Archiv für Juni 2010

Noch einmal zu den Rassismus-Vorwürfen gegen den Berliner CSD

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Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Stellungnahmen1 zu Judith Butlers Weigerung von vor rund zehn Tagen, den ihr angetragenen Zivilcourage-Preis anzunehmen. Außer der Erklärung von Suspect, die ich am Wochenende der geplatzten Preisverleihung bereits zitiert hatte, die aber auch nicht Bezug nimmt auf konkrete Äußerungen aus dem CSD-Spektrum, wird Butlers Rassismus-Vorwurf in keiner dieser zahlreichen Stellungnahmen mit konkreten Argumenten, geschweige denn Belegen untermauert.

I.

Dies ist umso verwunderlicher, als nicht nur mir aufgefallen ist, daß Butlers Kritik – so berechtigt sie im Grundsatz sein dürfte und so schwierig es für sie selbst von Berkeley aus sein dürfte, ihre Kritik mit konkreten Belegen/Zitaten zu illustrieren – doch etwas in der Luft hängt.

Auf der Seite der Kampagne „IWWIT – ich weiß was ich tu“ („Und, wie sieht’s bei dir aus? Weißt du immer, was du tust, wenn es um den Schutz vor HIV und Aids geht?“) heißt es:

„Sie [Butler] hatte es in ihrer schriftlich vorbereiteten Rede […] bei eher allgemein gehaltenen Aussagen belassen. Warum der Berliner CSD in ihren Augen mit Projekten kooperiere, die sich rassistisch geäußert hätten, erklärte sie nicht.
Viele CSD-Besucher empfanden Butlers Rede daher als dürftig. Von einer renommierten Denkerin hätte man zumindest eine differenzierte Begründung erwartet, hieß es. Zumal Butler nach der Preisverleihung, die keine war, rasch das Weite suchte. Hintergrund des Rassismus-Vorwurfs ist vermutlich ein alter Streit in der Berliner Szene: Das Anti-Gewalt-Projekt Maneo, das zum schwulen Info- und Beratungszentrum Mann-O-Meter gehört, hat in seinen Angaben über die Täter bei antischwuler Gewalt immer wieder auch Angaben über deren Migrationshintergrund gemacht. […]. Aber wie gesagt: Diese Debatte, die eine differenzierte und verantwortungsbewusste Diskussion verlangt, wurde auf der CSD-Bühne nicht ausdrücklich erwähnt.“

Insofern liegt es nahe, wie Antje Schrupp in ihrem feministischen blog „Aus Liebe zur Freiheit“ zu schlußfolgern, daß die Sache „leicht auf eine moralische Schiene hinaus“ laufe. Antje führt weiter aus, das führe „zu einer Konkurrenz darum, wer radikaler ist und mehr Recht hat als die anderen.“ Letzteres finde ich nun meinerseits durchaus unproblematisch.

Aber problematisch ist, daß die Ansprüche auf Radikalität und Recht haben nicht mit mehr Belegen und Argumenten untermauert werden.

Judith sagte: „einige der VeranstalterInnen haben sich explizit rassistisch geäußert beziehungsweise sich nicht von diesen Äußerungen distanziert.“

Zumindest den in die Berliner Diskussion involvierten Gruppen sollte es doch wohl möglich sein, klar zu benennen: Wer/welche hat wann was gesagt? Warum soll das rassistisch sein? Und wer/welche hat es versäumt, sich von den umstrittenen Äußerungen zu distanzieren? (vgl. Nr. 3. der Anm.). Und in welcher Beziehung stehen diese Leute zum CSD bzw. den PreisverleiherInnen? Warum gibt es auch jetzt, rund 1 ½ Wochen nach dem Ereignis, immer noch kein Dossier/Pressemappe o.ä. dazu (vgl. dort)?

II.

