Wird es im Kommunismus noch Normen geben?

Aus Anlaß einer Dis­kus­sion beim Mäd­chen­blog


earen­dil:

„Aber bei dir, TaP, beschleicht mich lang­sam der Ver­dacht, dass du nicht ein­fach die Auf­he­bung der Nor­men, son­dern andere Nor­men durch­set­zen willst, im Bereich der Sexua­li­tät eben das, was Greschka als ‚verqueert-​​lesbischen Kuschel(nicht)sex‘ bezeich­net hat.“

TaP:
„Die feministisch-​​kommunistische Welt­ge­sell­schaft wird, wenn es sie denn jemals geben wird, keine Ansamm­lung von 5 Mil­li­ar­den Robin­son Cru­soe oder 5 Mil­li­ar­den Kas­per Hau­ser [3] sein; dann wäre sie näm­lich keine Gesell­schaft. Auch in einer feministisch-​​kommunistischen Welt­ge­sell­schaft wird es Nor­men geben – nur, daß deren Set­zung nicht mehr unter den Bedin­gun­gen von Herr­schaft und Aus­beu­tung erfolgt und deren Voll­stre­ckung nicht mehr einem Staats­ap­part über­tra­gen ist. Wie das im ein­zel­nen funk­tio­nie­ren kann, ist zwei­fels­ohne eine aus­ge­spro­chen schwie­rige Frage, die von Kom­mu­nis­tIn­nen und Femi­nis­tin­nen bis­her nur sehr rudi­men­tär bear­bei­tet wurde.“

earen­dil:
„Warum es im Kom­mu­nis­mus soziale Nor­men (≠ ver­nunft­be­grün­dete Regeln!) geben muss, und wie Nor­men herr­schafts­frei gebil­det oder durch­ge­setzt wer­den kön­nen, ist mir ein Rät­sel.“

1. Ich ver­stehe schon ein­mal nicht, was die Unglei­chung ’soziale Nor­men ≠ ver­nunft­be­grün­dete Regeln‘ besa­gen soll. Nur, daß z.B. die jet­zige Norm, nicht unge­rech­fer­tigt zu töten, dann nach Dei­ner Vor­stel­lung „ver­nunft­be­grün­dete Regel“ hei­ßen soll? Oder soll die Norm ersatz­los weg­fal­len?
Falls Umbe­nen­nung: Was wäre Dei­nes Erach­tens der Vor­teil?

2. Zum andere sehe ich nicht, daß sich selbst Falle einer kommunistisch-​​feministischen Welt­ge­sell­schaft alle anste­hen­den Fra­gen allein mit „Ver­nunft“1 lösen las­sen.
Die Poli­tik wird sich im femi­nis­ti­schen Kom­mu­nis­mus nicht in Tech­no­kra­tie auf­lö­sen.

Nur mal ein paar Fra­gen, die keine Erkennt­nis­fra­gen, son­dern Inter­es­sens­fra­gen sind:

a) Wie­viel wol­len die Leute kon­su­mie­ren?

b) Wie­viel wol­len die Leute arbei­ten?

c) Wie­viel Roh­stoffe sol­len auf­ge­braucht bzw. für die nach­kom­men­den Gene­ra­tio­nen erhal­ten wer­den?

d) Wie­viel Arbeits­zeit soll in die Erwei­te­rung der Pro­duk­tion sowie in – nicht unmit­tel­bar pro­duk­tive – For­schung und Ent­wick­lung gesteckt wer­den (Mög­lich­keit, arbeits­zeit­ein­spa­rende Erfin­dun­gen zu machen; aber auch Mög­lich­keit nutz­lo­ser Auf­wen­dun­gen /​ Fehl­schlag von For­schungs­li­nien)?

e) Wel­che Tech­ni­ken sol­len unter ökolo­gi­schen und ergo­no­mi­schen Gesichts­punk­ten ange­wen­det oder nicht ange­wen­det wer­den (allein mit der Abschaf­fung von AKW wird es ja nicht getan sein)?

f) Wie wer­den Arbeits­kräf­te­be­darf und Aus­bil­dungs­in­ter­es­sen koor­di­niert?

Alle diese Fra­gen las­sen sich nicht allein mit „Ver­nunft“ beant­wor­ten. Wenn sie beant­wor­tet wer­den, müs­sen die Ant­wor­ten /​ Ent­schei­dun­gen mit einer gewis­sen Ver­bind­lich­keit ein­ge­hal­ten wer­den, aber auch eine begrün­de­ten Revi­sion mög­lich blei­ben.
Wenn Du all­das nicht „Nor­men“, son­dern „Regeln“ nen­nen willst – mei­net­we­gen.

  1. Von der spe­zi­fi­schen idea­lis­ti­schen Kon­no­ta­tion die „Ver­nunft“ im Gegen­satz zu „Ver­stand“ in der phi­lo­so­phi­schen Tra­di­tion hat sehe ich hier ab. Sollte „ver­nunft­be­grün­det“ i.S. die­ser Unter­schei­dung gemeint sein, so wäre die Kri­tik noch zu ver­schär­fen. [zurück]
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5 Antworten auf „Wird es im Kommunismus noch Normen geben?“


  1. 1 earendil 13. Oktober 2009 um 23:50 Uhr

    Ich glaub, wir vestehen die Begriffe mal wieder unterschiedlich. Allerdings hab ich meine Berifflichkeiten in dem Punkt auch nicht zu Ende durchdacht.

    Ich hab nix gegen vernunftbegründete Regeln (an Tankstellen nicht rauchen), auch nicht gegen Konsenslösungen, an die sich die Leute dann auch halten müssen (hier bauen wir einen Radweg, müssen wir die und die Arbeitsleistung aufbringen), und noch nicht mal was gegen richtige* moralische Maximen (du sollst nicht töten).

    Bei Normen denke ich eben an die Unterscheidung von „normalem“ und nicht „normalem“ Verhalten oder Sein. Insofern sind Normen immer positiv , definieren ein Leitbild oder einen Bereich des Normalen, und alles abweichende ist unnormal. Und da fällt mir jetzt nichts ein, was ich erhaltenswert finde.

    *was jetzt ausmeiner Sicht richtige Moral ist, müssen wir jetzt nicht diskutieren, hoffe ich

  2. 2 Norman Peterson 14. Oktober 2009 um 0:31 Uhr

    Also eins ist klar: die erste norm in meinem kommunismus ist eine latte voller Leute für die Fischmehlfabrik inkl. TAP.

  3. 3 earendil 14. Oktober 2009 um 12:30 Uhr

    Na, da ist es doch beruhigend, dass die Normen in „deinem“ Kommunismus so relevant für uns alle sind wie das Wetter in Braunschweig am 12. Juli 1563.

  4. 4 antianarchist_in 14. Oktober 2009 um 14:49 Uhr

    gegen anarchismus, für regeln!

  5. 5 schorsch 27. Oktober 2009 um 1:34 Uhr

    Solche Diskurse über die Vefasstheit einer kommunistischen Gesellschaft sind doch totale Schatten- und Scheinspekulationen, denen der üble Geruch einer Alternativkonzeption anhaftet, in sich die fatale Kontinuität des Gegebenen aufweist, anstatt der Bruch damit. In ihnen wird das Neuland völlig zugunsten Gegenwartsorientierter Verwaltungsfragen entwertet, deren vorgebliche Evidenz m.E. höchst trügerisch ist.

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