[Dieser Text kombiniert Auszüge aus zwei Kommentaren, die ursprünglich am 13.10. und 24.10.2009 beim Mädchenblog veröffentlicht und für die hiesige Wiederveröffentlichung leicht überarbeitet wurden.
Für Repliken und meine Erwiderungen darauf siehe am Erstveröffentlichungsort.]
I. Was macht Subjekte aus: Ein ‚innerer Wesenskern‘ oder Determination durch widersprüchliche gesellschaftliche Einflüsse?
@ earendil – 12. Oktober 2009 um 12:44 Uhr
„Ich halte diese bewussten Einflussmöglichkeiten auf den Geschmack (mal ganz abgesehen davon, dass ich sie überflüssig bis schädlich finde) aber für sehr begrenzt, s. nochmals das Bsp. von homophoben Homosexuellen, deren Sexualität überhaupt nicht mit ihrer politisch-moralischen Agenda zusammengeht und die trotzdem nicht davon lassen können.“
Woraus erklärt sich dieses Phänomen? Nicht aus einem ‚inneren‘ Pesönlichkeitskern, sondern aus der schon mehrfach erwähnten Widersprüchlichkeiten der gesellschaftlichen Verhältnisse:
„[A]ufgrund der differenziellen Struktur“ der gesellschaftlichen Verhältnisse ist „eine eindeutige Festlegung des individuellen Handelns undenkbar, d.h. die Determinierung des Individuums ist in dem Maße widersprüchlich, wie es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind.“1
Und daß es nicht möglich ist, zwischen dominierenden (z.B. Homophobie) und subalternen (queere Diskurse und Kulturen) gesellschaftlichen Einflüsse – jenseits von Zeit und Raum – einfach zu ‚wählen‘ hatte ich am 11.10. (zwischen den drei ### und den Fußnoten) auch schon betont:
„Was ich völlig einsehe ist, daß sich das, was man/frau 20 Jahre lang oder noch länger ‚gelernt‘ hat und jeden Tag wieder neu von anderen ‚vorgelebt‘ bekommt,
in Anbetracht der gesellschaftlichen Hegemonieverhältnisse (zahlenmäßige Schwäche von revolutionären Feministinnen und Linken; große Lücken in der Theoriebildung, mangelnde Organisierung und soziale Räume usw.)
und
in Anbetracht dessen, daß bestimmte Handlungsweisen immer auch ökonomische Ressourcen voraussetzen, die nicht ohne weiteres vorhanden oder zu erlangen sind,
nicht von heute auf morgen und auch nicht in ein paar Jahren individuell abstreifen läßt, ---
aber diese gesellschaftliche Determinierung auf irgendein ‚Inneres‘ zu schieben, sehe ich weiterhin nicht ein.“ (TaP – 11. Oktober 2009 um 15:55 Uhr)
Aber dies verweist – im Gegensatz zur Behauptung eines inneren (sei es biologischen oder psychischen oder was Ihr Euch auch immer vorstellt) ‚Wesenskerns‘ – immerhin auf die politische Praxis und Auseinandersetzung. Deren Erfolg ist zwar nie garantiert, aber aufgrund der – uneindeutigen – Determinierung der Individuen durch die gesellschaftlichen Verhältnisse (und nicht durch ein ‚inneres Wesen‘) auch nicht müßig (vgl. überhaupt zur gesellschaftlichen Determinierung der Individuen auch noch dort sowie hier unten Abschnitt II.2.).
