Gibt es AUSSCHLIESSLICH zwei Geschlechter?

Der fol­gende Bei­trag erschien zuerst am 24. August als Kom­men­tar bei der Mäd­chen­mann­schaft. Für die hie­sige Ver­öf­fent­li­chung wurde er noch ein­mal Kor­rek­tur gele­sen; die Zwi­schen­über­schrif­ten sind neu ein­ge­fügt. Die dor­tige Dis­kus­sion ist noch am Lau­fen, kam aber etwas aber etwas vom Thema ab, da Quatsch mit Soße auf das zen­trale Argu­ment nicht ant­wor­tete, son­dern in eine Wesens-​​ und Prin­zi­pi­en­phi­lo­so­phie flüch­tete, was dann wie­derum unter metho­do­lo­gi­schen Gesichts­punk­ten kri­ti­siert wer­den mußte (1, 2). Das zen­trale Argu­ment gegen die Behaup­tung es gäbe aus­schließ­lich zwei Geschlech­ter läßt sich wie folgt refor­mu­lie­ren:
1. Es ist unum­strit­ten, daß das Geschlecht nicht anhand eines ein­zi­ges Kri­te­ri­ums fest­ge­stellt wer­den kann. Viel­mehr wer­den sowohl die Chro­mo­so­men­sätze als auch die sog. pri­mä­ren Geschechts­or­gane (das sind die äuße­ren und inne­ren Geschlechts­or­gane und deren Anhang­drüse) her­an­ge­zo­gen.
2. Nun müs­sen aber weder die Geschlechts­merk­male homo­log (i.S. der vor­ge­stell­ten Zwei­ge­schlecht­lich­keit) auf­tre­ten noch müs­sen diese ihrer­seits zu dem jewei­li­gen Chro­mo­so­men­satz homo­log sein.
3. Das heißt: Es gibt zwar die bei­den tyischen Fälle xx-​​Chromosomen + Kli­to­ris (Frauen) sowie xy-​​Chromosomen + Penis (Män­ner), aber es gibt auch die umge­kehr­ten Kom­bi­na­tio­nen und unter Berück­sich­tung der wei­te­ren sog. „pri­mä­ren Geschlechts­merk­male“ wei­tere Vari­an­ten. Und unter Berück­sich­ti­gung der Hor­mon­pro­duk­tion und deren Wirk­sam­keit wird es noch kom­pli­ziert.
4. Das wie­derum heißt nun: Es gibt mehr als zwei Merk­mals­kom­bi­na­tio­nen und das heißt: mehr als zwei Geschlech­ter. Denn „Geschlecht“ ist nicht irgend­eine durch die Natur­phi­lo­so­phie geis­ternde Wesen­heit, son­dern die jewei­lige Merk­mals­kom­bi­na­tion.
Mehr als zwei Merk­mals­kom­bi­na­tio­nen = mehr als zwei Geschlech­ter. Das ist der ent­schei­dende Punkt. Oder in den Wor­ten mei­nes Bei­tra­ges unter http://​maed​chen​mann​schaft​.net/​s​p​o​r​t​l​e​r​-​s​p​o​r​t​l​e​r​i​n​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-​17736:
++ alle Geschlechts­merk­male männ­lich – ergibt als „Summe“ ein männ­li­ches Geschlecht.
++ alle Geschlechts­merk­male weib­lich – ergibt als „Summe“ ein weib­li­ches Geschlecht.
++ Stim­men die Merk­male nicht überein, bleibt Dir nichts ande­res übrig, als ent­we­der kein Geschlecht oder aber ein drit­tes, vier­tes usw. Geschlecht anzu­neh­men.
Und – an glei­cher Stelle – unter dem Gesichts­punkt der Fort­pflan­zung:
Es gibt nicht nur männ­li­che Samenzellen-​​Produzenten und weib­li­che Eizellen-​​Produzentinnen, son­dern min­des­tens ein drit­tes genus, des­sen ‚Mit­glie­der’ (und zwar nicht nur aus Alters­grün­den) weder Samen­zel­len noch eine Eizel­len pro­du­ziert, also bei der Fort­pflan­zung weder die männ­li­che noch die weib­li­che Rolle spie­len – weder-​​noch nicht: sowohl-​​als auch, also mehr als zwei bio­lo­gi­sche Geschlech­ter!
S. im übri­gen auch bereits meine Anmer­kung Nr. 1 unter http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​2​3​/​h​e​u​t​e​-​g​e​s​e​h​e​n​-238/.

