Gegen den Strom

Ver­such einer Aktua­li­sie­rung der „Feministische[n] Kri­tik“ von 1993

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Ich doku­men­tierte hier kürz­lich eine „Femi­nis­ti­sche Kri­tik“ an der sog. Neuen Poli­tik der RAF seit 1992, die schließ­lich in nichts ande­res als den Zer­fall des Gefangenen-​​Kollektivs und der Selbst­auf­lö­sung der RAF mün­dete. Von Neuer Poli­tik keine Spur. Kapi­tu­la­tion auf der einen Seite. Und Hilf­lo­sig­keit auf der ande­ren Seite des anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Spek­trums.

(„Anti­im­pe­ria­lis­ti­scher Wider­stand“ oder kurz „Anti­imps“ bedeu­tete im dama­li­gen lin­ken Sprach­ge­brauch noch nicht [oder jeden­falls nicht in ers­ter Linie] – wie heute zumeist – Ori­en­tie­rung an reak­tio­nä­ren tri­kon­ti­nen­ta­len Regi­men und Bewe­gun­gen, son­dern eine gewisse Affi­ni­tät zum Ver­such der RAF und ande­rer west­eu­ro­päi­scher Gue­ril­la­grup­pen eine „anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Front in West­eu­ropa“ auf­bauen.1 Ich kam mit die­ser Szene 1989, wäh­rend des letz­ten gro­ßen Hun­ger­streiks der Gefan­ge­nen aus der RAF in losen, dis­tan­zier­ten Kon­takt, als sich diese Ori­en­tie­rung schon in einer, nun auch von den Akteu­rIn­nen selbst als sol­che erleb­ten Krise befand.)

Lese­rin Bäum­chen pos­tete zu dem doku­men­tier­ten Text von 1993 fol­gen­den Kom­men­tar:

„Vie­len Dank! Die Zivi­li­sa­ti­ons­theo­rie von Nor­bert Elias könnte erklä­ren, warum mir der Text zu Anfang sehr unan­ge­nehm erschien; Gewalt ist ver­pönt heut­zu­tage und mono­po­lo­siert, Zwänge inter­na­li­siert; der Mensch zivi­li­siert. Des­we­gen würde es mich inter­es­sie­ren, wie du zu die­sem Text stehst und wel­che Schlüsse du dar­aus für dich oder für den Femi­nis­mus ziehst.

Liebe Grüße!“

Auch, wenn ich nicht in der Lage bin, das bekun­dete Inter­esse („wie du zu die­sem Text stehst und wel­che Schlüsse du dar­aus für dich oder für den Femi­nis­mus ziehst“) wirk­lich sys­te­ma­tisch zu beant­wor­ten, sprengt doch auch schon ein dahin­ge­hen­der Ver­such jede ver­tret­bare Kommentar-​​Länge, sodaß ich dar­aus hier einen neuen Bei­trag mache. Auf­ge­wor­fen ist damit nicht weni­ger als die Frage nach den Per­spek­ti­ven revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik und eines revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­mus – und damit zunächst ein­mal das Pro­blem, diese über­haupt – und sei es auch nur intel­lek­tu­ell – zu rekon­stru­ie­ren.

I. Zur Haupt­these des Tex­tes

Bäum­chen schreibt, daß ihr der Text zunächst unan­ge­nehm erschien – und zwar viel­leicht des­halb, weil dort Gewalt – anders als zumeist – nicht ver­pönt ist. In der Tat, die – unab­hän­gig von der dama­li­gen Dis­kus­sion über die RAF – grund­le­gende These des Tex­tes lau­tet:

„in einer gesell­schaft, in der welt­weit frauen und mäd­chen auf­grund patri­ar­cha­ler macht­ord­nung unter­drückt wer­den, ver­ge­wal­tigt wer­den, ihre gefühle, ihre krea­ti­vi­tät, ihre kör­per, ihre phan­ta­sie, ihre lust, ihre arbeits­kraft, ihre intel­li­genz, ihr wis­sen aus­ge­beu­tet wer­den, in der frauen eine unter­stellte, eine kolo­ni­sierte soziale klasse sind, haben frauen indi­vi­du­ell und kol­lek­tiv die berech­ti­gung, mit jedem mit­tel gegen das sys­tem ihrer unter­drü­ckung und gegen jeden ein­zel­nen unter­drü­cker vor­zu­ge­hen!“

Ich kann die Schwie­rig­kei­ten von Bäum­chen mit die­ser kla­ren Ansage ver­ste­hen, denn ich habe es mei­ner­seits bis­her nicht ein­mal bis zu einem Stein­wurf auf einer Demo gebracht.2

Eine ernst­hafte Dis­kus­sion über Gewalt zu füh­ren, wie dies in der femi­nis­ti­schen Kri­tik von 1993 gemacht wurde, setzt aller­dings vie­les vor­aus – vie­les, was auch für die­je­ni­gen an lin­ker und femi­nis­ti­scher Poli­tik Betei­lig­ten wich­tig ist, die nicht gerne Steine wer­fen, Mol­lis bas­teln oder mit Kalasch­ni­kows raum­lau­fen.

Der Text von 1993 arti­ku­lierte noch eine Ein­sicht, die heute selbst viele, die ab und an mal bei Demos Steine schmei­ßen, nicht mehr haben (und die sich statt des­sen auf Kin­de­reien wie, „Die Bul­len haben doch aber zuerst ange­fan­gen.“, stüt­zen) – näm­lich die Ein­sicht, daß ‚wir’ (ich weiß, die­ses ‚wir’ exis­tiert heute nicht; und es exis­tierte auch 1993 nicht wirk­lich) irgend­wann die­je­ni­gen sein müs­sen, die ‚anfan­gen’ müß­ten, wenn es uns denn die Bul­len nicht abneh­men wür­den. Revo­lu­tio­näre Poli­tik ist nicht nur Selbst­ver­tei­di­gung; wir müs­sen mit dem Rücken von der Wand weg­kom­men, gegen die uns der staat­li­che, mas­sen­me­diale und auch von vie­len Lin­ken mit einem undif­fe­ren­zier­ten und exten­si­ven Gewalt-‚Begriff’ betrie­bene (Anti-)Gewalt-Diskurs drängt – das ist die These der Femi­nis­ti­schen Kri­tik:

„femi­nis­mus ist nicht nur selbst­ver­tei­di­gung mit dem rücken zur wand und dem grauen im her­zen. femi­nis­mus ist nicht allein der gesell­schaft­li­che rück­zug in frau­en­ge­mein­schaf­ten. das empö­ren gegen unge­rech­tig­keit, die wut im bauch, die theo­rie von unter­drü­ckung und ver­än­de­rung. femi­nis­mus ist mehr als die reak­tion auf poli­ti­sche umstände oder mate­ri­elle bedin­gun­gen. femi­nis­mus ist das bewußt­sein, nicht nur von ursa­chen der unter­drü­ckung, son­dern auch von bedin­gun­gen, not­wen­dig­kei­ten, mög­lich­kei­ten der ver­än­de­rung.“

Ent­spre­chend war auch Karl Marx der Ansicht:

„Die Gewalt ist der Geburts­hel­fer jeder alten Gesell­schaft, die mit einer neuen schwan­ger geht.“ (Das Kapi­tal. Bd. 1, 24. Kap., 6. Gene­sis des indus­tri­el­len Kapi­ta­lis­ten; MEW 23, 779).