II. Idealismus des Bewußtseins oder Materialismus der Praxis?
1. Bestimmt das Bewußtsein das Sein? Oder das Sein das Bewußtsein?
Ich hatte am 11. Oktober (TaP – 15:55 h) Althussers an Pascal angelehnte Wendung „Kniee nieder und bewege die Lippen zum Gebet und Du wirst glauben“ (die Wendung mit ihrem Kontext hatte ich bereits zuvor zitiert[TaP – 30.09.; 20:34 h] angeführt2):
„Die sub-jekt-Identität ändert sich in dem Moment, wo ein sub-jekt anfängt zu handeln oder nicht zu handeln (z.B. ein ‚Mädchen’ anfängt zu boxen; ein ‚Mann’ anfängt, sich penetrieren zu lassen – eine Schwalbe macht freilich noch keinen Frühling). Noch einmal Althusser/Pascal: ‚Kniee nieder und bewege die Lippen zum Gebet und Du wirst glauben‘. Primat der Praxis statt Idealismus des Bewußtseins! Oder der gleiche Gedanke mit anderem theoretischen background (Ethnomethodologie statt [Post]Strukuralismus): ‚Doing gender ist ein gegliedertes Ganzes [eine Struktur] von sozial gesteuerten, wahrnehmungs-bezogenen und mikropolitischen Tätigkeiten und Interaktionen […]. Wenn wir gender als etwas Hergestelltes ansehen, als ein produziertes Merkmal [gesellschaftlich] situierten Verhaltens, dann verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit weg von Dingen im Innern von Individuen und richtet sich [statt dessen] auf institutionalisierte Kampfplätze, an denen interagiert wird. […]. Gender ist Bewältigung [Erledigung] [gesellschaftlich] situierten Verhaltens im Lichte von normativen Konzeptionen für Haltungen und Handlungen.‘ (Candace West / Don H. Zimmermann, Doing gender, in: Judith Lorber / Susan A. Farell (Hg.), The Social Construction of Gender, Sage: Newbury Park / London / New Dehli, 1991, 13 – 37 [14] – eigene Übersetzung)“3
Dagegen wandten earendil und bigmouth ein:
earendil – 12. Oktober 2009 um 12:44 Uhr
„Wer sich zum Gebet niederkniet, glaubt schon vorher oder will glauben. […]. Du kannst Sein und Bewusstsein nicht einfach in eins setzen,“
Und bigmouth – 12. Oktober 2009 um 13:25 Uhr:
„die these, dass es vor handlungen kein ‚inneres‘ gibt, halte ich für offenkundig falsch. es gibt zb sexuelle orientierung, die der realisierung des ersten geschlechtsakts vorgelagert ist – und sich in fantasien, bildern, bevorzugung von masturbationsvorlagen usw. ausdrückt“
a) Nur noch mal zur Klarstellung: Darauf, daß Althusser seinerseits die idealistische Chronologie von Denken und Handeln nicht einfach umdreht, sondern es ihm um das analytisch-materialistische Primat der Praxis geht, hatte ich – qua Müller-Tuckfeld-Zitat – schon betont, als ich die Althusser/Pascal-Stelle das erste Mal anführte:
„Der Verweis auf Pasacal hat bei Althusser zu Recht nicht den Sinn, das Knien als zeitlich vorgängig zum Glauben zu behaupten, sondern auf der Materialität der Ideologie, als eingeschrieben in Praxen und Rituale, zu bestehen.“ (Müller-Tuckfeld, in: ders./Böke/Reinfeld [Hg.], Denk-Prozesse nach Althusser, Berlin, 1994, 200)
b) Die idealistische Chronologie ist allerdings im Sinne eines analytischen Primats des individuellen Denkens nicht haltbar.
Wir sind uns einig, daß ein Wille, daß Bewußtsein, daß Denken etwas anderes ist als ein Reflex oder ein Instinkt, oder?
