Doku: EINE FEMINISTISCHE KRITIK

Aus Anlaß die­ses Leserin-​​Kommentars:
Der fol­gende Text wurde 1993 von Frau­en­Les­ben bei einem gemisch­ten, bun­des­wei­ten Tref­fen von Leu­ten, die in der Soli­da­ri­täts­ar­beit für die Gefan­ge­nen aus der RAF aktiv waren, vor­ge­tra­gen und danach in der Ber­li­ner lins­kra­di­ka­len Szene-​​Zeitschrift
inte­rim (Nr. 229, 25.02.1993, S. 23 – 27) ver­öf­fent­licht, wo er in spä­te­ren Aus­ga­ben kon­tro­vers dis­ku­tiert wurde1.
Außer­dem wurde der Text 1994/​95 in den bei­den Auf­la­gen der fol­gen­den Bro­schüre nach­ge­druckt:

Bro­schü­ren­gruppe in Zusam­men­ar­beit mit dem ASTA-​​FU sowie Frigga Haug, Wolf­gang Fritz Haug, Wolf Die­ter Narr, Uwe Wesel, Harald Wolf (Hg.)
Für eine neue revo­lu­tio­näre Pra­xis.
Triple opp­res­sion & bewaff­ne­ter Kampf. Eine Doku­men­ta­tion von anti­im­pe­ria­lis­ti­schen, femi­nis­ti­schen, kom­mu­nis­ti­schen Bei­trä­gen zur Debatte über die Neu­be­stim­mung revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik 1986-​​1993
Selbst­ver­lag: Ber­lin, 1. Aufl. 1994, 2. Aufl. 1995, S. 76 – 80.

Der Text stammt mit sei­nem Inhalt und Sprach­duk­tus aus einer ‚ande­ren Zeit‘ – noch geprägt vom Zusam­men­bruch des ‚Real’sozialismus und der Stadt­gue­ril­la­grup­pen und bevor die Rezep­tion der Schrif­ten Judith But­lers und ande­rer queer Theo­re­ti­ke­rIn­nen eine poli­ti­sche Brei­ten­wir­kung auch in der links­ra­di­ka­len Szene erlangte. Trotz die­ser ‚Unzeit­ge­mäß­heit‘ scheint mir die­ser Text nicht nur wei­ter­hin eine – mich schon damals, noch als ‚über­zeug­ter Mann‘, fas­zi­nie­rende – klare, revo­lu­tio­näre Hal­tung von Frau­en­Les­ben aus­zu­drü­cken, son­dern auch grund­le­gende Ein­sich­ten zu arti­ku­lie­ren, die auch in der ‚neuen Zeit‘ nicht über­holt sind, wenn auch teil­weise einer theo­re­ti­schen Re-​​Kontextualisierung und poli­ti­schen Aktua­li­sie­rung bedür­fen.

