Was ist „Geschmack“?

- Aus aktu­el­lem Anlaß (Klopf­zei­chen – 06.11.2010; 2:35 h; TaP – 06.11.2010; 10:58 h) noch mal ein paar Argu­mente aus der BDSM-​​Debatte beim Mäd­chen­blog im ver­gan­ge­nen Jahr (1, 2, 3) -

„Geschmack“ ist nichts ande­res als die Nicht-​​Reflexion unse­rer Hand­lun­gen

Zu Free­jazz, „rich­tig durch­fi­cken“ und noch ein­mal Weiß­wein und Rot

@ earen­dil – 26. Okto­ber 2009 um 2:50 Uhr

„Geschmack­li­che Prä­fe­ren­zen las­sen sich aber so gut wie nicht durch Über­zeu­gun­gen ändern! Du, ich bin davon über­zeugt, dass Herr­schaft, Unter­wer­fung, Gewalt und Fol­ter scheiße sind – weil ich mir irgend­wann mal Argu­mente dage­gen hab ein­leuch­ten las­sen. Das hat aber
null­kom­ma­nichts daran geän­dert, dass ich unter bestimm­ten Umstän­den diese Sachen geil finde!“

Ja, Du bist außer-​​sexuell gegen Herr­schaft, Unter­wer­fung, Gewalt und Fol­ter – sagst Du jeden­falls (mehr weiß ich ja nicht).
Aber der Punkt ist: Du hast Dich nicht über­zeu­gen las­sen, daß außer-​​sexuelle Herr­schaft usw. und sexu­elle Herr­schaft usw. etwas mit ein­an­der zu tun haben.
Wür­dest Du das ein­se­hen, und wäre es Dir mit der von Dir bean­spruch­ten poli­ti­schen Hal­tung ernst, dann wür­dest Du auch Dei­nen sexu­el­len Geschmack in Frage stel­len. – Viel­leicht nicht von heute auf mor­gen ändern (kön­nen) – aber Du wür­dest anfan­gen, ihn in Frage zu stel­len.

Zu sagen, ‚das ist aber ein­fach mein Geschmack‘, ist nichts ande­res als eine Sperre gegen diese Refle­xion, gegen eine sol­che Infra­ge­stel­lung.

@ big­mouth – 25. Okto­ber 2009 um 18:33 Uhr

„einem ein­ge­fleisch­ten klas­sik­hö­rer kann ich free jazz oder death metal oder oder oder… vor­spie­len, bis der kotzt – wahr­schein­lich fin­det der das auch nach dem 20. mal hören nicht super­geil. man kann sich nicht zwin­gen, sachen zu mögen oder nicht zu mögen. man kann sie nur häu­fig genug aus­pro­bie­ren, um zu einem urteil gekommn zu sein“

@ n.n. – 25. Okto­ber 2009 um 18:21 Uhr

„Du kannst ja gerne mal ver­su­chen jeman­den so rich­tig durch­zu­fi­cken, und „uns“ dann erzäh­len wie geil das für dich war.“

@ earen­dil – 26. Okto­ber 2009 um 2:50 Uhr

„Geschmack­li­che Prä­fe­ren­zen las­sen sich aber so gut wie nicht durch Über­zeu­gun­gen ändern!“

1.

Das Unbe­kannte ein­fach mal vor­spie­len, ein­fach mal machen /​ aus­pro­bie­ren – das kann etwas brin­gen.

Das Nicht-​​Gemochte ein­fach vor­spie­len /​ ein­fach machen – das bringt gar nichts.

2.

Der Punkt ist viel­mehr: „Geschmack“ ist nichts ande­res als die Essen­tia­li­sie­rung unse­rer Pra­xen: ‚Das mag ich halt so.‘ /​ ‚Das ist ein­fach so, daß ich auf super schlanke Frauen mit rie­sen Busen stehe.‘

Viel­leicht meinte ADA das ja in dem Mirabella-​​the­rad mit sei­ner – mir unver­ständ­li­chen – For­mu­lie­rung vom „zur Gewohn­heit geron­ne­nen Urteil“.
M.E. ver­hält es sich so: Geschmack ist nicht ein „zur Gewohn­heit geronnene[s] Urteil“, son­dern: Geschmack ist eine zum Urteil geron­nene Gewohn­heit.

Bei­spiel: Um mir herum trin­ken (fast) alle Leute Bier (oder Wein oder gar kein Alk) – und ich über­nehme das; finde das ‚nor­mal‘ und des­halb gut. Weil ich das für gewöhn­lich mache, ohne da groß drü­ber nach­zu­den­ken, sage ich: ‚Bier ist genau mein Geschmack.‘

3.

Der „Geschmack“ ist ab dem Moment in-​​frage-​​stell-​​bar und damit per­spek­ti­visch ver­än­der­bar, wo ich meine Gewohn­heit nicht mehr als „Geschmack“ essen­tia­li­siere, son­dern als eine der Refle­xion und damit Ent­schei­dung zugäng­li­che Pra­xis.

Bei­spiel 1: Wenn ich es nicht hab­itu­ell gewohnt bin, Free­jazz zu hören, wird sich an mei­nem Geschmack wahr­schein­lich dadurch nichts ändern, daß mir big­mouth drei Tage lang Free­jazz vor­spielt (außer evtl., wenn ich vor­her noch nie Free­jazz gehört habe).

Bei­spiel 2: Etwas anders liegt Fall des „rich­tig Durchficken[s]“ (n.n.). Da habe ich nicht nur einen (Nicht-)Geschmack, son­dern dazu habe ich bereits eine reflek­tierte poli­ti­sche Posi­tion. Ohne diese zu kna­cken, würde sich an mei­nem Nicht-​​Interesse an „Durch­fi­cken“ nicht die Bohne ändern.

