Bombardiert das Hauptquartier der Philosophen-Könige

English ver­sion: http://​qli​poth​.blog​spot​.com/​2​0​1​0​/​0​7​/​i​d​e​a​-​o​f​-​c​o​m​m​u​n​i​s​m​-​f​r​o​m​-​t​o​-​z​.html

oder: Las­sen wir ihnen ihren Alters­sitz im Elfen­bein­turm des Uni­ver­sa­lis­mus?

Was hat es auf sich mit der „Idee des Kom­mu­nis­mus“? – so läßt sich nach Abschluß der Kommunismus-​​Konferenz in der Ber­li­ner Volks­bühne, die unter eben die­sem Titel tagte, fra­gen. Fest­stel­len läßt sich eines: Beim Kon­greß war das Uni­ver­selle gegen­über dem Par­ti­ku­la­ren stets prä­sent. Und etwas Struk­tu­rel­les fiel auf: Unter 17 Refe­ren­tIn­nen gab es nur eine Frau.1

Ich doku­men­tiere im Fol­gen­den mein – leicht über­ar­bei­te­tes und erwei­ter­tes – State­ment in der Abschluß­dis­kus­sion des Kon­gres­ses.

Das Uni­ver­selle war das beherr­schende Thema des Kon­gres­ses. Dabei plä­dier­ten die meis­ten Refe­ren­tIn­nen für das Uni­ver­selle, die Gemein­schaft, die Gleich­heit und zeig­ten eine Gering­schät­zung des Par­ti­ku­la­ren. Aus dem Publi­kum gab es Kri­tik, und ande­ren unter ande­rem mit dem Ver­weis auf Marx’ Kri­tik des Gothaer Pro­gramms, wo Marx den Kom­mu­nis­mus nicht durch die Gleich­heit, son­dern durch die Befrie­di­gung der unter­schied­li­chen Bedürf­nisse cha­rak­te­ri­siert sah (‚Jedem nach sei­nen Bedürf­nis­sen.’). Lenin stimmte dem in Staat und Revo­lu­tion vehe­ment zu, und erklärte die Gleich­set­zung von Kom­mu­nis­mus und Gleich­heit für eine Ver­zer­rung des Kom­mu­nis­mus durch „bür­ger­li­che Pro­fes­so­ren“. Waren die Refe­ren­tIn­nen der Kon­fe­renz eben sol­che?

Alain Badiou berief sich für seine Prä­fe­renz für ein uni­ver­sell Gemein­sa­mes auf Lenins Unter­schei­dung zwi­schen poli­ti­schen und nur-​​gewerkschaftlichen Kämp­fen. Gewerk­schaft­li­che Kämpfe seien par­ti­ku­lar, poli­ti­sche Kämpfe seien uni­ver­sell. Aber was Badiou dabei außer Acht läßt, ist, daß Lenin die poli­ti­schen Kämpfe dadurch defi­nierte, daß sie nicht nur für Ver­bes­se­run­gen inner­halb des Lohns­sys­tems geführt wer­den, son­dern von der „Erkennt­nis der unver­söhn­li­chen Gegen­sätz­lich­keit ihrer [der Arbei­ter] Inter­es­sen zu dem gesam­ten gegen­wär­ti­gen poli­ti­schen und sozia­len Sys­tem“ getra­gen sind. Und auch die­ser Kampf ist nega­tiv defi­niert, er ist gegen das „gegen­wär­tige poli­ti­sche und soziale Sys­tem“ gerich­tet. Auch die Kämpfe gegen „die Ver­fol­gun­gen der Sek­tie­rer, die Miß­hand­lun­gen der Bau­ern, das Wüten der Zen­sur, – die Sol­da­ten­schin­de­reien, die Ver­fol­gung selbst der harm­lo­ses­ten kul­tu­rel­len Bestre­bun­gen usw.“, sind ‚Kämpfe dage­gen’; Kämpfe gegen die Ver­fol­gung. Lenin pos­tu­liert nicht die Not­wen­dig­keit von etwas wie einer posi­ti­ven kom­mu­nis­ti­schen Reli­gion. Der Kom­mu­nis­mus ist für Lenin kein irdi­sches Para­dies der uni­ver­sel­len Gemein­sam­keit, son­dern der kon­krete und nega­tive Kampf gegen jede Form von Herr­schaft und Aus­beu­tung, keine neue ideale Ord­nung; kein Ende der Geschichte.