Nun die Doku­men­ta­tion mei­nes Bei­tra­ges bei der Mäd­chen­mann­schaft:

@ Quatsch mit Soße says: – August 23, 2009 at 11:44 pm

„es gibt pro geschlecht meh­rere merk­male und folg­lich unter dem begriff inter­se­xua­li­tät ver­schie­dene kom­bia­ti­ons­mög­lich­kei­ten. aber es sind die kom­bi­na­tio­nen der geschlechts­merk­male “männ­lich” und “weib­lich”. die zwei­ge­schlecht­lich­keit als bio­lo­gi­sches prin­zip wird dabei kei­nes­wegs in frage gestellt, da kein drit­tes “geschlecht” ent­steht, son­dern sich quasi – bild­lich – die wei­ßen und schwar­zen schach­fi­gu­ren nur unter­schied­lich zusam­men­fin­den – als laune der natur, wohl­ge­merkt.“

Die Zwei­ge­schlecht­lich­keit als peti­tio prin­ci­pii

1. „aber es sind die kom­bi­na­tio­nen der geschlechts­merk­male ‚männ­lich‘ und ‚weib­lich‘.“ Es sind die Merk­male für männ­lich und weib­lich bzw. für ein männ­li­ches oder weib­li­ches Geschlecht. Aber die Merk­male sind nicht ihrer­seits männ­lich oder weib­lich.
Etwas und das Merk­mal für etwas muß ter­mi­no­lo­gisch aus­ein­an­der gehal­ten wer­den, sonst kannst Du alles ‚bewei­sen‘. Was Du machst ist eine peti­tio prin­ci­pii – die Vor­aus­set­zung des gewünsch­ten Ergeb­nis­ses; ein Zir­kel­schluß.

„männ­lich“ und „weib­lich“ als bloße Eigen­na­men? Oder wis­sen­schaft­li­che Begriffe?

2. „die zwei­ge­schlecht­lich­keit als bio­lo­gi­sches prin­zip wird dabei kei­nes­wegs in frage gestellt, da kein drit­tes ‚geschlecht‘ ent­steht,“ – Die Geschlech­ter „Män­ner“ und „Frauen“ bzw. Männ­lich­keit und Weib­lich­keit (bei bei­den For­mu­lie­run­gen: im bio­lo­gi­schen Sinne) sind durch die Überein­stim­mung der jeweils ein­schlä­gi­gen Merk­male defi­niert. Liegt diese Überein­stim­mung nicht vor (sei es, weil über­haupt nur ein iso­lier­tes Merk­mal betrach­tet wird; sei es, weil alle Merk­male betrach­tet wer­den, aber sie tat­säch­lich nicht überein­stim­men), so liegt also kei­nes die­ser bei­den Geschlech­ter vor. Wenn gleich­zei­tig davon aus­ge­gan­gen wird, daß jeder Mensch ein Geschlecht hat und es keine geschlechts­lo­sen Men­schen gibt, dann muß es sich also – je nach Merk­mals­kom­bi­na­tion – um ein drit­tes, vier­tes usw. Geschlecht han­deln.

