Gegen Bildungselitismus, für POLITISCHE Kritik an Guttenberg und für SELBSTkritik des Wissenschaftsbetriebs

Über­sicht über meine Texte der letz­ten Tage und einige ‚pas­sende‘, ältere Texte

Glie­de­rung:

I. Hauptext
II. Zum poli­ti­schen Kon­text
III. Zur wis­sen­schaft­li­chen Seite des Pro­blems
IV. Zur straf­recht­li­chen Seite des Pro­blems
V. Klei­nere Neben-​​Texte
VI. Ältere Texte

I. Hauptext

Siehe zur politisch-​​strategischen Seite der Ange­le­gen­heit bes. die dor­tige FN 4:

„Sicher­lich, wenn Poli­ti­ke­rIn­nen die Bür­ge­rIn­nen belü­gen, dann ist das nicht in Ord­nung. Daß die Poli­ti­ke­rIn­nen ehr­lich über das, was sie tun und vor­ha­ben, sind, ist die Mini­mal­vor­aus­set­zung begrün­de­ter Wahl­ent­schei­dun­gen und damit die Mini­mal­vor­aus­set­zung von – wie auch immer ver­stan­de­ner Demo­kra­tie.
Aber sicher ist auch: Wer/​welche es nicht ver­steht, Kriegs­lis­ten erfolg­reich anzu­wen­den, ist keinE guteR Kriegs­mi­nis­te­rIn – und auch ansons­ten keinE guteR Poli­ti­ke­rIn. Das haben doch alle schon mal erfah­ren, die ver­sucht haben, auf einem Partei-​​ oder Gewerk­schafts­tag oder in einem aka­de­mi­schen Selbst­ver­wal­tungs­or­gan einen Antrag oder in einem Demo-​​Bündnis einen Vor­schlag durch­brin­gen: Das geht nicht ohne Haken und Ösen und Neben­ab­spra­chen usw. (das müßte im übri­gen auch einer allzu eupho­ri­schen Wikileaks-​​Verteidigung – von den Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wür­fen gegen Ass­an­ger ganz zu schwei­gen – ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den).
Zur Ehr­lich­keit gegen­über den Bür­ge­rIn­nen (und zu poli­ti­schem Rea­lis­mus) gehört auch offen (und ohne mora­li­sie­ren­dem Unter­ton) aus­zu­spre­chen, wie Poli­tik funk­tio­niert und funk­tio­nie­ren muß, solange Herr­schaft (inner­staat­lich und inter­na­tio­nal) eine Rea­li­tät ist (daß sie eine Rea­li­tät ist, zeigt sich schon daran, daß sie staats­ge­walt­för­mig orga­ni­siert ist).
Sicher­lich ist das eine Pro­blem – und das ist die Lehre aus dem ‚Real’sozialismus, aber auch aus dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Refor­mis­mus und der grü­nen Real­po­li­tik –, daß das eigene Han­deln nicht zur Per­pe­tu­ie­rung der in die­ser (herr­schaft­li­chen) Weise funk­tio­nie­ren­den Ver­hält­nisse bei­tra­gen darf.
Aber das andere Pro­blem – und das ist die Lehre aus den früh-​​grünen, früh-​​Neue soziale Bewe­gun­gen und sponti-​​autonomen Basisdemokratie-​​Illusionen – ist, daß es unmög­lich ist, die Rein­heit des idea­len Ziels schon heute zum 1:1-Maßstab des Han­delns zu machen.
Die Schlimms­ten sind aller­dings die, die in der Rhe­to­rik das reine Ideal pre­di­gen, aber sich in der eige­nen Pra­xis nicht dran hal­ten – und die­ses Phä­no­men tritt lei­der nur allzu häu­fig in der per­so­na­li­sie­ren­den Skan­da­lie­rungs­rhe­to­rik des poli­ti­schen und jour­na­lis­ti­schen Geschäfts auf.
Und diese Dop­pel­mo­ral trägt nicht weni­ger zur Pas­si­vie­rung der Bür­ge­rIn­nen und damit zum Abbau von demo­kra­ti­scher Kon­trolle bei als die oben erwähnte Unehr­lich­keit von Poli­ti­ke­rIn­nen.
Der Kampf gegen das Sym­ptom (den Skan­dal) statt gegen das Sys­tem (den Nor­mal­fall), läßt die Ursa­che des Sym­ptoms unbe­rührt und bestä­tigt, die Bür­ge­rIn­nen in dem (Vor)urteil, daß Poli­tik ein ‚schmut­zi­ges Geschäft’ ist, akti­viert aber nicht dazu, daß das Sys­tem (die Ursa­chen) in Frage zu stel­len.
“ (fett-​​Setzungen nach­träg­lich hin­zu­ge­fügt)

