Subjekt-Konstituierung und Materialismus der Praxis

[Die­ser Text kom­bi­niert Aus­züge aus zwei Kom­men­ta­ren, die ursprüng­lich am 13.10. und 24.10.2009 beim Mäd­chen­blog ver­öf­fent­licht und für die hie­sige Wie­der­ver­öf­fent­li­chung leicht über­ar­bei­tet wur­den.
Für Repli­ken und meine Erwi­de­run­gen dar­auf siehe am Erst­ver­öf­fent­li­chungs­ort.]

I. Was macht Sub­jekte aus: Ein ‚inne­rer Wesens­kern‘ oder Deter­mi­na­tion durch wider­sprüch­li­che gesell­schaft­li­che Ein­flüsse?

@ earen­dil – 12. Okto­ber 2009 um 12:44 Uhr

„Ich halte diese bewuss­ten Ein­fluss­mög­lich­kei­ten auf den Geschmack (mal ganz abge­se­hen davon, dass ich sie über­flüs­sig bis schäd­lich finde) aber für sehr begrenzt, s. noch­mals das Bsp. von homo­pho­ben Homo­se­xu­el­len, deren Sexua­li­tät über­haupt nicht mit ihrer politisch-​​moralischen Agenda zusam­men­geht und die trotz­dem nicht davon las­sen kön­nen.“

Wor­aus erklärt sich die­ses Phä­no­men? Nicht aus einem ‚inne­ren‘ Pesön­lich­keits­kern, son­dern aus der schon mehr­fach erwähn­ten Wider­sprüch­lich­kei­ten der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse:

„[A]ufgrund der dif­fe­ren­zi­el­len Struk­tur“ der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse ist „eine ein­deu­tige Fest­le­gung des indi­vi­du­el­len Han­delns undenk­bar, d.h. die Deter­mi­nie­rung des Indi­vi­du­ums ist in dem Maße wider­sprüch­lich, wie es die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse sind.“1

Und daß es nicht mög­lich ist, zwi­schen domi­nie­ren­den (z.B. Homo­pho­bie) und sub­al­ter­nen (queere Dis­kurse und Kul­tu­ren) gesell­schaft­li­chen Ein­flüsse – jen­seits von Zeit und Raum – ein­fach zu ‚wäh­len‘ hatte ich am 11.10. (zwi­schen den drei ### und den Fuß­no­ten) auch schon betont:

„Was ich völ­lig ein­sehe ist, daß sich das, was man/​frau 20 Jahre lang oder noch län­ger ‚gelernt‘ hat und jeden Tag wie­der neu von ande­ren ‚vor­ge­lebt‘ bekommt,
in Anbe­tracht der gesell­schaft­li­chen Hege­mo­nie­ver­hält­nisse (zah­len­mä­ßige Schwä­che von revo­lu­tio­nä­ren Femi­nis­tin­nen und Lin­ken; große Lücken in der Theo­rie­bil­dung, man­gelnde Orga­ni­sie­rung und soziale Räume usw.)
und
in Anbe­tracht des­sen, daß bestimmte Hand­lungs­wei­sen immer auch ökono­mi­sche Res­sour­cen vor­aus­set­zen, die nicht ohne wei­te­res vor­han­den oder zu erlan­gen sind,
nicht von heute auf mor­gen und auch nicht in ein paar Jah­ren indi­vi­du­ell abstrei­fen läßt, ---
aber diese gesell­schaft­li­che Deter­mi­nie­rung auf irgend­ein ‚Inne­res‘ zu schie­ben, sehe ich wei­ter­hin nicht ein.“ (TaP – 11. Okto­ber 2009 um 15:55 Uhr)

Aber dies ver­weist – im Gegen­satz zur Behaup­tung eines inne­ren (sei es bio­lo­gi­schen oder psy­chi­schen oder was Ihr Euch auch immer vor­stellt) ‚Wesens­kerns‘ – immer­hin auf die poli­ti­sche Pra­xis und Aus­ein­an­der­set­zung. Deren Erfolg ist zwar nie garan­tiert, aber auf­grund der – unein­deu­ti­gen – Deter­mi­nie­rung der Indi­vi­duen durch die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse (und nicht durch ein ‚inne­res Wesen‘) auch nicht müßig (vgl. über­haupt zur gesell­schaft­li­chen Deter­mi­nie­rung der Indi­vi­duen auch noch dort sowie hier unten Abschnitt II.2.).

II. Idea­lis­mus des Bewußt­seins oder Mate­ria­lis­mus der Pra­xis?

1. Bestimmt das Bewußt­sein das Sein? Oder das Sein das Bewußt­sein?

Ich hatte am 11. Okto­ber (TaP – 15:55 h) Alt­hus­sers an Pas­cal ange­lehnte Wen­dung „Kniee nie­der und bewege die Lip­pen zum Gebet und Du wirst glau­ben“ (die Wen­dung mit ihrem Kon­text hatte ich bereits zuvor zitiert[TaP – 30.09.; 20:34 h] ange­führt2):