Bei­spiel 3: In Deutsch­land ’schmeckt‘ mir im Som­mer kal­ter Weiß­wein bes­ser als lau­war­mer Rot­wein; im Win­ter dage­gen Rot­wein bes­ser. In Spa­nien trinke ich dage­gen auch im Som­mer Rot­wein, weil ich dort noch kei­nen Weiß­wein gefun­den habe, der mir ’schmeckt‘, und die Spa­ni­ene­rIn­nen dahin ten­die­ren, Rot­wein käl­ter zu ser­vie­ren, als in Dtld. üblich.
Das nenne ich ‚Geschmack‘, weil ich mich damit nicht gro­ßer wei­ter aus­ein­an­der­ge­setzt habe; das ‚ist‘ halt ein­fach. Das ‚ist‘ halt ein­fach mein ‚Geschmack‘.
Würde ich jetzt damit kon­fron­tiert, daß die gesund­heit­li­chen Aus­wir­kun­gen von Weiß­wein und Rot­wein, oder die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen für die Pro­du­zen­tIn­nen von Weiß­wein und Rot oder die kul­tu­relle Ver­ge­schlecht­li­chung von Weiß­wein und Rot­wein im erheb­li­chen Aus­maß unter­schied­lich wären, würde ich anfan­gen eine theo­re­ti­sche Dis­tanz (vgl. TaP – 24.10.; 22:18 h) zu einer mei­ner Gewohn­heit ein­neh­men. Ich könnte sie dann nicht mehr als ‚Geschmack‘ essen­tia­li­sie­ren, son­dern müßte eine poli­ti­sche Hal­tung zu den mir gemach­ten Vor­hal­tun­gen ein­neh­men und würde dann ggf. – je nach­dem, was ich inhalt­lich zu den Vor­hal­tun­gen sagen würde – meine Gewohn­heit in Frage stel­len.

Ent­spre­chend beim Free­jazz: Würde ich oder würde irgend­je­mandE ande­reS mei­nen musi­ka­li­schen ‚Geschmack‘ in Frage stel­len wol­len, müßte ich mich mehr mit Musik­theo­rie als ich das getan beschäf­ti­gen bzw. die andere Per­son mich damit kon­fron­tie­ren. Wenn ich die spe­zi­fi­sche künst­le­ri­sche
Kon­zep­tion von Free­jazz – im Unter­schied zu ande­ren Musik­sti­len – ver­ste­hen würde, dann könnte sich mein ‚Geschmack‘ in eine musiktheoretische/​musikpolitische Hal­tung ver­wan­deln und ich konnte anfan­gen, mei­nen ‚Geschmack‘ in Frage zu stel­len.

Wehre ich dage­gen die theo­re­ti­sche Kon­fron­ta­tion ab (‚Ja, ja – alles schön und gut, gefällt mir aber trotz­dem nicht‘ oder sogar: ‚Ja, sehe ich völ­lig ein, aber ich habe trotz­dem die­sen inne­ren Drang‘), wird es auch keine Infrag­stel­lung der Pra­xis geben.

Der ent­schei­dende Punkt ist die Essen­tia­li­sie­rung der eige­nen Gewohn­heit als ‚Geschmack‘. Wer/​welche an die­sem Punkt bockig oder zickig ist, wird in der Tat auch mit tau­send guten Argu­men­ten nicht zu errei­chen sein.

Wer/​welche dage­gen die Argu­men­ta­tion von „schon wie­der“ (die mit der von Fou­cault überein­stimmt) über­zeu­gend fin­det, daß es keine Homo­se­xua­li­tät /​ keine homo­se­xu­el­len Nei­gun­gen (und Hetero/​a-​​ ent­spre­chend) ‚gibt‘, son­dern das moderne politisch-​​kulturell-​​medizinisch-​​psychologische Kon­zepte sind, um bestimmte Hand­lun­gen zu den­ken, ist auch in der Lage, die eigene ‚Nei­gung‘ in Frage zu stel­len und andere Pra­xen zu ent­wi­ckeln.

Und das ist eben auch der Punkt bei den homo­pho­ben, homo­se­xu­el­len Fun­dis: Die müß­ten ja ihr gan­zes reli­giöse Welt­bild in Frage stel­len, wenn sie Fou­caults Gedan­ken­gang, egal auf wel­chen Gegen­stand kon­kret ange­wen­det, über­haupt zulas­sen wür­den. -
Und das gilt aber nicht nur für die Fun­dis, denn in Bezug auf ‚Per­sön­lich­keit‘, ‚Authen­ti­zi­tät‘, ‚Indi­vi­dua­li­tät‘ usw., ist die Essen­tia­li­sie­rung des Gege­be­nen ja keine spe­zi­fisch reli­giöse Hal­tung, son­dern eine Hal­tung die vom bür­ger­li­chen main­stream, Links-​​ExistentialistInnen, ‚Frank­fur­ter‘ Entfremdungs-​​KritikerInnen und allen mög­lich ande­ren Leu­ten geteilt wird.

Diese Hal­tung des ‚Das ist halt so, das haben wir schon immer so gemacht‘, ist das ent­schei­dende Hin­der­nis einer Pra­xis der Ver­än­de­rung. Und aus die­ser essen­tia­li­ti­sie­ren­den Hal­tung bricht auch ein, ‚Das wollte ich schon immer so, aber ich mich aber nicht getraut /​ durfte ich nicht‘, nicht aus; es ver­schiebt nur das Objekt der Essen­tia­li­sie­rung (statt der Gewohn­heit wird das Wil­len essen­tia­li­siert).

PS.:

@ earen­dil – 26. Okto­ber 2009 um 2:50 Uhr

I.

1.

„Die gleich­ge­schlecht­lich begeh­ren­den Fun­da­men­ta­lis­ten sind davon über­zeugt, dass Homo­se­xua­li­tät, dass das, was sie tun, Sünde ist.
Dia haben sich die von ent­spre­chen­den Argu­men­ten über­zeu­gen las­sen.“

Und, wie­viele gibt es davon? 5.000 Fälle von 5 Mrd. Men­schen, was ist das denn für ein gesell­schafts­theo­re­ti­sches Argu­ment?!