Und wir sind uns auch einig, daß auch eine sexuelle Orientierung etwas anderes ist als ein Reflex oder ein Instinkt, oder? Begehren ohne Denken dürfte schwierig sein…
Denken ohne Sprache, ein Wille, ein Bewußtsein, der bzw. das nicht nicht in Worte gefaßt ist (zumindest als stummes Selbstgespräch), ist aber unmöglich:
„die Sprache ist das praktische, […] also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein“ (MEW 3, 30)
„die Sprache […] ist das Vehikel des Denkens“ (Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, in: ders., Werkausgabe. Bd. 1, S. 225-580 [384, Nr. 329])
Und Sprache ist ihrerseits sozial:
„die Sprache entsteht, wie das Bewußtsein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit andern Menschen […]. Bewußtsein ist also von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren.“ (MEW 3, 30, 31)
„Die Sprache [… ist] sozial […]. In jeder beliebigen Epoche, soweit wir auch zurückgehen mögen, erscheint die Sprache immer als das Erbe der vorausgehenden Epoche. […]. In Wahrheit hat keine Gemeinschaft die Sprache je anders gekannt denn als ein von den früheren Generationen ererbtes Produkt, das man so wie es war, zu übernehmen hatte.“ (Ferdinand de Saussure, Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft (1915), hrsg. von Charles Bally / Albert Sechehaye unter Mitwirkung von Albert Riedlinger, [West]berlin: Walter de Gruyter & Co, 1. Aufl.: 1931, 2. Aufl.: 1967, 22, 83, 84).
Es mag eine „sexuelle orientierung [… vor] der realisierung des ersten geschlechtsakts“ geben, aber sie ist weder un-gesellschaftlich noch un-praktisch noch unveränderlich.
Allein schon die Vorstellung, daß es überhaupt so etwas wie eine „sexuelle Orientierung“ gibt, ist historisch unheimlich voraussetzungsvoll (vgl. dort); und deren konkreter Inhalt taucht nicht im Inneren eines Individuums aus dem Nichts auf, sondern überhaupt nur durch vorgehende Rezeption von literarischen, journalistischen, filmischen usw. „fantasien, bildern, [… und] masturbationsvorlagen usw.“ Und diese Rezeption ist schon Praxis; das Benutzen einer Masturbationsvorlage ist schon ‚nieder knieen‘ im Sinne von Althusser und Pascal; je nach Genderung von Person und Vorlage wird dabei schon eine bestimmte sexuelle Orientierung gelebt; da ist kein ‚rein Bewußtsein‘.
2. Die gesellschaftliche Konstituierung der Individuen
@ earendil – 12. Oktober 2009 um 12:44 Uhr
„Du kannst Sein und Bewusstsein nicht einfach in eins setzen, du musst dir schon angucken, was die Menschen zu und bei ihrem Tun bewegt, was sie darüber denken usw.“
Ja, das Denken ist relevant; das bestreite ich ja gar nicht, aber das Denken ist nicht die Ursache der ‚Bewegung‘; es wird vielmehr selbst von gesellschaftlichen Einflüssen bewegt. Vgl. noch einmal dort sowie Marx:
„Nicht das Bewußtsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewußtsein.“ (MEW 3, 27 – Deutsche Ideologie [1845])
„Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“ (MEW 13, 9 – Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie [1859])
III. TaP – Die wundersame Ausnahme – unter fünf Milliarden Menschen mit ‚wahrer Authentizität‘?
@ bigmouth – 12. Oktober 2009 um 13:25 Uhr:
[TaP:] „Ich überlege mir sehr genau, mit was für Leuten (welche Art von Leuten) ich ins Bett gehen will und was ich da machen will und was nicht. […]. Und auch meine gender idendity und meine damit verbundenen Selbstbezeichnungs-, styling und sonstigen Praxen sind nicht etwas, das schon immer in mir war […].“
[bigmouth:] „ich hab da eine ganz revolutionäre idee: vielleicht ist das bei anderen leuten ja anders als bei dir“
Merkwürdig nur, daß all die Leute „mit großen Namen“ (von Marx bis Butler) (vgl. earendil – 2.10.; 12:44 h) zu ihrer Auffassung gelangt sind, ganz ohne meine Wenigkeit als Untersuchungsobjekt zu verwenden.