„Die sub-​​jekt-​​Identität ändert sich in dem Moment, wo ein sub-​​jekt anfängt zu han­deln oder nicht zu han­deln (z.B. ein ‚Mäd­chen’ anfängt zu boxen; ein ‚Mann’ anfängt, sich pene­trie­ren zu las­sen – eine Schwalbe macht frei­lich noch kei­nen Früh­ling). Noch ein­mal Althusser/​Pascal: ‚Kniee nie­der und bewege die Lip­pen zum Gebet und Du wirst glau­ben‘. Pri­mat der Pra­xis statt Idea­lis­mus des Bewußt­seins! Oder der glei­che Gedanke mit ande­rem theo­re­ti­schen back­ground (Eth­no­me­tho­do­lo­gie statt [Post]Strukuralismus): ‚Doing gen­der ist ein geglie­der­tes Gan­zes [eine Struk­tur] von sozial gesteu­er­ten, wahrnehmungs-​​bezogenen und mikro­po­li­ti­schen Tätig­kei­ten und Inter­ak­tio­nen […]. Wenn wir gen­der als etwas Her­ge­stell­tes anse­hen, als ein pro­du­zier­tes Merk­mal [gesell­schaft­lich] situ­ier­ten Ver­hal­tens, dann ver­schiebt sich unsere Auf­merk­sam­keit weg von Din­gen im Innern von Indi­vi­duen und rich­tet sich [statt des­sen] auf insti­tu­tio­na­li­sierte Kampf­plätze, an denen inter­agiert wird. […]. Gen­der ist Bewäl­ti­gung [Erle­di­gung] [gesell­schaft­lich] situ­ier­ten Ver­hal­tens im Lichte von nor­ma­ti­ven Kon­zep­tio­nen für Hal­tun­gen und Hand­lun­gen.‘ (Can­dace West /​ Don H. Zim­mer­mann, Doing gen­der, in: Judith Lor­ber /​ Susan A. Farell (Hg.), The Social Con­struc­tion of Gen­der, Sage: New­bury Park /​ Lon­don /​ New Dehli, 1991, 13 – 37 [14] – eigene Über­set­zung)“3

Dage­gen wand­ten earen­dil und big­mouth ein:

earen­dil – 12. Okto­ber 2009 um 12:44 Uhr

„Wer sich zum Gebet nie­der­kniet, glaubt schon vor­her oder will glau­ben. […]. Du kannst Sein und Bewusst­sein nicht ein­fach in eins set­zen,“

Und big­mouth – 12. Okto­ber 2009 um 13:25 Uhr:

„die these, dass es vor hand­lun­gen kein ‚inne­res‘ gibt, halte ich für offen­kun­dig falsch. es gibt zb sexu­elle ori­en­tie­rung, die der rea­li­sie­rung des ers­ten geschlechts­akts vor­ge­la­gert ist – und sich in fan­ta­sien, bil­dern, bevor­zu­gung von mas­tur­ba­ti­ons­vor­la­gen usw. aus­drückt“

a) Nur noch mal zur Klar­stel­lung: Dar­auf, daß Alt­hus­ser sei­ner­seits die idea­lis­ti­sche Chro­no­lo­gie von Den­ken und Han­deln nicht ein­fach umdreht, son­dern es ihm um das ana­ly­tisch-mate­ria­lis­ti­sche Pri­mat der Pra­xis geht, hatte ich – qua Müller-​​Tuckfeld-​​Zitat – schon betont, als ich die Althusser/​Pascal-​​Stelle das erste Mal anführte:

„Der Ver­weis auf Pasa­cal hat bei Alt­hus­ser zu Recht nicht den Sinn, das Knien als zeit­lich vor­gän­gig zum Glau­ben zu behaup­ten, son­dern auf der Mate­ria­li­tät der Ideo­lo­gie, als ein­ge­schrie­ben in Pra­xen und Rituale, zu beste­hen.“ (Müller-​​Tuckfeld, in: ders./Böke/Reinfeld [Hg.], Denk-​​Prozesse nach Alt­hus­ser, Ber­lin, 1994, 200)

b) Die idea­lis­ti­sche Chro­no­lo­gie ist aller­dings im Sinne eines ana­ly­ti­schen Pri­mats des indi­vi­du­el­len Den­kens nicht halt­bar.
Wir sind uns einig, daß ein Wille, daß Bewußt­sein, daß Den­ken etwas ande­res ist als ein Reflex oder ein Instinkt, oder?
Und wir sind uns auch einig, daß auch eine sexu­elle Ori­en­tie­rung etwas ande­res ist als ein Reflex oder ein Instinkt, oder? Begeh­ren ohne Den­ken dürfte schwie­rig sein…
Den­ken ohne Spra­che, ein Wille, ein Bewußt­sein, der bzw. das nicht nicht in Worte gefaßt ist (zumin­dest als stum­mes Selbst­ge­spräch), ist aber unmög­lich:

„die Spra­che ist das prak­ti­sche, […] also auch für mich selbst erst exis­tie­rende wirk­li­che Bewußt­sein“ (MEW 3, 30)

„die Spra­che […] ist das Vehi­kel des Den­kens“ (Lud­wig Witt­gen­stein, Phi­lo­so­phi­sche Unter­su­chun­gen, in: ders., Werk­aus­gabe. Bd. 1, S. 225-​​580 [384, Nr. 329])

Und Spra­che ist ihrer­seits sozial:

„die Spra­che ent­steht, wie das Bewußt­sein, erst aus dem Bedürf­nis, der Not­durft des Ver­kehrs mit andern Men­schen […]. Bewußt­sein ist also von vorn­her­ein schon ein gesell­schaft­li­ches Pro­dukt und bleibt es, solange über­haupt Men­schen exis­tie­ren.“ (MEW 3, 30, 31)

„Die Spra­che [… ist] sozial […]. In jeder belie­bi­gen Epo­che, soweit wir auch zurück­ge­hen mögen, erscheint die Spra­che immer als das Erbe der vor­aus­ge­hen­den Epo­che. […]. In Wahr­heit hat keine Gemein­schaft die Spra­che je anders gekannt denn als ein von den frü­he­ren Gene­ra­tio­nen ererb­tes Pro­dukt, das man so wie es war, zu über­neh­men hatte.“ (Fer­di­nand de Saus­sure, Grund­fra­gen der all­ge­mei­nen Sprach­wis­sen­schaft (1915), hrsg. von Charles Bally /​ Albert Seche­haye unter Mit­wir­kung von Albert Ried­lin­ger, [West]berlin: Wal­ter de Gruy­ter & Co, 1. Aufl.: 1931, 2. Aufl.: 1967, 22, 83, 84).