Dir steht es natür­lich frei, Männ­lich­keit und Weib­lich­keit anders als durch die Merk­mals­über­ein­stim­mung zu defi­nie­ren. Dann hast Du zwei Mög­lich­kei­ten:

a) Mög­lich­keit 1: Du behan­delt Männ­lich­keit und Weib­lich­keit als Eigen­na­men: XY gibst Du den Namen männ­lich, und XX gibst Du den Namen weib­lich. Genauso fla­chen Brüs­ten und gro­ßen Brüs­ten, Penis und Kli­to­ris usw. – Nur ist damit nichts bewie­sen: Weder der Bina­ris­mus (der ist ein­fach nur Resul­tat Dei­ner binä­ren Namens­ver­gabe: Du ziehst will­kür­lich Gren­zen; alles auf der einen Seite der jewei­li­gen Grenze erhält den Namen „männ­lich“ und alles auf der jeweils ande­ren Seite den Namen „weib­lich“) noch, daß die Phä­no­mene, denen Du jeweils den Namen „männ­lich“ oder „weib­lich“ gibst irgend­et­was (geschweige denn, was genau) mit ein­an­der zu tun haben. Auch, daß ver­mut­lich zehn-​​ oder hun­dert­tau­sende Leute auf den Namen „Klaus“ getauft wur­den, heißt nicht, daß sie etwas mit ein­an­der zu tun haben.

b) Mög­lich­keit 2: Du bil­dest tat­säch­lich neue wis­sen­schaft­li­che Begriffe „männ­lich“ und „weib­lich“. Dann mußt Du sagen, durch wel­che Ele­mente die Begriffe defi­niert sind. Und wenn Du dann einen XY-​​Chromosomensatz als „männ­lich“ bezeich­nen willst, dann mußt Du nach­wei­sen, daß die­ser Chro­mo­so­men­satz die frag­li­chen Ele­mente Dei­ner Defi­ni­tion als Merk­male auf­weist. Ent­spre­chend bei gro­ßen und klei­nen Brüs­ten und bei gan­zen Men­schen, die Du als „männ­lich“ oder „weib­lich“ bezeich­nen willst. Und wenn Du dann – erwar­tungs­ge­mäß – in irgend­ei­nem der rele­van­ten Berei­che (Brüste, ganze Men­schen usw.) Fälle hast, die weder unter die eine noch unter die andere Defi­ni­tio­nen fal­len, dann mußt ent­we­der min­des­tens ein drit­tes Geschlecht defi­nie­ren – oder Dein gan­zes Defi­ni­tio­nen­sys­tem refor­mu­lie­ren.
So – da Mög­lich­keit 1 nicht die Mög­lich­keit beinhal­tet, die Zwei­ge­schlecht­lich­keit zu bewei­sen, beweise mir mal nach Mög­lich­keit 2, daß es aus­schließ­lich zwei Geschlech­ter gibt. Wie gesagt: Ich akzep­tiere jede die Defi­ni­tio­nen, die Du vor­schlägst; ich werde nur über­prü­fen, ob Du sie strin­gent anwen­dest. – Ich bin gespannt.

Das Schach­spiel eine unstim­mige Ana­lo­gie

3. Die Schachspiel-​​Analogie. Sie hilft Dir nicht wei­ter. Es gibt nur ein Schach­spiel, nicht zwei. Das ‚Zusam­men­fin­den‘ (was soll das genau besa­gen?!) der schwar­zen und weiße Figu­ren spielt keine Rolle dafür, ob es sich um ein Schach­spiele han­delt oder nicht. Oder genauer: Am Anfang einer Par­tie müs­sen die Figu­ren in bestimm­ter Stel­lung ange­ord­net sein und im Laufe der Par­tie kön­nen sich nach bestimm­ten Regeln bestimmte andere Stel­lun­gen ent­wi­ckeln. Mit der Frage der Zwei­ge­schlecht­lich­keit ist das alles nicht zu par­al­le­li­sie­ren.

