Archiv für November 2009

Warum der ‚negative‘ Freiheits-Begriff auch für KommunistInnen wichtig ist

- Exzerpt aus Anlaß von gf [= gender ficken] – 14. November 2009 um 1:09 Uhr -

„was heißt freiheit, tap?“

Auf dem Kongreß der Bundeskoordination Internationalismus des Jahres 2008 fand u.a. eine Diskussion über „Globale Soziale Rechte“ (GSR) statt. In einem der Vorbereitungstexte wurde u.a. der Satz formuliert: „Rechte sind immer die Rechte der Anderen.“ Aus diesem Anlaß schrieb ich damals u.a. das Untenstehende; eine Kurzfassung des Gesamt-Textes findet sich hier.
Die Fußnoten und Literaturangaben zu dieser Passage liefere ich bei Gelegenheit nach. Die Verwendung der Ausdrücke „negativ“ und „positiv“ zur Charakterisierung zweier unterschiedlicher Freiheits-Begriffe geht auf den Erz-Liberalen Isaiah Berlin,
Zwei Freiheitsbegriffe, in: ders., Freiheit . Vier Versuche, Fischer: Frankfurt am Main, 2006, 197 – 256, 313 – 319 (engl. Erstveröff.: Clarendon Press: Oxford, 1958) zurück.
Auch zu ihm und der Frage, wo meine kommunistische Kritik an dem Liberalen Isaiah Berlin ansetzt, kommt demnächst mehr.

Rosa Luxemburg, ‚negative’ Freiheiten und ‚positive’ Rechte (mehr…)

Stalin als Verfechter des ‚Staates des ganzen Volkes‘

Vorbemerkung: „Diktatur des Proletariats“ bedeutet im klassischen marxistischen Sprachgebrauch nicht Dikatur im staatsrechtlichen Sinne, sondern Klassenherrschaft. Auch eine parlamentarische Demokratie mit Parteienpluralismus, freien, gleichen und geheimen Wahlen sowie weiteren civil rights & liberties ist im Sinne dieses Sprachgebrauchs eine Diktatur der Bourgeoisie. Entsprechend ist auch mit dem Ausdruck Diktatur des Proletariats nicht vorab entschieden, in welchen juristischen und politischen Formen diese ausgeübt wird.

I. Quellen (mehr…)

Heute früh um 2 Uhr wurde vor 92 Jahren der Sturm des Winterpalais erfolgreich beendet

„On 25 October (7 November GC) 1917, Bolsheviks led their forces in the uprising in Saint Petersburg (then known as Petrograd), the capital of Russia, against the ineffective Kerensky Provisional Government.[1] For the most part, the revolt in Petrograd was bloodless, with the Red Guards led by Bolsheviks taking over major government facilities with little opposition before finally launching an assault on the Winter Palace on the night of 25/26 October. The assault led by Vladimir Antonov-Ovseenko was launched at 9:45 p.m. signaled by a blank shot from the cruiser Aurora. (The Aurora was placed in Petrograd (modern Saint Petersburg) and still stands there now.) The Winter Palace […] was taken at about 2 a.m.“
(http://en.wikipedia.org/wiki/October_Revolution#Events)

GC = Gregorianischer, heute allgemein üblicher Kalender, der 1918 auch in der Sowjetunion eingeführt wurde.

Aus diesem Anlaß gibt es hier: Matrosen von Kronstadt, gesungen von Ernst Busch. -

Hinsichtlich des Textes – zumindest der deutschen Übersetzung – ist kritisch der idealistische Begriff von ‚dem Recht‘, das im Westen noch von Wolken verhüllt sei, zu vermerken.