Es mag eine „sexu­elle ori­en­tie­rung [… vor] der rea­li­sie­rung des ers­ten geschlechts­akts“ geben, aber sie ist weder un-​​gesellschaftlich noch un-​​praktisch noch unver­än­der­lich.
Allein schon die Vor­stel­lung, daß es über­haupt so etwas wie eine „sexu­elle Ori­en­tie­rung“ gibt, ist his­to­risch unheim­lich vor­aus­set­zungs­voll (vgl. dort); und deren kon­kre­ter Inhalt taucht nicht im Inne­ren eines Indi­vi­du­ums aus dem Nichts auf, son­dern über­haupt nur durch vor­ge­hende Rezep­tion von lite­ra­ri­schen, jour­na­lis­ti­schen, fil­mi­schen usw. „fan­ta­sien, bil­dern, [… und] mas­tur­ba­ti­ons­vor­la­gen usw.“ Und diese Rezep­tion ist schon Pra­xis; das Benut­zen einer Mas­tur­ba­ti­ons­vor­lage ist schon ‚nie­der knieen‘ im Sinne von Alt­hus­ser und Pas­cal; je nach Gen­derung von Per­son und Vor­lage wird dabei schon eine bestimmte sexu­elle Ori­en­tie­rung gelebt; da ist kein ‚rein Bewußt­sein‘.

2. Die gesell­schaft­li­che Kon­sti­tu­ie­rung der Indi­vi­duen

@ earen­dil – 12. Okto­ber 2009 um 12:44 Uhr

„Du kannst Sein und Bewusst­sein nicht ein­fach in eins set­zen, du musst dir schon angu­cken, was die Men­schen zu und bei ihrem Tun bewegt, was sie dar­über den­ken usw.“

Ja, das Den­ken ist rele­vant; das bestreite ich ja gar nicht, aber das Den­ken ist nicht die Ursa­che der ‚Bewe­gung‘; es wird viel­mehr selbst von gesell­schaft­li­chen Ein­flüs­sen bewegt. Vgl. noch ein­mal dort sowie Marx:

„Nicht das Bewußt­sein bestimmt das Leben, son­dern das Leben bestimmt das Bewußt­sein.“ (MEW 3, 27Deut­sche Ideo­lo­gie [1845])

„Es ist nicht das Bewußt­sein der Men­schen, das ihr Sein, son­dern umge­kehrt ihr gesell­schaft­li­ches Sein, das ihr Bewußt­sein bestimmt.“ (MEW 13, 9 – Vor­wort zur Kri­tik der poli­ti­schen Ökono­mie [1859])

III. TaP – Die wun­der­same Aus­nahme – unter fünf Mil­li­ar­den Men­schen mit ‚wah­rer Authen­ti­zi­tät‘?

@ big­mouth – 12. Okto­ber 2009 um 13:25 Uhr:

[TaP:] „Ich über­lege mir sehr genau, mit was für Leu­ten (wel­che Art von Leu­ten) ich ins Bett gehen will und was ich da machen will und was nicht. […]. Und auch meine gen­der iden­dity und meine damit ver­bun­de­nen Selbstbezeichnungs-​​, sty­ling und sons­ti­gen Pra­xen sind nicht etwas, das schon immer in mir war […].“
[big­mouth:] „ich hab da eine ganz revo­lu­tio­näre idee: viel­leicht ist das bei ande­ren leu­ten ja anders als bei dir“

Merk­wür­dig nur, daß all die Leute „mit gro­ßen Namen“ (von Marx bis But­ler) (vgl. earen­dil – 2.10.; 12:44 h) zu ihrer Auf­fas­sung gelangt sind, ganz ohne meine Wenig­keit als Unter­su­chungs­ob­jekt zu ver­wen­den.

Und viel­leicht haben ja andere Leute auch mehr Pro­bleme damit, sich als Sub­jekt de-​​konstruieren zu las­sen (warum auch immer – Eitel­keit, Abwehr von poli­ti­scher Kri­tik, ‚Bequem­lich­keit‘, ein lang ein­ge­üb­tes und hege­mo­nia­les Den­ken zu ändern, …):

„[…] gegen­wär­tig lau­fen wir Gefahr, von einer Art theo­lo­gi­schen Huma­nis­mus gefan­gen­ge­nom­men zu wer­den. Über­all dort, wo sich in der Ver­gan­gen­heit Wis­sen­schaft her­aus­ge­bil­det hat, haben die Leute gesagt: Was Sie mit ihrer Wis­sen­schaft vor­schla­gen, stellt die Exis­tenz Got­tes in Frage. Heute sagt man uns: Das stellt die Exis­tenz des Men­schen in Frage.“ – lies statt „des Men­schen“: „des Indi­vi­du­ums“; oder statt „die Exis­tenz des Men­schen“: „mich als sexu­elle Sub­jekt“ (Claude Levi-​​Strauss, Wie funk­tio­niert der mensch­li­che Geist?, in: alter­na­tive H. 54, 1967, 95-​​99 [99] [gekürzte dt. Über­set­zung aus: Les Lettres françai­ses Nr. 1165, Jan. 1967]).