Eine Erklä­rung könnte es bspw. sein, daß diese Leute sich aus ihren com­mu­nities nicht lösen können/​wollen (weil sie den Rest von dem Fundi-​​Kram gut­fin­den), und sie des­halb sagen /​ sich selbst die Sache so zu recht­le­gen, daß sie die Ideo­lo­gie tei­len – damit sie nicht auch noch mit der in Kon­flikt gera­ten; dann müß­ten sie näm­lich einen schwie­ri­gen poli­ti­schen Kampf auf­neh­men – und lei­der, lei­der wegen eines ‚inne­ren, sün­di­gen Zwangs‘ nicht gemäß ihrer Ein­sicht han­deln kön­nen. Das ist eine (Selbst)entschuldigung unter bestimm­ten hege­mo­nia­len ideo­lo­gi­schen Ver­hält­nis­sen.
Aber das ‚ist‘ nicht ‚ein­fach so‘.

2.

„Wenn du einen Ras­sis­ten argu­men­ta­tiv davon über­zeu­gen kannst, dass sein Ras­sis­mus scheiße ist, dann kann er den sein las­sen.“

Und wenn es nun ein­mal das „Geschmacks­ur­teil“ des/​r Rassisten/​in, daß Tür­ken schlecht röchen?! Das ‚fühlt‘ er/​sie ‚ein­fach‘; das sei ein­fach seine/​ihre Nase, das habe nichts mit mit Poli­tik zu tun?!

3.

[big­mouth:] „dass etwas gemacht wor­den ist in der ver­gan­gen­heit belegt noch lange nicht, dass es des­halb heute noch änder­bar sein muss“
[Bei­spiel von e. dazu:] „Men­schen, die bei einem Unfall ein Bein ver­lo­ren haben. Das Bei­spiel leuch­tet ein, ja?“

Dein Bei­spiel ist ein physisch-​​körperlicher – wenn Du so willst ‚bio­lo­gi­scher‘ Vor­gang. Ihr bestrei­tet ja aber, daß Euer Geschmack-​​Essentialismus bio­lo­gis­tisch sei.

II.

„Und auch die [bei denen Regeln und eigene Über­zeu­gung kon­gru­ent sind, TaP] las­sen sich oft auf diese Art [ein Bulle mit Waffe, TaP] zwin­gen – die wol­len die­sen Zwang aber. Z.B. fin­den die meis­ten Men­schen es ganz ok, dass der Staat Steu­ern erhebt – des­halb ver­su­chen sie aber trotz­dem, das Finanz­amt nach allen Mög­lich­kei­ten zu beschei­ßen, und ärgern sich, wenn sie erwischt wer­den.“

Erklä­rungs­be­dürf­tig ist aber, warum sie die Regel wol­len, obwohl sie selbst ver­su­chen, die Regel zu umge­hen. – Daß sie Regel wol­len, ist nicht dem Bul­len mit der Waffe zu erklä­ren. Der Bulle mit der Waffe erklärt nur, warum sie ggf. von ihrer Umge­hungs­ab­sicht Abstand neh­men – nicht die (viel wich­ti­gere) Zustim­mung zur all­ge­mei­nen Regel.

III.

„bei dir als ML-​​Freundin kom­men natür­lich erst noch mind. 100 Jahre Sozia­lis­mus mit Lohn­ar­beit, Män­ner­un­ter­drü­ckung und Sexu­al­kon­trolle dazwi­schen.“

So unge­fähr. Du hat­test ja auch mal bean­sprucht (letz­ter Absatz), zu wis­sen, daß das mit dem Robinson-​​Kommunismus (Abschnitt III.) Unsinns-​​Utopismus ist… – War nicht so ernst­ge­meint?

Siehe außer­dem zu dem Thema noch:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​0​3​/​n​s​-​u​n​d​-​d​e​m​o​k​r​a​t​i​e​-​v​e​r​h​a​l​t​e​n​-​s​i​c​h​-​z​u​-​e​i​n​a​n​d​e​r​-​n​i​c​h​t​-​w​i​e​-​r​o​s​e​n​k​o​h​l​-​u​n​d​-​s​a​u​e​r​k​r​a​u​t​/​#​c​o​m​m​e​n​t-360, Nr. 2
und
Die ökono­mi­schen Grund­la­gen für das Abster­ben des Staa­tes.

Und wenn lahma (26. Okto­ber 2009 um 3:03 Uhr) schreibt,

„ich finde den gedan­ken, ZUERST löhne inkl. geschlechts­spe­zi­fi­scher lohn­dif­fe­ren­zen zu SCHAF­FEN, um sie DANN zu BEKÄMP­FEN – etwas befremd­lich.“,

geht das an der Tat­sa­che vor­bei, daß nie­mandE voschlägt, Löhne „zu SCHAF­FEN“ – die sind näm­lich SCHON DA. Der Punkt ist, daß wir sie außer in den Phan­ta­sien des Uto­pi­schen Sozia­lis­mus auch nach einer Revo­lu­tion nicht von heute auf mor­gen abschaf­fen KÖN­NEN. Und in der Tat ist poli­ti­sche Pra­xis zur Mini­mi­nie­rung und schließ­lich Über­win­dung von Herr­schaft und Aus­beu­tung ohne Zwang NICHT MÖG­LICH.
Jeder Streik ist Zwang, jeder Stein­wurf bei einer Demo ist Zwang, jeder Anschlag auf einen Nazi-​​Laden ist Zwang, Ver­ge­wal­ti­ger mit­tels Staats­ge­walt in den Knast zu ste­cken, ist Zwang, Ein­zel­ka­pi­ta­lis­ten mit­tels Staats­ge­walt zur Ein­hal­tung von Umwelt­vor­schrif­ten zu nöti­gen, ist Zwang; selbst jede Mas­sen­de­mons­tra­tion ist – zwar keine Gewalt, aber – Zwang. Der­ar­ti­ger Zwang ist UNVER­MEID­LICH.
Wer/​welche das bestrei­tet, kann sich jeden poli­ti­schen Anspruch spa­ren und mit den Herz-​​Jesus-​​SozialistInnen für den Kom­mu­nis­mus und gegen das Patri­ar­chat beten.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio
Wikio

