radikal-Interview mit der militanten gruppe zu „organisierung des revolutionären widerstandes“ (Teil IV der Rezension zu radikal Nr. 161)

Fort­set­zung der Rezensions-​​Reihe vom 07.08., 09.08. und 10.08.

Das Inter­view mit der mili­tan­ten gruppe (mg) (S. 28 – 54) macht fast die Hälfte des aktu­el­len radi­kal-Hef­tes (60 Sei­ten + Tarn­um­schlag) aus. Es ist ein unge­wöhn­li­ches Inter­view: Es besteht aus 14 Fra­gen und den jewei­li­gen Ant­wor­ten – also im Durch­schnitt fast zwei Druck­sei­ten Ant­wort pro Frage, wobei sich ten­den­zi­ell sagen läßt, daß die Ant­wor­ten auf die ers­ten Fra­gen kür­zer und die spä­te­ren Ant­wor­ten län­ger aus­fal­len.
Inhalt­lich und for­mell las­sen sich drei – unter­schied­lich lange – Teile unter­schei­den: Der erste Teil beschäf­tigt sich mit dem inne­ren Grup­pen­zu­stand der mg (soweit dies für den vor dem Ber­li­ner Kam­mer­ge­richt statt­fin­den­den Pro­zeß gegen ver­meint­li­che mg-Mit­glie­der rele­vant ist, wurde dar­auf bereits in Teil II die­ser Rezen­si­ons­reihe ein­ge­gan­gen). Die Teile 2 und 3 des Inter­views befas­sen sich mit wei­ter­füh­ren­den stra­te­gi­schen Fra­gen, wobei die ers­ten Fra­gen von der mili­tan­ten gruppe ziem­lich klar beant­wor­tet wer­den, wäh­rend spä­te­ren Fra­gen eher über Lek­tü­re­er­fah­run­gen berich­ten, denen die Schluß­fol­ge­run­gen noch weit­ge­hend feh­len. Mir scheint, das Inter­view hätte an Les­bar­keit gewon­nen, wenn sich die mg dort deut­lich kür­zer gefaßt und auf noch zu schrei­bende Papiere ver­wie­sen hät­ten.
Da ich wahr­schein­lich teil­weise schon andere Texte zur Lek­türe her­an­ge­zo­gen hätte, auch die gemein­sam inter­es­sie­ren­den Texte anders dar­ge­stellt hätte und es mir weder beson­ders sinn­voll noch ein­fach erscheint, aus den Lek­tü­re­er­fah­run­gen der mg mei­ner­seits Schluß­fol­ge­run­gen zu zie­hen, wird sich die­ser Teil der Rezensions-​​Reihe auf die mitt­le­ren Pas­sa­gen des Inter­views kon­zen­trie­ren und hin­sicht­lich der wei­te­ren Pas­sa­gen in ers­ter Linie deren Thema vor­stel­len.

In ihrer Ant­wort auf die erste Frage (nach dem lan­gen Schwei­gen der mg) ant­wor­tet die mg gegen Aktio­nis­mus, Mit­tei­lungs­be­dürf­nis und dage­gen, sich von der Gegen­seite trei­ben zu las­sen, umsich­tig u.a.:

„wir haben trotz des enor­men Drucks, der uns gegen­über ent­wi­ckelt und auf­ge­baut wurde, die Rei­hen­folge, die in einem (klan­des­ti­nen) Grup­pen­zu­sam­men­hang ein­zu­hal­ten ist, befolgt: Erst Klä­rung (nicht voll­stän­dige Klar­heit!) nach innen, dann Erklä­rung nach außen. Der eigene interne Rhyth­mus als zen­tra­ler Ori­en­tie­rungs­maß­stab.“

Wei­ter heißt es:

„was sind schon milieu­spe­zi­fi­sche Sym­pa­thie­pünkt­chen, wenn wir uns damit den Zugang zu einer Klas­sen­or­ga­ni­siert­heit ver­na­geln? […] Wir sind inte­gra­ler Teil der pro­le­ta­ri­schen Klas­sen und erklär­ter Teil des orga­ni­sier­ten Klas­sen­kamp­fes.“

Hier stellt sich noch ein­mal die – bereits zum Vor­wort der neuen radi­kal-Redak­tion auf­ge­wor­fene – Frage: Wel­cher Klas­sen­be­griff wird hier zugrun­de­ge­legt? Wel­che Klasse soll orga­ni­siert wer­den, d.h.: wodurch wird sie als defi­niert ange­se­hen? Und wel­cher Klasse oder wel­chen Klas­sen wird dem­ge­gen­über (?) die auto­nome Szene (auf sel­bige dürf­ten die „milieuspezifische[n] Sym­pa­thie­pünkt­chen“ gemünzt sein) zuge­ord­net? An die­ser Stelle stellt sich bei mir ein­mal mehr der Befürch­tung ein, daß den Dis­kus­sio­nen in der und um die radi­kal herum ein zu enger Begriff von „pro­le­ta­risch“ und ein unkla­rer Begriff von „Klasse“ [6] zugrun­de­ge­legt wird [7]. – Und daß es um den Anspruch „inte­gral“ („Wir sind inte­gra­ler Teil der pro­le­ta­ri­schen Klas­sen“), in Wirk­lich­keit nicht beson­ders gut bestellt ist, deu­tet die mg selbst an [8].

In der mg-Ant­wort auf die zweite Frage der radi­kal-Redak­tion geht es um die schon frü­her in die­ser Rezensions-​​Reihe erwähn­ten mg-Aktio­nen vom Jan. und Feb. die­ses Jah­res. In ihrer Ant­wort bezieht sich die mg u.a. auf den Marcuse-​​Satz: „[…] ich glaube, daß es für unter­drückte und über­wäl­tigte Min­der­hei­ten ein ‚Natur­recht’ auf Wider­stand gibt, außer­ge­setz­li­che Mit­tel anzu­wen­den, sobald die gesetz­li­chen sich als unzu­läng­lich her­aus­ge­stellt haben.“ Ich möchte mei­ner­seits die von Mar­cuse um „Natur­recht“ gesetz­ten Anfüh­rungs­zei­chen beto­nen. Noch soviel Beru­fung auf „Natur­recht“ macht vor einer erfolg­rei­chen Revo­lu­tion ille­ga­len Wider­stand nicht legal; und es gibt für Revo­lu­tio­nä­rIn­nen kei­nen Grund sich nicht zur Ille­ga­li­tät ihres Tuns zu beken­nen. Und nach einer erfolg­rei­chen Revo­lu­tion ist die Frage nach der Lega­li­tät des vor­he­ri­gen Wider­stan­des eine his­to­risch erle­digte Frage. [9]