Mädchenmannschaft-Leser Andreas hat sich jetzt die Mühe gemacht, zumindest mal drei links zum Stand der Debatte vor Judith Butlers Intervention zusammenzustellen: (mehr…)

Die taz von heute verwechselt die chinesische mit der „schlesischen“ Kulturrevolution

„‚Ich will es mit den Worten der schlesischen Kulturrevolution sagen: Wir müssen das Hauptquartier dieser Philosophenkönige bombardieren, wenn der Kommunismus nicht erneut eine Herrschaftsideologie werden soll.‘ Lachen, Applaus, zustimmende Rufe und Pfiffe für diesen Diskussionsbeitrag aus dem Publikum markierten das Ende einer dreitägigen Konferenz, die dieses Wochenende unter dem Titel ‚Idee des Kommunismus‘ in der Berliner Volksbühne stattfand.“

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2010%2F06%2F29%2Fa0051&cHash=24bffd93be

Vgl.:
Bombardiert das Hauptquartier der Philosophen-Könige
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/06/27/bombardiert-das-hauptquartier-der-philosophen-koenige-oder/.

Bombardiert das Hauptquartier der Philosophen-Könige

English version: http://qlipoth.blogspot.com/2010/07/idea-of-communism-from-to-z.html

oder: Lassen wir ihnen ihren Alterssitz im Elfenbeinturm des Universalismus?

Was hat es auf sich mit der „Idee des Kommunismus“? – so läßt sich nach Abschluß der Kommunismus-Konferenz in der Berliner Volksbühne, die unter eben diesem Titel tagte, fragen. Feststellen läßt sich eines: Beim Kongreß war das Universelle gegenüber dem Partikularen stets präsent. Und etwas Strukturelles fiel auf: Unter 17 ReferentInnen gab es nur eine Frau.1

Ich dokumentiere im Folgenden mein – leicht überarbeitetes und erweitertes – Statement in der Abschlußdiskussion des Kongresses.

Das Universelle war das beherrschende Thema des Kongresses. Dabei plädierten die meisten ReferentInnen für das Universelle, die Gemeinschaft, die Gleichheit und zeigten eine Geringschätzung des Partikularen. Aus dem Publikum gab es Kritik, und anderen unter anderem mit dem Verweis auf Marx’ Kritik des Gothaer Programms, wo Marx den Kommunismus nicht durch die Gleichheit, sondern durch die Befriedigung der unterschiedlichen Bedürfnisse charakterisiert sah (‚Jedem nach seinen Bedürfnissen.’). Lenin stimmte dem in Staat und Revolution vehement zu, und erklärte die Gleichsetzung von Kommunismus und Gleichheit für eine Verzerrung des Kommunismus durch „bürgerliche Professoren“. Waren die ReferentInnen der Konferenz eben solche? (mehr…)

Männer-Kommunismus mit Alibi-Frau im Reich der Ideen – ein Zwischenbericht aus der Berliner Volksbühne

Wenn sie so weiter machen, haben sie gute Chancen, bis Sonntag die Zahl des Publikums auf die Anzahl der ReferentInnen zu reduzieren.

Neue Text von mir beim Mädchenblog (aktualisiert)

► Judith Butler über „soziale Gerechtigkeit“ sowie high und happy in den Straßen feiern (Interview) [mit Anmerkungen]
http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/22/judith-butler-ueber-soziale-gerechtigkeit-sowie-high-und-happy-in-den-strassen-feiern-interview/

► Noch ein paar Nachträge: Butler und der Berliner CSD
http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/22/noch-ein-paar-nachtraege-butler-und-berliner-csd/ (mehr…)

Für Antiimperialismus ohne Gegen-Nationalismus!

Im Gegensatz zur späteren Praxis des ‚real’sozialistischen Lagers und auch vieler post-’68 sozialer Bewegungen postulierte Lenin, daß sich KommunistInnen nicht positiv auf Nationalismen beziehen sollten: Die Haltung von KommunistInnen zum Nationalismus ist eine analytische Anerkennung, keine Identifikation.

