Archiv für Oktober 2009

Vier Zitate zum Krisen-Begriff

1. Eine Krise für die Arbei­te­rIn­nen­klasse oder für das Kapi­tal?

„[…] erlaubt, die Frage des Übergangs zu einer Gesell­schaft ohne Aus­beu­tung und des Bruchs mit dem Kapi­ta­lis­mus end­lich von der Frage der Gren­zen der kapi­ta­lis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­weise zu tren­nen. Soll­ten der­ar­tige ‚Gren­zen’ exis­tie­ren – was zwei­fel­haft ist, da es, wie man gese­hen hat, eine unauf­hör­li­che Dia­lek­tik zwi­schen den For­men der sozia­len Inte­gra­tion der Arbeit und ihrer Pro­le­ta­ri­sie­rung, den tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tio­nen und der Inten­si­vie­rung der Mehr­ar­beit gibt –, so haben sie nicht direkt etwas mit dem revo­lu­tio­nä­ren Bruch zu tun, der nur dann ein­tre­ten kann, wenn die Desta­bi­li­sie­rung des Klas­sen­ver­hält­nis­ses selbst, d.h. des ökonomisch-​​staatlichen Kom­ple­xes, eine güns­tige poli­ti­sche Gele­gen­heit für Ver­än­de­run­gen bie­tet. Wie­der muß also die Frage gestellt wer­den, für wen es eine ‚Krise’ gibt und was in der ‚Krise’ ist.“
(Eti­enne Balibar, Vom Klas­sen­kampf zum Kampf ohne Klas­sen?, in: ders. /​ Imma­nuel Wal­ler­stein, Rasse. Klasse. Nation. Ami­va­lente Iden­ti­tä­ten, Argu­ment: [West]berlin, 1990, 190 – 224 [220 f.]).

2. Wachstums-​​ oder Zusam­men­bruchs­krise?

a) „Mor­pho­lo­gie des ent­wi­ckel­ten Kapi­ta­lis­mus“ = „ein bestimm­tes Anpas­sungs­ver­mö­gen, wel­ches der Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräfte eigen ist, eine bestimmte Plas­ti­zi­tät, die es ihnen in Kri­sen­zei­ten ermög­licht, ihre eigene Neu­struk­tu­rie­rung zu leis­ten“
(Chris­tine Buci-​​Glucksmann, Über die poli­ti­schen Pro­bleme des Übergangs: Arbei­ter­klasse, Staat und pas­sive Revo­lu­tion, in: SOPO. Sozia­lis­ti­sche Poli­tik [das euro­päi­sche buch: West­ber­lin], Vol. 41, Sept. 1977, 13 – 35 [15, anknüp­fend an Gramscis Begriff der „pas­si­ven Revo­lu­tion“]).

b) „Das Wort ‚Krise’, ein medi­zi­ni­scher Aus­druck, der die akute Phase eines Krank­heits­ver­laufs bezeich­net, wo über Hei­lung, Tod oder Auf­schub ent­schie­den wird, wurde nicht erst von Mar­xis­ten auf Poli­tik und Ökono­mie ange­wen­det. Der mar­xis­ti­sche Bei­trag dazu ist eine mate­ria­lis­ti­sche und dia­lek­ti­sche Kon­zep­tion der Geschichte, die es ermög­licht, sie als einen Pro­zeß zu den­ken, wo Pha­sen struk­tu­rel­ler Sta­bi­li­tät (in denen sich die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse mit nur quan­ti­ta­ti­ven Ver­än­de­run­gen repro­du­zie­ren) und durch Kri­sen ein­ge­lei­tete Pha­sen qua­li­ta­ti­ver Ver­än­de­rung ein­an­der ablö­sen. […]. Man kann ‚nicht mehr in der alten Weise wei­ter­ma­chen’. Es eröff­nen sich dann ver­schie­dene mög­li­che Aus­wege: Wie­der­her­stel­lung der Ver­hält­nisse in mehr oder weni­ger modi­fi­zier­ter Form, und sei es durch Kon­ter­re­vo­lu­tion und Krieg, oder revo­lu­tio­näre Ein­rich­tung neuer gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse.“
(Alain Lipietz, Stich­wort „Krise“, in: Geor­ges Labica /​ Gér­ard Bensus­san (Hg.), Kri­ti­sches Wör­ter­buch des Mar­xis­mus. Dt. Fas­sung hrsg. von Wolf­gang Fritz Haug, Bd. 8, Argu­ment, [West]berlin, 1986 [frz. Ori­gi­nal­aus­gabe: 1982: 1. Auf­lage, 1984/​85: 2. Auf­lage], 712 – 719 [712 f.]).

Anmer­kung:
Diese begriff­li­chen Dif­fe­ren­zie­run­gen haben zwar den Vor­teil, daß sie Krise und Zusam­men­bruch des Kapi­ta­lis­mus nicht gleich­set­zen. Gleich­zei­tig löschen sie aber damit aber unter den Ober­be­grif­fen „Krise“ und „qua­li­ta­tive Ver­än­de­rung“ (statt „Sta­bi­li­tät“ und „quantitative[r] Ver­än­de­rung“) ten­den­zi­ell den Unter­schied zwi­schen einer modi­fi­zier­ten „Wie­der­her­stel­lung“ (Erneue­rung, Moder­ni­sie­rung) der gege­be­nen gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse und deren revo­lu­tio­nä­ren Umsturz – zwi­schen ‚pas­si­ver’ und ‚akti­ver’ Revo­lu­tion – aus. Wel­chen ana­ly­ti­schen Wert hat dann der Begriff „Krise“ noch? Ist der Kapi­ta­lis­mus dann nicht immer in der ‚Krise’? Modi­fi­ziert er sich nicht stän­dig „mehr oder weni­ger“?

3. Krise – immer nur Krise? – eine Ana­lo­gie (zwi­schen moral eco­nomy und Kapi­ta­lis­mus)

„Auch der Begriff ‚moral eco­nomy’ scheint mir gefähr­lich, weil er dazu füh­ren kann, einen unver­än­der­li­chen Tra­di­tio­na­lis­mus zu unter­stel­len; in Wirk­lich­keit han­delt es sich um eine Art bauch­red­ne­ri­sche Kate­go­rie, die sich nie genau fest­ma­chen läßt und sofort ver­schwin­det, wenn man ihr näher tritt: Die ‚moral eco­nomy‘ hat sozu­sa­gen immer 20 Jahre oder 50 Jahre Vor­sprung, und ist immer gerade ‚am Zusam­men­bre­chen’.“
(Gareth Sted­man Jones, in: Peter Schött­ler, Inter­view mit Gareth Sted­man Jones, in: G. St.J., Klasse, Poli­tik und Spra­che. Für eine theo­rie­ori­en­tierte Sozi­al­ge­schichte, West­fä­li­sches Dampf­boot: Müns­ter, 1988, 277 – 317 [299]).

Doing Gender und die Hergestelltheit und Variabilität unserer Identitäten

Vor­schläge für kor­ri­gierte Über­set­zun­gen zweier Butler-​​Zitaten aus Gen­der Trou­ble sowie eines Zita­tes aus Doing Gen­der von West/​Zimmermann

Butler-​​Zitat 1:

a) us-​​amerikanisches Ori­gi­nal

„[…], gen­der is always a doing, though not a doing by a sub­ject who might be said to preexist the deed. […]. There is no gen­der iden­tity behind the expres­si­ons of gen­der; that iden­tity is per­for­ma­tively con­sti­tu­ted by the very ‚expres­si­ons‘ that are said to be its results.” (Judith But­ler, Gen­der trou­ble, New York /​ Lon­don, 1990, 25).

b) Über­set­zung in der deut­schen Aus­gabe

„[…] die Geschlechts­iden­ti­tät [ist] ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Sub­jekts, von dem sich sagen ließe, daß es der Tat vor­aus­ginge. […]. Hin­ter den Äuße­run­gen der Geschlechts­iden­ti­tät (gen­der) liegt keine geschlecht­lich bestimmte Iden­ti­tät (gen­der iden­tity). Viel­mehr wird diese Iden­ti­tät gerade per­for­ma­tiv durch diese ‚Äuße­run­gen‘ kon­sti­tu­iert, die angeb­lich ihr Resul­tat sind.“ (Judith But­ler, Das Unbe­ha­gen der Geschlech­ter, Suhr­kamp: Frank­furt am Main, 1990, 49 – Hv. i.O.).

c) Vor­schlag für eine kor­ri­gierte Über­set­zung

„[…] gen­der ist ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Sub­jekts, von dem sich sagen ließe, daß es bereits vor der Tat exis­tierte. […]. Hin­ter den Äuße­run­gen von Geschlecht* liegt keine Geschlechts­iden­ti­tät, viel­mehr wird diese Iden­ti­tät gerade per­for­ma­tiv durch diese ‚Äuße­run­gen‘ kon­sti­tu­iert, von denen gesagt wird, daß sie das Resul­tat jener Iden­ti­tät seien.“

* gemeint sind: ver­ge­schlecht­li­che Hand­lun­gen, kul­tu­relle Codes etc.

Anmer­kung:

Soll gen­der über­haupt über­setzt wer­den und nicht ein­fach der eng­li­sche Aus­druck auch im Deut­schen ver­wen­det wer­den, so ist mei­ner Auf­fas­sung nach gene­rell die Über­set­zung „sozia­les Geschlecht“ (im Unter­schied zu: sex = bio­lo­gi­sches Geschlecht) der in der Suhrkamp-​​Ausgabe gewähl­ten Über­set­zung „Geschlechts­iden­ti­tät“ vor­zu­zie­hen. Der Begriff gen­der bezieht sich in der femi­nis­ti­schen Dis­kus­sion kei­nes­wegs nur auf Iden­ti­täts­fra­gen.
„expres­si­ons of gen­der“ über­setze ich dage­gen schlicht als „Äuße­run­gen von Geschlecht“, da ohne­hin klar ist, daß es sich um nicht bio­lo­gi­sche Phä­no­mene han­delt, son­dern um das, was im sexistisch-​​biologistischen Dis­kurs als – not­wen­dige – soziale Kon­se­quen­zen des bio­lo­gi­schen Geschlechts ange­se­hen wird.
An der vor­lie­gen­den Stelle ist die Suhrkamp-​​Übersetzung von gen­der als „Geschlechts­iden­ti­tät“ beson­ders absurd, weil dies dann in der Kon­se­quenz dazu führt, gen­der iden­tity nicht als Geschlechts­iden­ti­tät zu über­set­zen.

