Abschrift der Preis-Annahme-Verweigerungsrede von Judith Butler beim CSD in Berlin

Bei YouTube gibt es einen Video-​​Mitschnitt, der aller­dings erst wäh­rend der schon begon­ne­nen Rede ein­setzt1:

„[…] zum Bei­spiel einige der Ver­an­stal­te­rIn­nen haben sich expli­zit ras­sis­tisch geäu­ßert bezie­hungs­weise sich nicht von die­sen Äuße­run­gen dis­tan­ziert. Die ver­an­stal­ten­den Orga­ni­sa­tio­nen wei­gern sich, anti­ras­sis­ti­sche Poli­ti­ken als wesent­li­chen Teil ihrer Arbeit zu ver­ste­hen. In die­sem Sinne muß ich mich von {die­ser Kom­pli­zen­schaft mit? – nicht genau zu ver­ste­hen, TaP} Ras­sis­mus, ein­schließ­lich anti­mus­li­mi­schen Ras­sis­mus, dis­tan­zie­ren. Wir haben alle bemerkt, daß Homo-​​, Bi-​​, Lesbisch-​​, Trans-​​, Queer-​​Leute benutzt wer­den kön­nen von jenen, die Kriege füh­ren wol­len, d.h. kul­tu­relle Kriege gegen Migran­tIn­nen durch for­cierte Isla­mo­pho­bie und mili­tä­ri­sche Kriege gegen Irak und Afgha­nis­tan. Wäh­rend die­ser Zeit und durch diese Mit­tel wer­den wir rekru­tiert für Natio­na­lis­mus und Mili­ta­ris­mus. Gegen­wär­tig behaup­ten viele euro­päi­sche Regie­run­gen, daß unsere schwule, les­bi­sche, queer Frei­heit beschützt wer­den muß, und wir sind gehal­ten, daß der neue Haß gegen Migran­tIn­nen nötig ist, um uns zu schüt­zen. Des­we­gen müs­sen wir nein sagen zu einem sol­chen deal. Und wenn man nein sagen kann unter die­sen Umstän­den, dann nenne ich das Cou­rage. Aber wer sagt nein? Und wer erlebt die­sen Ras­sis­mus? Wer sind die queers, die wirk­lich gegen eine sol­che Poli­tik kämp­fen? Wenn ich also einen Preis für Cou­rage anneh­men würde, dann müßte ich den Preis direkt an jene wei­ter­rei­chen, die wirk­lich Cou­rage demons­trie­ren. Wenn ich so könnte, dann würde ich den Preis wei­ter­rei­chen an fol­gende Grup­pen: […]“

Anmer­kun­gen:
1. Es folgt in der Rede eine Auf­zäh­lung und kurze Vor­stel­lung ver­schie­de­ner Grup­pen. (Viel­leicht habe ich spä­ter noch Muße das Video wei­ter abzu­tip­pen.)
2. Rassismus-​​Vorwürfe zu erhe­ben, ohne ein ein­zi­ges kon­kre­tes Bei­spiel, ein ein­zi­ges kon­kre­tes Zitat zu nen­nen, ist immer und auch im vor­lie­gen­den Fall zu kri­ti­sie­ren. Im vor­lie­gen­den Fall bleibt außer­dem noch in der Schwebe, ob sich die Ver­an­stal­te­rIn­nen selbst ras­sis­tisch geäu­ßert haben sol­len oder sich nur nicht dis­tan­ziert haben.
3. Eine sol­che Vor­ge­hens­weise gießt nur Öl in eine Debatte zwi­schen ‚anti­na­tio­na­len’ (ehe­mals: anti­deut­schen) und ‚anti­im­pe­ria­lis­ti­schen’ Grup­pen, deren sach­li­cher Kern seit Jah­ren immer mehr mit wech­sel­sei­ti­gen Rassismus-​​ und Antisemitismus-​​Vorwürfen, die in der Regel kaum oder nur sehr vage begrün­det wer­den, zuge­schüt­tet wird.
4. Zwei­fels­ohne ist es von Ber­ke­ley aus schwie­rig, sich zu sol­chen Ber­li­ner Lokal­strei­tig­kei­ten fun­diert und mit kon­kre­ten Bele­gen zu äußern. Aber das zeigt nur wie­der ein­mal, wie schwie­rig ist es, welt­weit poli­tisch inter­ve­nie­ren zu wol­len.
Fun­dierte Dis­kus­sio­nen, zumal wenn es um Details kon­kre­ter poli­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen geht, benö­ti­gen den Aus­tausch von Detail-​​Wissen, und die­ser Aus­tausch benö­tigt auch unter heu­ti­gen Bedin­gun­gen erheb­li­che Zeit. Das inter­na­tio­nale Feld sollte auch heute in aller­ers­ter Linie ein Feld der theo­re­ti­schen Dis­kus­sion (ohne Zeit­druck), nicht des direk­ten poli­ti­schen Inter­ve­nie­rens (unter Zeit­druck) sein.
5. Jedes Inter­ve­nie­ren von Ferne beinhal­tet die Gefahr von Pater­na­lis­mus und Alternativ-​​Imperialismus. Wenn auch meine Sym­pa­thien alles andere als bei der refor­mis­ti­schen, kon­su­mis­ti­schen und kom­mer­zia­li­sierte Pra­xis des main­stream-CSD liegt (und erst­recht jede Sorge vor einer Kolo­nia­li­sie­rung deut­scher CSD-​​Veranstaltungen durch us-​​amerikanische Intel­lek­tu­elle fehl am Platze wäre), zeigt dies Bei­spiel von Rassismus-​​Vorwürfen ohne Belege doch, daß diese Methode des Inter­ve­nie­rens von Ferne als sol­che pro­ble­ma­tisch ist. Die fal­sche Methode wird nicht rich­tig, wenn sie für die gute Sache ange­wen­det wer­den.
6. Ohne für Mittellinien-​​Seichtigkeit und öffentlich-​​rechtliche Aus­ge­wo­gen­heit plä­die­ren zu wol­len, weist die Rede, jeden­falls soweit sie in dem ver­link­ten Video auf­ge­zeich­net wurde, doch eine gra­vie­rende Leer­stelle auf: Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land, Anti­se­mi­tis­mus welt­weit, kommt in dem auf­ge­zeich­ne­ten Rede-​​Teil nicht vor.2 Und auch, daß es tat­säch­lich isla­misch (genauso wie christ­lich) begrün­dete Trans-​​ und Homo­pho­bie gibt, kommt in dem auf­ge­zeich­ne­ten Rede-​​Teil nicht vor.
Lin­ker Anti­im­pe­ria­lis­mus kann nur rekon­stru­iert wer­den, wenn infla­tio­näre Antisemitismus-​​Vorwürfe der einen Seite nicht mit Schwei­gen zu Anti­se­mi­tis­mus von der ande­ren Seite beant­wor­tet wer­den.
Lin­ker Anti­im­pe­ria­lis­mus sollte sich weder impe­ria­lis­ti­schen Natio­na­lis­mus noch anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Gegen-​​Nationalismus zu eigen machen. Lin­ker Anti­im­pe­ria­lis­mus muß von einem anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen, femi­nis­ti­schen, anti­ras­sis­ti­schen und gegen Anti­se­mi­tis­mus gerich­te­ten Stand­punkt aus erfol­gen. Lin­ker Anti­im­pe­ria­lis­mus kann nur rekon­stru­iert wer­den, wenn der Anti­im­pe­ria­lis­mus nicht zu einer Unter­ord­nung unter anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Gegen-​​Nationalismus führt.
7. Zur Reak­tion der Mode­ra­to­ren auf die Preisannahme-​​Verweigerung ist alles nötig im blog im gar­ten mit satie bereits gesagt.
8. Wei­tere Anmer­kun­gen zur Preisannahme-​​Verweigerung und Hin­weise auf wei­ter­füh­rende links fin­den sich dort: http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​0​/​e​i​n​e​-​r​a​d​i​k​a​l​e​-​g​e​s​t​e​-​m​i​t​-​s​c​h​a​l​e​m​-​n​e​b​e​n​g​e​s​c​h​mack/.