„Der Grundsatz der Nationalität ist in der bürgerlichen Gesellschaft unvermeidlich, und der Marxist, der mit dieser Gesellschaft rechnet, erkennt die geschichtliche Berechtigung nationaler Bewegungen durchaus an. Damit aber diese Anerkennung nicht zu einer Apologie des Nationalismus werde, muß sie sich strengstens auf das beschränken, was an diesen Bewegungen fortschrittlich ist, damit sie nicht zur Vernebelung des proletarischen Klassenbewußtseins durch die bürgerliche Ideologie führe. Fortschrittlich ist das Erwachen der Massen aus dem feudalen Schlaf, ihr Kampf gegen Unterdrückung, für die Souveränität des Volkes, für die Souveränität der Nation [statt des Monarchen, TaP]. Daher die unbedingte Pflicht des Marxisten, auf allen Teilgebieten der nationalen Frage den entschiedensten und konsequentesten Demokratismus zu verfechten. Das ist in der Hauptsache eine negative Aufgabe. Weiter darf das Proletariat in der Unterstützung des Nationalismus nicht gehen, denn dann beginnt die ‘positive’ (bejahende) Tätigkeit der nach Stärkung des Nationalismus strebenden Bourgeoisie. Jedes feudale Joch, jede nationale Unterdrückung, jedwede Privilegien einer der Nationen oder Sprachen abzuschütteln, ist die unbedingte Pflicht des Proletariats als einer demokratischen Kraft, ist das unbedingte Interesse des proletarischen Klassenkampfes, der durch den nationalen Hader verdunkelt und gehemmt wird. Aber den bürgerlichen Nationalismus über diese streng gezogenen, durch einen bestimmten historischen Rahmen gegebenen Grenzen hinaus zu fördern, heißt das Proletariat verraten und sich auf die Seite der Bourgeoisie schlagen.“ (LW 20, 19 f.; engl.).

Und zumindest hinsichtlich der Klassenverhältnisse war ihm klar:

„Die kommunistische Partei, [… muß] auch in der nationalen Frage […] ausgehen: erstens von einer genauen Einschätzung der konkreten historischen und vor allem ökonomischen Situation; zweitens von einer klaren Herauslösung der Interessen der unterdrückten Klassen, der Werktätigen, der Ausgebeuteten, aus dem allgemeinen Begriff der Volksinteressen schlecht hin; […].“

„Die Kommunistische Internationale muß ein zeitweiliges Bündnis mit der bürgerlichen Demokratie der Kolonien und der zurückgebliebenen Länder eingehen, darf sich aber nicht mit ihr verschmelzen, sondern muß unbedingt die Selbständigkeit der proletarischen Bewegung – sogar in ihrer Keimform – wahren; […].“ (LW 31, 133, 138; engl.)

Diese Einsichten gilt es heute für die anderen gesellschaftlichen Antagonismen zu aktualisieren. Die Rekonstruktion eines revolutionären, linken Antiimperialismus ist nur zu haben, wenn sie nicht mit einer erneuter Verschmelzung mit Gegen-Nationalismen verbunden wird.

Vgl. auch: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/06/01/aus-gegebenen-anlass-alternativer-imperialismus-oder-antiimperialismus/: Die Praxis des Antiimperialismus sollte in der Bekämpfung des ‚eigenen‘ Imperialismus, nicht in der Unterstüzung von Gegen-Nationalismen bestehen.

Abschrift der Preis-Annahme-Verweigerungsrede von Judith Butler beim CSD in Berlin

Bei YouTube gibt es einen Video-Mitschnitt, der allerdings erst während der schon begonnenen Rede einsetzt1:

„[…] zum Beispiel einige der VeranstalterInnen haben sich explizit rassistisch geäußert beziehungsweise sich nicht von diesen Äußerungen distanziert. Die veranstaltenden Organisationen weigern sich, antirassistische Politiken als wesentlichen Teil ihrer Arbeit zu verstehen. In diesem Sinne muß ich mich von {dieser Komplizenschaft mit? – nicht genau zu verstehen, TaP} Rassismus, einschließlich antimuslimischen Rassismus, distanzieren. Wir haben alle bemerkt, daß Homo-, Bi-, Lesbisch-, Trans-, Queer-Leute benutzt werden können von jenen, die Kriege führen wollen, d.h. kulturelle Kriege gegen MigrantInnen durch forcierte Islamophobie und militärische Kriege gegen Irak und Afghanistan. Während dieser Zeit und durch diese Mittel werden wir rekrutiert für Nationalismus und Militarismus. Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, daß unsere schwule, lesbische, queer Freiheit beschützt werden muß, und wir sind gehalten, daß der neue Haß gegen MigrantInnen nötig ist, um uns zu schützen. Deswegen müssen wir nein sagen zu einem solchen deal. Und wenn man nein sagen kann unter diesen Umständen, dann nenne ich das Courage. Aber wer sagt nein? Und wer erlebt diesen Rassismus? Wer sind die queers, die wirklich gegen eine solche Politik kämpfen? Wenn ich also einen Preis für Courage annehmen würde, dann müßte ich den Preis direkt an jene weiterreichen, die wirklich Courage demonstrieren. Wenn ich so könnte, dann würde ich den Preis weiterreichen an folgende Gruppen: […]“