-----

im januar 1992 tritt die soge­nannte ‚kgt-​​initiative‘ (kgt = koor­di­na­ti­ons­gruppe ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung)2 an die öffent­lich­keit, im april ver­kün­det die rote armee frak­tion (raf) die ein­stel­lung mili­tä­ri­scher aktio­nen, am 15. mai wird gün­ther son­nen­berg nach 15 jah­ren haft ent­las­sen, im august bekräf­tigt und begrün­det die raf die grund­sätz­li­che auf­gabe des bewaff­ne­ten kamp­fes, ende okto­ber erklärt ein teil der gefan­ge­nen ihrer­seits die prin­zi­pi­elle abkehr vom bewaff­ne­ten kampf, und daß sie per­sön­lich die­sen im falle ihrer frei­las­sung nicht wie­der auf­neh­men wer­den. mitte novem­ber ist ent­schie­den wor­den, daß bernd röss­ner, der zuvor im knast in kas­sel ein­ge­sperrt war, seine haft für 18 monate in einer the­ra­peu­ti­schen ein­rich­tung unter­bre­chen darf.
zu fra­gen bleibt: was geht hier eigent­lich vor und wie geht es nun wei­ter? und davor noch die frage: warum beschäf­ti­gen sich femi­nis­tin­nen über­haupt damit? zunächst zur zwei­ten frage:
die ereig­nisse des letz­ten jah­res im zusam­men­hang mit der raf, dem bis dahin exis­tie­ren­den bewaff­ne­ten kampf in der brd und den poli­ti­schen gefan­ge­nen in bun­des­deut­schen gefäng­nis­sen sind ein aus­druck der gesam­ten poli­ti­schen ent­wick­lung. gleich­zei­tig bestim­men diese vor­gänge die heu­ti­gen und zukünf­ti­gen poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen rea­li­tä­ten mit, inner­halb derer wir frauen/​lesben leben und uns bewe­gen. dar­über hin­aus ist es not­wen­dig, sich sozu­sa­gen ‚ins innere‘ die­ser aus­ein­an­der­set­zun­gen zu bege­ben und zwar aus ver­schie­de­nen grün­den:
die anti­im­pe­ria­lis­ti­sche bewe­gung und die raf haben lange zeit auf inter­na­tio­na­lis­ti­scher grund­lage gegen staat und kapi­tal gekämpft. gemeint sind hier all die­je­ni­gen bewe­gun­gen, grup­pen, orga­ni­sa­tio­nen, die mit grund­sätz­lich anti­im­pe­ria­lis­ti­schem anspruch gegen staat, kapi­tal und impe­ria­lis­mus vor­ge­hen.
nicht zufäl­lig kämpf­ten viele frauen/​lesben in der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen bewe­gung. nicht zufäl­lig sind viele von ihnen aus der bewe­gung aus­ge­tre­ten, um sich dem femi­nis­mus zuzu­wen­den. frauen wurde und wird vor allem in der ableh­nung, dem soge­nannte ‚bruch mit den herr­schen­den ver­hält­nis­sen‘ in der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen bewe­gung eine ver­meint­li­che ant­wort auf das eigene leben und erle­ben im patri­ar­chat sug­ge­riert. die anti­im­pe­ria­lis­ti­sche bewe­gung rich­tet sich aber weder sub­jek­tiv – d.h. ihrer prak­ti­schen arbeit und ihrem anspruch nach – noch objek­tiv gegen die tat­säch­li­chen Grund­la­gen des impe­ria­lis­ti­schen patri­ar­chats, gegen die ökono­mi­sche, sexu­elle, emo­tio­nale und psy­chi­sche aus­beu­tung nicht des men­schen durch den men­schen, son­dern der frau durch den mann. die prak­ti­sche aus­wir­kung die­ser ‚begren­zung‘ erle­ben frauen inner­halb der gemischt-​​geschlechtlichen lin­ken immer wie­der als bra­chiale kluft. letzt­lich besteht auf­grund einer gänz­lich ver­schie­de­nen klas­sen­ana­lyse samt deren aus­wir­kun­gen auf alle berei­che des lebens und vor allem den dar­aus fol­gen­den unter­schied­li­chen per­spek­ti­ven und zie­len des kamp­fes ein unüber­wind­ba­rer inter­es­sen­ge­gen­satz zwi­schen dem femi­nis­mus und der anti­im­pe­ria­lis­tis­hen bewe­gung. trotz die­ses ant­ago­nis­mus besteht ein kritisch-​​solidarisches ver­hält­nis zwi­schen dem femi­nis­mus und bewe­gun­gen, grup­pen, orga­ni­sa­tio­nen, die mit anti­im­pe­ria­lis­ti­schem anspruch gegen die herr­schen­den ver­hält­nisse“ vor­ge­hen. soli­da­risch sind femi­nis­tin­nen mit ihnen über­all dort, wo ihr kampf, ihre kampf­ziele mit femi­nis­ti­schen überein­stim­men. der femi­nis­mus aber mit dem umfas­sends­ten anspruch: die befrei­ung der frauen welt­weit, muß in theo­rie und pra­xis ant­wor­ten auf die weit­rei­chends­ten poli­ti­schen fra­gen fin­den. der femi­nis­mus muß die all­ge­meinste und somit die kon­kre­teste per­spek­tive zur befrei­ung aller frauen und somit auch aller män­ner welt­weit beinhal­ten. hier beginnt die femi­nis­ti­sche kri­tik: jeder patri­ar­chal geführte kampf und somit auch der der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen bewe­gung der brd kann nur um teil­ziele kämp­fen – staat/​kapital/​imperialismus stel­len nur seg­mente im patri­ar­chat dar. wich­tige zwar: wer­den jedoch sie allein bekämpft, bleibt das patri­ar­chat beste­hen und orga­ni­siert sich neu gegen die frauen. es ver­steht sich von selbst, daß die femi­nis­ti­sche aus­ein­an­der­set­zung eine andere geschichts­for­schung, andere orga­ni­sa­ti­ons­for­men und stra­te­gien her­vor­brin­gen muß.
die weiße frauen-​​bewegung in ihrer gesamt­heit hat viel geforscht und ana­ly­siert über die grund­be­din­gun­gen vor allem von wei­ßem frau­en­le­ben in geschichte und gegen­wart. obwohl diese for­schung in ihren anfän­gen steckt, hat sie doch eine fülle von erkennt­nis­sen über die ver­schie­dens­ten for­men der aus­beu­tung, unter­drü­ckung und ver­nich­tung von frauen auf ökono­mi­scher, poli­ti­scher, sexu­el­ler, emo­tio­na­ler, kul­tu­rel­ler, spi­ri­tu­el­ler, psy­chi­scher und phy­si­scher ebene her­vor­ge­bracht. auf der ande­ren seite gibt es von hier aus viel weni­ger anstren­gun­gen, die bedin­gun­gen des lebens von frauen ande­rer haut­far­ben, kul­tu­ren, aus ande­ren tei­len der welt grund­sätz­lich begrei­fen zu ler­nen. die folge davon ist, daß es hier kaum eine detail­lierte for­schung und ein wis­sen um den zusam­men­hang der aus­beu­tungs­ver­hält­nisse von frauen welt­weit gibt. und es gibt wenig bis keine schluß­fol­ge­run­gen aus all dem, wie und mit wel­chen mit­teln eine grund­le­gende auf­he­bung patri­ar­cha­ler herr­schaft mög­lich sein wird – die inter­na­tio­nale femi­nis­ti­sche revo­lu­tion.
die erkennt­nisse aus der femi­nis­ti­schen und frau­en­for­schung wer­den nicht in eine klas­sen­ana­lyse umge­setzt, wor­aus sich der grund­cha­rak­ter der aus­ein­an­der­set­zung ergibt – ein ant­ago­nis­ti­sches ver­hält­nis von inter­na­tio­na­lem femi­nis­mus und impe­ria­lis­ti­schen patri­ar­chat.
es gäbe bände zu schrei­ben über die vor­gänge des letz­ten jah­res samt der jewei­li­gen erklä­run­gen der ver­schie­de­nen sei­ten und betei­lig­ten, und anhand derer wäre eine schier uner­meß­li­che fülle von fal­schen grund­la­gen, gro­ber fehl­ein­schät­zung, eigen­nüt­zi­ger geschichts­ver­dre­hung, refor­mis­ti­scher anbie­de­rei und ein­fach patri­ar­cha­ler, sys­tem­tra­gen­der posi­tio­nen auf­zu­de­cken.
ich beschränke mich und werde im fol­gen­den anhand eini­ger grund­le­gen­der dis­kus­si­ons­punkte zur bedeu­tung und zu den aus­wir­kun­gen der ent­schei­dung der raf und der aktu­el­len ent­wick­lung des kamp­fes der poli­ti­schen gefan­ge­nen aus femi­nis­ti­scher sicht stel­lung bezie­hen.

aschen­put­tel und andere mär­chen
oder: was ist die „frei­las­sungs­de­batte“?