Und Mao Tse-​​Tung sagte:

„Für alles Reak­tio­näre gilt, daß es nicht fällt, wenn man es nicht nie­der­schlägt.“ (Aus­ge­wählte Werke. Bd. IV, 7-​​23 [17]).

II. Zum dama­li­gen poli­ti­schen Kon­text und den Ver­schie­bun­gen, die bis heute ein­ge­tre­ten sind

1. Im Kon­text der vor­ge­nann­ten, in den 70er-​​ und 80er-​​Jahren auch von vie­len Femi­nis­tin­nen geteil­ten Ansicht, gab es auch Anfang der 1990er Jahre noch ganz andere femi­nis­ti­sche Struk­tu­ren als heute.
-- Es gab FrauenLesben-​​Räume, -Grup­pen, -Ver­an­stal­tun­gen, -Uni-​​Seminare, -Plena (inner­halb von Kon­gres­sen und grö­ße­ren gemisch­ten Grup­pen), FrauenLesben-​​Vollversammlungen an Unis und inner­halb der auto­no­men Szene (mit rele­van­ter zah­len­mä­ßi­ger Betei­li­gung), und FrauenLesben-​​Blöcke bei Demons­tra­tio­nen waren eine Selbst­ver­ständ­lich­keit – und all­das wurde auch gegen etwaig ein­drin­gende Män­ner ver­tei­digt.
-- Heute exis­tiert all­dies nur noch sel­ten, und, wenn, dann in Form von ent­spre­chen­den Frau­en­Les­benTrans-Struk­tu­ren.
-- Damit hatte die queere Biologismus-​​Kritik aber mehr­fa­che pro­ble­ma­ti­sche Effekte: Nicht nur wis­sen­schafts­theo­re­tisch gab es die starke Ten­denz, zurecht kri­ti­sierte bio­lo­gis­ti­sche Ten­den­zen in der Frau­en­be­we­gung durch einen (in dem Falle: zumeist dis­kurs­ana­ly­ti­schen) Idea­lis­mus zu erset­zen, son­dern auch poli­tisch wurde der (ver­meint­li­che) ‚Bio­lo­gis­mus’ (hier in Form eines stra­te­gisch reflek­tier­ten – also durch­aus nicht ein­fach unter „Bio­lo­gis­mus“ abzu­bu­chen­den – FrauenLesben-​​Separatismus) durch einen Idea­lis­mus, was hier meint: durch naive Prä­mis­sen und/​oder eine Ver­geis­ti­gung des Geschlechts, ersetzt.


Queer Femi­nis­mus – Dich­tung …
(Quelle: http://3.bp.blogspot.com/_inMGyJA1G_Q/S7jRSZ4P8WI/AAAAAAAAAMc/mLZzoxgYvaQ/s1600/tigre_indochine_02.jpg – Beschrif­tung hin­zu­ge­fügt)

Wäh­rend die ursprüng­li­che (de)konstruktivistische These lau­tete: Geschlecht ist kein unver­än­der­li­ches Wesen einer Per­son, son­dern ein Tun (doing gen­der) – wurde dar­aus in der poli­ti­schen Pra­xis: Geschlecht ist ein Selbst­ver­ständ­nis; wel­che sich als Frau defi­niert, muß auch als Frau behan­delt wer­den.
Damit wurde (femi­nis­ti­sche) Kri­tik an Trans-​​Wesen zu einem Tabu; und, wenn sie sich denn par­tout nicht ver­mei­den läßt, dann kann sie leicht unpro­duk­tiv eska­lie­rende For­men anneh­men, weil sie von allen mög­li­chen Pro­ble­men der Unter­schwel­lig­keit und Indi­rekt­heit (da der wirk­li­che Kri­tik­punkt mit einem Tabu belegt ist) sowie der Nicht-​​Rechtzeitigkeit und dann Übereilung/​Überreaktion (da auf­ge­staute Kon­flikte nicht mehr pro­duk­tiv bear­bei­tet wer­den kön­nen) belas­tet ist.
Und ein wei­te­res pas­sierte (ich würde den­ken, aus­ge­hend zunächst von der les­bi­schen Par­ty­kul­tur): In der Pra­xis spielte es gar keine große Rolle, ob FrauenLesben-​​Parties nun auf ein­mal zu Par­ties für Les­ben und andere Weib­lich­kei­ten oder sogar für Les­bi­ans & fri­ends wur­den.
Damit trat dann – in dem Maße, in dem die­ses ver­mut­lich zunächst Party-​​Phänomen auf poli­ti­sche Struk­tu­ren über­tra­gen wurde – der Effekt ein, daß es eigent­lich auch kei­nen Unter­schied mehr zwi­schen Mann-​​zu-​​FrauLesbe-​​trans­gen­dern3 und Män­nern gab.
Der Sepa­ra­tis­mus als sol­cher – ob nun bio­lo­gis­tisch oder macht-​​theoretisch oder wie auch immer begrün­det – ver­schwand weit­ge­hend. Damit wurde aber eine poli­ti­sche Grund­wahr­heit ver­ges­sen, die selbst dem bür­ger­li­chen Arbeits­kampf­recht bekannt ist: Effek­tive Orga­ni­sie­rung bedeu­tet die Mög­lich­keit zur geg­ne­rIn­nen­freien Orga­ni­sie­rung; nie­mandE kann gleich­zei­tig in einer Gewerk­schaft und in einem Arbeit‚geber’verband-Mitglied sein, ohne daß deren spe­zi­fi­scher Cha­rak­ter als Ver­ei­ni­gun­gen zur Ver­tre­tung spe­zi­fi­scher Inter­es­sen und Arbeitskampforga­ni­sa­tio­nen beein­träch­tigt wäre.