Butler-​​Zitat 2

a) us-​​amerikanisches Ori­gi­nal

„If gen­der attri­bu­tes, howe­ver, are not expres­sive but per­for­ma­tive*, then the­ses attri­bu­tes effec­tively con­sti­tute the iden­tity they are said to express or reveal. The dis­tinc­tion bet­ween expres­sion and per­for­ma­ti­vi­ness is cru­cial. If gen­der attri­bu­tes and acts, the various ways, in which a body shows or pro­du­ces its cul­tu­ral signi­fi­ca­tion, are per­for­ma­tive, then there is no preexis­ting iden­tity by which an act or attri­bute might be mea­su­red; […]“ (Judith But­ler, Gen­der Trou­ble, Rout­ledge: New York, 1990, 141).

* per­for­ma­tive (≈ her­vor­brin­gend) ‹ lat. per-​​ (= durch und durch, völ­lig, von Grund auf) + lat. for­mare (= gestal­ten, bil­den).

b) Über­set­zung in der deut­schen Aus­gabe

„Wenn die Attri­bute der Geschlechts­iden­ti­tät nicht expres­siv, son­dern per­for­ma­tiv sind, wird die Iden­ti­tät, die sie angeb­lich nur aus­drü­cken oder offen­ba­ren sol­len, in Wirk­lich­keit durch diese Attri­bute kon­sti­tu­iert. Die Unter­schei­dung zwi­schen Aus­druck und Per­form­anz ist zen­tral: Wenn die Attri­bute und Akte der Geschlechts­iden­ti­tät, die ver­schie­de­nen For­men, in denen ein Kör­per seine kul­tu­rel­len Bezeich­nun­gen zum Vor­schein bringt oder pro­du­ziert, per­for­ma­tiv sind, gibt es keine vor­gän­gig exis­tie­rende Iden­ti­tät, an der ein Akt oder Attri­but gemes­sen wer­den könnte.“ (Judith But­ler, Das Unbe­ha­gen der Geschlech­ter, Suhr­kamp: Frank­furt am Main, 1990, 207).

c) Vor­schlag für eine kor­ri­gierte Über­set­zung

„Wenn die Eigen­schaf­ten der Geschlech­ter nicht aus­drü­ckend, son­dern her­vor­brin­gend [prä­zi­ser: her­vor­ge­bracht, TaP] sind, dann kon­sti­tu­ie­ren diese Eigen­schaf­ten die Iden­ti­tät, von der behaup­tet wird, daß sie sie aus­drü­cken oder offen­ba­ren wür­den. Die Unter­schei­dung zwi­schen Aus­druck und Per­for­ma­ti­vi­tät [Her­vor­brin­gung] ist zen­tral: Wenn die Eigen­schaf­ten der Geschlech­ter und die geschlecht­li­chen Hand­lun­gen, die ver­schie­de­nen For­men, in denen ein Kör­per seine kul­tu­relle Bedeu­tung zeigt oder pro­du­ziert, per­for­ma­tiv sind, dann gibt es keine vor­gän­gig exis­tie­rende Iden­ti­tät, an der diese Eigen­schaf­ten oder Hand­lun­gen gemes­sen wer­den könn­ten, […].“

Das Zitat von West/​Zimmermann

a) eng­li­sches Ori­gi­nal

„Doing gen­der invol­ves a com­plex of soci­ally gui­ded per­cep­tual, inter­ac­tio­nal, and micro­po­li­ti­cal activi­ties […]. When we view gen­der as an accom­plish­ment, an achie­ved pro­perty of situa­ted con­duct, our atten­tion shifts from mat­ters inter­nal to the indi­vi­dual and focu­ses on inter­ac­tio­nal and, ulti­mately, insti­tu­tio­nal are­nas. Gen­der […] is the activity of mana­ging situa­ted con­duct in the light of nor­ma­tive con­cep­ti­ons of atti­tu­des and activi­ties […].“ (Can­dace West /​ Don H. Zim­mer­mann, Doing gen­der, in: Judith Lor­ber /​ Susan A. Farell (Hg.), The Social Con­struc­tion of Gen­der, Sage: New­bury Park /​ Lon­don /​ New Dehli, 1991, 13 – 37 [14] – Hv. i.O.). /​

b) deut­sche Über­set­zung durch Regine Gil­de­meis­ter und Ange­lika Wet­ter (Wie Geschlech­ter gemacht wer­den. Die soziale Kon­struk­tion der Zwei­ge­schlecht­lich­keit und ihre Rei­fi­zie­rung in der Frau­en­for­schung, in: Gudrun-​​Axeli Knapp /​ Ange­lika Wet­te­rer [Hg.], Tra­di­tio­nen. Brü­che. Ent­wick­lun­gen femi­nis­ti­scher Theo­rie, Kore: Frei­burg i. Br., 1992, 201-​​254 [212] – Hv. getilgt; der letzte Satz des hier ange­führ­ten Zita­tes ist dort nicht mit zitiert bzw. über­setzt)

„Das Her­stel­len von Geschlecht (doing gen­der) umfaßt eine gebün­delte Viel­falt sozial gesteu­er­ter Tätig­kei­ten auf der Ebene der Wahr­neh­mung, der Inter­ak­tion und der All­tags­po­li­tik, […]. Wenn wir das Geschlecht (gen­der) als eine Leis­tung anse­hen, als ein erwor­be­nes Merk­mal des Han­delns in sozia­len Situa­tio­nen, wen­det sich unsere Auf­merk­sam­keit von Fak­to­ren ab, die im Indi­vi­duum ver­an­kert sind, und kon­zen­triert sich auf inter­ak­tive und letzt­lich insti­tu­tio­nelle Berei­che.“

c) Vor­schlag für eine kor­ri­gierte Über­set­zung

Doing gen­der ist ein geglie­der­tes Gan­zes1 [eine Struk­tur] von sozial gesteu­er­ten, wahrnehmungs-​​bezogenen und mikro­po­li­ti­schen Tätig­kei­ten und Inter­ak­tio­nen […]. Wenn wir gen­der als etwas Her­ge­stell­tes2 anse­hen, als ein pro­du­zier­tes Merk­mal [gesell­schaft­lich] situ­ier­ten Ver­hal­tens, dann ver­schiebt sich unsere Auf­merk­sam­keit weg von Din­gen im Innern von Indi­vi­duen und rich­tet sich [statt des­sen] auf insti­tu­tio­na­li­sierte Kampf­plätze3, an denen inter­agiert wird. […]. Gen­der ist Bewäl­ti­gung4 [Erle­di­gung] [gesell­schaft­lich] situ­ier­ten Ver­hal­tens im Lichte von nor­ma­ti­ven Kon­zep­tio­nen für Hal­tun­gen und Hand­lun­gen.“

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Zitate aus Foucaults „Was ist Aufklärung?“

„Und schließ­lich schlägt Kant [in Was ist Auf­klä­rung?] Fried­rich II. in kaum ver­hüll­ten Wor­ten eine Art Ver­trag vor, der ein Ver­trag zwi­schen ratio­na­lem Des­po­tis­mus und freier Ver­nunft genannt wer­den könnte: Der öffent­li­che und freie Gebrauch der auto­no­men Ver­nunft wird die beste Garan­tie des Gehor­sams sein, jedoch unter der Bedin­gung, daß das poli­ti­sche Prin­zip, dem gehorcht wer­den muß, selbst mit der uni­ver­sel­len Ver­nunft überein­stimmt.“ (40)1

„Wir müs­sen die Alter­na­tive des Außen und Innen umge­hen; wir müs­sen an den Gren­zen sein.“ (48)2

„Und diese Kri­tik [die von Fou­cault ver­foch­tene, TaP], wird inso­fern genea­lo­gisch sein, als sie nicht aus For­men unse­res Seins das ablei­ten, was wir unmög­lich tun und wis­sen kön­nen; son­dern sie wird in der Kon­tin­genz, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, die Mög­lich­keit auf­fin­den, nicht län­ger das zu sein, zu tun oder zu den­ken, was wir sind, tun oder den­ken.“ (49)

„[…] der fol­gende Ein­wand [gegen die hier in FN 1 zitierte Posi­tion Fou­caults, TaP] [wäre] ohne Zwei­fel voll­stän­dig berech­tigt: Falls man sich auf die­sen Typ stets par­ti­el­ler und loka­ler Unter­su­chun­gen oder Tests beschränkt, läuft man dann nicht Gefahr, sich von all­ge­mei­nen Struk­tu­ren bestim­men zu las­sen, deren man nicht bewußt ist und die man nicht beherr­schaft? […]. Diese [die von Fou­cault vor­ge­schla­gene, TaP] Arbeit hat ihre All­ge­mein­heit, ihre Sys­te­ma­tik, ihre Homo­ge­ni­tät und ihren Ein­satz.“ (50)

„Wir wis­sen, daß das große Ver­spre­chen, oder die große Hoff­nung des 18. Jahr­hun­derts, […], in dem gleich­zei­ti­gen und pro­por­tio­na­lem Wachs­tum der tech­ni­schen Fähig­kei­ten […] wie auch der Frei­heit der Indi­vi­duen […] lag.[…] man konnte sehen, wel­che For­men von Macht­be­zie­hun­gen durch ver­schie­dene Tech­no­lo­gien geför­dert wur­den (ob wir von Pro­duk­tio­nen mit ökono­mi­schen Zie­len spe­chen oder von Insti­tu­tio­nen mit dem Ziel gesell­schaft­li­cher Regu­lie­rung oder von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­ni­ken: kol­lek­tive und indi­vi­du­elle Dis­zi­pli­nen, Pro­ze­du­ren der Nor­ma­li­sie­rung, die im Namen der Staats­macht, als For­de­run­gen der Gesell­schaft oder von Tei­len der Bevöl­ke­rung aus­ge­übt wur­den, geben Bei­spiele. Der Ein­satz ist also: Wie kann der Zuwachs an Fähig­kei­ten von der Stär­kung von Macht­be­zie­hun­gen getrennt wer­den?“ [50, 51 – meine Hv.] -

letz­te­res gegen alle, die mei­nen Fou­cault habe einen unkri­ti­schen Macht-​​Begriff ver­tre­ten; s. dazu auch dort, S. 72 – 75.