mit der soge­nann­ten „frei­las­sungs­de­batte“ ist seit anfang des jah­res 1992 zu erle­ben, daß das sys­tem sei­nen sieg über das kapi­tel bewaff­ne­ter kampf in der brd fei­ert. die poli­ti­schen gefan­ge­nen sind ein „poli­ti­sches erbe“ aus der zeit davor, das nun auf­ge­teilt wird: die guten ins töpf­chen, die schlech­ten ins kröpf­chen.
seit nun­mehr rund einem jahr ist die öffent­li­che aus­tra­gung eines zug-um-zug-“spiels“ zu beob­ach­ten. der start­pfiff fiel mit dem vor­schlag der koor­di­na­ti­ons­gruppe ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung zur haft­ent­las­sung von 7 gefan­ge­nen. die kgt besteht aus Mit­glie­dern der bun­des­an­walt­schaft, des ver­fas­sungs­schut­zes, des bun­des­kri­mi­nal­am­tes, des bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums, des bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums. schon bei der auf­zäh­lung die­ser mit­glied­schaf­ten wird deut­lich, daß die kgt nichts ande­res ist, als die effek­ti­vierte, weil direkte ver­schmel­zung von soge­nann­ter offi­zi­el­ler regie­rungs­ebene, poli­zei und geheim­diens­ten. diese ehren­werte gesell­schaft bringt also in die dis­kus­sion, bestimmte gefan­gene frei­zu­las­sen. teile der gefan­ge­nen schwen­ken dar­auf ein. die alte mär von gegen­ein­an­der aus­spiel­ba­ren ver­hand­lern und beton­köp­fen im sys­tem wird auf­ge­wärmt. so sol­len mehr linke drau­ßen auf diese linie ver­pflich­tet wer­den. der dama­lige bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter kin­kel und damit der offiziell-​​öffentliche staat steigt in die debatte ein. die raf gibt ihre gewalt­ver­zichts­er­klä­rung ab, das alles im dienste der ‚neuen poli­tik‘. die raf erklärt den staat zum ver­hand­lungs­part­ner und erkennt das gewalt­mo­no­pol des staa­tes an… die letzte runde im zeit­ge­sche­hen ist, daß bestimmte gefan­gene „der gewalt abschwö­ren“. zum ers­ten mal haben damit gefan­gene aus dem „gefan­ge­nen­kol­lek­tiv“ offen nur für sich selbst gehan­delt. par­al­lel läuft die poli­ti­sche iso­lie­rung der ‚unver­bes­ser­li­chen‘, deren ver­nich­tungs­haft­be­din­gun­gen damit ein wei­te­res mal als „selbst­ge­wollt“ legi­ti­miert und ver­schärft wer­den kön­nen.
die „neuen poli­ti­ke­rin­nen und poli­ti­ker“ erklä­ren den kampf für die zusam­men­le­gung sowohl prak­tisch als auch als poli­ti­sche ori­en­tie­rung für über­holt. sie erklä­ren das ziel der frei­las­sung der poli­ti­schen gefan­ge­nen als ein­fa­cher, rea­lis­ti­scher, als das ziel, bes­sere bedin­gun­gen im knast durch­zu­set­zen. in den anfän­gen begrün­dete die raf ihren kampf noch mit dem wis­sen, daß „fol­ter kein revo­lu­tio­nä­rer kampf­be­griff ist“; bliebe fol­ter, repres­sion im wei­tes­ten sinne zen­tra­les moment im wider­stand, würde wider­stand zum „mora­li­schen reflex“ und richte sich schlu­ßend­lich gegen die poli­ti­schen gefan­ge­nen, weil die inhalte, für die sie kämp­fen und ein­ge­sperrt sind, negiert und bedeu­tungs­los wür­den. wer im knast nicht auf die „neue poli­tik“ ein­schwenkt, darf für sich sel­ber sor­gen bzw. im knast ver­rot­ten?
für die femi­nis­ti­sche bewe­gung muß das bedeu­ten, daß sie die gefan­ge­nen, die die­sen aus­ver­kauf nicht mit­ma­chen, unter­stützt. sie wird an dem ziel der befrei­ung aller poli­ti­schen gefan­ge­nen fest­hal­ten.
in einer situa­tion der schwä­che der lin­ken – wie z.b. heute – führt der weg raus nur über die auf­gabe der poli­ti­schen iden­ti­tät. für die indi­vi­du­elle suche nach wegen raus aus dem knast gibt es immer ver­ständ­li­che gründe, sie soll­ten aber auch als sol­che kennt­lich gemacht wer­den.
der cha­rak­ter der dis­kus­sion der letz­ten monate in bezug auf den knast­kampf wird ver­schlei­ert mit den pseud­ony­men „rea­lis­tisch“, „durch­setz­bar“. mit die­sen begrif­fen gibt der staat die ebene der aus­ein­an­der­set­zung vor. der wider­stand drau­ßen soll auf diese ebene ver­pflich­tet wer­den. (s. dazu die erklä­rung der raf zum anti-​​weltwirtschaftsgipfel-​​treffen in mün­chen: ‚…wir haben gesagt, daß es für uns ein wesent­li­cher bestand­teil in dem jetzt not­wen­di­gen auf­bau­pro­zeß ist, die frei­heit unse­rer gefan­ge­nen genossln­nen zu erkämp­fen. .. es muß die sache von allen sein, die ein ende der fol­ter, die die frei­heit der poli­ti­schen gefan­ge­nen wol­len, in die­sem kampf ver­ant­wor­tung und initia­tive zu über­neh­men… raf, 29.6.1992).
eine dem kal­kül des staa­tes ent­ge­gen­kom­mende poli­tik.
die all­ge­mein­po­li­ti­sche dis­kus­sion kreist fol­ge­rich­tig um „das neue“, „die poli­ti­sche debatte“, die zu füh­ren ist, zu orga­ni­sie­ren ist, zu „schüt­zen“ ist (gegen wen?) und darum, daß in zei­ten all­ge­mei­ner ver-​​gewalt-​​ung aller lebens­be­rei­che es keine revo­lu­tio­näre gewalt geben könne, das ist die ebene der soge­nann­ten „sozi­al­part­ner­schaft“.
die letz­ten knapp 10 jahre betrach­tend: die gefan­ge­nen for­der­ten die zusam­men­le­gung und wur­den drau­ßen unter­stützt. die soge­nannte „gruß­ak­tion an die poli­ti­schen gefan­ge­nen“ war 1984 der ver­such, die situa­tion im knast und die for­de­run­gen der gefan­ge­nen in wei­tere kreise hin­ein­zu­tra­gen, öffent­lich­keit gegen die kri­mi­na­li­sie­rung der zusam­men­le­gungs­for­de­rung zu schaf­fen, mit mehr leu­ten über die bedeu­tung der poli­tik, für die die gefan­ge­nen ein­sa­ßen, zu dis­ku­tie­ren. gerade noch vor­her brach­ten damals soge­nannte „links-​​intellektuelle kreise“ die „amnes­tie­kam­pa­gne“ ins rol­len, deren begrün­dung davon aus­ging: „jeder kampf, der gerechte, wie der unge­rechte, ist ein­mal ent­schie­den. wenn sie­ger und ver­lie­rer fest­ste­hen, hört der kampf auf … daß die raf und die gesamte linke in der brd ver­lo­ren hat und besiegt ist, ist ein unbe­zwei­fel­ba­res fak­tum.“ (wolf­gang pohrt, konkret-​​reporter) dies hatte 3 ziele:
1. tak­tisch die bewe­gung drau­ßen zu ent­so­li­da­ri­sie­ren
2. die gefan­ge­nen zur auf­gabe ihrer poli­ti­schen iden­ti­tät auf­zu­ru­fen, bzw. die bedin­gun­gen eines mög­li­chen deals in schein­bar linke voka­beln zu fas­sen. und schließ­lich
3. den bewaff­ne­ten kampf für been­det, weil geschei­tert zu erklä­ren.
auch die zweite argu­men­ta­ti­ons­li­nie, die heute wie­der den bra­ten schmack­haft machen soll, war damals schon for­mu­liert und vom „komi­tee für grund­rechte und demo­kra­tie“ ver­tre­ten. näm­lich die soge­nannte „ein­sicht, daß das harte repres­si­ons­kon­zept in eine sack­gasse mit demokratisch-​​rechtsstaatlich töd­li­chen fol­gen“ gera­ten sei. heut­zu­tage wird der soge­nann­ten kin­kel­frak­tion als „ver­hand­ler“ im gegen­satz zu den „beton­köp­fen“ diese „ein­sicht“ zuge­schrie­ben, um die ver­hand­ler für die lin­ken salon­fä­hig zu machen.