Ich möchte im glei­chen Sinne einen Satz von Alt­hus­ser über den Huma­nis­mus mei­ner­seits gegen den Uni­ver­sa­lis­mus wen­den: Alt­hus­ser sagte, das Wort „Huma­nis­mus“ tötet den Klas­sen­kampf. Der Uni­ver­sa­lis­mus, der hier drei Tage lang pro­pa­giert wurde, tötet eben­falls den Klas­sen­kampf, tötet femi­nis­ti­sche Kämpfe, tötet anti­ras­sis­ti­sche Kämpfe. Gesell­schaft­li­che Kämpfe sind Kämpfe zwi­schen par­ti­ku­la­ren Inter­es­sen; revo­lu­tio­näre Kämpfe sind Kämpfe, die sich nicht mit einem Kom­pro­miß zwi­schen Herr­schen­den und Beherrsch­ten, zwi­schen Aus­beu­ten­den und Aus­ge­beu­te­ten beschei­den. Und über den kämp­fen­den par­ti­ku­la­ren ant­ago­nis­ti­schen Inter­es­sen steht kein Uni­ver­sel­les, das die Ant­ago­nis­men schließ­lich einer phi­lo­so­phi­schen Syn­these zuführt.

Schon Marx und Engels hat­ten im Kom­mu­nis­ti­schen Mani­fest eine Kri­tik an den uto­pi­schen Sozia­lis­ten for­mu­liert, die letzt­lich auch die heu­ti­gen Uni­ver­sa­lis­ten trifft: Sie glaub­ten „weit über [d]en Klas­sen­ge­gen­satz erha­ben zu sein […]. Sie wol­len die Lebens­lage aller Gesell­schafts­glie­der, auch der best­ge­stell­ten, ver­bes­sern. Sie appel­lie­ren daher fort­wäh­rend an die ganze Gesell­schaft ohne Unter­schied, ja vor­zugs­weise an die herr­schende Klasse. Man braucht ihr Sys­tem ja nur zu ver­ste­hen, um es als den best­mög­li­chen Plan der best­mög­li­chen Gesell­schaft anzu­er­ken­nen.“

Uns wurde drei Tage lang erzählt, man müsse sich ja nur auf den mensch­li­chen (statt tie­ri­schen [schwei­ni­schen]) Stand­punkt stel­len und ein­se­hen, daß der Kom­mu­nis­mus das Uni­ver­selle sei.

Diese Gering­schät­zung des Par­ti­ku­la­ren gegen­über dem Uni­ver­sel­len scheint mir auch der Grund zu sein, warum Femi­nis­tin­nen mit dem Kom­mu­nis­mus, mit dem hier pro­pa­gier­ten holis­ti­schen Kom­mu­nis­mus, nichts zu tun haben wol­len: Denn die Herr­schafts­ideo­lo­gie des Uni­ver­sel­len, das die gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che stil­legt und unter phi­lo­so­phi­sche Vor­herr­schaft stellt, hat für Män­ner, die – auch wenn sie Kom­mu­nis­ten sind – Herr­schende im Patri­ar­chat sind, augen­schein­lich eine erheb­li­che Attrak­ti­vi­tät.

Ich möchte es in den Wor­ten der chi­ne­si­schen Kul­tur­re­vo­lu­tion sagen: Wir müs­sen das Haupt­quar­tier, das Haupt­quar­tier die­ser Philosophen-​​Könige bom­bar­die­ren, wenn der Kom­mu­nis­mus für Femi­nis­tin­nen inter­es­sant wer­den soll, wenn der Kom­mu­nis­mus nicht erneut eine Herr­schafts­ideo­lo­gie wer­den soll, wenn er nicht erneut eine der von Brecht kri­ti­sier­ten „allzu voll­stän­di­gen Welt­an­schau­un­gen“ wer­den soll.

Auf vor­ste­hen­des State­ment ant­wor­te­ten sowohl Alain Badiou als auch Sla­voj Žižek. Alain ver­wies mich auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus, der eine Dif­fe­renz­phi­lo­so­phie par excel­lence, die Unter­schei­dung von Men­schen und Unter­men­schen, gewe­sen sei, hin. Und Sla­voj sah in der Unter­stüt­zung des Irak-​​Krieges (mir scheint der Afghanistan-​​Krieg wäre das tref­fen­dere Bei­spiel gewe­sen) durch libe­rale Femi­nis­tin­nen einen Beleg für die schäd­li­chen Fol­gen des par­ti­ku­la­ren Femi­nis­mus. Hier meine nach­träg­li­che Ant­wort:

Der Natio­nal­so­zia­lis­mus war nicht nur eine Dif­fe­renz­phi­lo­so­phie, son­dern auch eine Volksgemeinschafts-​​Ideologie, die – wie jeder Ver­such, eine Gemein­schaft posi­tiv zu defi­nie­ren – mit Aus­schlüs­sen ein­her ging. Die rich­tige Ant­wort auf die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Fein­d­er­klä­rung ist aber nicht, um Auf­nahme in die Volks­ge­mein­schaft zu bit­ten oder den Nazis eine ‚wirk­li­che’ Volks­ge­mein­schaft als Alter­na­tive anzu­tra­gen, son­dern die Waffe in die Hand zu neh­men.

