Archiv für Juli 2010

Kaia Wilson (Ex-Team Dresch) in Berlin, Hamburg, Bremen und Bonn

West Ger­many (Ska­lit­zer­str. 133): Konzert/​Party
La Mou­sta­che prä­sen­tiert: „Kaia Wil­son“ (Front­frau von Team Dresch & The But­chies) und „Scream Club“ (Queer Elec­tro Pop Dance) plus DJ IF. Ein­tritt: Spende.

(Quelle: http://​stress​fak​tor​.squat​.net/​t​e​r​m​i​n​e​.​p​h​p​?​t​a​g​=​2​4​0​72010; link hin­zu­ge­fügt)

(Quelle: http://​www​.femi​nis​tin​nen​.de/​v​i​e​w​t​o​p​i​c​.​p​h​p​?​f​=​1​7​&​a​m​p​;​t​=1948)

Wei­tere Konzert-​​Termine:

24.07. Ber­lin, West Ger­many
25.07. Ber­lin, Secret Gar­den Pick­nick
26.07. Ham­burg, Stör­te­be­ker
27.07. Bre­men, Neu­land
28.07. Bonn, Kult 41

(Quelle: http://​www​.lamou​sta​che​.org/​t​m​p​/​w​e​b​f​l​y​e​r.jpg)

Vgl. auch:
We Hate The Chris­tian Right. Gir­lism jen­seits von MTV [Inter­view mit Jody Coyote von Team Dresch über ihre Musik und die Riot-​​Grrrl-​​Bewegung in den USA]

Doku-Serie: Revolutionärer Feminismus – Teil II

Auch den fol­gen­den Text habe ich in letz­ter Zeit mehr­fach zitiert (1 und 2). Es han­delt sich um das Selbst­in­ter­view der femi­nis­ti­schen Stadtguerilla-​​Gruppe Rote Zora, das im Juni 1984 von der Emma ver­öf­fent­licht wurde.

Die digi­tale Fas­sung wurde von der Seite

http://​www​.frei​las​sung​.de/​d​i​v​/​t​e​x​t​e​/​r​z​/​z​o​r​n​/​Z​o​r​n​5​0.htm,

die auf fol­gen­dem Buch beruht, über­nom­men:

ID-​​Archiv im IISG/​Amsterdam (Hg.)
Die Früchte des Zorns
Texte und Mate­ria­lien zur Geschichte der Revo­lu­tio­nä­ren Zel­len und der Roten Zora
Edi­tion ID-​​Archiv: Ber­lin, 1993, S. 598 – 605.

Gegen­über der benutz­ten digi­ta­len Fas­sung wurde die kursiv-​​Setzung der Fra­gen, wie sie im Buch besteht, wie­der­her­ge­stellt. „Frage“, „Zora 1″ usw. ist in Überein­stim­mung mit der benutz­ten digi­ta­len Fas­sung und abwei­chend vom Buch fett gesetzt.
Im übri­gen habe ich in die vor­lie­gende digi­tale Fas­sung in ecki­gen Klam­mern eine Kon­kor­danz zu den Sei­ten der gedruck­ten Aus­gabe ein­ge­fügt (= die Zah­len zwi­schen ecki­gen Klam­mern), ansons­ten aber dar­auf ver­zich­tet, die digi­tale Fas­sung im Detail mit der gedruck­ten zu ver­glei­chen; zufäl­lig auf­ge­fal­lene scan-Feh­ler wur­den aber kor­ri­giert. – Die begriffs­er­klä­ren­den FN stam­men vom Her­aus­ge­ber (ID-​​Archiv) der gedruck­ten Aus­gabe.
Auf S. 5 der hie­si­gen Datei (= S. 602 des Buches) habe ich „Ver­ant­wor­li­chen“ in „Ver­ant­wortlichen“ kor­ri­giert.
Hin­weise auf wei­tere kor­rek­tur­be­dürf­tige Stel­len nehme ich dank­bar ent­ge­gen.1

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Für das Recht auf Lostrennung, aber nicht unbedingt für dessen Ausübung

Im Nach­gang zur kürz­li­chen Nationalismus/​Antiimperialismus-​​Diskussion – und in dop­pel­ter Abgren­zung sowohl gegen klassenunspezifisch-​​antiimperialistische Ver­ein­na­mung* Lenins als auch gegen anti­na­tio­nale Kri­tik an Lenin (work­shop 3) – folgt hier noch ein Nach­trag in Form eines Aus­zu­ges aus einem älte­ren Text, den ich gerade online gestellt habe.