Nach­trag vom 25.06.2010:
► Offi­zi­elle CSD-​​Stellungnahme zu But­lers Preisannahme-​​Verweigerung [nebst Über­sicht über die bis­he­rige Dis­kus­sion]
http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​2​5​/​o​f​f​i​z​i​e​l​l​e​-​c​s​d​-​s​t​e​l​l​u​n​g​n​a​h​m​e​-​z​u​-​b​u​t​l​e​r​s​-​p​r​e​i​s​a​n​n​a​h​m​e​-​v​e​r​w​e​i​g​e​rung/

  1. Lt. http://​www​.​l​-talk​.de/​g​e​s​e​l​l​s​c​h​a​f​t​e​n​/​j​u​d​i​t​h​-​b​u​t​l​e​r​-​c​s​d​-​n​i​c​h​t​-​a​n​t​i​r​a​s​s​i​s​t​i​s​c​h​-​g​e​n​u​g​.html soll es sich nur um einige Sekun­den han­deln, die feh­len. [zurück]
  2. Vgl. dazu auch bereits zu dem Vor­trag, den Judith But­ler am Frei­tag­abend in der Ber­li­ner Volks­bühne hielt: „Manch­mal wird es ein biss­chen brenz­lig. Etwa dann, wenn But­ler sich eher unkri­tisch mit Paläs­ti­nen­sern soli­da­ri­siert, ohne mit einem Wort auf die eben­falls pre­käre Lage Isra­els ein­zu­ge­hen.“ (http://​thea​ter​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​1​9​/​j​u​d​i​t​h​-​b​u​t​l​e​r​-​i​n​-​d​e​r​-​v​o​l​k​s​b​u​ehne/ und http://​thea​ter​.blog​sport​.de/​2​0​1​0​/​0​6​/​1​9​/​j​u​d​i​t​h​-​b​u​t​l​e​r​-​i​n​-​d​e​r​-​v​o​l​k​s​b​u​e​h​n​e​/​#​c​o​m​m​ent-3) [zurück]
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3 Antworten auf „Abschrift der Preis-Annahme-Verweigerungsrede von Judith Butler beim CSD in Berlin“


  1. 1 Paula 22. Juni 2010 um 5:50 Uhr

    Hallo,

    hier der Anfang der Rede, aber vielleicht fehlt immer noch was:

    http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=19172&mode=play

  2. 2 TaP 22. Juni 2010 um 9:56 Uhr

    Vielen Dank.

    Der dort gezeigte Anfangssatz der Rede lautet: „Wenn ich darüber nachdenke, was es heutzutage heißt, einen solchen Preis zu akzeptieren, dann finde ich, daß ich meine Courage eher verlieren würde, wenn ich ihn unter den gegenwärtigen politischen Bedingungen einfach akzeptiere.“

    Der Anfang des bereits bekannten Videos („[…] zum Beispiel einige der VeranstalterInnen haben sich explizit rassistisch geäußert beziehungsweise sich nicht von diesen Äußerungen distanziert.“) deutet aus grammatikalischen Gründen darauf hin, daß immer noch ein Stück fehlt.

  1. 1 “Von dieser rassistischen Komplizenschaft muss ich mich distanzieren” « rhizom Pingback am 20. Juni 2010 um 22:39 Uhr

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