Anmerkungen:
1. Es folgt in der Rede eine Aufzählung und kurze Vorstellung verschiedener Gruppen. (Vielleicht habe ich später noch Muße das Video weiter abzutippen.)
2. Rassismus-Vorwürfe zu erheben, ohne ein einziges konkretes Beispiel, ein einziges konkretes Zitat zu nennen, ist immer und auch im vorliegenden Fall zu kritisieren. Im vorliegenden Fall bleibt außerdem noch in der Schwebe, ob sich die VeranstalterInnen selbst rassistisch geäußert haben sollen oder sich nur nicht distanziert haben.
3. Eine solche Vorgehensweise gießt nur Öl in eine Debatte zwischen ‚antinationalen’ (ehemals: antideutschen) und ‚antiimperialistischen’ Gruppen, deren sachlicher Kern seit Jahren immer mehr mit wechselseitigen Rassismus- und Antisemitismus-Vorwürfen, die in der Regel kaum oder nur sehr vage begründet werden, zugeschüttet wird.
4. Zweifelsohne ist es von Berkeley aus schwierig, sich zu solchen Berliner Lokalstreitigkeiten fundiert und mit konkreten Belegen zu äußern. Aber das zeigt nur wieder einmal, wie schwierig ist es, weltweit politisch intervenieren zu wollen.
Fundierte Diskussionen, zumal wenn es um Details konkreter politischer Auseinandersetzungen geht, benötigen den Austausch von Detail-Wissen, und dieser Austausch benötigt auch unter heutigen Bedingungen erhebliche Zeit. Das internationale Feld sollte auch heute in allererster Linie ein Feld der theoretischen Diskussion (ohne Zeitdruck), nicht des direkten politischen Intervenierens (unter Zeitdruck) sein.
5. Jedes Intervenieren von Ferne beinhaltet die Gefahr von Paternalismus und Alternativ-Imperialismus. Wenn auch meine Sympathien alles andere als bei der reformistischen, konsumistischen und kommerzialisierte Praxis des mainstream-CSD liegt (und erstrecht jede Sorge vor einer Kolonialisierung deutscher CSD-Veranstaltungen durch us-amerikanische Intellektuelle fehl am Platze wäre), zeigt dies Beispiel von Rassismus-Vorwürfen ohne Belege doch, daß diese Methode des Intervenierens von Ferne als solche problematisch ist. Die falsche Methode wird nicht richtig, wenn sie für die gute Sache angewendet werden.
6. Ohne für Mittellinien-Seichtigkeit und öffentlich-rechtliche Ausgewogenheit plädieren zu wollen, weist die Rede, jedenfalls soweit sie in dem verlinkten Video aufgezeichnet wurde, doch eine gravierende Leerstelle auf: Antisemitismus in Deutschland, Antisemitismus weltweit, kommt in dem aufgezeichneten Rede-Teil nicht vor.2 Und auch, daß es tatsächlich islamisch (genauso wie christlich) begründete Trans- und Homophobie gibt, kommt in dem aufgezeichneten Rede-Teil nicht vor.
Linker Antiimperialismus kann nur rekonstruiert werden, wenn inflationäre Antisemitismus-Vorwürfe der einen Seite nicht mit Schweigen zu Antisemitismus von der anderen Seite beantwortet werden.
Linker Antiimperialismus sollte sich weder imperialistischen Nationalismus noch antiimperialistischen Gegen-Nationalismus zu eigen machen. Linker Antiimperialismus muß von einem antikapitalistischen, feministischen, antirassistischen und gegen Antisemitismus gerichteten Standpunkt aus erfolgen. Linker Antiimperialismus kann nur rekonstruiert werden, wenn der Antiimperialismus nicht zu einer Unterordnung unter antiimperialistischen Gegen-Nationalismus führt.
7. Zur Reaktion der Moderatoren auf die Preisannahme-Verweigerung ist alles nötig im blog im garten mit satie bereits gesagt.
8. Weitere Anmerkungen zur Preisannahme-Verweigerung und Hinweise auf weiterführende links finden sich dort: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/06/20/eine-radikale-geste-mit-schalem-nebengeschmack/.


