Nach dem Abgang des Symptoms – eine offenherzige Antwort an 30.000 dt. AkademikerInnen

    „von dem den­ken­den, bes­sern Theile des Volks [strömt] das Licht der Weis­heit her­un­ter­strömt“
    Fried­rich Schil­ler pars pro toto für die deut­schen Aka­de­mi­ker1

@ poli­tics

Angeb­lich „30.000 Bür­ge­rin­nen und Bür­ger (Stand, Mon­tag 13:08 Uhr)“2 sor­gen sich in der Affäre-​​Guttenberg „als3 – angeb­li­che oder tat­säch­li­che – „Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“ um ihre aka­de­mi­sche Stan­des­ehre. Sie wen­den sich aber nicht an ihre Insti­tu­tion, an die Insti­tu­tion Uni­ver­si­tät, die für die Ver­gabe von Dok­tor­ti­teln zu stän­dig ist, son­dern an die Bun­des­kanz­le­rin, die dafür nicht zustän­dig ist. Sie wen­den sich an die Bun­des­kanz­le­rin, da diese 30.000 Bür­ge­rIn­nen „als Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“ sich von Angela Mer­kel schwer gekränkt füh­len: „Er [Gut­ten­berg] hat dabei [am 23.2. in der Aktu­el­len Stunde des Bun­des­ta­ges] auf eine For­mu­lie­rung von Ihnen ange­spielt, wonach Sie ihn nicht als ‚wis­sen­schaft­li­chen Assis­ten­ten’ ein­ge­stellt hät­ten. Dies ist eine Ver­höh­nung aller wis­sen­schaft­li­chen Hilfs­kräfte sowie aller Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den, die auf ehr­li­che Art und Weise ver­su­chen, ihren Teil zum wis­sen­schaft­li­chen Fort­schritt bei­zu­tra­gen.“

Nur soll­ten diese Her­ren und Damen Aka­de­mi­ke­rIn­nen wis­sen: Gut­ten­berg ist in der Tat nicht der wis­sen­schaft­li­che Bera­ter von Frau Mer­kel und auch kein Beam­ter im Bun­des­kanz­ler­amt, der ggf. bestimmte Lauf­bahn­vor­aus­set­zun­gen erfül­len muß, son­dern Poli­ti­ker. Kriegs­mi­nis­ter. Und diese Her­ren und Damen Aka­de­mi­ke­rIn­nen soll­ten noch aus ihrem Schul­un­ter­richt wis­sen, daß selbst Deutsch­land mitt­ler­weile den Feu­da­lis­mus hin­ter sich gelas­sen hat. Der Zugang zu poli­ti­schen Ämtern ist seit­dem nicht mehr an bestimmte Stan­des­zu­ge­hö­rig­kei­ten und auch nicht das Füh­ren eines Dok­tor­ti­tels gebun­den. Und das ist gut so.

‚Schlimm’ ist nicht, daß auch ein Arbei­ter mit Haupt­schul­ab­schluß und eine Putz­frau ohne Schul­ab­schluß Bun­des­kanz­ler bzw. Bun­des­kanz­le­rin wer­den dürf­ten. ‚Schlimm’ ist, daß sie es fak­tisch nicht kön­nen. Inso­fern wäre es auch nicht ‚schlimm’, wenn Gut­ten­berg ohne Dr.-Titel Minis­ter gewor­den wäre oder es ohne geblie­ben wäre.

Die Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung hat jahr­zehn­te­lang, nahezu ohne jeden Zugang zu aka­de­mi­scher Bil­dung, allein unter­stützt von einer hand­voll bür­ger­li­cher Intel­lek­tu­el­ler, die aber über­wie­gend auch außer­halb der Aka­de­mie stan­den, leid­lich erfolg­reich Poli­tik gemacht.

Die wis­sen­schaft­li­che Qua­li­tät oder viel­mehr Nicht-​​Qualität der Dis­ser­ta­tion Gut­ten­bergs tut also in der Tat nichts zur Sache, wenn es darum geht, ob Gut­ten­berg ein guter Poli­ti­ker, ein guter Kriegs­mi­nis­ter ist. Da hat die Bun­des­kanz­le­rin völ­lig recht.

Allein die Frage der Ehr­lich­keit Gut­ten­bergs ist eine Frage, die auch von außer-​​akademischer, viel­leicht von poli­ti­scher Rele­vanz ist4. Die 30.000 angeb­li­chen „Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“, die die wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards so hoch­hal­ten, behaup­ten: „Sie [die inkri­mi­nierte Assistenten-​​Äußerungen Mer­kels] legt dar­über hin­aus nahe, dass es sich beim Erschlei­chen eines Dok­tor­ti­tels um ein Kava­liers­de­likt han­dele und dass das ‚aka­de­mi­sche Ehren­wort’ im wirk­li­chen Leben belang­los sei.“

Zu den hoch­ge­hal­te­nen Stan­dards würde es aber auch gehö­ren für eine Behaup­tung ein Argu­ment oder einen Beweis vor­zu­brin­gen. Aber Fehl­an­zeige bei unse­ren 30.000 deut­schen Aka­de­mi­ke­rIn­nen. Weder begrün­den sie, warum dies angeb­lich in Mer­kels Äuße­run­gen impli­ziert ist (damit dürf­ten sie aller­dings sogar recht haben), noch (und dies ist der wich­ti­gere Punkt), warum die bei­den impli­zi­ten Behaup­tun­gen Mer­kels falsch sein sol­len – die­ser (sei­ner­seits impli­zite) Vor­wurf wird mit dem Satz ja wohl erho­ben, oder nicht?! – Der Vor­wurf, daß in Wahr­heit das Erschlei­chen eines Dok­tor­ti­tels kein Kava­liers­de­likt sei und das ‚aka­de­mi­sche Ehren­wort’ im wirk­li­chen Leben nicht belang­los sei.

Zu den hoch­ge­hal­te­nen wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards würde es des wei­te­ren gehö­ren, die ver­wen­de­ten Begriffe zu defi­nie­ren und nicht politisch-​​journalistische Schlag­wör­ter zu ver­wen­den. Was ist denn mit „Kava­liers­de­likt“, das das „Erschlei­chen eines Dok­tor­ti­tels“ nicht sei, hier genau gemeint? Ist das ein straf­recht­li­ches Urteil? Ein wis­sen­schafts­theo­re­ti­sches Urteil? Ein poli­ti­sches Urteil? Oder doch nur ein mora­li­sches Urteil? – Oder wis­sen die Auto­rIn­nen letzt­lich selbst nicht so genau, warum und wor­über sie empört sind?

Poli­tik ist durch­aus nicht (und kann auch nicht sein, solange Herr­schaft und Aus­beu­tung beste­hen), wie aber Pro­fes­sor Haber­mas meint, ein „herr­schafts­freier Dis­kurs“; und Poli­tik ist auch nicht das Wahre, Schöne und Gute, wie wohl Fried­rich Schil­ler meinte5, son­dern die For­mie­rung von Inter­es­sen und der Kampf um deren Durch­set­zung. Dafür sind wis­sen­schaft­li­che Exper­tise und auch Ehr­lich­keit häu­fig nütz­lich. Aber auch List und Tücke gehö­ren zum poli­ti­schen Geschäft – und zum Kriege füh­ren zumal – dazu. Was Gut­ten­berg als Kriegs­mi­nis­ter dis­qua­li­fi­ziert, ist weni­ger, daß er bei sei­ner Diss. betro­gen hat, als das er sich hat dabei erwi­schen las­sen.