* „In der impe­ria­lis­ti­schen Phase des Kapi­ta­lis­mus fin­det der natio­nale Klas­sen­kampf seine inter­na­tio­nale Ent­spre­chung im ant­ago­nis­ti­schen Kon­flikt zwi­schen Unterdrücker-​​ und unter­drück­ten Natio­nen. Den Natio­na­lis­mus der unter­drück­ten Natio­nen betrach­tete Lenin als ten­den­zi­ell fort­schritt­lich, den der Unterdrücker-​​Nationen als aus­schließ­lich reak­tio­när.“ (Wer­ner Pir­ker) Die gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che inner­halb der ver­schie­de­nen Natio­nen, insb. der „unter­drück­ten Natio­nen“, ver­schwin­det und die „unter­drück­ten Natio­nen“ wer­den schlicht zur ‚Ent­spre­chung‘ der Arbei­te­rIn­nen­klasse erklärt. Aber genau dies war Lenins Posi­tion nicht.

Natio­nale Befrei­ung oder feministisch-​​kommunistische Revo­lu­tion?

Es geht darum, im Rah­men einer revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie hand­lungs­fä­hig zu wer­den. Dafür ist es zwar einer­seits kei­nes­falls gebo­ten, die poli­ti­schen Posi­tio­nen der PKK1 zu über­neh­men.

Revo­lu­tio­nä­rIn­nen haben zwar den tür­ki­schen Kolo­nia­lis­mus und des­sen Unter­stüt­zung durch die BRD anzu­grei­fen, bis hin zur Ver­tei­di­gung des Rechts der Kur­dIn­nen auf Los­tren­nung von Tür­kei. Dies ist aber «in der Haupt­sa­che eine nega­tive Auf­gabe»2, die in der Kri­tik von Kolo­nia­lis­mus und Impe­ria­lis­mus besteht. Eine posi­tive Stel­lung­nahme zur kur­di­schen (oder irgend­ei­ner ande­ren, ins­be­son­dere deut­schen) Nation kann aber nicht die Auf­gabe der Revo­lu­tio­nä­rIn­nen sein: Denn «der Natio­nal­staat [ist] für die kapi­ta­lis­ti­sche Periode das Typi­sche, das Nor­male»3.


Lenin gegen den Natio­na­lis­mus

«In jeder Nation gibt es […] eine bür­ger­li­che (und in den meis­ten Fäl­len noch dazu eine erz­re­ak­tio­näre und kle­ri­kale) Kul­tur, und zwar nicht nur in Form von ‘Ele­men­ten’, son­dern als herr­schende Kul­tur. Des­halb ist die ‘natio­nale Kul­tur’ schlecht­hin die Kul­tur der Guts­be­sit­zer, der Pfaf­fen, der Bour­geoi­sie. [… Wir] ent­neh­men […] jeder natio­na­len Kul­tur nur ihre […] sozia­lis­ti­schen Ele­mente; ent­neh­men sie nur und unbe­dingt als Gegen­ge­wicht zur bür­ger­li­chen Kul­tur, zum bür­ger­li­chen Natio­na­lis­mus jeder Nation.»4
Revo­lu­tio­nä­rIn­nen dür­fen nicht die «Losung der natio­na­len Kul­tur» auf­stel­len, son­dern müs­sen «im Gegen­satz zu ihr in allen Spra­chen […] die Losung des Inter­na­tio­na­lis­mus […] pro­pa­gie­ren»5.


