Archiv für Juli 2010

Kaia Wilson (Ex-Team Dresch) in Berlin, Hamburg, Bremen und Bonn

West Germany (Skalitzerstr. 133): Konzert/Party
La Moustache präsentiert: „Kaia Wilson“ (Frontfrau von Team Dresch & The Butchies) und „Scream Club“ (Queer Electro Pop Dance) plus DJ IF. Eintritt: Spende.

(Quelle: http://stressfaktor.squat.net/termine.php?tag=24072010; link hinzugefügt)

(Quelle: http://www.feministinnen.de/viewtopic.php?f=17&t=1948)

Weitere Konzert-Termine:

24.07. Berlin, West Germany
25.07. Berlin, Secret Garden Picknick
26.07. Hamburg, Störtebeker
27.07. Bremen, Neuland
28.07. Bonn, Kult 41

(Quelle: http://www.lamoustache.org/tmp/webflyer.jpg)

Vgl. auch:
We Hate The Christian Right. Girlism jenseits von MTV [Interview mit Jody Coyote von Team Dresch über ihre Musik und die Riot-Grrrl-Bewegung in den USA]

Doku-Serie: Revolutionärer Feminismus – Teil II

Auch den folgenden Text habe ich in letzter Zeit mehrfach zitiert (1 und 2). Es handelt sich um das Selbstinterview der feministischen Stadtguerilla-Gruppe Rote Zora, das im Juni 1984 von der Emma veröffentlicht wurde.

Die digitale Fassung wurde von der Seite

http://www.freilassung.de/div/texte/rz/zorn/Zorn50.htm,

die auf folgendem Buch beruht, übernommen:

ID-Archiv im IISG/Amsterdam (Hg.)
Die Früchte des Zorns
Texte und Materialien zur Geschichte der Revolutionären Zellen und der Roten Zora
Edition ID-Archiv: Berlin, 1993, S. 598 – 605.

Gegenüber der benutzten digitalen Fassung wurde die kursiv-Setzung der Fragen, wie sie im Buch besteht, wiederhergestellt. „Frage“, „Zora 1″ usw. ist in Übereinstimmung mit der benutzten digitalen Fassung und abweichend vom Buch fett gesetzt.
Im übrigen habe ich in die vorliegende digitale Fassung in eckigen Klammern eine Konkordanz zu den Seiten der gedruckten Ausgabe eingefügt (= die Zahlen zwischen eckigen Klammern), ansonsten aber darauf verzichtet, die digitale Fassung im Detail mit der gedruckten zu vergleichen; zufällig aufgefallene scan-Fehler wurden aber korrigiert. – Die begriffserklärenden FN stammen vom Herausgeber (ID-Archiv) der gedruckten Ausgabe.
Auf S. 5 der hiesigen Datei (= S. 602 des Buches) habe ich „Verantworlichen“ in „Verantwortlichen“ korrigiert.
Hinweise auf weitere korrekturbedürftige Stellen nehme ich dankbar entgegen.1

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Für das Recht auf Lostrennung, aber nicht unbedingt für dessen Ausübung

Im Nachgang zur küzlichen Nationalismus/Antiimperialismus-Diskussion – und in doppelter Abgrenzung sowohl gegen klassenunspezifisch-antiimperialistische Vereinnamung* Lenins als auch gegen antinationale Kritik an Lenin (workshop 3) – folgt hier noch ein Nachtrag in Form eines Auszuges aus einem älteren Text, den ich gerade online gestellt habe.

* „In der imperialistischen Phase des Kapitalismus findet der nationale Klassenkampf seine internationale Entsprechung im antagonistischen Konflikt zwischen Unterdrücker- und unterdrückten Nationen. Den Nationalismus der unterdrückten Nationen betrachtete Lenin als tendenziell fortschrittlich, den der Unterdrücker-Nationen als ausschließlich reaktionär.“ (Werner Pirker) Die gesellschaftlichen Widersprüche innerhalb der verschiedenen Nationen, insb. der „unterdrückten Nationen“, verschwindet und die „unterdrückten Nationen“ werden schlicht zur ‚Entsprechung‘ der ArbeiterInnenklasse erklärt. Aber genau dies war Lenins Position nicht.