(Michel Fou­cault, Was ist Auf­klä­rung?,
in: Eva Erd­mann /​ Rai­ner Forst /​ Axel Hon­neth (Hg.),
Ethos der Moderne. Fou­caults Kri­tik der Auf­klä­rung
Cam­pus: Frank­furt am Main /​ New York, 1990,
S. 35 – 54).

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Kann es eine Gleichheit verschiedener Geschlechter geben?

[Die­ser Text wurde ursprüng­lich am 13.10.2009 – zusam­men mit Aus­üh­run­gen zu ande­ren The­men – als Kom­men­tar beim Mäd­chen­blog ver­öf­fent­licht und für die hie­sige Wie­der­ver­öf­fent­li­chung leicht über­ar­bei­tet.
Für Repli­ken und meine Erwi­de­run­gen dar­auf siehe am Erst­ver­öf­fent­li­chungs­ort.]

I. Ist der unter­schied­li­che Habi­tus von Män­nern und Frauen völ­lig okay?
II. Gleichheits-​​Illusion oder Über­win­dung der Geschlech­ter?
III. Der Kom­mu­nis­mus sind nicht 5 Mil­li­ar­den Robin­so­na­den
IV. Femi­nis­mus = umge­dreh­ter Sexis­mus?

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Kurz und bündig: Zwei Einführungen in den Feminismus

aus Anlaß von

Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion – 12. Okto­ber 2009 um 15:10 Uhr
beim Mäd­chen­blog

und

anti­kap – 14. Okto­ber 2009 um 22:41 Uhr bei Theo­rie und Pra­xis:

1. Redak­ti­ons­kol­lek­tiv [der Zeit­schrift Per­spek­ti­ven. Zeit­schrift für sozia­lis­ti­sche Theo­rie (Mar­burg)]
Auf zu neuen Ufern!
in: Per­spek­ti­ven, H. 4: Feminismus/​Marxismus, Nov. 1988, 5 – 14.

Der Text gibt einen knap­pen Über­blick über die Geschichte der neuen Frau­en­be­we­gung in der BRD von ’68 bis Mitte/​Ende der ’80er Jahre sowie über das ‚real’sozialistisch-marxistische Ver­ständ­nis der „Frau­en­frage“, den radi­kalfe­mi­nis­ti­schen Bie­le­fel­der Ansatz von Maria Mies, Vero­nika Bennholdt-​​Thomsen und Clau­dia von Werl­hof sowie den sozia­lis­ti­schen Femi­nis­mus wie er in der BRD und West­ber­lin vor allem von den Frauen in der und um die Redak­tion der phi­lo­so­phi­schen und sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen West­ber­li­ner Zeit­schrift Das Argu­ment ver­tre­ten wurde.
Unter dem Gesichts­punkt des Heft-​​Themas „Feminismus/​Marxismus“ wer­den der in den 70er und 80er Jah­ren vor allem in den USA starke, mitt­ler­weile auch in BRD ange­kom­mene libe­rale Femi­nis­mus sowie – vor allem in BRD und ande­ren west-​​ und nord­eu­ro­päi­schen Län­dern starke – sozialdemokratisch-​​frauenbewegte Posi­tion nicht behan­delt.
Eben­falls nicht behan­delt wer­den laut Auto­rIn­nen „die­je­ni­gen radi­kalfemi­nis­ti­schen Theo­rie­an­sätze, die in letz­ter Kon­se­quenz auf die Über­win­dung des Kapiat­lis­mus ver­zich­ten bzw. sie nicht für wich­tig erach­ten“ (meine Hv.). Auf wel­che das gemünzt war, ist mir nicht klar.

2. Cor­ne­lia Eich­horn
Zwi­schen Dekon­struk­tion und Iden­ti­täts­po­li­tik. Eine Kri­tik zur femi­nis­ti­schen Debatte um Judith But­ler
in: Die Beute. Poli­tik und Ver­bre­chen (Edi­tion ID-​​ArchivAmsterdam/​Berlin), 1/​1994, 40-​​43.

Der zweite Text war rund ein hal­bes Jahr­zehnt spä­ter und damit schon nach Ver­öf­fent­li­chung von Judith But­lers Buch Gen­der Trou­ble /​ Das Unbe­ha­gen der Geschlech­ter erschie­nen.
Der Auf­satz von Cor­ne­lia Eich­horn ver­or­tet But­lers Neu­an­satz im Kon­text des Unter­schie­des zwi­schen Gleichheits-​​ und Dif­fe­renz­fe­mi­nis­mus. Beide doku­men­tier­ten Texte mit ein­an­der ver­knüp­fend wäre zu sagen, daß der Bie­le­fel­der Ansatz eine spe­zi­fi­sche Vari­ante des Dif­fe­renz­fe­mi­nis­mus dar­stellt; der sozia­lis­ti­sche Femi­nis­mus dage­gen eher eine Vari­ante des Gleich­heits­fe­mi­nis­mus.
Frei­lich unter­schei­det sich der sozia­lis­ti­sche Femi­nis­mus dadurch von libe­ra­len und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen frau­en­be­weg­ten Posi­tio­nen, daß er nicht nur auf Gleich­be­RECH­Ti­gung und instiutio­nelle Poli­tik fixiert ist, son­dern im Rah­men eines stär­ker bewe­gungs­ori­en­tier­ten Ansat­zes auf eine grund­le­gende Trans­for­ma­tion der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse zielt.
Andere Dif­fe­renz­an­sätze sind neben dem Bie­le­fel­der Ansatz das ita­lie­nie­sche affi­da­mento-Kon­zept, der fran­zö­si­sche Dif­fe­renz­fe­mi­nis­mus von Iri­ga­ray, Kris­t­eva und Cicoux sowie der – gele­gent­lich auch „kul­tu­rell“ genannte – Ansatz von Adri­enne Rich. Als radikal-​​ oder dif­fe­renz­fe­mi­nis­tisch ist auch der Ansatz von Catha­rine A. MacKin­non zu bezeich­nen, die aber anders als die meis­ten ande­ren Dif­fe­renz­fe­mi­nis­tin­nen sehr stark auf staatlich-​​juristische Maß­nah­men setzt.

Ergän­zend sei noch
► bezgl. But­lers Ver­hält­nis zum Mar­xis­mus auf ihren Auf­satz
Merely Cul­tu­ral [aus Uni-​​Netzen kos­ten­los]
in: New Left Review Iss. 227 1998, 33 – 44
(zur dama­li­gen die Debatte in der New Left Review über Iden­ti­täts­po­li­tik, die nach Ansicht eini­ger Dis­kus­san­tIn­nen das cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­mal der sog. Neuen sozia­len Bewe­gung ist [But­ler weist dage­gen den Vor­wurf, diese sei­nen merely cul­tu­ral zurück] und Inter­es­sens­po­li­tik, die angeb­lich die Arbei­ter­be­we­gung aus­zeichne, siehe den dor­ti­gen Auf­satz von Frie­der Otto Wolf)

► zum Unter­schied zwi­schen But­lers De-​​Konstruktion des Geschlechts und Ursula Scheus 7er Jahre-​​Buch Wir wer­den nicht als Mäd­chen gebo­ren – wir wer­den dazu gemacht auf
mei­nen dor­ti­gen Text

► Cor­ne­lia Klin­ger,
Libe­ra­lis­mus – Mar­xis­mus – Post­mo­derne
. Der Femi­nis­mus und seine glück­li­chen oder unglück­li­chen ‚Ehen‘ mit ver­schie­de­nen Theo­rie­strö­mun­gen im 20. Jahr­hun­dert, in: Antje Horn­stein /​ Gabriele Jäh­nert /​ Annette Schlich­ter (Hg.), Kri­ti­sche Dif­fe­ren­zen – Geteilte Dif­fe­ren­zen. Zum Ver­hält­nis von Femi­nis­mus und Post­mo­derne, West­deut­scher Ver­lag: Opla­den /​ Wies­ba­den, 1998, 18 – 41.

► als zwei für die linksradikal-​​autonome Dis­kus­sion Ende der 80er /​ Anfang der 90er Jahre wich­tige Texte auf
++ Ingrid Strobl
Die Angst vor den Frös­ten der Frei­heit
und
++ Klaus Vieh­mann u.a.
Drei zu Eins. Klas­sen­wi­der­spruch, Ras­sis­mus und Sexis­mus

► das Emma-Inter­view mit der deut­schen femi­nis­ti­sche Stadt­gue­ril­la­gruppe Rote Zora von 1984

► für eine Unter­schei­dung zwi­schen einem ’spie­le­ri­schen‘ und einem widerständig-​​materialistischen, post­mo­der­nen Femi­nis­mus auf
Teresa L. Ebert
Ludic Femi­nism, the Body, Per­for­mance, and Labor: Brin­ging Mate­ria­lism Back into Femi­nist Cul­tu­ral Stu­dies [aus Uni-​​Netzen kos­ten­los]
in: Cul­tu­ral Cri­ti­que, Iss. 23 Win­ter 1992/​93, 5 – 50

sowie schließ­lich

► auf die wei­te­ren links in der rech­ten Rand­spalte in der Kate­go­rie „Frg­mente klass[ischer] fem[inistische] Texte“ [diese links sind mitt­ler­weile dort hin ver­scho­ben, TaP 06.05.2011]

ver­wie­sen.