2. Mit jenem ‚Ver­ges­sen’ voll­zog der Femi­nis­mus eine all­ge­meine Ent­wick­lung im Zuge der (prä­ven­ti­ven und anti-‚real’sozialistischen) neo­li­be­ra­len Kon­ter­re­vo­lu­tion mit: In dem Maße, in dem der „Sach­zwang“ zum neue Star am poli­ti­schen Him­mel wurde, wurde das Reden über Inter­es­sens­ge­gen­sätze als sol­ches zum Tabu.4
Sozialdemokratisch-​​sozialpartnerschaftliche Poli­tik hatte schon immer einen sol­chen Zug; aber ‚68’ und die anschlie­ßen­den Neuen Sozia­len Bewe­gun­gen grenz­ten sich zunächst auch davon und auch von der sta­li­nis­ti­schen und post-​​stalinistischen Poli­tik der „fried­li­chen Koexis­tenz“ mit dem Impe­ria­lis­mus ab.
Im Zuge des ‚real­po­li­ti­schen’ Durch­mar­sches bei den Grü­nen, der NGO-​​isierung der Neuen Sozia­len Bewe­gun­gen und dem Zer­fall der Stadt­gue­ril­la­grup­pen blieb davon wenig übrig. Im sozialdemokratisch-​​gewerkschaftlichen Spek­trum wurde – das nach ’68 durch linke Betriebs­ar­beit teil­weise in Frage gestellte und abge­schwächte Kon­zept der „Sozi­al­part­ner­schaft“ durch „Bünd­nisse für Arbeit“, Ko-​​Management und Standort-​​Nationalismus noch radi­ka­li­siert.
In der neo­li­be­ra­len poli­ti­schen Kon­junk­tur gab und gibt es nur noch Pro­bleme und Lösun­gen, aber keine Inter­es­sens­ge­gen­sätze mehr.

3. Inso­fern läßt sich auch die post-​​1989er femi­nis­ti­sche Dis­kus­sion (egal, ob es sich um aka­de­mi­sche und links­ra­di­kale queer-​​Diskussionen oder um grün-​​sozialdemokratisches bis konservativ-​​neoliberales gen­der main­strea­ming oder um ganz neue Wie­der­be­schäf­ti­gun­gen klas­sen­kämp­fe­ri­sche Ansätze mit der „Frau­en­frage“ han­delt5) auf den Gene­ral­nen­ner brin­gen: Der 70er-​​ und 80er-​​Jahre-​​Feminismus war nicht nett genug zu Män­nern.
Gemein­sam6 statt Sepa­ra­tis­mus – Sozi­al­part­ne­rIn­nen­schaft auf ‚femi­nis­tisch’.


… und Wahr­heit?
(Quelle: http://​www​.auf​blas​ba​res​.de/​i​m​a​g​e​s​/​p​l​u​e​s​c​h​/​8​8​8​2​8.jpg – Beschrif­tung hin­zu­ge­fügt)

4. Im aka­de­mi­schen und links­ra­di­ka­len Bereich (ein­schl. der von die­sen beein­fluß­ten Teile der Neuen Sozia­len Bewe­gun­gen) hatte ‚queer’ bzw. die o.g. Biologismus-​​Kritik einen wei­te­ren Effekt: Femi­nis­mus wurde weit­ge­hend auf eine ‚Soli-​​Veranstaltung’ mit Trans-​​ und Inter-​​Wesen redu­ziert, und die The­men des 70er-​​ und 80er-​​Feminismus (Män­ner­ge­walt gegen Frauen [wird am ehes­ten noch jeden­falls in femi­nis­ti­schen blogs the­ma­ti­siert); geschlechts­hier­ar­chi­sche Haus-​​ und Erwerbs­ar­beits­ver­tei­lung; Frau­en­lohn­dis­kri­mi­nie­rung7; § 218) fal­len­ge­las­sen, ohne daß sie erle­digt wären, oder jeden­falls an den Rand gedrängt bzw. insti­tu­tio­nel­lem gen­der main­strea­ming – mit ent­spre­chen­den inhalt­li­chen Abstri­chen ggü. femi­nis­ti­schen Posi­tio­nen – zur Bear­bei­tung über­las­sen.

5. Daran ändern auch neuste Ansätze einer feministisch-​​queeren „Ökonomie-​​Kritik“ wenig:
Wenn diese „Kri­tik“ unter dem Motto läuft: „Wir woll­ten weder begriff­lich noch ana­ly­tisch vor­le­gen“ /​ „ist ganz stark offen“ /​ „in den Raum wer­fen und ein­la­den“ /​ „Fra­gen“ (http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​3​/​0​1​/​u​n​d​-​n​o​c​h​m​a​l​-​q​u​e​e​r​f​e​m​i​n​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​o​e​k​o​n​o​m​i​e​k​r​itik/), dann ist auch feministische-​​queere Ökonomie-​​Kritik nur ein wei­te­rer Name für die intel­lek­tu­elle (ana­ly­ti­sche) (und poli­ti­sche sowie) Kapi­tu­la­tion vor dem sta­tus quo.

6. In der der­ar­ti­ger Belie­big­keit und Zahn­lo­sig­keit gehen ein post­mo­der­ner wis­sen­schafts­theo­re­ti­scher Rela­ti­vis­mus (Es gibt keine Wahr­heit!) und ältere mar­xis­ti­sche, femi­nis­ti­sche und anti-​​rassistische Standpunkt-​​Theorien (Die Wahr­heit liegt beim Pro­le­ta­riat!; Die Wahr­heit liegt bei der schwar­zen, jüdi­schen, les­bi­schen Roll­stuhl­fah­re­rin!) ein untun­li­ches Bünd­nis ein:
Wenn denn heute über­haupt noch etwas als „männ­lich“ oder „patri­ar­chal“ kri­ti­siert wird, dann am ehes­ten, über­haupt eine Posi­tion zu ver­tre­ten. Von einer Posi­tion mehr als vage sub­jek­tiv über­zeugt zu sein, oder gar über­zeugt zu sein, daß Behaup­tun­gen bewie­sen und Vor­schläge begrün­det wer­den müs­sen – und zwar in einer Weise, die auch für Dritte nach­voll­zieh­bar ist8 und die nicht nur um den eige­nen Bauch­na­bel kreist, gilt am ehes­ten noch als „patri­ar­chal“.
Noch mehr auf der Höhe der Zeit ist aller­dings, auch in die­sem Fall die Begriffe „männ­lich“ oder „patri­ar­chal“ zu mei­den – es sei denn, ihre Ver­wen­dung wäre wirk­lich unab­weis­lich not­wen­dig, um (in Form eines ad homi­nem-Gegen­schla­ges) Angriffe auf queere Belie­big­keit und Zahn­lo­sig­keit wirk­sam abzu­weh­ren – und statt des­sen lie­ber von „domi­nant“, „dis­kri­mi­nie­rend“ oder „überg­rif­fig“ zu reden. Eine Posi­tion zu haben, von ihr über­zeugt zu sein und dafür expli­zier­bare und expli­zierte Gründe zu haben und folg­lich die eige­nen Posi­tion ande­ren Posi­tio­nen gegen­über vor­zu­zie­hen und die eigene Posi­tion auch ande­ren Leu­ten anzu­ra­ten – das ist heute der defi­ni­tive Angriff auf den Frie­den im queer-​​feministischen Schre­ber­gar­ten.9 Wenn auch nichts heute femi­nis­ti­schen Zorn her­vor­ru­fen kann – dies ruft garan­tiert den Vor­wurf „Dis­kri­mi­nie­rung“ und „überg­rif­fig“ von nicht nur eineR her­vor.10