Nationale Befreiung oder feministisch-kommunistische Revolution?

Es geht darum, im Rahmen einer revolutionären Strategie handlungsfähig zu werden. Dafür ist es zwar einerseits keinesfalls geboten, die politischen Positionen der PKK1 zu übernehmen.

RevolutionärInnen haben zwar den türkischen Kolonialismus und dessen Unterstützung durch die BRD anzugreifen, bis hin zur Verteidigung des Rechts der KurdInnen auf Lostrennung von Türkei. Dies ist aber «in der Hauptsache eine negative Aufgabe»2, die in der Kritik von Kolonialismus und Imperialismus besteht. Eine positive Stellungnahme zur kurdischen (oder irgendeiner anderen, insbesondere deutschen) Nation kann aber nicht die Aufgabe der RevolutionärInnen sein: Denn «der Nationalstaat [ist] für die kapitalistische Periode das Typische, das Normale»3.


Lenin gegen den Nationalismus

«In jeder Nation gibt es […] eine bürgerliche (und in den meisten Fällen noch dazu eine erzreaktionäre und klerikale) Kultur, und zwar nicht nur in Form von ‘Elementen’, sondern als herrschende Kultur. Deshalb ist die ‘nationale Kultur’ schlechthin die Kultur der Gutsbesitzer, der Pfaffen, der Bourgeoisie. [… Wir] entnehmen […] jeder nationalen Kultur nur ihre […] sozialistischen Elemente; entnehmen sie nur und unbedingt als Gegengewicht zur bürgerlichen Kultur, zum bürgerlichen Nationalismus jeder Nation.»4
RevolutionärInnen dürfen nicht die «Losung der nationalen Kultur» aufstellen, sondern müssen «im Gegensatz zu ihr in allen Sprachen […] die Losung des Internationalismus […] propagieren»5.


Sie propagieren nicht die nationale Abgrenzung, sondern die gemeinsame Organisierung aller RevolutionärInnen innerhalb der jeweils gegebenen (staatlichen) Gebietskörperschaften sowie die Überwindung der nationalen Unterschiede im weltrevolutionären Prozeß.6 (Beides schließt nicht aus [sondern sollte vielmehr einschließen], daß sich die Angehörige spezifisch unterdrückter und ausgebeuteter Gruppen zusätzlich gesondert gegen eine – anderenfalls zu erwartene – Reproduktion dieser Unterdrückungsformen in der revolutionären Bewegung organisieren.).

Die Ausübung des Rechts auf nationale Lostrennung wird für RevolutionärInnen nur unter zwei Voraussetzung7 zur eigenen Losung:

1. Die RevolutionärInnen sind zu schwach (bzw. die Pseudo-RevolutionärInnen sind nicht willens), sämtliche Unterdrückung (einschließlich der nationalen) innerhalb der gegebenen Staatsgrenzen zu überwinden. (Diese Voraussetzung ist in der Türkei/Kurdistan zweifelsohne gegeben).

2. Gleichzeitig hat sich innerhalb der national unterdrückten Gebiete eine starke nationalistische (und das heißt immer: bürgerliche) Bewegung herausgebildet, die gute Erfolgsaussichten hat, zumindest diese Unterdrückung zu beseitigen. (Dies – aber auch nicht mehr – ist in Form der PKK in türkisch Kurdistan ebenfalls gegeben.)

Aber auch in diesem Fall dürfen sich die RevolutionärInnen weder organisatorisch noch politisch den (bürgerlichen) NationalistInnen unterordnen, sondern müssen den Kampf für ihre weitergehenden Ziele fortsetzen.