Sie pro­pa­gie­ren nicht die natio­nale Abgren­zung, son­dern die gemein­same Orga­ni­sie­rung aller Revo­lu­tio­nä­rIn­nen inner­halb der jeweils gege­be­nen (staat­li­chen) Gebiets­kör­per­schaf­ten sowie die Über­win­dung der natio­na­len Unter­schiede im welt­re­vo­lu­tio­nä­ren Pro­zeß.6 (Bei­des schließt nicht aus [son­dern sollte viel­mehr ein­schlie­ßen], daß sich die Ange­hö­rige spe­zi­fisch unter­drück­ter und aus­ge­beu­te­ter Grup­pen zusätz­lich geson­dert gegen eine – ande­ren­falls zu erwar­tene – Repro­duk­tion die­ser Unter­drü­ckungs­for­men in der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung orga­ni­sie­ren.).

Die Aus­übung des Rechts auf natio­nale Los­tren­nung wird für Revo­lu­tio­nä­rIn­nen nur unter zwei Vor­aus­set­zung7 zur eige­nen Losung:

1. Die Revo­lu­tio­nä­rIn­nen sind zu schwach (bzw. die Pseudo-​​RevolutionärInnen sind nicht wil­lens), sämt­li­che Unter­drü­ckung (ein­schließ­lich der natio­na­len) inner­halb der gege­be­nen Staats­gren­zen zu über­win­den. (Diese Vor­aus­set­zung ist in der Türkei/​Kurdistan zwei­fels­ohne gege­ben).

2. Gleich­zei­tig hat sich inner­halb der natio­nal unter­drück­ten Gebiete eine starke natio­na­lis­ti­sche (und das heißt immer: bür­ger­li­che) Bewe­gung her­aus­ge­bil­det, die gute Erfolgs­aus­sich­ten hat, zumin­dest diese Unter­drü­ckung zu besei­ti­gen. (Dies – aber auch nicht mehr – ist in Form der PKK in tür­kisch Kur­dis­tan eben­falls gege­ben.)

Aber auch in die­sem Fall dür­fen sich die Revo­lu­tio­nä­rIn­nen weder orga­ni­sa­to­risch noch poli­tisch den (bür­ger­li­chen) Natio­na­lis­tIn­nen unter­ord­nen, son­dern müs­sen den Kampf für ihre wei­ter­ge­hen­den Ziele fort­set­zen.

Ande­rer­seits dür­fen die – sich aus die­ser Posi­tion erge­be­nen – Dif­fe­ren­zen zur Poli­tik der PKK aber auch nicht zum Alibi für Nicht-​​Verhalten wer­den: «Wich­tig ist, die Unter­schiede wahr­zu­neh­men […], aber genauso wich­tig ist es, aus den die HERR­schaft stär­ken­den Abgren­zun­gen aus­zu­bre­chen und ein kämp­fe­ri­sches Mit­ein­an­der zu ent­wi­ckeln, das die Durch­set­zung alter und neuer patri­ar­cha­ler Macht und kapi­ta­lis­ti­scher Ver­wer­tungs­ziele behin­dert, wo immer wir es schaf­fen. Unsere Hoff­nung auf Frau­en­be­frei­ung und unsere Vor­stel­lung von Kom­mu­nis­mus […] kann als Ten­denz nur dann sicht-​​ und leb­bar wer­den, wenn wir unsere von ein­an­der abge­grenz­ten und gegen­ein­an­der aus­spiel­ba­ren […U]nterdrückungen und unsere unter­schied­li­chen Stra­te­gien dage­gen in eine Kraft ver­netz­ter Wider­stands­struk­tu­ren umwan­deln.»8

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Doku-Serie: Revolutionärer Feminismus – Teil I