III. Für eine Rück­er­obe­rung des Wor­tes „Femi­nis­mus“ für revo­lu­tio­näre Poli­tik
Und des­halb gefällt mir die Femi­nis­ti­sche Kri­tik von 1993 so sehr – weil sie bean­sprucht, femi­nis­tisch zu sein,
-- obwohl und gerade weil sie eine klare Posi­tion arti­ku­liert
-- und folg­lich andere Posi­tio­nen klar und deut­lich kri­ti­siert11
-- und dabei gegen den gan­zen Strom der Adres­sa­tIn­nen schwimmt. –

Gegen den Strom zu schwim­men, das machen nicht nur nicht Femi­nis­tin­nen; das mach­ten auch Lenin und Sino­wjew wäh­rend des ers­ten Welt­krie­ges12


(Quelle: http://​www​.buch​freund​.de/​c​o​v​e​r​s​/​1​3​3​3​7​/​P​1​2​8​3​5.jpg)

und das wäre auch das, was aus dem dekonstruktivistisch-​​queeren Kon­zept der Ent-​​Identifizierung wirk­lich zu ler­nen wäre;13 und zwar gerade in Bezug auf den in der Vor­be­mer­kung andeu­tungs­weise ange­spro­che­nen Kon­flikt zwi­schen Impe­ria­lis­mus und reak­tio­nä­rem Anti­im­pe­ria­lis­mus: Ähnlich wie sich die Bol­sche­wiki sowohl gegen den rus­si­schen Impe­ria­lis­mus als auch gegen den deut­schen Impe­ria­lis­mus und gegen die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Vater­lands­ver­tei­di­gung in jedem Land stell­ten, so erfor­dert revo­lu­tio­näre Poli­tik heute eine dop­pelte Absage sowohl an den west­li­chen, mili­tä­ri­schen und zivil­ge­sell­schaft­li­chen, uni­ver­sa­lis­ti­schen Menschenrechts-​​Missionarismus als auch an den reak­tio­nä­ren Anti­im­pe­ria­lis­mus. Beide sind im Namen anti­pa­tri­ar­cha­ler, anti­ka­pi­ta­lis­ti­scher und anti­ras­sis­ti­schen Par­tei­lich­keit zu bekämp­fen.

Das ist also die erste Lehre, die wir auch heute noch aus der Femi­nis­ti­schen Kri­tik von 1993 zie­hen kön­nen:
-- Es gibt keine revo­lu­tio­näre Poli­tik, die nicht gegen den Strom schwimmt.
-- Revo­lu­tio­näre Poli­tik hängt heute zu aller­erst daran, den Begriff des Ant­ago­nis­mus, selbst noch den harm­lo­se­ren des Inter­es­sens­ge­gen­sat­zes, in die heu­tige poli­ti­sche Spra­che wie­der­ein­zu­füh­ren, die nur noch „Pro­bleme“, „Lösun­gen“ und viel­leicht noch „Miß­ver­ständ­nisse“ – und im übri­gen ganz viiiiel „guten Wil­len“ kennt.
-- Revo­lu­tio­näre Poli­tik ist aller­dings genauso wenig wie Geschlecht ein Wille, son­dern eine Pra­xis – eine Pra­xis, die damit beginnt, nicht nur end­los Fra­gen zu stel­len, son­dern auf eige­nes Risiko zumin­dest Hypo­the­sen zur Beant­wor­tung von Fra­gen vor­zu­schla­gen und für sie zu argu­men­tie­ren.

Vgl. ergän­zend:
Kuschel­sex oder Kuschel­po­li­tik? Lesbisch-​​kommunistische De-​​Konstruktion oder ex-​​autonom-​​postmoderner Libe­ra­lis­mus?
und
De-​​konstruktiv oder destruk­tiv? – queer Les­bia­nis­mus
sowie
Bom­bar­diert das Haupt­quar­tier der Philosophen-​​Könige (Engl. ver­sion)
mit der These:

„Der Kom­mu­nis­mus ist […] kein irdi­sches Para­dies der uni­ver­sel­len Gemein­sam­keit, son­dern der kon­krete und nega­tive Kampf gegen jede Form von Herr­schaft und Aus­beu­tung, keine neue ideale Ord­nung; kein Ende der Geschichte. Ich möchte [… in die­sem] Sinne einen Satz von Alt­hus­ser über den Huma­nis­mus mei­ner­seits gegen den Uni­ver­sa­lis­mus wen­den: Alt­hus­ser sagte, das Wort „Huma­nis­mus“ tötet den Klas­sen­kampf. Der Uni­ver­sa­lis­mus […] tötet eben­falls den Klas­sen­kampf, tötet femi­nis­ti­sche Kämpfe, tötet anti­ras­sis­ti­sche Kämpfe. Gesell­schaft­li­che Kämpfe sind Kämpfe zwi­schen par­ti­ku­la­ren Inter­es­sen; revo­lu­tio­näre Kämpfe sind Kämpfe, die sich nicht mit einem Kom­pro­miß zwi­schen Herr­schen­den und Beherrsch­ten, zwi­schen Aus­beu­ten­den und Aus­ge­beu­te­ten beschei­den. Und über den kämp­fen­den par­ti­ku­la­ren ant­ago­nis­ti­schen Inter­es­sen steht kein Uni­ver­sel­les, das die Ant­ago­nis­men schließ­lich einer phi­lo­so­phi­schen Syn­these zuführt.“

und schließ­lich zum theo­re­ti­schen Kon­text:
Plu­ra­lis­mus und Ant­ago­nis­mus – Eine Rekon­struk­tion post­mo­der­ner Les­wei­sen –.

