Das vom Himmel gefallene Humboldt-Zitat

Aus mei­ner Nach­be­mer­kung (S. 412-​​418 [412-​​414]) zu dem Bei­trag Die Ent­ge­gen­set­zung von Recht und Gesetz – ein „Son­der­weg“ der deut­schen Sprach­ge­schichte? von Isa­bel Aguirre Sie­mer in dem Buch:
Det­lef Geor­gia Schulze /​ Sabine Berg­hahn /​ Frie­der Otto Wolf (Hg.),
Rechts­staat statt Revo­lu­tion, Ver­recht­li­chung statt Demo­kra­tie? Trans­dis­zi­pli­näre Ana­ly­sen zum deut­schen und spa­ni­schen Weg in die Moderne (StaR P. Neue Ana­lyen zu Staat, Recht und Poli­tik. Serie A. Bd. 2), West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, 2010, 395 – 412:

I.

Die Auto­rin wirft in ihrem Auf­satz die Frage nach den Ursa­chen bzw. dem Kon­text der deut­schen und kas­ti­li­schen Prä­fe­renz für den Begriff des „Estado social“ oder „Sozi­al­staa­tes“ auf und führt in dem Zusam­men­hang aus: „Die Dis­tan­zie­rung vom Ter­mi­nus ‚Wohl­fahrt’ und seine eher nega­tive Kon­no­ta­tion kann sowohl aus einer Ableh­nung des fran­zö­si­schen Wohl­fahrts­aus­schus­ses = Comité du salut public (der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion) als auch aus einer Abgren­zung vom Wohl­fahrts­staat des Abso­lu­tis­mus Begrün­dung fin­den“ (S. 8). Die Ver­mu­tung eines Zusam­men­hangs mit der Ableh­nung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion kann sich für den heu­ti­gen Sprach­ge­brauch auf Mey­ers Lexi­kon Online und Mario Mar­ti­nis Buch Der Markt als Instru­ment hoheit­li­cher Ver­tei­lungs­len­kung: Mög­lich­kei­ten und Gren­zen einer markt­ge­steu­er­ten staat­li­chen Ver­wal­tung des Man­gels (Mohr Sie­beck: Tübin­gen, 2008, S. 223) stüt­zen.

In dem Mey­ers Lexi­kon heißt es: „Zum sozi­al­phi­lo­so­phi­schen Schlüs­sel­wort wurde Wohl­fahrt im 18. Jahr­hun­dert, geriet jedoch als poli­ti­sches Wohl­fahrts­kon­zept auf­grund der Erfah­run­gen der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion auch in Miss­kre­dit. So ver­wirk­lichte das oberste Exe­ku­tiv­or­gan des fran­zö­si­schen Natio­nal­kon­vents, der Wohl­fahrts­aus­schuss, keine Wohl­fahrt, son­dern wurde zum Instru­ment einer Schre­ckens­herr­schaft. Die in die­sem Zusam­men­hang bereits 1791 von W. von Hum­boldt for­mu­lierte Befürch­tung, ‚dass das Prin­zip, dass die Regie­rung für das Glück und das Wohl, das phy­si­sche und mora­li­sche, der Nation sor­gen muss, unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik, der ärgste … Des­po­tis­mus ist’, hat seit­her immer neu zu For­de­run­gen nach einer Begren­zung der ‚Staats­sorg­falt’ gegen­über den Ein­zel­men­schen geführt, […].“1

