Wissenschaftspluralismus?!

Die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion schreibt:


http://​greschka​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​1​7​/​t​h​e​o​r​i​e​-​a​l​s​-​p​r​a​x​i​s​-​s​c​h​l​a​e​g​t​-​z​u​r​u​e​c​k​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-2805

„der Quark mit den Begriffs­de­fi­ni­tio­nen, also der gewoll­ten Ver­mi­schung von will­kür­li­cher Benen­nung und sach­li­cher Bestim­mung, folgt aus des­sen wis­sen­schafts­plu­ra­lis­ti­schem Geiste. Wenn ohne­hin alles nur die sub­jek­tive Spin­ne­rei eines ‚Ansat­zes‘ ist, für den aber als Ansatz Aner­ken­nung, Berück­sich­ti­gung und Res­sour­cen ein­ge­for­dert wer­den, dann ist dem die Logik der Begriffs­de­fi­ni­tion‘ schon imma­nent.“

(Daß die „Ver­mi­schung“ viel­mehr auf Sei­ten der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion liegt, hatte ich schon an ande­rer Stelle1 aus­ge­führt: Es ist die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion, die die Kon­ti­genz von Wortbedeutungen/​Definitionen mit einer rela­ti­vis­ti­schen oder sub­jek­ti­vis­ti­schen Nega­tion der Objek­ti­vi­tät von Erkennt­nis­sen ver­mengt. Tat­säch­lich ver­hält es sich aber genau umge­kehrt: Erst auf der Grund­lage defi­nier­ter Wort­be­deu­tun­gen läßt sich ent­schie­den, ob eine Aus­sa­gen zutref­fend oder irr­tüm­lich oder z.Z. weder zu bewei­sen noch zu wider­le­gen ist.
Ich dis­ku­tiere daher im fol­gen­den nur das Pro­blem des „wis­sen­schafts­plu­ra­lis­ti­schem Geiste[s]“ und der „subjektive[n] Spin­ne­rei“.
Zu die­sem Thema noch zwei wei­tere Zitate der Anti­de­mo­kra­ti­schen Aktion.)

„Na klar wird da ent­lang der ‚Ansätze‘ geforscht und wer­den zu ihnen pas­sende Erklä­run­gen publi­ziert. Das ändert aber nichts daran, wie dann ein inner­wis­sen­schafts­plu­ra­lis­ti­scher Streit abläuft. Da wird sich eben nicht gezofft, wel­che Erklä­rung denn nun stimmt, son­dern den Ver­tre­tern ande­rer ‚Ansätze‘ wird einer­seits der Respekt erwie­sen, dass ihr Ansatz schon auch seine Berech­ti­gung habe, um dar­über zugleich die Wich­tig­keit ihres Ansat­zes zu beto­nen. Die ande­ren Ergeb­nisse wür­den ja nur dem ande­ren Ansatz ent­sprin­gen und dabei den eige­nen Ansatz mit des­sen Ergeb­nis­sen nicht aus­rei­chend berück­sich­ti­gen. Kri­ti­siert wird also nicht ein inhalt­li­cher Feh­ler, son­dern abstra­hiert vom Inhalt ein Ver­stoß gegen die Wich­ti­g­nahme des eige­nen Ansat­zes.“

„Wenn sie [die „bür­ger­li­chen Wis­sen­schaft­ler“] […] einen Plu­ra­lis­mus der Ansätze prä­sen­tie­ren, von dem sich der eine höchs­tens dadurch her­aus­hebt, dass man sich für ihn ent­schie­den hat und die Stu­den­ten das daher auch machen soll­ten, wenn ihnen ihre Kar­riere wich­tig ist, dann ist damit Deine Behaup­tung wider­legt, im bür­ger­li­chen Wis­sen­schafts­be­trieb würde es um das bes­sere Argu­ment gehen.“