11 Antworten auf „Was ist „Geschmack“?“


  1. 1 Zara 06. November 2010 um 14:02 Uhr

    Ich halte deine implizite Annahme, „es gäbe a priori den richtigen Geschmack“ für falsch. Wenn jemand auf schlanke Frauen mit großen Brüsten, auf dünne, muskelbepackte Männer steht oder heterosexuell ist, dann ist dieser Geschmack, da er niemandem schadet auch nichts kritisierbares.
    Wenn man diesem Geschmack, einen Geschmack, der eher auf dicke Menschen abzielt, eher die homo-/bisexualität hochhält oder auf die „inneren Werte“ gerichtet ist als politisch korrekter entgegenhält, dann ist dies Ideologie, d.h. etwas wofür es keine Begründung jenseits der eigenen Moral gibt.
    Geschmack ist natürlich gesellschaftlich gemacht und dies selbst zu reflektieren kann durchaus Sinn machen, aber auf meinen Geschmack und dessen Änderung hat niemand außer mir einen Anspruch.
    Als Kommunistin würde ich wie so oft dafür plädieren gesellschaftliche Verhältisse zu ändern, die bestimmte Geschmäcke hervorbringen und normieren, anstatt ganz postmodern eine Moralpredigt an das Individuum zu halten.

  2. 2 pele 06. November 2010 um 20:15 Uhr

    „Wer/welche dagegen die Argumentation von „schon wieder“ (die mit der von Foucault übereinstimmt) überzeugend findet, daß es keine Homosexualität / keine homosexuellen Neigungen (und Hetero/a- entsprechend) ‚gibt‘, sondern das moderne politisch-kulturell-medizinisch-psychologische Konzepte sind, um bestimmte Handlungen zu denken, ist auch in der Lage, die eigene ‚Neigung‘ in Frage zu stellen und andere Praxen zu entwickeln.“

    du kannst nicht einfach „neigung“ in’s spiel bringen, wenn es um „geschmack“ geht. „neigung“ wird biologistisch begründet, geschmack konzeptionell.

    ich kann nämlich sehr wohl sagen, mein geschmack geht in richtung dicker, weisser frauenarsch, als neigung taugt das allerdings nicht. foucault meinte nur eben nicht geschmack.

    die „zum urteil geronnene gewohnheit“ ist die neigung, ein urteil über die präferenz. das „zur gewohnheit geronnene urteil“ wiederum ist der geschmack, die präferenz selbst.

    zum durchficken/durchgefickt werden: wenn du angeblich so eine reflektierte position dazu hast, kannst du es ja ruhig mal versuchen. dann besteht nämlich keine gefahr zur bestätigung der gesellschaftlichen machtverhältnisse, die sich darin angeblich zwangsweise ausdrücken.

  3. 3 TaP 06. November 2010 um 22:40 Uhr

    @ Zara:

    „Ich halte deine implizite Annahme, ‚es gäbe a priori den richtigen Geschmack‘ für falsch.“

    Universell „richtigen“ nicht, aber feministischen, kommunistischen usw. schon – und ob das dann für richtig gehalten wird, hängt von der jeweiligen politischen Parteilichkeit ab.

    „Wenn jemand auf schlanke Frauen mit großen Brüsten, auf dünne, muskelbepackte Männer steht oder heterosexuell ist, dann ist dieser Geschmack, da er niemandem schadet auch nichts kritisierbares.“

    Beides doch. Denn das Begehren wird überhaupt nur unter hetero/a/sexistisch-patriarchalen Verhältnissen unter diesen Begriffen gedacht.

    „Wenn man diesem Geschmack, einen Geschmack, der eher auf dicke Menschen abzielt, eher die homo-/bisexualität hochhält oder auf die ‚inneren Werte‘ gerichtet ist als politisch korrekter entgegenhält,“

    Das ist auch nicht mein strategisches politisches Ziel; mein Ziel ist die schließliche Überwindung der Strukturierung des Begehrens durch derartige Kategorien.

    „Geschmack ist natürlich gesellschaftlich gemacht und dies selbst zu reflektieren kann durchaus Sinn machen, aber auf meinen Geschmack und dessen Änderung hat niemand außer mir einen Anspruch.“

    Naja, was weißt „Anspruch“? Wir haben auch keinen „Anspruch“ darauf, daß die Leute KommunistInnen werden – trotzdem argumentieren wir dafür.

    „Als Kommunistin würde ich wie so oft dafür plädieren gesellschaftliche Verhältisse zu ändern, die bestimmte Geschmäcke hervorbringen und normieren, anstatt ganz postmodern eine Moralpredigt an das Individuum zu halten.“

    Die Verhältnisse ändern, ohne daß auch (die) Individuen ihre Praxis ändern, dürfte unmöglich sein.

    @ Pele:

    „du kannst nicht einfach ‚neigung‘ in’s spiel bringen, wenn es um ‚geschmack‘ geht. ‚neigung‘ wird biologistisch begründet, geschmack konzeptionell. ich kann nämlich sehr wohl sagen, mein geschmack geht in richtung dicker, weisser frauenarsch, als neigung taugt das allerdings nicht. foucault meinte nur eben nicht geschmack.“

    Der (als „kulturell“ gedachte) Geschmack ist doch also wohl noch eher zu ändern als die („biologisch“ gedachte) „Neigung“.

  4. 4 pele 07. November 2010 um 0:27 Uhr

    Die Verhältnisse ändern, ohne daß auch (die) Individuen ihre Praxis ändern, dürfte unmöglich sein.

    ja, aber doch nicht unbedingt die sexualle praxis. die ist viel mehr ausdruck der gesellschaftlichen verhältnisse und weniger reproduktion.

  5. 5 pele 07. November 2010 um 0:32 Uhr

    Der (als „kulturell“ gedachte) Geschmack ist doch also wohl noch eher zu ändern als die („biologisch“ gedachte) „Neigung“.

    „neigung“ kann man dekonstruieren, die ist nämlich als biologismus schlicht verkehrt.

    klar kann man geschmack ändern, nur wozu? wichtiger wäre es an den gesellschaftlichen verhältnissen selbst zu arbeiten. wie angedeutet, der reproduktionsgrad ist – wenn überhaupt vorhanden* – marginal.