Und vielleicht haben ja andere Leute auch mehr Probleme damit, sich als Subjekt de-konstruieren zu lassen (warum auch immer – Eitelkeit, Abwehr von politischer Kritik, ‚Bequemlichkeit‘, ein lang eingeübtes und hegemoniales Denken zu ändern, …):
„[…] gegenwärtig laufen wir Gefahr, von einer Art theologischen Humanismus gefangengenommen zu werden. Überall dort, wo sich in der Vergangenheit Wissenschaft herausgebildet hat, haben die Leute gesagt: Was Sie mit ihrer Wissenschaft vorschlagen, stellt die Existenz Gottes in Frage. Heute sagt man uns: Das stellt die Existenz des Menschen in Frage.“ – lies statt „des Menschen“: „des Individuums“; oder statt „die Existenz des Menschen“: „mich als sexuelle Subjekt“ (Claude Levi-Strauss, Wie funktioniert der menschliche Geist?, in: alternative H. 54, 1967, 95-99 [99] [gekürzte dt. Übersetzung aus: Les Lettres françaises Nr. 1165, Jan. 1967]).
IV. Warum kann die ‚Anrufung‘ im Sinne der herrschenden Verhältnisse fehlschlagen?
Louis Althusser sagt:
„Es gibt Praxis nur durch und unter einer Ideologie. […]. Die Ideologie ruft die Individuen als Subjekte an.“ (Ideologie und Ideologische Staatsapparate (Anmerkungen für eine Untersuchung) (1969/70), in: ders., Ideologie und Ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie, VSA: Hamburg/Westberlin, 1977, 108 – 153 [140] – Hv. i.O., http://web.archive.org/web/20070929102715/www.marxistische-bibliothek.de/louis_althusser.pdf: http://web.archive.org/web/20070929102715/www.marxistische-bibliothek.de/louis_althusser.pdf, S. 19).
Aber warum schlagen die herrschenden ‚Anrufungen‘ manchmal fehl? Wie kann es kommen, daß revolutionäre sub-jekte konstituiert werden? Oder sub-jekte, die einer anarchisierenden Ideologie der Verweigerung folgen?
1. Der Ausgangspunkt
Daraus, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse widersprüchlich sind (Klassengegensatz, Geschlechtergegensatz usw.), folgt, daß die Individuen immer schon von konkurrierenden Ideologien ‚angerufen‘ werden – weshalb der Erfolg der herrschenden Ideologie nicht immer schon vorab garantiert ist.
2. Konkretisierungsversuch durch Gerhard Plumpe
Wovon hängt es nun im Falle einzelner Individuen ab, welche Anrufung sich durchsetzt? Schwierig zu sagen. Und – soweit ich weiß – wenig untersucht, obwohl das wohl der politisch wichtigste Punkt an der ganze Sache sein dürfte.
Vor 30 Jahren hat Gerhard Plumpe dazu Überlegungen in einem Aufsatz über Kunsttheorie angestellt.4
Vorab noch eine Begriffserklärung: Individuen, die von einer Ideologie erfolgreich angerufen werden, nehmen dann bestimmte „Subjektpositionen“ oder – wie Plumpe sagt – „Subjektstellen“ ein: guter Arbeiter, gute Hausfrau, gute Revolutionärin usw. – Plumpe interessierte sich damals für die Frage, wie werden Individuen in die Subjektstellen von AutorIn / KünstlerIn, LeserIn / RezipientIn usw. ‚einberufen‘.