  1. Vgl. dort http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​0​6​/​2​3​-​s​t​d​-​v​o​r​-​v​e​r​a​n​s​t​a​l​t​u​n​g​-​k​o​n​z​e​r​t​-​b​e​g​i​n​n​-​z​i​e​m​l​i​c​h​-​v​i​e​l​-​u​n​k​l​a​r​e​s​/​#​c​o​m​m​e​n​t-132 den letz­ten Abschnitt „Nach­be­mer­kung zum anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Anspruch der MD-​​VerteidigerInnen und dem MD-​​Stück ‚Ter­ror tou­chit’“ [zurück]
  2. Und mir scheint, ich muß dies­bzgl. auch kein über­mä­ßig schlech­tes Gewis­sen haben: So wenig sich bestrei­ten läßt, daß so man­che Scherben-​​Demo effek­tiv Auf­merk­sam­keit auf bestimmte The­men gelenkt hat, so klar ist aber auch, daß Steine auch mehr als ein­mal vom Anlaß, aus dem sie gewor­fen wur­den, ablenk­ten.
    Und zumal gilt: Solange die Situa­tion so ist, wie schon 1992 von „frauen […] aus ver­schie­de­nen poli­ti­schen berei­chen“ kri­ti­siert – näm­lich, daß

    „auto­nome poli­tik als ‚lücken­fül­ler‘ für funk­tio­nen, die kir­chen, par­teien, huma­nis­ti­sche kräfte nicht mehr beset­zen“

    funk­tio­niert, gilt auch in Bezug auf Steine schmei­ßen, meine Kri­tik am tCSD, der ohne Steine aus­kommt: Auch das Steine Schmei­ßen ist dann nur eine Geste, die keine Hand­lung ist – jeden­falls keine revo­lu­tio­näre. [zurück]

  3. Hier im wei­ten Sinne, d.h. unter Ein­fluß und nicht als Gegen­be­griff zu Trans­se­xu­el­len ver­stan­den. [zurück]
  4. Dem­ge­gen­über bemän­gelte die Femi­nis­ti­sche Kri­tik: „von dem in sich schon unvoll­stän­di­gen ant­ago­nis­mus ‚pro­le­ta­riat’ – ‚bour­geoi­sie’ ist nichts mehr übrig­ge­blie­ben, die rede ist nur noch von ‚men­schen’. im kon­text der ‚herr­schen­den ver­hält­nisse’ von ‚men­schen’ zu spre­chen, negiert die gesamte ausbeutungs-​​ und gewalt­hier­ar­chie im impe­ria­lis­ti­schen patri­ar­chat.“ Und sie pos­tu­lierte: „jede politische/​gesellschaftliche ent­wick­lung ent­steht aus der dia­lek­tik des auf­stan­des von unten gegen die herr­schaft von oben.“ [zurück]
  5. Siehe bspw. die Bro­schüre „100 Jahre Inter­na­tio­na­ler Frau­en­kampf­tag. Zusam­men­kämp­fen gegen Patri­ar­chat, Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung“ mit Tex­ten von ARAB (Anti­fa­schis­ti­sche Revo­lu­tio­näre Aktion Ber­lin), Deut­scher Kom­mu­nis­ti­scher Par­tei (DKP) Ber­lin, Sozia­lis­ti­scher Deut­scher Arbei­ter­ju­gend (SDAJ) Ber­lin, Kur­dis­tan Soli­da­ri­täts­ko­mi­tee Ber­lin, A.-K. Kowarsch und Sozia­lis­ti­scher Lin­ker Ham­burg (SoL) (http://​8ma​erz​.blog​sport​.de/​i​m​a​g​e​s​/​8​m​a​e​r​z.pdf)
    Die Bro­schüre läuft sie mit The­sen wie

    „Weil das Patri­ar­chat unmit­tel­bar mit dem Kapi­ta­lis­mus zusam­men­hängt, müs­sen die Kämpfe um die Befrei­ung der Frau und der Kampf gegen den Kapi­ta­lis­mus ver­bun­den wer­den.“ (S. 29; siehe dort auch den letz­ten Satz)

    und

    „sind wir der Mei­nung, dass es im Kapi­ta­lis­mus keine gleich­be­rech­tigte geschlech­ter­be­freite Gesell­schaft geben kann.“ (S. 2)

    auf eine Restau­ra­tion der prä-​​feministischen These vom „Haupt­wi­der­spruch Klas­sen­kampf“ hin­aus. –
    Das im Haupt­text in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzte Wort „Frau­en­frage“ kommt in der Bro­schüre nicht vor; ich ver­wende es den­noch, weil es in jenem Spek­trum der her­kömm­li­che Aus­druck ist, mit dem sich auf das hier inter­es­sie­rende Gegen­stands­feld (Geschlech­ter­ver­hält­nis) bezo­gen wird. [zurück]