die neue rhe­to­rik des refor­mis­mus – oder -
der späte anschluß ans posi­tive den­ken im was­ser­mann­zeit­al­ter

die poli­ti­sche füh­rung der kpdsu hat mitte der 80er jahre eine politisch-​​ideologische stil­rich­tung mit bürgerlich-​​reaktionären inhalt ent­wi­ckelt. diese sollte fortan die innen-​​ und außen­po­li­ti­sche pra­xis der sowjet­union begrün­den. das soge­nannte neue den­ken der peres­troika stellt ledig­lich den höhe­punkt der revi­sio­nis­ti­schen ent­wick­lung dar und setzt somit wahr­schein­lich ins­ge­samt den end­punkt des revi­sio­nis­mus selbst. die zur zeit domi­nie­rende frak­tion behaup­tet eine grund­sätz­li­che ver­än­de­rung der inter­na­tio­na­len lage durch den ent­wick­lungs­stand der kom­mu­ni­ka­ti­ons­sys­teme und der waf­fen­tech­no­lo­gie, durch den dro­hen­den ökolo­gi­schen kol­laps sowie die „soziale zeit­bombe“ der ver­elen­dung im tri­kont. ein fun­da­men­ta­les inter­esse am erhalt der zivi­li­sa­tion, der mensch­heit schlecht­hin ver­binde nun die ‚welt­ge­mein­schaft‘. jen­seits politisch-​​ökonomischer sys­tem­un­ter­schiede müsse sie nun gemein­sam nach lösun­gen suchen. vor­aus­set­zung dafür sei, selbst neue wege zu gehen und gewohnte betrach­tungs­wei­sen zu krieg und frie­den abzu­bauen. auf­ge­klärte teile der west­li­chen kapi­ta­lis­ti­schen welt müß­ten und könn­ten sich ange­sichts der dro­hen­den kata­stro­phe zur frie­dens­fä­hig­keit hin­ent­wi­ckeln. soge­nannte „regio­nale kon­flikte“, die den welt­frie­den gefähr­den, soll­ten um den sys­tem­wi­der­spruch erleich­tert „prak­ti­ka­blen lösun­gen“ zuge­führt wer­den.
das neue den­ken mit sei­ner grund­prä­misse der welt­um­span­nen­den inter­es­sens­gleich­heit der men­schen als rein bio­lo­gi­sche kate­go­rie, unge­ach­tet ihrer klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit und damit unge­ach­tet sexis­ti­scher und ras­sis­ti­scher aus­beu­tung und unter­drü­ckung, ist weder neu noch eman­zi­pa­tiv. es gleicht immer mehr dem refor­mis­mus, den wir hier schon lange ken­nen.
die ledig­lich neue rhe­to­rik des revi­sio­nis­ti­schen patri­ar­chats akzep­tiert und ver­söhnt sich mit dem kapitalistisch-​​imperialistischen patri­ar­chat. sie unter­gräbt jede – auch patri­ar­chale tra­di­tio­nelle marxistisch-​​leninistische kapitalismus-​​ und impe­ria­lis­mus­ana­lyse, negiert jedes objek­tive klas­sen­in­ter­esse und setzt an die stelle der not­wen­dig­keit des klas­sen­kamp­fes „die suche der men­schen nach neuen wegen zu poli­ti­schen lösun­gen für akute, die gesamte mensch­heit betref­fende pro­bleme“!
nicht die neu­er­dings all­seits fest­ge­stellte ver­än­derte welt­lage hat diese poli­ti­sche ideo­lo­gie her­vor­ge­bracht. die gesamte ent­wick­lung ent­steht aus der dia­lek­tik der klas­sen­kämpfe. umge­kehrt hat das neue den­ken erst den poli­ti­schen raum eröff­net und die legi­ti­ma­tion ver­schafft für die poli­ti­schen, ökono­mi­schen und mili­tä­ri­schen maß­nah­men der sich im umbruch befin­den­den real-​​sozialistischen staa­ten zur betei­li­gung am auf­bau der „neuen welt­ord­nung“.
der büro­kra­ti­sche sozia­lis­mus löste sich zuerst ideo­lo­gisch und im nach­gang prak­tisch auf. die ergeb­nisse sind im zer­fall der politisch-​​ökonomischen sys­teme und in der ter­ri­to­ria­len auf­lö­sung der staa­ten des ehe­ma­li­gen ost­blocks zu sehen. folge ist wei­ter die auf­lö­sung von wirtschafts-​​ und han­dels­ab­kom­men, die in eini­gen län­dern der drei kon­ti­nente eine teil­weise wirt­schaft­li­che ent­wick­lung außer­halb des dik­tats des kapi­ta­lis­ti­schen welt­mark­tes und der kne­bel­po­li­tik von iwf und welt­bank ermög­lich­ten. die aus­wir­kun­gen die­ses zer­falls sind außer­dem kriege und blu­tige soge­nannte „natio­na­li­tä­ten­kon­flikte“ in den ehe­ma­li­gen ost­block­staa­ten, die ein­stel­lung mili­tä­ri­scher und wirt­schaft­li­cher „hilfe“ (mate­ri­el­ler abhän­gig­keit und somit ideo­lo­gi­scher und prak­ti­sche kon­trolle) für die län­der in den drei kon­ti­nen­ten und ihrer befrei­ungs­be­we­gun­gen. wei­ter die rapide anstei­gende ver­ar­mung afri­kas, des tri­konts über­haupt, auch ost­eu­ro­pas, die aus­wei­tung von flücht­lings­be­we­gun­gen, vor allem von frauen und kin­dern, das sprung­hafte anwach­sen faschis­ti­scher gewalt in den metro­po­len u.v.m. darin ist z.b. die „kon­krete for­de­rung nach schul­den­strei­chung“ längst kein thema mehr. die gläu­bi­ger­seite – kapitalistisch-​​imperialistische staa­ten und inter­na­tio­nale ban­ken – erlas­sen den rui­nier­ten volks­wirt­schaf­ten aus eige­nen politisch-​​ökonomischen erwä­gun­gen und inter­es­sen die gro­teskgi­gan­ti­schen zins-​​ und schul­den­berge teil­weise oder sogar ganz. ergeb­nis der been­di­gung des kal­ten krie­ges ist die ein­set­zung der uno als eine die ganze welt beherr­schende regie­rung unter der direk­ten kon­trolle der stärks­ten kapi­tal­frak­tio­nen. direk­tes ergeb­nis ist die annek­tion der ddr durch die brd, die hun­ger­blo­ckade z.b. gegen cuba genauso wie der gemein­same krieg der „zivi­li­sier­ten welt­ge­mein­schaft“ gegen die ara­bi­sche region.
direk­tes ergeb­nis ist aber auch die mit­hilfe der impe­ria­lis­ti­schen län­der an der zer­stö­rung jugo­sla­wi­ens, das ihnen als ursprüng­lich anti­im­pe­ria­lis­ti­sches pro­jekt im wege stand. ergeb­nis ist die beset­zung soma­lias durch us-​​soldaten, zur stra­te­gi­schen kon­trolle afri­kas. ergeb­nis ist die erneute bom­bar­die­rung des iraks und die durch­set­zung der ent­waff­nung des Iraks.
die welt­weite sozia­lis­ti­sche bewe­gung, hier ver­stan­den als die staa­ten des büro­kra­ti­schen sozia­lis­mus, marxistisch-​​leninistische befrei­ungs­be­we­gun­gen, par­teien und orga­ni­sa­tio­nen welt­weit, zog bei der ideo­lo­gi­schen wende bei­nahe aus­nahms­los mit – sei es aus eigen­in­ter­esse ihrer bürgerlich-​​patriarchalen füh­run­gen oder aus dem zwang der sich ver­schär­fen­den ver­hält­nisse.
das impe­ria­lis­ti­sche patri­ar­chat baut die ‚neue welt­ord­nung‘ von oben her auf. um darin erfolg­reich zu sein, benö­tigt es und bedient es sich maß­geb­lich der mit­wir­kung von ehe­mals oppo­si­tio­nel­len par­teien, orga­ni­sa­tio­nen und bewe­gun­gen, die sich die grund­züge des neuen den­kens zu eigen gemacht haben.
was hat das nun mit dem heu­ti­gen thema zu tun?
die raf und mit ihr ein teil der hie­si­gen anti­im­pe­ria­lis­ti­schen bewe­gung reiht sich mit ihrer „suche nach neuen wegen“ in genau diese ent­wick­lung ein.
in den erklä­run­gen der raf von april und august und in jener an die teil­neh­me­rin­nen und teil­neh­mer des anti-​​weltwirtschaftsgipfel-​​kongresses sind die grund­züge der oben skiz­zier­ten neuen rhe­to­rik des refor­mis­mus samt sei­ner bürgerlich-​​idealistischen, kapi­tu­la­tio­nis­ti­schen und chau­vi­nis­ti­schen inhalte wie­der­zu­fin­den.
aus­gangs­punkt der raf in ihren erklä­run­gen zur been­di­gung des bewaff­ne­ten kamp­fes ist eine „ver­än­derte welt“, in der es „tau­send pro­bleme“ gibt, die „nach lösun­gen schreien“, weil sie sonst die „ganze mensch­heit in die kata­stro­phe füh­ren“. die jewei­li­gen befrei­ungs­be­we­gun­gen und „völ­ker“ sind auf sich selbst zurück­ge­wor­fen. sie müs­sen aus „ihrer spe­zi­el­len geschichte und ihren bedin­gun­gen“ ohne die alt­her­ge­brach­ten wahr­hei­ten aus der zeit des kal­ten krie­ges „authen­ti­sche ziele“ und „Lösun­gen“ ent­wi­ckeln. es ist eine welt, in der die men­schen das recht auf die erfül­lung „unmit­tel­bar kon­kre­ter bedürf­nisse gegen die herr­schen­den durch­set­zen“ müs­sen, in der alle alt­her­ge­brach­ten wahr­hei­ten, ana­ly­sen und erkennt­nisse über­dacht und auf­ge­ge­ben wer­den müs­sen, um raum für neues, leben­di­ges, lösen­des, poli­ti­sches zu öffnen.
poli­ti­schen inhalt, umset­zung und aus­wir­kun­gen der raf-​​schen neuen rhe­to­rik des refor­mis­mus werde ich im fol­gen­den exem­pla­risch ver­deut­li­chen.