Nachtrag vom 25.06.2010:
► Offizielle CSD-Stellungnahme zu Butlers Preisannahme-Verweigerung [nebst Übersicht über die bisherige Diskussion]
http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/25/offizielle-csd-stellungnahme-zu-butlers-preisannahme-verweigerung/

  1. Lt. http://www.l-talk.de/gesellschaften/judith-butler-csd-nicht-antirassistisch-genug.html soll es sich nur um einige Sekunden handeln, die fehlen. [zurück]
  2. Vgl. dazu auch bereits zu dem Vortrag, den Judith Butler am Freitagabend in der Berliner Volksbühne hielt: „Manchmal wird es ein bisschen brenzlig. Etwa dann, wenn Butler sich eher unkritisch mit Palästinensern solidarisiert, ohne mit einem Wort auf die ebenfalls prekäre Lage Israels einzugehen.“ (http://theater.blogsport.de/2010/06/19/judith-butler-in-der-volksbuehne/ und http://theater.blogsport.de/2010/06/19/judith-butler-in-der-volksbuehne/#comment-3) [zurück]

Eine radikale Geste mit schalem Nebengeschmack

Wie verschiedene Medien berichten, hat Judith Butler den ihr angetragenen „Zivilcourage-Preis“ auf der Berliner Christopher Street Day-Veranstaltung ausgeschlagen. „Die Veranstaltung sei ihr zu kommerziell und oberflächlich.“, so heißt es in der Frankfurter Rundschau. Diese Kritik ist alle mal richtig, hat aber einen etwas schalen Nebengeschmack, da sich Butlers Rede bei einer anderen Veranstaltung am Vorabend in der Berliner Volksbühne auch nicht gerade vor Radikalität überschlug: Eine Anhäufung ‚ewiger Wahrheiten’ über Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. „Das ist ja wie im Gemeinschaftskundeunterricht“, meinte eine meiner BegleiterInnen. De-Konstruktion wäre in der Tat etwas anderes gewesen.

Weiter heißt es in dem FR-Bericht: „Die Veranstaltung […] richte sich nicht genügend gegen Probleme wie Rassismus und doppelte Diskriminierung von beispielsweise Migranten, die homosexuell oder transsexuell empfinden.“

Nun ja, als ob sich politische Radikalität, das an die Wurzeln der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse Gehen, an der Länge des politischen Wunschzettel mißt, also es damit getan wäre, einfach auch noch etwas zu Rassismus zu sagen – und nicht daran, ob gesellschaftliche Antagonismen als solche erkannt und benannt werden und Strategien, die dem antagonistischen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse angemessen sind, entwickelt werden. Zu kritisieren wäre also nicht (nur) die Rassismus-Blindheit der offiziellen CSD-Veranstaltung, sondern auch schon die integrationistische und rechts-zentrierte (Homo-Ehe usw.) Art und Weise, in der das den offiziellen CSD tragende Spektrum queere Politik betreibt. Nur – in dieser Hinsicht unterschied sich das, was Judith Butler am Freitagabend vortrug, allenfalls minimal vom schwullesbischen mainstream – obwohl gerade aus de-konstruktivistischer Perspektive einiges Kritisches zu dem Rechtsidealismus und Rechtsvoluntarismus zu sagen wäre, der nicht nur queere Politik prägt, sondern ansonsten durchaus scharf entgegengesetzte linke Strömungen verbindet (vgl. annäherungsweise die dort und dort genannten Texte).