IV. Warum kann die ‚Anru­fung‘ im Sinne der herr­schen­den Ver­hält­nisse fehl­schla­gen?

Louis Alt­hus­ser sagt:

„Es gibt Pra­xis nur durch und unter einer Ideo­lo­gie. […]. Die Ideo­lo­gie ruft die Indi­vi­duen als Sub­jekte an.“ (Ideo­lo­gie und Ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­rate (Anmer­kun­gen für eine Unter­su­chung) (1969/​70), in: ders., Ideo­lo­gie und Ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­rate. Auf­sätze zur mar­xis­ti­schen Theo­rie, VSA: Hamburg/​Westberlin, 1977, 108 – 153 [140] – Hv. i.O., http://​web​.archive​.org/​w​e​b​/​2​0​0​7​0​9​2​9​1​0​2​7​1​5​/​w​w​w​.​m​a​r​x​i​s​t​i​s​c​h​e​-​b​i​b​l​i​o​t​h​e​k​.​d​e​/​l​o​u​i​s​_​a​l​t​h​u​s​s​e​r.pdf: http://​web​.archive​.org/​w​e​b​/​2​0​0​7​0​9​2​9​1​0​2​7​1​5​/​w​w​w​.​m​a​r​x​i​s​t​i​s​c​h​e​-​b​i​b​l​i​o​t​h​e​k​.​d​e​/​l​o​u​i​s​_​a​l​t​h​u​s​s​e​r.pdf, S. 19).

Aber warum schla­gen die herr­schen­den ‚Anru­fun­gen‘ manch­mal fehl? Wie kann es kom­men, daß revo­lu­tio­näre sub-​​jekte kon­sti­tu­iert wer­den? Oder sub-​​jekte, die einer anar­chi­sie­ren­den Ideo­lo­gie der Ver­wei­ge­rung fol­gen?

1. Der Aus­gangs­punkt

Dar­aus, daß die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse wider­sprüch­lich sind (Klas­sen­ge­gen­satz, Geschlech­ter­ge­gen­satz usw.), folgt, daß die Indi­vi­duen immer schon von kon­kur­rie­ren­den Ideo­lo­gien ‚ange­ru­fen‘ wer­den – wes­halb der Erfolg der herr­schen­den Ideo­lo­gie nicht immer schon vorab garan­tiert ist.

2. Kon­kre­ti­sie­rungs­ver­such durch Ger­hard Plumpe

Wovon hängt es nun im Falle ein­zel­ner Indi­vi­duen ab, wel­che Anru­fung sich durch­setzt? Schwie­rig zu sagen. Und – soweit ich weiß – wenig unter­sucht, obwohl das wohl der poli­tisch wich­tigste Punkt an der ganze Sache sein dürfte.

Vor 30 Jah­ren hat Ger­hard Plumpe dazu Über­le­gun­gen in einem Auf­satz über Kunst­theo­rie ange­stellt.4
Vorab noch eine Begriffs­er­klä­rung: Indi­vi­duen, die von einer Ideo­lo­gie erfolg­reich ange­ru­fen wer­den, neh­men dann bestimmte „Sub­jekt­po­si­tio­nen“ oder – wie Plumpe sagt – „Sub­jekt­stel­len“ ein: guter Arbei­ter, gute Haus­frau, gute Revo­lu­tio­nä­rin usw. – Plumpe inter­es­sierte sich damals für die Frage, wie wer­den Indi­vi­duen in die Sub­jekt­stel­len von Auto­rIn /​ Künst­le­rIn, Lese­rIn /​ Rezi­pi­en­tIn usw. ‚ein­be­ru­fen‘.
Plumpe fragte damals: „Auf­grund wel­cher Vor­aus­set­zun­gen kön­nen kon­krete Indi­vi­duen diese Stel­len ein­neh­men?“
Und dann gibt er eine Ant­wort, die mir ziem­lich fremd ist, weil es da um Psy­cho­ana­lyse geht (die mich noch schwin­de­li­ger macht als Hege­lia­ni­sche Dia­lek­tik) – aber gucken wir mal:

„Diese Frage berührt ein bri­san­tes Pro­blem, des­sen Aus­ar­bei­tung noch aus­steht, auf das Alt­hus­ser aber nach­drück­lich hin­ge­wie­sen hat. Das Pro­blem lau­tet: Wel­chen Bei­trag kann die Psy­cho­ana­lyse für eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie der Ideo­lo­gien leis­ten? Damit ist eine wei­tere Frage gestellt: Wie ver­hal­ten sich Psy­cho­ana­lyse und His­to­ri­scher Mate­ria­lis­mus zu ein­an­der?“

Plumpe ver­weist dann auf einen wei­te­ren Auf­satz von ihm selbst (den ich aber nicht besitze, da er in einer für mich abge­le­ge­nen Kunst-​​ oder Lite­ra­tur­zeit­schrift erschien ist: Das Sub­jekt (in) der Kunst, in: Tin­ten­fisch (hrsg. von H.J. Hein­richs) H. 11, 1977). Plumpe ver­weist auf sei­nen Auf­satz mit fol­gen­den Wor­ten: „Wir wol­len das Pro­blem hier offen­las­sen, da wir Gele­gen­heit hat­ten, an ande­rer Stelle zur Frage nach den spe­zi­el­len Sub­jektef­fek­ten der Kunst­ideo­lo­gie einen Lösungs­vor­schlag zu for­mu­lie­ren. Es mag hier genü­gen, das Pro­blem mit den Wor­ten M. Tort mög­lichst prä­zise zu benen­nen: […]“