In ihrer Ant­wort auf die dritte Frage läßt die mg die Katze aus dem Sack: Ihre – viel­fach als schlichte ‚Auf­lö­sung’ fehl­in­ter­pre­tierte – Trans­for­ma­tion in ein neues poli­ti­sches Pro­jekt:

„Wir lösen uns heute und hier mit die­sem Bei­trag als (mg) auf! Von nun an ist die (mg) in die Wider­stands­ge­schichte der revo­lu­tio­nä­ren Linke[n, TaP] in der BRD ein­ge­gan­gen. Es gibt von nun an nur noch eine ex-(mg); und dem­zu­folge auch nur noch ehe­ma­lige Mit­glie­der der (mg). […] Als Dia­lek­ti­kerln­nen ist es selbst­ver­ständ­lich unsere Auf­gabe, dass wir nicht unser Pro­jekt selbst demon­tie­ren und uns als Indi­vi­duen in alle Him­mels­rich­tun­gen demo­bi­li­sie­ren. Nein, wir über­füh­ren es in eine erwei­terte struk­tu­relle Form – wir haben es, wie wir hof­fen, per­spek­ti­visch auf eine höhere Stufe zu stel­len ver­stan­den.“

Die wei­te­ren Pas­sa­gen des Inter­views las­sen sich wohl am bes­ten als Ela­bo­rie­rung und Bear­bei­tung der Frage ver­ste­hen, was mit die­ser „höhere[n] Stufe“ gemeint ist.
Die mg ver­bin­det ihre Ankün­di­gung im übri­gen mit dem „Auf­ruf […], dass sich jene Genossln­nen, die sich mit uns in den ver­gan­ge­nen Jah­ren soli­da­risch gezeigt haben und jene, die mit der von uns ent­wi­ckel­ten kon­zep­tio­nel­len Ori­en­tie­rung poli­tisch eine große Schnitt­menge haben, Ver­ant­wor­tung über­neh­men.“ Diese aus­führ­li­che Rezen­sion des Inter­views und der gesam­ten radi­kal-Aus­gabe darf durch­aus – und gerade auch in ihren kri­ti­schen Pas­sa­gen – als Ver­such ver­stan­den wer­den, die­sem Auf­ruf Folge zu leis­ten, soweit dies im Rah­men einer nicht-​​klandestinen publi­zis­ti­schen Tätig­keit mög­lich ist.
Um vor­weg­zu­neh­men, wor­auf meine fol­gen­den zum Teil kri­ti­schen Anmer­kun­gen hin­aus­lau­fen: auf den Vor­schlag, die von radi­kal und mg pos­tu­lierte Orga­ni­sie­rungs­de­batte aus der engen Bin­dung an mili­tan­ter Pra­xis sowie klan­des­ti­ner Her­stel­lung und klan­des­ti­nem Ver­trieb der radi­kal zu lösen. Mir scheint poli­ti­sche Orga­ni­sie­rung kann – unter den Bedin­gun­gen par­la­men­ta­ri­scher und semi-​​parlamentarisch-​​rechsstaatlicher Ver­hält­nisse mit ihrer (ver­gli­chen mit faschis­ti­schen und mili­tär­dik­ta­to­ri­schen Ver­hält­nis­sen) begrenz­ten und halb­wegs bere­chen­ba­ren Repres­sion – ihre volle Wirk­sam­keit erst dann erlan­gen, wenn sie nicht klan­des­tin erfolgt, son­dern den – durch­aus nicht unris­kan­ten – Ver­such unter­nimmt, Meinungsäußerungs-​​ und Ver­ei­ni­gungs­frei­heit auch für Revo­lu­tio­nä­rIn­nen durch­zu­set­zen.
Um auch dies vor­weg­zu­sa­gen: Damit ist nicht der Wert klan­des­ti­ner Struk­tu­ren, um eine Zeit­schrift wie die radi­kal her­aus­zu­ge­ben oder um mili­tante Aktio­nen, die ihre – wenn auch begrenzte – Wirk­sam­keit his­to­risch gezeigt haben und sicher­lich wei­ter­hin zei­gen wer­den, durch­zu­füh­ren [10]. Nur scheint dafür unter den gegen­wär­ti­gen Bedin­gun­gen und beim gegen­wär­ti­gen Stand der Kämpfe eine groß ange­legte Orga­ni­sa­tion weder mög­lich noch not­wen­dig zu sein.
Was m.E. viel­mehr erfor­der­lich ist, wenn mit dem von der mg pos­tu­lier­ten Pri­mat des Poli­ti­schen und der Kri­tik des „mili­tan­ten Refor­mis­mus“ Ernst gemacht wer­den soll, ist, die Begriffe „Revo­lu­tion“, „Klas­sen­kampf“ und „Kom­mu­nis­mus“ in einer brei­te­ren Öffent­lich­keit, als sie die radi­kal errei­chen kann, zu ver­tre­ten, und sie mit einem zeit­ge­mä­ßen und nicht-​​sektiererischen Inhalt zu fül­len. (Die kur­siv-Set­zung von „Inhalt“ darf dabei durch­aus als Abstand­nahme von pop­kul­tu­rel­len Ges­ten wie „Still loving com­mu­nism“-Sti­ckern ver­stan­den wer­den.)

Von dem „mili­tan­ten Refor­mis­mus“ zur „Orga­ni­sie­rung“

Aber kom­men wir zurück zu dem Inter­view. In ihrer Ant­wort auf die nächste radi­kal-Frage nimmt die mg ihre gerade erwähnte Abgren­zung vom „mili­tan­ten Refor­mis­mus“ [11] vor, wobei diese Kri­tik vor allem auf die „all­abend­li­che alter­na­tive Frei­zeit­be­schäf­ti­gung des auto­mo­bi­len Her­um­zün­delns“ gemünzt wird:

„Wir sehen es vor allem als essen­ti­ell an, […] aus der Enge der Fra­ge­stel­lung um Mili­tanz her­aus­zu­kom­men, d.h. die Ebene eines ‚mili­tan­ten Refor­mis­mus’ bzw. ‚Mili­tan­tis­mus’ zu ver­las­sen und eine Debatte um eine klassenspezifisch-​​proletarische Orga­ni­sie­rung und eine dar­aus resul­tie­rende Orga­ni­sa­tion auf­zu­neh­men. Ins­be­son­dere mit dem ‚mili­tan­ten Refor­mis­mus’ bzw. dem ‚Mili­tan­tis­mus’ bezeich­nen wir eine fal­sche Hal­tung und ver­fehlte Hand­lungs­weise, die das Kri­te­rium von Mili­tanz in den argu­men­ta­ti­ven Fokus setzt, um um die­sem herum eine (refor­mis­ti­sche) Poli­tik ent­wi­ckeln zu wol­len. Kaum ver­wun­der­lich, dass mit die­ser ‚Kon­zep­tion’ auch uns die Qua­dra­tur des Krei­ses nicht gelin­gen konnte.“