Etwas genauer berichtet der blog im garten mit satie über Butlers Ausführungen zu dem Rassismus-Punkt: „Sie [Butler] habe […] leider […] feststellen müssen, dass sich die Veranstalter_innen des kommerziellen CSDs von rassistischen und islamophoben Äußerungen nicht distanzierten.“ Auch hier bleibt unklar, was genau gemeint ist. Aber das mag weniger der Rednerin als vielleicht vielmehr der Berichterstattung geschuldet sein.1 Gesagt werden könnte und sollte bspw. etwas zu der Tendenz, trans- und homophobe Gewalt zu ethnisieren. Suspect weist in einer Presseerklärung zum hier besprochenen Anlaß darauf hin: „Homophobie und Transphobie werden hier als Probleme von Jugendlichen of Colour umdefiniert, die anscheinend nicht richtig Deutsch können, deren Deutschsein immer hinterfragt bleibt, und die schlicht nicht dazugehören.“

Und was die Vernachlässigung der Thematisierung der „doppelte[n] Diskriminierung von beispielsweise Migranten, die homosexuell oder transsexuell empfinden“ (FR – meine Hv.), bzw. von Menschen, „die in doppelter oder dreifacher Weise diskriminiert würden bspw. wegen ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung, ihrer Religion oder ihres Geschlechtes“ (im garten mit satie – meine Hv.) anbelangt – auch dies bleibt zum einen in der Logik des Quantitativen („doppelt“, „dreifach“), hat aber keinen begrifflichen Zugriff auf gesellschaftliche Strukturen. Und zum anderen: An dieser Stelle scheint es nicht schwerpunktmäßig noch einmal um Rassismus zu gehen, sondern „Migranten“ und „Herkunft“ sind nur beispielhaft genannt. –

Aber: Was ist denn nun mit trans- und homosexuell? Und was ist mit Geschlecht? Daß der queere mainstream über ersteres zu wenig spricht, läßt sich wohl kaum sagen. Und was ist mit Geschlecht? Butler selbst redete am Freitagabend 1 ½ Stunden über trans- und homophobe Gewalt und ein bißchen über Krieg, aber mit keinem Wort über Männergewalt gegen Frauen. Das einzige, was Judith Butler am Freitagabend zum Thema „Geschlecht“ sagte, war eine Annekote über eine Konferenz, zu der sie eingeladen war. Nach der Konferenz wollten die Veranstalterinnen mit ihr in eine Frauenbar gehen, wo als „Frau“ jede gelten sollte, die die Erfahrung hatte, auf der Straße als Frau behandelt zu werden. Auch diese durch und durch soziale und politische und keinesfalls biologistische Definition von „Frau“ war Butler nicht queer genug, nicht transfreundlich (?), nicht männerfreundlich (?) genug.

Auch der Aufruf zum transgenialen CSD, der am kommenden Samstag (26.6.) stattfindet (Route: vom Rathaus Neukölln zum Heinrichplatz in Kreuzberg 36) und auf dessen Seite es weitere links zum Thema gibt, kommt ohne die Wörter „feministisch“ und „Feminismus“ aus, und „geschlecht“ kommt ausschließlich in diesem Satz vor: „Noch immer sind Menschen, die sich nicht in die zweigeschlechtliche heteronormative Welt pressen lassen, von homophober und transphober Gewalt betroffen“.

Der A-, wenn nicht sogar Anti-Feminismus scheint der heimliche Konsens von kommerziellem und transgenialem CSD zu sein. Derartigen Entwicklungen zuzuarbeiten war keinesfalls das Anliegen von Judith Butler, als sie vor rund 20 Jahren gender trouble schrieb:

„Die Vielschichtigkeit der Geschlechtsidentität erfordert eine inter- und postdisziplinäre Serie von Diskursen, um der Domestizierung der Geschlechter- oder Frauenstudien an der Universität zu widerstehen und den Begriff der feministischen Kritik zu radikalisieren.“ (S. 13).