Geo­me­tri­sche For­men und Men­gen­lehre als Ana­lo­gie

Ein Bild das eher pas­sen würde, wäre: Du hast gleich­sei­tige Drei­ecke, und Du hast recht­win­ke­lige Vier­ecke. Die Ele­mente jeder Gruppe müs­sen also zwei Merk­male auf­wei­sen: 1.a) drei Ecken; b) gleich lange Sei­ten; 2.a) vier Ecken; b) rechte Win­kel.
Nun tritt aber das Phä­no­men auf, daß auch ein Drei­eck (wenn auch nur) einen rech­ten Win­kel haben kann; und es tritt das Phä­no­men auf, das es auch Vier­ecke mit glei­chen lan­gen Sei­ten gibt (die nen­nen wir Qua­drate). (Außer­dem gibt es noch Kreise und Ellip­sen, Fünf-​​, Sechs-​​ usw. -ecke sowie ungleich­sei­tige Drei­ecke und nicht recht­win­ke­lige Vier­ecke. Aber das spielt für den Ver­gleich keine Rolle.)
Was folgt dar­aus nun? Es ist nicht in Frage gestellt, daß es Drei­ecke und Vier­ecke gibt. Genauso ist nicht in Frage gestellt, daß es XY-​​ und XX-​​Chromosomensätze gibt.
Es ist auch nicht in Frage gestellt, daß es die bei­den genera „gleich­sei­tige Drei­ecke“ und „recht­win­ke­lige Vier­ecke“ gibt. Nen­nen wir sie genus A und genus B.
Es wäre aber Unsinn zu sagen: Auch „gleich­sei­tig“ ist eine Ele­ment von genus A und „recht­win­ke­lig“ ein Ele­ment von genus B. Denn „gleich­sei­tig“ und „recht­wink­lig“ sind keine Ele­mente die­ser genera, son­dern viel­mehr Merk­male die­ser genera – und sie sind selbst genera: gleich­sei­tig (genus I) steht ungleich­sei­tig (genus II) gegen­über, und recht­win­ke­lig (genus Alpha) steht nicht recht­wink­lig (genus Beta) gegen­über.
Auch Drei­ecke sind kein Ele­mente des genus gleich­sei­tige Drei­ecke, viel­mehr sind gleich­sei­tige Drei­ecke eine Teil­menge aller Drei­ecke; und ent­spre­chend mit den recht­wink­li­gen Vier­ecken. Drei­eckig ist also ein Merk­mal unse­res genus A, aber es wäre Unsinn Drei­ecke (im all­ge­mei­nen) als Ele­ment der gleich­sei­ti­gen Drei­ecke (im spe­zi­el­len) zu bezeich­nen.
Aber einen ent­spre­chen­den Unsinn machst Du im Falle der Zwei­ge­schlecht­lich­keit: Du defi­nierst genus A (Männ­lich­keit) u.a. durch xy-​​Chromosomen und genus B durch xx-​​Chromosomen und gleich­zei­tig sagst Du, diese Merk­male der genera seien auch Ele­mente der genera. Das ist unlo­gisch.
Du mußt viel­mehr auch im Falle der Zwei­ge­schlecht­lich­keit meh­rere unter­schied­li­che genera-Grup­pen bil­den, z.B.:
genus A und B: xy-​​ und xx-​​Chromosomen.
genus I und II: Penis und Kli­to­ris
genus Alpha und Beta: Män­ner und Frauen.
Wenn Du nun genus Alpha durch die Merk­male xy + Penis sowie genus Beta durch xx + Kli­to­ris defi­nierst, dann belehrt Dich die Natur, daß Du noch die genera Gamma und Delta bil­den mußt: xy + Kli­to­ris sowie xx + Penis. Damit haben wir allein schon vier Geschlech­ter – ohne auch nur wei­te­ren Geschlechts­or­gane und Hor­mone zu berück­sich­ti­gen.

Du kannst das Ganze auch vari­ie­ren (um dem Bei­spiel mit Drei­ecken und den Vier­ecken näher zu kom­men) und die genera Alpha und Beta: „xy-​​Besitzer mit Penis“ und „xx-​​Besitzerinnen mit Klit“ nen­nen (@ Kopf und Herz: das ist kein „kul­tu­rel­les kon­strukt“, son­dern bio­lo­gi­sche Rea­li­tät). Zwei­fels­ohne exis­tie­ren diese bei­den genera. Dies ändert aber nichts daran, daß auch „xy-​​BesitzerInnen mit Klit“ und „xx-​​BesitzerInnen mit Penis“ exis­tie­ren – genauso, wie es nicht nur gleich­sei­tige Drei­ecke, son­dern auch gleich­sei­tige Vier­ecke gibt.

