Archiv für Oktober 2009

Vier Zitate zum Krisen-Begriff

1. Eine Krise für die ArbeiterInnenklasse oder für das Kapital?

„[…] erlaubt, die Frage des Übergangs zu einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und des Bruchs mit dem Kapitalismus endlich von der Frage der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise zu trennen. Sollten derartige ‚Grenzen’ existieren – was zweifelhaft ist, da es, wie man gesehen hat, eine unaufhörliche Dialektik zwischen den Formen der sozialen Integration der Arbeit und ihrer Proletarisierung, den technologischen Innovationen und der Intensivierung der Mehrarbeit gibt –, so haben sie nicht direkt etwas mit dem revolutionären Bruch zu tun, der nur dann eintreten kann, wenn die Destabilisierung des Klassenverhältnisses selbst, d.h. des ökonomisch-staatlichen Komplexes, eine günstige politische Gelegenheit für Veränderungen bietet. Wieder muß also die Frage gestellt werden, für wen es eine ‚Krise’ gibt und was in der ‚Krise’ ist.“
(Etienne Balibar, Vom Klassenkampf zum Kampf ohne Klassen?, in: ders. / Immanuel Wallerstein, Rasse. Klasse. Nation. Amivalente Identitäten, Argument: [West]berlin, 1990, 190 – 224 [220 f.]).

2. Wachstums- oder Zusammenbruchskrise?

a) „Morphologie des entwickelten Kapitalismus“ = „ein bestimmtes Anpassungsvermögen, welches der Entwicklung der Produktivkräfte eigen ist, eine bestimmte Plastizität, die es ihnen in Krisenzeiten ermöglicht, ihre eigene Neustrukturierung zu leisten“
(Christine Buci-Glucksmann, Über die politischen Probleme des Übergangs: Arbeiterklasse, Staat und passive Revolution, in: SOPO. Sozialistische Politik [das europäische buch: Westberlin], Vol. 41, Sept. 1977, 13 – 35 [15, anknüpfend an Gramscis Begriff der „passiven Revolution“]).

b) „Das Wort ‚Krise’, ein medizinischer Ausdruck, der die akute Phase eines Krankheitsverlaufs bezeichnet, wo über Heilung, Tod oder Aufschub entschieden wird, wurde nicht erst von Marxisten auf Politik und Ökonomie angewendet. Der marxistische Beitrag dazu ist eine materialistische und dialektische Konzeption der Geschichte, die es ermöglicht, sie als einen Prozeß zu denken, wo Phasen struktureller Stabilität (in denen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse mit nur quantitativen Veränderungen reproduzieren) und durch Krisen eingeleitete Phasen qualitativer Veränderung einander ablösen. […]. Man kann ‚nicht mehr in der alten Weise weitermachen’. Es eröffnen sich dann verschiedene mögliche Auswege: Wiederherstellung der Verhältnisse in mehr oder weniger modifizierter Form, und sei es durch Konterrevolution und Krieg, oder revolutionäre Einrichtung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse.“
(Alain Lipietz, Stichwort „Krise“, in: Georges Labica / Gérard Bensussan (Hg.), Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Dt. Fassung hrsg. von Wolfgang Fritz Haug, Bd. 8, Argument, [West]berlin, 1986 [frz. Originalausgabe: 1982: 1. Auflage, 1984/85: 2. Auflage], 712 – 719 [712 f.]).

Anmerkung:
Diese begrifflichen Differenzierungen haben zwar den Vorteil, daß sie Krise und Zusammenbruch des Kapitalismus nicht gleichsetzen. Gleichzeitig löschen sie aber damit aber unter den Oberbegriffen „Krise“ und „qualitative Veränderung“ (statt „Stabilität“ und „quantitative[r] Veränderung“) tendenziell den Unterschied zwischen einer modifizierten „Wiederherstellung“ (Erneuerung, Modernisierung) der gegebenen gesellschaftlichen Verhältnisse und deren revolutionären Umsturz – zwischen ‚passiver’ und ‚aktiver’ Revolution – aus. Welchen analytischen Wert hat dann der Begriff „Krise“ noch? Ist der Kapitalismus dann nicht immer in der ‚Krise’? Modifiziert er sich nicht ständig „mehr oder weniger“?

3. Krise – immer nur Krise? – eine Analogie (zwischen moral economy und Kapitalismus)

„Auch der Begriff ‚moral economy’ scheint mir gefährlich, weil er dazu führen kann, einen unveränderlichen Traditionalismus zu unterstellen; in Wirklichkeit handelt es sich um eine Art bauchrednerische Kategorie, die sich nie genau festmachen läßt und sofort verschwindet, wenn man ihr näher tritt: Die ‚moral economy‘ hat sozusagen immer 20 Jahre oder 50 Jahre Vorsprung, und ist immer gerade ‚am Zusammenbrechen’.“
(Gareth Stedman Jones, in: Peter Schöttler, Interview mit Gareth Stedman Jones, in: G. St.J., Klasse, Politik und Sprache. Für eine theorieorientierte Sozialgeschichte, Westfälisches Dampfboot: Münster, 1988, 277 – 317 [299]).

Doing Gender und die Hergestelltheit und Variabilität unserer Identitäten

Vorschläge für korrigierte Übersetzungen zweier Butler-Zitaten aus Gender Trouble sowie eines Zitates aus Doing Gender von West/Zimmermann

Butler-Zitat 1:

a) us-amerikanisches Original

„[…], gender is always a doing, though not a doing by a subject who might be said to preexist the deed. […]. There is no gender identity behind the expressions of gender; that identity is performatively constituted by the very ‚expressions‘ that are said to be its results.” (Judith Butler, Gender trouble, New York / London, 1990, 25).

b) Übersetzung in der deutschen Ausgabe

„[…] die Geschlechtsidentität [ist] ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Subjekts, von dem sich sagen ließe, daß es der Tat vorausginge. […]. Hinter den Äußerungen der Geschlechtsidentität (gender) liegt keine geschlechtlich bestimmte Identität (gender identity). Vielmehr wird diese Identität gerade performativ durch diese ‚Äußerungen‘ konstituiert, die angeblich ihr Resultat sind.“ (Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1990, 49 – Hv. i.O.).

c) Vorschlag für eine korrigierte Übersetzung

„[…] gender ist ein Tun, wenn auch nicht das Tun eines Subjekts, von dem sich sagen ließe, daß es bereits vor der Tat existierte. […]. Hinter den Äußerungen von Geschlecht* liegt keine Geschlechtsidentität, vielmehr wird diese Identität gerade performativ durch diese ‚Äußerungen‘ konstituiert, von denen gesagt wird, daß sie das Resultat jener Identität seien.“

* gemeint sind: vergeschlechtliche Handlungen, kulturelle Codes etc.

Anmerkung:

Soll gender überhaupt übersetzt werden und nicht einfach der englische Ausdruck auch im Deutschen verwendet werden, so ist meiner Auffassung nach generell die Übersetzung „soziales Geschlecht“ (im Unterschied zu: sex = biologisches Geschlecht) der in der Suhrkamp-Ausgabe gewählten Übersetzung „Geschlechtsidentität“ vorzuziehen. Der Begriff gender bezieht sich in der feministischen Diskussion keineswegs nur auf Identitätsfragen.
„expressions of gender“ übersetze ich dagegen schlicht als „Äußerungen von Geschlecht“, da ohnehin klar ist, daß es sich um nicht biologische Phänomene handelt, sondern um das, was im sexistisch-biologistischen Diskurs als – notwendige – soziale Konsequenzen des biologischen Geschlechts angesehen wird.
An der vorliegenden Stelle ist die Suhrkamp-Übersetzung von gender als „Geschlechtsidentität“ besonders absurd, weil dies dann in der Konsequenz dazu führt, gender identity nicht als Geschlechtsidentität zu übersetzen.