Und Mar­tini schreibt, unter Anfüh­rung der glei­chen Hum­boldt Stelle: „Der Begriff des Gemein­wohls ist anfäl­lig für eine Instru­men­ta­li­sie­rung; er musste sei­ner Aus­beu­tung durch tota­li­täre Regime des 20. Jahr­hun­derts unter dem Leit­mo­tiv ‚Gemein­nutz geht vor Eigen­nutz’ ebenso zuse­hen wie sei­ner Ver­ein­nah­mung durch des­po­ti­sche Herr­scher im Mit­tel­al­ter und der frü­hen Neu­zeit. Johann Jacob Moser ver­spot­tet im 18. Jahr­hun­dert die ste­reo­type Beru­fung der Lan­des­her­ren auf den Topos des Gemein­wohls als ‚Universal-​​Staats-​​Medicin’. Bereits 1791 for­mu­lierte W. von Hum­boldt die Befürch­tung, ‚dass das Prin­zip, dass die Regie­rung für das Glück und das Wohl, das phy­si­sche und mora­li­sche, der Nation sor­gen muss, unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik, der ärgste (…) Des­po­tis­mus ist’. Und so ver­wirk­lichte das oberste Exe­ku­tiv­or­gan des fran­zö­si­schen Natio­nal­kon­vents, das ‚Comité de Salut Public (1793-​​1795), unter der Füh­rung Robes­pierres alles andere als Wohl­fahrt. Es wurde zum Instru­ment der jako­bi­ni­schen Schre­ckens­herr­schaft.“2

Mey­ers Lexi­kon nennt keine Quelle für das Humboldt-​​Zitat. Mar­tini ver­weist ohne Sei­ten­an­gabe auf Hum­boldts „Ideen über die Staats­ver­fas­sung durch die Fran­zö­si­sche Kon­sti­tu­tion ver­an­laßt, 1792“; auch das Lite­ra­tur­ver­zeich­nis ent­hält an der ent­spre­chen­den Stelle (S. 853) keine wei­te­ren Anga­ben, ändert aber das Jahr in „1791“3. In der Aus­gabe Wil­helm Hum­boldt, Werke in fünf Bän­den hrsg. von Andreas Flit­ner und Klaus Giel, Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft: Darm­stadt, 1960 ist der Auf­satz aller­dings „Ideen über Staats­ver­fas­sung [ohne Arti­kel!, DGS] durch die Fran­zö­si­sche Con­sti­tu­tion ver­an­lasst“ beti­telt und auf den August 1791 datiert. Zu die­sem Zeit­punkt war Frank­reich noch nicht Repu­blik und der König noch nicht hin­ge­rich­tet.

Ein Bezug auf den Wohl­fahrts­aus­schuß der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion fin­det sich dort nicht, was allein schon des­halb unmög­lich war, da der Wohl­fahrts­aus­schuß der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion in der Tat erst 1793 ein­ge­rich­tet wurde (und bis 1795 bestand). Auch die Wör­ter „unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik“ fin­den sich dort nicht. Viel­mehr han­delt Hum­boldt dort von der ‚Ent­eig­nung’ einer von „gut­müthi­gen Men­schen“ auf­ge­brach­ten Idee, näm­lich des Wohlfahrts-​​Konzeptes, durch die Fürs­ten. –

II.

Wor­aus die Fehl­zi­tie­rung resul­tiert, läßt sich jeden­falls ohne grö­ßere Recher­chen nicht fest­stel­len: Die hier zitierte Aus­gabe folgt nach eige­nen Anga­ben4 im Grund­satz der – von Albert Leitz­mann besorg­ten – historisch-​​kritischen Aus­gabe:

Wil­helm von Hum­boldts Gesam­melte Schrif­ten hrsg. von der König­lich Preu­ßi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, Behr: Ber­lin, 1903-​​36 (pho­to­me­cha­ni­scher Nach­druck: de Gruy­ter: Ber­lin, 1967/​68). Der frag­li­che Text soll sich dort in Abtei­lung 1: Werke, Band 1: 1785 – 1795, S. 77 – 85 befin­den.

Im kri­ti­schen Appa­rat von Flitner/​Giel zum frag­li­chen Text (Bd. V, 297 f.) sind keine Abwei­chun­gen von der Akademie-​​Ausgabe ver­merkt.

Im vor­lie­gen­den Fall fol­gen beide Aus­ga­ben (die Akademie-​​Ausgabe und die Aus­gabe von Flitner/​Giel) wohl dem Erst­druck in: Ber­li­ni­sche Monats­schrift 19 (Jan. 1892), S. 84 – 985; dies gilt jeden­falls für die frag­li­che Stelle6.