Dazu zwei Anmer­kun­gen mei­ner­seits: 1. Wenn tat­säch­lich der Anspruch ist, zu einer Orga­ni­sie­rung zu kom­men, die über die auto­nome Szene hin­aus­reicht und nicht mehr das mili­tante Mit­tel, son­dern das revo­lu­tio­näre Ziel im Mit­tel­punkt ste­hen soll, dann ist m.E. – wie gesagt – die Frage nach Orga­ni­sie­rung als Frage nach lega­ler Orga­ni­sie­rung zu stel­len. 2. Ein revo­lu­tio­nä­rer Anspruch kann sich schon längst nicht mehr allein auf das Klas­sen­ver­hält­nis bezie­hen – und schon gar nicht auf einen eng ver­stan­de­nen Begriff von „Pro­le­ta­riat“. Einer sol­chen Ver­en­gung wäre auch heute – und zwar zurecht – nicht mehr Erfolg beschie­den als den K-​​Gruppen der 70er Jahre, und zwar auch dann, wenn hin­sicht­lich Mili­tanz die Erfah­run­gen der sozia­len Bewe­gun­gen v.a. der 70er und 80er Jahre auf­ge­grif­fen wer­den.
Die Ant­wort auf den A-​​ und Anti­kom­mu­nis­mus sowie den „Abschied vom Pro­le­ta­riat“ der Auto­no­men und der sozia­len Bewe­gun­gen kann nicht in einem eng­ge­faß­ten Proletariats-​​Begriff und einer wei­te­ren kom­mu­nis­ti­schen Ver­drän­gung der theo­re­ti­schen und poli­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen des Femi­nis­mus und des Anti­ras­sis­mus und der Rele­vanz der ökolo­gi­schen Frage beste­hen, son­dern nur in der Arti­ku­la­tion des Zusam­men­hangs der Kämpfe gegen die ver­schie­de­nen Herrschafts-​​ und Aus­beu­tungs­ver­hält­nis­ses und der Ent­wick­lung einer poli­ti­schen Per­spek­tive, die den heu­ti­gen Stand der Zusam­men­set­zung der Klasse der Lohn­ab­hän­gi­gen Rech­nung trägt. In letz­ter Instanz hängt die Mög­lich­keit revo­lu­tio­nä­rer Ver­än­de­run­gen nicht an der Schaf­fung einer Orga­ni­sa­tion von Revo­lu­tio­nä­rIn­nen, son­dern daran, daß min­des­tens die Lohn­ab­hän­gi­gen, die (noch) unter der Hege­mo­nie von Links­par­tei und SPD ste­hen, lang­fris­tig für revo­lu­tio­näre Posi­tio­nen gewon­nen wer­den. [12]

Wenn die Poli­tik nicht mehr um Mili­tanz herum ent­wi­ckelt wer­den soll, stellt sich die Frage, um wel­che Inhalte herum oder zumin­dest um wel­che grobe inhalt­li­che Linie herum sie statt des­sen ent­wi­ckelt wer­den soll. Die­sem Thema wid­me­ten sich zwei Fra­gen der radi­kal-Redak­tion, die dabei auch den theo­re­ti­schen Eklek­ti­zis­mus bis­he­rige mg-Texte auf­spießt.
In ihrer Ant­wort auf die erste die­ser bei­den Frage bemüht sich die mg um eine Auf­lö­sung des Gegen­sat­zes zwi­schen den stra­te­gi­schen Posi­tio­nen Lenins sowie des Früh­so­zia­lis­ten Blan­qui. Die mg bringt diese Auf­lö­sung wie folgt auf den Punkt: Blan­qui sei als ein „Vor­läu­fer der Bol­sche­wiki anzu­se­hen, als ein passionierte[r] Revo­lu­tio­när, der tra­gi­scher­weise nicht die gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen vor­fin­den konnte, die sei­nem Enga­ge­ment für eine kom­mu­nis­ti­sche Per­spek­tive mehr Rücken­wind hat­ten geben ken­nen.“
Dem mag zuge­stimmt wer­den, nur liegt dann eben der Feh­ler Blan­quis bzw. des Blan­quis­mus genau darin, Mit­tel und For­men anzu­wen­den, für die die gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen (noch) nicht gege­ben sind.
Die zweite der bei­den genann­ten Fra­gen beant­wor­tet die mg mit einem wohl­wol­len­den Rück­blick auf die Geschichte linkskommunistischer/​linksradikaler Orga­ni­sa­tio­nen der 10er und 20er Jahre des 20. Jahr­hun­derts. Die­sem würde ich ent­ge­gen­hal­ten, daß heute brauch­bare Anknüp­fungs­punkte nicht bei den Grup­pen links von der Wei­ma­rer KPD zu fin­den sind [13], son­dern eher bei der sog. ‚rech­ten’ Oppo­si­tion in der KPD, die u.a. die Sozialfaschismus-​​These bekämpfte und sich schließ­lich als eigen­stän­dige Orga­ni­sa­tion kon­sti­tu­ierte. (Ange­merkt sei aller­dings noch, daß auch die trotz­kis­ti­sche, gemein­hin als ‚linke’ klas­si­fi­zierte Oppo­si­tion [gegen den offi­zi­el­len KPD-​​Kurs] die Sozialfaschismus-​​These und die dar­aus abge­lei­tete KPD-​​Strategie ablehnte, und daß sich sowohl Trotz­kis­tIn­nen als auch die ‚rechte’ Oppo­si­tion wäh­rend des spa­ni­schen Bür­ger­kriegs posi­tiv auf die POUM bezo­gen.)

Zur Par­tei­form

In einer spä­te­ren Frage inter­es­siert sich die radi­kal dann dafür, wie es die mg mit der Par­tei­form hält. [14] Die mg ant­wor­tet auf diese Frage zunächst, daß sie die Frage nach der Par­tei­form heute – anders als noch frü­her – für den „zentrale[n] Aspekt einer revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sie­rung“ ansieht. Die mg betont aller­dings zugleich erneut, daß die Par­tei­form nicht mit den ver­schrie­nenen K-​​Gruppen der 70er Jahre gleich­zu­set­zen sei. Sodann ver­sucht die mg anhand von Pan­ne­koek und Bordiga, einem nie­der­län­di­schen und einem ita­lie­ni­schen Links­kom­mu­nis­ten, zu zei­gen, daß die Par­tei­form durch­aus nicht nur etwas für Len­in­stIn­nen sei, son­dern auch für die von Lenin als „links­ra­di­kal“ bzw. ‚infan­til’ Kri­ti­sier­ten. Schließ­lich wird – wohl um Vor­ur­teile gegen­über der Par­tei­form abzu­bauen – daran erin­nert, daß Mao gegen einen „scha­blo­nen­haf­ten Par­tei­stil“ wandte. Die mg grenzt sich in die­sem Kon­text vom „Dre­schen lee­rer Phra­sen und inhalts­lo­ses, gegen­stands­lo­ses Gerede, das dazu die­nen soll, sich fälsch­lich Auto­ri­tät anzu­ma­ßen,“ ab.