Es folgt dann bei Plumpe die­ses Tort-​​Zitat (das ich gleich in einer etwas län­ge­ren Ver­sion anführe), und Plumpe macht dann noch fol­gende Nach­be­mer­kung: „Es sollte jeden­falls klar sein, daß nur eine theo­re­ti­sche Aus­ar­bei­tung die­ser Pro­blem­stel­lung eine hin­rei­chende Erklä­rung der Sub­jekt­po­si­tio­nen […] gewähr­leis­ten kann.“

Zu einer sol­chen Aus­ar­bei­tung ist dann aber – auf­grund der Ver­än­de­run­gen der poli­ti­schen und theo­re­ti­schen Kon­junk­tur seit Ende der 70er Jahre – mei­nes Wis­sens nicht mehr gekom­men.

3. Kon­kre­ti­sie­rungs­ver­such durch Michel Tort

Nun also – lei­der auch sehr psy­cho­ana­ly­tisch – das Zitat von Michel Tort5:

„Diese Stel­len von Trä­gern (Sub­jek­ten)* der gesell­schaft­li­chen Pro­zesse kön­nen nicht besetzt werde, ohne gleich­zei­tig durch ihre [der gesell­schaftl. Pro­zesse, TaP] Struk­tur […] Sub­jekt­po­si­tio­nen im psy­cho­ana­ly­ti­schen Sinne zu bestim­men, d.h. ohne daß die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse, im Ver­hält­nis zu denen die Indi­vi­duen funk­tio­nie­ren (Trä­ger sind), wie­derum als Trä­ger sub­jek­ti­ver Posi­tio­nen kon­sti­tu­iert wür­den.“

* Zur Erklä­rung des Aus­drucks „Trä­gern (Sub­jek­ten)“ siehe Abschnitt 4.

So weit, so kryp­tisch, zitiert Plumpe den Tort-​​Aufsatzes, und bei Tort selbst geht es dann etwas kon­kre­ter noch wie folgt wei­ter:

Er unter­schei­det zwi­schen der gesell­schaft­li­chen Schaf­fung von „Trä­ger (Sub­jekt)-Stel­len“ und deren indi­vi­du­el­ler Beset­zung (‚Pla­cie­rung‘ auf die­sen Stel­len)

„Diese Dia­lek­tik der Trä­ger schließt jeg­li­che mecha­ni­sche Kau­sa­li­tät aus. Ein Pro­zeß inner­halb einer Gesell­schafts­for­ma­tion kann nie­mals ande­res als Trä­ger (Subjekt)-Stellen erzeu­gen. […]. Indem er [der Pro­zeß, TaP] jedoch seine Trä­ger­stel­len bestimmt, indu­ziert er sub­jek­tive Posi­tio­nen und dadurch unter­wirft (assu­jetti) er den Trä­ger als ideo­lo­gi­sches Sub­jekt. Hier­un­ter muß ver­stan­den wer­den, daß die Hin­ter­fra­gung, die nur über den Umweg ihrer Vor­stel­lung (rép­re­sen­ta­tion) voll­zo­gen wer­den kann, unum­gäng­lich eine Sub­jekt­po­si­tion (im psy­cho­ana­ly­ti­schen Sinne) beinhal­tet, wel­che die ideo­lo­gi­sche Pla­cie­rung bewirkt.“

Ich ver­stehe das dahin, der His­to­ri­sche Mate­ria­lis­mus /​ die Gesell­schafts­wis­sen­schaft sei dafür zustän­dig, zu klä­ren, wel­che Sub­jekt­po­si­tio­nen es in einer Gesell­schaft gibt und wel­che struk­tu­relle Bezie­hung zwi­schen denen besteht: Kapi­ta­lis­tIn – Lohn­ar­bei­te­rIn – Aneig­nung von Mehr­wert durch freien und glei­chen Tausch Arbeits­kraft gegen Geld; Haus­frau – Fami­li­e­n­er­näh­rer – Ver­rich­tung und Aneig­nung von Haus­ar­beit aus Liebe und ggf. gegen Unter­halt usw.
Und die Psy­cho­ana­lyse sei dafür zustän­dig zuklä­ren, warum kon­krete Indi­vi­duen tat­säch­lich die ange­bo­te­nen Sub­jekt­stel­len ein­neh­men: Warum ver­praßt der/​die ErbIn sein/​ihr Geld nicht, son­dern führt es brav als Inves­ti­tion wie­der dem Akku­mu­la­ti­ons­pro­zeß zu? Oder: Warum wer­den Indi­vi­duen Haus­frauen statt ‚Kampf­eman­zen‘?
Ob uns die Psy­cho­ana­lyse wirk­lich Brauch­ba­res zu die­ser Frage zu sagen hat, weiß ich nicht. Dar­über hin­aus habe ich starke Zwei­fel, ob die Psy­cho­ana­lyse die zustän­dige Wis­sen­schaft ist, um uns die Frage zu beant­wor­ten, warum in einer bestimm­ten his­to­ri­schen Situa­tion auf ein­mal mas­sen­haft Indi­vi­duen zu Femi­nis­tin­nen (statt Haus­frauen) und zu wild Strei­ken­den (statt guten deut­schen Fach­ar­bei­tern) wer­den.