Was heißt Reproduktion der HERRschenden Verhältnisse?

Theo­rie als Pra­xis ver­tei­digt beim Mäd­chen­blog die These

„Der Sexis­mus /​ das Patri­ar­chat, die Domi­nanz von Män­nern über Frauen, ist auch in der heu­ti­gen Gesell­schaft nicht nur ein Relikt der Ver­gan­gen­heit. Und: Sexis­mus und Patri­ar­chat wer­den auch durch Sex, durch die Ver­tei­lung der Rol­len von Akti­vi­tät und Pas­si­vi­tät, von pene­trie­ren und pene­triert wer­den, und eben auch – und viel­leicht sogar in noch extre­me­rer Weise (durch schla­gen und geschla­gen wer­den) – bei BDSM repro­du­ziert, indem es näm­lich ers­tens weit­aus mehr an BDSM Inter­es­sierte Män­ner als Frauen zu geben scheint und unter den Män­nern wie­derum der Anteil der Domi­nan­ten deut­lich höher ist als unter den Frauen.“

Gegen die These von lay­lah:

„dass sich der sexis­mus im bdsm repro­du­ziert, heißt nicht, dass bdsm sexis­mus repro­du­ziert.“ (Hv. i.O.)

Wird es im Kommunismus noch Normen geben?

Aus Anlaß einer Dis­kus­sion beim Mäd­chen­blog


earen­dil:

„Aber bei dir, TaP, beschleicht mich lang­sam der Ver­dacht, dass du nicht ein­fach die Auf­he­bung der Nor­men, son­dern andere Nor­men durch­set­zen willst, im Bereich der Sexua­li­tät eben das, was Greschka als ‚verqueert-​​lesbischen Kuschel(nicht)sex‘ bezeich­net hat.“

TaP:
„Die feministisch-​​kommunistische Welt­ge­sell­schaft wird, wenn es sie denn jemals geben wird, keine Ansamm­lung von 5 Mil­li­ar­den Robin­son Cru­soe oder 5 Mil­li­ar­den Kas­per Hau­ser [3] sein; dann wäre sie näm­lich keine Gesell­schaft. Auch in einer feministisch-​​kommunistischen Welt­ge­sell­schaft wird es Nor­men geben – nur, daß deren Set­zung nicht mehr unter den Bedin­gun­gen von Herr­schaft und Aus­beu­tung erfolgt und deren Voll­stre­ckung nicht mehr einem Staats­ap­part über­tra­gen ist. Wie das im ein­zel­nen funk­tio­nie­ren kann, ist zwei­fels­ohne eine aus­ge­spro­chen schwie­rige Frage, die von Kom­mu­nis­tIn­nen und Femi­nis­tin­nen bis­her nur sehr rudi­men­tär bear­bei­tet wurde.“

earen­dil:
„Warum es im Kom­mu­nis­mus soziale Nor­men (≠ ver­nunft­be­grün­dete Regeln!) geben muss, und wie Nor­men herr­schafts­frei gebil­det oder durch­ge­setzt wer­den kön­nen, ist mir ein Rät­sel.“

1. Ich ver­stehe schon ein­mal nicht, was die Unglei­chung ’soziale Nor­men ≠ ver­nunft­be­grün­dete Regeln‘ besa­gen soll. Nur, daß z.B. die jet­zige Norm, nicht unge­rech­fer­tigt zu töten, dann nach Dei­ner Vor­stel­lung „ver­nunft­be­grün­dete Regel“ hei­ßen soll? Oder soll die Norm ersatz­los weg­fal­len?
Falls Umbe­nen­nung: Was wäre Dei­nes Erach­tens der Vor­teil?

2. Zum andere sehe ich nicht, daß sich selbst Falle einer kommunistisch-​​feministischen Welt­ge­sell­schaft alle anste­hen­den Fra­gen allein mit „Ver­nunft“1 lösen las­sen.
Die Poli­tik wird sich im femi­nis­ti­schen Kom­mu­nis­mus nicht in Tech­no­kra­tie auf­lö­sen.

Nur mal ein paar Fra­gen, die keine Erkennt­nis­fra­gen, son­dern Inter­es­sens­fra­gen sind:

a) Wie­viel wol­len die Leute kon­su­mie­ren?

b) Wie­viel wol­len die Leute arbei­ten?

c) Wie­viel Roh­stoffe sol­len auf­ge­braucht bzw. für die nach­kom­men­den Gene­ra­tio­nen erhal­ten wer­den?

d) Wie­viel Arbeits­zeit soll in die Erwei­te­rung der Pro­duk­tion sowie in – nicht unmit­tel­bar pro­duk­tive – For­schung und Ent­wick­lung gesteckt wer­den (Mög­lich­keit, arbeits­zeit­ein­spa­rende Erfin­dun­gen zu machen; aber auch Mög­lich­keit nutz­lo­ser Auf­wen­dun­gen /​ Fehl­schlag von For­schungs­li­nien)?

e) Wel­che Tech­ni­ken sol­len unter ökolo­gi­schen und ergo­no­mi­schen Gesichts­punk­ten ange­wen­det oder nicht ange­wen­det wer­den (allein mit der Abschaf­fung von AKW wird es ja nicht getan sein)?

f) Wie wer­den Arbeits­kräf­te­be­darf und Aus­bil­dungs­in­ter­es­sen koor­di­niert?

Alle diese Fra­gen las­sen sich nicht allein mit „Ver­nunft“ beant­wor­ten. Wenn sie beant­wor­tet wer­den, müs­sen die Ant­wor­ten /​ Ent­schei­dun­gen mit einer gewis­sen Ver­bind­lich­keit ein­ge­hal­ten wer­den, aber auch eine begrün­de­ten Revi­sion mög­lich blei­ben.
Wenn Du all­das nicht „Nor­men“, son­dern „Regeln“ nen­nen willst – mei­net­we­gen.

  1. Von der spe­zi­fi­schen idea­lis­ti­schen Kon­no­ta­tion die „Ver­nunft“ im Gegen­satz zu „Ver­stand“ in der phi­lo­so­phi­schen Tra­di­tion hat sehe ich hier ab. Sollte „ver­nunft­be­grün­det“ i.S. die­ser Unter­schei­dung gemeint sein, so wäre die Kri­tik noch zu ver­schär­fen. [zurück]

Zur Kritik des marxistisch-gegenstandpunklerischen Kleinredens von Sexismus und Patriarchat

Einige grund­sätz­li­che Bemer­kun­gen über das Ver­hält­nis von Mar­xis­mus und Femi­nis­mus, ‚Pri­va­tem‘ und Poli­ti­schen aus Anlaß der SM-​​Debatte beim Mäd­chen­blog

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Nachtrag zum Staatsfeiertag: Helmut Ridder 1979 zum 30. Jubiläum des Grundgesetzes

aus: Demo­kra­tie und Recht 1979, 123 – 134.

„Das Men­schen­bild des Grund­ge­set­zes“

Zur Staats­re­li­gion der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land

„[…]. Somit muß unsere dem ‚Men­schen­bild des Grund­ge­set­zes‘ gewid­mete Auf­merk­sam­keit zuvör­derst dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt und sei­ner Funk­ti­ons­weise gel­ten. Es spielt ja auch in der Vor­stel­lungs­welt des irgend­wie an ihm inter­es­sier­ten, sich Demo­kra­tie gro­ßen­teils frei­lich nur in der kopf­stän­di­schen demo­sko­pi­schen Ver­sion aneig­nen­den bun­des­deut­schen Publi­kums eine ebenso bedeut­same Rolle wie in der­je­ni­gen sei­ner dito beschaf­fe­nen Juris­ten und sei­ner Poli­tik­funk­tio­näre. Allent­hal­ben, in den dürf­tigs­ten Grund­ris­sen wie in den dick­lei­bigs­ten Grundgesetz-​​Kommentaren, in Sonn-​​ wie Werk­tags­re­den von Minis­tern, wird ihm Wich­tig­keit und Unent­behr­lich­keit attes­tiert. Volle Ein­mü­tig­keit besteht bei allen – d. h. bei allen, die im Licht – nicht nur dar­über, daß ‚unsere der­zei­tige Ver­fas­sung den frei­heit­lichs­ten Staat in der deut­schen Geschichte kon­sti­tu­iert‘ (welch ein Jam­mer, daß man den damit impli­zier­ten ergrei­fend schlich­ten Kau­sal­me­cha­nis­mus nicht schon frü­her auf­ge­deckt hat!): Nach (und mit) den eiserns­ten Kanz­lern, nach dem unüber­setz­bars­ten und nach dem tau­send­jäh­rigs­ten Reich nun also, wenn auch nur auf die 250 000 qkm von Deutsch-​​Karthago radi­ziert, ein noch gewal­ti­ge­rer Super­la­tiv, ver­wirk­licht von einer mis­sio­na­ri­schen wirt­schaft­li­chen Groß­macht ers­ten Ran­ges, Kon­sul­ta­tiv­macht für Regie­rungs­bil­dun­gen in Frank­reich, Sprach­reg­ler für US-​​Präsidenten, hin­ter ihr als ökono­mi­scher Wurm­fort­satz das ehe­mals stolze Albion – sollte sie etwa nicht bald in der Lage sein, es den ‚Super­mäch­ten‘ – nota­bene: bei­den! – schon zu zei­gen, wie das in Asien, Afrika, Latein-​​Amerika zu machen ist – und – nicht zu ver­ges­sen – wer es selbst­los selbst machen wird, wenn die Ver­bün­de­ten – sei es aus Schwä­che, sei es aus Irr­tum, der ‚Grund­werte‘ nicht ein­ge­denk – zau­dern, fackeln, ja kapi­tu­lie­ren?“

Voll­stän­di­ger Vor­trags­text als .pdf-​​Datei.