Zwi­schen­er­geb­nis

Kom­men wir also zum Ergeb­nis: Genauso wie Män­ner („xy-​​Besitzer mit Penis“) und Frauen („xx-​​Besitzerinnen mit Klit“) eine Teil­menge aller Men­schen sind, so sind auch gleich­sei­tige Drei­ecke und recht­wink­lige Vier­ecke eine Teil­menge aller ecki­gen geo­me­tri­schen For­men mit weni­ger als fünf Ecken. Damit sind aber weder die Men­schen noch die genann­ten geo­me­tri­schen Figu­ren erschöp­fend erfaßt:
++ Bei den Men­schen feh­len die „xx-​​BesitzerInnen mit Penis“ und die „xy-​​BesitzerInnen mit Klit“
++ Und bei den frag­li­chen geo­me­tri­schen For­men feh­len die ungleich­sei­ti­gen Drei­ecke und die nicht recht­wink­li­gen Vier­ecke.

Eine Aus­flucht, die Zweigeschlechtlichkeits-​​These nicht ret­tet

Nun kannst Du natür­lich, wenn Du pfif­fig bist, bei den geo­me­tri­schen For­men die Grund­ge­samt­heit ver­GRÖS­SERN: Du nimmst ALLE ecki­gen For­men, mit weni­ger als fünf Ecken – und inter­es­sierst Dich nicht mehr für gleich­sei­tig und recht­wink­lig. Dann gibt es – da es keine Zwei­ecke gibt – in der Tat nur zwei genera: Drei­ecke und Vier­ecke.
Du hast auch immer noch meh­rere Merk­male: „nicht-​​rund“ /​ „nicht-​​elliptisch“ (= eckig) und die Anzahl der Ecken (3 oder 4).
Nur: das Merk­mal „nicht-​​rund“ /​ „nicht-​​elliptisch“ ist jetzt bei­den genera gemein­sam.
Damit würde Dir Deine Pfif­fig­keit nicht wei­ter­hel­fen: Denn die Gemein­sam­keit eines Merk­mals unter­schei­det das zuletzt gege­bene Bei­spiel von der Geschlech­ter­de­fi­ni­tion:
Wäh­rend es keine Drei­ecke und keine Vier­ecke gibt, die rund sind, gibt es sehr wohl „xx-​​BesitzerInnen mit Penis“ und „xy-​​BesitzerInnen mit Klit“.

Dar­aus folgt: Zwar las­sen sich die nicht-​​runden und nicht-​​elliptischen geo­me­tri­schen For­men mit weni­ger als fünf Ecken auf aus­schließ­lich zwei genera auf­tei­len (Drei­ecke und Vier­ecke); die Men­schen las­sen sich aber nicht aus­schließ­lich auf die genera Frauen und Män­ner auf­tei­len.

q.e.d.

„die zwei­ge­schlecht­lich­keit als bio­lo­gi­sches prin­zip wird dabei kei­nes­wegs in frage gestellt, da kein drit­tes ‚geschlecht‘ ent­steht, son­dern sich quasi – bild­lich – die wei­ßen und schwar­zen schach­fi­gu­ren nur unter­schied­lich zusam­men­fin­den – als laune der natur, wohl­ge­merkt. für die art­er­hal­tung ohne bedeu­tung und kei­nes­falls den moder­nen rela­ti­vis­mus recht­fer­ti­gend.“

„kei­nes­falls den moder­nen rela­ti­vis­mus recht­fer­ti­gend.“ – Ich ver­trete kei­nen Rela­ti­vis­mus. Ich sage nicht: Man kann die ‚Mei­nung‘ haben, es gibt aus­schließ­lich zwei Geschlech­ter, und lesbe kann die Mei­nung haben, es gibt mehr als zwei Geschlech­ter. Ich sage viel­mehr: Allein meine For­mu­lie­rung ist die kor­rekte For­mu­lie­run­gen der objek­ti­ven bio­lo­gi­schen Erkennt­nisse.