Die Abwei­chun­gen des Erst­drucks von dem Brie­fo­ri­gi­nal wur­den von Albert Leitz­mann in der His­to­ri­schen Zeit­schrift 1935, 48-​​89 (48 f.) mit­ge­teilt.7 Auch dar­auf kann sich die Ein­fü­gung „unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik“ nicht stüt­zen. Für die frag­li­chen Sei­ten 83 f. der Akademie-​​Ausgabe sind dort gar keine Abwei­chun­gen zwi­schen Brie­fo­ri­gi­nal und Erst­druck mit­ge­teilt.

Ergän­zende Hin­weise (01.03.2011):

A.

1. Aus einer Anfrage von mir vom 10.02 an meyers-​online@​meyers.​de:

„Ich wäre Ihnen sehr dank­bar, wenn Sie mir mit­tei­len könn­ten, nach wel­cher Quelle Sie Hum­boldt zitie­ren und wo ins­be­son­dere die Wör­ter ‚unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik,‘ her­stam­men.

In der Aus­gabe

Wil­helm Hum­boldt, Werke in fünf Bän­den. Bd. 1 hrsg. von Andreas Flit­ner /​ Klaus Giel, Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft: Darm­stadt, 1960, 40,

die ihrer­seits bean­sprucht, der Hist.-Krit. Akademie-​​Ausgabe zu fol­gen (I. Abt., Bd. 1, S. 83),

heißt es: ‚und so ent­stand das Prin­cip, dass die Regie­rung für das Glük und das Wohl, das phy­si­sche und mora­li­sche, der Nation sor­gen muss. Gerade der ärgste und drük­kendste Des­po­tis­mus.‘

Die von Ihnen ange­führ­ten Wör­ter ‚unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik,“ fin­den sich dort also nicht.

Die Humboldt-​​Ausgabe ‚Ideen zu einem Ver­such, die Gren­zen der Wirk­sam­keit des Staats zu bestim­men‘ (Ver­lag Freies Geis­tes­le­ben: Stutt­gart, 1962) ent­hält ein Nach­wort, in dem auf S. 172 die frag­li­che Stelle direkt nach der Hist.-Krit. Akademie-​​Ausgabe zitiert wird – eben­falls OHNE ‚unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik,‘.

Im inter­net fin­det sich die von Ihnen ange­führte For­mu­lie­rung noch unter http://​books​.google​.com/​b​o​o​k​s​?​i​d​=​8​p​d​v​4​s​b​K​K​g​E​C​&​a​m​p​;​p​g​=​PA223 – aller­dings (eben­falls) ohne prä­zise Quel­len­an­gabe. Vgl. http://​books​.google​.com/​b​o​o​k​s​?​i​d​=​8​p​d​v​4​s​b​K​K​g​E​C​&​a​m​p​;​p​g​=​PA853.

Der Autor des frag­li­chen Buches ist bis­her auch nicht in der Lage, die Quelle der frag­li­chen Abwei­chung an den bei­den Standard-​​Ausgaben (Akademie-​​Ausgabe und Flitner/​Giel) zu rekon­stu­ie­ren.

Die wäre Ihnen daher sehr dank­bar, wenn Sie mir mit­tei­len könn­ten, auf wel­cher Grund­lage Ihre Zitie­rung beruht.“

2. Meyers-​​Online schickte dar­auf hin eine auto­ma­ti­sche Ein­gangs­be­stä­ti­gung („vie­len Dank für Ihre Anfrage an uns bezüg­lich ‚Fra­gen und Rück­mel­dun­gen zu Inhal­ten‘ . Wir wer­den uns bemü­hen, Ihre Anfrage schnellst­mög­lich zu bear­bei­ten.“ Eine inhalt­li­che Ant­wort erfolgte auch auf meine Nach­frage vom 27.02.2009 nicht.

B.