von der marxistisch-​​leninistischen klas­sen­ana­lyse mit gro­ßen
blin­den fle­cken zur feh­len­den klas­sen­ana­lyse und zum sub­jek­ti­vis­mus

auf die frage, wie es dazu gekom­men ist, kann ich hier nicht so ein­ge­hen, wie es nötig wäre.
in der april-​​ und august-​​erklärung der raf 1992, sowie in der dar­auf­fol­gen­den dis­kus­sion inner­halb der gemischt-​​geschlechtlichen lin­ken (mit weni­gen aus­nah­men) hat die­ses ange­schla­gene poli­ti­sche bewußt­sein nun ein aus­maß erreicht, das ein­deu­tig als refor­mis­tisch bezeich­net wer­den muß.
von dem in sich schon unvoll­stän­di­gen ant­ago­nis­mus „pro­le­ta­riat“ – „bour­geoi­sie“ ist nichts mehr übrig­ge­blie­ben, die rede ist nur noch von „men­schen“. im kon­text der „herr­schen­den ver­hält­nisse“ von „men­schen“ zu spre­chen, negiert die gesamte ausbeutungs-​​ und gewalt­hier­ar­chie im impe­ria­lis­ti­schen patri­ar­chat. es ist gewiss kein zufall. der ent­spre­chende grie­chi­sche begriff ‚homo‘ bedeu­tet über­setzt gleich, ent­spre­chend mann. die in der ver­wen­dung des begrif­fes ‚mensch‘ lie­gende nega­tion von unter­schied­li­chen aus­beu­tungs­si­tua­tio­nen kann nicht alleine mit feh­len­dem poli­ti­schen bewußt­sein erklärt wer­den, ihr liegt ein sub­jek­ti­vis­mus zugrunde, der es schafft, sich selbst als nabel­punkt der welt zu begrei­fen. nur so wird es mög­lich, alles zu ver­ges­sen, was über (oder bes­ser unter) das eigene sein hin­aus­geht, der „kampf“ wird so zum eige­nen hei­lungs­pro­zess, zur legi­ti­ma­tion der eige­nen „befrei­ung“.
frauen kön­nen sich nie­mals den luxus erlau­ben, die „eska­la­tion zurück­zu­neh­men“, für frauen herrscht täg­lich krieg, der nur mit einem gegen­krieg von unten zu über­le­ben ist. das feh­lende ziel: die befrei­ung der frauen in bis­her allen patriarchal-​​linken kon­zep­tio­nen macht deut­lich, daß der femi­nis­mus nicht ein ein­zi­ges aus­beu­tungs­ver­hält­nis ver­ges­sen darf. die refor­mis­ti­sche, kon­ter­re­vo­lu­tio­näre ent­wick­lung der raf und der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen bewe­gung ändert das kräf­te­ver­hält­nis aber auch für andere fort­schritt­li­che kräfte gegen­über dem impe­ria­lis­ti­schen patri­ar­chat zum schlech­ten.