    *wie im letzten absatz schon angeführt“ – in reflektierten sexuellen machtspielchen gibt es ja gar keine reproduktion. manchmal sogar das gegenteil.

  6. 6 Zara 08. November 2010 um 14:42 Uhr

    @ TaP:

    „Ich halte deine implizite Annahme, ‚es gäbe a priori den richtigen Geschmack‘ für falsch.“

    Universell „richtigen“ nicht, aber feministischen, kommunistischen usw. schon – und ob das dann für richtig gehalten wird, hängt von der jeweiligen politischen Parteilichkeit ab.

    Und das würde ich bezweifeln. Was soll „kommunistischer Geschmack“ sein? Boxershorts mit rotem Stern drauf? Nein, im Ernst: Ist jetzt PorNO oder PorYES feministischer Geschmack? Vor dreißig Jahren wurden Menschen aus der Szene rausgeschmissen, weil sie zugaben schon mal einen Porno gesehen zu haben, heute werden sie schief angeguckt, wenn sie noch keinen gesehen haben. Es gibt ganz sicher nicht den feministischen Geschmack. Es gibt immer bestimmte Fraktionen in einer Subkultur, die sich durch einen bestimmten Geschmack, durch einen bestimmten Habitus, durch eine bestimmte politische Ideologie von anderen Teilen der Subkultur oder anderer Subkulturen abgrenzen. Und nur weil eine bestimmte Fraktion lauter ist als andere, die Mehrheit stellt oder die Subkultur auf anderem Wege dominiert, schafft sie es zu keiem Zeitpunkt alle hinter ihr zu versammeln.
    Das bedeutet, einen „feministischen Geschmack“ anzunehmen heißt den Geschmack der herrschenden Fraktion im Feminismus einer Epoche mit dem Geschmack aller FeministInnen zu identifizieren.

    Ich halte im Übrigen dein rekurrieren auf „politische Parteilichkeit“ für schwierig, aber hier kommt vielleicht die Marxistin mit einem/r linken LeninistIn auch nicht überein. Denn diese Parteilichkeit bedeutet doch nichts anderes als Parteilichkeit mit der herrschenden Fraktion und ihren Ideen. KommunistInnen ging es um die Überwindung von unterdrückenden Verhältnissen und nicht um die „sozialdemokratische“ Parteinahme für die Unterdrückten, aber das sehen LeninistInnen wohl anders.

    „Wenn jemand auf schlanke Frauen mit großen Brüsten, auf dünne, muskelbepackte Männer steht oder heterosexuell ist, dann ist dieser Geschmack, da er niemandem schadet auch nichts kritisierbares.“

    Beides doch. Denn das Begehren wird überhaupt nur unter hetero/a/sexistisch-patriarchalen Verhältnissen unter diesen Begriffen gedacht.

    Jein, Begehren wird immer unter den, die Verhältnisse repräsentierenden Begriffen der jeweiligen Epoche gedacht. KommunistInnen sagen, die Verhältnisse sind dafür zu kritisieren, dass sie dieses Begehren und diese Begriffe hervorbringen, postmoderne Linke sagen, das Individuum ist für die Reproduktion dieser Verhältnisse zu kritisieren. Das ist unser Streitpunkt in einem Satz zusammengefasst.

    „Wenn man diesem Geschmack, einen Geschmack, der eher auf dicke Menschen abzielt, eher die homo-/bisexualität hochhält oder auf die ‚inneren Werte‘ gerichtet ist als politisch korrekter entgegenhält,“

    Das ist auch nicht mein strategisches politisches Ziel; mein Ziel ist die schließliche Überwindung der Strukturierung des Begehrens durch derartige Kategorien.

    Aber nach was für Kategorien denn? Natürlich wandeln sich Kategorien, andere kommen hinzu, manche verschwinden. Aber Begehren wird immer an Kategorien hängen, mögen sie auch breiter und individueller sein. Denn sonst wäre es Wahllosigkeit und kein Begehren. Auch halte ich es für unwahrscheinlich, dass Begehren nicht mehr an Körperlichkeit festgemacht werden wird. Und dann sind „große Brüste“ nur ein Äquivalent zu „kleine Brüste“, das eine nicht besser als das andere.
    Das Ziel wären für mich Verhältnisse in denen sich die Menschen frei von gesellschaftlicher Normierung ihren individuellen Geschmack und ihr Begehren entwickeln.

    „Als Kommunistin würde ich wie so oft dafür plädieren gesellschaftliche Verhältisse zu ändern, die bestimmte Geschmäcke hervorbringen und normieren, anstatt ganz postmodern eine Moralpredigt an das Individuum zu halten.“

    Die Verhältnisse ändern, ohne daß auch (die) Individuen ihre Praxis ändern, dürfte unmöglich sein.

    Ja, hier streiten wir uns wieder, was Ursache und was Wirkung ist: die MarxistIn: Die Verhältnisse müssen geändert werden und dann werden sich die Menschen als solche ändern*(mein Lieblingszitat an der Stelle: Revolution ist nicht ein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders. Revolution ist ein langer komplizierter Prozess, wo der Mensch anders werden muss.(Dutschke)). Der postmoderne Linke: Erst müssen sich die Menschen ändern und wenn die mal anders sind, dann kann auch Revolution und Kommunismus kommen.

    *so platt auch nicht, verstehen lässt sich das Ganze nur als dialektischer Prozess, in dem Menschen neue Wege gehen, neue Dinge ausprobieren, aber eben nicht mit dem Ziel die Menschen im Hier und Jetzt moralisch auf diese aktuelle Mode der Subkultur zu verpflichten, sondern um die neue Gesellschaft zu antizipieren und die Bausteine für diese zu suchen.

  7. 7 TaP 09. November 2010 um 15:07 Uhr

    @ pele:

    07.11.2010; 0:27 h: „[TaP:]

    ‚Die Verhältnisse ändern, ohne daß auch (die) Individuen ihre Praxis ändern, dürfte unmöglich sein.‘
    ja, aber doch nicht unbedingt die sexualle praxis. die ist viel mehr ausdruck der gesellschaftlichen verhältnisse und weniger reproduktion.“

    Warum nicht unbedingt auch die sexuellen Praxen, wenn diese doch auch von Herrschaft und Ausbeutung geprägt sind?