Plumpe fragte damals: „Aufgrund welcher Voraussetzungen können konkrete Individuen diese Stellen einnehmen?“
Und dann gibt er eine Antwort, die mir ziemlich fremd ist, weil es da um Psychoanalyse geht (die mich noch schwindeliger macht als Hegelianische Dialektik) – aber gucken wir mal:
„Diese Frage berührt ein brisantes Problem, dessen Ausarbeitung noch aussteht, auf das Althusser aber nachdrücklich hingewiesen hat. Das Problem lautet: Welchen Beitrag kann die Psychoanalyse für eine wissenschaftliche Theorie der Ideologien leisten? Damit ist eine weitere Frage gestellt: Wie verhalten sich Psychoanalyse und Historischer Materialismus zu einander?“
Plumpe verweist dann auf einen weiteren Aufsatz von ihm selbst (den ich aber nicht besitze, da er in einer für mich abgelegenen Kunst- oder Literaturzeitschrift erschien ist: Das Subjekt (in) der Kunst, in: Tintenfisch (hrsg. von H.J. Heinrichs) H. 11, 1977). Plumpe verweist auf seinen Aufsatz mit folgenden Worten: „Wir wollen das Problem hier offenlassen, da wir Gelegenheit hatten, an anderer Stelle zur Frage nach den speziellen Subjekteffekten der Kunstideologie einen Lösungsvorschlag zu formulieren. Es mag hier genügen, das Problem mit den Worten M. Tort möglichst präzise zu benennen: […]“
Es folgt dann bei Plumpe dieses Tort-Zitat (das ich gleich in einer etwas längeren Version anführe), und Plumpe macht dann noch folgende Nachbemerkung: „Es sollte jedenfalls klar sein, daß nur eine theoretische Ausarbeitung dieser Problemstellung eine hinreichende Erklärung der Subjektpositionen […] gewährleisten kann.“
Zu einer solchen Ausarbeitung ist dann aber – aufgrund der Veränderungen der politischen und theoretischen Konjunktur seit Ende der 70er Jahre – meines Wissens nicht mehr gekommen.
3. Konkretisierungsversuch durch Michel Tort
Nun also – leider auch sehr psychoanalytisch – das Zitat von Michel Tort5:
„Diese Stellen von Trägern (Subjekten)* der gesellschaftlichen Prozesse können nicht besetzt werde, ohne gleichzeitig durch ihre [der gesellschaftl. Prozesse, TaP] Struktur […] Subjektpositionen im psychoanalytischen Sinne zu bestimmen, d.h. ohne daß die gesellschaftlichen Verhältnisse, im Verhältnis zu denen die Individuen funktionieren (Träger sind), wiederum als Träger subjektiver Positionen konstituiert würden.“
* Zur Erklärung des Ausdrucks „Trägern (Subjekten)“ siehe Abschnitt 4.
So weit, so kryptisch, zitiert Plumpe den Tort-Aufsatzes, und bei Tort selbst geht es dann etwas konkreter noch wie folgt weiter:
Er unterscheidet zwischen der gesellschaftlichen Schaffung von „Träger (Subjekt)-Stellen“ und deren individueller Besetzung (‚Placierung‘ auf diesen Stellen)
„Diese Dialektik der Träger schließt jegliche mechanische Kausalität aus. Ein Prozeß innerhalb einer Gesellschaftsformation kann niemals anderes als Träger (Subjekt)-Stellen erzeugen. […]. Indem er [der Prozeß, TaP] jedoch seine Trägerstellen bestimmt, induziert er subjektive Positionen und dadurch unterwirft (assujetti) er den Träger als ideologisches Subjekt. Hierunter muß verstanden werden, daß die Hinterfragung, die nur über den Umweg ihrer Vorstellung (répresentation) vollzogen werden kann, unumgänglich eine Subjektposition (im psychoanalytischen Sinne) beinhaltet, welche die ideologische Placierung bewirkt.“
Ich verstehe das dahin, der Historische Materialismus / die Gesellschaftswissenschaft sei dafür zuständig, zu klären, welche Subjektpositionen es in einer Gesellschaft gibt und welche strukturelle Beziehung zwischen denen besteht: KapitalistIn – LohnarbeiterIn – Aneignung von Mehrwert durch freien und gleichen Tausch Arbeitskraft gegen Geld; Hausfrau – Familienernährer – Verrichtung und Aneignung von Hausarbeit aus Liebe und ggf. gegen Unterhalt usw.
Und die Psychoanalyse sei dafür zuständig zuklären, warum konkrete Individuen tatsächlich die angebotenen Subjektstellen einnehmen: Warum verpraßt der/die ErbIn sein/ihr Geld nicht, sondern führt es brav als Investition wieder dem Akkumulationsprozeß zu? Oder: Warum werden Individuen Hausfrauen statt ‚Kampfemanzen‘?