Im übri­gen: Nichts dage­gen, wenn 30.000 Bür­ge­rIn­nen oder mehr die Ent­las­sung Gut­ten­bergs gefor­dert hät­ten – sei es wegen sei­ner Unehr­lich­keit oder (was der viel bes­sere Grund wäre) wegen sei­ner leid­lich erfolg­rei­chen Poli­tik für die fal­schen Inter­es­sen. Die­ses Anlie­gen wäre dann aller­dings nicht „als Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“, son­dern als Bür­ge­rIn­nen zu for­mu­lie­ren. Denn kul­tu­rel­les (hier: Bildungs)kapital in poli­ti­schen Mehr­wert umzu­set­zen, ver­letzt den Grund­satz one (wo)man, one vote nicht weni­ger als ökono­mi­sches Kapi­tal in poli­ti­schen Mehr­wert umzu­set­zen. –

Was sich in dem Offe­nen Brief der 30.000 fort­setzt ist die als sol­che kei­nes­falls neue Bean­spru­chung einer pri­vi­le­gier­ten Sprech­po­si­tion qua aka­de­mi­schem Titel. Was uns hier in Form der Inter­ven­tion von 30.000 Aka­de­mi­ke­rIn­nen bei Angela Mer­kel wegen der ‚causa Gut­ten­berg’ mit etwas ver­scho­be­nen Fron­ten (aber glei­chem ‚klas­sen­po­li­ti­schen Gehalt’ – wenn es erlaubt ist, daß ich mich die­ser dem heu­ti­gen aka­de­mi­schen Sprach­ge­brauch so inad­äqua­ten Ter­mi­no­lo­gie bediene) begeg­net, ist das, was uns nicht erst, aber ver­schärft seit dem Auf­stieg des Neo­li­be­ra­lis­mus begeg­net: „Sach­ver­stän­dige“, „Exper­ten“ – zumeist sind es in der Tat wei­ter­hin Män­ner – sagen als Aka­de­mi­ker den Bür­ge­rIn­nen, was angeb­lich rich­tig und not­wen­dige poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen sind. Sie bean­spru­chen als Aka­de­mi­ker eine pri­vi­le­gierte poli­ti­sche Sprech­po­si­tion, was sub spe­cie demo­cra­tiae nicht akzep­ta­bel ist.

@ Wis­sen­schaft:

Außer zur Poli­tik, von der sie ent­we­der keine Ahnung haben oder aber in der sie sehen­den Auges ihre aka­de­mi­schen Stan­des­in­ter­es­sen ver­tre­ten, äußern sich diese 30.000 „Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“ zur Wis­sen­schaft, von der sie anschei­nend auch nicht viel mehr Ahnung haben.

Sie schrei­ben zwar die­ses oder jenes Wahre bzw. Rich­tige. Aber sie über­se­hen schon das Ent­schei­dende: Die Bun­des­kanz­le­rin ist nicht die Kon­troll­in­stanz, die über die Ein­hal­tung wis­sen­schaft­li­cher Stan­dards (über die die 30.000 Brief­schrei­be­rIn­nen durch­aus punk­tu­ell Zutref­fen­des schrei­ben) zu wachen hat – und, wenn sie es wäre, so wäre dies mit der von Art. 5 III GG garan­tier­ten Wis­sen­schafts­frei­heit unver­ein­bar.

Die 30.000 „Dok­to­ran­din­nen und Dok­to­ran­den“ schrei­ben zurecht: „Bei der Beach­tung der Regeln guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis geht es nicht um ‚Fuß­no­ten’, nicht um Kin­ker­litz­chen, […]. Es geht um die Grund­la­gen unse­res Arbei­tens und Ver­trau­ens­wür­dig­keit.“

Aber das müß­ten die 30.000 Brief­schrei­be­rIn­nen nicht der Bun­des­kanz­le­rin ent­ge­gen­hal­ten, son­dern ihrer eige­nen Insti­tu­tion und viel­leicht noch den Hoch­schul­mi­nis­te­rIn­nen, die aus den Uni­ver­si­tä­ten immer mehr Berufsausbildungs-​​ und immer weni­ger Ein­rich­tun­gen machen, an denen wis­sen­schaft­li­ches Arbei­ten gelehrt, gelernt und prak­ti­ziert wird.

Der Bolonga-​​Prozeß ist dabei nur der vor­läu­fige End­punkt einer lan­gen Ent­wick­lung, mit der die Wis­sen­schaf­ten – von durch­aus unter­schied­li­chen poli­ti­schen Rich­tun­gen und gesell­schaft­li­chen Inter­es­sen – zu immer mehr ‚Anwen­dungs­ori­en­tie­rung’ und ‚Pra­xis­re­le­vanz’ gedrängt wer­den.

Und vor die­ser Ent­wick­lung machen unsere 30.000 kri­ti­schen Brief­schrei­be­rIn­nen ihren Kotau: „Wir hal­ten die Stu­die­ren­den dabei dazu an, von Anfang an sehr genau dar­auf zu ach­ten, kor­rekt zu zitie­ren und jedes Hilfs­mit­tel als sol­ches kennt­lich zu machen. Wir tun dies nicht, weil wir ‚Fuß­no­ten­fa­na­ti­ker’ sind oder im ‚Elfen­bein­turm’ sit­zen und nicht wis­sen, was im wah­ren Leben zählt. Es geht uns schlicht darum, das Ver­ständ­nis dafür wei­ter­zu­ge­ben, dass wis­sen­schaft­li­cher und damit gesell­schaft­li­cher Fort­schritt allein dann mög­lich ist, wenn man sich auf die Red­lich­keit in der ‚sci­en­ti­fic com­mu­nity’ ver­las­sen kann.“6

Wäh­rend es falsch ist, Poli­ti­ke­rIn­nen an ihren Fuß­no­ten zu mes­sen (siehe @ poli­tics), müß­ten sich Wis­sen­schaft­le­rIn­nen offensiv-​​ironisch zu ihrem ‚Fuß­no­ten­fa­na­tis­mus’ beken­nen und ihren ver­meint­li­chen Elfen­bein­turm, die­sem schon tau­send­fach von Apo­lo­ge­tIn­nen der Tat, d.h.: des Tuns ohne zu Den­ken, umge­haue­nen Papp­ka­me­ra­den, ver­tei­di­gen.

Aber nein, unsere 30.000 kri­ti­schen Brief­schrei­be­rin­nen schmei­ßen sich jener Ent­wick­lung an die Brust, sie wol­len keine Fuß­no­ten­fa­na­ti­ke­rIn­nen sein, sie wol­len nicht im Elfen­bein­turm sit­zen, nein, sie wol­len nur ein biß­chen „Red­lich­keit“ – das mora­li­sche Ruhe­kis­sen zur bösen Tat – bean­spru­chen; sie wol­len bean­spru­chen, daß „wis­sen­schaft­li­cher und damit7 auch schon „gesell­schaft­li­cher Fort­schritt“ mög­lich sei. Ja, wis­sen­schaft­li­cher und gesell­schaft­li­cher „Fort­schritt“ (wenn wir uns denn die­ser geschichts­phi­lo­so­phi­schen Meta­pho­rik bedie­nen wol­len) kön­nen kon­ver­gie­ren; aber das ist keine damit-Auto­ma­tik.

Diese 30.000 Brief­schrei­be­rIn­nen wol­len als Aka­de­mi­ke­rIn­nen die bes­se­ren Poli­ti­ke­rIn­nen zu sein, aber damit erwei­sen sie sich schon sowohl als die schlech­te­ren Poli­ti­ke­rIn­nen und als die schlech­te­ren Wis­sen­schaft­le­rIn­nen.8 Sie über­se­hen, daß Poli­tik und Wis­sen­schaf­ten unter­schied­li­che Pra­xis­ar­ten sind – mit unter­schied­li­chen ‚Roh­stof­fen’ (Aus­gangs­ma­te­ria­lien, Pro­ble­men, Fra­gen, Vor­ur­tei­len etc.), mit unter­schied­li­chen ‚Pro­duk­ti­ons­mit­teln’ und ‚-ver­fah­ren’ (Metho­den), mit unter­schied­li­chen ‚Pro­duk­ten’ (wah­ren [oder irr­tüm­li­chen] Unter­su­chungs­er­geb­nis­sen; rich­ti­gen [oder fal­schen] Ent­schei­dun­gen), unter unter­schied­li­chen ‚Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen’ (Insti­tu­tio­nen und ihren Funk­ti­ons­lo­gi­ken, Qua­li­täts­stan­dards etc.).9

Wür­den die Brief­schrei­be­rIn­nen diese unter­schied­li­chen Pra­xis­ar­ten bereit und in der Lage sein zu unter­schei­den, dann wür­den sie Fra­gen stel­len, die wirk­lich kri­tisch wären, die selbstkri­tisch wären:

  • Dann wür­den sie fra­gen, wie eine Gestalt wie Gut­ten­berg in einer Insti­tu­tio­nen, in der die Brief­schrei­be­rIn­nen – wie sie schrei­ben – selbst teil­weise leh­ren, aka­de­misch sozia­li­siert wer­den konnte.
  • Dann würde sie fra­gen, wie diese Arbeit, die ja anschei­nend nicht nur ein Pla­giat, son­dern auch inhalt­lich – nach eini­gen der in der FAZ zitier­ten Plagiat-​​Stellen zu urtei­len – nichts ande­res als ein in die Länge gewalz­ter poli­ti­scher Essay ist (abge­schrie­ben kaum aus wis­sen­schaft­li­chen Publi­ka­tio­nen, son­dern aus Zei­tungs­ar­ti­keln und Bro­schü­ren der Bun­des­zen­trale für poli­ti­sche Bil­dung, die­sen Popu­la­ri­sie­rungs­for­men wis­sen­schaft­li­chen Wis­sens, ver­bun­den mit star­ken poli­ti­schen Wer­tung, und allen­falls noch aus Vor­trä­gen von Wis­sen­schaft­le­rIn­nen, die­ser vor­läu­fi­gen Form der Prä­sen­ta­tion even­tu­el­len wis­sen­schaft­li­chen Wis­sens bzw. die­ser Form, mit der sich Wis­sen­schaft­le­rIn­nen selbst als Popu­la­ri­sie­re­rIn­nen ihres Wis­sens betä­ti­gen), als Dis­ser­ta­tion pas­sie­ren konnte, ganz unab­hän­gig davon, ob auch die Abschrei­be­rei den Gut­ach­tern hätte auf­fal­len müs­sen.
  • Dann wür­den sie fra­gen, wie einer die­ser Gut­ach­ter, Prof. Häberle, als Kory­phäe sei­ner Dis­zi­plin, deren Wis­sen­schaftscha­rak­ter ich aller­dings schon bei ande­rer Gele­gen­heit Anlaß hatte zu bezwei­feln10, gel­ten kann.
  • Dann wür­den sie fra­gen, ob ein der­ar­ti­ges mut­maß­li­ches Mach­werk (ich hatte noch keine Gele­gen­heit, diese zur Zeit anschei­nend hoch begehrte Schrift in den Hän­den zu hal­ten) nicht längst aka­de­mi­scher Durch­schnitt ist.
  • Dann wür­den sie fra­gen, was dies mit der Ein­füh­rung von Bachelor-​​Ausbildungs-​​Studiengängen zu tun hat. Dann würde sie fra­gen, was dies mit der Abwer­tung der Publi­ka­ti­ons­form Buch zu tun hat. Dann wür­den sie fra­gen, was dies damit zu tun hat, daß immer mehr Zeitschriften-​​Aufsätze publi­ziert wer­den sol­len, die Aufsätze-​​Länge in den Zeit­schrif­ten aber immer kür­zer und die Schrift immer grö­ßer wird.
  • Dann wür­den sie fra­gen, ob es nicht längst aka­de­mi­scher Durch­schnitt ist, nur noch Hypo­the­sen und Mei­nun­gen raus­zu­hauen (mög­lichst gleich mehr­fach ver­wer­tet), aber kein Platz und keine Zeit mehr ist, Beweis­füh­run­gen und Argu­mente vor­zu­le­gen.
  • Dann wür­den sie fra­gen, was dies damit zu tun hat, daß viele Zeitschriften-​​Redaktionen keine redak­tio­nelle Ver­ant­wor­tung mehr über­neh­men, son­dern sich hin­ter anony­men Gut­ach­te­rIn­nen ver­ste­cken, die ihrer­seits in ihrer Anony­mi­tät unan­greif­bar und damit ohne Ver­ant­wor­tung sind.
  • Dann wür­den sie fra­gen, was dies mit einer Kul­tur der call for papers, die die Illu­sion der pro­blem­lo­sen Über­setz­bar­keit zwi­schen ver­schie­de­nen Theorie-​​ und For­schungs­an­sät­zen begüns­tigt, zu tun hat: Wer ges­tern noch dem lin­gu­is­tic turn folgte, folgt heute dem spa­tial turn und mor­gen dem nächs­ten turn ohne jemals die Frage zu stel­len, ob die jewei­li­gen turns über­haupt und spe­zi­ell für den eige­nen Gegen­stand einen geeig­ne­ten theo­re­ti­schen Ana­ly­serah­men dar­stel­len. Bei einer Kon­fe­renz, die das eigene ‚Thema’ behan­delt, muß refe­riert wer­den; in einer Zeit­schrift, die das eigene ‚Thema’ behan­delt, muß publi­ziert wer­den – auch, wenn der eigene Gegen­stand mal als „Dis­kurs“, mal als „Bild“ und mal als „Raum“ behan­delt wird und mit einem sol­chen Begriffs-​​drop­ping weder die Ana­lyse des jewei­li­gen Gegen­stan­des noch der jewei­lige theo­re­ti­sche Ansatz ernst­haft wei­ter­ent­wi­ckelt wird, son­dern bes­ten­falls unstruk­tu­riert ‚Facet­ten’ des Gegen­stan­des und hier­ar­chie­lose Gesichts­punkte gesam­melt wer­den. Wer/​welche so ‚wis­sen­schaft­lich’ arbei­tet, schreibt und läßt auch pas­sie­ren sol­che Dis­ser­ta­tio­nen wie die des Minis­ter a.D. Gut­ten­berg.
  • Und die Brief­schrei­be­rIn­nen wür­den dann schließ­lich noch die schnöde mate­ri­elle Frage stel­len, wo schlecht und viel­fach auch gar nicht bezahlte uni­ver­si­täre Lehr­be­auf­tragte die Zeit und die Ener­gie her­neh­men sol­len, wis­sen­schaft­li­che Haus­ar­bei­ten (die ja aller­dings eh inzwi­schen weit­ge­hend durch ‚Wissens’-Abfrage-Klausuren ersetzt wur­den) nicht nur zu bewer­ten, son­dern vor­her nicht nur (inhalt­lich) zu lesen, son­dern etwaig abge­schrie­bene Text­stel­len zu suchen.

Die 30.000 Brief­schrei­be­rIn­nen schrei­ben gegen Ende ihres Tex­tes: „Durch die Behand­lung der Causa Gut­ten­berg als Kava­liers­de­likt lei­den der Wis­sen­schafts­stand­ort Deutsch­land und die Glaub­wür­dig­keit Deutsch­lands als ‚Land der Ideen’.“ Den wer­ten Her­ren und Damen Kol­le­gIn­nen ist zu emp­feh­len, sich weni­ger um „Deutsch­land“ und mehr um die kon­krete Pra­xis ihrer eige­nen Insti­tu­tion zu sor­gen; weni­ger im Reich der Ideen zu schwe­ben, wo deut­sche Intel­lek­tu­elle schon immer mit gro­ßen Sen­dungs­be­wußt­sein schweb­ten, son­dern nach der kon­kre­ten Mate­ria­li­tät des wis­sen­schaft­li­chen Arbei­tens zu fra­gen.