Revolutionäre Aktion Stuttgart: (Nicht) Wählen ändert nicht genug…

Von der Revo­lu­tio­nä­ren Aktion Stutt­gart wurde der fol­gende Text als Kom­men­tar zu dem Bei­trag Wel­che recht hat, hat recht: „Arbei­ter­macht“ con­tra „Gegen­stand­punkt“ gepos­tet. Die fett-​​ und kusiv-​​Setzungen der Zwi­schen­über­schrif­ten wurde von TaP hin­zu­ge­fügt.

Dis­kus­si­ons­pa­pier zur Nach­be­rei­tung der Gemein­de­rats­wah­len im Juni 2009 in Stutt­gart und zum Ver­hält­nis der revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken zu Wah­len und Par­la­men­ta­ris­mus

Wir sind anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Linke aus ver­schie­de­nen Orga­ni­sie­run­gen in Stutt­gart und haben gemein­sam Ariane R. bei ihrer Kan­di­da­tur bei der letz­ten Gemein­de­rats­wahl unter­stützt und uns in die­sem Zusam­men­hang auch an ver­schie­de­nen wei­te­ren Akti­vi­tä­ten betei­ligt. Unsere Dis­kus­sio­nen und Erfah­run­gen dazu machen wir mit die­sem Papier zugäng­lich.
Nicht zuletzt die in den Wochen vor dem 27. Sep­tem­ber lau­fende Kam­pa­gne von den Grup­pen Liber­täre Initia­tive Stutt­gart (LIST), Liber­tä­res Bünd­nis Lud­wigs­burg (LB2) und Gegen­stand­punkt hat uns dazu bewo­gen die­ses Papier zu ver­öf­fent­li­chen. Unser Papier streift diese Kam­pa­gne ledig­lich, da es die Akti­vi­tä­ten rund um die Gemein­de­rats­wahl zum Schwer­punkt hat. Wir hal­ten es aber für geeig­net um gene­rell zu einer Debatte zu Wah­len und Par­la­men­ta­ris­mus bei­zu­tra­gen, die sich (not­wen­di­ger­weise) deut­lich über dem Niveau der Bei­träge befin­det, die dazu bis­her von den Grup­pen der Wahlboykott-​​Kampagne ver­öf­fent­licht wur­den.

I. Vor­be­mer­kun­gen

Da die Kan­di­da­tur einer kom­mu­nis­ti­schen Genos­sin aus der außer­par­la­men­ta­ri­schen Lin­ken auf der offe­nen Liste der Links­par­tei, sowie die Unter­stüt­zung auch der ande­ren Kan­di­da­tIn­nen wohl für am meis­ten Dis­kus­si­ons­be­darf sorgt, nimmt dies in die­sem Papier mehr Platz ein als andere Akti­vi­tä­ten.
Des­wei­te­ren ist zu erwäh­nen, dass wir nicht für alle im fol­gen­den dar­ge­stell­ten Akti­vi­tä­ten ver­ant­wort­lich sind, sich die ver­schie­de­nen Akti­vi­tä­ten aber ergänz­ten und die glei­chen Ansprü­che und Ziele hat­ten.

Die­ses Papier ver­steht sich nicht als abge­schlos­sene Posi­tio­nie­rung und hat nicht den Anspruch alle Fra­gen rund um das rich­tige Ver­hält­nis zur Links­par­tei, zu Mög­lich­kei­ten und Pro­ble­men von Kan­di­da­tu­ren revo­lu­tio­nä­rer Akti­vis­tIn­nen und zu effek­ti­ven anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Akti­vi­tä­ten in Zei­ten des Wahl­kamp­fes zu beant­wor­ten. Diese Fra­gen kön­nen erst nach wei­te­ren Dis­kus­sio­nen und ins­be­son­dere prak­ti­schen Erfah­run­gen umfas­send beant­wor­tet wer­den. Da es his­to­risch und inter­na­tio­nal kaum Situa­tio­nen gibt die mit der heu­ti­gen Lage in der BRD direkt ver­gleich­bar sind und daher auf nur wenige kon­krete Erfah­rungs­werte zurück­ge­grif­fen wer­den kann, befin­den wir uns prak­tisch noch im Anfangs­sta­dium der aktu­el­len Klä­rung die­ser Fra­gen. Die rich­ti­gen Ant­wor­ten sind zudem auch immer von sehr spe­zi­fi­schen kon­kre­ten Situa­tio­nen abhän­gig und nur in Grund­zü­gen all­ge­mein zu beant­wor­ten.
Die Grund­la­gen auf denen unsere Debat­ten zu die­ser The­ma­tik und unsere Pra­xis auf­bauen, müs­sen aller­dings mög­lichst klar umris­sen sein, was wir im fol­gen­den Kapi­tel (in der not­wen­di­gen Kürze) ver­su­chen wer­den.
Dog­ma­ti­sche und radi­ka­lis­ti­sche Phra­sen, die der Kom­ple­xi­tät und Dyna­mik des The­mas nicht gerecht wer­den, brin­gen keine Klar­heit, son­dern die­nen ledig­lich der eige­nen Selbst­sti­li­sie­rung – die Ein­gangs erwähnte Kam­pa­gne zur Bun­des­tags­wahl lie­fert hier­für ein ein­drück­li­ches Bei­spiel.

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Welche recht hat, hat recht: „Arbeitermacht“ contra „Gegenstandpunkt“

http://​www​.arbei​ter​macht​.de/​i​n​f​o​m​a​i​l​/​4​4​7​/​g​e​g​e​n​s​t​a​n​d​p​u​n​k​t.htm

Gegen wen steht der GEGEN­STAND­PUNKT?

Karl Olben, Info­mail 447, 28. Sep­tem­ber 2009

Unter dem Motto „Die Linke wäh­len – eine geeig­nete Alter­na­tive?“ ver­an­stal­tete die Liber­täre Initia­tive Stutt­gart kurz vor der Wahl eine Podi­ums­dis­kus­sion. Rund 60 Leute kamen und für die Mehr­zahl die­ser war ganz offen­kun­dig die Wahl der Links­par­tei keine Option. Wozu aller­dings die Wahl der Links­par­tei eine Alter­na­tive sein sollte bzw. was denn die Alter­na­tive zur Wahl der Links­par­tei sein könnte, blieb weit­ge­hend im Dun­keln.

So ver­zich­te­ten die Ver­an­stal­te­rIn­nen auf eine eigene Stel­lung­nahme. Es wurde völ­lig akzep­tiert, als der Spre­cher von Versus/​GEGENSTANDPUNKT expli­zit auf die Frage nach sei­ner Alter­na­tive ant­wor­tete, dass dies ja nicht Thema des Abends sei.

So spielte die Krise des Kapi­ta­lis­mus, die anste­hen­den Angriffe auf die Lebens-​​ und Arbeits­be­din­gun­gen und die ent­spre­chen­den Auf­ga­ben der poli­ti­schen Lin­ken kaum eine Rolle.

Der Spre­cher der Links­par­tei benannte diese Pro­bleme zwar, erklärte die Posi­tion sei­ner Par­tei dazu, konnte aber – klas­sisch refor­mis­tisch – nicht im Ansatz erklä­ren, wie die Wahl der Links­par­tei mit einer anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Stra­te­gie ver­bun­den wer­den könnte. Damit wurde er ein leich­tes Opfer für die Ver­tre­te­rIn­nen des GEGEN­STAND­PUNKTS, die ele­gant bewie­sen, dass die Par­tei DIE LINKE sys­te­mer­hal­tend sei. Aber dabei blie­ben sie nicht ste­hen; für sie ist jeder Kampf gegen Angriffe oder für Ver­bes­se­run­gen pro-​​kapitalistisch, z.B. für Min­dest­löhne oder gegen den Afgha­nis­tan­krieg.

„Hartz IV? Wer den Kapi­ta­lis­mus nicht rich­tig kri­ti­sie­ren kann, braucht gar nicht erst anzu­fan­gen zu kämp­fen.“ So ihr Spre­cher auf dem Podium. Die Kapi­ta­lis­mus­kri­tik kommt noch schein­bar mar­xis­tisch daher, als Aus­beu­tungs­ob­jekt exis­tiert die Arbei­ter­klasse auch für den GEGEN­STAND­PUNKT. Für ihre Inter­es­sen zu kämp­fen, das aber hat sie sein zu las­sen, solange sie es nicht so tut, wie es den Lehr­meis­tern des GEGEN­STAND­PUNKT gefällt.

Dabei haben diese Damen und Her­ren aber kei­ner­lei eigene Vor­schläge, ihre Kri­tik – die im Ein­zel­fall rich­tig sein kann – bleibt somit rein destruk­tiv. Logi­scher­weise inter­es­sie­ren diese Leute der reale Klas­sen­kampf, die aktu­el­len Kampf­ziele der Arbei­ter­klasse wie auch jene der Bour­geoi­sie über­haupt nicht. Tak­ti­ken und Stra­te­gien sind ihnen unbe­kannt. Geschichte ist Geschichte von Klas­sen­kämp­fen – nicht für die Ideo­lo­gen des GEGEN­STAND­PUNKT.