Butler-Zitat 2

a) us-amerikanisches Original

„If gender attributes, however, are not expressive but performative*, then theses attributes effectively constitute the identity they are said to express or reveal. The distinction between expression and performativiness is crucial. If gender attributes and acts, the various ways, in which a body shows or produces its cultural signification, are performative, then there is no preexisting identity by which an act or attribute might be measured; […]“ (Judith Butler, Gender Trouble, Routledge: New York, 1990, 141).

* performative (≈ hervorbringend) ‹ lat. per- (= durch und durch, völlig, von Grund auf) + lat. formare (= gestalten, bilden).

b) Übersetzung in der deutschen Ausgabe

„Wenn die Attribute der Geschlechtsidentität nicht expressiv, sondern performativ sind, wird die Identität, die sie angeblich nur ausdrücken oder offenbaren sollen, in Wirklichkeit durch diese Attribute konstituiert. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Performanz ist zentral: Wenn die Attribute und Akte der Geschlechtsidentität, die verschiedenen Formen, in denen ein Körper seine kulturellen Bezeichnungen zum Vorschein bringt oder produziert, performativ sind, gibt es keine vorgängig existierende Identität, an der ein Akt oder Attribut gemessen werden könnte.“ (Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Suhrkamp: Frankfurt am Main, 1990, 207).

c) Vorschlag für eine korrigierte Übersetzung

„Wenn die Eigenschaften der Geschlechter nicht ausdrückend, sondern hervorbringend [präziser: hervorgebracht, TaP] sind, dann konstituieren diese Eigenschaften die Identität, von der behauptet wird, daß sie sie ausdrücken oder offenbaren würden. Die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Performativität [Hervorbringung] ist zentral: Wenn die Eigenschaften der Geschlechter und die geschlechtlichen Handlungen, die verschiedenen Formen, in denen ein Körper seine kulturelle Bedeutung zeigt oder produziert, performativ sind, dann gibt es keine vorgängig existierende Identität, an der diese Eigenschaften oder Handlungen gemessen werden könnten, […].“

Das Zitat von West/Zimmermann

a) englisches Original

„Doing gender involves a complex of socially guided perceptual, interactional, and micropolitical activities […]. When we view gender as an accomplishment, an achieved property of situated conduct, our attention shifts from matters internal to the individual and focuses on interactional and, ultimately, institutional arenas. Gender […] is the activity of managing situated conduct in the light of normative conceptions of attitudes and activities […].“ (Candace West / Don H. Zimmermann, Doing gender, in: Judith Lorber / Susan A. Farell (Hg.), The Social Construction of Gender, Sage: Newbury Park / London / New Dehli, 1991, 13 – 37 [14] – Hv. i.O.). /

b) deutsche Übersetzung durch Regine Gildemeister und Angelika Wetter (Wie Geschlechter gemacht werden. Die soziale Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit und ihre Reifizierung in der Frauenforschung, in: Gudrun-Axeli Knapp / Angelika Wetterer [Hg.], Traditionen. Brüche. Entwicklungen feministischer Theorie, Kore: Freiburg i. Br., 1992, 201-254 [212] – Hv. getilgt; der letzte Satz des hier angeführten Zitates ist dort nicht mit zitiert bzw. übersetzt)

„Das Herstellen von Geschlecht (doing gender) umfaßt eine gebündelte Vielfalt sozial gesteuerter Tätigkeiten auf der Ebene der Wahrnehmung, der Interaktion und der Alltagspolitik, […]. Wenn wir das Geschlecht (gender) als eine Leistung ansehen, als ein erworbenes Merkmal des Handelns in sozialen Situationen, wendet sich unsere Aufmerksamkeit von Faktoren ab, die im Individuum verankert sind, und konzentriert sich auf interaktive und letztlich institutionelle Bereiche.“

c) Vorschlag für eine korrigierte Übersetzung

Doing gender ist ein gegliedertes Ganzes1 [eine Struktur] von sozial gesteuerten, wahrnehmungs-bezogenen und mikropolitischen Tätigkeiten und Interaktionen […]. Wenn wir gender als etwas Hergestelltes2 ansehen, als ein produziertes Merkmal [gesellschaftlich] situierten Verhaltens, dann verschiebt sich unsere Aufmerksamkeit weg von Dingen im Innern von Individuen und richtet sich [statt dessen] auf institutionalisierte Kampfplätze3, an denen interagiert wird. […]. Gender ist Bewältigung4 [Erledigung] [gesellschaftlich] situierten Verhaltens im Lichte von normativen Konzeptionen für Haltungen und Handlungen.“

(mehr…)

Zitate aus Foucaults „Was ist Aufklärung?“

„Und schließlich schlägt Kant [in Was ist Aufklärung?] Friedrich II. in kaum verhüllten Worten eine Art Vertrag vor, der ein Vertrag zwischen rationalem Despotismus und freier Vernunft genannt werden könnte: Der öffentliche und freie Gebrauch der autonomen Vernunft wird die beste Garantie des Gehorsams sein, jedoch unter der Bedingung, daß das politische Prinzip, dem gehorcht werden muß, selbst mit der universellen Vernunft übereinstimmt.“ (40)1

„Wir müssen die Alternative des Außen und Innen umgehen; wir müssen an den Grenzen sein.“ (48)2

„Und diese Kritik [die von Foucault verfochtene, TaP], wird insofern genealogisch sein, als sie nicht aus Formen unseres Seins das ableiten, was wir unmöglich tun und wissen können; sondern sie wird in der Kontingenz, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, die Möglichkeit auffinden, nicht länger das zu sein, zu tun oder zu denken, was wir sind, tun oder denken.“ (49)

„[…] der folgende Einwand [gegen die hier in FN 1 zitierte Position Foucaults, TaP] [wäre] ohne Zweifel vollständig berechtigt: Falls man sich auf diesen Typ stets partieller und lokaler Untersuchungen oder Tests beschränkt, läuft man dann nicht Gefahr, sich von allgemeinen Strukturen bestimmen zu lassen, deren man nicht bewußt ist und die man nicht beherrschaft? […]. Diese [die von Foucault vorgeschlagene, TaP] Arbeit hat ihre Allgemeinheit, ihre Systematik, ihre Homogenität und ihren Einsatz.“ (50)

„Wir wissen, daß das große Versprechen, oder die große Hoffnung des 18. Jahrhunderts, […], in dem gleichzeitigen und proportionalem Wachstum der technischen Fähigkeiten […] wie auch der Freiheit der Individuen […] lag.[…] man konnte sehen, welche Formen von Machtbeziehungen durch verschiedene Technologien gefördert wurden (ob wir von Produktionen mit ökonomischen Zielen spechen oder von Institutionen mit dem Ziel gesellschaftlicher Regulierung oder von Kommunikationstechniken: kollektive und individuelle Disziplinen, Prozeduren der Normalisierung, die im Namen der Staatsmacht, als Forderungen der Gesellschaft oder von Teilen der Bevölkerung ausgeübt wurden, geben Beispiele. Der Einsatz ist also: Wie kann der Zuwachs an Fähigkeiten von der Stärkung von Machtbeziehungen getrennt werden?“ [50, 51 – meine Hv.] -

letzteres gegen alle, die meinen Foucault habe einen unkritischen Macht-Begriff vertreten; s. dazu auch dort, S. 72 – 75.