  1. Siehe FN 4. [zurück]
  2. http://​offe​ner​brief​.pos​te​rous​.com/​c​a​u​s​a​-​g​u​t​t​e​n​b​e​r​g​-​o​f​f​e​n​e​r​-​b​r​i​e​f​-​v​o​n​-​d​o​k​t​o​rande [zurück]
  3. meine Hv. [zurück]
  4. Sicher­lich, wenn Poli­ti­ke­rIn­nen die Bür­ge­rIn­nen belü­gen, dann ist das nicht in Ord­nung. Daß die Poli­ti­ke­rIn­nen ehr­lich über das, was sie tun und vor­ha­ben, sind, ist die Mini­mal­vor­aus­set­zung begrün­de­ter Wahl­ent­schei­dun­gen und damit die Mini­mal­vor­aus­set­zung von – wie auch immer ver­stan­de­ner Demo­kra­tie.
    Aber sicher ist auch: Wer/​welche es nicht ver­steht, Kriegs­lis­ten erfolg­reich anzu­wen­den, ist keinE guteR Kriegs­mi­nis­te­rIn – und auch ansons­ten keinE guteR Poli­ti­ke­rIn. Das haben doch alle schon mal erfah­ren, die ver­sucht haben, auf einem Partei-​​ oder Gewerk­schafts­tag oder in einem aka­de­mi­schen Selbst­ver­wal­tungs­or­gan einen Antrag oder in einem Demo-​​Bündnis einen Vor­schlag durch­brin­gen: Das geht nicht ohne Haken und Ösen und Neben­ab­spra­chen usw. (das müßte im übri­gen auch einer allzu eupho­ri­schen Wikileaks-​​Verteidigung – von den Ver­ge­wal­ti­gungs­vor­wür­fen gegen Ass­an­ger ganz zu schwei­gen – ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den).
    Zur Ehr­lich­keit gegen­über den Bür­ge­rIn­nen (und zu poli­ti­schem Rea­lis­mus) gehört auch offen (und ohne mora­li­sie­ren­dem Unter­ton) aus­zu­spre­chen, wie Poli­tik funk­tio­niert und funk­tio­nie­ren muß, solange Herr­schaft (inner­staat­lich und inter­na­tio­nal) eine Rea­li­tät ist (daß sie eine Rea­li­tät ist, zeigt sich schon daran, daß sie staats­ge­walt­för­mig orga­ni­siert ist).
    Sicher­lich ist das eine Pro­blem – und das ist die Lehre aus dem ‚Real’sozialismus, aber auch aus dem sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Refor­mis­mus und der grü­nen Real­po­li­tik –, daß das eigene Han­deln nicht zur Per­pe­tu­ie­rung der in die­ser (herr­schaft­li­chen) Weise funk­tio­nie­ren­den Ver­hält­nisse bei­tra­gen darf.
    Aber das andere Pro­blem – und das ist die Lehre aus den früh-​​grünen, früh-​​Neue soziale Bewe­gun­gen und sponti-​​autonomen Basisdemokratie-​​Illusionen – ist, daß es unmög­lich ist, die Rein­heit des idea­len Ziels schon heute zum 1:1-Maßstab des Han­delns zu machen.
    Die Schlimms­ten sind aller­dings die, die in der Rhe­to­rik das reine Ideal pre­di­gen, aber sich in der eige­nen Pra­xis nicht dran hal­ten – und die­ses Phä­no­men tritt lei­der nur allzu häu­fig in der per­so­na­li­sie­ren­den Skan­da­lie­rungs­rhe­to­rik des poli­ti­schen und jour­na­lis­ti­schen Geschäfts auf.
    Und diese Dop­pel­mo­ral trägt nicht weni­ger zur Pas­si­vie­rung der Bür­ge­rIn­nen und damit zum Abbau von demo­kra­ti­scher Kon­trolle bei als die oben erwähnte Unehr­lich­keit von Poli­ti­ke­rIn­nen.
    Der Kampf gegen das Sym­ptom (den Skan­dal) statt gegen das Sys­tem (den Nor­mal­fall), läßt die Ursa­che des Sym­ptoms unbe­rührt und bestä­tigt, die Bür­ge­rIn­nen in dem (Vor)urteil, daß Poli­tik ein ‚schmut­zi­ges Geschäft’ ist, akti­viert aber nicht dazu, daß das Sys­tem (die Ursa­chen) in Frage zu stel­len. [zurück]
  5. Vgl. sein Kon­zept des Künstler-​​Staates, sozu­sa­gen ein update zu Pla­tons Philosophen-​​Königen: „Die Schau­bühne ist der gemein­schaft­li­che Kanal, in wel­chen von dem den­ken­den, bes­sern Theile des Volks das Licht der Weis­heit her­un­ter­strömt und von da aus in mil­de­ren Strah­len durch den gan­zen Staat sich ver­brei­tet. Rich­ti­gere Begriffe, geläu­terte Grund­sätze, rei­nere Gefühle flie­ßen von hier durch alle Adern des Volks“ (http://​guten​berg​.spie​gel​.de/​s​c​h​i​l​l​e​r​/​a​n​s​t​a​l​t​/​a​n​s​t​a​l​t.htm). [zurück]
  6. meine Hv. [zurück]
  7. meine Hv. [zurück]
  8. Vgl. dage­gen http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​a​bout/: „Was Wis­sen­schaft­le­rIn­nen machen kön­nen ist: Sagen, was ist, ana­ly­sie­ren, auf­grund wel­cher Mecha­nis­men es ent­stan­den ist, und was not­wen­dig wäre, um es zu ver­än­dern, oder was not­wen­dig wäre, um einen bestimm­ten Effekt zu erzie­len. Die Frage, ob etwas ver­än­dert oder ein bestimm­ter Effekt erzielt wer­den soll, fällt dage­gen nicht in den Zustän­dig­keits­be­reich der Wis­sen­schaf­ten, son­dern in den der Poli­tik – oder viel­leicht noch der Moral oder Ethik, die aber ihrer­seits (anders als die Wis­sen­schaf­ten) nicht für die Unter­schei­dung von Wahr­heit einer­seits und Irrtum/​Lüge ande­rer­seits zustän­dig sind, son­dern (kon­tro­verse) Argu­men­ta­tio­nen zur Frage, was rich­tig und falsch bzw. gut oder böse ist, unter­brei­ten.“ [zurück]
  9. Vgl. http://​www​.mar​x2​mao​.com/​O​t​h​e​r​/​R​C​6​8​i​.html, S. 58 f.: „[…] there can be no sci­en­ti­fic con­cep­tion of prac­tice wit­hout a pre­cise dis­tinc­tion bet­ween the dis­tinct prac­tices and a new con­cep­tion of the rela­ti­ons bet­ween theory and prac­tice. We can assert the pri­macy of prac­tice theo­re­ti­cally by showing that all the levels of social exis­tence are the sites |of dis­tinct prac­tices: eco­no­mic prac­tice, poli­ti­cal prac­tice, ideo­lo­gi­cal prac­tice, tech­ni­cal prac­tice and sci­en­ti­fic (or theo­re­ti­cal) prac­tice. We think the con­tent of these dif­fe­rent prac­tices by thin­king their pecu­liar struc­ture, which, in all these cases, is the struc­ture of a pro­duc­tion; by thin­king what dis­tin­gu­is­hes bet­ween these dif­fe­rent struc­tures, i.e., the dif­fe­rent natures of the objects to which they apply, of their means of pro­duc­tion and of the rela­ti­ons wit­hin which they pro­duce (these dif­fe­rent ele­ments and their com­bi­na­tionVer­bin­dungobviously vary as we pass from eco­no­mic prac­tice to poli­ti­cal prac­tice, then to sci­en­ti­fic prac­tice and theoretico-​​philosophical prac­tice). […]. We are not con­tent to sup­p­ress the ega­li­ta­rian myth of prac­tice, we acquire a com­ple­tely new basis for our con­cep­tion of the rela­tion bet­ween theory and prac­tice, which is mys­ti­fied in any idea­list or empi­ri­cist con­cep­tion. We regard an ele­ment of ‘know­ledge’, even in its most rudi­men­tary forms and even though it is pro­foundly stee­ped in ideo­logy, as always alre­ady pre­sent in the ear­liest sta­ges of prac­tice, those that can be obser­ved even in the sub­sis­tence prac­tices of the most ‘pri­mi­tive’ socie­ties. At the other extreme in the history of prac­tices, we regard what is com­monly cal­led theory, in its ‘purest’ forms, those that seem to bring into play the powers of thought alone (e.g., mathe­ma­tics of phi­lo­so­phy), lea­ving aside any direct rela­tion to ‚con­crete prac­tice‘, as a prac­tice in the strict sense, as sci­en­ti­fic or theo­re­ti­cal prac­tice, its­elf divi­si­ble into several bran­ches (the dif­fe­rent sci­en­ces, mathe­ma­tics, phi­lo­so­phy). This prac­tice is theo­re­ti­cal; it is dis­tin­gu­is­hed from the other, non-​​theoretical prac­tices, by the type of object (raw mate­rial) which it trans­forms; by the type of means of pro­duc­tion it sets to work, by the type of object it pro­du­ces (know­ledges).“ (fette. Hv. von mir; kur­sive Hv. i.O.). Vgl. auch noch: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​7​/​0​1​/​1​-​b​e​i​t​r​a​g​-​z​u​m​-​n​a​m​e​n​-​u​n​d​-​z​u​r​-​f​u​n​k​t​i​o​n​-​v​o​n​-​t​h​e​o​r​i​e​-​a​l​s​-​p​r​axis/. [zurück]
  10. Remo­ving some rub­bish’. Radi­kale Phi­lo­so­phie und die Kon­sti­tu­ie­rung einer Wis­sen­schaft vom Juri­di­schen, in: Pia Paust Las­sen /​ Jörg Nowak /​ Urs Lind­ner (Hg.), Phi­lo­so­phie­ren unter ande­ren. Bei­träge zum Pala­ver der Mensch­heit (Fest­schrift für Frie­der Otto Wolf), West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, 2008, 332 – 352; online-​​Auszug: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​1​/​0​3​/​0​1​/​r​u​b​b​i​s​h​-​u​n​d​-​r​e​c​h​t​s​w​i​s​s​e​n​s​c​haft/. [zurück]
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18 Antworten auf „Nach dem Abgang des Symptoms – eine offenherzige Antwort an 30.000 dt. AkademikerInnen“


  1. 1 TaP 01. März 2011 um 19:28 Uhr
  2. 2 kustos 02. März 2011 um 21:58 Uhr

    Dieser Artikel ist eine ziemliche Frechheit. Es geht in der Tat nicht um Zugangsvoraussetzungen, sondern um das Erschleichen von Titeln, Vertrauen und um das Lügen. Das in der Politik ständig gelogen wird, ist keine Rechtfertigung für diese plakative Form. Ein Minister ist wie das Wort schon sagt, Diener und ist dem Rechtsstaat verpflichtet. Als Beamter schwört er auf die Verfassung. Und mit einem solchen Verhalten, hat eine Person nichts in einem Ministeramt verloren! Nur seine Glaubwürdigkeit.