Für viele Teil­neh­me­rIn­nen die­ser denk­wür­di­gen Podi­ums­dis­kus­sion – ver­mut­lich aus dem anar­chis­ti­schen und auto­no­men Milieu – ist diese Posi­tion sicher eine prima Recht­fer­ti­gung, sich auch wei­ter nur um die eigene Befind­lich­keit zu küm­mern und mög­lichst wenig Berüh­rung mit Poli­tik zu haben. Sie spen­de­ten hef­ti­gen Bei­fall für den GEGEN­STAND­PUNKT. Die Ver­an­stal­ter, die ihrer­seits durch­aus als Antifa und Mit­ver­an­stal­ter der Revo­lu­tio­nä­ren 1.Mai – Demo aktiv sind, müs­sen sich über­le­gen, ob sie nicht selbst ihre Posi­tio­nen pro­gram­ma­tisch erar­bei­ten müs­sen, die sicher eher auf der Linie „Klas­sen­kampf statt Wahl­kampf“ lie­gen, als dem GEGEN­STAND­PUNKT das Feld zu über­las­sen.

[…]. Gerade in Stutt­gart ist mit dem loka­len Bünd­nis „Kri­sen­pro­test“ mit 34 Orga­ni­sa­tio­nen der Lin­ken ein­schließ­lich zweier Gewerk­schaf­ten ein wich­ti­ger Schritt in diese Rich­tung gelun­gen. Der GEGEN­STAND­PUNKT hält sich aus die­sem Kampf nicht nur her­aus, er ist im Klas­sen­kampf nicht nur neu­tral (was so viel heißt wie nicht auf Sei­ten der Arbei­ter­klasse) – er steht mit sei­ner Pro­pa­ganda gegen den Kampf objek­tiv auf der ande­ren Seite der Bar­ri­kade!

Mädchenblog von Maskulinisten-Freundin „Mirabella“ unterwandert?

Die Mög­lich­keit, den Bei­trag von Mira­bella zu SM beim Mäd­chen­blog (vgl. hier 1, 2 und 3) zu kom­men­tie­ren, ist mitt­ler­weile deak­ti­viert. Zuvor hatte einE Nut­ze­rIn „ungläu­big“ hart­nä­ckig die Ver­mu­tung geäu­ßert, daß hin­ter die­sem Bei­trag die glei­che Per­son steckt, die sich auch schon u.a. in einem Maskulinisten-​​Forum anti­fe­mi­nis­tisch äußerte.1
Dies schien mir zunächst ein etwas schwa­ches Indiz zu sein: Nickname-​​Doppelung gibt’s öfters, Anti­fe­mi­nis­mus noch öfter. Bliebe noch die maso-​​SM-​​Identität, die wahr­schein­lich einen etwas klei­ne­ren Kreis betrifft.

Die kom­plette Deak­ti­vie­rung der Kom­men­tar­funk­tion und auch das Schwei­gen der ande­ren Mache­rIn­nen des Mäd­chen­blogs mach­ten mich nun doch ein biß­chen stut­zig, und ich habe auch mal gegooglet.

Im blog von Made­moi­selle Noc­turne kom­men­tiert auch eine Mira­bella. In einem Kom­men­tar geht es auch um SM – und wird Gerech­tig­keit für Heteros/​as ein­ge­klagt:

„Mira­bella hat gesagt…
Auf jeden Fall sehr schöne Bil­der!
Aber du soll­test Abstand neh­men von dem Kli­schee einer ‚vor­zugs­wei­sen schwu­len SM Szene‘!
Mon­tag, 7. Sep­tem­ber 2009 11:27 Uhr +02:00

Und in einem ande­ren Kom­men­tar wird der Play­boy (wenn auch vorsichtig-​​vergleichend) gelobt:

„Mira­bella hat gesagt…
Selbst der Play­boy hat zum Teil inter­es­san­te­res und inhalts­vol­le­res als die meis­ten Frau­en­zeit­schrif­ten.
Mon­tag, 7. Sep­tem­ber 2009 11:35 Uhr +02:00

Und bei poli​tik​-forum​.eu, das „ungläu­big“ schon erwähnte, gibt es einen Bei­trag einer „Mira­bella“, die sich selbst Mädchenblog-​​Leserin bezeich­net (was „ungläu­big“ noch nicht erwähnte) und den Mäd­chen­blog wie folgt kri­ti­siert:

„Betreff des Bei­trags: Femi­nis­tin­nen und häus­li­che Gewalt Ver­fasst: Mo 29. Jun 2009, 18:00
Ich lese seit eini­ger Zeit auf dem mäd­chen­blog (http://​maed​chen​blog​.blog​sport​.de). Und vor kur­zem ist da ein Bei­trag erschie­nen, bei den es um ein ‚intel­li­gen­tes Pla­kat‘ gegen häus­li­che Gewalt geht, auf dem ein Mann eine Frau schlägt, solange nie­mand hin­sieht.
Erst­mal eine sehr inter­es­sante und gute Kam­pa­gne.
Aber als ich die Dis­kus­sion (Kom­men­tare) zu dem Thema las, war ich etwas geschockt, wie dort mit Men­schen umge­gan­gen wird, die dar­auf auf­merk­sam machen, dass nicht nur Frauen Opfer häus­li­cher Gewalt sind.
Warum sind Femi­nis­tin­nen (hier spe­zi­ell die dort schrei­ben­den) so emp­find­lich, wenn es um das Thema häus­li­che Gewalt geht. Warum kann nicht ein­ge­se­hen wer­den, dass das Thema beide Geschlech­ter angeht?
Wie sehen die Per­so­nen hier im Forum das?
_​_​_​_​_​_​_​_​_​_​_​_​_​_​_​_​_​
Das Den­ken ist zwar allen Men­schen erlaubt, aber vie­len bleibt es erspart.
Meine Gedann­ken sind zu fin­den unter: http://​www​.my​-little​-world​.over​blog​.de“ (http://​www​.poli​tik​-forum​.eu/​v​i​e​w​t​o​p​i​c​.​p​h​p​?​f​=​2​2​&​a​m​p​;​t​=​10672)

In dem ver­link­ten blog, den auch „ungläu­big“ schon erwähnte, geht es auch um SM (http://​my​-little​-world​.over​-blog​.de/​p​a​g​e​s​/​B​D​S​M​-​1​5​1​3​4​8​5​.html), und es wird beklagt:

„jaja, wenn man nicht die für Frauen geschaf­fe­nen Pri­vi­le­gien auf Kos­ten der Män­ner genie­ßen kann, son­dern im Gegen­teil eine Gleich­be­rech­ti­gung zwi­schen den Geschlech­tern anstrebt, ist man unglaub­wür­dig…“

Naja, ich bin gespannt, wie es wei­ter­geht, gehe aber erst ein­mal schla­fen.

Vgl. auch:
http://​fem​komm​.blog​sport​.de/?p=2.
und die ande­ren Bei­träge in die­sem blog:
Das Blog hier dient ein­zig und alleine dem Pos­ten von Kom­men­ta­ren und Stel­lung­nah­men, die auf dem Mäd­chen­blog gepos­tet wor­den sind, aber gelöscht wur­den, oder dort noch gepos­tet wor­den wären. Auf Ant­wort an ande­rer Stelle werde ich ant­wor­ten, nach Mög­lich­keit vor Ort, bei Zen­sur hier.

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Ist das Patriarchat abgeschafft?

[Noch zwei (30.09; 14:36 h) wei­tere (30.09; 15:31 h) mei­ner Kom­men­tare aus der SM-​​Diskussion beim Mäd­chen­blog]

@ Mira­bella – 30. Sep­tem­ber 2009 um 12:40 Uhr

I. Die Grund­satz­dif­fe­renz

Mir scheint, Du defi­nierst Dis­kri­mi­nie­rung so, daß diese nur vor­liegt, wenn irgend­et­was gegen den Wil­len einer der betei­lig­ten Per­so­nen erfolgt – und alles andere ist Dei­nes Erach­tens auch poli­tisch kein Pro­blem.1
Defi­nie­ren kannst Du natür­lich wie Du willst, aber bei der poli­ti­schen Bewer­tung würde ich Dir wider­spre­chen, und des­halb scheint mir auch ein wei­te­rer Begriff von „Dis­kri­mi­nie­rung“ (wenn wir denn den Aus­druck über­haupt ver­wen­den wol­len) sinn­voll.
Herr­schaft und Aus­beu­tung (diese Begriffe sind m.E. vor­zu­zie­hen) lie­gen auch dann vor, wenn die Beherrsch­ten und Aus­ge­beu­te­ten mit die­sen Ver­hält­nis­sen ein­ver­stan­den sind. Diese Begriffe bezeich­nen objek­tive Sozi­al­struk­tu­ren, nicht die Hal­tung von ein­zel­nen Sub­jek­ten dazu. Skla­ven­ar­beit ist Aus­beu­tung, auch wenn die Skla­vin gerne Skla­vin ist (oder sich nichts ande­res vor­stel­len kann); Leib­ei­ge­nen­ar­beit ist Aus­beu­tung, auch wenn der Leib­ei­gene gerne Leib­eig­ner ist; Lohn­ar­beit ist Aus­beu­tung, auch wenn die Arbei­te­rIn­nen ihre Arbeits­ver­träge frei­wil­lig unter­schrei­ben. Haus­ar­beit, ver­rich­tet von Frauen für Män­ner gegen eine bloße ‚Auf­wand­ent­schä­di­gung‘ (gesetz­li­cher Unter­halt oder sogar nur Taschen­geld oder sogar ganz ohne Gegen­leis­tung, falls die Haus­frau über [geerb­tes] Ver­mö­gen ver­fügt), ist Aneig­nung von Frau­en­ar­beit durch Män­ner; ist Aus­beu­tung. Und es ist immer noch Aus­beu­tung, wenn es sich um eine queere Haus-​​femme und eine queere butch (ob schwul oder les­bisch) han­delt.
Und da Herr­schaft nicht zwangs­läu­fig mit Maschi­nen­ge­weh­ren aus­ge­übt wird, son­dern auch – und in der Regel – mit­tels Ideo­lo­gi­scher Staats­ap­pa­rate, liegt auch Herr­schaft nicht erst dann vor, wenn die Leute mit vor­ge­hal­te­ner Waffe zu etwas gezwun­gen wer­den.2

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Noch einmal zu SM und Politik

Anläß­lich der Dis­kus­sion beim Mäd­chen­blog hat sich Thiel Schwei­ger (1, 2) fol­gen­des vor­ge­nom­men:

„Neben lin­ken Auto­ri­tä­ten wie Adorno sind es etwa Alice Schwar­zer, Robert Kurz, das so genannte Ber­li­ner Insti­ti­tut für Faschis­mus­for­schung und wohl gene­rell die meis­ten Freudomarxist_​innen [, die die Ansicht ver­tre­ten, „dass SM poli­tisch kri­ti­ka­bel ist und die äuße­ren Macht­ver­hält­nisse im Pri­va­ten repro­du­ziert“]. Auch links ori­en­tierte Schriftsteller_​innen wie Hein­rich Mann (Der Unter­tan) und Klaus Mann (Mephisto) dürf­ten in diese Reihe gehö­ren. In der Debatte, auf die ich direkt Bezug nehme, machte der Blog­ger von Theo­rie als Pra­xis diese Posi­tion stark, die er auf sei­nem Blog in zwei Bei­trä­gen expli­ziert. An sei­nem Bei­spiel hoffe ich, die­sen Dis­kurs gene­rell kri­ti­sie­ren zu kön­nen.“ (meine Hv.)