Andererseits dürfen die – sich aus dieser Position ergebenen – Differenzen zur Politik der PKK aber auch nicht zum Alibi für Nicht-Verhalten werden: «Wichtig ist, die Unterschiede wahrzunehmen […], aber genauso wichtig ist es, aus den die HERRschaft stärkenden Abgrenzungen auszubrechen und ein kämpferisches Miteinander zu entwickeln, das die Durchsetzung alter und neuer patriarchaler Macht und kapitalistischer Verwertungsziele behindert, wo immer wir es schaffen. Unsere Hoffnung auf Frauenbefreiung und unsere Vorstellung von Kommunismus […] kann als Tendenz nur dann sicht- und lebbar werden, wenn wir unsere von einander abgegrenzten und gegeneinander ausspielbaren […U]nterdrückungen und unsere unterschiedlichen Strategien dagegen in eine Kraft vernetzter Widerstandsstrukturen umwandeln.»8

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Doku-Serie: Revolutionärer Feminismus – Teil I

Aus zwei aktuellen Anlässen habe ich ein Papier herausgesucht, das 1992 in der interim. Wöchentliches Berlin-Info erschienen war: Das Papier von „frauen […] aus verschiedenen politischen bereichen“, das in der interim Nr. 184/185 v. 19.03.1992 unter der Überschrift „Zur Politik der Frauen aus dem Antirassistischen Zentrum und grundsätzliche Überlegungen zur antirassistischen Politik“ erschienen war.
Das „Antirassistische Zentrum“ waren Räume der Technischen Universität Berlin (TU), die von v.a. weißen UnterstützerInnen ‚für‘ Flüchtlinge besetzt wurden.
Der Text enthält sicherlich, auch abgesehen vom konkreten Anlaß, einige zeitbedingte Formulierungen. Der Widerspurch zwischen S. II, linke Sp. (affirmative Rede über „unser spezifisch weibliches vermögen“, wenn auch im Rahmen eines Zitates) und S. II rechte Sp. (Kritik an „tendenzen wie ‚neue innerlichkeit‘, ‚mütterlichkeit‘“) fiel aber schon damals auf.
Trotzdem erscheint mir der Text auch heute noch lesenswert. Besonders angetan hatte es mir schon damals folgender Spiegelstrich aus der Kritik der Autorinnen auf S. IV ihres Textes:
„– autonome politik als ‚lückenfüller‘ für funktionen, die kirchen, parteien, humanitäre kräfte nicht mehr besetzen, als autonome sozialarbeiterInnen und lagerverwalterInnen.“
Hat sich daran seitdem wieder etwas geändert? Oder ist die inhaltliche Grundlage der (ehemals) linksradikalen Abgrenzung von reformistischen Parteien und Institutionen – auch in anderen Bereichen als dem antirassistischer Politik – noch dünner geworden und diese also noch mehr als schon früher zu einer kulturalistischen Geste geworden? (Vgl. zu dieser grundsätzlichen Frage auch noch diese Doku und – als aktuelles Beispiel – meine dort [Abschnitt 2. und am Ende] und dort eingestreuten kritischen Anmerkungen zu den Redebeiträge beim diesjährigen transgenialen CSD [tCSD].)

Hier eine .pdf-Bilddatei des dokumentierten Artikels.

PS.: Im Vorwort der interim (S. 2) hieß es damals: „Das Frauenpapier zum Antirassistischen Zentrm ist von den Verfasserinnen für die Interim gekürzt worden. Die ausführliche Version wird demnächst für Frauen (wahrscheinlich) in der AMAZORA) zu finden sein“. Ob es zu dieser angekündigten, weiteren Veröffentlichung damals tatsächlich gekommen war, ist mir nicht bekannt.

Anscheinend Dank Judith Butler…


„Theorie als Praxis“ unter den TOP 20 der deutschen Wissenschafts-blogs

Quelle: http://www.scienceblogs.de/neurons/2010/07/wissenschaftsblogranking-juni-2010.php.