  3. 3 TaP 02. März 2011 um 23:38 Uhr

    Und – was hat ein zu Unrecht erlangter Dr.-Titel mit der „Verfassung“ und dem „Rechtsstaat“ zu tun?

    Und gibt es irgendein konkretes Gegenargument gegen meine Ausführungen zur nur relativen Bedeutung von „Ehrlichkeit“ in der Politik?

    Verärgert zu sein, ist kein Substitut für Argumente.

  4. 4 Ingo Meier 03. März 2011 um 11:00 Uhr

    Hier die Akademiker gegen Guttenberg auszuspielen ist ein ziemlicher Blödsinn, der sich in umständliche Worthülsen tarnt. Fakt ist doch, dass ein erschlichener Titel von höchster politischer Stelle als Bagatelle abgetan wurde, und dagegen ebenso öffentlich anzugehen sollte das gute Recht einer Berufs- oder eben Bildungsgruppe sein, ob Akademiker, Handwerker oder sonstwer. Nicht mehr und nicht weniger scheint mir in diesem Fall geschehen zu sein.

  5. 5 Neoprene 03. März 2011 um 11:16 Uhr

    „Und mit einem solchen Verhalten, hat eine Person nichts in einem Ministeramt verloren! Nur seine Glaubwürdigkeit.“

    Schade nur, daß es so vielen nur um die Glaub“würdigkeit“ geht, was man da glauben sollte, schließlich war Herr von Guttenberg „unser“ Kriegsminister, und was diese Sorte Kritiker ihm ja ohne weiteres auch weitgehend klaglos abgenommen haben (und es bei seinem Nachfolger ja sicherlich auch weiter tun werden), das kommt in der Diskussion überhaupt nicht vor.

    Es ist deshalb auch ein Mangel der Diskussion, wenn TaP schreibt:

    „Die wissenschaftliche Qualität oder vielmehr Nicht-Qualität der Dissertation Guttenbergs tut also in der Tat nichts zur Sache, wenn es darum geht, ob Guttenberg ein guter Politiker, ein guter Kriegsminister ist. Da hat die Bundeskanzlerin völlig recht.“

    Denn die 30.000 und viele andere auch, verteidigen ja vehement Guttenbergs und ihr eigene Wissenschaftlichkeit mit dem Argument, wenn man nicht korrekt zitiert, dann sie die Wissenschaftlichkeit dahin, als wenn umgekehrt ein richtig toller fehlerlos zusammengestellter Zitate- und Fußnotenapparat schon ein verdammt guter Beweis für Wissenschaftlichkeit der gemachten und zitierten Aussagen sei.

  6. 6 TaP 03. März 2011 um 11:28 Uhr

    @ Ingo Meier:

    „Fakt ist doch, dass ein erschlichener Titel von höchster politischer Stelle als Bagatelle abgetan wurde, und dagegen ebenso öffentlich anzugehen sollte das gute Recht einer Berufs- oder eben Bildungsgruppe sein, ob Akademiker,“

    Das wurde aber nicht als wissenschaftliche Bagatelle abgetan (was zurecht zu kritisieren wäre), sondern als politische Bagatelle.

    Und dagegen, daß ein (zeitweise) zu Unrecht erlangter Dr.-Titel keine politische Bagatelle ist, müßte zunächst einmal ein Argument vorgebracht werden.

  7. 7 TaP 03. März 2011 um 11:36 Uhr

    @ neoprene:

    „als wenn umgekehrt ein richtig toller fehlerlos zusammengestellter Zitate- und Fußnotenapparat schon ein verdammt guter Beweis für Wissenschaftlichkeit der gemachten und zitierten Aussagen sei.“

    Ja, das ist wahr. Ich hatte ja auch schon auf die Banalität des aus der Tagespresse und Broschürchen der Bundeszentrale für politische Bildung Abgeschriebenen hingewiesen.

    Trotzdem sind Zitieren und FN eine wichtige Arbeitstechnik (nicht wegen des geistigen Eigentums, das uns KommunistInnen egal sein kann), sondern weil diese Arbeitstechnik grundlegend für jede Akkumulation von Wissen ist.

    Nicht in jedem Text kann alles von Anfang an bewiesen werden, kann nicht jedes Argument elaboriert werden usw. – deshalb ist es wichtig, die Quellen zu nennen,

    damit überprüft werden kann, ob bei den in Anspruch genommenen AutorInnen tatsächliche Beweise und Argumente stehen oder auch nur Behauptungen und Meinungen.

    Daß das wichtig ist, zeigt ja bspw. mein gestern angeführtes Beispiel: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2011/03/02/das-vom-himmel-gefallene-humboldt-zitat/.

  8. 8 TaP 03. März 2011 um 11:53 Uhr

    Eine Facebook-Nutzerin wandte gestern gegen meinen Text das kursiv Gesetzte ein; ich anwortete meinerseits mit dem in Normalschrift gesetzten:

    Die Unterschriftensammlung war keine wissenschaftlich Einlassung, sondern eine politische Stellungnahme.

    Wenn die 30.000 eine politische Stellungnahme hätten abgegeben wollen, dann hätten sie mal etwas zur POLITIK von Guttenberg sagen und es unterlassen sollen, ihre politische Meinung dadurch abzustützen, daß sie darauf verweisen, daß sie selbst gerade eine Diss. schreiben.

    Warum Sie allerdings auf den 30 000 DoktorandInnen rumkloppen, erschließt sich mir nicht. Sie wollen ihnen nachweisen, dass sie wissenschaftlich unterm Strich sind?

    Wenn die UnterzeichnerInnen die wissenschaftliche (Nicht-)Leistung von Guttenberg für ein relevantes politisches Argument halten, dann müssen sie es auch ertragen, daß ihre eigene „politische“ Stellungnahme an dem gleichen, strengen, wissenschaftlichen Kriterium gemessen wird, an dem sie selbst den POLITIKER Guttenberg messen.

    Die Erschleichung eines Doktortitels ist strafrechlich relevant und dürfte sich im polizeilichen Führungszeugnis wiederfinden, sofern eine Verurteilung stattfindet. Das wiederum dürfte sich auf ein Ministeramt wohl auswirken.

    Abgesehen davon, daß ich auch nichts dagegen hätte, wenn GenossInnen, die wegen Landfriedensbruch oder Mitgliedschaft in einer Terroristischen Vereinigung verurteilt wurden, MinisiterInnen würden, wenn sie denn die m.E. richtige Politik machen – um welche Strafrechtsvorschriften geht es denn Ihres Erachtens bei Guttenberg?

    „Aber es ist nach meinem Dafürhalten schlechte politische Praxis, eine geäußerte Kritik damit zu konfrontieren, was nicht kritisiert wurde“

    Die Überzeugungskraft einer Kritik hängt auch davon ab, ob sie sich denn an die zutreffenden AdressatInnen richtet. Für die Beurteilung der wissenschaftlichen Leistungen von Guttenberg war nun mal nicht die Bundeskanzlerin, sondern das deutsche Wissenschaftssystem zuständig.

  9. 9 TaP 03. März 2011 um 12:51 Uhr
  10. 10 Neoprene 03. März 2011 um 13:55 Uhr

    „Nicht in jedem Text kann alles von Anfang an bewiesen werden, kann nicht jedes Argument elaboriert werden usw. – deshalb ist es wichtig, die Quellen zu nennen, damit überprüft werden kann, ob bei den in Anspruch genommenen AutorInnen tatsächliche Beweise und Argumente stehen oder auch nur Behauptungen und Meinungen.“

    Ja, natürlich, wenn es um ernsthafte Klärung von irgendeinem Sachverhalt geht, sei der wissenschaftlich, sei der politisch, dann ist es in der Tat wichtig, die benutzten Quellen zu nennen. Selbst dann ist es häufig immer noch schwer genug bis unmöglich, festzustellen, ob erstens die Zitierten auch nur das geschrieben haben, was ihnen zugeschrieben wurde, und häufig leider noch schwerer, zu prüfen, ob das überhaupt stimmt.