1.

Der Ver­such die genann­ten Posi­tio­nen anhand mei­nes Bei­spiels zu kri­ti­sie­ren, ist von vorn­her­ein auf ziem­li­chen san­di­gem Boden gebaut. Zwar mögen alle Genann­ten SM für poli­tisch kri­ti­sie­rens­wert hal­ten und der Ansicht sei­nen, daß SM dahin ten­diere, gesell­schaft­li­che Machtgefälle repro­du­zie­ren. Nur – soweit ich die von T.S. genann­ten Posi­tio­nen kenne, habe ich ganz andere Vor­stel­lun­gen davon, wie die hie­si­gen gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse funk­tio­nie­ren – und folg­lich auch ganz andere Vor­stel­lun­gen davon, was es heißt, die­ses wür­den durch SM repro­du­ziert. Um es in aller Deut­lich­keit zu sagen:

Ich bin keine Freu­domar­xis­tIn. (Sofern ich über­haupt eine Mei­nung zur Psy­cho­ana­lyse habe, ten­diere ich eher zur ent­ge­gen­ge­setz­ten laca­nis­ti­schen Rich­tung. Aber eigent­lich muß ich sagen: Freud habe ich prak­tisch nicht gele­sen; mein Ver­such vor ca. 15 Jah­ren meine Uni-​​Zwischenprüfungsarbeit über Lacan zu schrei­ben, war in mei­nen Augen ziem­lich geschei­tert [die Prü­fungs­kom­mis­sion ließ mich freund­li­cher­weise trotz­dem ins Haupt­stu­dium]. Und über­haupt ver­stehe ich eigent­lich nicht, worum es bei der Psy­cho­ana­lyse geht. – Ich halte mich eher an boden­stän­di­gere The­men.)

Ich bin auch keine Adorno-​​AnhängerIn. Mit der Frank­fur­ter Schule bin ich rund­her­aus nicht ein­ver­stan­den1, und auch kon­kret mit dem von T.S. ange­führ­ten Adorno-​​Zitat zu SM bin ich nicht ein­ver­stan­den.

Schon gar nicht bin ich mit Robi Kurz ein­ver­stan­den. (Einige Jahre nach mei­ner geschei­ter­ten Zwi­schen­prü­fungs­ar­beit hatte ich mal ein Kri­sis-Heft in der Hand und fest­ge­stellt, daß die­ser Ansatz wei­tere Beschäf­ti­gung nicht lohnt.) Auch das von T.S. kon­kret ange­führte Kurz-​​Zitat ist mir zu eso­te­risch.

► Wer das „so genannte Ber­li­ner Insti­ti­tut für Faschis­mus­for­schung“ ist und warum es ein „so genann­tes“ ist, ist mir nicht bekannt – auch nicht die Posi­tio­nen, die dort ver­tre­ten wer­den.

► Auch mit den Manns kenne ich mich nicht aus. Ich bin wirk­lich unge­bil­det.

► Zutref­fend ist, daß die PorNo-​​Kampagne der Emma vor mehr als 20 Jah­ren meine poli­ti­sche Posi­ti­ons­bil­dung zu die­ser Frage beein­flußt hat. Aber als Theo­re­ti­ke­rin ist Schwar­zer für den Femi­nis­mus nun wirk­lich nicht aus­schlag­ge­bend, und auch ihre poli­ti­sche Posi­tio­nie­rung in vie­len ande­ren Fra­gen finde ich falsch. Das an der alten PorNo-​​Position, was mir rich­tig erscheint (also durch­aus nicht alles), ist m.E. sehr gut auch mit avan­cier­te­ren theo­re­ti­schen femi­nis­ti­schen Posi­tio­nen (vgl. hier) ver­ein­bar.

Ich werde daher auf den gan­zen ers­ten Teil des Tex­tes von T.S. (vor den ers­ten drei ***) nicht wei­ter ein­ge­hen. Auch hin­sicht­lich der vagen Andeu­tun­gen zu Pädo­phi­lie beschränkte ich mich – aus Zeit­grün­den – dar­auf, erheb­li­che Vor­be­halte anzu­mel­den (die von T.S. erwähnte Debatte zu dem Thema habe ich nicht zur Kennt­nis genom­men).

2.

Ich beschränke mich daher im fol­gen­den dar­auf, auf den direkt mir gewid­me­ten zwei­ten Teil ein­zu­ge­hen. Auch da kann ich meine Posi­tion nicht wirk­lich wie­der­er­ken­nen – wahr­schein­lich, weil T.S. meine Stel­lung­nah­men vor einer freu­domar­xis­ti­schen Folie liest, die aber in mei­nem Fall über­haupt nicht pas­send ist.

[TaP:] „Und müs­sen wir dann nicht berech­tig­ter­weise befürch­ten, daß sich die ‚zeit­wei­lig ungleich ver­teilte‘ Macht in SM-​​Beziehungen schnell ver­selb­stän­digt – beson­ders dann, wenn sie (wie oben dar­ge­legt) den gesell­schaft­li­chen Macht­ver­hält­nis­sen folgt?“
[T.S.:] „Dies ist nun etwas, was im SM-​​internen Dis­kurs oft genug pro­ble­ma­ti­siert wird.“

Nur wurde es eben weder in dem sei­ner­zeit von mir kri­ti­sier­ten AK-​​Artikel the­ma­ti­siert, noch in dem jet­zi­gen Bei­trag von Mira­bella beim Mäd­chen­blog. Und auch T.S. wischt das Thema gleich wie­der weg:

„Natür­lich gibt es diese Gefahr – ‚No risk no fun‘ kann man da eigent­lich nur sagen“.

Wei­ter macht T.S. gel­tend:

„Die meis­ten SM-​​Praktiken wei­sen über­haupt kei­nen direk­ten Bezug zu äuße­ren Macht­ver­hält­nis­sen auf.“

Nun hatte ich aber anhand der von mir aus­ge­wer­te­ten SM-​​Annoncen und der Schlag­werk-home­page auf­ge­zeigt, daß es weit über­wie­gend Män­ner sind, die den domi­nan­ten part ein­neh­men wol­len; auch die Wiki­pe­dia nennt eine Zahl von bloß 11 bis 28 Pro­zent weib­li­cher tops.

Gegen diese Ana­lyse wen­det T.S. ein:

„Sinn­vol­ler wäre es gewe­sen, ein­schlä­gige Stu­dien zu dem Thema, die es ja gibt, zu lesen, etwa Nor­bert Elbs Buch SM-​​ Sexua­li­tät: Selbst­or­ga­ni­sa­tion einer sexu­el­len Sub­kul­tur.“

Asche auf mein Haupt. Das war wirk­lich eine schwer­wie­gende wis­sen­schaft­li­che Ver­feh­lung, daß ich im Jahre 2000 ein Buch noch nicht zitiert hatte, das erst 6 Jahre ver­öf­fent­licht wurde…

„SMer_​innen, die sich frei­wil­lig unter­wer­fen, da sie sie sich davon einen Lust­ge­winn ver­spre­chen, sind letzt­end­lich ideo­lo­gisch ver­blen­det und nicht Ernst zu neh­men. […]. SMer_​innen wird abge­spro­chen, ihr Glück selbst beur­tei­len zu kön­nen, sie wer­den patho­lo­gi­siert.“

Die mir unter­stellte Posi­tion ist – was mich betrifft – frei erfun­den. Beim Mäd­chen­blog hatte ich viel­mehr geschrie­ben:

„es wäre anma­ßend und müßig, Dir sagen zu wol­len, daß Du das Fal­sches willst (schließ­lich ist es Dein Wille) – aber es ist schon mög­lich eine eigene poli­ti­sche Mei­nung dazu zu haben, oder?“ (30.09.; 10:59 h)

Auch ansons­ten halte ich die Rede vom „fal­schen Bewußt­sein“ (scil. ‚Ver­blen­dung‘ etc.) für falsch:
http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​9​/​1​5​/​w​a​r​u​m​-​i​d​e​o​l​o​g​i​e​-​k​e​i​n​-​n​o​t​w​e​n​d​i​g​-​f​a​l​s​c​h​e​s​-​b​e​w​u​s​s​t​s​e​i​n​-​i​s​t​-​u​n​d​-​a​u​s​-​e​i​n​e​r​-​e​r​k​e​n​n​t​n​i​s​-​n​i​c​h​t​-​a​u​t​o​m​a​t​i​s​c​h​-​e​i​n​e​-​b​e​s​t​i​m​m​t​e​-​p​o​l​i​t​i​s​c​h​e​-​h​a​l​t​u​n​g​-​f​olgt/.