  6. Siehe den Titel der vor­ge­nann­ten Bro­schüre und genauso den Auf­ruf des glei­chen Spek­trums (lt. gedruck­ter Fas­sung von: junge Welt, SDAJ, Kur­dis­tan Soli­ko­mi­tee, DKP Ber­lin, ARAB, Zusam­men­kämp­fen Ber­lin, Anti­fa­schis­ti­sche Aktion [scil. ALB?] + ein Gruppen-​​Logo ohne Namen) zu einer Ver­an­stal­tung am 8. März und einer gemisch­ten Demons­tra­tion am 11. März: „Her­aus zum 8. März 2011: Zusam­men kämp­fen“ (http://​8ma​erz​.blog​sport​.de/​a​u​fruf/).
    In die­ser Ten­denz – ggü. den Ein­sich­ten des 70er und 80er Jahre-​​Feminismus – die Inter­es­sens­ge­gen­sätze zwi­schen Män­nern und Frauen zu nivel­lie­ren, die Mög­lich­keit eines Zusam­men­kämp­fens gegen das Patri­ar­chat zu behaup­ten, waren sich bei der genann­ten Ver­an­stal­tung – unge­ach­tet der sons­ti­gen Unter­schiede hin­sicht­lich theo­re­ti­schem back­ground und Sprach­stil – auch die Ver­tre­te­rin­nen eher tra­di­tio­na­lis­ti­scher Posi­tio­nen und die Ver­tre­te­rin einer queer-​​feministischen Gruppe auf dem Podium einig.
    Ein Kampf gegen das Patri­ar­chat setzt aber die Bereit­schaft, nicht die Herr­scher­po­si­tion in die­sem gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis ein­zu­neh­men, also im Falle von Män­nern, die Bereit­schaft, ihre männ­li­che Iden­ti­tät auf­zu­ge­ben, vor­aus. Also ist ein „Zusam­men­kämp­fen“ allen­falls mit Ex-Män­nern mög­lich – und selbst dann nicht ohne das im Haupt­text ange­spro­chene Recht auf femi­nis­ti­sche Kri­tik an Trans-​​FrauenLesben, mich ein­ge­schlos­sen! (Män­ner kön­nen, wenn wir nicht bio­lo­gis­tisch sein wol­len, qua defi­ni­tio­nem bes­ten­falls wohl­wol­lend, soli­da­risch oder neu­tral gegen­über dem femi­nis­ti­schen Kampf sein, aber nicht des­sen Subjekte/​Protagonisten). –
    Etwas ganz ande­res, als anläß­lich des 8. März eine gemischte Demo zu ver­an­stal­ten, wäre es im übri­gen, zum einen eine FrauenLesben(Trans)-Demo zu ver­an­stal­ten, hin­ter der im Abstand von 500 Metern zum ande­ren eine pro-​​feministische Män­ner (und Trans-)Demo läuft und in deren Auf­ruf sich Män­ner (und Trans-​​Wesen) mit ihrer Rolle im Patri­ar­chat und wel­chen Bei­trag sie dazu­leis­ten kön­nen und wol­len, beide (ihre Rolle und das Patri­ar­chat im all­ge­mei­nen) zu über­win­den, aus­ein­an­der­set­zen. Dann würde sich Män­ner (und Trans-​​Wesen) näm­lich nicht ‚Lieb Kind’ bei Frau­en­Les­ben mit­ma­chen, aber in der Außen­wahr­neh­mung einer gemisch­ten Demo weit­ge­hend unter­ge­hen, son­dern sicht­bar Soli­da­ri­tät zei­gen und sich mit den gesell­schaft­li­chen Reak­tio­nen (insb. von Män­nern) dar­auf aus­ein­an­der­set­zen müs­sen – also ganz im Sinne des­sen, was Ingrid Strobl schon Anfang der 90er Jahre pos­tu­lierte: „Frauen, die das Macht­ver­hält­nis zwi­schen Frauen und Män­nern bekämp­fen, Frauen, die der patri­ar­cha­len Norm […] den Krieg erklä­ren, Frauen, die die herr­schen­den Ver­hält­nisse, die Herr­schaft im wah­ren Sinne des Wor­tes radi­kal auf­he­ben wol­len, bedür­fen nicht so sehr der männ­li­chen Genos­sen, die sich für ihre Freunde hal­ten, als der männ­li­chen Genos­sen, die bereit sind, zum Feind des Man­nes zu wer­den.“ (http://​www​.ster​neck​.net/​g​e​n​d​e​r​/​s​t​r​o​b​e​l​-​f​r​e​i​h​e​i​t​/​i​n​d​e​x.php). [zurück]
  7. Im klas­sen­kämp­fe­ri­schen Spek­trum wird dage­gen die Erklä­rung der Frau­en­lohn­dis­kri­mi­nie­rung aus ihrer angeb­li­chen Kapital-​​Funktionalität wie­der­be­lebt: „durch die Abwer­tung der Frau­en­ar­beit kann der Wert der Ware Arbeits­kraft auch ins­ge­samt gedrückt wer­den.“ (S. 15 der in FN 5 genann­ten Bro­schüre). Dadurch, daß das Kapi­tal Män­nern (jeden­falls in for­dis­ti­scher Zeit) „Fami­li­en­löhne“ zahlte, ‚sparte’ das Kapi­tal aber nichts.
    Denn: Egal, ob nun Haus-​​ und Erwerbs­ar­beit zwi­schen den Geschlech­tern gleich oder ungleich ver­teilt ist – auf jeden Fall müs­sen die Löhne, den – historisch-​​kulturell wan­del­ba­ren – Repro­duk­ti­ons­be­darf der gesam­ten Fami­lie decken. Der „Fami­li­en­lohn“ (bei Zuwei­sung der Haus­ar­beit nahezu exklu­siv an Frauen) bedeu­tete also keine ‚Erspar­nis’ für das Kapi­tal, son­dern aus­schließ­lich, daß das Geld für den Repro­duk­ti­ons­be­darf von Frauen durch die Taschen von Män­nern floß, die dadurch Kontroll-​​Macht über Frauen erlang­ten.
    Auch für die heu­tige neo­li­be­rale Kon­stel­la­tion läßt sich nicht sagen, das Kapi­tal würde als han­deln­des Sub­jekt Frau­en­ar­beit „abwer­ten“. Bestimmte Arbeit wird nicht schlecht bezahlt, weil deren Aus­übung durch Frauen als Alibi genom­men würde, sie schlecht zu bezah­len, son­dern: Weil wir in einem Patri­ar­chat leben wird schlecht bezahlte Arbeit über­pro­por­tio­nal Frauen zuge­wie­sen.
    Vgl. aus­führ­li­cher zur Kri­tik von Ansät­zen, die das Patri­ar­chat aus sei­ner (ver­meint­li­chen) Kapital-​​Funktionalität erklä­ren: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​1​0​/​1​3​/​z​u​r​-​k​r​i​t​i​k​-​d​e​s​-​m​a​r​x​i​s​t​i​s​c​h​-​g​e​g​e​n​s​t​a​n​d​p​u​n​k​l​e​r​i​s​c​h​e​n​-​k​l​e​i​n​r​e​d​e​n​s​-​v​o​n​-​s​e​x​i​s​m​u​s​-​u​n​d​-​p​a​t​r​i​a​r​chat/ [Abschnitt „zu I.“, Abschnitt c)] und bes. http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​1​9​9​1​/​1​1​/​1​6​/​w​o​-​v​i​e​l​-​l​i​c​h​t​-​i​s​t​-​i​s​t​-​a​u​c​h​-​v​i​e​l​-​s​c​h​a​tten/ [Abschnitt II.B.2.]. [zurück]