Und was die libe­ra­len Femi­nis­tin­nen anbe­langt – sie befür­wor­ten den Krieg gerade nicht im Namen par­ti­ku­la­rer Inter­es­sen, son­dern im Namen des uni­ver­sel­len ‚Wer­tes’ der Gleich­be­rech­ti­gung. Genau daran zeigt sich, worin in herr­schafts­kri­ti­scher Per­spek­tive der Feh­ler des Uni­ver­sa­lis­mus liegt: Er ist pater­na­lis­ti­sche und impe­ria­lis­ti­sche Selbst­er­mäch­ti­gung, für andere zu han­deln – ihnen ‚Befrei­ung’ von ‚außen’ und von ‚oben’ ange­dei­hen zu las­sen. Aber schon die Kom­mu­nis­tIn­nen der Ers­ten Inter­na­tio­nale wuß­ten: Die Befrei­ung der Arbei­ter­klasse kann in aller ers­ter Linie nur das Werk der Arbei­ter­klasse selbst sein. Und auch die Befrei­ung der afgha­ni­schen Frauen und queers, kann in aller ers­ter Linie nur das Werk der afgha­ni­schen Frauen und queers selbst sein. Die beste Unter­stüt­zung, die Femi­nis­tin­nen in den USA, Deutsch­land usw. dafür leis­ten kön­nen, ist nicht die Pro­pa­gie­rung uni­ver­sel­ler ‚Werte’, son­dern der Sturz des eige­nen Patri­ar­chats und des eige­nen Impe­ria­lis­mus. –

Bliebe im Nach­hin­ein nur noch zu über­le­gen, ob es wirk­lich der Bom­bar­die­rung des Haupt­quar­tiers der Philosophen-​​Könige bedarf – oder kön­nen wir ihnen ihren Alters­sitz im Elfen­bein­turm des Uni­ver­sa­lis­mus las­sen?

Die­ser Text als .pdf-​​Datei:

Aus­führ­li­cher Bericht über den Kon­greß (von mir noch nicht gele­sen):
http://​www​.frei​tag​.de/​c​o​m​m​u​n​i​t​y​/​b​l​o​g​s​/​l​i​e​b​e​r​n​i​c​h​t​s​/​k​o​m​m​u​n​i​s​m​u​s​-​k​o​n​g​r​e​s​s​-​t​a​g​-​1​-​d​e​n​k​e​n​-​v​o​r​-​h​a​ndeln

Und bei Ingo Stützle gibt es einen
Kur­zer Nach­trag zum Kommunismus-​​Kongress

  1. Auf beide Punkte war bereits eine andere Red­ne­rin in der vor­her­ge­hende Dis­kus­si­ons­runde ein­ge­gan­gen, wor­auf Žižek ant­wor­tete, es seien viele Frauen ein­ge­la­den wor­den, die aber abge­sagt hät­ten; teils expli­zit, weil sie nichts mit dem Kom­mu­nis­mus zu tun haben woll­ten, so z.B. Judith But­ler. [zurück]
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15 Antworten auf „Bombardiert das Hauptquartier der Philosophen-Könige“


  1. 1 Zara 29. Juni 2010 um 17:07 Uhr

    Da bringst du aber zig Dinge durcheinander. Oder anders, du kritisierst diese pomo-Philosophen dafür, dass sie noch ein ganz wenig am Universalismus festhalten und zu wenig pomo sind. Feminismus ist leider zwangsläufig keine radikale Kritik, d.h. eine, die alle Verhältisse umzuwerfen zum Ziel hat, sondern eine systemimmanente. Deshalb ist kommunistische Kritik auf einer anderen Ebene angesiedelt. Diesen Unterschied nicht zu sehen, diskreditiert schon die ganze Kritik. Denn sie reduziert die Klassengesellschaft auf Klassenunterdrückung als Äquivalent zur Frauenunterdrückung.

  2. 2 TaP 29. Juni 2010 um 17:20 Uhr

    „Da bringst du aber zig Dinge durcheinander. Oder anders, du kritisierst diese pomo-Philosophen dafür, dass sie noch ein ganz wenig am Universalismus festhalten und zu wenig pomo sind.“

    Genau. Bist Du einverstanden oder nicht? Und warum?

    „Feminismus ist leider zwangsläufig keine radikale Kritik, d.h. eine, die alle Verhältisse umzuwerfen zum Ziel hat, sondern eine systemimmanente. Deshalb ist kommunistische Kritik auf einer anderen Ebene angesiedelt.“

    Nein, nicht „ist“, sondern „könnte sein“ – falls künftiger Kommunismus nicht mehr klassenreduktionistisch wäre.

    „Diesen Unterschied nicht zu sehen, diskreditiert schon die ganze Kritik. Denn sie reduziert die Klassengesellschaft auf Klassenunterdrückung als Äquivalent zur Frauenunterdrückung.“

    Wo liegt jetzt bitte das Argument? – Vgl. vorsichtshalber http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/10/17/kurz-und-buendig-zwei-einfuehrungen-in-den-feminismus/.