Vgl. zur politisch-​​strategischen Seite auch noch mei­nen Kom­men­tar:

„Ich hatte mich hier ja schon mehr­fach als vehe­mente Ver­tei­di­ge­rIn von Bünd­nis­po­li­tik und Kom­pro­mis­sen geou­tet, aber ich hatte auch immer dazu­ge­sagt: bei vol­ler Wah­rung der Frei­heit der eige­nen Agi­ta­tion und Pro­pa­ganda.1
Viel bes­ser wäre gewe­sen, einen gemein­sa­men Brief zu ver­fas­sen, der sich auf die schlichte Rück­tritts­for­de­run­gen beschränkt (dann wäre ich sogar als 30.001. hin­zu­ge­kom­men) – und dann gibt es dazu je unter­schied­li­che indi­vi­du­elle oder frak­tio­nelle Begrün­dun­gen.“

II. Zum poli­ti­schen Kon­text

III. Zur wis­sen­schaft­li­chen Seite des Pro­blems

Nun ja, daß die Ver­tei­di­gung des Elfen­bein­turms offensiv-​​iro­nisch erfol­gen solle, weil er eh keine Rea­li­tät, son­dern ein Papp­ka­me­rad ist, hatte ich ja geschrie­ben.
Mit der gebo­te­nen Iro­nie möchte ich daran aller­dings fes­ten: Ja, der Elfen­bein­turm war nie Rea­li­tät und inso­fern magst Du mit Dei­ner Kri­tik „Herr­schafts­dien­lich­keit“ Recht haben.
Aber der Elfen­bein­turm ist – ähnlich wie juris­ti­sche Frei­heit und Gleich­heit – das bür­ger­li­che Opti­mum, das unter­halb post-​​kapitalistischer Ver­hält­nisse als anti-​​feudale Posi­tion zu haben ist.
Sicher­lich: Der Elfen­bein­turm bleibt – genauso wie juris­ti­sche Frei­heit und Gleich­heit – von fak­ti­schen gesell­schaft­li­chen Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­sen affi­ziert – spä­tes­tens bei der Frage der Finan­zie­rung von wis­sen­schaft­li­cher Arbeit; und letz­te­res gilt auch noch in post-​​kapitalistischen Ver­hält­nis­sen.
Aber diese indi­rekte Herr­schafts­dien­lich­keit ist der direk­ten alle­mal vor­zu­zie­hen. Und selbst in post-​​kapitalistischen Ver­hält­nis­sen kann die Auf­he­bung der rela­ti­ven Auto­no­mie der wis­sen­schaft­li­chen (ent­spre­chend: der künst­le­ri­schen etc.) Pra­xen von der poli­ti­schen Pra­xis nur in wis­sen­schaft­li­che, ästhe­ti­sche und poli­ti­sche Kata­stro­phen wie dem Lys­sen­kis­mus (vgl. 1, 2, 3), dem Sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus und dem Sta­li­nis­mus mün­den

IV. Zur straf­recht­li­chen Seite des Pro­blems

und

V. Klei­nere Neben-​​Texte

Eni­vie: Ich sehe es etwas dif­fe­ren­zier­ter: Gut­ten­plags Ver­ge­hen betrifft durch­aus auch die Wirt­schaft und damit alle Bür­ger und ebenso auch das Aus­land, denn wie bekannt wird heute vie­les über Inter­net ver­kauft, z. B. E-​​Books, Musik­da­teien und andere geis­ti­gen Güter. Diese wer­den von ganz unter­schied­li­chen Berufs­leu­ten ange­bo­ten und nicht pri­mär von der Bil­dungs­elite. Gut­ten­berg ver­stärkt den ohne­hin schon beste­hen­den Daten­klau im Inter­net und macht ihn noch hof­fä­hi­ger. Das ist sein Ver­dienst bzw. den gro­ßen Scha­den, den er ange­rich­tet hat. Des­halb besteht auch durch­aus ein öffent­li­ches Inter­esse an Gut­ten­bergs Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen und zwar auch bei vie­len Nor­mal­ar­bei­tern ohne Dok­tor­ti­tel. Der wirt­schaft­li­che Scha­den durch sol­che Antibei­spiele ist enorm.