1. Zur Situa­ti­ons­ana­lyse

„Da [Beim inner­wis­sen­schafts­plu­ra­lis­ti­scher Streit] wird sich eben nicht gezofft, wel­che Erklä­rung denn nun stimmt, son­dern den Ver­tre­tern ande­rer ‚Ansätze‘ wird einer­seits der Respekt erwie­sen, dass ihr Ansatz schon auch seine Berech­ti­gung habe, um dar­über zugleich die Wich­tig­keit ihres Ansat­zes zu beto­nen.“

Wo lebt denn die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion? Nimmt sie „bür­ger­li­che“ (auch zu die­ser Etti­kie­rung habe ich schon an ande­rer Stelle eine kri­ti­sche Anmer­kung gemacht2) wis­sen­schaft­li­che Dis­kus­sio­nen über­haupt zur Kennt­nis?
Was war denn mit den sci­ence wars in den Kultur-​​ und Sozi­al­wis­sen­schaf­ten zwi­schen De-​​KonstruktivistInnen, Kon­struk­ti­vis­tIn­nen und Essen­tia­lis­tIn­nen? Wurde da den „den Ver­tre­tern ande­rer ‚Ansätze‘ […] der Respekt erwie­sen, dass ihr Ansatz schon auch seine Berech­ti­gung habe“? (Da wurde sogar ein gefak­ter Auf­satz [Sokal-​​Joke] bei einer Zeit­schrift ein­ge­reicht, um die Redak­ti­ons­li­nie durch die erwar­tete und tat­säch­lich erfolgte Artikel-​​Veröffentlichung zu dis­kre­di­tie­ren.)
Und was ist mit der Ver­drän­gung keyne­sia­nis­ti­scher Posi­tio­nen durch neo­li­be­rale in der Wirt­schafts­wis­sen­schaft? Oder mit der Ablö­sung kritisch-​​theoretischer Posi­tio­nen (die ich mei­ner­seits nicht als mar­xis­tisch bezeich­nen würde) durch tech­no­kra­ti­sche in den Sozi­al­wis­sen­schaf­ten?
Und was ist mit den Schwie­rig­kei­ten, die Femi­nis­tin­nen immer noch haben, auf Lehr­stühle beru­fen zu wer­den?
Alles nur Respekt für die jeweils ande­ren Ansätze?!

„einen Plu­ra­lis­mus der Ansätze prä­sen­tie­ren, von dem sich der eine höchs­tens dadurch her­aus­hebt, dass man sich für ihn ent­schie­den hat und die Stu­den­ten das daher auch machen soll­ten,“

Wie sehr auch die Uni­ver­si­tä­ten vor den prag­ma­ti­schen Hund gekom­men sein mögen: Eine ‚Ent­schei­dung für einen Ansatz ohne Begrün­dung‘ – wo gibt es das denn?

II. Zum Wis­sen­schafts­plu­ra­lis­mus

1. Sicher­lich gibt es eine Ten­denz zum Rela­ti­vis­mus und Agnos­ti­zis­mus sowie zur Erset­zung von Erkennt­nis­sen durch Poli­tik – aber da ist die neo­li­be­rale Uni­ver­si­täts­land­schaft nur die „para­doxe Wunsch­er­fül­lung“ (F.O. Wolf in ähnli­chem, aber ande­ren Zusam­men­hang) der hegel-​​marxistischen Wis­sen­schafts­feind­lich­keit der 68er Ideo­lo­gie.

2. Diese Ten­denz zum Rela­ti­vis­mus und Agnos­ti­zis­mus sowie zur Erset­zung von Erkennt­nis­sen durch Poli­tik muß kri­ti­siert wer­den und kann auch kri­ti­siert wer­den3 – und zwar ohne sogleich aus der wis­sen­schaft­li­chen com­mu­nity aus­ge­schlos­sen zu wer­den – weil die Ver­bin­dung von Wis­sen­schaft einer­seits und dem Anspruch auf wah­ren Erkennt­nis­sen und wahr­haf­ti­gen Metho­den ande­rer­seits letzt­lich doch nicht gekappt ist.