  3. 3 Zara 29. Juni 2010 um 18:33 Uhr

    Mein Argument ist das folgende: Wenn du schreibst „Der Universalismus […] tötet ebenfalls den Klassenkampf, tötet feministische Kämpfe, tötet antirassistische Kämpfe.“ dann stellst du Dinge in eine Reihe, die nicht in eine Reihe passen. Du reduzierst den Klassengegensatz auf eine Unterdrückungsform wie andere auch, anstatt zu sehen, dass sie im Gegensatz zu Patriarchat oder Rassismus konstituierend für den Kapitalismus ist. D.h. der Kapitalismus könnte auch ohne jegliche Unterscheidung von Menschen anhand von Geschlecht oder Physiognomie funktionieren. Er bringt aber notwendig eine Klassengesellschaft hervor, um letzteres einzusehen reichen rudimentäre Marx-Kenntnisse aus. Dein Universalismus-Bashing ist also genuin antimarxistisch.
    Ich reagiere so pikiert, weil du dich meines Wissens, wenn ich falsch liege, nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil, als MarxistIn verstehst und deshalb halte ich es für wichtig darauf hinzuweisen, dass das mit Marx nicht mehr viel zu tun hat. Diese Komiker in der Volksbühne haben mit ihm oder Begriffen wie Kommunismus allerdings auch herzlich wenig zu tun.

  4. 4 TaP 29. Juni 2010 um 19:09 Uhr

    „Du reduzierst den Klassengegensatz auf eine Unterdrückungsform wie andere auch, anstatt zu sehen, dass sie im Gegensatz zu Patriarchat oder Rassismus konstituierend für den Kapitalismus ist. D.h. der Kapitalismus könnte auch ohne jegliche Unterscheidung von Menschen anhand von Geschlecht oder Physiognomie funktionieren.“

    Ja (vgl. zu letzterem Satz auch http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/22/judith-butler-ueber-soziale-gerechtigkeit-sowie-high-und-happy-in-den-strassen-feiern-interview/#comment-42665)), und?

    Du bist anscheinend der Ansicht, daß die gesellschaftliche Struktur von den Klassenverhältnissen stärker/ausschlaggebender geprägt ist, als von anderen den anderen Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnissen. Dafür bringst Du aber kein Argument vor.

  5. 5 Zara 29. Juni 2010 um 19:42 Uhr

    Nein, mir geht es nicht darum, welche Verhältnis die gesellschaftliche Strukturen mehr prägt.* Wenn es mir daraum gehen würde hättest du mich erfolgreich auf deine Ebene gezogen und könntest mir deine Argumente um die Ohren hauen. Mir geht es darum, dass wenn es dir um eine solche Frage geht, was jetzt wie prägt, du dich auf einer Antidiskriminierungsebene befindest. Auf der mutiert dann Klassenunterdrückung von einem dem Kapitalismus innewohnenden Verhältnis zu einer Antidiskriminierungsfrage. Klassismus statt Klassenantagonismus.
    Das hat dann nur nichts mehr mit Kommunismus zu tun.

    * Ich würde auch nicht sagen, dass Patriarchat oder Rassismus die Strukturen weniger prägen. Sie sind halt nur nicht an den Kapitalismus gekettet, d.h. sie sind zum einen nicht zwangsläufig vorbei mit dem Ende des Kapitalismus, andersherum ist der Kapitalismus aber auch nicht vorbei mit dem Ende von Rassismus und Patriarchat.

  6. 6 TaP 29. Juni 2010 um 20:20 Uhr

    „Auf der mutiert dann Klassenunterdrückung von einem dem Kapitalismus innewohnenden Verhältnis zu einer Antidiskriminierungsfrage.“

    Nein, m.E. sind auch Patriarchat und Rassismus keine bloßen „Diskriminierungen“, sondern Elemente der materiellen Struktur (Arbeitsteilung) der Gesellschaft.

    Folglich verwandelt meine Position auch nicht den Klassenantagonismus in „Klassismus“ (wenn unter letzterem in erster Linie ein ideologisches Phänomen oder individuelle Fehlhaltung verstanden wird).

    Vielmehr bin ich der Auffassung, daß auch Rassismus und Patriarchat antagonistische Verhältnisse sind, deren Überwindung gleichbedeutend ist mit dem Verschwinden der gesellschaftlichen Gruppen, die von diesen Verhältnissen konstituiert werden (analog zur Abschaffung der Klassen).

    Vgl. http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/20/ent-identifizierung-jenseits-von-frauenfeindlichkeit-und-weiblichkeitskult/, Abschnitt III.

    „Sie [Patriarchat oder Rassismus] sind halt nur nicht an den Kapitalismus gekettet, d.h. sie sind zum einen nicht zwangsläufig vorbei mit dem Ende des Kapitalismus, andersherum ist der Kapitalismus aber auch nicht vorbei mit dem Ende von Rassismus und Patriarchat.“

    Ja, und was schlußfolgerst Du daraus?

