Idealistische „Muße für alle“ oder Re-Artikulation des Klassenwiderspruchs?

Vor­be­mer­kung: Theo­rie als Pra­xis hat seit eini­ger Zeit auch ein Facebook-​​Profil. Ohne für Facebook-​​Werbung machen zu wol­len: Wer/​welche eh bei Face­book ist, kann Theo­rie als Pra­xis gerne seiner/​ihrer FreundInnen-​​Liste hin­zu­fü­gen.
Heute wurde ich dort auf den Text Dein Feind: Der Sozi­al­schma­rot­zer von Rai­ner Tram­pert (in den 80er Jah­ren Spre­cher der Grü­nen) in der Jungle World vom 08.04.2010 auf­merk­sam gemacht.
Hier mein Spontan-​​Kommentar dazu:

Schön geschrie­be­ner Text, mit eini­gen rich­ti­gen Argu­men­ten, aber die grund­sätz­li­che Linie, die er vor­schlägt – sich Wes­ter­wel­les und Co. Dekadenz-​​Vorwurf posi­tiv zu eigen zu machen und „Muße für alle“ zu for­dern, ist links­ra­di­ka­ler Idea­lis­mus.

„Wie der Wilde mit der Natur rin­gen muß, um seine Bedürf­nisse zu befrie­di­gen, um sein Leben zu erhal­ten und zu repro­du­zie­ren, so muß es der Zivi­li­sierte, und er muß es in allen Gesell­schafts­for­men und unter allen mög­li­chen Pro­duk­ti­ons­wei­sen. Mit sei­ner Ent­wick­lung erwei­tert sich dies Reich der Natur­not­wen­dig­keit, weil die Bedürf­nisse; aber zugleich erwei­tern sich die Pro­duk­tiv­kräfte, die diese befrie­di­gen. Die Frei­heit in die­sem Gebiet kann nur darin bestehn, daß der ver­ge­sell­schaf­tete Mensch, die asso­zi­ier­ten Pro­du­zen­ten, die­sen ihren Stoff­wech­sel mit der Natur ratio­nell regeln, unter ihre gemein­schaft­li­che Kon­trolle brin­gen, statt von ihm als von einer blin­den Macht beherrscht zu wer­den; ihn mit dem gerings­ten Kraft­auf­wand und unter den ihrer mensch­li­chen Natur wür­digs­ten und adäqua­tes­ten Bedin­gun­gen voll­ziehn. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Not­wen­dig­keit.“
[Marx: Das Kapi­tal, S. 4076 f. Digi­tale Biblio­thek Band 11: Marx/​Engels, S. 7390 f. (vgl. MEW Bd. 25, S. 828) – meine Hv.]

Auch wenn die For­de­rung nach radi­ka­ler Erwerbs­ar­beits­zeit­ver­kür­zung (mit Lohn-​​ und Per­so­nal­aus­gleich) rich­tig ist – das ist immer noch etwas ande­res als „Muße für alle“.

Und die (Reste der) sozia­len Siche­rungs­sys­teme las­sen sich weder ver­tei­di­gen noch gar aus­bauen auf der Grund­lage eines links-​​intellektuellen Pro­gramms des ‚Ich will phi­lo­so­phie­ren – und wer/​welche das Essen pro­du­ziert, die Bücher druckt und die Com­pu­ter baut, inter­es­siert mich nicht‘.

Soziale Siche­rungs­sys­teme las­sen sich selbst in einer post-​​kapitalistischen Gesell­schaft nicht von ihrer Funk­tion der (Re)produktion der Arbeits­kraft (Krank­heit, Aus­bil­dung, Umschu­lung, Flan­kie­rung von indus­tri­el­len Umstruk­tu­ie­run­gen usw.) ablö­sen.

Und in kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft kommt (aus lin­ker Per­spek­tive) noch die Funk­tion der Ver­bes­se­rung der Bedin­gun­gen für den Ver­kauf der Arbeits­kraft hinzu: Sozi­al­leis­tun­gen als Auf­he­bung des unbe­ding­ten Zwangs, die Arbeits­kraft zu ver­kau­fen.