Die radi­kal fragt dann wie folgt nach: „Auf wel­che revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­tio­nen, die sich in ihrem struk­tu­rel­len Geflecht eine ‚Partei-​​Form’ gege­ben haben, bezieht ihr euch? Und wo liegt die Grenze zwi­schen einer Bezug­nahme und der Suche nach einer Kopier­vor­lage?“
Die mg ant­wor­tet dar­auf, indem sie drei Bezugs­punkte nennt: Aus Spa­nien die Wie­der­auf­ge­baute Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei [PCE (r)] und die ers­te­rer nahe­ste­hen­den Anti­fa­schis­ti­schen Wider­stands­grup­pen des 1. Okto­ber (GRAPO), aus Bel­gien die Kämp­fende Kom­mu­nis­ti­sche Zel­len (CCC) und ver­schie­dene Spalt­pro­dukte der ita­lie­ni­schen Rote Bri­ga­den.
Die radi­kal inter­es­siert sich in einer wei­te­ren Nach­frage beson­ders für PCE(r) und GRAPO einer­seits und die ita­lie­ni­sche PC p-​​m (Politisch-​​militärische Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei) ande­rer­seits. Die mg zieht es aller­dings vor, ihre Aus­füh­run­gen auf letz­tere zu kon­zen­trie­ren. Diese Aus­füh­run­gen sind allein drei Sei­ten lang. Die mg beginnt mit einer Dar­stel­lung des Spal­tungs­pro­zes­ses der Roten Bri­ga­den (Bri­gate Rossa [BR]), aus dem schließ­lich die PC p-​​m her­vor­ge­gan­gen. Die BR spal­te­ten sich zunächst in die BR/​PCC (PCC = Kämp­fende Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei), die sich am sog. „Front­pro­zeß“ von RAF und fran­zö­si­scher Action Directe betei­lig­ten, und die UCC (Ver­ei­ni­gung Kämp­fen­der Kom­mu­nis­ten), die dem Front­kon­zept kri­tisch gegen­über­stan­den. Die mg ver­sucht den Ein­satz, der bei die­ser Kon­tro­vers auf dem Spiel stand, deut­lich zu machen: Wird dem bewaff­ne­ten Kampf aktu­ell (d.h.: damals in den 80er Jah­ren stra­te­gi­sche Funk­tion (so die erste Posi­tion) oder bloß tak­ti­sche Funk­tion (so zweite Posi­tion) zuge­schrie­ben?

„Hin­ter­grund die­ser zen­tra­len Kon­tro­verse ist, dass eine fal­sche Set­zung in tak­ti­schen, ope­ra­ti­ven oder stra­te­gi­schen Fra­gen, die in leicht­fer­ti­ger Weise, mit arger Unter­schät­zung der geg­ne­ri­schen Kräfte und in höchs­ter Über­schat­zung der eige­nen Rele­vanz dem orga­ni­sa­to­ri­schen Zusam­men­hang Auf­ga­ben auf­er­legt, an denen die­ser elend schei­tern muss.“

Ein Nach­fol­ge­pro­jekt der UCC, also der – sagen wir – rea­lis­ti­sche­ren Posi­tion, waren die CC/​PCC, die (Kom­mu­nis­ti­schen /​ Kämp­fen­den?) Zel­len für die Grün­dung der Kämp­fen­den Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. An die schließt nun wie­derum die PC p-​​m an.
Die mg zitiert aus einem Text der CC/​PCC: „Es kann keine Tren­nung zwi­schen Poli­ti­schem und Mili­tä­ri­schem geben“. Die Kämp­fende Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei müsse „auch wenn sie unter den Kri­te­rien der strik­tes­ten Klan­des­t­ini­tät agiert, […] von Anfang an eine kon­stante Ver­bin­dung in und mit der Klasse haben“.
Wenn darin eine Kri­tik an der RAF gese­hen wird, der damit eine Über­schät­zung des Mili­tä­ri­schen und in die­sem Sinne eine ‚Los­lö­sung’ /​ Tren­nung des Mili­tä­ri­schen vom Poli­ti­schen und eine Ver­nach­läs­si­gung der Ver­an­ke­rung in „der Klasse“ (zur Pro­ble­ma­tik des Aus­drucks siehe oben) vor­ge­wor­fen wird, so kann dem nur zuge­stimmt wer­den.
Frei­lich sollte nicht ver­kannt wer­den, daß die RAF ja durch­aus nicht nur Anschläge durch­ge­führt, son­dern auch poli­ti­sche Posi­tio­nen ver­tre­ten hatte. Mir scheint daher, daß mit einem blo­ßen Wortaus­tausch („kämp­fende Par­tei“ statt „Armee Frak­tion“ oder „Gue­rilla“) nicht viel gewon­nen ist. Kon­se­quen­ter scheint mir da schon die – von der mg in ihrer Dar­stel­lung etwas ver­nach­läs­sigte – Ant­wort von PCE(r) und GRAPO auf die­ses Pro­blem: die Schaf­fung der bewaff­ne­ten GRAPO und der poli­ti­schen Par­tei PCE(r).
Auch diese Ant­wort wird dem grund­le­gen­den Pro­blem aller­dings nur ansatz­weise gerecht: Letzt­lich dürfte es näm­lich – jeden­falls ohne einen lang­jäh­ri­gen und nicht-​​klandestinen Vor­lauf revo­lu­tio­nä­rer Orga­ni­sie­rung – unmög­lich sein, unter den Bedin­gun­gen der „strik­tes­ten Klan­des­t­ini­tät […] eine kon­stante Ver­bin­dung in und mit der Klasse haben“ – und auch PCE(r) war schon immer, auch wenn sie erst vor nicht allzu lan­ger Zeit förm­lich ver­bo­ten wurde – klan­des­tin orga­ni­siert. Die Par­tei­bü­ros, die mit der staat­li­chen Ver­bots­ver­fü­gung geschlos­sen wur­den, haben nie exis­tiert.
Hin­zu­kommt ein wei­te­res Pro­blem: Wenn in dem Unter­schied zwi­schen Par­tei und Gue­rilla zugleich das Ver­hält­nis zwi­schen Poli­ti­schem und Mili­tä­ri­schem ver­kör­pert gese­hen wird, stellt die Frage, ob nicht ent­we­der a) diese Unter­schei­dung von vorn­her­ein fik­tiv ist (mit allen Kon­se­quen­zen, die das für die staat­li­che Repres­sion hat, s.o.) oder aber b) die Ange­hö­ri­gen die Gue­rilla als bloße ‚Kampf­au­to­ma­ten’ fun­gie­ren, die das umset­zen, was die Par­tei befiehlt.
Inso­fern würde ich dann doch wie­der der von der CC/​PCC gefor­der­ten Ein­heit von Poli­ti­schem und Mili­tä­ri­schen zustim­men: Wer/​welche das hohe Risiko mili­tan­ter oder gar (para)-militärischer Pra­xis ein­geht, muß dafür die volle poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung über­neh­men, d.h.: selbst zu einer Lage­ein­schät­zung und der Bestim­mung von Zie­len und Mit­teln nach poli­ti­schen Kri­te­rien in der Lage sein.
Muta­tis mutan­dis (mit den not­wen­di­gen Ände­run­gen) gilt daher das, was Gramsci für die Mit­glie­der einer Par­tei sagt, auch für die Mili­tan­ten, die sich in eine direkte Kon­fron­ta­tion mit dem repres­si­ven Staats­ap­pa­rat bewe­gen. In Kri­tik an der Orga­ni­sa­ti­ons­pra­xis der Ita­lie­ni­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei führte Gramsci Mitte der 1920er Jahre aus:

„Die Zen­tra­li­sie­rung und die Ein­heit waren zu mecha­nisch auf­ge­faßt wor­den: Danach stellte das Zen­tral­ko­mi­tee, ja eigent­lich nur das Exe­ku­tiv­ko­mi­tee, die gesamte Par­tei dar, anstatt sie zu ver­tre­ten und zu füh­ren. Wenn man an die­ser Auf­fas­sung fest­hielte, würde die Par­tei ihre poli­ti­schen Eigen­schaf­ten ver­lie­ren, die sie von ande­ren unter­schei­den, und würde bes­ten­falls zu einer Armee wer­den (und zwar zu einer Armee bür­ger­li­chen Typs), das heißt, sie würde ihre Anzie­hungs­kraft ver­lie­ren und sich von den Mas­sen los­lö­sen. Damit die Par­tei lebt und Kon­takt zu den Mas­sen hat, ist es nötig, daß jedes Par­tei­mit­glied ein akti­ves poli­ti­sches Ele­ment, ein Füh­rungs­ele­ment ist. Gerade weil die Par­tei stark zen­tra­li­siert ist, ist eine breite pro­pa­gan­dis­ti­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Arbeit in ihren Rei­hen erfor­der­lich, ist es not­wen­dig, daß die Par­tei ihre Mit­glie­der in orga­ni­sier­ter Weise erzieht und ihr ideo­lo­gi­sches Niveau hebt. Zen­tra­li­sie­rung heißt vor allem, daß alle Mit­glie­der der Par­tei in jeder Situa­tion – auch im ver­stärk­ten Bela­ge­rungs­zu­stand und auch, wenn die lei­ten­den Komi­tees für eine bestimmte Zeit nicht funk­tio­nie­ren oder nicht mit der gesam­ten Peri­phe­rie der Par­tei ver­bun­den sein soll­ten – in ihrer Umge­bung in der Lage sein müs­sen, sich zu ori­en­tie­ren und aus der Rea­li­tät die not­wen­di­gen Ele­mente zu ent­neh­men, um eine Richt­li­nie zu erar­bei­ten, damit die Arbei­ter­klasse nicht ent­mu­tigt wird, son­dern spürt, daß sie geführt wird und noch kämp­fen kann. Die Aus­bil­dung der Mas­sen auf ideo­lo­gi­schem Gebiet ist also eine Not­wen­dig­keit des revo­lu­tio­nä­ren Kamp­fes, sie ist eine der unum­gäng­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für den Sieg.“

All­dies gilt umso mehr, wenn es sich nicht um die Mit­glie­der einer Par­tei, die allen­falls zeit­wei­lig unter den Bedin­gun­gen der Ille­ga­li­tät oder Halb­le­ga­li­tät arbei­tet, son­dern einer mili­tan­ten Orga­ni­sa­tion han­delt, die per se klan­des­tin orga­ni­siert sein muß. Das ist alles, was sich vom Schreib­tisch weg zu die­sem Thema sagen läßt.

Damit ist aber das Thema der revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sie­rung nicht erle­digt. Auch damit die Mit­glie­der eine lega­len Orga­ni­sa­tion fähig sind, erfolg­reich in den Mas­sen /​ sozia­len Bewe­gun­gen zu arbei­ten, dür­fen diese nicht nach dem Prin­zip von Befehl und Gehor­sam arbei­ten, son­dern müs­sen in der Lage sein, „sich zu ori­en­tie­ren und aus der Rea­li­tät die not­wen­di­gen Ele­mente zu ent­neh­men, um eine Richt­li­nie [für ihre poli­ti­sche Pra­xis /​ ihr poli­ti­sches Agie­ren, TaP] zu erar­bei­ten“. Und ich möchte so weit gehen, zu sagen, daß es kaum anders als in lega­ler, öffent­li­cher Arbeit mög­lich sein wird, die ent­spre­chen­den Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten her­aus­bil­den. [15] Nicht ohne Grund sagte Lenin, daß den Kom­mu­nis­tIn­nen der Unter­schied zwi­schen einer par­la­men­ta­ri­schen Repu­blik und weni­ger libe­ra­len For­men der bür­ger­li­chen Herr­schaft nicht schnurz sei.
Und nicht ohne Grund grei­fen die Herr­schen­den in bestimm­ten Kri­sen­si­tua­tio­nen auf Herr­schafts­for­men zurück, die nicht nur im ‚sozio­lo­gi­schen’ Sinne (‚Klas­sen­dik­ta­tur’), son­dern auch im staats­recht­li­chen Sinne dik­ta­to­risch sind.
Und eben­falls nicht ohne Grund hat sich eine sol­che Herr­schafts­form aber nie­mals dau­er­haft bewährt (das zeigt u.a. die Star­rung und das schließ­li­che Schei­tern des ‚Real­so­zia­lis­mus’): Ohne die Frei­heit der öffent­li­chen Mei­nungs­bil­dung, der öffent­li­chen Mei­nungs­äu­ße­rung und der öffent­li­chen Orga­ni­sie­rung, der Aus­tra­gung von Kon­tro­ver­sen mit ent­ge­gen­ge­setz­ten Mei­nung etc. geht allen poli­ti­schen Kräf­ten eine unglaub­li­che Erkenntnis-​​ und damit Effek­ti­vi­täts­quelle ver­lo­ren.
Des­halb ist jeder Ansatz, der revo­lu­tio­näre poli­ti­sche Orga­ni­sie­rung von vorn­her­ein oder in ers­ter Linie (und nicht nur als Not­lö­sung unter den Bedin­gun­gen schärfs­ter poli­ti­scher Repres­sion) als Frage klan­des­ti­ner Orga­ni­sie­rung dis­ku­tiert, ver­fehlt. Denn ein sol­cher Ansatz schnei­det sich von wich­ti­gen Informations-​​ und Dis­kus­si­ons­mög­lich­kei­ten ab, die es ermög­li­chen die eigene poli­ti­sche Linie anhand der je aktu­el­len Wirk­lich­keit zu über­prü­fen und ggf. zu kor­ri­gie­ren.