  7. 7 j.r. 30. Juni 2010 um 10:58 Uhr

    Auf eine Nachfrage aus dem Publikum ganz am Ende der Konferenz, warum kaum Frauen eingeladen worden wären – in der Tat war nur eine einzige Frau unter den Sprechern – antwortete Žižek, (der die Konferenz zusammen mit Alain Badiou instigiert hatte,) dass sehr wohl viele Frauen eingeladen wurden, aber, teils aus gesundheitlichen, teils aus inhaltlichen Gründen abgelehnt hätten. So hätte etwa Judith Butler ihre Einladung, auf dem Kongress zu sprechen, ausgeschlagen, weil sie nicht mit dem K-Wort assoziiert werden wolle.
    Dass die Philosophin heute andererseits auch noch Hamas und Hisbollah als ebenso linke wie progressive soziale Bewegungen verstanden wissen will, wie sie unlängst in einer Diskussion zu verstehen gab, ist bizarr und wohl kaum gänzlich zu erhellen. Selbst wiederum erhellt es vielleicht jedoch einen Satz, den ihr persönlicher Freund Slavoj Žižek in einem Vorabinterview zum Kongress äußerte: „Wenn die Linke sich nicht neu erfindet, wird die dschihadistische Bewegung unsere Zukunft sein.“ (taz, 25. Juni) Zu dieser Neuerfindung war der Kongress ein Beitrag.

  8. 8 j.r. 30. Juni 2010 um 11:14 Uhr

    Dem Philosophenkönigtum erteilt Zizek in „First as Tragedy, then as Farce“ selbst eine Absage. Seite 152 f.

    Im Übrigen sollte vielleicht einfach besser zugehört werden. Die Verbindung, um die es geht, ist die des Singulären mit dem Universellen, die sich in die (ansonsten unterdrückerischen) kommunitären Beschränkungen und Eigenheiten einschreibt. Diese sind Teil der Situation und des Singulären. Im Übrigen sind sie egal.

    Im „Inneren“ der Verteidigung der Interessen der Unterdrückten, so sagte Badiou in seinem Vortrag, müssen diese als universalistisch konzeptualisiert werden, als gut für alle. (Aber vielen „Linken“ geht es ja ohnehin nur noch um ihren e i g e n e n Life-Style.) Es gibt bei Badiou immer wieder das Bekenntnis zu den unbegrenzten Mannigfaltigkeiten.

    Im übrigen ist oft das Basalste nicht verstanden: Es geht um die Identität einer freien (völlig unbestimmten) Gleichheit (keine Uniformität) und einer gleichen Freiheit (keine Willkürfreiheit, keine Freiheit zur Unterdrückung). Balibar hat das „egaliberte“ genannt, und es ist, denke ich, nicht nötig, gar unmöglich, es legalistisch zu verstehen, denn bloße Gesetzesgleichheit ist offensichtlich nicht „frei“ (resp. unbestimmt oder auch „leer“).

  9. 9 j.r. 30. Juni 2010 um 11:30 Uhr

    Mithin:
    Die „Gleichsetzung von Kommunismus mit Gleichheit“, sprich Uniformität, ist den „bürgerlichen Philosophen“ gründlich gelungen. Sie wird auch heute immer noch gerne wiederholt, nicht nur im bürgerlichen Feuilleton, das mit Vorliebe Gleichheit und Freiheit opponiert, oder erstere auf Gesetzesgleichheit und letztere auf die Freiheit auszubeuten reduziert.

    (Wenn nicht „gleiche Freiheit“ gemeint ist, sondern eine Willkürfreiheit, deren Rückseite Unterdrückung ist, Freiheit zur Ausbeutung etc., sollte man einfach wieder dazu übergehen, die Wörter zu verwenden, die es für diesen Fall bereits gibt und nicht von „Freiheit“ sondern „Unterdrückung“ o. Ä. sprechen. Da kriegen die Pomos natürlich gleich Pickel. Es ist deshalb ganz Richtig, dass die postmodernen Strömungen im Grunde intellektuelle Friedensangebote an den unterdrückerischen satus quo waren, wie Badiou es ähnlich formulierte.)

    Nein, nicht nur die bürgerlichen Professoren wiederholen die Ineinssetzung von Kommunismus und Uniformität immer wieder gerne. Diese Meinung ist so gründlich eingesickert, dass auch die bombardierende Pomo-Linke sie verinnerlicht hat und, nur mit umgekehrten Vorzeichen, immerfort nachbetet.

  10. 10 TaP 30. Juni 2010 um 13:02 Uhr

    „So hätte etwa Judith Butler ihre Einladung, auf dem Kongress zu sprechen, ausgeschlagen, weil sie nicht mit dem K-Wort assoziiert werden wolle.“

    Ja, das steht doch schon in meinem Text: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/06/27/bombardiert-das-hauptquartier-der-philosophen-koenige-oder/#fn1277672444530n.