Konvergenzen des wissenschaftstheoretischen Relativismus

[Ich hatte kürzlich meine Diplomarbeit aus dem Jahre 1996 zum Thema „Pluralismus und Antagonismus. Eine Rekonstruktion postmoderner Lesweisen“ online zugänglich gemacht. Ich bringe hier einen remix einer Passage von S. 86 f. Ich setze hier die Fußnote 123, die dort hinter dem Doppelpunkt am Ende des ersten Satzes und vor dem folgenden Poulantzas-Zitat steht, in den Haupttext ans Ende der fraglichen Passage. In der ursprünglichen Fassung ging es dort statt dessen mit Überlegungen zu anderen Aspekten weiter. Dies war der Grund dafür, daß der hier ‚aufgewertete’ Text dort in die fragliche Fußnote verbannt wurde.
Anzumerken ist noch, daß der hier kritisierte Relativismus in Erkenntnisfragen strikt vom – angesichts widersprüchlicher gesellschaftlicher Verhältnisse: notwendigen – Relativismus in politischen Bewertungsfragen zu unterscheiden ist.]

Es macht zwar politisch einen bedeutenden Unterschied, ob man/frau sich auf den historizistisch-relativistischen Wahrheits-Begriffs von Bogdanow, Stalin oder auch Lukács einerseits oder Gramscis andererseits bezieht; die zugrundeliegende theoretische Konzeption bleibt aber (schließlich auch in Foucaults Version des wissenschaftstheoretischen Relativismus) die gleiche: „Die historizistische Ideologieauffassung ist […] noch klarer [als bei Marcuse, d. Vf.] bei dem typischen Beispiel von Lukács und seiner Theorie von ‚Klassenbewußtsein’ und ‚Weltanschauung’. Es lohnt sich, dabei zu verweilen, da sie klar das Problem der erkenntnistheoretischen Prämissen einer historizistischen Betrachtungsweise der Ideologie erkennen läßt. Sie ist um so wichtiger, als infolge Gramscis Historizismus, […] die Mehrzahl der marxistischen Theoretiker den Begriff der Hegemonie in einer Bedeutung gebrauchen, die mit der Problematik Lukács’ verwandt ist.“ (Poulantzas 1968, 195 – Hv. d. Vf.).
Diese Position leugnet die die Realität der objektiven Außenwelt1 und kann deshalb keinen Unterschied zwischen ideologischen und wissenschaftlichen Diskursen machen kann (Althusser 1966/68, 174, 176-180); die „besondere Geschichte der Wissenschaft [wird] auf die Geschichte der organischen Ideologien und die ökonomisch-politische Geschichte zurück[ge]führt“ (Althusser 1966/68, 178; ähnlich Poulantzas 1968, 195 f. mit FN 5).
Die historizistische Ideologieauffassung beinhaltet eine „Identifizierung der Ideologie und der Wissenschaft, d.h. die Auffassung, daß sie [die Ideologie, d. Vf.] die Wissenschaft umfaßt“. Der „Charakter der Ideologie als Ausdruck des Subjekts“ umfasst nach historizistischer Auffassung „in dem Falle die Objektivität der Wissenschaft, wo die subjektive Weltanschauung einer ‚aufsteigenden Klasse’ die Totalität der Gesellschaftsformation einschließt. Bekannt ist der Aspekt des Arguments, den Lukács, Korsch u.a. auf das Proletariat und die ‚proletarische Wissenschaft’ anwandten: Da das Proletariat seinem Wesen nach eine universale Klasse ist, hat sein subjektives Bewußtsein universalen Charakter; aber ein universales subjektives Bewußtsein ist zwangsläufig objektiv, also wissenschaftlich“ – so Lukács, Korsch und andere (Poulantzas 1968, 196, FN 5).
In Rußland bzw. der Sowjetunion wurde diese Auffassung sowohl von dem ‚Links’kommunisten Bogdanow wie auch von Stalin vertreten:
„Es ist nicht uninteressant, daß die Gegenüberstellung von bürgerlicher und proletarischer Wissenschaft […] die unbewußte, versteckte oder verleugnete Rückkehr eines Themas ist, daß bereits bei Bogdanow, […] präsent ist und dann in verschiedenen Publikationen des Proletkult entfaltet wird. Der Ausschluß, mit dem der Stalinismus diese Strömung bestraft hat, aber auch die heftige Kritik von Lenin und Plechanow an Bogdanow scheinen nur zum Verschwinden des Wortes ‚proletarische Wissenschaft’ geführt zu haben, ohne an der Grundthese zu rütteln: […] Die sowjetischen Texte bewegen sich dann tatsächlich in einer Opposition zwischen ‚bürgerlicher’ und ‚reiner’ Wissenschaft und entwickeln dabei die These eines Verfalls der Wissenschaft wie der Kultur im imperialistischen Stadium des Kapitalismus. […]. Der Kern der Argumentation bleibt dabei in Fällen der gleiche. […]: Die Wissenschaft ist historisch relativ, weil das Bewußtsein der Menschen sich fortentwickelt […]. […] die historische Relativität der Wissenschaft [spiegelt] deren Klasseninhalt wider. […]. Die gesellschaftlich-historischen Umstände, unter denen eine wissenschaftliche Theorie entstand, werden dann als letzte Ursache dieser Theorie behandelt, […]. Die Wissenschaft würde also der ‚aufsteigenden’ Klasse gehören, deren Interesse mit der prometheischen Bestimmung des Menschen zusammenfällt.“ (Bras 1985, 1083, 1984 – Hv. i.O.; vgl. auch Lecourt 1976, 126 oben, 130, 140-142, FN 21).
Schließlich folgt auch die Wissenssoziologie dem gleichen Modell. Sie verortet die vermeintliche Wahrheit allerdings nicht bei einer (‚aufsteigenden’) Klasse, sondern bei der „freischwebenden Intelligenz, die ‚relativ unrelativ’, d.h. nicht hauteng mit Klasseninteressen verflochten“ sei (Hauser 1987, 74; vgl. Eagleton 1991, 129 oben; s.a. außerdem zum Verhältnis: Lukács – Wissenssoziologie: Hauser 1987, 74; Eagleton 1991, 128, Abs. 2).
S. schließlich zur Bedeutung von Lukács bzw. des Hegel-Marxismus für feministische Standpunkttheorien: Seifert 1992, 258; Grimm 1994b, 156 f.; zur Bedeutung der Wissenssoziologie (Mannheim, Berger/Luckmann) für (feministische und afrozentrische) Standpunkt-Epistemologien: Collins, 1989, 20-23; 46, FN 16; 47 f., FN 22, 28. (mehr…)