der sub­jek­tive bruch mit dem sys­tem – qua­li­tät und ver­herr­li­chung

schon oft wurde ober­fläch­lich ana­ly­siert, daß die raf in ihren anfän­gen ein ideo­lo­gi­sches kon­zept und dar­aus ana­ly­ti­sche kri­te­rien gehabt, diese aber über die jahre auf­ge­ge­ben hätte. eine sol­che betrach­tung ist undif­fe­ren­ziert. als pro­dukt der gesell­schaft­li­chen wider­sprü­che ihrer zeit präg­ten drei ideo­lo­gi­sche grund­ele­mente die raf in der brd:
1. eine marxistisch-​​leninistische klas­sen­ana­lyse und ein­schät­zung der sozia­len situa­tion für die metro­po­len, die sich in etwa auf der ebene auch ande­rer kom­mu­nis­ti­scher grup­pen der zeit bewegte;
2. eine theo­re­tisch und prak­tisch internationalistische/​antiimperialistische aus­rich­tung ihres kamp­fes;
und
3. – aus der ent­wick­lung der 60er jahre her­vor­ge­hend – nicht nur das theo­re­ti­sche wis­sen von der bedeu­tung der „ent­frem­dung“ und der „tota­li­tät des sys­tems“ für den kampf in den metro­po­len, son­dern die prak­ti­sche ant­wort dar­auf als per­spek­tive, „der sub­jek­tive bruch“.
stimmt es, daß die kämp­fen­den damals für die klas­sen­ana­lyse in den metro­po­len und für den inter­na­tio­na­lis­ti­schen kampf auf ideo­lo­gi­sche grund­sätze und erfah­run­gen zurück­grei­fen konn­ten, so stimmt es auch, daß sie die ideologischen/​politischen kri­te­rien nicht auf den drit­ten bereich über­tru­gen. der „sub­jek­tive bruch“ blieb sub­jek­ti­vis­tisch, machte das indi­vi­duum zur zen­tra­len instanz einer mora­li­schen ent­schei­dung: sub­jekt ist jede und jeder selbst im kampf und sich selbst ver­ant­wort­lich.
aber: jede politische/​gesellschaftliche ent­wick­lung ent­steht aus der dia­lek­tik des auf­stan­des von unten gegen die herr­schaft von oben. jede äuße­rung von wider­stand ist aus­druck die­ses kräf­te­ver­hält­nis­ses inner­halb der gesamt­ge­sell­schaft­li­chen bedin­gun­gen. auch wir, mit dem was wir heute wis­sen und den­ken, sind ein aus­druck der gesell­schaft­li­chen ver­hält­nisse, in denen wir leben. in der geschichte der raf hat sich der „sub­jek­tive bruch“ zu so etwas, wie einer zuflucht in der vor­stel­lung, zur nische jen­seits der gesell­schaft­li­chen bedin­gun­gen ent­wi­ckelt, und damit zu einer kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren ideo­lo­gie. es gibt aber weder für ein­zelne noch für kol­lek­tive die mög­lich­keit, sich jen­seits des gesell­schaft­li­chen kräf­te­ver­hält­nis­ses zu defi­nie­ren und zu bewe­gen. nichts­des­to­trotz liegt gerade im auf­grei­fen der theo­rien über die ent­frem­dung und die tota­li­tät der herr­schaft in den metro­po­len, in der beant­wor­tung die­ser rea­li­tät (dem durch­bre­chen des staat­li­chen gewalt­mo­no­pols) die gesell­schaft­li­che bedeu­tung der raf.
für die femi­nis­ti­sche bewe­gung heute ist es wich­tig, zu ver­ste­hen, daß die frau­en­be­we­gung damals und mehr­heit­lich auch heute noch orga­ni­sierte mili­tante poli­tik viel­fach prak­tisch ablehnt, ja bereits theo­re­tisch für unan­ge­mes­sen, weil „unweib­lich“ erklärt. zurück zur bedeu­tung des „sub­jek­ti­ven bruchs“: als les­bi­sche femi­nis­tin ist mir sehr bewußt, wie­viel kraft frei­ge­setzt wird, wenn frauen sub­jek­tiv „bre­chen“ mit ihrer roIle und funk­tion in die­ser gesell­schaft. im patri­ar­chat sind män­ner akteure, also sub­jekte und frauen opfer, also objekte. dar­aus auf­zu­ste­hen und sub­jekt zu sein im kampf für die befrei­ung der frauen heißt für jede frau per­sön­lich ganz viel. heißt, erfah­rene ver­let­zun­gen nicht län­ger zu leug­nen und zu igno­rie­ren; heißt, die eigene rea­li­tät jen­seits von patri­ar­cha­ler ver­schleie­rung wahr­zu­neh­men; heißt, die kraft der frauen, fast alles ertra­gen zu kön­nen, umzu­wan­deln in den mut, nicht län­ger alles ertra­gen zu wol­len!
„der ent­schluß, die welt zu näh­ren, ist der ein­zig sinn­volle ent­schluß. noch keine revo­lu­tion hat diese wahl getrof­fen. denn sie ver­langt, daß alle frauen frei sind…solange wir ein­an­der nicht fin­den, sind wir allein.“ (adri­enne rich)
„es exis­tiert heute eine viel­zahl von mög­lich­kei­ten, diese gesell­schaft zu ver­än­dern. es wäre kri­mi­nell und unmensch­lich, sie nicht aus­zu­nut­zen. alles, was mög­lich ist, um die­ses sys­tem zu ver­än­dern, muß getan wer­den. dies ist, so glaube ich, der tie­fere sinn unse­res lebens.‘
(mara cagol 1969, als kämp­fe­rin der bri­gate rosse von den cara­bi­nieri 1975 erschos­sen)
seit april 1992 erklä­ren die raf und teile der gefan­ge­nen, warum der deut­sche staat nun aus der oben genann­ten ein­ord­nung aus­zu­neh­men ist. die raf und teile der gefan­ge­nen arbei­ten mit meh­re­ren argu­men­ta­ti­ons­li­nien. da wird ein­mal aus der geschichte der brd erzählt, daß es in die­sem land keine „resis­tance“ gegen den faschis­mus gege­ben hat, daß es vor über 20 jah­ren so aus­sah, als könnte die brd in einen „neuen faschis­mus“ abkip­pen, daß es damals also gerecht­fer­tigt war, das his­to­risch ver­säumte nach­zu­ho­len und resis­tance zu machen. für heute sei die­ses kon­zept aller­dings über­holt, weil die brd sich als gefes­tigte demo­kra­tie erwie­sen habe. (nach­zu­le­sen z.b. im spiegel-​​interview der cel­ler gefan­ge­nen im juni 1992) sie denun­zie­ren ers­tens ihre eigene geschichte, da sie nicht als bürgerlich-​​antifaschistische resis­tan­ce­be­we­gung, son­dern als kom­mu­nis­ti­sche stadt­gue­rilla ange­tre­ten sind. zwei­tens arbei­ten sie all­ge­mein dar­auf hin, die erfah­rung des bewaff­ne­ten kamp­fes als stra­te­gie aktu­ell und his­to­risch zu liqui­die­ren.