Tort macht dann jeden­falls noch fol­gende Bemer­kung: „So wer­den die objek­ti­ven Vor­gänge der Ver­tei­lung von Pro­duk­ti­ons­mit­teln inner­halb einer Pro­duk­ti­ons­weise durch die Besitz-​​ und rea­len Anei­gungs­ver­hält­nisse regle­men­tiert und indu­zie­ren bei den Trä­gern (Sub­jek­ten) (eine von Marx ein­ge­führte Ter­mi­no­lo­gie) bestimmte, im psy­cho­ana­ly­ti­schen Sinne sub­jek­tive Posi­tio­nen, d.h. einen gewis­sen fan­tas­ma­ti­schen Ver­hält­nis­ty­pus zu den Aneig­nungs­ob­jek­ten, inso­fern deren Nutz­nie­ßung eine ‚pri­vate‘ oder ‚gemein­schaft­li­che‘ ist. Ohne diese sub­jek­ti­ven Posi­tio­nen kön­nen die Trä­ger (Sub­jekte) nicht als ideo­lo­gi­sche Sub­jekte funk­tio­nie­ren, und daher kön­nen sich diese Vor­gänge nicht abspie­len.“
Und dann geht es bei Tort mit einem neuen Abschnitt wei­ter; das erspare ich uns.

4. Erläu­te­run­gen zu dem Aus­druck „Trä­ger (Sub­jekte)“

Zur Erklä­rung des Aus­drucks „Trä­ger (Sub­jekte)“ oder – nach ande­rer Schreib­weise – „Träger-​​Subjekte“ sowie zu den „Sub­jekt­stel­len“ bzw. „-posi­tio­nen“:

Karl Marx:
„[…] es han­delt sich hier um die Per­so­nen nur, soweit sie die Per­so­ni­fi­ka­tion ökono­mi­scher Kate­go­rien sind, Trä­ger von bestimm­ten Klas­sen­ver­hält­nis­sen und Inter­es­sen. Weni­ger als jeder andere kann mein Stand­punkt, […], den ein­zel­nen ver­ant­wort­lich machen für Ver­hält­nisse deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch sub­jek­tiv über sie erhe­ben mag.“ (Das Kapi­tal, MEW 23, 16 – meine Hv.).

Louis Alt­hus­ser:
„Die wah­ren […] Sub­jekte sind daher weder die Stel­len­in­ha­ber noch die Funk­tio­näre, also – allem Anschein und jeder ‚Evi­denz‘ des ‚Gege­be­nen‘ im Sinne einer nai­ven Anthro­po­lo­gie zum Trotz – eben nicht die ‚kon­kre­ten Indi­vi­duen‘ und die ‚wirk­li­chen Men­schen‘: die wah­ren ‚Sub­jekte‘ sind die Bestim­mung und Ver­tei­lung die­ser Stel­len und Funk­tio­nen. Die bestim­men­den und ver­tei­len­den Fak­to­ren, kurz: die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nisse (und die poli­ti­schen und ideo­lo­gi­schen Ver­hält­nisse einer Gesell­schaft) sind die wah­ren ‚Sub­jekte‘. Aber da es sich hier­bei um ‚Ver­hält­nisse‘ han­delt, kön­nen sie in der Kate­go­rie des Sub­jekts nicht gedacht wer­den.“ (Der Gegen­stand des ‚Kapi­tal‘ (1965/​68), in: ders. /​ Eti­enne Balibar (Hg.), Das Kapi­tal lesen, Rein­bek bei Ham­burg: Rowohlt 1972, 94-​​267 [223, 242] – kur­sive Hv. i.O.; fette von mir; der Text auf Engl.: http://​www​.mar​x2​mao​.com/​O​t​h​e​r​/​R​C​6​8​i​i​.html).

Gil­les Deleuze:
„[…] der Struk­tu­ra­lis­mus [ist] von einem neuen Mate­ria­lis­mus, einem neuen Athe­is­mus, einem neuen Antih­u­ma­nis­mus nicht zu tren­nen. Denn wenn der Platz den Vor­rang hat vor dem, der ihn ein­nimmt, so genügt es gewiß nicht, den Men­schen an den Platz Got­tes zu stel­len, um die Struk­tur zu ändern. […]. Das wahre Sub­jekt ist die Struk­tur selbst: […] die dif­fe­ren­ti­el­len Ver­hält­nisse.“ (Woran erkennt man Struk­tu­ra­lis­mus? [1967], in: François Châ­te­let [Hg.], Geschichte der Phi­lo­so­phie. Band VIII: Das XX. Jahr­hun­dert, Ull­stein: Frank­furt am Main /​ [West]berlin /​ Wien, 1975, 269-​​309 [277, 280 f.] – meine Hv.).