Fachbegriffe des strukturalen Marxismus von Louis Althusser u.a.

Ich dokumentiere hier das von Peter Schöttler erstellte Glossar zur deutschen Übersetzung des Aufsatz von Etienne Balibar Sur la Dialectique historique (Über historische Dialektik) sowie das von Ben Brewster zur englischen Ausgabe des Buches von Louis Althusser Pour Marx (For Marx; die dt. Ausgabe Für Marx enthält kein Glossar).
Vorangestellt ist eine integrierte Liste der Stichwörter des von Schöttler erstellten Glossars sowie der deutschen Äquivalente der Stichwörter des englischen Glossars.

Abstrakt ----> Abstract
Allgemeinheit I, II und III ----> Generalities I, II and III
Aufhebung ----> Supersession

Bewußtsein ----> Consciousness

dezentrierte Struktur ----> Structure, decentred
Dialektik des Bewußtseins ----> Dialectic of Consciousness
Dialektischer und historischer Materialismus ----> Materialism, Dialectical and historical

Empirizismus ----> Empiricism
Entfremdung ----> Alienation
Epistemologischer Bruch ----> Break, epistemological
Erkenntnis ----> Knowledge

Ganzes vgl. Totality
Gedanken-Konkretum / Real-Konkretum ----> Concrete-in-thought / Real-Concrete
Gesellschaftsformation ----> Formation, social

Humanismus ----> Humanism

Ideologie ----> Ideology
Ideologische Apparate, ideologischer Effekt
immer-schon-Gegebenes / ‚schon gegebenes’, komplexes, strukturiertes Ganzes vgl. Structure, ever-pre-given (ausschließlich Verweis auf: Structure in Dominance)

Konjunktur ----> Conjuncture und Konjunktur, theoretische, politische, historische