    Gerade im Internet strotzen Artikel jeglicher Machart von Zitaten, die häufig noch nicht mal oberflächlichem Nachprüfen auch nur ein, zwei Ebenen tiefer Stand halten. Ich habe schon Fälle nachrecherchiert, wo Zeitungen gleich im Dutzend falsche Faktenbehauptungen voneinander abgeschrieben haben, die jedem Journalisten eigentlich genauso wie mir als Durchschnittsleser gleich als unplausibel hätten auffallen müssen.

    Dann gibt es noch die Fälle, wo man im Nu in den unübersichtlichen Gefilden von vorsätzlicher politischer Lüge, schlampiger Belegarbeit, staatlicher Geheimniskrämerei usw. landet. Jeder, der nur ein einziges Verschwörungstheoriebuch mal nur ein paar Seiten gegen den Strich zu lesen bzw. rekonstruieren versucht hat, wird diese Erfahrung auch schon gemacht haben.

    (Ich habe mal versucht, den Absturz der 11. September-Maschine audzudröseln, die spurlos im Boden verschwunden sein soll. Beim Ausgraben sollen weit über 1000 Menschen beteiligt gewesen sein. Als ich von keinem einzigen auch nur einen Blogkommentar oder ein Photo mit dem Triebwerk im Rücken oder ähnliche Schmankerln gefunden habe, habe ich aufgeben. Selbst so eine einfach erscheinende Frage, ob man damals aus einen Verkehrsflugzeug heraus telefonieren konnte, konnte zumindest ich persönlich nicht klären.)

  11. 11 MoreOrLess 03. März 2011 um 15:24 Uhr

    Sehe ich genauso, dass meistens nicht ausreichend begründet wurde, warum die Fehler im Vorgehen seiner Doktorarbeit automatisch/zwangsweise seine politische Karriere betreffen die parallel und unabhängig dazu lief.

    In Bezug auf die Erschleichung des Titels stehen hier einige strafrechtliche Anmerkungen der Tagesschau. http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg808.html

  12. 12 TaP 03. März 2011 um 15:33 Uhr

    @ Neoprene:

    „strotzen Artikel jeglicher Machart von Zitaten, die häufig noch nicht mal oberflächlichem Nachprüfen auch nur ein, zwei Ebenen tiefer Stand halten.“

    Ja.

    Im Zusammenhang mit dem Buch, in dem ich diese Humboldt-Geschichte publiziert habe, könnte ich noch drei andere Geschichten erzählen:

    Wir hatten natürlich auch nicht die Zeit und das Geld alle Text darauf hin überprüfen, ob sie Plagiate sind. Drei Sachen waren uns aber beim Lektorieren bzw. Übersetzen aufgefallen:

    ++ Ein Text mußten wir am Ende ganz rausschmeißen. Als Mit-HerausgeberIn hatte ich um bessere Belegung einiger Behauptungen und Einhaltung des Zitiersystems, das im Buch einheitlich angewendet werden sollte, gebeten. In der Diskussion mit der – bereits promovierten – Autorin stellte sich stufenweise heraus, das der eingereichte Text teils aus der Wikipedia übernommen war (wo er auch schon kaum oder keine Belege / Einzelnachweise hatte), eine Behauptung mit Verweis auf einen prominenten Autor ‚belegt‘ war (der das aber nicht geschrieben hatte; das, was dieser Autor tatsächlich schrieb, wurde dagegen ohne FN übernommen), und schließlich erwies sich der eingereichte Text als größernteils stark gerafft aus einer anderen Sprache ins Deutsche übersetzt.
    (Das fiel mir dann nur auf, weil der Orginaltext zwei, drei Mal in den FN angeführt war und ich – mißtrauisch geworden – nachschlug, was da denn eigentlich steht.)

    ++ Ein anderer (nicht deutsch-sprachiger) Autor zitierte zwei deutsch-sprachige Autoren, die mir beide mit ihren Positionen so ungefähr bekannt waren. Das eine Zitat führte unser Aufsatz-Autor aus zweiter Hand (formell korrekt zitiert) von einem anderen Autor seiner Mitsprache an. Das Zitat des zweiten deutsch-sprachigen Autor stammte eh aus einer fremdsprachigen Publikation.
    Also, ich wunderte mich zumindest, da mir das beides nicht so zu den mir bekannten Positionen der beiden Autoren zu passen schien und schlug das nach. Das zweite Zitat war zumindest ungenau; das erste Zitat verschob sich im Zuge der indirekten Zitierung doppelt und war am Ende mehr oder minder das Gegenteil des Originals.
    Auf entsprechenden Hinweis korrigierte unser Aufsatz-Autor das dann anstandslos.

    ++ Ein dritter Autor (ebenso wie der zweite Lehrstuhlinhaber) machte ohne Quellenangabe eine Behauptung über die Zusammensetzung einer bestimmten politisch Bündnisstruktur, die aber logisch irgendwie nicht stimmig war / nicht zum Kontext paßte.
    Wo er das her hatte, wußte er nicht mehr so genau, also habe ich das zusammen mit der Übersetzerin nachrechechiert. Das Ergebnis wurde dann auch anstandslos akzeptiert.

    Aber kein Forschungsprojekt und keine Zeitschrift ist finanziell so ausgestattet, daß diese Arbeit systematisch für alle Publikationen gemacht werden könnte. Letztlich hängt es an Zufällen und an individueller Engagement, ob das auffällt und korrigiert wird.

    (Daß zwei der drei genannten Beispiele Übersetzungen waren, dürfte dem deutschen Wissenschaftsbetrieb auch nicht zur Ehre gereichen. Da übersetzen schlicht ein viel intensiveres Lesen erfordert, als das Lektorieren von deutschsprachigen Texten – also im ersten Fall mehr auffällt.)

    In meinem eigenen Text habe ich mich – glaube ich – auch mit ein paar Seitenzahlen vertan; müßte ich eigentlich mal ein Fehlerliste online stellen – was, ernsthaft betrieben, aber darauf hinauslaufen würde, alle tausend Seiten des mittlerweile gedruckten Buches zum x-mal konzentriert Korrektur zu lesen. -

    Trotzdem kann ja aber die Schlußfolgerung daraus nicht sein: ‚Okay, lassen wir einfach die Fußnoten in Zukunft ganz weg und schreiben nur noch genialische Essays.‘

  13. 13 TaP 03. März 2011 um 15:59 Uhr

    Siehe auch noch:

    „Und jetzt bitte eine offizielle Entschuldigung an die Welt der Wissenschaft, Frau Merkel!“, Abschnitt „Gegen Bildungselitismus, für politische Kritik an Guttenberg und für Selbstkritik des Wissenschaftsbetriebs“:

    http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Forum:Und_jetzt_bitte_eine_offizielle_Entschuldigung_an_die_Welt_der_Wissenschaft,_Frau_Merkel!#Gegen_Bildungselitismus.2C_f.C3.BCr_politische_Kritik_an_Guttenberg_und_f.C3.BCr_Selbstkritik_des_Wissenschaftsbetriebs

  14. 14 Neoprene 03. März 2011 um 16:57 Uhr

    Dein Verweis MoreOrLess „In Bezug auf die Erschleichung des Titels stehen hier einige strafrechtliche Anmerkungen der Tagesschau. http://www.tagesschau.de/inland/guttenberg808.html“ ist selber ein schöner Beleg für flapsige Verweise. Denn wenn man den verwiesenen Tagesschau-Text liest, dann zerrinnen einem doch alle strafrecchtlichen Vorwürfe zwischen den Fingern:
    1.Das Abkupfern müßten die „Beraubten“ geltend machen, was wohl
    entfallen wird.
    2. Untreue gibt es schon grundsätzlich so gut wie nie, hier auch nicht, weil es so schön heißt, nicht zur Hauptpflicht eines MdB gehört, mit den Geldern der Staatskasse haus zu halten.
    3. Unbefufgtes Verwenden des Doktortitels kann man ihm auch nicht nachsagen, denn bis zu seiner „Rückgabe“ bzw. seiner Uni-Aberkennung war er ja nach allen Regeln der juristischen Kunst befugt.
    Da wird Herr zu Guttenberg die Ermittlungen recht beruhigt aussitzen können, vermute ich als Nichtjurist jetzt einfach mal.