  8. Vgl. meine Kri­tik daran, daß die letzt­jäh­ri­gen Rassismus-​​Vorwürfe gegen den main­stream-CSD zunächst ohne jed­wede Belege vor­ge­bracht wur­den: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​i​m​a​g​e​s​/​B​u​t​t​e​r​_​b​e​i​_​d​i​e​_​F​i​s​c​h​e.pdf; zum spä­te­ren Stand der Debatte, der die­sen Man­gel etwas besei­tigte: http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​7​/​0​4​/​n​a​-​a​l​s​o​-​w​a​r​u​m​-​n​i​c​h​t​-​g​l​e​i​c​h-so/; zur wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Seite des Pro­blems: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​1​1​/​0​7​/​k​o​n​v​e​r​g​e​n​z​e​n​-​d​e​s​-​w​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​s​t​h​e​o​r​e​t​i​s​c​h​e​n​-​r​e​l​a​t​i​v​i​smus/. [zurück]
  9. Die Femi­nis­ti­sche Kri­tik läßt sich für die­sen „Frie­den“ nicht aus­beu­ten: „frauen sind auf­grund ihrer sozia­li­sa­tion auf frie­den und har­mo­nie ein­ge­schwo­ren. wir beob­ach­ten, daß auch viele linke frauen immer mehr vor der kon­fron­ta­tion mit den ver­hält­nis­sen zurück­wei­chen, pro­tes­tie­ren, wachen, sich zurück­zie­hen.
    femi­nis­tin­nen wis­sen, daß die herr­schende rea­li­tät immer beängs­ti­gen­der wird. aber sie wis­sen auch, daß sich ducken nicht vor schlä­gen schützt, daß die herr­schen­den die unsi­cher­hei­ten benut­zen wol­len, um die einen gefü­gig zu machen und zu inte­grie­ren und die ande­ren zu iso­lie­ren und anzu­grei­fen.“
    Und die Femi­nis­ti­sche Kri­tik macht in dem Zusam­men­hang eine Unter­schei­dung zwi­schen femi­nis­ti­scher Bewe­gung und Frau­en­be­we­gung: „für die femi­nis­ti­sche bewe­gung heute ist es wich­tig, zu ver­ste­hen, daß die frauenbewe­gung damals und mehr­heit­lich auch heute noch orga­ni­sierte mili­tante poli­tik viel­fach prak­tisch ablehnt, ja bereits theo­re­tisch für unan­ge­mes­sen, weil ‚unweib­lich’ erklärt.“ (Hv. hin­zu­ge­fügt). –
    Auch die Rote Zora pos­tu­lierte: „Mag sein, daß es erschreckt, wenn Selbst­ver­ständ­li­ches in Frage gestellt wird, daß Frauen, die von klein auf die Opfer­hal­tung ein­ge­bleut krie­gen, ver­un­si­chert sind, wenn sie damit kon­fron­tiert wer­den, daß Frauen weder Opfer noch fried­fer­tig sind. Das ist eine Her­aus­for­de­rung. Die Frauen, die ihre Ohn­macht wütend erle­ben, fin­den sich in unse­ren Aktio­nen wie­der.“ (http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​i​m​a​g​e​s​/​E​m​m​a​_​R​o​t​e​_​Z​o​r​a.pdf, S. 8). [zurück]
  10. Bei­spiel (in eige­ner Per­son) – das Ende die­ser Dis­kus­sion: http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​1​1​/​0​4​/​1114/. Andere online-​​ und offline-​​Beispiele (eben­falls in eige­ner Per­son) könnte ich anfüh­ren. [zurück]
  11. In der Femi­nis­ti­schen Kri­tik heißt es: „die raf betont außer­dem, daß wir in einer zeit leben, in der die gewalt so weit bis in jede zwi­schen­mensch­li­che bezie­hung vor­ge­drun­gen sei, daß das mit­tel der gewalt damit stumpf und ent­wer­tet und somit auf­zu­ge­ben sei – und alle müß­ten nun ‚ganz neu über­le­gen’.
    dem femi­nis­mus ist ein gewis­ses bewußt­sein über das aus­maß der struk­tu­rel­len und indi­vi­du­el­len gewalt wäh­rend der letz­ten zwei-​​ bis vier­tau­send jahre von män­nern gegen­über frauen vor allem in ‚zwi­schen­mensch­li­chen bezie­hun­gen’ zu ver­dan­ken. wer so argu­men­tiert [sicher­lich gemeint: so, wie die RAF – TaP], ent­waff­net den auf­stand von unten: direkt und geschicht­lich, psy­cho­lo­gisch, emo­tio­nal, poli­tisch. […]. es ist not­wen­dig, öffent­lich zu unter­schei­den zwi­schen faschis­ti­scher gewalt, gewalt­mo­no­pol des staa­tes und rebel­lion von unten; es ist not­wen­dig, posi­tion zu bezie­hen.
    wenn die raf ihre auf­for­de­rung zum gewalt­ver­zicht gefühls­be­tont zu unter­mau­ern ver­sucht mit dem jam­mer: ‚wir haben immer nur auf den feind gestarrt, uns nie um uns geküm­mert’, dann ist das nicht nur unpo­li­tisch und ent­po­li­ti­sie­rend, son­dern sexis­tisch und ras­sis­tisch, aus­druck der pri­vi­le­gien wei­ßer män­ner (und sich daran ori­en­tie­ren­der wei­ßer frauen). ein pri­va­ti­sie­ren­des päu­schen, wie die raf es vor­schlägt, heißt mehr ver­ge­wal­tigte frauen, mehr sexu­ell aus­ge­beu­tete mäd­chen, mehr dis­kri­mi­nie­rung und ent­wür­di­gung, mehr ökono­mi­sche aus­beu­tung für jede ein­zelne und für unser geschlecht als sozial unter­drückte klasse, heißt das fort­be­ste­hen, die fes­ti­gung der herr­schaft.“ [zurück]
  12. Vgl. dazu die Rezen­sion von Kurt Tucholsky in: Die Welt­bühne, 13.04.1926, Nr. 15, S. 567; online unter: http://​www​.text​log​.de/​t​u​c​h​o​l​s​k​y​-​g​e​g​e​n​-​d​e​n​-​s​t​r​o​m​.html.[zurück]
  13. Vgl. dazu und zum fol­gen­den http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​0​/​d​i​s​-​i​d​e​n​t​i​f​i​c​a​t​i​o​n​-​m​e​a​n​s​-​t​o​-​t​r​a​n​s​f​o​r​m​-​t​h​e​-​i​m​p​e​r​i​a​l​i​s​t​-​w​a​r​-​i​n​t​o​-​r​e​v​o​l​u​t​i​o​n​a​r​y​-​c​i​v​i​l​-war/ und http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​0​/​e​n​t​-​i​d​e​n​t​i​f​i​z​i​e​r​u​n​g​-​j​e​n​s​e​i​t​s​-​v​o​n​-​f​r​a​u​e​n​f​e​i​n​d​l​i​c​h​k​e​i​t​-​u​n​d​-​w​e​i​b​l​i​c​h​k​e​i​t​s​kult/. [zurück]
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8 Antworten auf „Gegen den Strom“