Aus zwei aktu­el­len Anläs­sen habe ich ein Papier her­aus­ge­sucht, das 1992 in der inte­rim. Wöchent­li­ches Berlin-​​Info erschie­nen war: Das Papier von „frauen […] aus ver­schie­de­nen poli­ti­schen berei­chen“, das in der inte­rim Nr. 184/​185 v. 19.03.1992 unter der Über­schrift „Zur Poli­tik der Frauen aus dem Anti­ras­sis­ti­schen Zen­trum und grund­sätz­li­che Über­le­gun­gen zur anti­ras­sis­ti­schen Poli­tik“ erschie­nen war.
Das „Anti­ras­sis­ti­sche Zen­trum“ waren Räume der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin (TU), die von v.a. wei­ßen Unter­stüt­ze­rIn­nen ‚für‘ Flücht­linge besetzt wur­den.
Der Text ent­hält sicher­lich, auch abge­se­hen vom kon­kre­ten Anlaß, einige zeit­be­dingte For­mu­lie­run­gen. Der Wider­spurch zwi­schen S. II, linke Sp. (affir­ma­tive Rede über „unser spe­zi­fisch weib­li­ches ver­mö­gen“, wenn auch im Rah­men eines Zita­tes) und S. II rechte Sp. (Kri­tik an „ten­den­zen wie ‚neue inner­lich­keit‘, ‚müt­ter­lich­keit‘“) fiel aber schon damals auf.
Trotz­dem erscheint mir der Text auch heute noch lesens­wert. Beson­ders ange­tan hatte es mir schon damals fol­gen­der Spie­gel­strich aus der Kri­tik der Auto­rin­nen auf S. IV ihres Tex­tes:
„– auto­nome poli­tik als ‚lücken­fül­ler‘ für funk­tio­nen, die kir­chen, par­teien, huma­ni­täre kräfte nicht mehr beset­zen, als auto­nome sozi­al­ar­bei­te­rIn­nen und lager­ver­wal­te­rIn­nen.“
Hat sich daran seit­dem wie­der etwas geän­dert? Oder ist die inhalt­li­che Grund­lage der (ehe­mals) links­ra­di­ka­len Abgren­zung von refor­mis­ti­schen Par­teien und Insti­tu­tio­nen – auch in ande­ren Berei­chen als dem anti­ras­sis­ti­scher Poli­tik – noch dün­ner gewor­den und diese also noch mehr als schon frü­her zu einer kul­tu­ra­lis­ti­schen Geste gewor­den? (Vgl. zu die­ser grund­sätz­li­chen Frage auch noch diese Doku und – als aktu­el­les Bei­spiel – meine dort [Abschnitt 2. und am Ende] und dort ein­ge­streu­ten kri­ti­schen Anmer­kun­gen zu den Rede­bei­träge beim dies­jäh­ri­gen trans­ge­nia­len CSD [tCSD].)

Hier eine .pdf-Bild­da­tei des doku­men­tier­ten Arti­kels.

PS.: Im Vor­wort der inte­rim (S. 2) hieß es damals: „Das Frau­en­pa­pier zum Anti­ras­sis­ti­schen Zen­trm ist von den Ver­fas­se­rin­nen für die Inte­rim gekürzt wor­den. Die aus­führ­li­che Ver­sion wird dem­nächst für Frauen (wahr­schein­lich) in der AMA­ZORA) zu fin­den sein“. Ob es zu die­ser ange­kün­dig­ten, wei­te­ren Ver­öf­fent­li­chung damals tat­säch­lich gekom­men war, ist mir nicht bekannt.

Anscheinend Dank Judith Butler…

„Theo­rie als Pra­xis“ unter den TOP 20 der deut­schen Wissenschafts-​​blogs

Quelle: http://​www​.sci​ence​b​logs​.de/​n​e​u​r​o​n​s​/​2​0​1​0​/​0​7​/​w​i​s​s​e​n​s​c​h​a​f​t​s​b​l​o​g​r​a​n​k​i​n​g​-​j​u​n​i​-​2​0​1​0.php.

Intersektionalität und Gesellschaftstheorie

Theo­re­ti­sche Nach­be­mer­kun­gen zur CSD/​Rassismus-​​Debatte und zugleich not­wen­dige poli­ti­sche Anmer­kun­gen zum dies­jäh­ri­gen trans­ge­nia­len CSD

Zara wies in einem Kom­men­tar zu mei­nem Bei­trag „Noch ein­mal zu den Rassismus-​​Vorwürfen gegen den Ber­li­ner CSD“ auf den Text von Tove Soi­land „Die Ver­hält­nisse gin­gen und die Kate­go­rien kamen. Inter­sec­tio­na­lity oder Vom Unbe­ha­gen an der ame­ri­ka­ni­schen Theo­rie“ in der femi­nis­ti­schen internet-​​Zeitschrift querelles-​​net Nr. 26 aus dem Jahr 2008 hin.