die brd ist nichts ande­res als die bruch­lose restruk­tu­rie­rung und reor­ga­ni­sa­tion der glei­chen herrschafts-​​ und aus­beu­tungs­in­ter­es­sen, die einige jahre vor­her ihre gewinne mit­tels faschis­mus, völ­ker­mord und krieg sicher­ten. unter der schwarz-​​rot-​​goldenen fahne der demo­kra­tie benutz­ten und benut­zen gerade die herr­schen­den die dro­hung vom „wie­der­her­ein­bre­chen des faschis­mus“ als kata­stro­phen­sze­na­rio zur legi­ti­ma­tion der von oben bewach­ten ruhe und ord­nung des bürgerlich-​​kapitalistischen patri­ar­chats. mil­lio­nen gür­tel sol­len enger geschnallt wer­den, damit das deut­sche kapi­tal und sein staat mit dem so her­aus­ge­preß­ten geld das aggres­sive vor­an­trei­ben sei­ner impe­ria­lis­ti­schen groß­macht­pläne finan­zie­ren kann (stich­wort: annek­tion der ddr, zugriff auf die märkte in ost­eu­ropa, südost-​​asien usw., eg und groß­raum­for­mie­rung, bun­des­wehr im ‚frie­dens­ein­satz‘, schlie­ßung der gren­zen gegen flücht­linge usw. usf.). um sich gegen ver­schär­fende gegen­sätze im innern abzu­si­chern, wer­den alte und neue faschis­ten real und medi­en­wirk­sam auf­ge­baut und benutzt als legi­ti­ma­tion, um das boll­werk des deut­schen staa­tes funk­ti­ons­tüch­tig aus­zu­bauen. in die­sem soge­nann­ten „klima der angst“ rufen plötz­lich nicht nur „bun­des­deut­sche nor­mal­bür­ge­rin­nen und nor­mal­bür­ger“ nach einer weise len­ken­den ord­nungs­kraft. da „akzep­tie­ren“ auch viele linke „das klei­nere übel“.
frauen sind auf­grund ihrer sozia­li­sa­tion auf frie­den und har­mo­nie ein­ge­schwo­ren. wir beob­ach­ten, daß auch viele linke frauen immer mehr vor der kon­fron­ta­tion mit den ver­hält­nis­sen zurück­wei­chen, pro­tes­tie­ren, wachen, sich zurück­zie­hen.
femi­nis­tin­nen wis­sen, daß die herr­schende rea­li­tät immer beängs­ti­gen­der wird. aber sie wis­sen auch, daß sich ducken nicht vor schlä­gen schützt, daß die herr­schen­den die unsi­cher­hei­ten benut­zen wol­len, um die einen gefü­gig zu machen und zu inte­grie­ren und die ande­ren zu iso­lie­ren und anzu­grei­fen.
frauen haben ein gro­ßes selbst­schutz­in­ter­esse, sowohl die­sen kern faschis­ti­scher ideo­lo­gie und gewalt­aus­übung zu bekämp­fen, als auch deren ver­kör­pe­rung in form kon­kre­ter faschisten/​männer.
der deut­sche staat benutzt die faschis­ten und die angst der men­schen vor faschis­ti­scher gewalt, um seine macht zu fes­ti­gen. und wer, wie die cel­ler gefan­ge­nen, in die­ser zeit fest­stellt, daß die brd sich gegen einen „neuen faschis­mus“ als bür­ger­li­che demo­kra­tie behaup­tet hat, die/​der han­delt mit bewuß­ter absicht, macht pro­pa­ganda für das sys­tem und gibt dem staat deckung gegen links.
die raf betont außer­dem, daß wir in einer zeit leben, in der die gewalt so weit bis in jede zwi­schen­mensch­li­che bezie­hung vor­ge­drun­gen sei, daß das mit­tel der gewalt damit stumpf und ent­wer­tet und somit auf­zu­ge­ben sei – und alle müß­ten nun „ganz neu über­le­gen“.
dem femi­nis­mus ist ein gewis­ses bewußt­sein über das aus­maß der struk­tu­rel­len und indi­vi­du­el­len gewalt wäh­rend der letz­ten zwei-​​ bis vier­tau­send jahre von män­nern gegen­über frauen vor allem in „zwi­schen­mensch­li­chen bezie­hun­gen“ zu ver­dan­ken. wer so argu­men­tiert, ent­waff­net den auf­stand von unten: direkt und geschicht­lich, psy­cho­lo­gisch, emo­tio­nal, poli­tisch.
der femi­nis­mus beinhal­tet aller­dings kei­nes­wegs kom­mu­nis­ti­sche kon­zepte wie z.b. das avantgarde-​​konzept einer bewaff­ne­ten stadt­gue­rilla!
„gewalt“ ist ein begriff, der in den letz­ten mona­ten ver­stärkt in der soge­nann­ten öffent­li­chen dis­kus­sion auftaucht.dahinter steht ein bewuß­tes und – wie es scheint – lei­der auch erfolg­rei­ches sys­tem: „gewalt“ wird durch die dau­ernde beru­fung zur schlange, vor der die kanin­chen erstar­ren. jede gesell­schaft­li­che aus­ein­an­der­set­zung soll so auf die soge­nannte „demokratisch-​​rechtsstaatliche“ ebene fixiert wer­den.
die öffent­li­che gewalt­de­batte ist inso­fern ein stra­te­gi­scher coun­ter­zug des staa­tes, denn – solange eine fixie­rung gelingt – ist dies die fest­schrei­bung der herr­schen­den gewalt­ver­hält­nisse. es ist not­wen­dig, öffent­lich zu unter­schei­den zwi­schen faschis­ti­scher gewalt, gewalt­mo­no­pol des staa­tes und rebel­lion von unten; es ist not­wen­dig, posi­tion zu bezie­hen.
wenn die raf ihre auf­for­de­rung zum gewalt­ver­zicht gefühls­be­tont zu unter­mau­ern ver­sucht mit dem jam­mer: „wir haben immer nur auf den feind gestarrt, uns nie um uns geküm­mert“, dann ist das nicht nur unpo­li­tisch und ent­po­li­ti­sie­rend, son­dern sexis­tisch und ras­sis­tisch, aus­druck der pri­vi­le­gien wei­ßer män­ner (und sich daran ori­en­tie­ren­der wei­ßer frauen). ein pri­va­ti­sie­ren­des päu­schen, wie die raf es vor­schlägt, heißt mehr ver­ge­wal­tigte frauen, mehr sexu­ell aus­ge­beu­tete mäd­chen, mehr dis­kri­mi­nie­rung und ent­wür­di­gung, mehr ökono­mi­sche aus­beu­tung für jede ein­zelne und für unser geschlecht als sozial unter­drückte klasse, heißt das fort­be­ste­hen, die fes­ti­gung der herr­schaft.
„ich bin nicht frei, solange noch eine ein­zige frau unfrei ist auch wenn sie ganz andere fes­seln trägt als ich. ich bin nicht frei, solange noch ein ein­zi­ger far­bi­ger mensch in ket­ten liegt. und solange seid auch ihr nicht frei.“ (audre lorde)
in einer gesell­schaft, in der welt­weit frauen und mäd­chen auf­grund patri­ar­cha­ler macht­ord­nung unter­drückt wer­den, ver­ge­wal­tigt wer­den, ihre gefühle, ihre krea­ti­vi­tät, ihre kör­per, ihre phan­ta­sie, ihre lust, ihre arbeits­kraft, ihre intel­li­genz, ihr wis­sen aus­ge­beu­tet wer­den, in der frauen eine unter­stellte, eine kolo­ni­sierte soziale klasse sind, haben frauen indi­vi­du­ell und kol­lek­tiv die berech­ti­gung, mit jedem mit­tel gegen das sys­tem ihrer unter­drü­ckung und gegen jeden ein­zel­nen unter­drü­cker vor­zu­ge­hen! die würde der frauen zu wah­ren, ist grund genug, sich zu weh­ren. femi­nis­mus ist nicht nur selbst­ver­tei­di­gung mit dem rücken zur wand und dem grauen im her­zen. femi­nis­mus ist nicht allein der gesell­schaft­li­che rück­zug in frau­en­ge­mein­schaf­ten. das empö­ren gegen unge­rech­tig­keit, die wut im bauch, die theo­rie von unter­drü­ckung und ver­än­de­rung. femi­nis­mus ist mehr als die reak­tion auf poli­ti­sche umstände oder mate­ri­elle bedin­gun­gen. femi­nis­mus ist das bewußt­sein, nicht nur von ursa­chen der unter­drü­ckung, son­dern auch von bedin­gun­gen, not­wen­dig­kei­ten, mög­lich­kei­ten der ver­än­de­rung. die­ses bewußt­sein ist nicht abs­trakt, son­dern ist die benen­nung von ver­ant­wort­li­chen, täg­lich, nächt­lich, pri­vat und öffent­lich, hier und inter­na­tio­nal!
ham­burg, den 20. februar 1993