5. Mate­rial zum Wei­ter­den­ken

Noch ein paar ver­streute Zitate – viel­leicht kommt ja eineR auf eine gute Idee, das irgend­wie schlüs­sig wei­ter zu ent­wi­ckeln:

Judith But­ler:
„The injunc­tion to be a given gen­der pro­du­ces necessary failu­res, a variety of inherent con­fi­gu­ra­ti­ons that in their mul­ti­p­li­city exceed and defy the injunc­tion of which they are gene­ra­ted. Fur­ther, the injunc­tion to be a given sub­ject takes place through dis­cur­sive rou­tes: to be a good mother, to be a hete­ro­se­xu­ally desi­ra­ble object, to be a fit worker, in sum, to signify a mul­ti­p­li­city of gua­ran­tees in response to a variety of dif­fe­rent demands all at once. The coexis­tence or con­ver­gence of such dis­cur­sive injunc­tions pro­du­ces the pos­si­bi­lity of a com­plex recon­fi­gu­ra­tion and rede­ploy­ment; it is not a trans­cen­den­tal sub­ject who enab­les action in the midst of such a con­ver­gence. There is no self that is prior to the con­ver­gence or who main­tains ‚inte­grity‘ prior to its entrance into the con­flic­tual cul­tu­ral field. There is only a taking up of the tools where they lie, where the very ‚taking up‘ is enab­led by the tool lying there.“ (Gen­der Trou­ble, New York /​ Lon­don, 1990, 145 /​ dt. Das Unbe­ha­gen der Geschlech­ter, FfM, 1991, 213 – kurive Hv. i.O.; fette von mir)

Jür­gen Link:
Der „wille zur resis­tenz gegen die hege­mo­nie: kommt er aus einem ‚dis­kurs­freien‘ Sub­jekt, etwas aus des­sen ‚ein­ge­bo­re­nen frei­heits­ver­lan­gen‘ […]? […]. neh­men wir das bei­spiel der kul­tur­re­vo­lu­tion der ‚68er gene­ra­tion‘: schon die mas­sen­er­schei­nung spricht dage­gen, daß damals plötz­lich ganz viele (intel­lek­tu­elle) Sub­jekte (mit gro­ßem S) prä­dis­kur­siv (prä­dis­kur­siv argu­men­tie­rend?) den ent­schluß zum wider­stand faß­ten. alles spricht viel­mehr dafür, daß eine kom­bi­na­tion von anti­he­ge­mo­nia­len dis­kur­sen (mar­xis­mus /​ psy­cho­ana­lyse /​ frank­fur­ter schule) sich im uni­ver­si­tä­ren raum explo­siv durch­setzte, weil hege­mo­niale dis­kurse, die das ent­spre­chende ter­rain ‚hal­ten‘ soll­ten, völ­lig ‚über­al­tert‘ waren. und daß die neuen dis­kurse dann als effekt neue sub­jekt­vi­tät pro­du­zier­ten.” (Noch ein­mal: Dis­kurs. Inter­dis­kurs. Macht, in: kul­tuR­Re­vo­lu­tion Nr. 11: die macht der dis­kurse?, Feb. 1984, 4 – 7., 6 f. – Hv. i.O.; i.O. fett statt kur­siv)

Gareth Sted­man Jones:
„[…] wenn man in bestimm­ten ele­men­ta­ren Lebens­si­tua­tio­nen etwas lernt, so lernt man/​frau eben nicht eigentlich aus der ‚Erfah­rung‘, son­dern aus der Ver­ar­bei­tung der Erfah­rung, d.h. aufgrund einer Konfrontation mit Begrif­fen, die die­ser Erfah­rung über­haupt erst einen ‚Sinn‘ geben. Wo aber diese Begriffe und Gedan­ken her­kom­men, die somit die Erfahrung struk­tu­rie­ren, ist natür­lich eine wich­tige und offene Frage, aber sie kom­men ganz sicher nicht aus dem Innern des betreffenden Indi­vi­du­ums.“ (in: Peter Schött­ler, Inter­view mit Gareth Sted­man Jones, in: Gareth Sted­man Jones, Klas­sen, Poli­tik und Spra­che, Für eine theo­rie­ori­en­tierte Sozi­al­ge­schichte hrsg. u. ein­ge­lei­tet von Peter Schött­ler, West­fä­li­sches Dampffboot: Müns­ter, 1988, 277-​​317 [308]).

Wal­de­mar Schmidt:
Alt­hus­ser schließt „unter Hin­weis auf die kom­plexe Struk­tur des gesell­schaft­li­chen Gan­zen, wel­che sich nicht auf ein ver­ein­heit­li­chen­des Prin­zip zurück­füh­ren läßt, durch die Ein­füh­rung der Kate­go­rie der Über­de­ter­mi­nie­rung jede ein­deu­tige Deter­mi­nie­rung des gesell­schaft­li­chen Ver­laufs aus[…] und [ver­tritt] viel­mehr die These […], daß in jedem his­to­ri­schen Augen­blick unter­schied­li­che Ten­den­zen beste­hen, wobei es von dem gesell­schaft­li­chen Kräf­te­ver­hält­nis, d.h. von der Kon­junk­tur“ – nicht nur, wie zu ergän­zen ist! – „des Klas­sen­kamp­fes abhängt, wel­che die­ser Ten­den­zen sich schließ­lich durch­setzt. Was daher die gesell­schaft­li­chen Trä­ger betrifft, die unter der Deter­mi­na­tion durch ihre Exis­tenz­be­din­gun­gen funk­tio­nie­ren, so ist auf­grund der dif­fe­ren­ti­el­len Struk­tur die­ser Bedin­gun­gen eine ein­deu­tige Fest­le­gung des indi­vi­du­el­len Han­delns undenk­bar, d.h. die Deter­mi­nie­rung des Indi­vi­du­ums ist in dem Maße wider­sprüch­lich, wie es die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse sind; […].“ Pro­bleme der Meta­kri­tik der Anthro­po­lo­gie. Über Alt­hus­sers Ver­such einer ahu­ma­nis­ti­schen Neu­in­ter­pre­ta­tion der mar­xis­ti­schen Theo­rie [Schrif­ten­reihe zu Fra­gen der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik, Band 1, hrsg. von Heinz Kim­merle], Diss. Ruhr-​​Universität Bochum, Bochum: Ger­mi­nal 1980, 494 f.).