(Und – falls Du das noch wis­sen willst: Was befugt mich als Nicht-​​BiologIn über die kor­rekte For­mu­lie­rung bio­lo­gi­scher Erkennt­nisse zu ent­schei­den? Daß Phi­lo­so­phIn­nen [wir alle sind Phi­lo­so­phIn­nen] befugt sind, zwi­schen den Erkennt­nis­sen der Wis­sen­schaf­ten und den Ideo­lo­ge­men, mit denen Wis­sen­schaft­le­rIn­nen diese Erkennt­nisse ent­stel­len und ver­un­stal­ten, zu unter­schei­den. Vgl. dazu Alt­hus­sers Über­le­gun­gen zur spon­ta­nen Phi­lo­so­phie von Wis­sen­schaft­le­rIn­nen:
http://​www​.mar​x2​mao​.com/​O​t​h​e​r​/​P​S​P​S​9​0​i​i​.html; dt. Über­set­zung: Argument-​​Verlag: West­ber­lin, 1985)

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NACH­TRAG VOM 30.08.2009 (s. insb. die Anmer­kung zu dem zwei­ten Quasch mit Soße-​​Zitat):

Noch ein­mal @ Quatsch mit Soße:

Ver­such’ doch mal Deine bei­den Sätze mit „Wesen“ so umzu­for­mu­lie­ren, daß Du ohne „Wesen“ aus­kommst (so wie, die Erde annäh­rend rund ist, es aber nicht das ‚Wesen’ der Erde ist, rund zu sein).

August 24, 2009 at 9:47 pm

„(pri­märe) geschlechts­merk­male sind de facto ent­we­der männ­lich oder weib­lich […], da ihr wesen darin besteht, durch ihre exis­tenz das geschlecht eines men­schen zu bil­den!“

„[…]da ihr wesen darin besteht“ – das hört sich unheim­lich gelehrt an.
„(pri­märe) geschlechts­merk­male sind ent­we­der männ­lich oder weib­lich […], da sie durch ihre exis­tenz das geschlecht eines men­schen bil­den.“ – erweist sich dage­gen als völ­lige Luft­blase. Wo ist denn da, bitte sehr, die durch „da“ behaup­tete Kau­sa­li­tät?! Abge­se­hen von allem ande­ren, was an dem Satz frag­wür­dig ist, würde sich eine Kau­sa­li­tät nur erge­ben, wenn Du still­schwei­gend vor­aus­setzt, daß es nur zwei Geschlech­ter gibt:
„(pri­märe) geschlechts­merk­male sind ent­we­der männ­lich oder weib­lich […], da sie das männ­li­che oder weib­li­che geschlecht eines men­schen anzeigen/​ausdrücken [oder wie Du auch immer willst]“. Aber, daß es nur zwei Geschlech­ter gibt, willst Du ja erst bewei­sen. Du darfst es nicht schon vor­aus­set­zen, wenn Du es bewei­sen willst. Da haben wir wie­der Deine peti­tio prin­ci­pii. Da Du kei­nen Beweis hast, ver­suchst Du Dir den Beweis mit dem Wort „Wesen“ zu erschlei­chen.
Im übri­gen gibt es nicht nur mehr als zwei Merk­mals­kom­bi­na­tio­nen (die in der Tat jeweils das Geschlecht defi­nie­ren), son­dern auch die ein­zel­nen Merk­male sind ihrer­seits nicht binär struk­tu­riert:
Es gibt bspw. nicht nur die Alter­na­tive Hoden oder Eier­stö­cke, son­dern es kön­nen auch beide vor­han­den (und funk­ti­ons­un­fä­hig) sein (dritte Mög­lich­keit); es kön­nen jeweils min­des­tens Gewe­be­teile vor­han­den sein (4., 5, usw. Mög­lich­keit):

„Ech­ter Herm­aphro­di­tis­mus (Herm­aphro­di­tis­mus verus) ist eine sehr sel­tene Form, bei der gleich­zei­tig eine oder zwei männ­li­che und weib­li­che Keim­drü­sen (Hoden und Eier­stö­cke) oder wenigs­tens Gewe­be­teile von ihnen vor­han­den sind, die aber keine rei­fen Keim­zel­len pro­du­zie­ren.“ [(c) Biblio­gra­phi­sches Insti­tut & F. A. Brock­haus AG, 2007]