3. Im Rah­men der Kri­tik des Rela­ti­vis­mus und Agnos­ti­zis­mus sowie des Behar­rens auf einer mate­ria­lis­ti­schen epis­te­mo­lo­gi­schen Posi­tion und der Mög­lich­keit objek­ti­ver Erkennt­nisse hat Wis­sen­schafts­plu­ra­lis­mus aller­dings seine Berech­ti­gung:

a) In der Tat kann (so ziem­lich) jeder Gegen­stand unter unter­schied­li­chen Blick­win­keln (von unter­schied­li­chen ‚Ansät­zen‘ aus) betrach­tet wer­den: Das Geschlech­ter­ver­hält­nis bspw. unter sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen, psy­cho­lo­gi­schen und medizinisch-​​naturwissenschaftlichen Gesichts­punk­ten.
Das Ver­kehrs­sys­tem unter ökolo­gi­schen, ökono­mi­schen und inge­nieur­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ven.
„Ver­recht­li­chung“ und/​oder „Juri­di­fi­zie­rung“ – ich schlage vor, bei­des zu unter­schei­den – unter poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen und wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Aspek­ten.
Die Inte­gra­tion die­ser unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven mag wün­schens­wert sein – aber auch das ist weni­ger umstrit­ten, als daß die (Methode der) Umset­zungs­ver­su­che unzu­rei­chend ist/​sind.
Oder, um „Blick­win­kel“ oder „Ans­satz“ klein­tei­li­ger zu fas­sen: Auch ‚qua­li­ta­tive‘ und ‚quan­ti­ta­tive‘ For­schungs­an­sätze haben – in unter­schied­li­chen Sta­dien der Beant­wor­tung einer defi­nier­ten For­schungs­frage – ihre Berech­ti­gung.

b) Aber nicht nur unter­schied­li­che Blick­win­kel und Metho­den, auch unter­schied­li­che theo­re­ti­sche Ansätze haben in den Wis­sen­schaf­ten tat­säch­lich ihre Berech­ti­gung:

aa) Wer/​welche heute auf der Grund­lage der Annahme, die Erde sei eine Scheibe und die Sonne drehe sich um sie, ‚argu­men­tiert‘ oder for­schen will, ohne neue Argu­mente vor­zu­brin­gen, schließt sich selbst aus der wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­sion aus. Auf der gegen­tei­li­gen Annahme mag es aber eine Viel­zahl von Forschungs‘ansätzen‘ /​ ‚Theo­rien‘ /​ Hypo­the­sen geben, zwi­schen denen im Moment keine Ent­schei­dung mög­lich ist.

bb) Ent­spre­chend im Bereich der ‚Sozi­al­wis­sen­schaf­ten‘ oder des ‚his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus‘: Der Mar­xis­mus kann in die­sem Bereich kein Mono­pol bean­spru­chen: Soviel er im Bereich des Klas­sen­ver­hält­nisse zu sagen haben mag, so wenig hat er zum Geschlech­ter­ver­hält­nis oder zum Ras­sis­mus zu sagen. Und auch auf sei­nem eige­nen Feld gibt es viele Frage, die der Mar­xis­mus (bis­her) nicht schlüs­sig beant­wor­ten kann, für deren Beant­wor­tung er von ande­ren – mei­net­we­gen: auf fal­schen Prä­mis­sen beru­hen­den – Ansät­zen ler­nen kann – min­des­tens, wel­che Leer­stel­len er auf­weist.

c) Über­haupt ist nicht zu unter­schät­zen, wie­viel dar­aus gelernt wer­den kann, immer wie­der von abwei­chen­den Ansät­zen her­aus­ge­for­dert zu wer­den, sich recht­fer­ti­gen sowie Argu­mente und Beweise vor­brin­gen zu müs­sen. Das Schei­tern des Real­so­zia­lis­mus und die weit­ge­hende wis­sen­schaft­li­che Irre­le­vanz des dort herr­schend gewe­se­nen Marxismus-​​Verständnisses resul­tiert u.a. genau dar­aus, daß er diese – von demokratisch-​​kapitalistische Gesell­schaf­ten weit­lich genutzte – Effek­ti­vi­täts­quelle ver­schmäht hatte.