  1. Wal­de­mar Schmidt, Pro­bleme der Meta­kri­tik der Anthro­po­lo­gie. Über Alt­hus­sers Ver­such einer ahu­ma­nis­ti­schen Neu­in­ter­pre­ta­tion der mar­xis­ti­schen Theo­rie (Schrif­ten­reihe zu Fra­gen der mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik, Band 1, hrsg. von Heinz Kim­merle), Diss. Ruhr-​​Universität Bochum, Bochum: Ger­mi­nal 1980, 494 – meine Hv. [zurück]
  2. „Der defen­si­ven ‚Dia­lek­tik’ Pas­cals ver­dan­ken wir übri­gens jene groß­ar­tige For­mu­lie­rung, die es uns ermög­li­chen wird, die Ord­nung des tra­di­tio­nel­len Begriffs­sche­mas der Ideo­lo­gie umzu­stül­pen. Pas­cal sagt unge­fähr fol­gen­des: ‚Kniee nie­der und bewege die Lip­pen zum Gebet und Du wirst glau­ben’. Damit stößt er in skan­da­lö­ser Weise die beste­hende Ord­nung der Dinge um, wie Chris­tus bringt er nicht den Frie­den, son­dern die Zwie­tracht und sogar den Skan­dal, was sehr wenig christ­lich ist (denn wehe dem, der den Skan­dal ans Tages­licht bringt). Glück­se­li­ger Skan­dal, der ihn in jan­se­nis­ti­scher Her­aus­for­de­rung dazu bringt, eine Spra­che zu spre­chen, die die Wirk­lich­keit beim Namen nennt. Man wird uns gestat­ten, Pas­cal sei­nen Argu­men­ten des ideo­lo­gi­schen Kamp­fes inner­halb des reli­giö­sen ISAs sei­ner Zeit zu über­las­sen: Und man wird uns dar­über hin­aus gestat­ten, so weit als mög­lich eine mar­xis­ti­schere Spra­che zu spre­chen, denn wir bege­ben uns hier auf bis­lang kaum erforsch­tes Neu­land. In Bezug auf ein Sub­jekt (ein belie­bi­ges Indi­vi­duum) wer­den wir also sagen, daß die Exis­tenz der Ideen sei­nes Glau­bens mate­ri­ell ist, inso­fern seine Ideen seine mate­ri­el­len Hand­lun­gen sind, die sich in mate­ri­elle Pra­xen ein­glie­dern und durch mate­ri­elle Rituale gere­gelt sind, die ihrer­seits durch den mate­ri­el­len ideo­lo­gi­schen Appa­rat defi­niert wer­den, dem die Ideen des betref­fen­den Sub­jekts ent­stam­men.“ (Louis Alt­hus­ser, Ideo­lo­gie und Ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­rate (Anmer­kun­gen für eine Unter­su­chung) (1969/​70), in: ders., Ideo­lo­gie und Ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­rate. Auf­sätze zur mar­xis­ti­schen Theo­rie, VSA: Hamburg/​Westberlin, 1977, 108 – 153 [138 f.] – Hv. i.O.; in leicht abwei­chen­der Über­set­zung: http://​web​.archive​.org/​w​e​b​/​2​0​0​7​0​9​2​9​1​0​2​7​1​5​/​w​w​w​.​m​a​r​x​i​s​t​i​s​c​h​e​-​b​i​b​l​i​o​t​h​e​k​.​d​e​/​l​o​u​i​s​_​a​l​t​h​u​s​s​e​r.pdf; 18) [zurück]
  3. Das engl. Ori­gi­nal des Zita­tes lau­tet: “Doing gen­der invol­ves a com­plex of soci­ally gui­ded per­cep­tual, inter­ac­tio­nal, and micro­po­li­ti­cal activi­ties […]. When we view gen­der as an accom­plish­ment, an achie­ved pro­perty of situa­ted con­duct, our atten­tion shifts from mat­ters inter­nal to the indi­vi­dual and focu­ses on inter­ac­tio­nal and, ulti­mately, insti­tu­tio­nal are­nas. Gen­der […] is the activity of mana­ging situa­ted con­duct in the light of nor­ma­tive con­cep­ti­ons of atti­tu­des and activi­ties […].“ (Hv. i.O.) – Zur Über­set­zung vgl. dort. [zurück]
  4. Ger­hard Plumpe, Ist eine mar­xis­ti­sche Ästhe­tik mög­lich?, in: Hans Jörg Sand­küh­ler (Hg.), Betr. Alt­hus­ser. Kon­tro­ver­sen über Klas­sen­kampf in der Theo­rie, Pahl-​​Rugenstein: Köln, 1977, 191-​​221 (216, 217). [zurück]
  5. Die Psy­cho­ana­lyse im His­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus, in: Louis Alt­hus­ser, Freud und Lacan /​ Michel Tort, Die Psy­cho­ana­lyse im his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus (Inter­na­tio­nale Mar­xis­ti­sche Dis­kus­sion 58), Merve: Ber­lin, 1976, 60-​​90 (72). [zurück]
Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • LinkedIn
  • MisterWong
  • MisterWong.DE
  • PDF
  • Tumblr
  • Wikio
Wikio

0 Antworten auf „Subjekt-Konstituierung und Materialismus der Praxis“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sechs × drei =