Selbst die Chro­mo­so­men­sätze sind nicht auf die Mög­lich­kei­ten xx oder xy redu­ziert:

„Das chro­mo­so­male Geschlecht kann ein Mosaik von XX und XY, aber auch nor­mal XX oder XY sein und in vie­len ande­ren Mög­lich­kei­ten von Chro­mo­so­mena­b­er­ra­tio­nen vor­lie­gen.“ (ebd.)

August 25, 2009 at 10:25 am

„macht euch klar, was ‚geschlecht’ sei­nem wesen nach ist.“

Na, ver­rate es uns mal…

Der­selbe Satz ohne Meta­phy­sik:

„macht euch klar, was ‚geschlecht’ ist.“ –

Und schon ist eine klare Ant­wort mög­lich:
„‚Geschlecht’ (im bio­lo­gi­schen Sinne) ist die zusam­men­fas­sende Bezeich­nung für den Chro­mo­so­men­satz und die sog. pri­märe Geschlechts­merk­male eines Men­schen.
Typi­scher­weise tref­fen einer­seits xy-​​Chromomosomen, Penis, Hoden usw. zusam­men (in die­sem Fall wird von einem männ­li­chen Geschlecht gespro­chen oder gesagt, daß die Per­son ein Mann ist); ande­rer­seits tref­fen typi­scher­weise xx-​​Chromosomen, Kli­to­ris, Eier­stö­cke usw. zusam­men (in die­sem Fall wird von einem weib­li­chen Geschlecht gespro­chen oder gesagt, daß die Per­son eine Frau ist).
Dar­über hin­aus gibt es eine Viel­zahl von wei­te­ren – aller­dings sel­te­nen – Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten (ergo: Geschlech­tern). Auch die ein­zel­nen Geschlechts­merk­male sind nicht strikt binär struk­tu­riert, so kön­nen Hoden und Eier­stö­cke zusam­men auf­tre­ten.
Auch unter Fort­pflan­zungs­ge­sichts­punk­ten ergibt sich keine Bina­ri­tät, da es neben Samenzellen-​​Produzenten und Eizellen-​​Produzentinnen Men­schen gibt, die (in ihrem gan­zen Leben) weder das eine noch das andere pro­du­zie­ren.
Außer­halb des Zustän­dig­keits­be­rei­ches der Bio­lo­gie ist schließ­lich noch zu berück­sich­ti­gen, daß weder das psy­chi­sche (‚gefühlte’) Geschlecht einer Per­son noch die gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung einer Per­son mit den bio­lo­gi­schen Merk­ma­len überein­stim­men muß – und zwar selbst wenn letz­tere völ­lig ein­deu­tig sind.“

Kannst Du begrün­det wider­spre­chen? Nein!

Du kannst höchs­tens die Defi­ni­tion von Geschlecht ändern und bspw. sagen:

„‚Geschlecht’ ist eine ande­res Wort für Penis und Kli­to­ris. Eine Per­son mit Penis hat ein männ­li­ches Geschlecht; eine Per­son mit Kli­to­ris hat ein weib­li­ches Geschlecht.“

Aber dann bist Du beim All­tags­ver­stand und nicht auf dem Stand der wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­sion – und bist der Irri­ta­tion aus­ge­setzt, daß es nach die­ser Defi­ni­tion Män­ner ohne Hoden, aber mit Eier­stö­cken sowie mit allen mög­li­chen Chromosomen-​​Varianten gibt. Eine wis­sen­schaft­li­che Begriffs­bil­dung ist etwas ande­res.

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5 Antworten auf „Gibt es AUSSCHLIESSLICH zwei Geschlechter?“


  1. 1 macudo 23. September 2009 um 13:51 Uhr

    Sehr schöner Beitrag! Ich finde es schön, dass um differenzierte Standpunkte zu Geschlecht gerrungen wird. Nicht schön fand ich es im Zusammenhang mit Caster Semenya – schließlich sagt sie selbst, dass sie eine Frau ist und diese Selbstdefinition muss ihr gelassen werden.