(Michel Foucault, Was ist Aufklärung?,
in: Eva Erdmann / Rainer Forst / Axel Honneth (Hg.),
Ethos der Moderne. Foucaults Kritik der Aufklärung
Campus: Frankfurt am Main / New York, 1990,
S. 35 – 54).

(mehr…)

Kann es eine Gleichheit verschiedener Geschlechter geben?

[Dieser Text wurde ursprünglich am 13.10.2009 – zusammen mit Ausührungen zu anderen Themen – als Kommentar beim Mädchenblog veröffentlicht und für die hiesige Wiederveröffentlichung leicht überarbeitet.
Für Repliken und meine Erwiderungen darauf siehe am Erstveröffentlichungsort.]

I. Ist der unterschiedliche Habitus von Männern und Frauen völlig okay?
II. Gleichheits-Illusion oder Überwindung der Geschlechter?
III. Der Kommunismus sind nicht 5 Milliarden Robinsonaden
IV. Feminismus = umgedrehter Sexismus?

(mehr…)

Kurz und bündig: Zwei Einführungen in den Feminismus

aus Anlaß von

Antidemokratische Aktion – 12. Oktober 2009 um 15:10 Uhr
beim Mädchenblog

und

antikap – 14. Oktober 2009 um 22:41 Uhr bei Theorie und Praxis:

1. Redaktionskollektiv [der Zeitschrift Perspektiven. Zeitschrift für sozialistische Theorie (Marburg)]
Auf zu neuen Ufern!
in: Perspektiven, H. 4: Feminismus/Marxismus, Nov. 1988, 5 – 14.

Der Text gibt einen knappen Überblick über die Geschichte der neuen Frauenbewegung in der BRD von ’68 bis Mitte/Ende der ’80er Jahre sowie über das ‚real’sozialistisch-marxistische Verständnis der „Frauenfrage“, den radikalfeministischen Bielefelder Ansatz von Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof sowie den sozialistischen Feminismus wie er in der BRD und Westberlin vor allem von den Frauen in der und um die Redaktion der philosophischen und sozialwissenschaftlichen Westberliner Zeitschrift Das Argument vertreten wurde.
Unter dem Gesichtspunkt des Heft-Themas „Feminismus/Marxismus“ werden der in den 70er und 80er Jahren vor allem in den USA starke, mittlerweile auch in BRD angekommene liberale Feminismus sowie – vor allem in BRD und anderen west- und nordeuropäischen Ländern starke – sozialdemokratisch-frauenbewegte Position nicht behandelt.
Ebenfalls nicht behandelt werden laut AutorInnen „diejenigen radikalfeministischen Theorieansätze, die in letzter Konsequenz auf die Überwindung des Kapiatlismus verzichten bzw. sie nicht für wichtig erachten“ (meine Hv.). Auf welche das gemünzt war, ist mir nicht klar.

2. Cornelia Eichhorn
Zwischen Dekonstruktion und Identitätspolitik. Eine Kritik zur feministischen Debatte um Judith Butler
in: Die Beute. Politik und Verbrechen (Edition ID-ArchivAmsterdam/Berlin), 1/1994, 40-43.

Der zweite Text war rund ein halbes Jahrzehnt später und damit schon nach Veröffentlichung von Judith Butlers Buch Gender Trouble / Das Unbehagen der Geschlechter erschienen.
Der Aufsatz von Cornelia Eichhorn verortet Butlers Neuansatz im Kontext des Unterschiedes zwischen Gleichheits- und Differenzfeminismus. Beide dokumentierten Texte mit einander verknüpfend wäre zu sagen, daß der Bielefelder Ansatz eine spezifische Variante des Differenzfeminismus darstellt; der sozialistische Feminismus dagegen eher eine Variante des Gleichheitsfeminismus.
Freilich unterscheidet sich der sozialistische Feminismus dadurch von liberalen und sozialdemokratischen frauenbewegten Positionen, daß er nicht nur auf GleichbeRECHTigung und instiutionelle Politik fixiert ist, sondern im Rahmen eines stärker bewegungsorientierten Ansatzes auf eine grundlegende Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse zielt.
Andere Differenzansätze sind neben dem Bielefelder Ansatz das italieniesche affidamento-Konzept, der französische Differenzfeminismus von Irigaray, Kristeva und Cicoux sowie der – gelegentlich auch „kulturell“ genannte – Ansatz von Adrienne Rich. Als radikal- oder differenzfeministisch ist auch der Ansatz von Catharine A. MacKinnon zu bezeichnen, die aber anders als die meisten anderen Differenzfeministinnen sehr stark auf staatlich-juristische Maßnahmen setzt.

Ergänzend sei noch
► bezgl. Butlers Verhältnis zum Marxismus auf ihren Aufsatz
Merely Cultural [aus Uni-Netzen kostenlos]
in: New Left Review Iss. 227 1998, 33 – 44
(zur damaligen die Debatte in der New Left Review über Identitätspolitik, die nach Ansicht einiger DiskussantInnen das charakteristische Merkmal der sog. Neuen sozialen Bewegung ist [Butler weist dagegen den Vorwurf, diese seinen merely cultural zurück] und Interessenspolitik, die angeblich die Arbeiterbewegung auszeichne, siehe den dortigen Aufsatz von Frieder Otto Wolf)

► zum Unterschied zwischen Butlers De-Konstruktion des Geschlechts und Ursula Scheus 7er Jahre-Buch Wir werden nicht als Mädchen geboren – wir werden dazu gemacht auf
meinen dortigen Text

► Cornelia Klinger,
Liberalismus – Marxismus – Postmoderne
. Der Feminismus und seine glücklichen oder unglücklichen ‚Ehen‘ mit verschiedenen Theorieströmungen im 20. Jahrhundert, in: Antje Hornstein / Gabriele Jähnert / Annette Schlichter (Hg.), Kritische Differenzen – Geteilte Differenzen. Zum Verhältnis von Feminismus und Postmoderne, Westdeutscher Verlag: Opladen / Wiesbaden, 1998, 18 – 41.

► als zwei für die linksradikal-autonome Diskussion Ende der 80er / Anfang der 90er Jahre wichtige Texte auf
++ Ingrid Strobl
Die Angst vor den Frösten der Freiheit
und
++ Klaus Viehmann u.a.
Drei zu Eins. Klassenwiderspruch, Rassismus und Sexismus

► das Emma-Interview mit der deutschen feministische Stadtguerillagruppe Rote Zora von 1984

► für eine Unterscheidung zwischen einem ’spielerischen‘ und einem widerständig-materialistischen, postmodernen Feminismus auf
Teresa L. Ebert
Ludic Feminism, the Body, Performance, and Labor: Bringing Materialism Back into Feminist Cultural Studies [aus Uni-Netzen kostenlos]
in: Cultural Critique, Iss. 23 Winter 1992/93, 5 – 50

sowie schließlich

► auf die weiteren links in der rechten Randspalte in der Kategorie „Frgmente klass[ischer] fem[inistische] Texte“ [diese links sind mittlerweile dort hin verschoben, TaP 06.05.2011]

verwiesen.

Was heißt Reproduktion der HERRschenden Verhältnisse?