  15. 15 earendil 03. März 2011 um 16:57 Uhr

    Dieser offene Brief ist doch nicht mehr als eine moralische Empörung über Guttenberg, getragen von der Überzeugung, derart unehrliche Leute dürften keine politischen Spitzenpositionen einnehmen. Mehr nicht, und mehr will er auch nicht sein. Ich finde es etwas absurd, da eine Befassung mit der Politik Guttenbergs oder eine grundsätzliche Kritik am Wissenschaftsbetrieb zu erwarten. (Da hätte man auch sicher keine Position gefunden, auf die sich die 30.000 hätten einigen können.) Ich sehe auch nicht, dass die Briefschreiber_innen behaupten, Politik und Wissenschaft würden oder sollten nach den gleichen Prinzipien funktionieren. Vollends absurd finde ich aber, den Brief selbst an wissenschaftlichen Maßstäben blamieren zu wollen, denn er erhebt ja gar nicht diesen Anspruch. Auch Doktorand_innen dürfen mal einen nichtwissenschaftlichen Text schreiben, oder?

    Was sich in dem Offenen Brief der 30.000 fortsetzt ist die als solche keinesfalls neue Beanspruchung einer privilegierten Sprechposition qua akademischem Titel.

    Ach Unsinn. Der Brief wendet sich doch gar nicht gegen Politiker ohne akademische Titel, sondern nur gegen solche mit UNEHRLICH erworbenem. Warum ein Doktortitel in der Politik und vielen anderen Bereichen, die nicht nach wissenschaftlichen Prinzipien funktionieren, nach wie vor eine erhebliche Bedeutung hat, diese Frage stellt der Brief überhaupt nicht.

    Zu deiner Sorge um die Demokratie und deine Verteidigung des „Elfenbeinturms“, also der klassischen Herrschaftsdienlichkeit von Wissenschaft qua Freiheit der Wissenschaft, gegen die neoliberale, direkte Herrschaftsdienlichkeit schreib ich mal nichts weiter.

  16. 16 TaP 03. März 2011 um 23:24 Uhr

    @ Neoprene & MoreOrLess:

    Ich kam selbst noch nicht dazu, mir den Tagesschau-link anzusehen. Aber was Neoprene schreibt, kommt mir vorderhand plausibel vor.

    Zusätzlich sei noch erwähnt, daß Betrug ein Vermögensdelikt ist. Der Straftatbestand setzt u.a. voraus, daß „das Vermögen eines anderen dadurch [d.h.: durch die fragliche Handlung, TaP] beschädigt“ wird.

    Da die fraglichen ErstautorInnen auch bei auch bei korrekter Zitierung keinen Honoraranspruch o.ä. gegen Guttenberg hätten, erlitten sie auch keinen Vermögensschaden dadurch, daß Guttenberg ihre ErstautorInnenschaft verschwieg.

    Hinsichtlich der wohl – wenn ich das nebenbei richtig mitbekommen hatte – in Anspruch genommenen Arbeit des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestag mag zunächst „Untreue“ in Betracht kommen, da dessen Arbeit nicht für Guttenbergs Abgeordenten-Tätigkeit, sondern für seine Diss. in Anspruch genommen wurde. Ob es sich aber bei der Inanspruchnahme des Wissenschaftlichen Dienstes des BTages um eine „eingeräumte Befugnis, über fremdes Vermögen zu verfügen oder einen anderen zu verpflichten,“ handelt, müßte zumindest genauer recherchiert werden – kommt mir jedenfalls nicht sehr wahrscheinlich vor.

    Punkt 3. von Neoprene scheint mir 100-prozentig zutreffend zu sein.

  17. 17 TaP 04. März 2011 um 0:34 Uhr

    @ earendil:

    „Dieser offene Brief ist doch nicht mehr als eine moralische Empörung über Guttenberg,“

    Ja, aber das ist m.E. gerade der Mangel an dem Brief. Vgl. http://theoriealspraxis.blogsport.de/1991/12/01/sozialistischer-humanismus-autonomer-humanismus-oder-gar-kein-humanismus/.

    „getragen von der Überzeugung, derart unehrliche Leute dürften keine politischen Spitzenpositionen einnehmen.“

    Ja, aber für diese Überzeugung bringen sie kein einziges Argument vor – was aber im eigenen Interesse der AutorInnen wäre, falls sie so skeptische Wesen wie mich oder gar die Guttenberg-Fans überzeugen wollen.

    „Ich finde es etwas absurd, da eine Befassung mit der Politik Guttenbergs oder eine grundsätzliche Kritik am Wissenschaftsbetrieb zu erwarten. (Da hätte man auch sicher keine Position gefunden, auf die sich die 30.000 hätten einigen können.)“

    Ja, aber das ist gerade die problematische Methode derartiger Briefschreiberei: Ich hatte mich hier ja schon mehrfach als vehemente VerteidigerIn von Bündnispolitik und Kompromissen geoutet, aber ich hatte auch immer dazugesagt: bei voller Wahrung der Freiheit der eigenen Agitation und Propaganda.1

    Viel besser wäre gewesen, einen gemeinsamen Brief zu verfassen, der sich auf die schlichte Rücktrittsforderungen beschränkt (dann wäre ich sogar als 30.001. hinzugekommen) – und dann gibt es dazu je unterschiedliche individuelle oder fraktionelle Begründungen.

    „Ich sehe auch nicht, dass die Briefschreiber_innen behaupten, Politik und Wissenschaft würden oder sollten nach den gleichen Prinzipien funktionieren. Vollends absurd finde ich aber, den Brief selbst an wissenschaftlichen Maßstäben blamieren zu wollen, denn er erhebt ja gar nicht diesen Anspruch.“

    Das ist aber darin impliziert, daß sie ausdrücklich „als Doktorandinnen und Doktoranden“ zu einer politischen Frage Stellung nehmen und auch keine anderen Argumente als ein akademisches (zitieren ohne Quellenangabe ist unziemlich) haben.

    „Auch Doktorand_innen dürfen mal einen nichtwissenschaftlichen Text schreiben, oder?“

    Klar, aber dann sollten sie auch darauf verzichten, in diesem Zusammenhang ihre akademische Tätigkeit anzuführen – dann zählt schlicht ihr Argument in der Sache als jedermann, -frau, -sonstiges Wesen.

    „Der Brief wendet sich doch gar nicht gegen Politiker ohne akademische Titel, sondern nur gegen solche mit UNEHRLICH erworbenem.“

    Okay, das finde ich einen halbwegs berechtigten Einwand. Du hast Recht, sie sagen nicht, daß sie prinzipiell etwas gegen Dr.-lose PolitikerInnen haben. Aber sie begründen auch nicht, warum die Unehrlichkeit im akademischen Feld (die dort zweifelsohne scharf zu kritisieren ist), auch im politischen Feld dermaßen wichtig ist.

    Die relative Wichtigkeit von Ehrlichkeit im politischen Feld hatte ich ja in meiner FN 4 anerkannt. Und mit einer expliziten Argumentation, warum Guttenbergs Diss.-Schummelei auch im politischen Feld wichtig ist (die mögliche Argumentationslinie habe ich ja selbst angedeutet: „Daß die PolitikerInnen ehrlich über das, was sie tun und vorhaben, sind, ist die Minimalvoraussetzung begründeter Wahlentscheidungen und damit die Minimalvoraussetzung von – wie auch immer verstandener Demokratie.“ – Jetzt müßte nur noch dargelegt werden, inwiefern Guttenbergs Unehrlichkeit im akademischen Feld auch Indizwirkung für das politische Feld hat und über das hinausgeht, was im politischen Feld in Sachen Kundus usw. eh auf der Hand liegt.) wäre ich ja vielleicht sogar mitgegangen. Nur ist sie in dem Offenen Brief nicht erfolgt. Und bisher hat sie auch noch keineR meineR KritikerInnen nachgeliefert. Das ist der Punkt.

    „Zu deiner Sorge um die Demokratie und deine Verteidigung des ‚Elfenbeinturms‘, also der klassischen Herrschaftsdienlichkeit von Wissenschaft qua Freiheit der Wissenschaft, gegen die neoliberale, direkte Herrschaftsdienlichkeit schreib ich mal nichts weiter.“

    Nun ja, daß die Verteidigung des Elfenbeinturms offensiv-ironisch erfolgen solle, weil er eh keine Realität, sondern ein Pappkamerad ist, hatte ich ja geschrieben.

    Mit der gebotenen Ironie möchte ich daran allerdings festen: Ja, der Elfenbeinturm war nie Realität und insofern magst Du mit Deiner Kritik „Herrschaftsdienlichkeit“ Recht haben.

