Weil lesen bilden kann…

In der taz von heute:

„‚Ganz erlich alle behinderet da oben, ich will nicht wissen wie viel jugendsünden die anderen politiker alle gemacht haben‘, kommentiert ein Supermarktangestellter auf einer Pro-Guttenberg-Seite, und schon der Stil dieses in jeder Hinsicht typischen Eintrags deutet darauf, dass Empathie und Empörung weniger zwischen Links, Mitte und Rechts, aber umso mehr zwischen Oben, Mitte und Unten verteilt sind. Die Frisörin oder der Bauarbeiter erinnern sich an die eigenen Spickzettel, mit denen sie durch manche Klassenarbeit kamen und können in Guttenbergs Abkupferei kein großes Vergehen erkennen. Das eint sie mit Leuten aus großbürgerlichem oder aristokratischem Haus, mit Guttenberg selbst, dem man es getrost abnehmen kann, dass er die Empörung nicht wirklich versteht. Denn für ihn war der Doktor nur einer unter mehreren Titeln; einer, den er zwar schon deshalb brauchte, weil Herr Dr. Hinz und Frau Dr. Kunz ihn auch hatten, aber nicht der Ritterschlag, den hatte er schon; nicht der Ausweis, ‚es geschafft‘ zu haben, […].
Das aber unterscheidet ihn von all jenen, die ihren eigenen sozialen Aufstieg allein oder vorrangig ihrer Ausbildung zu verdanken haben und die deshalb Bildung auch als Allheilmittel für dit und dat halten, egal ob es gerade um Globalisierung, Armut oder Rechtsextremismus geht. Die Bildungsbürger sind denn auch diejenigen, die sich am meisten über Guttenberg aufregen – und nicht verstehen, warum nicht ein jeder ihre Empörung teilt. Ihre Sorge gilt nicht ‚der Wissenschaft‘, sondern sich selbst; sie sind wütend, weil sich einer, noch dazu so einer, das, wofür sie selbst geschwitzt und geackert und geblutet haben, einfach so ergaunert hat. Die Aufregung um Guttenberg ist partikularer Standesdünkel des Bildungsbürgertums. Sie ist – im besten wie im schlechtesten Sinn des Wortes – bürgerlich. Nicht unbegründet, aber eben auch ein wenig langweilig.
[…]. Sind Leute, die nie etwas im Supermarkt geklaut, niemals einen Pflasterstein geworfen oder ein Amt übers Ohr gehauen haben, nicht furchterregender als ein tricksender Freiherr? Wer will solche Leute schon zu Nachbarn haben? Oder von ihnen regiert werden?
(http://taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/herakles-jesus-guttenberg/)

Anmerkungen:

1. Würde es den genannten BildungsbürgerInnen nicht um sich selbst, sondern um die ‚die Wissenschaft‘ gehen, dann würden nicht Guttenberg (und Merkel) als PolitikerInnen und Personen im Mittelpunkt der Kritik stehen, sondern der Zustand des Wissenschaftsapparates, dessen bloßes Symptom Guttenberg ist (s. meine anderen Artikel aus dieser Woche).

2. „Auf keinem Fall darf der Marxismus die (der Großbourgeoisie und der Sozialdemokratie gemeinsame) Position einnehmen und die ökonomischen und politischen Probleme in Begriffen der ‚Rationalität‘ und der ‚Irrationalität‘, in Begriffen der logischen Wahl zwischen rationalen ‚Modellen‘ der Gesellschaft statt in Begriffen des Klassenkampfs formulieren.“
(Étienne Balibar, Marxismus, Rationalismus, Irrationalismus und Soziale Krise und Ideologische Krise, in: alternative, H. 116, Okt. 1977, 225 – 232 und H. 118, Feb. 1978, 18 – 23 [22] (frz. Erstveröff.: La Nouvelle Critique Nr. 99, Dez. 1976).
Der Marxismus ist rational, aber nicht rationalistisch!

Aber – für diejenigen, die sich mehr für die Wissenschaften als für den Klassenkampf interessieren – noch mal zurück zu den wissenschaftlichen Standards. Dazu schreibt Die Zeit:

„Die Affäre wirft auch peinliche Fragen an die Wissenschaft auf. […].
Schließlich hat die Affäre auch blitzlichtartig erhellt, wie es um die gern hochgehaltenen »Selbstreinigungskräfte« der Wissenschaft wirklich bestellt ist: Sie sind keinesfalls selbstverständlich, […].
Das soll und kann zu Guttenbergs Plagiat zwar nicht entschuldigen. Aber die Hochschulen müssen sich auch fragen lassen, ob sie ihre Standards stets so hochhalten, wie sie gerne behaupten – und welche Lehren sie nun aus dem Fall ziehen.
Allen voran gilt das natürlich für die Universität Bayreuth. Nicht nur der Ruf von zu Guttenbergs Doktorvater, Peter Häberle, ist beschädigt; auch die Prüfungskommission, […].
[…] die [wissenschaftlichen] Spitzenorganisationen reagierten mit windelweichen Erklärungen, in denen weder die Stadt Bayreuth noch der Name »Guttenberg« auftauchten. […]
Mit dem Rücktritt des Verteidigungsministers ist der Fall für die Wissenschaft nicht erledigt. […]. Und die Wissenschaft muss sich fragen, wie der Eindruck entstehen konnte, in der akademischen Welt werde doch überall mehr oder weniger geschummelt.“
(http://www.zeit.de/2011/10/Aufstand-der-Wissenschaft)

Die entscheidende Frage ist allerdings, ob dies nur ein (falscher) Eindruck ist, der sich mit plakativeren (statt windelweichen) Erklärungen der Wissenschaftsorganisationen korrigieren läßt oder ob es sich nicht in Zeiten von Auftragsforschung und ‚wissenschaftlicher‘ Gutachten für Staat, Kapital, Gewerkschaften, Ökoverbände usw., die mehr politische Meinung als Erkenntnis sind1, längst eine Tatsache ist – eine Tatsachen freilich, die in einem Wissenschaftsbetrieb, der ohnehin lieber über „Perspektiven“, „Sichtweisen“, „Erkenntnisinteresse“ und alle die anderen Legitimationsfloskeln des epistemologischen Relativismus als über die Analyse von Tatsachen und deren Ursachen redet, nicht gesehen wird.

„Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrthümlich sie immer sein mag), sondern von aussen, ihr fremden, äusserlichen Interesse entlehnten Standpunkt zu accomodieren sucht, nenne ich ‚gemein‘“ (MEW 26.2, S. 112), so hielt Marx Malthus entgegen, der meinte einen Kontrahenten unter Hinweis auf die von diesem verfolgten Analyse-Zwecke ‚widerlegen’ zu können. Die Unterstellung einer ‚bösen Absicht’ wird niemals ein Argument sein.

Weiterführende links:

  1. Vgl. zur Kritik an einem ‚gewerkschaftsnahen‘ ‚Forschungsprodukt‘: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/12/25/zum-verhaeltnis-von-rechtswissenschaft-und-rechtspolitik/ – (aus Anlaß eines blog-Eintrages beim Beck-Verlag zum Thema „Mindestlohn“). [zurück]
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1 Antwort auf „Weil lesen bilden kann…“


  1. 1 Fred Meier 03. März 2011 um 18:06 Uhr

    Als Kantianer sage, dass die „Absicht“ alles bedeutet. Und davor kneift dann selbst der Marxist in mir ;)

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