  1. Gre­gor, An die Frauen aus Gie­ßen, die den Text geschrie­ben haben, der in der Inte­rim Nr. 229 vom 25.2.93 ab gedruckt ist!, in: inte­rim, Nr. 231, 11.03.1993, 3 – 5.
    Anna und Arthur, Zu Gre­gors Kri­tik an den Frauen aus Gie­ßen (inte­rim 231), in: inte­rim, Nr. 232, 18.03.1993, 32.
    Gre­gor, An Anna und Arthur wg. der Dis­kus­sion um den Text der Frauen aus Gie­ßen aus Inte­rim 229!, in: inte­rim, Nr. 233, 25.03.1993, 33 – 34.
    VERS. Von einer revo­lu­tio­nä­ren Strö­mung, Zur Dis­kus­sion über die femi­nis­ti­sche Kri­tik in der Inte­rim 229 am neuen Kurs von RAF sowie Tei­len der Gefan­ge­nen und des Wider­stan­des, in: inte­rim, Nr. 235, 08.04.1993, 20 – 21.
    ProKo, Kri­ti­sches zur Kri­tik von Gre­gor, von der inte­rim (s. Nr. 238, 2) in ihren Ord­ner mit unver­öf­fent­lich­ten Tex­ten gepackt.
    Gre­gor, Nochmal-​​ zum letz­ten Mal: Zu der Dis­kus­sion über das Papier der Gieß­ne­rin­nen (Inte­rim 229, 231, 232, 233) und der daran anschlie­ßen­den Kri­tik von „VERS“ am „neuen Kurs der RAF sowie Tei­len der Gefan­ge­nen“ (Inte­rim 235) sowie zur der Lang­fas­sung der Kri­tik von einem von „VERS“ außer­halb die­ser Zei­tung, in: inte­rim, Nr. 236, 15.04.1993, 30 – 32 (am Ende des Tex­tes mit einem Vor­schlag für eine Amnestie-​​Kampagne).
    Anton und Fritz, Stel­lung­nahme zur Amnestie-​​Forderung, in: inte­rim, Nr. 238, 30 – 31.
    S. dazu schließ­lich auch den Brief von Karl-​​Heinz Dellwo und dazu die Stel­lung­nah­men der Ver­fas­se­rin­nen der „Femi­nis­ti­schen Kri­tik“ (bei­des in inte­rim 243) sowie von Anton, Fritz und Jenny (inte­rim 245).
    [zurück]
  2. „1990 bot Bun­des­jus­tiz­mi­nis­ter Klaus Kin­kel (FDP) den RAF-​​Häftlingen Haft­ent­las­sung an, wenn die Ille­ga­len von wei­te­ren Aktio­nen absä­hen. Die RAF ging indi­rekt dar­auf ein und erklärte 1992, ‚die Eska­la­tion zurück­neh­men‘ zu wol­len. Heute ist bekannt, dass die so genannte Kinkel-​​Initiative einen Bruch unter den RAF-​​Häftlingen aus­löste. Wäh­rend Bri­gitte Mohn­haupt und andere das Ange­bot zurück­wie­sen, woll­ten Karl-​​Heinz Dellwo, Lutz Tau­fer und andere dar­auf ein­ge­hen.“ (http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​R​o​t​e​_​A​r​m​e​e​_​F​r​a​k​t​i​o​n​#​D​r​i​t​t​e​_​G​e​n​e​r​ation) – FN von TaP. [zurück]
Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio
Wikio

2 Antworten auf „Doku: EINE FEMINISTISCHE KRITIK“


  1. 1 Bäumchen 28. April 2011 um 11:29 Uhr

    Vielen Dank! Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias könnte erklären, warum mir der Text zu Anfang sehr unangenehm erschien; Gewalt ist verpönt heutzutage und monopolosiert, Zwänge internalisiert; der Mensch zivilisiert. Deswegen würde es mich interessieren, wie du zu diesem Text stehst und welche Schlüsse du daraus für dich oder für den Feminismus ziehst.
    Liebe Grüße!

  2. 2 TaP 03. Mai 2011 um 9:43 Uhr

    @ „wie du zu diesem Text stehst und welche Schlüsse du daraus für dich oder für den Feminismus ziehst“:

    Also,
    ich habe mal versucht, dazu etwas zu schreiben:

    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/05/03/gegen-den-strom/

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


vier × fünf =