Theorie als Praxis verteidigt beim Mädchenblog die These

„Der Sexismus / das Patriarchat, die Dominanz von Männern über Frauen, ist auch in der heutigen Gesellschaft nicht nur ein Relikt der Vergangenheit. Und: Sexismus und Patriarchat werden auch durch Sex, durch die Verteilung der Rollen von Aktivität und Passivität, von penetrieren und penetriert werden, und eben auch – und vielleicht sogar in noch extremerer Weise (durch schlagen und geschlagen werden) – bei BDSM reproduziert, indem es nämlich erstens weitaus mehr an BDSM Interessierte Männer als Frauen zu geben scheint und unter den Männern wiederum der Anteil der Dominanten deutlich höher ist als unter den Frauen.“

Gegen die These von laylah:

„dass sich der sexismus im bdsm reproduziert, heißt nicht, dass bdsm sexismus reproduziert.“ (Hv. i.O.)

Wird es im Kommunismus noch Normen geben?

Aus Anlaß einer Diskussion beim Mädchenblog


earendil:

„Aber bei dir, TaP, beschleicht mich langsam der Verdacht, dass du nicht einfach die Aufhebung der Normen, sondern andere Normen durchsetzen willst, im Bereich der Sexualität eben das, was Greschka als ‚verqueert-lesbischen Kuschel(nicht)sex‘ bezeichnet hat.“

TaP:
„Die feministisch-kommunistische Weltgesellschaft wird, wenn es sie denn jemals geben wird, keine Ansammlung von 5 Milliarden Robinson Crusoe oder 5 Milliarden Kasper Hauser [3] sein; dann wäre sie nämlich keine Gesellschaft. Auch in einer feministisch-kommunistischen Weltgesellschaft wird es Normen geben – nur, daß deren Setzung nicht mehr unter den Bedingungen von Herrschaft und Ausbeutung erfolgt und deren Vollstreckung nicht mehr einem Staatsappart übertragen ist. Wie das im einzelnen funktionieren kann, ist zweifelsohne eine ausgesprochen schwierige Frage, die von KommunistInnen und Feministinnen bisher nur sehr rudimentär bearbeitet wurde.“

earendil:
„Warum es im Kommunismus soziale Normen (≠ vernunftbegründete Regeln!) geben muss, und wie Normen herrschaftsfrei gebildet oder durchgesetzt werden können, ist mir ein Rätsel.“

1. Ich verstehe schon einmal nicht, was die Ungleichung ’soziale Normen ≠ vernunftbegründete Regeln‘ besagen soll. Nur, daß z.B. die jetzige Norm, nicht ungerechfertigt zu töten, dann nach Deiner Vorstellung „vernunftbegründete Regel“ heißen soll? Oder soll die Norm ersatzlos wegfallen?
Falls Umbenennung: Was wäre Deines Erachtens der Vorteil?

2. Zum andere sehe ich nicht, daß sich selbst Falle einer kommunistisch-feministischen Weltgesellschaft alle anstehenden Fragen allein mit „Vernunft“1 lösen lassen.
Die Politik wird sich im feministischen Kommunismus nicht in Technokratie auflösen.

Nur mal ein paar Fragen, die keine Erkenntnisfragen, sondern Interessensfragen sind:

a) Wieviel wollen die Leute konsumieren?

b) Wieviel wollen die Leute arbeiten?

c) Wieviel Rohstoffe sollen aufgebraucht bzw. für die nachkommenden Generationen erhalten werden?

d) Wieviel Arbeitszeit soll in die Erweiterung der Produktion sowie in – nicht unmittelbar produktive – Forschung und Entwicklung gesteckt werden (Möglichkeit, arbeitszeiteinsparende Erfindungen zu machen; aber auch Möglichkeit nutzloser Aufwendungen / Fehlschlag von Forschungslinien)?

e) Welche Techniken sollen unter ökologischen und ergonomischen Gesichtspunkten angewendet oder nicht angewendet werden (allein mit der Abschaffung von AKW wird es ja nicht getan sein)?

f) Wie werden Arbeitskräftebedarf und Ausbildungsinteressen koordiniert?

Alle diese Fragen lassen sich nicht allein mit „Vernunft“ beantworten. Wenn sie beantwortet werden, müssen die Antworten / Entscheidungen mit einer gewissen Verbindlichkeit eingehalten werden, aber auch eine begründeten Revision möglich bleiben.
Wenn Du alldas nicht „Normen“, sondern „Regeln“ nennen willst – meinetwegen.

  1. Von der spezifischen idealistischen Konnotation die „Vernunft“ im Gegensatz zu „Verstand“ in der philosophischen Tradition hat sehe ich hier ab. Sollte „vernunftbegründet“ i.S. dieser Unterscheidung gemeint sein, so wäre die Kritik noch zu verschärfen. [zurück]

Zur Kritik des marxistisch-gegenstandpunklerischen Kleinredens von Sexismus und Patriarchat

Einige grundsätzliche Bemerkungen über das Verhältnis von Marxismus und Feminismus, ‚Privatem‘ und Politischen aus Anlaß der SM-Debatte beim Mädchenblog

(mehr…)

Nachtrag zum Staatsfeiertag: Helmut Ridder 1979 zum 30. Jubiläum des Grundgesetzes

aus: Demokratie und Recht 1979, 123 – 134.

„Das Menschenbild des Grundgesetzes“

Zur Staatsreligion der Bundesrepublik Deutschland

„[…]. Somit muß unsere dem ‚Menschenbild des Grundgesetzes‘ gewidmete Aufmerksamkeit zuvörderst dem Bundesverfassungsgericht und seiner Funktionsweise gelten. Es spielt ja auch in der Vorstellungswelt des irgendwie an ihm interessierten, sich Demokratie großenteils freilich nur in der kopfständischen demoskopischen Version aneignenden bundesdeutschen Publikums eine ebenso bedeutsame Rolle wie in derjenigen seiner dito beschaffenen Juristen und seiner Politikfunktionäre. Allenthalben, in den dürftigsten Grundrissen wie in den dickleibigsten Grundgesetz-Kommentaren, in Sonn- wie Werktagsreden von Ministern, wird ihm Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit attestiert. Volle Einmütigkeit besteht bei allen – d. h. bei allen, die im Licht – nicht nur darüber, daß ‚unsere derzeitige Verfassung den freiheitlichsten Staat in der deutschen Geschichte konstituiert‘ (welch ein Jammer, daß man den damit implizierten ergreifend schlichten Kausalmechanismus nicht schon früher aufgedeckt hat!): Nach (und mit) den eisernsten Kanzlern, nach dem unübersetzbarsten und nach dem tausendjährigsten Reich nun also, wenn auch nur auf die 250 000 qkm von Deutsch-Karthago radiziert, ein noch gewaltigerer Superlativ, verwirklicht von einer missionarischen wirtschaftlichen Großmacht ersten Ranges, Konsultativmacht für Regierungsbildungen in Frankreich, Sprachregler für US-Präsidenten, hinter ihr als ökonomischer Wurmfortsatz das ehemals stolze Albion – sollte sie etwa nicht bald in der Lage sein, es den ‚Supermächten‘ – notabene: beiden! – schon zu zeigen, wie das in Asien, Afrika, Latein-Amerika zu machen ist – und – nicht zu vergessen – wer es selbstlos selbst machen wird, wenn die Verbündeten – sei es aus Schwäche, sei es aus Irrtum, der ‚Grundwerte‘ nicht eingedenk – zaudern, fackeln, ja kapitulieren?“

Vollständiger Vortragstext als .pdf-Datei.