Intersektionalität und Gesellschaftstheorie


Theoretische Nachbemerkungen zur CSD/Rassismus-Debatte und zugleich notwendige politische Anmerkungen zum diesjährigen transgenialen CSD

Zara wies in einem Kommentar zu meinem Beitrag „Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD“ auf den Text von Tove Soiland „Die Verhältnisse gingen und die Kategorien kamen. Intersectionality oder Vom Unbehagen an der amerikanischen Theorie“ in der feministischen internet-Zeitschrift querelles-net Nr. 26 aus dem Jahr 2008 hin.

Ich finde den Text auch sehr gut:

1. Ich teile den Eindruck, daß auch der Intersektionalitätsansatz letztlich zu einer bloß additiven Sichtweise tendiert:

„Die Kategorien kritischer Gesellschaftstheorie zeichnen sich […] dadurch aus, dass sie komplexe Mechaniken gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion bezeichnen; sie bezeichnen nicht oder nicht in erster Linie Gruppen. Und dies verweist zurück auf das Problem, dass die Forderung nach intersektionellen Analysen in einem Diskriminierungsdiskurs beheimatet ist. Kategorien, die für das Problem von Diskriminierung in Frage kommen, sind nun aber nicht per se auch solche, die maßgeblich an der Organisation gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion beteiligt resp. für diese zentral sind. Es geht [bei intersektionalen Analysen, TaP], wie Dietze et al. (2007, S. 10) zu Recht formulieren, um ‚Kategorien der Benachteiligung‘, die weniger komplexe Mechanismen gesellschaftlicher Organisation als die Zuschreibung ‚realer‘ oder vorgestellter Merkmale und die damit verbundenen Vorurteile bezeichnen. So ist denn auch selbstverständlich die Anzahl der Gründe, die zu einer Benachteiligung Anlass geben, in der Tendenz offen (Degele/Winker 2007, S. 11) und macht es – im Bereich der Antidiskriminierung – Sinn, nach diesen zu fragen.“

Damit sind wir dann wieder bei der Logik der Aufzählungen: Es werden ‚Benachteiligungen‘ aufgelistet und deren Gründe aufgezählt – und im Zweifelsfall hilft ein „usw.“ weiter.
Mit der Länge der Liste ist aber zur Adäquatheit der Analyse der Gründe und der darauf aufgebauten politischen Strategie noch nichts gesagt.1
Die politische Konsequenz der Aufzählungslogik ist, daß im Berliner CSD/Rassismus-Streit beide Seiten Opferkonkurrenz betreiben und sich gegenseitig vorwerfen: Judith Butler und die Gruppen, die sie – anschneinend mit ziemlich wenig konkreten Informationen (vgl. 1 und 2 [am Anfang]) – brieften, werfen dem CSD eine Vernachlässigung des Kampfes gegen Rassismus vor oder sogar dessen Komplize zu sein. Die andere Seite kontert mit dem Vorwurf der Vernachlässigung des Kampfes gegen Antisemitismus2, und der Kampf gegen Transphobie und Intersexuellenphobie wird von beiden Seiten beansprucht3. Nur am Feminismus scheinen beide Seiten gleichermaßen wenig Interesse zu haben.

2. Ich teile den Eindruck, daß es in Intersektionalitäts-Studien eine Vernachlässigung von Gesellschaftstheorie gibt. Es wird eher auf (quantifizierbare) Effekte geguckt als auf strukturelle Ursachen (auch wenn der Anspruch teilweise ein anderer ist):

„Es scheint, und dies ist für mich der eigentliche Grund, warum Erkenntnisse aus dem Feld der Antidiskriminierung nicht tel quel auf Fragen der Gesellschaftstheorie übertragen werden können, dass mit dem Wort ‚Kategorie‘ zwei Dinge zugleich benannt werden, die kategorial gesehen nicht auf derselben Ebene liegen. So kann die beschreibende Soziologie Interferenzen denken, weil sie diese als Merkmale konzipiert. Umgekehrt kann die Forderung, komplexe Dynamiken gesellschaftlicher Produktion und Reproduktion interferent zu denken, erhebliche Schwierigkeiten bereiten und ist auch nicht in jedem Fall sinnvoll resp. kann nur eingelöst werden, wenn diese Dynamiken wiederum auf ‚Merkmale‘ einer Gruppenzugehörigkeit reduziert werden.“