    Und warum weniger Reproduktion? (Antwort aber bitte auf dem Stand der letztjährigen Diskussion bei Mädchenblog [Nr. 2.b)]; nicht wieder Neubeginn der Diskussion von vorne, sondern wirklich neue Argumente.)

    07.11.2010; 0:27 h: „klar kann man geschmack ändern, nur wozu? wichtiger wäre es an den gesellschaftlichen verhältnissen selbst zu arbeiten. wie angedeutet, der reproduktionsgrad ist – wenn überhaupt vorhanden* – marginal.
    *wie im letzten absatz schon angeführt“ – in reflektierten sexuellen machtspielchen gibt es ja gar keine reproduktion. manchmal sogar das gegenteil.“

    Zu Absatz 1: Siehe vorstehende Antwort (zu 0:27 h); zu Absatz 2: nur war von „reflektierten sexuellen machtspielchen“ – außer als Postulat – in den letztenjährigen Diskussionen beim Mädchenblog wenig zu lesen und jetzt beim Pornfestival wenig zu sehen – TaP – 09.11.2010; 10:50 h:
    in den Filmen wird (fast) keine Zustimmung zu dem praktizierten Sex gezeigt, und er findet häufig ziemlich gewaltsam statt – was jedenfalls vorderhand „nicht konsensuell“ anzeigt. […]. In der Tat hatten wir das letztes Jahr schon so ähnlich: Einerseits wird in Anspruch genommen, alles sei konseuell, die gesellschaftlichen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse würden nicht reproduziert, sondern reflektiert und gebrochen – aber wenn konkret nachgefragt oder konkrete Vorschläge gemacht werden, dann kommt entweder nichts oder aber: ‚Dann is es doch nicht mehr sexy.‘“

    @ Zara:

    „Was soll ‚kommunistischer Geschmack‘ sein? Boxershorts mit rotem Stern drauf? Nein, im Ernst: Ist jetzt PorNO oder PorYES feministischer Geschmack? Vor dreißig Jahren wurden Menschen aus der Szene rausgeschmissen, weil sie zugaben schon mal einen Porno gesehen zu haben, heute werden sie schief angeguckt, wenn sie noch keinen gesehen haben.“

    Vor dem Sommer 1914 war die ganze II. Internationale gegen Vaterlandsverteidigung; nach dem Sommer 1914 war fast die ganze II. Internationale dafür – auch nur eine Geschmacksfahne im Wind?
    (Ansonsten es mag nicht für jedes Gebiet nur einen feministischen, kommunistischen usw. ‚Geschmack‘ geben – aber einige Praxen lassen sich eben doch von einem feministischen, kommunistischen usw. Standpunkt ausschließen.)

    „KommunistInnen sagen, die Verhältnisse sind dafür zu kritisieren, dass sie dieses Begehren und diese Begriffe hervorbringen, postmoderne Linke sagen, das Individuum ist für die Reproduktion dieser Verhältnisse zu kritisieren.“

    Ja, gut – aber wie willst Du die Verhältnisse ändern, wenn sich die Individuen nicht weigern, sie zu reproduzieren?

    „Revolution ist nicht ein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders. Revolution ist ein langer komplizierter Prozess, wo der Mensch anders werden muss.“

    Aber das heißt: Den Kampf für die Revolutionierung der sexuellen Verhältnissse heute zu beginnen – und sich nicht damit trösten, daß im Kommunismus vielleicht schon alles von alleine besser wird.

  8. 8 Zara 11. November 2010 um 12:23 Uhr

    @ TaP:

    „Was soll ‚kommunistischer Geschmack‘ sein? Boxershorts mit rotem Stern drauf? Nein, im Ernst: Ist jetzt PorNO oder PorYES feministischer Geschmack? Vor dreißig Jahren wurden Menschen aus der Szene rausgeschmissen, weil sie zugaben schon mal einen Porno gesehen zu haben, heute werden sie schief angeguckt, wenn sie noch keinen gesehen haben.“

    Vor dem Sommer 1914 war die ganze II. Internationale gegen Vaterlandsverteidigung; nach dem Sommer 1914 war fast die ganze II. Internationale dafür – auch nur eine Geschmacksfahne im Wind?

    Aber ist das nicht genau mein Argument: Soziale Bewegungen welcher Couleur auch immer bringen zu einer bestimmten Zeit bestimmte ideologische Moden und dem folgend bestimmte Geschmacksmoden auf. Als KommunistIn sollte man diese nicht mit der Theorie in eins setzen, sich bewußt machen, wie solche Hypes entstehen, dass sie die Konsequenz von bestimmten Machtkonstellationen* sind und sich selten stringent aus der ursprünglichen Theorie ableiten lassen. Deshalb sollte man sich von diesen aktuellen Hypes in etwas kritischer Distanz halten.

    Ansonsten es mag nicht für jedes Gebiet nur einen feministischen, kommunistischen usw. ‚Geschmack‘ geben – aber einige Praxen lassen sich eben doch von einem feministischen, kommunistischen usw. Standpunkt ausschließen.

    Ja, jetzt geht es in die richtige Richtung: ein kommunistischer oder feministischer Geschmack lässt sich wenn überhaupt ex negativo bestimmen. Aber auch dort rate ich, siehe PorYES versus PorNO, zu großer Vorsicht.

    „KommunistInnen sagen, die Verhältnisse sind dafür zu kritisieren, dass sie dieses Begehren und diese Begriffe hervorbringen, postmoderne Linke sagen, das Individuum ist für die Reproduktion dieser Verhältnisse zu kritisieren.“

    Ja, gut – aber wie willst Du die Verhältnisse ändern, wenn sich die Individuen nicht weigern, sie zu reproduzieren?