Ich finde den Text auch sehr gut:

1. Ich teile den Ein­druck, daß auch der Inter­sek­tio­na­li­täts­an­satz letzt­lich zu einer bloß addi­ti­ven Sicht­weise ten­diert:

„Die Kate­go­rien kri­ti­scher Gesell­schafts­theo­rie zeich­nen sich […] dadurch aus, dass sie kom­plexe Mecha­ni­ken gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und Repro­duk­tion bezeich­nen; sie bezeich­nen nicht oder nicht in ers­ter Linie Grup­pen. Und dies ver­weist zurück auf das Pro­blem, dass die For­de­rung nach inter­sek­tio­nel­len Ana­ly­sen in einem Dis­kri­mi­nie­rungs­dis­kurs behei­ma­tet ist. Kate­go­rien, die für das Pro­blem von Dis­kri­mi­nie­rung in Frage kom­men, sind nun aber nicht per se auch sol­che, die maß­geb­lich an der Orga­ni­sa­tion gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und Repro­duk­tion betei­ligt resp. für diese zen­tral sind. Es geht [bei inter­sek­tio­na­len Ana­ly­sen, TaP], wie Dietze et al. (2007, S. 10) zu Recht for­mu­lie­ren, um ‚Kate­go­rien der Benach­tei­li­gung‘, die weni­ger kom­plexe Mecha­nis­men gesell­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tion als die Zuschrei­bung ‚rea­ler‘ oder vor­ge­stell­ter Merk­male und die damit ver­bun­de­nen Vor­ur­teile bezeich­nen. So ist denn auch selbst­ver­ständ­lich die Anzahl der Gründe, die zu einer Benach­tei­li­gung Anlass geben, in der Ten­denz offen (Degele/​Winker 2007, S. 11) und macht es – im Bereich der Anti­dis­kri­mi­nie­rung – Sinn, nach die­sen zu fra­gen.“

Damit sind wir dann wie­der bei der Logik der Auf­zäh­lun­gen: Es wer­den ‚Benach­tei­li­gun­gen‘ auf­ge­lis­tet und deren Gründe auf­ge­zählt – und im Zwei­fels­fall hilft ein „usw.“ wei­ter.
Mit der Länge der Liste ist aber zur Adäquat­heit der Ana­lyse der Gründe und der dar­auf auf­ge­bau­ten poli­ti­schen Stra­te­gie noch nichts gesagt.1
Die poli­ti­sche Kon­se­quenz der Auf­zäh­lungs­lo­gik ist, daß im Ber­li­ner CSD/​Rassismus-​​Streit beide Sei­ten Opfer­kon­kur­renz betrei­ben und sich gegen­sei­tig vor­wer­fen: Judith But­ler und die Grup­pen, die sie – anschnei­nend mit ziem­lich wenig kon­kre­ten Infor­ma­tio­nen (vgl. 1 und 2 [am Anfang]) – brief­ten, wer­fen dem CSD eine Ver­nach­läs­si­gung des Kamp­fes gegen Ras­sis­mus vor oder sogar des­sen Kom­plize zu sein. Die andere Seite kon­tert mit dem Vor­wurf der Ver­nach­läs­si­gung des Kamp­fes gegen Anti­se­mi­tis­mus2, und der Kampf gegen Trans­pho­bie und Inter­se­xu­el­len­pho­bie wird von bei­den Sei­ten bean­sprucht3. Nur am Femi­nis­mus schei­nen beide Sei­ten glei­cher­ma­ßen wenig Inter­esse zu haben.