Beide von Tove Soiland gemeinten Seiten beanspruchen über Kategorien zu reden, worunter die einen aber beschreibende Merkmale verstehen und die anderen analytisch-erklärende Begriffe4. – Die wissenschaftliche Konsequenz davon, sich mit Merkmalen zu bescheiden (statt Begriffe zu erarbeiten), wird von Tove Soiland klar ausgesprochen:

„Das eigentliche Untersuchungsobjekt sind damit nicht die Mechanismen der Segregation, sondern deren Effekte und daran anschließend die Frage, wie Gruppen zu konzeptualisieren sind, um genügend komplex, das heißt, den realen soziologischen Gegebenheiten angemessen zu sein.“ (Hv. d. TaP).

Und die politische Konsequenz des Guckens auf Effekte und der Aufzählungs-Logik, die diese beim transgenialen CSD hatten, hat die taz, wenn auch nicht aus inhaltlichem Interesse an revolutionärer Politik, sondern allein aus Häme-Gründen treffend auf den Punkt gebracht:

„Das Politische kam wahrlich nicht zu kurz, verursachte aber vielen Teilnehmern aufgrund der leider nicht kommerziellen Lautsprecheranlage Kopfschmerzen. Die Verlesung der Traktate kam so mitunter nur als Hintergrundkakophonie an: ‚Ismus…istisch…Ismus‘. Bei näherem Hinhören jedoch unterschieden sich die Forderungen nicht wirklich von jenen, die auch auf den großen CSDs gestellt werden. Etwa dem Aufruf zu Solidarität mit Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender in Osteuropa und in der ganzen Welt und zur Bekämpfung von Homophobie – plus einer Extraportion Antirassismus und Kapitalismuskritik.“

Weil auch der tCSD keine Begriffe von Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat hat, wird vermeinliche Radikalität über die Länge von Aufzählungen, das Pathos von Adjektiven und sich überschlagender Stimmen sowie die moralisierende Kritik böser Absichten und strategielose „sofort“-Forderungen („Für die sofortige Abschaffung des heteronormativen Zweigeschlechtersystems!“ [Autotrans]) ‚hergestellt‘. So wurde etwa in der Manier linksparteilicher und gewerkschaftlicher verkürzter Kapitalismus-Kritik gepoltert: (mehr…)

Kommunismus ohne Prophetie

[Dieser Text als .pdf-Datei]