Lektüre/Lesen ----> Reading

Marx’ Werke der Jugend (Jugendwerke), der Reifung und der Reife ----> Works of Marx, early, transitional, mature

Negation der Negation ----> Negation of the negation

‚Philosophie’ / Philosophie ----> ‘Philosophy’ / philosophy
Praxis, ökonomische, politische, ideologische, theoretische ----> Practice, economic, political, ideological, theoretical und Praktizieren, Praxen.
Problematik ----> Problematic
Produzieren

spezifische Wirksamkeit ----> Effectivity, specific
Spontaneität ----> Spontaneity
Struktur mit Dominante ----> Structure in Dominance
Superstruktur/Suprastruktur siehe: Überbau (die frz. Übersetzung für „Überbau“ [superstructure] wurde in deutschen Althusser-Ausgaben teilweise falsch als „Superstruktur“ ins Deutsche zurückübersetzt [z.B.: Für Marx, Suhrkamp: FfM, 1968, 79; Althusser/Balibar, Das Kapital lesen, Reinbek, 1972, 445: Sachregister])

Theorie, ‚Theorie’, THEORIE ----> Theory, ‚theory’, THEORY
Totalität ----> Totality

Überbau/Struktur ----> Superstructure/Structure
Überdeterminierung ----> Overdetermination
ungleiche Entwicklung / ungleicher Prozeß ----> Development, uneven und ungleicher Prozeß

Verdichtung, Verschiebung und Fusion von Widersprüchen ----> Contradictions, Condensation, displacement and fusion of

Widerspruch ----> Contradiction

Wissenschaft ----> Science (ausschließlich Verweis auf: Ideology und Practice)

.pdf-Datei mit den beiden Glossaren.

Die hohe Schule des Argumentierens: Geldkritik

Zu der hiesigen Auseinandersetzung, ob es in einer sozialistischen Übergangsgesellschaft möglich ist, auf Geld als universellem Äquivalent zu verzichten (l – 06. September 2009 um 17:28 Uhr [zu TaP – 06.09.2009; 17:17 h: „Geld (gibt’s im Sozialismus noch)“] und folgende Kommentare), gab es kürzlich beim Mädchenblog einen Nachschlag.

Ich dokumentiere hier die entsprechenden Kommentare:

►► star wars – 26. Oktober 2009 um 19:28 Uhr

@TaP

1. Hartz IV liegt deutlich unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums. Wieviel erträumen sich die Existenzgeld-Fans? 1.000 Euro? 1.500 Euro? + Miete? – und das alles bedingungslos? Schwachsinn, der auch im Sozialismus nicht möglich sein wird. Kam damals ein Gegenargument? Nein. Kam jetzt eins? Nein.

Was nötig ist wird im Kommunismus hergestellt. (mehr…)

Subjekt-Konstituierung und Materialismus der Praxis

[Dieser Text kombiniert Auszüge aus zwei Kommentaren, die ursprünglich am 13.10. und 24.10.2009 beim Mädchenblog veröffentlicht und für die hiesige Wiederveröffentlichung leicht überarbeitet wurden.
Für Repliken und meine Erwiderungen darauf siehe am Erstveröffentlichungsort.]

I. Was macht Subjekte aus: Ein ‚innerer Wesenskern‘ oder Determination durch widersprüchliche gesellschaftliche Einflüsse?

@ earendil – 12. Oktober 2009 um 12:44 Uhr

„Ich halte diese bewussten Einflussmöglichkeiten auf den Geschmack (mal ganz abgesehen davon, dass ich sie überflüssig bis schädlich finde) aber für sehr begrenzt, s. nochmals das Bsp. von homophoben Homosexuellen, deren Sexualität überhaupt nicht mit ihrer politisch-moralischen Agenda zusammengeht und die trotzdem nicht davon lassen können.“

Woraus erklärt sich dieses Phänomen? Nicht aus einem ‚inneren‘ Pesönlichkeitskern, sondern aus der schon mehrfach erwähnten Widersprüchlichkeiten der gesellschaftlichen Verhältnisse: (mehr…)