Der Autor des genann­ten Buches Der Markt als Instru­ment hoheit­li­cher Ver­tei­lungs­len­kung hatte mir auf meine vor­her­ge­hende Anfrage mit­ge­teilt, daß er „sei­ner­zeit mit gro­ßer Akri­bie recher­chiert“ habe. Auf­grund „vielfältige[r] Auf­ga­ben“ könne er „die genaue Fund­stelle des Wer­kes frü­hes­tens in eini­gen Wochen nach­schauen und Ihnen [scil.: mir] lie­fern“. Die ver­spro­chene Infor­ma­tion erfolgt auch auf meine Nach­frage vom 25.03.2009 bis­her nicht.

  1. http://​lexi​kon​.mey​ers​.de/​w​i​s​s​e​n​/​W​o​h​l​f​a​h​r​t​+​(​S​a​c​h​a​r​t​i​k​e​l​)​+​W​i​r​t​s​c​h​a​f​t​s​w​i​s​s​e​n​s​chaft (24.01.2009) – Aus­las­sung im Humboldt-​​Zitat durch Mey­ers Lexi­kon. [zurück]
  2. Zugriff via: http://​books​.google​.com/​b​o​o​k​s​?​i​d​=​8​p​d​v​4​s​b​K​K​g​E​C​&​a​m​p​;​hl=de (24.01.2009) – Hv. i.O.; Aus­las­sung im Humboldt-​​Zitat durch Mey­ers Lexi­kon [recte: Mar­tini, TaP]. [zurück]
  3. Neben den „Ideen über die Staats­ver­fas­sung durch die Fran­zö­si­sche Kon­sti­tu­tion ver­an­laßt, 1791“ wird dort die Humboldt-​​Schrift „Ideen zu einem Ver­such, die Gren­zen der Wirk­sam­keit des Staats zu bestim­men“ (Ver­lag Freies Geis­tes­le­ben: Stutt­gart, 1962) ange­führt. Die „Ideen über die Staats­ver­fas­sung“ sind dort nicht mit­ent­hal­ten, aber ein Nach­wort, in dem auf S. 172 die frag­li­che Stelle direkt nach der historisch-​​kritischen Akademie-​​Ausgabe zitiert wird – ohne „unter allen Regie­rungs­for­men, also auch in einer Repu­blik,“. (Hum­boldt wird in die­sem Nach­wort im Sinne der anthro­po­so­phi­schen Lehre Rudolf Stei­ners inter­pre­tiert [173-​​178].) [zurück]
  4. Andreas Flit­ner /​ Klaus Giel, Nach­wort der Her­aus­ge­ber, in: Wil­helm Hum­boldt, Werke in fünf Bän­den. Bd. 1 hrsg. von Andreas Flit­ner /​ Klaus Giel, Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft: Darm­stadt, 1960, 607-​​609 (609): „Im Text folgt die Aus­gabe mit weni­gen, an Ort und Stelle begrün­de­ten Aus­nah­men den ‚Gesam­mel­ten Schrif­ten’ der Aka­de­mie.“ [zurück]
  5. Vgl. dies., Kom­men­tare und Anmer­kun­gen zu Band I-​​V, in: ebd., Bd. 5, 1981, 285-​​701 (297). [zurück]
  6. http://​www​.ub​.uni​-bie​le​feld​.de/​c​g​i​-​b​i​n​/​n​a​v​t​i​f​.​c​g​i​?​p​f​a​d​=​/​d​i​g​l​i​b​/​a​u​f​k​l​/​b​e​r​l​m​o​n​/​1​2​2​9​2​1​&​a​m​p​;​s​e​i​t​e​=​0​0​0​0​0​1​0​4​.​T​I​F​&​a​m​p​;​s​c​ale=4 (10.02.2009). [zurück]
  7. Albert Leitz­mann ver­öf­fent­licht dort unter dem Titel „Poli­ti­sche Jugend­briefe Wil­helm von Hum­boldts an Gentz“ außer­dem zwei wei­tere Humboldt-​​Briefe. [zurück]
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