Und auch die Pathologisierungs-​​Unterstellung gegen­über SM-​​KritikerInnen und -Skep­ti­ke­rIn­nen, die in dem Aus­gangs­text beim Mäd­chen­blog eben­falls ent­hal­ten ist, hatte ich bereits zurück­ge­wie­sen:

[Mira­bella:] „Bei BDSM han­delt es sich um eine Nei­gung und nicht um eine Spie­le­rei oder eine krank­hafte Per­ver­sion.
[TaP:] „Ich würde ja alt­mo­disch sagen: Es han­delt sich um Poli­tik. Das Sexu­elle ist poli­tisch.“ (30.09.; 10:59 h)

Wei­ter geht es bei T.S. wie folgt:

„Auch dass Gewalt per se etwas schlech­tes ist, ist eine Mei­nung, die direkt aus der bür­ger­li­chen Staats­ideo­lo­gie ent­nom­men ist: es gibt nur eine Gewalt – die des Staa­tes – und die ist eben keine. Alle andere Gewalt wird tabui­siert. Eine ratio­nale Gewalt­kri­tik müsste dage­gen die Zwe­cke betrach­ten, denen Gewalt u.U. als ange­mes­se­nes Mit­tel dient.“

a) Auch die mir unter­stellte Posi­tion zur Staats­ge­walt ist frei erfun­den. 1. Ist Staats­ge­walt Gewalt. 2. halte ich es für falsch, staat­li­cher Gewalt­an­wen­dung die These ent­ge­gen­zu­set­zen, Gewalt sei kein Mit­tel der Poli­tik (1 + Kom­men­tar). Doch, Gewalt ist ein Mit­tel der Poli­tik.
b) Gewalt­an­wen­dung gegen andere zur Befrie­dung der eige­nen Lust („dort ist eben der Genuss der Macht pri­mä­rer Trieb“ – Zitat aus einem von T.S. zur Lek­türe emp­foh­le­nen Text) finde ich aller­dings – gelinde gesagt – ziem­lich pro­ble­ma­tisch. Wenn das Frauen im Patri­ar­chat gegen Män­ner machen, und die Män­ner ihrer­seits auch noch damit ein­ver­stan­den sind, regt mich das nicht wei­ter auf. Wenn die Gewalt­an­wen­dung dage­gen typi­scher­weise (und so scheint es in der SM-​​Szene zu sein) der herr­schen­den Gewalt­ver­tei­lung ent­spricht, dann ist das nichts, was ich poli­tisch begrü­ßen will.

„Zudem beinhal­tet seine Argu­men­ta­tion einen recht selt­sa­men Sozi­al­de­ter­mi­nis­mus. Die Deter­mi­na­tion, die die Gesell­schaft auf die SM-​​betreibenden Indi­vi­duen aus­ge­übt, geht dabei recht platt vor sich, im Sinne eines sim­plen, nicht wei­ter erklär­ten, Abbil­dungs­vor­gangs: hier Macht, dort Macht. Nicht erklärt wird, warum dies nur bei so weni­gen Indi­vi­duen funk­tio­niert, warum es nicht wesent­lich mehr SMer_​innen gibt.“

Meine These geht viel­mehr in die Rich­tung, daß SM nur eine Radi­ka­li­sie­rung des­sen ist, was im Rah­men von nor­ma­ler, hetero/​a/​sexueller Sexua­li­tät ohne­hin üblich ist, ist (1, 2, 3, 4, 5 – bei 1 und 2 jew. die Foucault-​​, MacKinnon-​​ und Rich-​​Zitate + Kon­text; die rest­li­chen Stel­len sind Kurz-​​Statements).

Auch seine hier schon als Kom­men­tar gepos­tete Monopoly-​​Analogie bringt T.S. noch ein­mal vor. Dazu hatte ich schon geschrie­ben:

„Naja, ein Brett­spiel ist viel­leicht etwas ande­res als der ‚Spie­len‘ mit frem­den Kör­pern. Und bei Mono­poly wer­den nicht die gesell­schaft­li­chen Rol­len der kon­kret Spie­len­den repro­du­ziert. Die ‚Rol­len‘ im Spiel funk­tio­nie­ren völ­lig unab­hän­gig von der (sons­ti­gen) gesell­schaft­li­chen Rolle der Spie­len­den, wäh­rend es beim SM eine starke Ten­denz gibt, daß wie­derum Män­ner die Domi­nie­ren­den sind – lt. Wiki­pe­dia 72 – 89 %.“

Auch das hier schon gepos­tete Foucault-​​Zitat führt T.S. noch ein­mal an. Hier erneut meine Ant­wort:

Fou­cault: „dass sie neue Mög­lich­kei­ten von Lust erfin­den, indem sie bestimmte eigen­tüm­li­che Par­tien ihrer Kör­per gebrau­chen – indem sie die­sen Kör­per ero­ti­sie­ren.“

T.S.: „Und ihr sub­ver­si­ves Poten­tial liegt eben tat­säch­lich (siehe Fou­cault) in der Erfin­dung neuer Lüste.“

Das ist sehr all­ge­mein. Und in die­ser All­ge­mein­heit gibt es da auch gar nichts ein­zu­wen­den. Dage­gen ist das Nach’spielen‘ von Herr­schaft ein sehr spe­zi­fi­scher Fall. Und ich habe bis­her kein Argu­ment gehört, daß mich über­zeu­gen würde, daß es mög­lich ist, im Falle von SM eine halb­wegs trenn­scharfe Unter­schei­dung zwi­schen ‚Spiel‘ und ‚Ernst‘ zu tref­fen.2
Der hie­sige Aus­gangs­ar­ti­kel von Mira­bella und auch die sei­ner­zeit von mir im AK kri­ti­sier­ten Texte sind viel­mehr ein sehr star­kes Indiz dafür, daß die Unter­schei­dung nicht mög­lich ist – am Ende ist auch der ‚Ernst‘ ein ‚Spiel‘, und das Patri­ar­chat löst sich durch queer-​​sadomaso Volun­ta­ris­mus in Luft auf.

3.

Noch ein­mal kurz zurück zum Anfang und dann direkt zum Ende des Tex­tes von T.S.:

„weil die ‚Per­ver­sen‘ sich unter Druck gesetzt füh­len, den gegen sie ins Feld geführ­ten Dif­fa­mie­run­gen ent­ge­gen­zu­tre­ten,“ /​ „Ver­däch­ti­gun­gen“ /​ „gewohnte links­mo­ra­li­sie­rende Gerüch­te­kü­che im Wind­schat­ten Freuds“

Wel­che „Dif­fa­mie­run­gen“ gab es beim Mäd­chen­blog? Wo ging/​geht es dort um Moral? Es geht um Poli­tik. -
Aber die­ser ‚argu­men­ta­tive‘ Schlen­ker ist durch­aus typisch für sol­che Debat­ten: Erst wird die poli­ti­sche Kri­tik in mora­li­sche und juris­ti­sche Ter­mini ‚über­setzt‘ statt auf der poli­ti­schen Ebene zu erwi­dern – und dann wird in genia­ler Weise der ver­meint­li­che Mora­lis­mus der Gegen­po­si­tion ent­larvt und umge­hauen.

  1. Mit die­sen Kri­ti­ken bin ich weit­ge­hend ein­ver­stan­den:
    Gareth Sted­man Jones, The Mar­xism of the Early Lukács: an Eva­lua­tion, in: New Left Review, Iss. 70, Nov./Dec. 1971, 27 – 64 (wie­der­ab­ge­druckt in: ders. et al., Wes­tern Mar­xism. A Cri­ti­cal Rea­der, NLB: Lon­don, 1977, 11 – 60).

    Göran Ther­born, The Frank­furt School, in: New Left Review H. 63, Sept./Oct. 1970, 65 – 96 (zusam­men mit Ther­born 1971 wie­der­ab­ge­druckt in: Sted­man Jones et al. 1977, 83 – 139).
    ders., Jür­gen Haber­mas: A New Eclec­ticism, in: New Left Review Iss. 67, May/​June 1971, 69 – 83 (zusam­men mit Ther­born 1970 wie­der­ab­ge­druckt in: Sted­man Jones et al. 1977, 83 – 139).

    (Aus Netz­wer­ken von Universitäts-​​ und Staats­bi­blio­the­ken besteht ein kos­ten­freier Zugang zum NLR-Archiv.)

    Rolf Nemitz, Ideo­lo­gie als „not­wen­dig fal­sches Bewußt­sein“ bei Lukács und der Kri­ti­schen Theo­rie, in: Projekt-​​Ideologie-​​Theorie (Hg.), Theo­rien über Ideo­lo­gie (Argument-​​Sonderband AS 40), Argu­ment: [West]berlin, 1. Aufl.: 1979, 3. Aufl.: 1986, 39 – 60.

    Stef­fen Kratz /​ Beate Ver­horst, Frank­fur­ter Schule (Adorno und Mar­cuse), in: Heinz Kim­merle (Hg.), Modelle der Mate­ria­lis­ti­schen Dia­lek­tik. Bei­träge der Bochu­mer Dialektik-​​Arbeitsgemeinschaft, Mar­ti­nus Nijhiff: Den Haag, 1978, 185 – 209; online unter: http://​www​.trend​.info​par​ti​san​.net/​t​r​d​0​5​0​7​/​t​0​3​0​5​0​7​.html.

    Lucio Col­letti, Von Hegel zu Mar­cuse, in: alter­na­tive H. 72/​73: Lite­ra­tur und Revo­lu­tion. Bei­träge aus Ita­lien, Juni/​Aug. 1970, 129 – 149

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  2. S. http://​edoc​.hu​-ber​lin​.de/​d​i​s​s​e​r​t​a​t​i​o​n​e​n​/​s​c​h​u​l​z​e​-​d​e​t​l​e​f​-​g​e​o​r​g​i​a​-​2​0​0​4​-​0​6​-​1​0​/​P​D​F​/​s​c​h​u​l​z​e.pdf, S. 187 – 190. [zurück]