Revolutionäre Aktion Stuttgart: (Nicht) Wählen ändert nicht genug…

Von der Revolutionären Aktion Stuttgart wurde der folgende Text als Kommentar zu dem Beitrag Welche recht hat, hat recht: „Arbeitermacht“ contra „Gegenstandpunkt“ gepostet. Die fett- und kusiv-Setzungen der Zwischenüberschriften wurde von TaP hinzugefügt.

Diskussionspapier zur Nachbereitung der Gemeinderatswahlen im Juni 2009 in Stuttgart und zum Verhältnis der revolutionären Linken zu Wahlen und Parlamentarismus

Wir sind antikapitalistische Linke aus verschiedenen Organisierungen in Stuttgart und haben gemeinsam Ariane R. bei ihrer Kandidatur bei der letzten Gemeinderatswahl unterstützt und uns in diesem Zusammenhang auch an verschiedenen weiteren Aktivitäten beteiligt. Unsere Diskussionen und Erfahrungen dazu machen wir mit diesem Papier zugänglich.
Nicht zuletzt die in den Wochen vor dem 27. September laufende Kampagne von den Gruppen Libertäre Initiative Stuttgart (LIST), Libertäres Bündnis Ludwigsburg (LB2) und Gegenstandpunkt hat uns dazu bewogen dieses Papier zu veröffentlichen. Unser Papier streift diese Kampagne lediglich, da es die Aktivitäten rund um die Gemeinderatswahl zum Schwerpunkt hat. Wir halten es aber für geeignet um generell zu einer Debatte zu Wahlen und Parlamentarismus beizutragen, die sich (notwendigerweise) deutlich über dem Niveau der Beiträge befindet, die dazu bisher von den Gruppen der Wahlboykott-Kampagne veröffentlicht wurden.

I. Vorbemerkungen

Da die Kandidatur einer kommunistischen Genossin aus der außerparlamentarischen Linken auf der offenen Liste der Linkspartei, sowie die Unterstützung auch der anderen KandidatInnen wohl für am meisten Diskussionsbedarf sorgt, nimmt dies in diesem Papier mehr Platz ein als andere Aktivitäten.
Desweiteren ist zu erwähnen, dass wir nicht für alle im folgenden dargestellten Aktivitäten verantwortlich sind, sich die verschiedenen Aktivitäten aber ergänzten und die gleichen Ansprüche und Ziele hatten.

Dieses Papier versteht sich nicht als abgeschlossene Positionierung und hat nicht den Anspruch alle Fragen rund um das richtige Verhältnis zur Linkspartei, zu Möglichkeiten und Problemen von Kandidaturen revolutionärer AktivistInnen und zu effektiven antikapitalistischen Aktivitäten in Zeiten des Wahlkampfes zu beantworten. Diese Fragen können erst nach weiteren Diskussionen und insbesondere praktischen Erfahrungen umfassend beantwortet werden. Da es historisch und international kaum Situationen gibt die mit der heutigen Lage in der BRD direkt vergleichbar sind und daher auf nur wenige konkrete Erfahrungswerte zurückgegriffen werden kann, befinden wir uns praktisch noch im Anfangsstadium der aktuellen Klärung dieser Fragen. Die richtigen Antworten sind zudem auch immer von sehr spezifischen konkreten Situationen abhängig und nur in Grundzügen allgemein zu beantworten.
Die Grundlagen auf denen unsere Debatten zu dieser Thematik und unsere Praxis aufbauen, müssen allerdings möglichst klar umrissen sein, was wir im folgenden Kapitel (in der notwendigen Kürze) versuchen werden.
Dogmatische und radikalistische Phrasen, die der Komplexität und Dynamik des Themas nicht gerecht werden, bringen keine Klarheit, sondern dienen lediglich der eigenen Selbststilisierung – die Eingangs erwähnte Kampagne zur Bundestagswahl liefert hierfür ein eindrückliches Beispiel.

(mehr…)

Welche recht hat, hat recht: „Arbeitermacht“ contra „Gegenstandpunkt“

http://www.arbeitermacht.de/infomail/447/gegenstandpunkt.htm

Gegen wen steht der GEGENSTANDPUNKT?

Karl Olben, Infomail 447, 28. September 2009

Unter dem Motto „Die Linke wählen – eine geeignete Alternative?“ veranstaltete die Libertäre Initiative Stuttgart kurz vor der Wahl eine Podiumsdiskussion. Rund 60 Leute kamen und für die Mehrzahl dieser war ganz offenkundig die Wahl der Linkspartei keine Option. Wozu allerdings die Wahl der Linkspartei eine Alternative sein sollte bzw. was denn die Alternative zur Wahl der Linkspartei sein könnte, blieb weitgehend im Dunkeln.

So verzichteten die VeranstalterInnen auf eine eigene Stellungnahme. Es wurde völlig akzeptiert, als der Sprecher von Versus/GEGENSTANDPUNKT explizit auf die Frage nach seiner Alternative antwortete, dass dies ja nicht Thema des Abends sei.

So spielte die Krise des Kapitalismus, die anstehenden Angriffe auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen und die entsprechenden Aufgaben der politischen Linken kaum eine Rolle.

Der Sprecher der Linkspartei benannte diese Probleme zwar, erklärte die Position seiner Partei dazu, konnte aber – klassisch reformistisch – nicht im Ansatz erklären, wie die Wahl der Linkspartei mit einer antikapitalistischen Strategie verbunden werden könnte. Damit wurde er ein leichtes Opfer für die VertreterInnen des GEGENSTANDPUNKTS, die elegant bewiesen, dass die Partei DIE LINKE systemerhaltend sei. Aber dabei blieben sie nicht stehen; für sie ist jeder Kampf gegen Angriffe oder für Verbesserungen pro-kapitalistisch, z.B. für Mindestlöhne oder gegen den Afghanistankrieg.

„Hartz IV? Wer den Kapitalismus nicht richtig kritisieren kann, braucht gar nicht erst anzufangen zu kämpfen.“ So ihr Sprecher auf dem Podium. Die Kapitalismuskritik kommt noch scheinbar marxistisch daher, als Ausbeutungsobjekt existiert die Arbeiterklasse auch für den GEGENSTANDPUNKT. Für ihre Interessen zu kämpfen, das aber hat sie sein zu lassen, solange sie es nicht so tut, wie es den Lehrmeistern des GEGENSTANDPUNKT gefällt.

Dabei haben diese Damen und Herren aber keinerlei eigene Vorschläge, ihre Kritik – die im Einzelfall richtig sein kann – bleibt somit rein destruktiv. Logischerweise interessieren diese Leute der reale Klassenkampf, die aktuellen Kampfziele der Arbeiterklasse wie auch jene der Bourgeoisie überhaupt nicht. Taktiken und Strategien sind ihnen unbekannt. Geschichte ist Geschichte von Klassenkämpfen – nicht für die Ideologen des GEGENSTANDPUNKT.

Für viele TeilnehmerInnen dieser denkwürdigen Podiumsdiskussion – vermutlich aus dem anarchistischen und autonomen Milieu – ist diese Position sicher eine prima Rechtfertigung, sich auch weiter nur um die eigene Befindlichkeit zu kümmern und möglichst wenig Berührung mit Politik zu haben. Sie spendeten heftigen Beifall für den GEGENSTANDPUNKT. Die Veranstalter, die ihrerseits durchaus als Antifa und Mitveranstalter der Revolutionären 1.Mai – Demo aktiv sind, müssen sich überlegen, ob sie nicht selbst ihre Positionen programmatisch erarbeiten müssen, die sicher eher auf der Linie „Klassenkampf statt Wahlkampf“ liegen, als dem GEGENSTANDPUNKT das Feld zu überlassen.