2. Ich teile den Ein­druck, daß es in Intersektionalitäts-​​Studien eine Ver­nach­läs­si­gung von Gesell­schafts­theo­rie gibt. Es wird eher auf (quan­ti­fi­zier­bare) Effekte geguckt als auf struk­tu­relle Ursa­chen (auch wenn der Anspruch teil­weise ein ande­rer ist):

„Es scheint, und dies ist für mich der eigent­li­che Grund, warum Erkennt­nisse aus dem Feld der Anti­dis­kri­mi­nie­rung nicht tel quel auf Fra­gen der Gesell­schafts­theo­rie über­tra­gen wer­den kön­nen, dass mit dem Wort ‚Kate­go­rie‘ zwei Dinge zugleich benannt wer­den, die kate­go­rial gese­hen nicht auf der­sel­ben Ebene lie­gen. So kann die beschrei­bende Sozio­lo­gie Inter­fe­ren­zen den­ken, weil sie diese als Merk­male kon­zi­piert. Umge­kehrt kann die For­de­rung, kom­plexe Dyna­mi­ken gesell­schaft­li­cher Pro­duk­tion und Repro­duk­tion inter­fe­rent zu den­ken, erheb­li­che Schwie­rig­kei­ten berei­ten und ist auch nicht in jedem Fall sinn­voll resp. kann nur ein­ge­löst wer­den, wenn diese Dyna­mi­ken wie­derum auf ‚Merk­male‘ einer Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit redu­ziert wer­den.“

Beide von Tove Soi­land gemein­ten Sei­ten bean­spru­chen über Kate­go­rien zu reden, wor­un­ter die einen aber beschrei­bende Merk­male ver­ste­hen und die ande­ren analytisch-​​erklärende Begriffe4. – Die wis­sen­schaft­li­che Kon­se­quenz davon, sich mit Merk­ma­len zu beschei­den (statt Begriffe zu erar­bei­ten), wird von Tove Soi­land klar aus­ge­spro­chen:

„Das eigent­li­che Unter­su­chungs­ob­jekt sind damit nicht die Mecha­nis­men der Segre­ga­tion, son­dern deren Effekte und daran anschlie­ßend die Frage, wie Grup­pen zu kon­zep­tua­li­sie­ren sind, um genü­gend kom­plex, das heißt, den rea­len sozio­lo­gi­schen Gege­ben­hei­ten ange­mes­sen zu sein.“ (Hv. d. TaP).

Und die poli­ti­sche Kon­se­quenz des Guckens auf Effekte und der Aufzählungs-​​Logik, die diese beim trans­ge­nia­len CSD hat­ten, hat die taz, wenn auch nicht aus inhalt­li­chem Inter­esse an revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik, son­dern allein aus Häme-​​Gründen tref­fend auf den Punkt gebracht:

„Das Poli­ti­sche kam wahr­lich nicht zu kurz, ver­ur­sachte aber vie­len Teil­neh­mern auf­grund der lei­der nicht kom­mer­zi­el­len Laut­spre­cher­an­lage Kopf­schmer­zen. Die Ver­le­sung der Trak­tate kam so mit­un­ter nur als Hin­ter­grund­ka­ko­pho­nie an: ‚Ismus…istisch…Ismus‘. Bei nähe­rem Hin­hö­ren jedoch unter­schie­den sich die For­de­run­gen nicht wirk­lich von jenen, die auch auf den gro­ßen CSDs gestellt wer­den. Etwa dem Auf­ruf zu Soli­da­ri­tät mit Les­ben, Schwu­len, Bise­xu­el­len und Trans­gen­der in Ost­eu­ropa und in der gan­zen Welt und zur Bekämp­fung von Homo­pho­bie – plus einer Extra­por­tion Anti­ras­sis­mus und Kapi­ta­lis­mus­kri­tik.“

Weil auch der tCSD keine Begriffe von Kapi­ta­lis­mus, Ras­sis­mus und Patri­ar­chat hat, wird ver­mein­li­che Radi­ka­li­tät über die Länge von Auf­zäh­lun­gen, das Pathos von Adjek­ti­ven und sich über­schla­gen­der Stim­men sowie die mora­li­sie­rende Kri­tik böser Absich­ten und stra­te­gie­lose „sofort“-Forderungen („Für die sofor­tige Abschaf­fung des hete­ro­nor­ma­ti­ven Zwei­ge­schlech­ter­sys­tems!“ [Auto­trans]) ‚her­ge­stellt‘. So wurde etwa in der Manier links­par­tei­li­cher und gewerk­schaft­li­cher ver­kürz­ter Kapitalismus-​​Kritik gepol­tert: (mehr…)