Ob uns die Psychoanalyse wirklich Brauchbares zu dieser Frage zu sagen hat, weiß ich nicht. Darüber hinaus habe ich starke Zweifel, ob die Psychoanalyse die zuständige Wissenschaft ist, um uns die Frage zu beantworten, warum in einer bestimmten historischen Situation auf einmal massenhaft Individuen zu Feministinnen (statt Hausfrauen) und zu wild Streikenden (statt guten deutschen Facharbeitern) werden.
Tort macht dann jedenfalls noch folgende Bemerkung: „So werden die objektiven Vorgänge der Verteilung von Produktionsmitteln innerhalb einer Produktionsweise durch die Besitz- und realen Aneigungsverhältnisse reglementiert und induzieren bei den Trägern (Subjekten) (eine von Marx eingeführte Terminologie) bestimmte, im psychoanalytischen Sinne subjektive Positionen, d.h. einen gewissen fantasmatischen Verhältnistypus zu den Aneignungsobjekten, insofern deren Nutznießung eine ‚private‘ oder ‚gemeinschaftliche‘ ist. Ohne diese subjektiven Positionen können die Träger (Subjekte) nicht als ideologische Subjekte funktionieren, und daher können sich diese Vorgänge nicht abspielen.“
Und dann geht es bei Tort mit einem neuen Abschnitt weiter; das erspare ich uns.
4. Erläuterungen zu dem Ausdruck „Träger (Subjekte)“
Zur Erklärung des Ausdrucks „Träger (Subjekte)“ oder – nach anderer Schreibweise – „Träger-Subjekte“ sowie zu den „Subjektstellen“ bzw. „-positionen“:
Karl Marx:
„[…] es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, […], den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.“ (Das Kapital, MEW 23, 16 – meine Hv.).
Louis Althusser:
„Die wahren […] Subjekte sind daher weder die Stelleninhaber noch die Funktionäre, also – allem Anschein und jeder ‚Evidenz‘ des ‚Gegebenen‘ im Sinne einer naiven Anthropologie zum Trotz – eben nicht die ‚konkreten Individuen‘ und die ‚wirklichen Menschen‘: die wahren ‚Subjekte‘ sind die Bestimmung und Verteilung dieser Stellen und Funktionen. Die bestimmenden und verteilenden Faktoren, kurz: die Produktionsverhältnisse (und die politischen und ideologischen Verhältnisse einer Gesellschaft) sind die wahren ‚Subjekte‘. Aber da es sich hierbei um ‚Verhältnisse‘ handelt, können sie in der Kategorie des Subjekts nicht gedacht werden.“ (Der Gegenstand des ‚Kapital‘ (1965/68), in: ders. / Etienne Balibar (Hg.), Das Kapital lesen, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1972, 94-267 [223, 242] – kursive Hv. i.O.; fette von mir; der Text auf Engl.: http://www.marx2mao.com/Other/RC68ii.html).
Gilles Deleuze:
„[…] der Strukturalismus [ist] von einem neuen Materialismus, einem neuen Atheismus, einem neuen Antihumanismus nicht zu trennen. Denn wenn der Platz den Vorrang hat vor dem, der ihn einnimmt, so genügt es gewiß nicht, den Menschen an den Platz Gottes zu stellen, um die Struktur zu ändern. […]. Das wahre Subjekt ist die Struktur selbst: […] die differentiellen Verhältnisse.“ (Woran erkennt man Strukturalismus? [1967], in: François Châtelet [Hg.], Geschichte der Philosophie. Band VIII: Das XX. Jahrhundert, Ullstein: Frankfurt am Main / [West]berlin / Wien, 1975, 269-309 [277, 280 f.] – meine Hv.).