Die mg zitiert im Gegen­satz zur hier ver­tre­te­nen Posi­tion die PC p-​​m fol­gen­der­ma­ßen:

„Als Kon­se­quenz der revo­lu­tio­nä­ren Stra­te­gie zur Macht­er­grei­fung ist die Par­tei durch die his­to­ri­sche Ent­wick­lung des Wider­spruchs Revolution/​Konterrevolution gezwun­gen, sich für die Klan­des­t­ini­tät zu ent­schei­den. Jene, die heute, in der all­ge­mei­nen Krise der impe­ria­lis­ti­schen Epo­che des Kapi­ta­lis­mus, zwar in Betracht zie­hen am Auf­bau der Par­tei zu arbei­ten, sich aber die Frage ihres klan­des­ti­nen Cha­rak­ters nicht stel­len, set­zen sich weder in Absicht noch Tat in die Lage, den revo­lu­tio­nä­ren Weg zu beschrei­ten (…).“

Nur am Rand sei ver­merkt, daß es ein unziem­li­cher Dis­kus­si­ons­stil ist, ande­ren Leu­ten ihre Absich­ten (im ange­führte Zitat: „die Absicht […], den revo­lu­tio­nä­ren Weg zu beschrei­ten“) zu bestrei­ten. Über die Absich­ten ande­rer Men­schen ste­hen – nach dem Stand der Wis­sen­schaf­ten – nur sehr vage Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung: Nur allzu leicht wer­den mit die­ser Aus­ein­an­der­set­zungs­weise Erkennt­nisse durch Unter­stel­lun­gen; eine Kri­tik unzu­rei­chen­der Mit­tel durch eine Kri­tik eines ver­meint­lich bösen Wil­lens ersetzt.
Aber blei­ben wir bei: ‚nicht in der Lage sein’. Die mg selbst stimmt dem ange­führ­ten Zitat mit einer klei­nen Modi­fi­ka­tion zu:

„In die­ser Argu­men­ta­tion fin­den wir sehr viel von dem wie­der, was wir immer ver­foch­ten haben. Eine wei­ter­füh­rende Dis­kus­sion wäre aber bezüg­lich der Dif­fe­ren­zen zwi­schen infor­mel­len, klan­des­ti­nen und iIIegalen/​ilIegalisierten Sek­to­ren des orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­baus vor­zu­neh­men, um nicht alles unterschieds-​​ und kon­tu­ren­los in der Begriff­lich­keit der Klan­des­t­ini­tät auf­zu­lö­sen.“

Mir scheint, sowohl der Posi­tion der PC p-​​m als auch der der mg liegt ein unbe­grün­de­ter Umkehr­schluß zugrunde. Die­ser Umkehr­schluß scheint zu lau­ten: Weil das Militante/​Militärische nicht vom Poli­ti­schen getrennt wer­den darf, kann/​darf auch das Poli­ti­sche nicht vom Militanten/​Militärischen ‚getrennt’ wer­den – dür­fen auch militante/​militärische und poli­ti­sche Orga­ni­sie­rung nicht unter­schie­den wer­den.
Für diese Auf­fas­sung wird in dem mg-Text aber kein Argu­ment ange­führt. Die von der PC p-​​m ange­führte „his­to­ri­sche Ent­wick­lung des Wider­spruchs Revolution/​Konterrevolution“, die es angeb­lich erfor­der­lich macht, „sich für die Klan­des­t­ini­tät zu ent­schei­den“, ist kein Argu­ment dafür. Denn dies scheint – unter Beru­fung auf eine nicht wei­ter spe­zi­fi­zierte „his­to­ri­sche Ent­wick­lung“ – zu unter­stel­len, daß unter­schied­li­che revo­lu­tio­näre Pra­xis­for­men orga­ni­sa­to­risch nicht unter­schie­den wer­den kön­nen (und sich folg­lich auch die staat­li­che Repres­sion unter­schieds­los gegen jede revo­lu­tio­näre Orga­ni­sie­rung rich­tet).

Gerade in einer his­to­ri­schen Situa­tion, wo das Militante/​Militärische weit davon ent­fernt ist, der aus­schlag­ge­bende Fak­tor lin­ker Pra­xis zu sein (und das schei­nen sowohl die mg als die ‚zweite ita­lie­ni­sche Posi­tion’ anstands­los zuzu­ge­ste­hen), ist über­haupt kein Grund ersicht­lich, allen öffentlich-​​legal mög­li­chen Orga­ni­sie­rungs­an­sät­zen ihre revo­lu­tio­näre Bedeu­tung abzu­spre­chen.
So sehr auch nicht nur militante/​bewaffnete Grup­pen, son­dern auch die Par­teien der 70er Jahre mit kom­mu­nis­ti­schem Anspruch (zumin­dest in der BRD, in ande­ren OECD-​​Ländern weni­ger) mit staat­li­cher Repres­sion kon­fron­tiert waren – staat­li­che Poli­tik über­zieht nicht alle lin­ken Orga­ni­sie­rungs­an­sätze unter­schieds­los mit Repres­sion. Und das liegt nicht (nur) daran, die die ‚geschon­ten’ Grup­pen ohne­hin nicht ‚wirk­lich revo­lu­tio­när’ sind (vgl. oben den Hin­weis zum all­ge­mei­nen Nut­zen kon­tro­ver­ser öffent­li­cher Dis­kus­sion).
Bei allem, was an den K-​​Parteien der 70er Jahre, dem – nicht par­tei­för­mig orga­ni­sier­ten – Kom­mu­nis­ti­schen Bund (KB) mit sei­ner Zei­tung Arbei­ter­kampf (AK – heute ana­lyse & kri­tik, ohne Orga­ni­sa­ti­ons­an­bin­dung), der Rote Hilfe sowie auto­no­men Klein­grup­pen, die mit öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen, öffent­lich ange­kün­dig­ten Grup­pen­tref­fen und (e-mail-)Adressen öffent­lich zugäng­lich sind, jeweils Unter­schied­li­ches kri­ti­sier­wert sein mag – all­dem jed­we­den revo­lu­tio­nä­ren Wert abzu­spre­chen, scheint mir kaum zutref­fend zu sein.
Und, wenn wir von den auf­ge­zähl­ten Zusammenhängen/​Strukturen, die neh­men, die m.E. am meis­ten Poten­tial /​ Vorbild-​​Funktion für heute ent­hält, so ist mir kei­nes­falls ein­sich­tig, warum es nicht mög­lich sein soll, an der Theo­rie und Pra­xis des KB der 70er und 80er Jah­ren Kor­rek­tu­ren vor­zu­neh­men, ohne zugleich die Lega­li­tät einer sol­chen Orga­ni­sa­tion zu gefähr­den. Das ein­zige was klar ist, ist, daß die Gre­mien sowie örtli­chen und the­ma­ti­schen Grup­pen einer sol­chen Orga­ni­sa­tion nicht der Ort sein kön­nen, wo mili­tante Aktio­nen vor­be­rei­tet wer­den – dies macht aber, jeden­falls unter heu­ti­gen Bedin­gun­gen revo­lu­tio­nä­ren Anspruch und Nut­zen einer sol­chen (hypo­the­ti­schen) Orga­ni­sa­tion nicht hin­fäl­lig.