Den Feminismus zu radikalisieren – dieses Anliegen ist heute noch dringender als vor 20 Jahren. Nach der theoretischen De-Konstruktion der Kategorie Geschlecht geht es darum, zur politischen De-Konstruktion der (hetero/a)sexistischen gesellschaftlichen Strukturen zu schreiten. Dafür bedarf es mehr als der liberalen Rede über „Diskriminierungen“, „Menschenrechte“ und der allumfassenden Distanzierung von Gewalt (tCSD: „Wir wenden uns gegen jede Form von sexueller, psychischer und körperlicher Gewalt!“). Dafür bedarf es der Rede über Herrschaft und Ausbeutung und darüber, wie sie beseitigt werden können.

„patriarchy is a differentiated, contradictory structure that historically produces identical effects differently. […]. All these various patriarchal arrangements, in short, produce the same effects: the oppression and exclusion of woman as other, the division of labor according to gender – specifically, the exploitation of women’s labor (whether in the public or private sphere) – and the denial of women’s full access to social resources. Woman thus occupy the ‚same‘ position within patriarchy differently, divided by the conjunctions of race, class, nationality, (post)colo­nialism, and so on“ (Teresa L. Ebert, Ludic Feminism, the Body, Performance, and Labor: Bringing Materialism Back into Feminist Cultural Studies, in: Cultural Critique No. 23, Winter 1992/93, 5-50 [21, 22] – Hv. i. O.)

„daß in zeiten allgemeiner ver-gewalt-ung aller lebensbereiche es keine revo­lutionäre gewalt geben könne, das ist die ebene der sogenannten ‚sozialpartnerschaft’. […]. wer so argumentiert, entwaffnet den auf­stand von unten: direkt und ge­schichtlich, psychologisch, emotional, politisch. […]. ‚gewalt’ wird durch die dauernde berufung zur schlange, vor der die kaninchen erstarren. jede gesellschaftliche auseinandersetzung soll so auf die sogenannte ‚demokratisch-rechtsstaatli­che’ ebene fixiert werden. […]. es ist not­wendig, öffentlich zu unterscheiden zwischen faschisti­scher gewalt, gewaltmonopol des staates und rebellion von unten; es ist notwendig, position zu beziehen. […]. feminis­mus ist nicht nur selbstverteidigung mit dem rücken zur wand und dem grauen im herzen. feminismus ist nicht allein der gesellschaftliche rückzug in frauengemein­schaften. das empören gegen ungerechtigkeit, die wut im bauch, die theorie von unterdrückung und veränderung. feminismus ist mehr als die reaktion auf politische umstände oder materielle bedingungen. feminismus ist das bewußtsein, nicht nur von ursachen der unterdrückung, sondern auch von bedingungen, notwendigkeiten, möglichkeiten der veränderung.“
(Eine feministische Kritik, in: interim, Nr. 229, 25.02.1993, S. 23 – 27).

Vgl. auch noch http://theoriealspraxis.blogsport.de/2007/08/10/de-konstruktiv-oder-destruktiv-queer-lesbianismus/.

Nachtrag vom 25.06.2010:
► Offizielle CSD-Stellungnahme zu Butlers Preisannahme-Verweigerung [nebst Übersicht über die bisherige Diskussion]
http://maedchenblog.blogsport.de/2010/06/25/offizielle-csd-stellungnahme-zu-butlers-preisannahme-verweigerung/

  1. Nachtrag:
    Der mittlerweile veröffentlichte Redemitschnitt ist allerdings auch nicht aufschlußreicher: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2010/06/20/abschrift-der-preis-annahme-verweigerungsrede-von-judith-butler-beim-csd-in-berlin/ (mit weiteren Anmerkungen von mir). [zurück]

Luxemburg und Lenin – Arm in Arm gegen die Kritik des Kapitalismus als „ungerecht“