5. Material zum Weiterdenken
Noch ein paar verstreute Zitate – vielleicht kommt ja eineR auf eine gute Idee, das irgendwie schlüssig weiter zu entwickeln:
Judith Butler:
„The injunction to be a given gender produces necessary failures, a variety of inherent configurations that in their multiplicity exceed and defy the injunction of which they are generated. Further, the injunction to be a given subject takes place through discursive routes: to be a good mother, to be a heterosexually desirable object, to be a fit worker, in sum, to signify a multiplicity of guarantees in response to a variety of different demands all at once. The coexistence or convergence of such discursive injunctions produces the possibility of a complex reconfiguration and redeployment; it is not a transcendental subject who enables action in the midst of such a convergence. There is no self that is prior to the convergence or who maintains ‚integrity‘ prior to its entrance into the conflictual cultural field. There is only a taking up of the tools where they lie, where the very ‚taking up‘ is enabled by the tool lying there.“ (Gender Trouble, New York / London, 1990, 145 / dt. Das Unbehagen der Geschlechter, FfM, 1991, 213 – kurive Hv. i.O.; fette von mir)
Jürgen Link:
Der „wille zur resistenz gegen die hegemonie: kommt er aus einem ‚diskursfreien‘ Subjekt, etwas aus dessen ‚eingeborenen freiheitsverlangen‘ […]? […]. nehmen wir das beispiel der kulturrevolution der ‚68er generation‘: schon die massenerscheinung spricht dagegen, daß damals plötzlich ganz viele (intellektuelle) Subjekte (mit großem S) prädiskursiv (prädiskursiv argumentierend?) den entschluß zum widerstand faßten. alles spricht vielmehr dafür, daß eine kombination von antihegemonialen diskursen (marxismus / psychoanalyse / frankfurter schule) sich im universitären raum explosiv durchsetzte, weil hegemoniale diskurse, die das entsprechende terrain ‚halten‘ sollten, völlig ‚überaltert‘ waren. und daß die neuen diskurse dann als effekt neue subjektvität produzierten.” (Noch einmal: Diskurs. Interdiskurs. Macht, in: kultuRRevolution Nr. 11: die macht der diskurse?, Feb. 1984, 4 – 7., 6 f. – Hv. i.O.; i.O. fett statt kursiv)
Gareth Stedman Jones:
„[…] wenn man in bestimmten elementaren Lebenssituationen etwas lernt, so lernt man/frau eben nicht eigentlich aus der ‚Erfahrung‘, sondern aus der Verarbeitung der Erfahrung, d.h. aufgrund einer Konfrontation mit Begriffen, die dieser Erfahrung überhaupt erst einen ‚Sinn‘ geben. Wo aber diese Begriffe und Gedanken herkommen, die somit die Erfahrung strukturieren, ist natürlich eine wichtige und offene Frage, aber sie kommen ganz sicher nicht aus dem Innern des betreffenden Individuums.“ (in: Peter Schöttler, Interview mit Gareth Stedman Jones, in: Gareth Stedman Jones, Klassen, Politik und Sprache, Für eine theorieorientierte Sozialgeschichte hrsg. u. eingeleitet von Peter Schöttler, Westfälisches Dampffboot: Münster, 1988, 277-317 [308]).
Waldemar Schmidt:
Althusser schließt „unter Hinweis auf die komplexe Struktur des gesellschaftlichen Ganzen, welche sich nicht auf ein vereinheitlichendes Prinzip zurückführen läßt, durch die Einführung der Kategorie der Überdeterminierung jede eindeutige Determinierung des gesellschaftlichen Verlaufs aus[…] und [vertritt] vielmehr die These […], daß in jedem historischen Augenblick unterschiedliche Tendenzen bestehen, wobei es von dem gesellschaftlichen Kräfteverhältnis, d.h. von der Konjunktur“ – nicht nur, wie zu ergänzen ist! – „des Klassenkampfes abhängt, welche dieser Tendenzen sich schließlich durchsetzt. Was daher die gesellschaftlichen Träger betrifft, die unter der Determination durch ihre Existenzbedingungen funktionieren, so ist aufgrund der differentiellen Struktur dieser Bedingungen eine eindeutige Festlegung des individuellen Handelns undenkbar, d.h. die Determinierung des Individuums ist in dem Maße widersprüchlich, wie es die gesellschaftlichen Verhältnisse sind; […].“ Probleme der Metakritik der Anthropologie. Über Althussers Versuch einer ahumanistischen Neuinterpretation der marxistischen Theorie [Schriftenreihe zu Fragen der materialistischen Dialektik, Band 1, hrsg. von Heinz Kimmerle], Diss. Ruhr-Universität Bochum, Bochum: Germinal 1980, 494 f.).