In der fol­gen­den Frage bit­tet die radi­kal die mg um Stel­lung­nahme zu zwei Tex­ten eines „revo­lu­tio­nä­ren zirkel[s]“, die 2005 in der inte­rim im Rah­men der Militanz-​​Debatte erschie­nen waren und zu denen sich die mg bis­her nicht geäu­ßert hatte. Sie holt dies nun auf wei­te­ren 2 ½ (zitate-​​reichen) Druck­sei­ten nach, die sich vor allem mit dem Ver­hält­nis von Kom­mu­nis­mus und Anar­chis­mus beschäf­ti­gen. Um diese Rezen­sion nicht allzu sehr aus­zu­wal­zen ver­zichte ich hier – im Sinne des ein­gangs Ange­kün­dig­ten – auf eine Dar­stel­lung die­ses Teils des Inter­views.

Die vor­letzte Frage der radi­kal lau­tet dann: „Was kenn­zeich­net eine(n) Revo­lu­tio­närln, was zeich­net ihn/​sie aus? Wie vieI ‚Härte’ wie viel ‚Durch­hal­te­ver­mö­gen’ braucht er/​sie? Kann oder muss man/​frau sich stän­dig von äuße­rem oder inne­rem Druck völ­lig unbe-(oder ge-)rührt zei­gen? Und vor allem: gibt es so etwas wir [recte: wie] eine ‚revo­lu­tio­näre Moral’ oder ‚revo­lu­tio­näre Ethik’, die sich aus einer bzw. eurer ‚revo­lu­tio­nä­ren Iden­ti­tät’ ergibt? Und schließ­lich: Wie hängt das alles mit pro­le­ta­ri­schem Klas­sen­be­wußt­sein zusam­men?“

Auch auf eine Zusam­men­fas­sung der Ant­wort auf diese Frage sei im Sinne des ein­gangs Gesag­ten ver­zich­tet, um statt des­sen noch kurz auf die letzte Frage und deren Beant­wor­tung ein­zu­ge­hen. Sie dre­hen sich um die aktu­elle ökono­mi­sche Krise. Die mg stellt zunächst tref­fend fest: „Die ökono­mi­sche Krise allein, so darf kon­sta­tiert wer­den, führt nicht unwei­ger­lich zum Sturz des Kapi­ta­lis­mus.“ Und im vor­letz­ten Absatz schreibt sie beschei­den: „Jetzt zu unse­rer Rolle im Kri­sen­spiel. Wir
sagen es frei­mü­tig her­aus: Für uns kommt diese Krise mit der Poten­tia­li­tät der Revolte zu früh.“

So sym­pa­thisch, wie diese Beschei­den­heit ist, bei mir stellt sich doch eine gewisse Befürch­tung ein: Nach­dem die Militanz-​​Debatte bis­her (wie die mg selbst­kri­tisch anmerkt) – trotz gegen­tei­li­ger Ansprü­che – dahin ten­dierte, die Poli­tik um die mili­tan­ten Mit­tel herum zu ent­wi­ckeln, so könnte die nun vor­ge­schla­gene Orga­ni­sa­ti­ons­de­batte dahin ten­die­ren, die Poli­tik um die orga­ni­sa­to­ri­schen Mit­tel herum ent­wi­ckeln zu wol­len. Die Inhalte der Poli­tik sowie die Kämpfe der sozia­len Bewe­gun­gen, auf die Kom­mu­nis­tIn­nen mit vor­an­trei­ben­dem Anspruch Bezug neh­men müs­sen, könn­ten ein wei­te­res Mal zu kurz kom­men.

[6] Der „Zugang zu einer Klas­sen­or­ga­ni­siert­heit“ hat Anklänge an den ope­rais­ti­schen Un-​​Begriff von „die Klasse“ (wel­che?), und der Plu­ral „der pro­le­ta­ri­schen Klas­sen“ ist auch nicht gerade selbst­er­klä­rend.

[7] Zum Begriff der Arbei­te­rIn­nen­klasse im heu­ti­gen Kapi­ta­lis­mus ver­glei­che: http://​scharf​-links​.de/​9​0​.​0​.​h​t​m​l​?​&​a​m​p​;​t​x​_​t​t​n​e​w​s​[​t​t​_​n​e​w​s​]​=​6​1​8​7​&​a​m​p​;​t​x​_​t​t​n​e​w​s​[​b​a​c​k​P​i​d​]​=​4​9​&​a​m​p​;​c​H​a​s​h​=​f​a​3​b​e​c0d0f.

[8] „Die­ser Anspruchs­for­mu­lie­rung folgte aller­dings viel zu wenig, oft gar nichts. Es bleibt für uns fest­zu­hal­ten: Wir sind aus dem Sta­dium des quasi autis­ti­schen Dahin­wursch­telns nie hin­aus­ge­kom­men.“

[9] Vgl. wei­ter­füh­rend: http://​inter​komm​.so36​.net/​a​r​c​h​i​v​/​2​0​0​8​-​0​8​-​3​0​/​n​s​e.pdf, S. 34 – 40; http://​www​.trend​.info​par​ti​san​.net/​t​r​d​1​1​0​8​/​D​_​G​_​S​c​h​u​l​z​e​_​V​o​r​t​r​a​g.pdf, S. 3 ff.