[…]. Gerade in Stuttgart ist mit dem lokalen Bündnis „Krisenprotest“ mit 34 Organisationen der Linken einschließlich zweier Gewerkschaften ein wichtiger Schritt in diese Richtung gelungen. Der GEGENSTANDPUNKT hält sich aus diesem Kampf nicht nur heraus, er ist im Klassenkampf nicht nur neutral (was so viel heißt wie nicht auf Seiten der Arbeiterklasse) – er steht mit seiner Propaganda gegen den Kampf objektiv auf der anderen Seite der Barrikade!

Mädchenblog von Maskulinisten-Freundin „Mirabella“ unterwandert?

Die Möglichkeit, den Beitrag von Mirabella zu SM beim Mädchenblog (vgl. hier 1, 2 und 3) zu kommentieren, ist mittlerweile deaktiviert. Zuvor hatte einE NutzerIn „ungläubig“ hartnäckig die Vermutung geäußert, daß hinter diesem Beitrag die gleiche Person steckt, die sich auch schon u.a. in einem Maskulinisten-Forum antifeministisch äußerte.1
Dies schien mir zunächst ein etwas schwaches Indiz zu sein: Nickname-Doppelung gibt’s öfters, Antifeminismus noch öfter. Bliebe noch die maso-SM-Identität, die wahrscheinlich einen etwas kleineren Kreis betrifft.

Die komplette Deaktivierung der Kommentarfunktion und auch das Schweigen der anderen MacherInnen des Mädchenblogs machten mich nun doch ein bißchen stutzig, und ich habe auch mal gegooglet.

Im blog von Mademoiselle Nocturne kommentiert auch eine Mirabella. In einem Kommentar geht es auch um SM – und wird Gerechtigkeit für Heteros/as eingeklagt:

„Mirabella hat gesagt…
Auf jeden Fall sehr schöne Bilder!
Aber du solltest Abstand nehmen von dem Klischee einer ‚vorzugsweisen schwulen SM Szene‘!
Montag, 7. September 2009 11:27 Uhr +02:00

Und in einem anderen Kommentar wird der Playboy (wenn auch vorsichtig-vergleichend) gelobt:

„Mirabella hat gesagt…
Selbst der Playboy hat zum Teil interessanteres und inhaltsvolleres als die meisten Frauenzeitschriften.
Montag, 7. September 2009 11:35 Uhr +02:00

Und bei politik-forum.eu, das „ungläubig“ schon erwähnte, gibt es einen Beitrag einer „Mirabella“, die sich selbst Mädchenblog-Leserin bezeichnet (was „ungläubig“ noch nicht erwähnte) und den Mädchenblog wie folgt kritisiert:

„Betreff des Beitrags: Feministinnen und häusliche Gewalt Verfasst: Mo 29. Jun 2009, 18:00
Ich lese seit einiger Zeit auf dem mädchenblog (http://maedchenblog.blogsport.de). Und vor kurzem ist da ein Beitrag erschienen, bei den es um ein ‚intelligentes Plakat‘ gegen häusliche Gewalt geht, auf dem ein Mann eine Frau schlägt, solange niemand hinsieht.
Erstmal eine sehr interessante und gute Kampagne.
Aber als ich die Diskussion (Kommentare) zu dem Thema las, war ich etwas geschockt, wie dort mit Menschen umgegangen wird, die darauf aufmerksam machen, dass nicht nur Frauen Opfer häuslicher Gewalt sind.
Warum sind Feministinnen (hier speziell die dort schreibenden) so empfindlich, wenn es um das Thema häusliche Gewalt geht. Warum kann nicht eingesehen werden, dass das Thema beide Geschlechter angeht?
Wie sehen die Personen hier im Forum das?
_________________
Das Denken ist zwar allen Menschen erlaubt, aber vielen bleibt es erspart.
Meine Gedannken sind zu finden unter: http://www.my-little-world.overblog.de“ (http://www.politik-forum.eu/viewtopic.php?f=22&t=10672)

In dem verlinkten blog, den auch „ungläubig“ schon erwähnte, geht es auch um SM (http://my-little-world.over-blog.de/pages/BDSM-1513485.html), und es wird beklagt:

„jaja, wenn man nicht die für Frauen geschaffenen Privilegien auf Kosten der Männer genießen kann, sondern im Gegenteil eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern anstrebt, ist man unglaubwürdig…“

Naja, ich bin gespannt, wie es weitergeht, gehe aber erst einmal schlafen.

Vgl. auch:
http://femkomm.blogsport.de/?p=2.
und die anderen Beiträge in diesem blog:
Das Blog hier dient einzig und alleine dem Posten von Kommentaren und Stellungnahmen, die auf dem Mädchenblog gepostet worden sind, aber gelöscht wurden, oder dort noch gepostet worden wären. Auf Antwort an anderer Stelle werde ich antworten, nach Möglichkeit vor Ort, bei Zensur hier.

(mehr…)

Ist das Patriarchat abgeschafft?

[Noch zwei (30.09; 14:36 h) weitere (30.09; 15:31 h) meiner Kommentare aus der SM-Diskussion beim Mädchenblog]

@ Mirabella – 30. September 2009 um 12:40 Uhr

I. Die Grundsatzdifferenz

Mir scheint, Du definierst Diskriminierung so, daß diese nur vorliegt, wenn irgendetwas gegen den Willen einer der beteiligten Personen erfolgt – und alles andere ist Deines Erachtens auch politisch kein Problem.1
Definieren kannst Du natürlich wie Du willst, aber bei der politischen Bewertung würde ich Dir widersprechen, und deshalb scheint mir auch ein weiterer Begriff von „Diskriminierung“ (wenn wir denn den Ausdruck überhaupt verwenden wollen) sinnvoll.
Herrschaft und Ausbeutung (diese Begriffe sind m.E. vorzuziehen) liegen auch dann vor, wenn die Beherrschten und Ausgebeuteten mit diesen Verhältnissen einverstanden sind. Diese Begriffe bezeichnen objektive Sozialstrukturen, nicht die Haltung von einzelnen Subjekten dazu. Sklavenarbeit ist Ausbeutung, auch wenn die Sklavin gerne Sklavin ist (oder sich nichts anderes vorstellen kann); Leibeigenenarbeit ist Ausbeutung, auch wenn der Leibeigene gerne Leibeigner ist; Lohnarbeit ist Ausbeutung, auch wenn die ArbeiterInnen ihre Arbeitsverträge freiwillig unterschreiben. Hausarbeit, verrichtet von Frauen für Männer gegen eine bloße ‚Aufwandentschädigung‘ (gesetzlicher Unterhalt oder sogar nur Taschengeld oder sogar ganz ohne Gegenleistung, falls die Hausfrau über [geerbtes] Vermögen verfügt), ist Aneignung von Frauenarbeit durch Männer; ist Ausbeutung. Und es ist immer noch Ausbeutung, wenn es sich um eine queere Haus-femme und eine queere butch (ob schwul oder lesbisch) handelt.
Und da Herrschaft nicht zwangsläufig mit Maschinengewehren ausgeübt wird, sondern auch – und in der Regel – mittels Ideologischer Staatsapparate, liegt auch Herrschaft nicht erst dann vor, wenn die Leute mit vorgehaltener Waffe zu etwas gezwungen werden.2

(mehr…)

Noch einmal zu SM und Politik

Anläßlich der Diskussion beim Mädchenblog hat sich Thiel Schweiger (1, 2) folgendes vorgenommen:

„Neben linken Autoritäten wie Adorno sind es etwa Alice Schwarzer, Robert Kurz, das so genannte Berliner Instititut für Faschismusforschung und wohl generell die meisten Freudomarxist_innen [, die die Ansicht vertreten, „dass SM politisch kritikabel ist und die äußeren Machtverhältnisse im Privaten reproduziert“]. Auch links orientierte Schriftsteller_innen wie Heinrich Mann (Der Untertan) und Klaus Mann (Mephisto) dürften in diese Reihe gehören. In der Debatte, auf die ich direkt Bezug nehme, machte der Blogger von Theorie als Praxis diese Position stark, die er auf seinem Blog in zwei Beiträgen expliziert. An seinem Beispiel hoffe ich, diesen Diskurs generell kritisieren zu können.“ (meine Hv.)

