau­en­be­we­gung pro­pa­giert und betrie­ben.
Die Befür­wor­te­rin­nen die­ses Bewußts­eins­trai­nings argu­men­tie­ren, daß Ras­sis­mus die Frauen ent­mensch­licht. (Genauso wie Sexis­mus angeb­lich die Män­ner ent­mensch­li­che.) […]. Erst ein­mal ist die Begrün­dung für den Kampf gegen Ras­sis­mus durch Bewußt­s­eins­bil­dung eher eine mora­li­sche als eine poli­ti­sche. Es geht dabei [21] näm­lich um die Befrei­ung der wei­ßen Mensch­heit von sich selbst. Zwei­tens beinhal­tet die Begrün­dung die Annahme, daß der Sexis­mus von Män­nern gegen­über Frauen gleich­ge­setzt wer­den kann mit dem Ras­sis­mus von Wei­ßen gegen­über Schwar­zen. Aber diese Annahme ist so nicht halt­bar. […]. Män­ner pro­fi­tie­ren von der Unter­drü­ckung und Unter­wer­fung von Frauen, und es gibt ein phy­si­sches und ökono­mi­sches Macht­ver­hält­nis des Man­nes gegen­über der Frau im häus­li­chen Zusam­men­le­ben. […]. Weiße bezie­hen (in den meis­ten Fälle keine direk­ten per­sön­li­chen Vor­teile aus der Unter­drü­ckung von ein­zel­nen [Hv. d. TaP] schwar­zen Men­schen. Aber weiße [recte: Weiße, TaP] pro­fi­tie­ren indi­rekt sehr wohl von der Tat­sa­che, daß ein gan­zes Sys­tem über den staat­li­chen Ras­sis­mus schwarze Men­schen nie­der­hält. […].
Es muß es gesagt wer­den, daß anti-​​rassistisches Bewußts­eins­trai­ning weder eine weib­li­che Inno­va­tion noch eine sub­ver­sive Tech­nik dar­stellt. Es ent­wi­ckelte sich dar­aus in Groß­bri­tan­nien und den USA (und auch in der BRD!) ein attrak­ti­ves Beschäf­ti­gungs­feld für Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rin­nen und Päd­ago­gin­nen im ‚Race-​​Relation-​​Geschäft’. Der Femi­nis­mus macht damit Anlei­hen bei der Pra­xis, die ein­deu­tig den kon­ser­va­ti­ven inte­gra­tio­nis­ti­schen Kräf­ten zuzu­rech­nen ist. Die Methode des Bewußtseinstraining[s, TaP] basiert letzt­end­lich auf der Annahme, daß es schlechte Bezie­hun­gen zwi­schen Wei­ßen und Schwar­zen gibt, die […] auf Miß­ver­ständ­nis­sen zwi­schen [22] ein­zel­nen Men­schen beru­hen. Weiße Men­schen müß­ten nur rich­tig erzo­gen wer­den (d.h. ohne Vor­ur­teile), und Schwarze müßte nur ihre kul­tu­relle Iden­ti­tät zuge­stan­den wer­den. Was ein grund­sätz­li­ches Pro­blem von Herr­schaft und Ökono­mie dar­stellt, wird auf eine per­sön­li­che und kul­tu­relle Ebene redu­ziert. Bewußts­eins­trai­ning führt uns somit weit weg von einer kla­ren Posi­tion, von der aus­ge­hend wir mit ande­ren Grup­pen (auch mit schwar­zen Grup­pen) arbei­ten könn­ten, und hin zu der Frage von per­sön­li­chen Ein­stel­lun­gen und Vor­ur­tei­len. Den Kampf gegen Ras­sis­mus zu füh­ren, heißt poli­ti­sche Fra­gen anzu­ge­hen. Vor­ur­teile zu bekämp­fen, heißt an den Iddeen [recte: Ideen,] von ein­zel­nen Men­schen anzu­set­zen. [Kor­rek­tur & Hv. d. TaP]
Einige Femi­nis­tin­nen befür­wor­ten die Methode des Bewußtseinstraining[s, TaP], indem sie behaup­ten, daß wir bei­des bräuch­ten: ein politisch-​​historisches Ver­ständ­nis von Ras­sis­mus und ein persönlich-​​politisches Bewußt­sein davon, wie er uns in unse­rem täg­li­che Leben beein­flußt. Aber, wenn wir von zwei getrenn­ten Ver­ständ­nis­sen aus­ge­hen und die Annahme ver­tre­ten, das eine sei ‚ortho­dox’ und das andere femi­nis­tisch, erlau­ben wir uns als Femi­nis­tin­nen damit, Pro­bleme von Ein­stel­lun­gen ohne die Ana­lyse der mate­ri­el­len Grund­la­gen zu behan­deln. [Hv. d. TaP] Anstatt das ‚Poli­ti­sche’ durch das ‚Per­sön­li­che’1 zu ergän­zen, löst die Methode des Bewußtseinstraining[s, TaP] Ein­stel­lun­gen aus dem gesell­schaft­li­chen Kon­text, so daß es zu einer spe­zi­el­len The­ra­pie ver­kommt, […]. Anstatt sich in der poli­ti­schen Pra­xis auf schwarze Men­schen zu bezie­hen, ver­sucht die­ses Trai­ning über Ein­stel­lun­gen zu schwar­zen Men­schen das Pro­blem Ras­sis­mus zu besei­ti­gen.
Ras­sis­mus mehr als ein per­sön­li­ches Pro­blem und nicht so sehr als ein ‚struk­tu­rel­les’ zu betrach­ten, gehört in der Zwi­schen­zeit zu einem all­ge­mei­nen Trend inner­halb der Frau­en­be­we­gung, der sich immer mehr gegen die Intel­lek­tua­li­sie­rung und Abs­trak­tion von The­men wen­det. Die Frau­en­be­we­gung hat in der Ver­gan­gen­heit sehr rich­tig her­aus­ge­stellt, daß das Per­sön­li­che poli­ti­sche sei, als Ant­wort auf den dog­ma­ti­schen Reduk­tio­nis­mus der wei­ßen männ­li­chen Lin­ken. Aber die beschrie­bene Strö­mung der Frau­en­be­we­gung (anti-​​rassistisches Bewußts­eins­trai­ning ist nur ein Teil davon), geht soweit, daß sie am Ende das Poli­ti­sche auf das Per­sön­li­che redu­ziert. Die per­sön­li­che Ver­än­de­rung wird ins Zen­trum gerückt. Eine Poli­tik gegen sexu­elle Unter­drü­ckung, die aus dem Satz ‚das Per­sön­li­che ist poli­tisch’ her­vor­ge­gan­gen ist, muß zu einer Neu­de­fi­nie­rung füh­ren, wenn Teile der reak­tio­nä­ren Mit­tel­schicht damit arbei­ten. Sie sagen, daß [recte: das, TaP] Per­sön­li­che sei das Poli­ti­sche, zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen seien Poli­tik, poli­ti­sche Macht wird redu­ziert auf per­sön­li­che Macht.“