    Aber der Elfenbeinturm ist – ähnlich wie juristische Freiheit und Gleichheit – das bürgerliche Optimum, das unterhalb post-kapitalistischer Verhältnisse als anti-feudale Position zu haben ist.

    Sicherlich: Der Elfenbeinturm bleibt – genauso wie juristische Freiheit und Gleichheit – von faktischen gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen affiziert – spätestens bei der Frage der Finanzierung von wissenschaftlicher Arbeit; und letzteres gilt auch noch in post-kapitalistischen Verhältnissen.

    Aber diese indirekte Herrschaftsdienlichkeit ist der direkten allemal vorzuziehen. Und selbst in post-kapitalistischen Verhältnissen kann die Aufhebung der relativen Autonomie der wissenschaftlichen (entsprechend: der künstlerischen etc.) Praxen von der politischen Praxis nur in wissenschaftliche, ästhetische und politische Katastrophen wie dem Lyssenkismus (vgl. 1, 2, 3), dem Sozialistischen Realismus und dem Stalinismus münden.

    Und @ Demokratie: Auch deren Vorteile (unterhalb kommunistischer Verhältnisse, die das Ende von Staat und damit auch Demokratie bedeuten) hatte ich hier schon öfters hervorgehoben und ausführlich begründet. Gerade weil dies also keine bloß „taktische“ Position in Sachen Guttenberg bzw. Kritik des Offenen Briefes ist, würde mich interessieren, worin Deine diesbzgl. Einwände gegen meine Sorge um Demokratie, selbst noch bürgerlich-parlamentarischer Demokratie mit all ihren Grenzen und Mängeln, besteht.

    1. Vgl. bspw. http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/09/03/lenin-antwort-der-antidemokratischen-aktion/. [zurück]
  18. 18 TaP 04. März 2011 um 12:39 Uhr

    Noch mal zur Frage nach der strafrechtlichen Seite des Ganzen. Das Wichtigste scheint in der Tat bereits bei der tagesschau zu stehen. Auf die abwegige Frage nach einem Betrug im strafrechtlichen Sinne geht die tagesschau gar nicht erst ein.

    I. Zum Urhebergesetz heißt es dort:

    „Der Vorwurf einer strafbaren Verletzung des Urheberrechts ist im Fall der Doktorarbeit zu Guttenbergs nahe liegend. […]. Verfolgt wird die Tat jedoch nur auf Antrag des Berechtigten oder bei besonderem öffentlichen Interesse. Dies ist meist bei erheblichem wirtschaftlichem Schaden der Fall, etwa bei Raubkopien in größerem Umfang. Experten für Urheberrecht rechnen deshalb nicht damit, dass zu Guttenberg fürs ‚Abkupfern‘ strafrechtlich belangt wird.

    Ergänzend ist noch zu erwähnen, § 106 UrhG lautet:

    „§ 106 Unerlaubte Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke
    (1) Wer in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ohne Einwilligung des Berechtigten ein Werk oder eine Bearbeitung oder Umgestaltung eines Werkes vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
    (2) Der Versuch ist strafbar.“

    Und § 109 UrhG lautet:

    㤠109 Strafantrag
    In den Fällen der §§ 106 bis 108 und des § 108b wird die Tat nur auf Antrag verfolgt, es sei denn, daß die Strafverfolgungsbehörde wegen des besonderen öffentlichen Interesses an der Strafverfolgung ein Einschreiten von Amts wegen für geboten hält.“

    Falls tatsächlich, wie die tagesschau behauptet, das „öffentliche Interesse“ bisher an der Höhe des wirtschaftlichen Schadens festgemacht wurde, dürfte es kaum mit der gerade von Guttenberg-KritikerInnen geltend gemachten Gleichheit vor dem Gesetz vereinbar sein, nun den ad hoc den Begriff „öffentliche[s] Interesse“ anders auszulegen und gerade an ein in der Person Guttenbergs liegendes Kriterium, also bspw. seine politische Prominenz, anzuknüpfen.

    Hinzukommt: § 15 I UrhG definiert die Verwertungsrechte wie folgt:

    Der Urheber hat das ausschließliche Recht, sein Werk in körperlicher Form zu verwerten; das Recht umfaßt insbesondere
    1. das Vervielfältigungsrecht (§ 16),
    2. das Verbreitungsrecht (§ 17),
    3. das Ausstellungsrecht (§ 18).

    In den vorliegend einschlägigen §§ 16, 17 UrhG heißt es:

    „Das Vervielfältigungsrecht ist das Recht, Vervielfältigungsstücke des Werkes herzustellen, gleichviel ob vorübergehend oder dauerhaft, in welchem Verfahren und in welcher Zahl.“

    und

    „Das Verbreitungsrecht ist das Recht, das Original oder Vervielfältigungsstücke des Werkes der Öffentlichkeit anzubieten oder in Verkehr zu bringen.“

    Daran ist jedenfalls schon mal auffällig, daß dort von der Vervielfältigung „des Werkes“, also vorderhand des kompletten Werkes, und nicht auch von der Vervielfältigung von Teilen des Werkes die Rede ist. Ich habe allerdings keine Zeit und Lust, in die wissenschaftliche Literatur einzusteigen, um zu recherchieren, ob sich aus gesetzessystematischen Gesichtspunkten oder Gesichtspunkten der Gesetzgebungsgeschichte etwas anderes ergibt.

    Jedenfalls ist auch § 51 UrhG in dieser Hinsicht nicht eindeutig. Dort heißt es:

    㤠51 Zitate
    Zulässig ist die Vervielfältigung, Verbreitung und öffentliche Wiedergabe eines veröffentlichten Werkes zum Zweck des Zitats, sofern die Nutzung in ihrem Umfang durch den besonderen Zweck gerechtfertigt ist. Zulässig ist dies insbesondere, wenn
    1. einzelne Werke nach der Veröffentlichung in ein selbständiges wissenschaftliches Werk zur Erläuterung des Inhalts aufgenommen werden,
    2. Stellen eines Werkes nach der Veröffentlichung in einem selbständigen Sprachwerk angeführt werden,
    3. einzelne Stellen eines erschienenen Werkes der Musik in einem selbständigen Werk der Musik angeführt werden.“

    Dort wird zwar in Satz 2 ausdrücklich gesagt, daß die Anführung von „Stellen eines Werkes“ zulässig ist. Es ergibt sich aber aus dem Wortlaut nicht eindeutig, ob dies als Ausnahme von einem im weiten Sinne zu verstehenden Verbotes der „Vervielfältigung des Werkes“ zu verstehen ist, oder ob § 51 Satz 2 Nr. 2 und 3 – anders wohl als § 51 Satz 2 Nr. 1 hinsichtlich des mit Erläuterungen versehenen Komplett-Zitates – bloß deklaratorisch-klarstellende Funktion im Verhältnis zu einem ohnehin eng zu verstehenden Begriff von „Vervielfältigung des Werkes“ hat.

    Schließlich ließe sich wahrscheinlich auch noch diskutieren, ob die zum Teil ja ausgesprochen banalen Sätze, die von Guttenberg abgeschrieben bzw. leicht umformuliert wurden, überhaupt unter die Begriffe „Werken der Literatur, Wissenschaft und Kunst“ (§ 1 UrhG), „Urheber“ und „Schöpfer“ (§ 7 UrhG) fallen, bzw., ob Guttenbergs Umformulierungen unter den Begriff der „Freie Benutzung“ (§ 24 UrhG) fallen.

    II. Zum Vorwurf der Untreue heißt es auf der Seite der tagesschau:

    „Doch eine Verurteilung wegen Untreue komme mit ‚allerhöchster Wahrscheinlichkeit‘ nicht infrage, sagt der Berliner Strafverteidiger Ulrich Wehner auf Nachfrage der Nachrichtenagentur dpa. Voraussetzung für Untreue sei eine Pflicht, fremdes Vermögen zu betreuen. Das sei jedoch keine Hauptpflicht aus dem Abgeordnetenverhältnis. ‚Einen allgemeinen Tatbestand des Amtsmissbrauchs gibt es hingegen nicht‘, so Wehner.“

    III. Schließlich wurd dort Frage eines etwaigen Titelmißbrauchs ausgeführt:

    „Strafbar macht sich unter anderem, wer ‚unbefugt‘ einen akademischen Grad führt. Guttenberg war der Titel jedoch zunächst formell ordnungsgemäß verliehen worden. Damit liegt kein Titelmissbrauch vor.“

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