    Dafür müßten sie sie erstmal erkennen, d.h. der gesellschaftliche Verblendungszusammenhang müßte zerschlagen werden. Natürlich muss er so weit es geht offengelegt und aufgelöst werden. Wie es aber möglich sein soll ihn hic et nunc so aufzulösen, dass alle Menschen „sich weigern diese Verhältnisse zu reproduzieren“ ist mir schleierhaft. „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ hat mal ein schlauer Mensch geschrieben und ich habe das Gefühl, dass du und postmoderne Linke im Allgemeinen dieses Diktum nicht nachvollziehen wollen. Bevor Menschen in großer Anzahl ihr Bewußtsein komplett ändern muss eben erst ihr gesellschaftliches Sein ein anderes sein.

    „Revolution ist nicht ein kurzer Akt, wo mal irgendwas geschieht und dann ist alles anders. Revolution ist ein langer komplizierter Prozess, wo der Mensch anders werden muss.“

    Aber das heißt: Den Kampf für die Revolutionierung der sexuellen Verhältnissse heute zu beginnen – und sich nicht damit trösten, daß im Kommunismus vielleicht schon alles von alleine besser wird.

    Jein, die Revolutionierung der Sexualität als ein Vorscheinen des Kommunismus begreifen, als einen Schritt in diese Richtung, einen an dem man das Hier und Jetzt blamieren kann, aber nicht die Revolutionierung der Sexualität realpolitisch denken, als ein moralisches Diktum, das man der Gesellschaft vorhält.
    D.h. Kategorien wie hetero, lesbisch oder schwul zu überwinden und eine Sexualität jenseits der bürgerlichen Moral zu leben finde ich bedingungslos richtig. Wenn man es aber wendet und auch von der Gesellschaft ein solches Leben einfordert, dann begibt man sich auf die Ebene von Moral und damit in den Sumpf des linksliberalen Reformismus.

    *im Feminismus z.B. hat sich nach dem Ende des Staatssozialismus ein linker/linksliberaler Pomo-Feminismus gegen sozialistische FeministInnen durchgesetzt, nicht wegen der besseren oder schlaueren Theorie, sondern wegen dem Zeitgeist und so profanen Dingen wie der Besetzung von Lehrstühlen, mit der linksliberalen Antidiskriminierungs-Ideologie, die an den Gender-Lehrstühlen, wie hier an der HU, vertreten wird, gibt es Professorentitel, als VerteterIn einer Theorie, die die Abschaffung des Staates auf ihre Fahnen geschrieben hat, hat man es da doch etwas schwerer.

  9. 9 TaP 12. November 2010 um 10:49 Uhr

    @ Zara:

    „[TaP:] ‚Vor dem Sommer 1914 war die ganze II. Internationale gegen Vaterlandsverteidigung; nach dem Sommer 1914 war fast die ganze II. Internationale dafür – auch nur eine Geschmacksfahne im Wind?‘
    Aber ist das nicht genau mein Argument: Soziale Bewegungen welcher Couleur auch immer bringen zu einer bestimmten Zeit bestimmte ideologische Moden und dem folgend bestimmte Geschmacksmoden auf.“

    Ja, aber was ich fragen wollte war: Anhand welcher Kriterien unterscheidest Du die ‚wirklich wichtigen Fragen‘, wie die Vaterlandsverteidigung, von ‚bloße Geschmacksmoden‘, wie – Deines Erachtens – die Pornofrage.

    „Natürlich muss er so weit es geht offengelegt und aufgelöst werden. Wie es aber möglich sein soll ihn hic et nunc so aufzulösen, dass alle Menschen ’sich weigern diese Verhältnisse zu reproduzieren‘ ist mir schleierhaft. ‚Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.‘ hat mal ein schlauer Mensch geschrieben und ich habe das Gefühl, dass du und postmoderne Linke im Allgemeinen dieses Diktum nicht nachvollziehen wollen.“

    „Alle“ hat ja niemandE gesagt. Es müssen halt einige anfangen und für ihre Position kämpfen.
    Und die wirkliche Differenz scheint mir nicht beim Verhältnis von Sein und Bewußtsein zu liegen:
    1. Lenins These „Ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis“ dürfte sicherlich keine Revision von Marx‘ Materialismus sein. Denn auch die revolutionäre Theorie ist ein Produkt der bestehenden – widersprüchlichen – Verhältnissen. Weil die Verhältnisse widersprüchlich (und nicht homogen) sind, sind Störungen der Reproduktion der bestehenden Verhältnisse immer möglich.
    2. Zum zweiten geht es bei derartigen ‚Geschmacksfragen‘ ohnehin nicht (nur) um Fragen des rein, transparenten Bewußtseins, das unseren geschätzten Freunden vom Gegenstandpunkt so am Herzen liegt1, sondern es geht immer auch – um nur teilweise bewußte – Prozesse der kollektiven Identifikation:
    „Jede politische Bewegung geht notwendigerweise immer auch mit bestimmten kulturellen Artikulationen einher: Das galt für die aufstrebende Bourgeoisie, die sich auch auf kultureller Ebene vom Adel absetzte, teils aber auch Assimilation anstrebte; das galt für die – heute weitgehend aufgelöste – Arbeiter(Innen)bildungs-, Sport- usw. bewegung, das galt für die kulturellen Formen der 68erInnen, für die lila Latzhose, für die autonome Hassi – und es gilt auch für die androgyne Kurzhaar-Lesbe.
    An allen Beispielsfällen läßt sich sicherlich auch immer etwas kritisieren und häufig auch die Frage aufwerfen, inwieweit das kulturelle Symbole die politische Botschaft unterstützt oder aber ersetzt; also die Frage, ob wir es mit einer Politisierung von Kultur oder einer Kulturalisierung von Politik zu tun.“
    (http://maedchenblog.blogsport.de/2010/07/28/homonormativity/#comment-43817 sowie dort und dort).