In ihrem zwei­ten – wie sich erschlie­ßen läßt, 1987 oder spä­ter, aber vor 1992 ver­faß­ten – Auf­satz Home­lands of the minds, Jüdi­scher Femi­nis­mus und Iden­ti­täts­po­li­tik (mit einer Vor­be­mer­kung von 1992) (S. 109 – 145) in dem ein­gangs erwähn­ten Buch kri­ti­siert Jenny Bourne auf S.132 an Iden­ti­täts­po­li­tik, Macht werde durch diese „zual­ler­erst als ein per­sön­li­ches Pro­blem zwi­schen Indi­vi­duen ver­stan­den – zwi­schen Män­nern und Frauen, zwi­schen Wei­ßen und Schwar­zen, zwi­schen Nicht-​​Juden und Juden, zwi­schen Hete­ro­se­xu­el­len und Homo­se­xu­el­len – und nicht bezo­gen auf ein aus­beu­te­ri­sches Sys­tem, das hier­ar­chisch struk­tu­riert ist, […].“

Von mei­ner Seite aus sei dazu ergänzt, daß das nicht heißt, daß es falsch wäre, sich in der­ar­ti­gen ‚per­sön­li­chen’ Kon­flik­ten zu ver­hal­ten; falsch ist nur, sie als ‚per­sön­lich’ zu inter­pre­tie­ren bzw. sie in ihrer ‚per­sön­li­chen’ Form – ohne wei­tere Ana­lyse und Kon­se­quen­zen – schon für poli­tisch zu hal­ten.

Der Satz das „Per­sön­li­che ist poli­tisch“ ist also weni­ger eine empi­ri­sche schlichte Fest­stel­lung, als viel­mehr das Ein­for­dern und Ein­neh­men einer bestimm­ten Ana­ly­se­per­spek­tive und das Zie­hen der dann über­haupt erst mög­li­chen poli­ti­schen Kon­se­quen­zen. Der Satz ist die per­for­ma­tive Auf­for­de­rung zur Poli­ti­sie­rung des Pri­va­ten; keine Auf­for­de­rung zur Ent-​​Politisierung des Poli­ti­schen.

  1. „das ‚Poli­ti­sche’ durch das ‚Per­sön­li­che’“ – Groß­schrei­bung durch TaP. [zurück]
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2 Antworten auf „Rassismus – „Vorurteil“ oder gesellschaftliche Struktur?“


  1. 1 TaP 21. Juni 2011 um 18:25 Uhr

    Vgl. ergänzend den Doku-Beitrag:

    Frauen aus der „radikal“ (Nov. 1990): Wir weigern uns das Abklopfen des eigenen Selbst zum Nonplusultra zu erklären.

  2. 2 TaP 26. Juni 2016 um 19:20 Uhr

    Das Buch „From Resis­tance to Rebel­lion. Texte zur Rassismus-​​Diskussion“ gibt es inzwischen dort online:

    http://plaene.blogsport.eu/files/2016/01/bourne_resistance_rebellion.pdf

    Der Aufsatz Für einen feministischen Antirassismus von Jenny Bourne befindet sich dort auf den Seiten 80 – 108; das in obigem Artikel angeführte Zitat auf den Seiten 99 – 103.

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