    Für eine allgemeine Betrachtung bzw. eine Betrachtung, ob es überhaupt „weiblich“ und „männlich“ gibt, finde ich diesen Beitrag hier wichtig und hoffe, es schließen sich intensive Diskussionen an. In Biologie und Medizin gibt es zahlreiche Merkmale, die als geschlechtlich gewertet werden. Aus meiner Sicht wird bei diesen Merkmalen JEDER MENSCH bei mindestens einem der Merkmale aus der Zuordnung „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“ herausfallen. Die aktuelle Biologie hat dermaßen viele Merkmale als in die Ausbildung von Genitalien involviert herausgearbeitet, dass sie es nun nicht mehr schafft, Geschlecht in eine zweigeschlechtliche Ordnung zu pressen. (Das wird auch schön in dem Aufsatz deutlich: Voß(2008) „Wie für Dich gemacht: die gesellschaftliche Herstellung biologischen Geschlechts“, [in Coffey (Hrsg.) „Queer leben – queer labeln?“, S.153-167].)

    Hier lässt sich mehr draus machen: mehr Diskussion und mehr Geschlechter

  2. 2 TaP 30. September 2009 um 9:13 Uhr
  3. 3 Christian 22. August 2010 um 17:07 Uhr

    Es kommt meiner Meinung nach darauf an, ob du Geschlecht biologisch oder sprachlich-gesellschaftlich definierst.

    Biologisch gibt es beim Menschen 2 Geschlechter, männlich und weiblich. Den Geschlechter benötigt man zur Fortpflanzung. Die anderen Erscheinungsformen, also die etwa 2% Intersexuelle sind größtenteils durch Abweichungen, zB defekte Nebennierenrinden und daher keine hinreichende Testosteronproduktion medizinisch zu erklären. Jemanden, dessen körperliche Erscheinung darauf beruht, dass sein Körper eine defekte Nebennierenrinde hat als neues Geschlecht zu bezeichnen macht biologisch keinen Sinn.

    Hingegen kann es sprachlich und gesellschaftlich wichtig sein einen Menschen, der zwischen den Geschlechtern steht, unabhängig von den dahinter stehenden biologischen Vorgängen eine Bezeichnung zuzuweisen. Das ist aber lediglich auf einer sprachlichen-gesellschaftlichen ebene interessant. Warum man diesen Namen dann unbedingt als drittes oder viertes Geschlecht begreifen muss verstehe ich nicht recht (Fausto-Sterling hat ihren diesbezüglichen Ansatz ja auch zurückgezogen, weil es letztendlich zu viele Zwischenformen gibt um weitere Geschlechter aufzubauen und immer Nichteinordnungen verbleiben würden)

  4. 4 TaP 25. August 2010 um 19:58 Uhr

    „Die anderen Erscheinungsformen, also die etwa 2% Intersexuelle sind größtenteils durch Abweichungen, zB defekte Nebennierenrinden und daher keine hinreichende Testosteronproduktion medizinisch zu erklären.“

    „Abweichungen“, „defekt“, ‚nicht hinreichend‘ – das sind doch keine biologischen Tatsachen, sondern Wertungen/Normen, die Du erst an die biolgischen Tatsachen sprachlich – und da viele Deine Wertungen teilen, wenn Du so willst: sprachlich-gesellschaftlich – heranträgst.

  5. 5 TaP 17. April 2016 um 10:11 Uhr

    Vgl. zu dem Thema inzwischen auch noch:

    Es gibt mehr als zwei Geschlechter

    Nur „weiblich“ und „männlich“ ist zu wenig. Es gibt mehr als zwei Geschlechter. In der Biologie ist das inzwischen anerkannt. Heinz-Jürgen Voß

    http://www.tagesspiegel.de/wissen/gender-in-der-biologie-es-gibt-mehr-als-zwei-geschlechter/13386730.html (31.03.2016)

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