[10] Die Frage, ob Gewalt­an­wen­dung – sei es a) gegen Sachen, b) gegen Per­so­nen – (1.) über­haupt und (2.) im spe­zi­el­len unter der Bedin­gung der Exis­tenz eines durch freie, glei­che und geheime Par­la­ments­wah­len legi­ti­mier­ten Staats­ap­pa­ra­tes mora­lisch und/​oder poli­tisch gerecht­fer­tigt wer­den kann oder sogar not­wen­dig ist, soll an die­ser Stelle nicht dis­ku­tiert wer­den, da es den Rah­men des hie­si­gen Thema und der hie­si­gen Form (Rezen­sion der mg-Bei­träge in der aktu­el­len radi­kal) spren­gen würde,

[11] Zur Begriffs­bil­dung führt die mg aus: „Wir ent­leh­nen den Begriff des ‚mili­tan­ten Refor­mis­mus’ dem des ‚bewaff­ne­ten Refor­mis­mus’: Die­ser Begriff wurde z.B. auf (tri­kon­ti­nen­tale) Befrei­ungs­or­ga­ni­sa­tio­nen und -bewe­gun­gen ange­wen­det, bei denen der begrün­dete Ver­dacht bestand, dass sie den bewaff­ne­ten Kampf pri­mär des­halb auf­recht erhal­ten haben, um eine stär­kere Ver­hand­lungs­po­si­tion bei ‚Frie­dens­ge­sprä­chen’ mit offi­zi­el­len Regie­rungs­stel­len ein­neh­men zu kön­nen. Das Nie­der­le­gen der Waf­fen und die (kon­trol­lierte) Abgabe der­sel­ben wurde zur Ver­hand­lungs­masse, um im Gegen­zug bspw. poli­ti­sche Gefan­gene frei zu bekom­men, eine Inte­gra­tion der Gue­ril­la­ein­hei­ten in das staat­li­che ste­hende Heer zu erwir­ken oder die Zusage für die Ein­be­ru­fung einer ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung zu erhal­ten. Wir wol­len uns nicht anma­ßen, die Tak­tik des ‚bewaff­ne­ten Refor­mis­mus’ pau­schal zu ver­ur­tei­len, mit­un­ter ist es in eini­gen Län­dern fak­tisch nur mög­lich, über den bewaff­ne­ten Kampf Nah­ziele zu for­mu­lie­ren und im Erfolgs­falle durch­zu­set­zen. Aller­dings steht bei einer der­ar­tig vor­ge­nom­me­nen Aus­le­gung des bewaff­ne­ten Kamp­fes kaum mehr eine grund­le­gende Umwäl­zung der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse im Vor­der­grund; die­ser ‚bewaff­nete Kampf’ ist ange­legt, ohne grö­ßere Anstren­gun­gen durch das Eta­blish­ment absor­biert zu wer­den.“

[12] Im Inter­esse der Wah­rung einer durch­ge­hen­den the­ma­ti­schen Linie wird im Haupt­text die nächste Frage der radi­kal, die noch ein­mal zum Thema der staat­li­chen Repres­sion zurück­führt, überg­an­gen. Die mg nimmt die Frage zum Anlaß für eine über­zeu­gende Kri­tik eines sozio­lo­gis­ti­schen Begriffs von „Klas­sen­jus­tiz“, wie ihn bspw. Karl Lieb­knecht ver­tre­ten hatte.

[13] Dies gilt insb. für den natio­nal­bol­sche­wis­ti­schen Flü­gel der KAPD, den die mg nur kurz erwähnt, aber nicht einer expli­zi­ten Kri­tik unter­zieht.

[14] Ich lasse an die­ser Stelle im Haupt­text eine wei­tere Frage aus. Vor dem Übergang zur Par­teifrage, fragte die radi­kal noch nach einem Resü­mee der Mili­tanz­de­batte. Die mg betont, daß sie den Vor­schlag einer „mili­tan­ten Platt­form“ wei­ter­hin für aktu­elle hält und ergänzt zur Namens­frage: „Der Schlüs­sel liegt für uns, um das einige Zei­len wei­ter oben Aus­ge­führte auf­zu­grei­fen, aber darin, dass wir uns auch nicht begrifflich-​​namensspezifisch in dem ‚Mikro­kos­mos Mill­tanz’ ein­rich­ten, son­dern unsere eigent­li­che proletarisch-​​klassenpolitische Linie orga­ni­sa­to­risch aus­zu­drü­cken ver­ste­hen. Dazu gehört, als ein Aspekt, eine kon­ti­nu­ier­li­che Namens­ge­bung zu fin­den, die nicht ‚tech­ni­zis­tisch’ ist, denn die Mög­lich­keit und Not­wen­dig­keit einer fun­da­men­ta­len Gesell­schafts­ver­än­de­rung zu doku­men­tie­ren weiß.“

[15] Diese begrün­dete Ver­mu­tung fin­det m.E. Unter­stüt­zung in einem wei­te­ren Zitat der PC p-​​m, das die mg anführt: „Wäh­rend den [recte: der] über­wie­gend nicht-​​revolutionären Pha­sen kann die poli­ti­sche Ori­en­tie­rung aus­schließ­lich als all­ge­meine Ori­en­tie­rung auf die Klasse hin gemeint sein, und noch nicht als eine wahre und kapil­lare Mas­sen­mo­bi­li­sie­rungs­fä­hig­keit.“ Hier löst sich der Anspruch auf Ver­an­ke­rung in „der Klasse“ ins For­mel­hafte und bloß Bean­spruchte, aber nicht rea­li­sierte auf. Wie – unter den Bedin­gun­gen der eige­nen Klan­des­t­ini­tät – aus der „allgemeine[n] Ori­en­tie­rung auf die Klasse hin“ „eine wahre und kapil­lare Mas­sen­mo­bi­li­sie­rungs­fä­hig­keit“ wer­den kön­nen soll, wird nicht deut­lich.

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2 Antworten auf „radikal-Interview mit der militanten gruppe zu „organisierung des revolutionären widerstandes“ (Teil IV der Rezension zu radikal Nr. 161)“


  1. 1 TaP 26. August 2009 um 23:22 Uhr

    Ich wurde kritisch darauf hingewiesen, daß ich in FN 8 die analogisch-abwertende Verwendung von „autistisch“ durch die mg unkritisch zitiert habe. Diese Verwendungsweise ist in der Tat doppelt problematisch: a) Soweit Autismus pathologisch ist, ist die übertragende Verwendung eine Pathologisierung des politischen Gegners. b) Soweit AutistInnen für die Anerkennung „neurologischer Vielfalt“ kämpfen, fällt die abwertend-übertragene Verwendung diesem Kampf um Anerkennung in der Rücken.
    Für nähere Informationen zum Thema s. den Artikel in ak. analyse & kritik, Nr. 518 v. 22.06.20007, S. 3.

  2. 2 TaP 26. August 2011 um 15:18 Uhr

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