- Waldemar Schmidt, Probleme der Metakritik der Anthropologie. Über Althussers Versuch einer ahumanistischen Neuinterpretation der marxistischen Theorie (Schriftenreihe zu Fragen der materialistischen Dialektik, Band 1, hrsg. von Heinz Kimmerle), Diss. Ruhr-Universität Bochum, Bochum: Germinal 1980, 494 – meine Hv. [zurück]
- „Der defensiven ‚Dialektik’ Pascals verdanken wir übrigens jene großartige Formulierung, die es uns ermöglichen wird, die Ordnung des traditionellen Begriffsschemas der Ideologie umzustülpen. Pascal sagt ungefähr folgendes: ‚Kniee nieder und bewege die Lippen zum Gebet und Du wirst glauben’. Damit stößt er in skandalöser Weise die bestehende Ordnung der Dinge um, wie Christus bringt er nicht den Frieden, sondern die Zwietracht und sogar den Skandal, was sehr wenig christlich ist (denn wehe dem, der den Skandal ans Tageslicht bringt). Glückseliger Skandal, der ihn in jansenistischer Herausforderung dazu bringt, eine Sprache zu sprechen, die die Wirklichkeit beim Namen nennt. Man wird uns gestatten, Pascal seinen Argumenten des ideologischen Kampfes innerhalb des religiösen ISAs seiner Zeit zu überlassen: Und man wird uns darüber hinaus gestatten, so weit als möglich eine marxistischere Sprache zu sprechen, denn wir begeben uns hier auf bislang kaum erforschtes Neuland. In Bezug auf ein Subjekt (ein beliebiges Individuum) werden wir also sagen, daß die Existenz der Ideen seines Glaubens materiell ist, insofern seine Ideen seine materiellen Handlungen sind, die sich in materielle Praxen eingliedern und durch materielle Rituale geregelt sind, die ihrerseits durch den materiellen ideologischen Apparat definiert werden, dem die Ideen des betreffenden Subjekts entstammen.“ (Louis Althusser, Ideologie und Ideologische Staatsapparate (Anmerkungen für eine Untersuchung) (1969/70), in: ders., Ideologie und Ideologische Staatsapparate. Aufsätze zur marxistischen Theorie, VSA: Hamburg/Westberlin, 1977, 108 – 153 [138 f.] – Hv. i.O.; in leicht abweichender Übersetzung: http://web.archive.org/web/20070929102715/www.marxistische-bibliothek.de/louis_althusser.pdf; 18) [zurück]
- Das engl. Original des Zitates lautet: “Doing gender involves a complex of socially guided perceptual, interactional, and micropolitical activities […]. When we view gender as an accomplishment, an achieved property of situated conduct, our attention shifts from matters internal to the individual and focuses on interactional and, ultimately, institutional arenas. Gender […] is the activity of managing situated conduct in the light of normative conceptions of attitudes and activities […].“ (Hv. i.O.) – Zur Übersetzung vgl. dort. [zurück]
- Gerhard Plumpe, Ist eine marxistische Ästhetik möglich?, in: Hans Jörg Sandkühler (Hg.), Betr. Althusser. Kontroversen über Klassenkampf in der Theorie, Pahl-Rugenstein: Köln, 1977, 191-221 (216, 217). [zurück]
- Die Psychoanalyse im Historischen Materialismus, in: Louis Althusser, Freud und Lacan / Michel Tort, Die Psychoanalyse im historischen Materialismus (Internationale Marxistische Diskussion 58), Merve: Berlin, 1976, 60-90 (72). [zurück]
0 Antworten auf „Subjekt-Konstituierung und Materialismus der Praxis“