  1. 1 TaP 03. Mai 2011 um 12:45 Uhr

    Cornelia Klinger unterscheid 1995 wie folgt zwischen Multikulturalismus und Dekonstruktion:

    Dem Multikulturalismus gehe es in erster Linie um, „den Anspruch auf Hörbarkeit und Sichtbarkeit“, also darum, „eine adäquate Repräsentation der Marginalisierten bzw. auf die Anerkennung ihrer eigenen Identität einzuklagen“. Demgegenüber formuliere „der Dekonstruktivismus prinzipielle Zweifel an der Einlösbarkeit ebendieser Ansprüche, […]. Mit dem postkolonialen Multikulturalismus verbindet sich die Tendenz zur Toleranz, ja Indulgenz gegenüber allen möglichen, undiskriminiert und undiskriminierbar hinzunehmenden kulturellen und historischen Partikularitäten und zu einer weiteren Festschreibung vorgegebener Identitäten. Trotz des Übergangs von der Einzahl zur Mehrzahl beschwört das doch wieder den dekonstruktivistischen Verdacht gegen jede Art von Essentialismus bzw. Essentialisierung. Aus einer feministischen Perspektive wird nicht nur beargwöhnt, daß Identitäten festgeschrieben werden, sondern darüber hinaus, welche Identitäten damit zu Ehren kommen. Denn aus einer feministischen Perspektive sind keineswegs alle Kulturen gleichwertig und ihre Gleichrangigkeit gleichanerkennenswert.

    (Cornelia Klinger, Über neuere Tendenzen in der Theorie der Geschlechterdifferenz, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1995, 801 – 813 [804] – kursive Hv. i.O.; fette hinzugefügt).

  2. 2 TaP 03. Mai 2011 um 13:00 Uhr

    Was der DUDEN sagt:

    Indulgenz, die; –, -en [lat. indulgentia] (bildungsspr.): Schonung, Nachsicht, Milde; Straferlass.“

    Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 5. Aufl. Mannheim 2003 [CD-ROM])

  3. 3 TaP 03. Mai 2011 um 14:11 Uhr

    Bereits 1992 diagnostizierten und kritisierten „frauen […] aus verschiedenen politischen bereichen“ in ihrem Papier „Zur Politik der Frauen aus dem Antirassistischen Zentrum und grundsätzliche Überlegungen zur antirassistischen Politik“ (S. II):

    „wir begreifen die heutige situation als einen abschnitt der zunehmenden ‚modernisierung des patriarchats‘. […] einige stichpunkte […]: zurückdrängen des feminismusbegriffs, widersprüche zwischen frauen haben sich verschärft, keine eindeutige benutzung des begriffes, das systemsprengende ist dabei mehr oder weniger über bord geworfen worden. tendenz wie ‚neue innerlichkeit‘, ‚mütterlichkeit‘, aber auch repression haben zur abkopplung des begriffs von befreiung geführt und die brisanz von frauenkämpfen neutralisiert.
    […] angst wird geschürt – gleichzeitig sollen unter dem druck lösungen eher innerhalb des systems gesucht werden (staatsakzeptanz)“

  4. 4 TaP 08. Mai 2011 um 16:40 Uhr

    Vgl. zur kritischen Bilanzierung der post-1989er feministischen Diskussionen auch noch:

    Andrea Baier / Stefanie Soine
    Sex ohne Grenzen: Die lesbische Variante des Neoliberalismus
    in: beiträge zur feministischen theorie und praxis H. 45, 1997, 71 – 79.
    als .pdf-Datei.

    und

    Beate Selders, Und immer: „Was bin ich?“ Über Butches und Femmes, Rollenspiele und Roll-Backs und Christiane Quadflieg, Butch und Femme. „Männlichen Machen“ auf Lesbenart?, in: Blau, Winter/Frühjahr 1997/98, 4 – 6 und 7 – 12
    als .pdf-Bild-Datei

    sowie

    Teresa Ebert
    Bringing „Materialism“ Back into Feminist Cultural Studies
    in: Cultural Critique, No. 23, Winter 1992/1993, 5 – 50 (kostenloser online-Zugang über Universitäts-Netzwerk u.ä.).

  5. 5 TaP 08. Mai 2011 um 19:17 Uhr

    Und das – aus einem schon öfters zitierten Text von Cornelia Eichhorn und Sabine Grimm – paßt auch noch zum Thema:

    „Mit der neuen Gender-Debatte, wie sie durch die dekonstruktivistischen Ansätze ausgelöst wurde, scheint sich nun die Rede von der sozialen Konstruktion Geschlecht durchgesetzt zu haben. Doch [… d]ie Geschlechterkategorie wird hier weniger politisiert als vielmehr weiter auf die Ebene kultureller Bedeutungen verschoben. Gefragt sind individuelle Strategien des Umgangs mit Zuschreibungen, […]. Einstweilen hat die Dekonstruktion der Geschlechterkategorie die Diskussionen auf die unsinnige Frage gebracht: Gibt es die Frauen oder gibt es sie nicht?, während die sexistischen Gewaltverhältnisse weitgehend aus dem Blickfeld geraten sind. Als könnte das Zauberwort soziale Konstruktion die Herrschaftsverhältnisse auflösen und die Kategorie Frau überwinden, bevor die Frauen den alltäglichen Sexismus zurückgedrängt haben.“

  6. 6 TaP 10. Mai 2011 um 17:48 Uhr

    Jenny Bourne: Gewalt ist nicht unweiblich!

    „In einer WARF [Women against racism and fascism]-Gruppe zum Beispiel behauptete Frauen, daß die ganze politische Praxis der Konfrontation mit Faschisten auf der Straße männlich und nicht weiblich sei, was impliziert, daß Männer Gewalt mögen und Frauen das nicht tun. Diese Annahme geht vollkommen am Punkt vorbei, daß wir als Antifaschistinnen keine andere taktische Möglichkeit haben. Niemand von uns wählt Gewalt freiwillig.“

    (Jenny Bourne, Für anti-rassistischen Feminismus, ohne Verlag: ohne Ort, 1991 [?; vgl. dort und bes. dort], S. 14)

  7. 7 TaP 22. Juni 2011 um 10:50 Uhr

    Low End Models:

    „casse ta gueule

    das nächste mal bin ich besser vorbereitet ich schlage dir die fresse ein casse ta gueule was meint ihr eigentlich wer ihr seid meine geduld ist endgültig vorbei ich schlage dir die fresse ein casse ta gueule ich schlage dir die fresse ein casse ta gueule ich schlage dir die fresse ein casse ta gueule ich schlage dir die fresse ein casse ta gueule“

    Audio-Datei:
    http://theoriealspraxis.blogsport.de/images/LowEndModelsCassetagueule.mp3.

  8. 8 TaP 13. März 2014 um 1:26 Uhr

    Gewissermaßen eine Fortsetzung zu meinem obigem Artikel:

    Eine revolutionär-feministische Perspektive auf die „linksradikale, queerfeministische Perspektive“ (von Samstag) auf den 8. März

    https://linksunten.indymedia.org/de/node/108153

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