1918 schrieb Rosa Luxemburg, in einem Kapitel, das sie zu Mehrings Karl Marx. Geschichte seines Lebens (Leipziger Buchdruckerei) beisteuerte: „[…] die Schulen der Sozialisten, die vor Marx auftraten, [erklärten] die Bereicherung der Kapitalisten zu allermeist als glatte Prellerei, ja als Diebstahl an den Arbeitern, der durch die Dazwischenkunft des Geldes oder durch Mangel an Organisation des Produktionsprozesses ermöglicht werde. Von hier aus kamen jene Sozialisten zu verschiedenen utopischen Plänen, wie man durch Abschaffung des Geldes, durch ‚Organisation der Arbeit’ und dergleichen mehr die Ausbeutung beseitigen könne. Marx deckt nun im ersten Band des ‚Kapitals’ die wirkliche Wurzel der kapitalistischen Bereicherung auf. Er befaßt sich weder mit Rechtfertigungsgründen für die Kapitalisten noch mit Anklagen gegen ihre Ungerechtigkeit: […]. Marx erklärt also die kapitalistische Bereicherung nicht als irgendeine Vergütung des Kapitalisten für eingebildete Opfer und Wohltaten und ebensowenig als Prellerei und Diebstahl im landläufige Sinne des Wortes, sondern als ein im Sinne des Strafrechts völlig rechtmäßiges Austauschgeschäft zwischen Kapitalisten und Arbeiter, das sich genau nach denselben Gesetzen abwickelt wie jeder andere Warenkauf und Warenverlauf auch. […]. Er [Marx] hat dargetan, daß die Ausbeutung erst dadurch und lediglich dadurch beseitigt werden kann, daß der Verkauf der Arbeitskraft, will sagen das Lohnsystem, aufgehoben wird.“
(378 – 387 [379, 380; vgl. S. XII zur Autorschaft Luxemburgs] = Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke. Bd. 4, Dietz: Berlin/DDR, 1974, 291 – 301 [292, 293; vgl. zur Erstveröffentlichung: S. 301]).

Und Lenin schrieb 1912 in Zwei Utopien: „Dieser [der utopische] Sozialismus war ‚falsch’, da er den Mehrwert als Ungerechtigkeit der Gesetze des Warenaustauschs erklärte. Gegen diesen Sozialismus hatten die Theoretiker der bürgerlichen politischen Ökonomie im formell ökonomischen Sinn recht, denn aus den Gesetzen des Austauschs ergibt sich der Mehrwert ganz ‚natürlich’, ganz ‚gerecht’.“
(in: ders., Werke. Bd. 18, Dietz: Berlin/DDR, 1962, 347 – 351 [350]).

Lenin über Ferdinand Lassalles Staatssozialismus

„Ihre [Lassalles und der Lassalleaner, DGS] Fehler liefen darauf hin, die Arbeitpartei auf eine bonapartisch-staatssozialistische Linie zu lenken.“

(Wladimir Iljitsch Lenin, August Bebel [1913], in: ders., Werke. Bd. 19, Dietz: Berlin/DDR, 3. Aufl.: 1968 (1. Aufl.: 1962), 285 – 291 [287])

„Their [Lassalle’s and his followers‘, DGS] mistake lay in diverting the workers’ party on to the Bonapartist-state-socialist path.“

http://marxists.anu.edu.au/archive/lenin/works/1913/aug/08.htm

Aus gegebenen Anlaß: Alternativer Imperialismus oder Antiimperialismus?

„Wir Internationalisten, Antiimperialisten, RevolutionärInnen, KommunistInnen, stellen uns gegen die Einmischung der Imperialisten, die für ihre Interessen andere Völker ausbeuten, knechten und mit Kriegen überziehen. Gleichzeitig aber stellen wir uns auf die Seite der Proletarierer und unterdrückten Völker aller Länder. Unsere Haltung ist nicht, die Völker [….] müssen selber sehen, wie sie mit ihren Schlächtern fertig werden. Wir müssen ihren Kampf […] mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen. Unser schlagkräftigster Beitrag ist in unseren jeweiligen Ländern den Imperialismus anzugreifen und zu schlagen. Für uns das der deutsche Imperialismus, ‚unser‘ Hauptfeind und eine der wichtigste Großmächte, […].“

aus: Trotz Alledem, Nr. 54, April 2010, 3 – 11 (11).