    Und zu der Hamas-Geschichte: „unlängst“ war das nicht, sondern schon 2006 (!): http://radicalarchives.org/2010/03/28/jbutler-on-hamas-hezbollah-israel-lobby/, vgl. inhaltlich: http://maedchenmannschaft.net/judith-butler-und-die-schwul-lesbische-dekonstruktion/#comment-29393 ff., insb. http://maedchenmannschaft.net/judith-butler-und-die-schwul-lesbische-dekonstruktion/#comment-29468, Abschnitt II.

    „Dem Philosophenkönigtum erteilt Zizek in ‚First as Tragedy, then as Farce‘ selbst eine Absage. Seite 152 f.“

    In einer in antagonistische Interessen gespalteten Welt ein „Universelles“ zu postulieren, ist als solches eine philosophen-königliche Geste (daran können auch gegenteilige Absichtsbekundungen nichts ändern) – bringt die Philosophie in eine Position über die kämpfenden gesellschaftlichen Gruppen.

    Auch für politische Positionen emphatisch „Wahrheit“ und nicht schlicht Richtigkeit zu beanspruchen ist eine philosophen-königliche Geste:
    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2008/04/18/wissenschaftliche-wahrheit-und-politische-richtigkeit-eine-unterscheidung-an-der-festgehalten-werden-sollte/.

    Und Badiou bezieht sich ja auch ganz explizit auf Platon.

    „Die Verbindung, um die es geht, ist die des Singulären mit dem Universellen, die sich in die (ansonsten unterdrückerischen) kommunitären Beschränkungen und Eigenheiten einschreibt.“

    „die sich […] einschreibt“ – macht sie das wirklich selbst? Oder machen es doch die Philosophen-Könige?!

    „Verbindung […] des Singulären mit dem Universellen“ – erklär mal.

    „als gut für alle.“

    Das ist eben die Illusion: „Sie wollen die Lebenslage aller Gesellschaftsglieder, auch der bestgestellten, verbessern.“ – Der Kommunismus hat den jetzt Herrschenden nichts zu versprechen.

    „Balibar hat das ‚egaliberte‘ genannt,“

    Nur Balibar war auf dem Kongreß nicht, und sein Name wurde auch nicht genannt – jedenfalls in den Zeiten meiner Anwesenheit.

  11. 11 Zara 30. Juni 2010 um 14:46 Uhr

    Ich habe das Gefühl, dass wir nicht zum Punkt der Diskussion vordringen.

    Der Marxismus ist notwendig universal, er erhebt den Anspruch die Funktionsweise des Kapitalismus zu beschreiben und nicht die des Kapitalismus des 19. Jhd. Ebenso der Kommunismus, es gibt keinen afrikanischen, asiatischen oder europäischen, sondern nur einen Kommunismus. D.h. wenn du schreibst „Der Universalismus […] tötet ebenfalls den Klassenkampf, tötet feministische Kämpfe, tötet antirassistische Kämpfe.“, dann ist deine Perspektive zumindestens keine marxistische. Für die Überwindung des Kapitalismus ist es essentiell den Universalismus gegen die Postmoderne zu verteidigen. Auf mehr wollte ich nicht hinaus.

    Vielmehr bin ich der Auffassung, daß auch Rassismus und Patriarchat antagonistische Verhältnisse sind, deren Überwindung gleichbedeutend ist mit dem Verschwinden der gesellschaftlichen Gruppen, die von diesen Verhältnissen konstituiert werden (analog zur Abschaffung der Klassen).

    Ich bin mir bei der Beschreibung der Verhältnisse als Antagonismen nicht sicher, sondern würde eher bezug nehmen auf die Unterdrückungsverhältnisse und gucken wie diese Menschen, und hier eben sämtliche Menschen, prägen und wie und wofür sie genutzt werden. Einen reinen Antagonismus hier aufzumachen ohne zu sehen, dass beispielsweise auch Männer durch das Patriarchat zugerichtet werden und nicht nur Nutznießer sind, finde ich zu platt. Dass die Abschaffung von Patriarchat und Rassismus identisch ist mit dem Wegfall der sozialen Gruppen in die unterschieden wird, darin stimme ich dir zu.

    „Sie [Patriarchat oder Rassismus] sind halt nur nicht an den Kapitalismus gekettet, d.h. sie sind zum einen nicht zwangsläufig vorbei mit dem Ende des Kapitalismus, andersherum ist der Kapitalismus aber auch nicht vorbei mit dem Ende von Rassismus und Patriarchat.“

    Ja, und was schlußfolgerst Du daraus?

    Ganz simpel, dass die Überwindung des Kapitalismus ein anderes Projekt ist, als die Überwindung von Herrschaftsverhältnissen, also auch eine Spezifik besitzt, die es verbietet diesen unter die Abschaffung von Herrschaftsverhältnissen zu subsummieren.

  12. 12 TaP 30. Juni 2010 um 18:03 Uhr

    „Ich habe das Gefühl, dass wir nicht zum Punkt der Diskussion vordringen.“

    Ja, den Eindruck habe ich auch.