Ein Nachtrag zum Kongreß „Die Idee des Kommunismus“ in der Volksbühne in Berlin1

„Hinter diesen Ausdrücken [‚gesamtheitlich’, ‚das Umfassende’, ‚die Allgemeinheit’ und ‚das allgemeine Moment’] […] scheint mir die Vorstellung zu stehen, daß die Marxsche Theorie fähig sei, die Gesamtheit des Prozesses, der vom Kapitalismus zum Kommunismus führen wird, zu ‚umfassen’ (d’englober), während sie tatsächlich nur die widersprüchlichen Tendenzen, die im gegenwärtigen Prozeß wirken, angibt. Einmal befreit von dem prophetischen Zug, den seinen Jugendwerken und utopischen Sozialismus anhaftet […], denkt Marx den Kommunismus als eine in der kapitalistischen Gesellschaft angelegte Entwicklungstendenz. […]. Sie existiert bereits konkret, in den ‚Zwischenräumen der kapitalistischen Gesellschaft’ (interstices de la société capitaliste) (ein wenig so wie der Warenhandel ‚in den Zwischenräumen’ der Sklavenhalter- oder feudalen Gesellschaft existierte); […]. Ich glaube, daß die Marxsche Theorie ‚endlich’ und begrenzt ist (‚finie’ et limitée). […]. Zu sagen, daß sie begrenzt ist, heißt im wesentlichen, daß die Marxsche Theorie etwas anderes ist als eine Geschichtsphilosophie, die im eigentliche Sinne, die Zukunft der Menschheit ‚umfassen’ (englober) würde und also fähig wäre, von vornherein den Begriff des Kommunismus positiv zu definieren. […].
Mir scheint, daß es in der Problemstellung der italienischen Diskussionen einen Zusammenhang gibt zwischen den Begriffen der ‚società politica’, des Staates und der Verwendungsweise der ‚Allgemeinheit’ als Gegenteil der ‚Privatheit’, […]. Ich glaube, daß diese Sammlung von Begriffen, die untereinander zusammenhängen, […] auf das bürgerliche Politikverständnis und die dahinterstehende Ideologie verweist, ob nun auf den latenten Idealismus einer ‚Universalität des Staates’, der ‚das Universelle’ realisiert, oder einer ‚Allgemeinheit’ einer endlich von Ausbeutung, Arbeitsteilung und Unterdrückung (‚Führer/Geführte’) befreiten Menschheit, den Marx lange Zeit mitschleppt, in seinen Jugendschriften, wo er ihn von Feuerbach erbt, aber selbst danach noch: Im Grunde liegt das menschliche Wesen im Staat, der dessen Universalität in entfremdeter Form ausdrückt; es genügt also, das zu erkennen und sodann eine gute ‚Universalität’ in nicht entfremdeter Form zu verwirklichen. Am Ende dieses Weges steht der Reformismus. Das ist nun der Punkt, der mir wesentlich erscheint: Daß der Klassenkampf (der bürgerliche und der proletarische) um die Staatsmacht geführt wird (hic et nunc), heißt keineswegs, daß man die Politik in Bezug auf den Staat definieren muß. […].“ (42 f., 44 f.)
„Es [Ein idealistisches Kommunismusbild] kann messianische Illusionen nähren, […]; es kann sie [die Formen des Handelns] vom praktischen Materialismus der ‚konkreten Analyse der konkreten Situation’ wegführen; es kann die leere Vorstellung einer ‚Universalität’ unterstützen, die sich in zweideutigen Ersatzformeln ausdrückt, wie dem ‚allgemeinen Moment’, wo eine gewisse ‚Gemeinsamkeiten’ allgemeiner Interessen befriedigt werden muß, als grobe Skizze dessen, was eines Tages die Universalität eines wahren ‚Gesellschaftsvertrages’ in einer ‚geregelten Gesellschaft’ (Gramsci) sein könnte.“ (50).
„Auch wenn diese Gesellschaft endlich vom Staat befreit ist, kann man doch nicht sagen, daß sie das Ende der Politik bringen wird“ (50).
(Louis Althusser, Der Marxismus als eine endliche Theorie, in: ders. u.a., Den Staat diskutieren. Kontroversen über eine These von Althusser hrsg. von Elmar Altvater / Otto Kallscheuer, Ästhetik und Kommunikation: [West]berlin, 1979, 42 – 52 (zuerst auf Ital. zwischen April und Sept. 1978 in der Tageszeitung il manifesto und dann in: Discutere lo Stato. Posizioni a confronto su una tesi di Louis Althusser. Bari, 1978 erschienen).

Ergänzende Anmerkungen: (mehr…)

Doku: Redebeitrag von Tauwetter beim transgenialen CSD

Ich dokumentiere hier einen der zwei Redebeiträge beim transgenialen CSD vom letzten Wochenende, in dem die Wörter „Patriarchat“ oder „patriarchal“ vorkamen. Die Wörter „Feminismus“ und „feministisch“ kamen gar nicht vor; auch das Wort „Geschlecht“ und die von ihm abgeleiteten Formen wurden nahezu ausschließlich für eine Kritik an Transphobie verwendet. Es lebe der autonome Postfeminismus? Aber nein: einmal kam das Wort „sexistisch“ vor. – Entsprechend sah schon der tCSD-Demo-Aufruf aus (Absatz 2 nach Zitat 2). (mehr…)