Kommunismus ohne Prophetie

[Die­ser Text als .pdf-Datei]

Ein Nach­trag zum Kon­greß „Die Idee des Kom­mu­nis­mus“ in der Volks­bühne in Ber­lin1

„Hin­ter die­sen Aus­drü­cken [‚gesamt­heit­lich’, ‚das Umfas­sende’, ‚die All­ge­mein­heit’ und ‚das all­ge­meine Moment’] […] scheint mir die Vor­stel­lung zu ste­hen, daß die Marx­sche Theo­rie fähig sei, die Gesamt­heit des Pro­zes­ses, der vom Kapi­ta­lis­mus zum Kom­mu­nis­mus füh­ren wird, zu ‚umfas­sen’ (d’englober), wäh­rend sie tat­säch­lich nur die wider­sprüch­li­chen Ten­den­zen, die im gegen­wär­ti­gen Pro­zeß wir­ken, angibt. Ein­mal befreit von dem pro­phe­ti­schen Zug, den sei­nen Jugend­wer­ken und uto­pi­schen Sozia­lis­mus anhaf­tet […], denkt Marx den Kom­mu­nis­mus als eine in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft ange­legte Ent­wick­lungs­ten­denz. […]. Sie exis­tiert bereits kon­kret, in den ‚Zwi­schen­räu­men der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft’ (inter­sti­ces de la société capi­ta­liste) (ein wenig so wie der Waren­han­del ‚in den Zwi­schen­räu­men’ der Sklavenhalter-​​ oder feu­da­len Gesell­schaft exis­tierte); […]. Ich glaube, daß die Marx­sche Theo­rie ‚end­lich’ und begrenzt ist (‚finie’ et limitée). […]. Zu sagen, daß sie begrenzt ist, heißt im wesent­li­chen, daß die Marx­sche Theo­rie etwas ande­res ist als eine Geschichts­phi­lo­so­phie, die im eigent­li­che Sinne, die Zukunft der Mensch­heit ‚umfas­sen’ (englober) würde und also fähig wäre, von vorn­her­ein den Begriff des Kom­mu­nis­mus posi­tiv zu defi­nie­ren. […].
Mir scheint, daß es in der Pro­blem­stel­lung der ita­lie­ni­schen Dis­kus­sio­nen einen Zusam­men­hang gibt zwi­schen den Begrif­fen der ‚società poli­tica’, des Staa­tes und der Ver­wen­dungs­weise der ‚All­ge­mein­heit’ als Gegen­teil der ‚Pri­vat­heit’, […]. Ich glaube, daß diese Samm­lung von Begrif­fen, die unter­ein­an­der zusam­men­hän­gen, […] auf das bür­ger­li­che Poli­tik­ver­ständ­nis und die dahin­ter­ste­hende Ideo­lo­gie ver­weist, ob nun auf den laten­ten Idea­lis­mus einer ‚Uni­ver­sa­li­tät des Staa­tes’, der ‚das Uni­ver­selle’ rea­li­siert, oder einer ‚All­ge­mein­heit’ einer end­lich von Aus­beu­tung, Arbeits­tei­lung und Unter­drü­ckung (‚Führer/​Geführte’) befrei­ten Mensch­heit, den Marx lange Zeit mit­schleppt, in sei­nen Jugend­schrif­ten, wo er ihn von Feu­er­bach erbt, aber selbst danach noch: Im Grunde liegt das mensch­li­che Wesen im Staat, der des­sen Uni­ver­sa­li­tät in ent­frem­de­ter Form aus­drückt; es genügt also, das zu erken­nen und sodann eine gute ‚Uni­ver­sa­li­tät’ in nicht ent­frem­de­ter Form zu ver­wirk­li­chen. Am Ende die­ses Weges steht der Refor­mis­mus. Das ist nun der Punkt, der mir wesent­lich erscheint: Daß der Klas­sen­kampf (der bür­ger­li­che und der pro­le­ta­ri­sche) um die Staats­macht geführt wird (hic et nunc), heißt kei­nes­wegs, daß man die Poli­tik in Bezug auf den Staat defi­nie­ren muß. […].“ (42 f., 44 f.)
„Es [Ein idea­lis­ti­sches Kom­mu­nis­mus­bild] kann mes­sia­ni­sche Illu­sio­nen näh­ren, […]; es kann sie [die For­men des Han­delns] vom prak­ti­schen Mate­ria­lis­mus der ‚kon­kre­ten Ana­lyse der kon­kre­ten Situa­tion’ weg­füh­ren; es kann die leere Vor­stel­lung einer ‚Uni­ver­sa­li­tät’ unter­stüt­zen, die sich in zwei­deu­ti­gen Ersatz­for­meln aus­drückt, wie dem ‚all­ge­mei­nen Moment’, wo eine gewisse ‚Gemein­sam­kei­ten’ all­ge­mei­ner Inter­es­sen befrie­digt wer­den muß, als grobe Skizze des­sen, was eines Tages die Uni­ver­sa­li­tät eines wah­ren ‚Gesell­schafts­ver­tra­ges’ in einer ‚gere­gel­ten Gesell­schaft’ (Gramsci) sein könnte.“ (50).
„Auch wenn diese Gesell­schaft end­lich vom Staat befreit ist, kann man doch nicht sagen, daß sie das Ende der Poli­tik brin­gen wird“ (50).
(Louis Alt­hus­ser, Der Mar­xis­mus als eine end­li­che Theo­rie, in: ders. u.a., Den Staat dis­ku­tie­ren. Kon­tro­ver­sen über eine These von Alt­hus­ser hrsg. von Elmar Alt­va­ter /​ Otto Kall­scheuer, Ästhe­tik und Kom­mu­ni­ka­tion: [West]berlin, 1979, 42 – 52 (zuerst auf Ital. zwi­schen April und Sept. 1978 in der Tages­zei­tung il mani­festo und dann in: Dis­cu­tere lo Stato. Posi­zioni a con­fronto su una tesi di Louis Alt­hus­ser. Bari, 1978 erschie­nen).