    „Der Marxismus ist notwendig universal, er erhebt den Anspruch die Funktionsweise des Kapitalismus zu beschreiben und nicht die des Kapitalismus des 19. Jhd.“

    Zu Halbsatz 1: Warum? Zu Halbsatz 2: (Inwiefern) ist das die Begründung für Halbsatz 1?

    Ich habe meinerseits gar nichts dagegen einzuwenden, daß der Marxismus nicht nur konkrete Gesellschaftsformationen (z.B. England im 19. Jh.), sondern die Funktionsweise der kapitalistischen Produktionsweise als solche analysiert. Das würde ich allerdings nicht „Universalismus“ nennen – allein schon deshalb, weil die Herrschaft der kap. PW keine universelle, sondern eine historisch begrenzte ist.1

    Mein Einwand gegen den Universalismus betrifft nicht die Ebene der wissenschaftlichen Analysen, sondern richtet sich gegen einen ethischen oder normativen Universalismus. Ein ethischer oder normativer Universalismus behauptet eine Universalität die faktisch wegen der unterschiedlichen Interessen nicht existiert.

    „wenn du schreibst ‚Der Universalismus […] tötet ebenfalls den Klassenkampf, tötet feministische Kämpfe, tötet antirassistische Kämpfe.‘, dann ist deine Perspektive zumindestens keine marxistische.“

    Dann erklär doch mal bitte, wie nach Deinem Verständnis Klassenkampf (Antagonismus) und Universalismus (Allgemeingültigkeit) mit einander vereinbar sind.

    „Für die Überwindung des Kapitalismus ist es essentiell den Universalismus gegen die Postmoderne zu verteidigen.“

    Aber warum denn nun?

    Vgl. auch: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2003/06/30/kleiner-katechismus-zur-beantwortung-der-frage-was-ist-die-linksleninistische-postmoderne/, http://theoriealspraxis.blogsport.de/images/DIPLEND_KorrNeuformat_271009_FIN.pdf und http://theoriealspraxis.blogsport.de/1997/12/31/kuschelsex-oder-kuschelpolitik-lesbisch-kommunistische-de-konstruktion-oder-ex-autonom-postmoderner-liberalismus/.

    „Einen reinen Antagonismus hier aufzumachen ohne zu sehen, dass beispielsweise auch Männer durch das Patriarchat zugerichtet werden und nicht nur Nutznießer sind, finde ich zu platt.“

    Naja, das ist so zutreffend oder unzutreffend, wie es auch zutreffend oder unzutreffend ist, daß auch KapitalistInnen keine souveränen Subjekte sind, sondern die Gesetze der Konkurrenz und Akkumulation exekutieren müssen, solange sie KapitalistInnen bleiben wollen.

    „die Überwindung des Kapitalismus ein anderes Projekt ist, als die Überwindung von Herrschaftsverhältnissen“

    Wenn der Marxismus für die Analyse der kapitalistischen Produktionsweise und die Politik zu deren Überwindung zuständig ist und es darüber hinaus aber auch (weitere) zu überwindende Herrschaftsverhältnisse gibt, dann ist aber der Marxismus auch diesem Grunde nicht universell, sondern eine Theorie begrenzter Reichweite.

    1. Vgl.: Kennzeichen der Wissenschaften ist „die Objektivität und nicht der Universalismus: das Denken muß objektiv sein, universell wird es nur sein, wenn […] die Realität es dazu ermächtigt“ (Marcel Boll in: Mercure de France, 01.05.1929 zit. n. Gaston Bachelard, Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 3. Aufl.: 1984, 125) [zurück]
  13. 13 Zara 30. Juni 2010 um 21:20 Uhr

    Da haben wir jetzt immerhin den Punkt gefunden. Wir haben eine unterschiedliche Definition von Universalismus.

    „Der Marxismus ist notwendig universal, er erhebt den Anspruch die Funktionsweise des Kapitalismus zu beschreiben und nicht die des Kapitalismus des 19. Jhd.“

    Zu Halbsatz 1: Warum? Zu Halbsatz 2: (Inwiefern) ist das die Begründung für Halbsatz 1?

    Ich gestehe die schlechte Formulierung ein, ich wollte eher auf den historischen Materialismus abstellen.

    Ich habe meinerseits gar nichts dagegen einzuwenden, daß der Marxismus nicht nur konkrete Gesellschaftsformationen (z.B. England im 19. Jh.), sondern die Funktionsweise der kapitalistischen Produktionsweise als solche analysiert. Das würde ich allerdings nicht „Universalismus“ nennen – allein schon deshalb, weil die Herrschaft der kap. PW keine universelle, sondern eine historisch begrenzte ist.