TaP: Allerwelt-​​Weisheiten sind weder wis­sen­schaf­ti­che Leis­tun­gen noch ver­die­nen sie Schutz als „geis­ti­ges Eigen­tum“

Ja, selbst­ver­ständ­lich ist es nur fair, und inso­fern gebo­ten, Leute, deren For­mu­lie­run­gen ver­wen­det wer­den, auch zu nen­nen. (Außer­dem ent­spricht, es ja in der Regel auch dem Eigen­in­ter­esse der zitie­ren­den Per­son, die zitier­ten Leute zu nen­nen: Die Auto­rIn­nen, die ich über­zeu­gend fin­den, sol­len ja auch von ande­ren Leu­ten gele­sen wer­den – und zwar mit ihrem gan­zen Werk und nicht mit nur den paar Sät­zen, die ich zitie­ren kann.)
Aber:
-- Ich halte wenig davon, das in der Ter­mi­no­lo­gie von Klauen, Gütern (Eigen­tum) usw. zu dis­ku­tie­ren. Denn, dann sind wir bald da, daß auch für ein ord­nungs­ge­mäß aus­ge­wie­se­nes Zitat eine Lizenz­ge­bühr bezahlt wer­den muß. Und das ist näm­lich die andere Seite der aktu­el­len Ent­wick­lung: Die Pri­va­ti­sie­rung und Kom­mer­zia­li­sie­rung von Wis­sen durch pri­vate Daten­ban­ken, die wis­sen­schaft­li­che Ver­öf­fent­li­chun­gen erfas­sen und gegen Geld zugäng­lich machen, durch die Aus­wei­tung von Patent­rech­ten usw. – Die Bür­ge­rIn­nen finan­zie­ren mit ihren Steu­ern die For­schung und der Gewinn wird pri­vat ein­ge­stri­chen.
-- Z.B. die aus der FAZ abge­kup­ferte Einleitungs-​​Passage der Guttenberg-​​Diss.: „‚E plu­ri­bus unum‘, ‚Aus vie­lem eines‘ – so lau­tete das Motto, unter dem vor rund 200 Jah­ren die ame­ri­ka­ni­schen Staa­ten zur Union zusam­men­fan­den, und die­ses Motto ist pro­gram­ma­tisch zu ver­ste­hen.“ usw. – Darin steckt doch weder bei der Erst­au­to­rin (ist ja auch nicht die Auf­gabe eines Tages­zei­tungs­ar­ti­kels) noch bei Gut­ten­berg irgend­eine wis­sen­schaft­li­che Leis­tung. Das ist blu­mig aus­ge­schmückt eine Allerwelts-​​Information, ver­bun­den mit einer ohne Begrün­dung blei­ben star­ken Behaup­tung („ist pro­gram­ma­tisch zu ver­ste­hen“ = muß … ver­stan­den wer­den). Selbst­ver­ständ­lich wäre es trotz­dem nett, die Erst­au­to­rin mit der blu­mi­gen For­mu­lie­rungs­gabe zu nen­nen – aber daran hängt die wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät oder Nicht-​​Qualität der Guttenberg-​​Diss. nicht. Auch wer/​welche eine drei­hun­dert­sei­tige Samm­lung seiner/​ihrer eige­nen FAZ-​​Artikel, ver­se­hen mit sti­lis­ti­schen Über­lei­tun­gen, ein­reicht, hat damit noch keine wis­sen­schaft­li­che Arbeit ein­ge­reicht. Eine wis­sen­schaft­li­che Arbeit erfor­dert eine Frage, Kri­te­rien, nach der sie beant­wor­tet wer­den soll, eine begrün­dete Methode, nach der das Gege­ben­s­ein oder Nicht-​​Gegebensein der Kri­te­rien fest­ge­stellt wird, erfor­dert nicht nur zustim­men­des Zitie­ren, son­dern gerade auch das Zitie­ren und Kri­ti­sie­ren von Gegen­auf­fas­sung; die Aus­ein­an­der­set­zung mit kon­kur­rie­ren­den metho­di­schen und theo­re­ti­schen Ansät­zen.
Ist davon denn irgend­et­was in der Guttenberg-​​Diss. und der abge­kup­fer­ten Popu­lär­li­te­ra­tur vor­han­den? (Ich ver­mute nicht, hatte aber keine Gele­gen­heit sie zu lesen.) Falls nicht, dann ist das (und, daß das den Gut­ach­tern nicht auf­fiel) doch der viel grö­ßere wis­sen­schaft­li­che Scha­den als die feh­len­den Fuß­no­ten.

VI. Ältere Texte

  1. Vgl. bspw. http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​0​3​/​l​e​n​i​n​-​a​n​t​w​o​r​t​-​d​e​r​-​a​n​t​i​d​e​m​o​k​r​a​t​i​s​c​h​e​n​-​a​k​tion/. [zurück]
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1 Antwort auf „Gegen Bildungselitismus, für POLITISCHE Kritik an Guttenberg und für SELBSTkritik des Wissenschaftsbetriebs“


  1. 1 Florentine 10. April 2011 um 22:00 Uhr

    Eher unspannend und über weite Strecken grundfalsch.

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drei × = zwölf