    1. http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/09/06/8-fehler-des-antidemokratischen-gegenstandpunkt-gsp-sorry-ada/ und http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/09/15/warum-ideologie-kein-notwendig-falsches-bewusstsein-ist-und-aus-einer-erkenntnis-nicht-automatisch-eine-bestimmte-politische-haltung-folgt/. [zurück]
  10. 10 Zara 13. November 2010 um 20:13 Uhr

    @ Zara:

    „[TaP:] ‚Vor dem Sommer 1914 war die ganze II. Internationale gegen Vaterlandsverteidigung; nach dem Sommer 1914 war fast die ganze II. Internationale dafür – auch nur eine Geschmacksfahne im Wind?‘
    Aber ist das nicht genau mein Argument: Soziale Bewegungen welcher Couleur auch immer bringen zu einer bestimmten Zeit bestimmte ideologische Moden und dem folgend bestimmte Geschmacksmoden auf.“

    Ja, aber was ich fragen wollte war: Anhand welcher Kriterien unterscheidest Du die ‚wirklich wichtigen Fragen‘, wie die Vaterlandsverteidigung, von ‚bloße Geschmacksmoden‘, wie – Deines Erachtens – die Pornofrage.

    Ich weiß an dieser Stelle nicht, ob ich dich oder du mich falsch verstehst. Ich mache im Grunde keinen Unterschied zwischen der Pornofrage oder der Kriegsfrage. Beides sind Moden, moralische Fragen, wo sich die Antwort nur begrenzt aus der Theorie ableiten lässt. Marx war nicht gegen Krieg. Wohl deshalb weil er, im Gegensatz fast allen, die nach ihm kamen einen analytischen und keinen moralischen Blick hatte. Aus Marxistischer Perspektive wäre es sogar nicht abwegig gewesen den 1. Weltkrieg zu begrüßen in der Hoffnung auf die „Umwandlung des imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg“(Lenin, 1915).
    Mir geht es konkret darum sich nicht zum Exekutor der gerade aktuellen linken Mode zu machen, sondern der Frage nachzugehen, wie wir dahin kommen können diese Verhältnisse zu überwinden und dies wird ohne eine kritische Distanz zu den aktuellen Hypes und eine Reflexion eben dieser nicht möglich sein.

    „Natürlich muss er so weit es geht offengelegt und aufgelöst werden. Wie es aber möglich sein soll ihn hic et nunc so aufzulösen, dass alle Menschen ’sich weigern diese Verhältnisse zu reproduzieren‘ ist mir schleierhaft. ‚Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.‘ hat mal ein schlauer Mensch geschrieben und ich habe das Gefühl, dass du und postmoderne Linke im Allgemeinen dieses Diktum nicht nachvollziehen wollen.“

    „Alle“ hat ja niemandE gesagt. Es müssen halt einige anfangen und für ihre Position kämpfen.

    Diese Positionen, individuell sich Weigern die Verhältnisse zu reproduzieren, sind nur eben keine über das Bestehende hinausweisende. Das macht sie nicht falsch, es sind nur keine kommunistischen, sondern linkspolitische, die der Kapitalismus in sich aufsaugen wird, sich also entsprechend wandeln wird. Dann haben wir vielleicht alle ein netteres Leben, mit schönerem Sex und besseren Pornos, nur sind wir dann vom Kommunismus exakt so weit entfernt wie vorher auch. Nicht, dass ich gerne ein netteres Leben hätte und deswegen finde ich es auch nicht falsch, mich stört nur, wenn so ein individuelles, anarchistisches Weigern und sei es auch das Weigern einer ganzen Subkultur mit Attributen wie kommunistisch belegt wird.

    Und die wirkliche Differenz scheint mir nicht beim Verhältnis von Sein und Bewußtsein zu liegen:
    1. Lenins These „Ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis“ dürfte sicherlich keine Revision von Marx‘ Materialismus sein. Denn auch die revolutionäre Theorie ist ein Produkt der bestehenden – widersprüchlichen – Verhältnissen. Weil die Verhältnisse widersprüchlich (und nicht homogen) sind, sind Störungen der Reproduktion der bestehenden Verhältnisse immer möglich.

    Ja, aber was bringen Störungen der Reproduktion der bestehenden Verhältnisse? Das ist ja kein Wert an sich. Ich möchte darauf hinaus, dass dein Durchsetzen des aktuellen linken Geschmacks oder Zeitgeist zwar den Kapitalismus verändert, er passt sich entsprechend an, bzw. übernimmt die linken Positionen, die bei dem Stand der Produktivkräfte von Nutzen sind, dies aber nichts weiter ändert. Das heißt, eine Störung der Reproduktion dieser Verhältnisse führt zu einer(manchmal auch wünschenswerten) Änderung der Reproduktion, nicht aber zu deren Ende.

    2. Zum zweiten geht es bei derartigen ‚Geschmacksfragen‘ ohnehin nicht (nur) um Fragen des rein, transparenten Bewußtseins, das unseren geschätzten Freunden vom Gegenstandpunkt so am Herzen liegt1, sondern es geht immer auch – um nur teilweise bewußte – Prozesse der kollektiven Identifikation:
    „Jede politische Bewegung geht notwendigerweise immer auch mit bestimmten kulturellen Artikulationen einher: Das galt für die aufstrebende Bourgeoisie, die sich auch auf kultureller Ebene vom Adel absetzte, teils aber auch Assimilation anstrebte; das galt für die – heute weitgehend aufgelöste – Arbeiter(Innen)bildungs-, Sport- usw. bewegung, das galt für die kulturellen Formen der 68erInnen, für die lila Latzhose, für die autonome Hassi – und es gilt auch für die androgyne Kurzhaar-Lesbe.
    An allen Beispielsfällen läßt sich sicherlich auch immer etwas kritisieren und häufig auch die Frage aufwerfen, inwieweit das kulturelle Symbole die politische Botschaft unterstützt oder aber ersetzt; also die Frage, ob wir es mit einer Politisierung von Kultur oder einer Kulturalisierung von Politik zu tun.“

    Die Frage ist, ob eine solche Identitätspolitik nicht eher ein Problem als die Lösung ist. Was nutzt eine Bewegung, die sich überhaupt nicht mehr anschickt der Frage, wie denn alles anders werden kann, ernsthaft nachzugehen und sich dafür umso mehr über Identifikationssymbole definiert? Bringen uns Staat-Kapital-Scheiße Aufkleber oder eine Kurzhaarfrisur irgendwas näher? Im Übrigen schätze ich Gegenstandpunktler so gar nicht.

  11. 11 TaP 17. Mai 2011 um 11:47 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


zwei + = elf