    Wie gesagt, mein Fehler, der Marxismus erhebt ja nicht nur den Anspruch auf Erklärung des Kapitalismus, sondern auf Erklärung der Menschheitsgeschichte überhaupt und es ist folglich ein universlistischer Ansatz. Aber um diesen Begriff von Universalismus geht es dir ja gar nicht:

    Mein Einwand gegen den Universalismus betrifft nicht die Ebene der wissenschaftlichen Analysen, sondern richtet sich gegen einen ethischen oder normativen Universalismus. Ein ethischer oder normativer Universalismus behauptet eine Universalität die faktisch wegen der unterschiedlichen Interessen nicht existiert.

    Ok, da würde ich dir auch widersprechen. Allerdings artet das ganze jetzt aus, deshalb nur in aller Kürze:
    Die Menschen haben notwendig falsches Bewußtsein. Deshalb können sie subjektiv bestimmte Interessen haben(sich 10 Stunden täglich für den Gewinn von irgendwem ausbeuten lassen, sich unter eine Burka zwängen,…), die sie aus einer objektiven Perspektive nicht hätten. Deshalb ist es zweitrangig was für Interessen Menschen zu haben glauben und man kann universale Werte postulieren, auch wenn sie natürlich notwendig beschränkt und ein Produkt dieser geschichtlichen Epoche sind.

    Dann erklär doch mal bitte, wie nach Deinem Verständnis Klassenkampf (Antagonismus) und Universalismus (Allgemeingültigkeit) mit einander vereinbar sind.

    „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“
    Ja, ich weiß, damit bin ich wieder auf meiner Universalismusebene. Aber gerade an dem Punkt wird deutlich, dass du ein beschränktes Verständnis von Universalismus hast. Universalismus bedeutet doch nicht, dass jetzt alle die gleichen Interessen haben müssen. Beispielsweise, dass alle ihre Interessen artikulieren dürfen könnte ein Prinzip ethischen Universalismus sein.

    Wenn der Marxismus für die Analyse der kapitalistischen Produktionsweise und die Politik zu deren Überwindung zuständig ist und es darüber hinaus aber auch (weitere) zu überwindende Herrschaftsverhältnisse gibt, dann ist aber der Marxismus auch diesem Grunde nicht universell, sondern eine Theorie begrenzter Reichweite.

    Naja, er erklärt auch nicht die Thermodynamik. Ich hatte schon auf den historischen Materialismus verwiesen und würde Rassismus und Sexismus auch durchaus als die Hervorhebung von physischen Unterschieden in der Absicht einen Vorteil im Kampf um Ressourcen zu erhalten verstehen.(wobei Ressourcen hier sich am besten im Bourdieuschen Sinne mit sozialem, ökonomischem oder kulturellem Kapital definieren lässt)

  14. 14 TaP 01. Juli 2010 um 9:31 Uhr

    „Wie gesagt, mein Fehler, der Marxismus erhebt ja nicht nur den Anspruch auf Erklärung des Kapitalismus, sondern auf Erklärung der Menschheitsgeschichte überhaupt und es ist folglich ein universlistischer Ansatz. Aber um diesen Begriff von Universalismus geht es dir ja gar nicht:“

    Satz 2: Ja.

    Satz 1: Ja, aber dieser Anspruch ist bisher nur für die kapitalistischen Klassenverhältnisse einigermaßen eingelöst, aber für die vorkapitalistischen Klassenverhältnisse nur mäßig und für die Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse, die keine Klassenverhältnisse sind, seitens der MarxistInnen nahezu gar nicht.

    „Die Menschen haben notwendig falsches Bewußtsein. Deshalb können sie subjektiv bestimmte Interessen haben(sich 10 Stunden täglich für den Gewinn von irgendwem ausbeuten lassen, sich unter eine Burka zwängen,…), die sie aus einer objektiven Perspektive nicht hätten.“

    Auch das sehe ich anders. M.E. führt es weder analytisch noch politisch weiter, das Wort „objektiv“ und den Konjunktiv „hätten“ in dieser Weise zu verknüpfen. Objektiv haben die Leute die Interessen, die sie tatsächlich haben, und nicht irgendwelche Interessen, von denen wir wünschen, daß sie sie hätten.
    Ausführlich dazu:
    http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/09/15/warum-ideologie-kein-notwendig-falsches-bewusstsein-ist-und-aus-einer-erkenntnis-nicht-automatisch-eine-bestimmte-politische-haltung-folgt/.

    „Beispielsweise, dass alle ihre Interessen artikulieren dürfen könnte ein Prinzip ethischen Universalismus sein.“

    Ja, nur ist dieses Prinzip nur politisch richtig, aber nicht wahr. Vgl. noch mal: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2008/04/18/wissenschaftliche-wahrheit-und-politische-richtigkeit-eine-unterscheidung-an-der-festgehalten-werden-sollte/. Und wir sollten nicht vergessen, daß dieses Prinzip nicht von allen Menschen ‚objektiv‘ eingesehen werden muß. Es können Menschen die Optionen wählen, herrschen zu wollen, und diese Wahl ist nicht irrationaler oder gar unwahrer als die Wahl des von Dir genannten Prinzips.

  15. 15 TaP 17. Mai 2011 um 11:44 Uhr

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