Wissenschaft – Ethik – Politik


- aus Anlaß der Diskussion über Intersexualität und die angebliche ausschließliche Existenz zweier Geschlechter -

Bei der Mädchenmannschaft schrieb Emily (August 25, 2009 at 1:03 pm) (in Kritik an kopfundherzblog [August 25, 2009 at 12:36 pm]):

„Und in der Ethik der Geschlechter orientiert sich das Zwei-Geschlechter-Modell an der Herrschaft und das Viele-/Keine-Geschlechter-Modell an den Unterdrückten, oder wie?
Tut mir Leid, aber da bin ich gar nicht deiner Meinung. Die Frage, ob es zwei Geschlechter als Grundlage für alle Variationen gibt oder nicht, ist eine biologische, keine ethische Frage, jedenfalls für mich. Daher sollte diese Frage auch wissenschaftlich geklärt werden.
Die Konsequenzen aus der Antwort auf diese Frage (Was ist mit Menschen die Variationen, also Abweichungen von der Norm sind?) ist dann eine ethische Frage.“

Darauf antwortete ich (August 26, 2009 at 10:21 am) in etwa wie folgt (die folgende Version ist geringfügig überarbeitet):

Ja, stimme ich zu, obwohl ich eher von „politisch“ statt von „ethisch“ sprechen würde. (Denn im Gegensatz zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, die tatsächlich objektiv sind, wenn sie denn Erkenntnisse und keine Irrtümer sind, kann es keine objektiven ethischen Normen geb. Da letzteres aber viele Leute anders sehen, die von Ethik sprechen, ziehe ich es vor, von „politisch“ zu sprechen. Bei „politisch“ dürfte klar sein, daß es unterschiedliche Standpunkte, Interessengegensätze usw. gibt. Derartige politische Widersprüche sollten nicht mit Ethik zugekleistert werden.)

Auch diejenigen, die Zweigeschlechtlichkeit für eine biologische Realität und Intersexualität für eine bloße ‚Anomalie‘ halten, sollte klar sein, daß Zwangs-OPs und Zwangs-Medikation ohne oder gegen den Willen der Betroffenen nicht stattzufinden haben.1

Dieser politische Konflikt läßt sich unabhängig von der wissenschaftlichen Wahrheitsfrage [zu dieser siehe meinen Beitrag von gestern Gibt es AUSSCHLIESSLICH zwei Geschlechter?) entscheiden.

kopfundherzblog fragte (August 25, 2009 at 6:22 pm) in der gleichen Debatte:

„ist nicht die wissenschaft die religion unseres zeitalters?“

Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Die relative Autonomie der theoretischen Praxis läßt sich letztlich zwar nicht abschaffen, weil alle auf objektive Erkenntnisse angewiesen sind – aber besonders geschätzt ist sie nirgends:
Sie war von den StalinistInnen nicht geschätzt – von den Nazis ohnehin nicht.
Sie war von der Frankfurter Schule und den 68erInnen nicht geschätzt.
Sie ist auch von den allermeisten Postmodernen, PoststrukturalistInnen und De-KonstruktivistInnen nicht geschätzt.
Und auch der Neoliberalismus will Politikberatung (und Wirtschaftsberatung) statt Wissenschaft.
Mit der allseitigen Forderung nach ‚Praxisrelevanz‘ der Wissenschaften wird negiert, daß Wissenschaft selbst eine Praxisform ist und statt dessen die theoretische Praxis tendenziell anderen Praxisformen untergeordnet.2
Mit nur wenig Übertreibung ließe sich sagen: Monographien werden durch Aufsätze, wissenschaftliche Aufsätze durch Essays, Lehre durch Unterricht, Studieren durch Auswendiglernen ersetzt – und alles immer husch-husch; Beweisführung und theoretische Reflexion – ach nicht so wichtig, lieber noch eine neue unausgereifte These auf den Markt hauen.
Diese Analyse der Misere sollte allerdings nicht in eine Affirmation umschlagen und nicht rechtfertigen, sich selbst an der Verhunzung der Wissenschaften zu beteiligen. -
Und ganz so schlimm ist es ja tatsächlich noch nicht [vgl. auch meine Ehrenrettung für die akademischen Disziplinen unter Überschrift Wissenschaftspluralismus?!] und kann es auch nicht werden, weil – wie gesagt – alle auf objektive Erkenntnisse angewiesen sind.

„was ist wissenschaft?? nur die wissenschaft des weißen mannes der länder des nordens? was wird in welcher sprache als wissenschaft/ wissen wahrgenommen? was wird alles als primitiv, feminin, als echtes wissen verworfen?“

Das sind durchaus berechtigte Fragen – aber sie haben nur Sinn, wenn das Ziel eine better science ist. Wenn das Ziel ist, das, was bisher unter dem Namen Wissenschaften stattfindet und ziemlich oft auch wahre Erkenntnisse produziert (wenn auch oft zu empiristisch – ohne Theorie im strengen Sinne) von seinen rassistischen, sexistischen und klassenspezifischen Vorurteilen und Verzerrungen, die es auch gibt, zu befreien.
Dies setzt aber voraus, an dem Unterschied zwischen Erkenntnis und Vorurteil festzuhalten – statt einfach nur die eigene ‚Meinung‘ an die Stelle der herrschenden ‚Meinung‘ zu setzen.

„wissenschaft ist politik mit anderen mitteln.“

Nein, Wissenschaft dient der Erkenntnis von Natur und Gesellschaft; Politik der Gestaltung von Natur und Gesellschaft (und für diese unterschiedliche Zwecke müssen dann auch in der Tat unterschiedliche Mittel eingesetzt werden). Beides läßt sich zwar nicht immer trennen – zumal Gestaltung auf der Grundlage von Sachkenntnis besser funktioniert. Und es gibt auch Opportunismus auf Seiten von WissenschaftlerInnen, die sich politischen Wünschen anpassen, sowie auf Seiten von PolitikerInnen, die sich versuchen der ‚Autorität‘ der Wissenschaften zu bedienen und versuchen, politische Präferenzen als Wahrheiten auszugeben [statt offen für ihre Präferenzen als Präferenzen zu argumentieren; nachträgliche Ergänzung, TaP] (und WissenschaftlerInnen, die sich dafür [für das Ausgeben von Präferenzen als Wahrheit] hergeben – siehe das Unwesen von ‚Sachverständigen-Kommissionen‘, die unter dem Deckmantel von ‚Wissenschaft‘ politisch Programme entwerfen: Hartz-Kommission, Rürup-Kommission usw.).
Aber es ist dennoch möglich kritisch zu sein, d.h.: Unterscheidungen zu treffen zwischen Politik und Wissenschaft.
Kritisch zu sein, heißt zu unterscheiden – nicht alles in einen Topf zu werfen.

  1. Darauf antwortete Emily (August 26, 2009 at 10:43 am) wiederum: „Ich habe auch nie behauptet, dass man “Anomalien”, obwohl ich lieber “Variationen” sage, weil das nicht so negativ klingt, zwangsweise anpassen sollte. Deshalb würde ich diesen Teil so unterschreiben.“ Worauf ich dann antwortete: „Daß Du dies behauptet hättest, habe ich aber auch wiederum nicht behauptet, oder? (wollte ich jedenfalls nicht behaupten). Das war nur als Bekräftigung Deines Arguments gemeint, daß sich die wissenschaftliche und die ethische bzw. politische Frage unterscheiden lassen.“ (August 27, 2009 at 9:41 am) [zurück]
  2. S. dazu: http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 327, FN 1. [zurück]
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