Ergän­zende Anmer­kun­gen: (mehr…)

Bombard the Headquarters of the Philosopher Kings, or: Do we leave them their old age home in the Ivory tower of universalism?

What’s the deal with “The Idea of Com­mu­nism”? – that’s the ques­tion you might want to ask after the con­clu­sion of the com­mu­nism con­fe­rence that met under that very name at the Volks­bűhne in Ber­lin. One thing is for sure: at the con­gress the uni­ver­sal in con­tra­dis­tinc­tion to the par­ti­cu­lar was ever pre­sent. And some­thing struc­tu­ral was evi­dent too: among 17 pre­sen­ters there was only one woman.

In the fol­lo­wing I docu­ment my – slightly revi­sed and expan­ded – state­ment in the clo­sing dis­cus­sion of the con­gress.

The uni­ver­sal was the domi­nant theme of the con­gress. In that con­nec­tion, most of the pre­sen­ters plead for the uni­ver­sal, com­mo­na­lity, equa­lity and dis­played a dis­dain of the par­ti­cu­lar. There was cri­ti­cism [… more at: http://​qli​poth​.blog​spot​.de/​2​0​1​0​/​0​7​/​i​d​e​a​-​o​f​-​c​o​m​m​u​n​i​s​m​-​f​r​o​m​-​t​o​-​z​.html]

Doku: Redebeitrag von Tauwetter beim transgenialen CSD

Ich doku­men­tiere hier einen der zwei Rede­bei­träge beim trans­ge­nia­len CSD vom letz­ten Wochen­ende, in dem die Wör­ter „Patri­ar­chat“ oder „patri­ar­chal“ vor­ka­men. Die Wör­ter „Femi­nis­mus“ und „femi­nis­tisch“ kamen gar nicht vor; auch das Wort „Geschlecht“ und die von ihm abge­lei­te­ten For­men wur­den nahezu aus­schließ­lich für eine Kri­tik an Trans­pho­bie ver­wen­det. Es lebe der auto­nome Post­fe­mi­nis­mus? Aber nein: ein­mal kam das Wort „sexis­tisch“ vor. – Ent­spre­chend sah schon der tCSD-​​Demo-​​Aufruf aus (Absatz 2 nach Zitat 2). (mehr…)