1.

Der Versuch die genannten Positionen anhand meines Beispiels zu kritisieren, ist von vornherein auf ziemlichen sandigem Boden gebaut. Zwar mögen alle Genannten SM für politisch kritisierenswert halten und der Ansicht seinen, daß SM dahin tendiere, gesellschaftliche Machtgefälle reproduzieren. Nur – soweit ich die von T.S. genannten Positionen kenne, habe ich ganz andere Vorstellungen davon, wie die hiesigen gesellschaftlichen Verhältnisse funktionieren – und folglich auch ganz andere Vorstellungen davon, was es heißt, dieses würden durch SM reproduziert. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen:

Ich bin keine FreudomarxistIn. (Sofern ich überhaupt eine Meinung zur Psychoanalyse habe, tendiere ich eher zur entgegengesetzten lacanistischen Richtung. Aber eigentlich muß ich sagen: Freud habe ich praktisch nicht gelesen; mein Versuch vor ca. 15 Jahren meine Uni-Zwischenprüfungsarbeit über Lacan zu schreiben, war in meinen Augen ziemlich gescheitert [die Prüfungskommission ließ mich freundlicherweise trotzdem ins Hauptstudium]. Und überhaupt verstehe ich eigentlich nicht, worum es bei der Psychoanalyse geht. – Ich halte mich eher an bodenständigere Themen.)

Ich bin auch keine Adorno-AnhängerIn. Mit der Frankfurter Schule bin ich rundheraus nicht einverstanden1, und auch konkret mit dem von T.S. angeführten Adorno-Zitat zu SM bin ich nicht einverstanden.

Schon gar nicht bin ich mit Robi Kurz einverstanden. (Einige Jahre nach meiner gescheiterten Zwischenprüfungsarbeit hatte ich mal ein Krisis-Heft in der Hand und festgestellt, daß dieser Ansatz weitere Beschäftigung nicht lohnt.) Auch das von T.S. konkret angeführte Kurz-Zitat ist mir zu esoterisch.

► Wer das „so genannte Berliner Instititut für Faschismusforschung“ ist und warum es ein „so genanntes“ ist, ist mir nicht bekannt – auch nicht die Positionen, die dort vertreten werden.

► Auch mit den Manns kenne ich mich nicht aus. Ich bin wirklich ungebildet.

► Zutreffend ist, daß die PorNo-Kampagne der Emma vor mehr als 20 Jahren meine politische Positionsbildung zu dieser Frage beeinflußt hat. Aber als Theoretikerin ist Schwarzer für den Feminismus nun wirklich nicht ausschlaggebend, und auch ihre politische Positionierung in vielen anderen Fragen finde ich falsch. Das an der alten PorNo-Position, was mir richtig erscheint (also durchaus nicht alles), ist m.E. sehr gut auch mit avancierteren theoretischen feministischen Positionen (vgl. hier) vereinbar.

Ich werde daher auf den ganzen ersten Teil des Textes von T.S. (vor den ersten drei ***) nicht weiter eingehen. Auch hinsichtlich der vagen Andeutungen zu Pädophilie beschränkte ich mich – aus Zeitgründen – darauf, erhebliche Vorbehalte anzumelden (die von T.S. erwähnte Debatte zu dem Thema habe ich nicht zur Kenntnis genommen).

2.

Ich beschränke mich daher im folgenden darauf, auf den direkt mir gewidmeten zweiten Teil einzugehen. Auch da kann ich meine Position nicht wirklich wiedererkennen – wahrscheinlich, weil T.S. meine Stellungnahmen vor einer freudomarxistischen Folie liest, die aber in meinem Fall überhaupt nicht passend ist.

[TaP:] „Und müssen wir dann nicht berechtigterweise befürchten, daß sich die ‚zeitweilig ungleich verteilte‘ Macht in SM-Beziehungen schnell verselbständigt – besonders dann, wenn sie (wie oben dargelegt) den gesellschaftlichen Machtverhältnissen folgt?“
[T.S.:] „Dies ist nun etwas, was im SM-internen Diskurs oft genug problematisiert wird.“

Nur wurde es eben weder in dem seinerzeit von mir kritisierten AK-Artikel thematisiert, noch in dem jetzigen Beitrag von Mirabella beim Mädchenblog. Und auch T.S. wischt das Thema gleich wieder weg:

„Natürlich gibt es diese Gefahr – ‚No risk no fun‘ kann man da eigentlich nur sagen“.

Weiter macht T.S. geltend:

„Die meisten SM-Praktiken weisen überhaupt keinen direkten Bezug zu äußeren Machtverhältnissen auf.“

Nun hatte ich aber anhand der von mir ausgewerteten SM-Annoncen und der Schlagwerk-homepage aufgezeigt, daß es weit überwiegend Männer sind, die den dominanten part einnehmen wollen; auch die Wikipedia nennt eine Zahl von bloß 11 bis 28 Prozent weiblicher tops.

Gegen diese Analyse wendet T.S. ein:

„Sinnvoller wäre es gewesen, einschlägige Studien zu dem Thema, die es ja gibt, zu lesen, etwa Norbert Elbs Buch SM- Sexualität: Selbstorganisation einer sexuellen Subkultur.“

Asche auf mein Haupt. Das war wirklich eine schwerwiegende wissenschaftliche Verfehlung, daß ich im Jahre 2000 ein Buch noch nicht zitiert hatte, das erst 6 Jahre veröffentlicht wurde…

„SMer_innen, die sich freiwillig unterwerfen, da sie sie sich davon einen Lustgewinn versprechen, sind letztendlich ideologisch verblendet und nicht Ernst zu nehmen. […]. SMer_innen wird abgesprochen, ihr Glück selbst beurteilen zu können, sie werden pathologisiert.“

Die mir unterstellte Position ist – was mich betrifft – frei erfunden. Beim Mädchenblog hatte ich vielmehr geschrieben:

„es wäre anmaßend und müßig, Dir sagen zu wollen, daß Du das Falsches willst (schließlich ist es Dein Wille) – aber es ist schon möglich eine eigene politische Meinung dazu zu haben, oder?“ (30.09.; 10:59 h)

Auch ansonsten halte ich die Rede vom „falschen Bewußtsein“ (scil. ‚Verblendung‘ etc.) für falsch:
http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/09/15/warum-ideologie-kein-notwendig-falsches-bewusstsein-ist-und-aus-einer-erkenntnis-nicht-automatisch-eine-bestimmte-politische-haltung-folgt/.