Ein beding­ter Zwang zum Ver­kauf der Ware Arbeits­kraft ist aber in einer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft und ein beding­ter Zwang zum Arbei­ten ist in einer post-​​kapitalistischen Gesell­schaft nicht zu ver­mei­den.

Eine Auf­he­bung des unbe­ding­ten Zwangs zum Arbei­ten ist etwas ande­res als eine unbe­dingte Auf­he­bung des Zwangs zum Arbei­ten.

Die For­de­rung nach einer unbe­dingte Auf­he­bung des Zwangs zum Arbei­ten ist ein idea­lis­ti­scher Schmar­ren, der weder rea­li­ser­bar ist, noch zum drin­gend not­wen­di­gen Bünd­nis von Erwerbs­tä­ti­gen und Erwerbs­ar­beits­lo­sen bei­tra­gen kann.

Die intel­lek­tu­elle Linke sollte der Tat­sa­che ins Auge sehen, daß auch ihre Exis­tenz von Arbeit abhängt (wenn nicht von ihrer eige­nen Arbeit, dann von der Arbeit ande­rer Leute).

Und Wes­ter­wel­les Dekadenz-​​Vorwurf läßt sich – außer in volun­ta­ris­ti­schen Blü­ten­träu­men – nicht ‚offen­siv‘ anneh­men, son­dern nur defen­siv abweh­ren:

Die sozia­len Siche­rungs­sys­teme in der BRD bedeu­ten alles andere als Deka­denz; und auch deren Wie­der­aus­bau würde alles andere als Deka­denz bedeu­ten.
Und auch in einer kom­mu­nis­ti­schen Gesell­schaft wird das Über­le­ben vom „Stoff­wech­sel mit der Natur“ (sei es in Form ‚unbe­rühr­ter‘ Roh­stoffe oder sei sie ihrer­seits schon durch vor­her­ge­hende Arbeit umge­formt), d.h. vom Arbei­ten, abhän­gen.

Mehr Mar­xis­mus bitte. Schluß mit dem stän­di­schen Gegen­ein­an­der von kulturalistisch-​​intellektueller und gewerkschaftlich-​​traditionalistischer Lin­ker!

Sowohl der ver­engte, hand­ar­beits­zen­trierte, mas­ku­li­nis­ti­sche usw. Klas­sen­be­griff der tra­di­tio­na­lis­ti­schen Lin­ken als auch kul­tu­ra­lis­ti­scher Eli­tis­mus der ‚undog­ma­ti­schen‘, ‚post­mo­der­nen‘, ‚intel­lek­tu­el­len‘ oder was auch immer Lin­ken sind fehl am Platze.

Für eine Rear­ti­ku­la­tion lin­ker Gemein­sam­kei­ten auf­grund des Wider­spruchs zwi­schen

++ einer­seits denen, die die große Masse der Pro­duk­ti­ons­mit­tel besit­zen und andere daran arbei­ten las­sen,

und

++ ande­rer­seits denen, die keine Pro­duk­ti­ons­mit­tel oder nur die weni­gen, für ihr ‚Selbst­un­ter­neh­me­rIn­nen­tum‘ erfor­der­li­chen Pro­duk­ti­ons­mit­tel besit­zen.

Für den Kom­mu­nis­mus. Gegen Idea­lis­mus und Stan­des­den­ken.

Vgl. die Debatte zum Thema: Ver­schie­dene Pro­le­ta­riate? beim Insti­tut Soli­da­ri­sche Moderne:

und mei­nen Text:

Exis­tenz­geld – Min­dest­löhne und ‚Poli­ti­sie­rung‘ /​ rich­tige und fal­sche Reform­for­de­run­gen

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1 Antwort auf „Idealistische „Muße für alle“ oder Re-Artikulation des Klassenwiderspruchs?“


  1. 1 TaP 09. Mai 2011 um 14:18 Uhr

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