Und auch die Pathologisierungs-Unterstellung gegenüber SM-KritikerInnen und -SkeptikerInnen, die in dem Ausgangstext beim Mädchenblog ebenfalls enthalten ist, hatte ich bereits zurückgewiesen:

[Mirabella:] „Bei BDSM handelt es sich um eine Neigung und nicht um eine Spielerei oder eine krankhafte Perversion.
[TaP:] „Ich würde ja altmodisch sagen: Es handelt sich um Politik. Das Sexuelle ist politisch.“ (30.09.; 10:59 h)

Weiter geht es bei T.S. wie folgt:

„Auch dass Gewalt per se etwas schlechtes ist, ist eine Meinung, die direkt aus der bürgerlichen Staatsideologie entnommen ist: es gibt nur eine Gewalt – die des Staates – und die ist eben keine. Alle andere Gewalt wird tabuisiert. Eine rationale Gewaltkritik müsste dagegen die Zwecke betrachten, denen Gewalt u.U. als angemessenes Mittel dient.“

a) Auch die mir unterstellte Position zur Staatsgewalt ist frei erfunden. 1. Ist Staatsgewalt Gewalt. 2. halte ich es für falsch, staatlicher Gewaltanwendung die These entgegenzusetzen, Gewalt sei kein Mittel der Politik (1 + Kommentar). Doch, Gewalt ist ein Mittel der Politik.
b) Gewaltanwendung gegen andere zur Befriedung der eigenen Lust („dort ist eben der Genuss der Macht primärer Trieb“ – Zitat aus einem von T.S. zur Lektüre empfohlenen Text) finde ich allerdings – gelinde gesagt – ziemlich problematisch. Wenn das Frauen im Patriarchat gegen Männer machen, und die Männer ihrerseits auch noch damit einverstanden sind, regt mich das nicht weiter auf. Wenn die Gewaltanwendung dagegen typischerweise (und so scheint es in der SM-Szene zu sein) der herrschenden Gewaltverteilung entspricht, dann ist das nichts, was ich politisch begrüßen will.

„Zudem beinhaltet seine Argumentation einen recht seltsamen Sozialdeterminismus. Die Determination, die die Gesellschaft auf die SM-betreibenden Individuen ausgeübt, geht dabei recht platt vor sich, im Sinne eines simplen, nicht weiter erklärten, Abbildungsvorgangs: hier Macht, dort Macht. Nicht erklärt wird, warum dies nur bei so wenigen Individuen funktioniert, warum es nicht wesentlich mehr SMer_innen gibt.“

Meine These geht vielmehr in die Richtung, daß SM nur eine Radikalisierung dessen ist, was im Rahmen von normaler, hetero/a/sexueller Sexualität ohnehin üblich ist, ist (1, 2, 3, 4, 5 – bei 1 und 2 jew. die Foucault-, MacKinnon- und Rich-Zitate + Kontext; die restlichen Stellen sind Kurz-Statements).

Auch seine hier schon als Kommentar gepostete Monopoly-Analogie bringt T.S. noch einmal vor. Dazu hatte ich schon geschrieben:

„Naja, ein Brettspiel ist vielleicht etwas anderes als der ‚Spielen‘ mit fremden Körpern. Und bei Monopoly werden nicht die gesellschaftlichen Rollen der konkret Spielenden reproduziert. Die ‚Rollen‘ im Spiel funktionieren völlig unabhängig von der (sonstigen) gesellschaftlichen Rolle der Spielenden, während es beim SM eine starke Tendenz gibt, daß wiederum Männer die Dominierenden sind – lt. Wikipedia 72 – 89 %.“

Auch das hier schon gepostete Foucault-Zitat führt T.S. noch einmal an. Hier erneut meine Antwort:

Foucault: „dass sie neue Möglichkeiten von Lust erfinden, indem sie bestimmte eigentümliche Partien ihrer Körper gebrauchen – indem sie diesen Körper erotisieren.“

T.S.: „Und ihr subversives Potential liegt eben tatsächlich (siehe Foucault) in der Erfindung neuer Lüste.“

Das ist sehr allgemein. Und in dieser Allgemeinheit gibt es da auch gar nichts einzuwenden. Dagegen ist das Nach’spielen‘ von Herrschaft ein sehr spezifischer Fall. Und ich habe bisher kein Argument gehört, daß mich überzeugen würde, daß es möglich ist, im Falle von SM eine halbwegs trennscharfe Unterscheidung zwischen ‚Spiel‘ und ‚Ernst‘ zu treffen.2
Der hiesige Ausgangsartikel von Mirabella und auch die seinerzeit von mir im AK kritisierten Texte sind vielmehr ein sehr starkes Indiz dafür, daß die Unterscheidung nicht möglich ist – am Ende ist auch der ‚Ernst‘ ein ‚Spiel‘, und das Patriarchat löst sich durch queer-sadomaso Voluntarismus in Luft auf.

3.

Noch einmal kurz zurück zum Anfang und dann direkt zum Ende des Textes von T.S.:

„weil die ‚Perversen‘ sich unter Druck gesetzt fühlen, den gegen sie ins Feld geführten Diffamierungen entgegenzutreten,“ / „Verdächtigungen“ / „gewohnte linksmoralisierende Gerüchteküche im Windschatten Freuds“

Welche „Diffamierungen“ gab es beim Mädchenblog? Wo ging/geht es dort um Moral? Es geht um Politik. -
Aber dieser ‚argumentative‘ Schlenker ist durchaus typisch für solche Debatten: Erst wird die politische Kritik in moralische und juristische Termini ‚übersetzt‘ statt auf der politischen Ebene zu erwidern – und dann wird in genialer Weise der vermeintliche Moralismus der Gegenposition entlarvt und umgehauen.

  1. Mit diesen Kritiken bin ich weitgehend einverstanden:
    Gareth Stedman Jones, The Marxism of the Early Lukács: an Evaluation, in: New Left Review, Iss. 70, Nov./Dec. 1971, 27 – 64 (wiederabgedruckt in: ders. et al., Western Marxism. A Critical Reader, NLB: London, 1977, 11 – 60).

    Göran Therborn, The Frankfurt School, in: New Left Review H. 63, Sept./Oct. 1970, 65 – 96 (zusammen mit Therborn 1971 wiederabgedruckt in: Stedman Jones et al. 1977, 83 – 139).
    ders., Jürgen Habermas: A New Eclecticism, in: New Left Review Iss. 67, May/June 1971, 69 – 83 (zusammen mit Therborn 1970 wiederabgedruckt in: Stedman Jones et al. 1977, 83 – 139).

    (Aus Netzwerken von Universitäts- und Staatsbibliotheken besteht ein kostenfreier Zugang zum NLR-Archiv.)

    Rolf Nemitz, Ideologie als „notwendig falsches Bewußtsein“ bei Lukács und der Kritischen Theorie, in: Projekt-Ideologie-Theorie (Hg.), Theorien über Ideologie (Argument-Sonderband AS 40), Argument: [West]berlin, 1. Aufl.: 1979, 3. Aufl.: 1986, 39 – 60.

    Steffen Kratz / Beate Verhorst, Frankfurter Schule (Adorno und Marcuse), in: Heinz Kimmerle (Hg.), Modelle der Materialistischen Dialektik. Beiträge der Bochumer Dialektik-Arbeitsgemeinschaft, Martinus Nijhiff: Den Haag, 1978, 185 – 209; online unter: http://www.trend.infopartisan.net/trd0507/t030507.html.

    Lucio Colletti, Von Hegel zu Marcuse, in: alternative H. 72/73: Literatur und Revolution. Beiträge aus Italien, Juni/Aug. 1970, 129 – 149

    [zurück]

  2. S. http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 187 – 190. [zurück]