d) All­dies bedeu­tet nicht das geringste Nach­ge­ben gegen­über dem Rela­ti­vis­mus und Agnos­ti­zis­mus: Die glei­che Strenge der Beweis­füh­rung und Argu­men­ta­tion, die für den eige­nen ‚Ansatz‘ ‚ver­spro­chen‘ wird /​ als Her­aus­for­de­rung an den eige­nen ‚Ansatz‘ akzep­tiert wird, ist auch an alle kon­kur­rie­rende Ansätze zu rich­ten. Wer/​welche sie von vorn­her­ein nicht erfül­len will – son­dern sich bspw. ein­fach auf seinen/​ihren ‚Stand­punkt‘ /​ seine/​ihre ‚Mei­nung‘ beruft –, schließt sich – im Gegen­satz zu denen, die die Stan­dards von Argu­men­ta­tion und Beweis­füh­rung akzep­tie­ren, sie aber im Ein­zel­fall (noch) nicht erfül­len – aus der wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­sion aus.

S. außer­dem:

http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​1​3​/​w​a​s​-​m​a​c​h​t​-​g​u​t​e​-​a​n​a​l​y​s​e​n​-aus/

http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​7​/​2​6​/​u​e​b​e​r​-​d​e​n​-​n​u​t​z​e​n​-​v​o​n​-​d​e​f​i​n​i​t​i​o​n​e​n​-​e​i​n​-​p​a​a​r​-​a​n​d​e​r​e​-​a​n​m​e​r​k​u​ngen/

  1. http://​greschka​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​1​7​/​t​h​e​o​r​i​e​-​a​l​s​-​p​r​a​x​i​s​-​s​c​h​l​a​e​g​t​-​z​u​r​u​e​c​k​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-2782; http://​greschka​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​1​7​/​t​h​e​o​r​i​e​-​a​l​s​-​p​r​a​x​i​s​-​s​c​h​l​a​e​g​t​-​z​u​r​u​e​c​k​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-2821. [zurück]
  2. http://​greschka​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​1​7​/​t​h​e​o​r​i​e​-​a​l​s​-​p​r​a​x​i​s​-​s​c​h​l​a​e​g​t​-​z​u​r​u​e​c​k​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-2821. [zurück]
  3. http://​edoc​.hu​-ber​lin​.de/​d​i​s​s​e​r​t​a​t​i​o​n​e​n​/​s​c​h​u​l​z​e​-​d​e​t​l​e​f​-​g​e​o​r​g​i​a​-​2​0​0​4​-​0​6​-​1​0​/​P​D​F​/​s​c​h​u​l​z​e.pdf, S. 46 – 61 und 131 – 157. [zurück]
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10 Antworten auf „Wissenschaftspluralismus?!“


  1. 1 krim 25. August 2009 um 9:07 Uhr

    „(Da wurde sogar ein gefakter Aufsatz [Sokal-Joke] bei einer Zeitschrift eingereicht, um die Redaktionslinie durch die erwartete und tatsächlich erfolgte Artikel-Veröffentlichung zu diskreditieren.)“ Der Sokal Aufsatz und sein Buch „Eleganter Unsinn“ ist eine Kritik am geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsbetrieb insbesondere eine Kritik an der Unart wie Geisteswissenschaftler Naturwissenschaftliche Ergebnisse zur Propagierung des Relativismus in den Geisteswissenschaften missbrauchen. Es weißt nach, dass die Geisteswissenschaftler überhaupt nicht wissen wovon sie eigentlich reden, aber trotzdem meinen die Botschaft des Relativismus den Naturwissenschaften ablauschen zu dürfen. Den Sokal für die Aussage zu mißbrauchen, dass doch Auseinandersetzung um die Sache in den bürgerlichen Wisssenschaften stattfände, ist so ähnlich als wollte man bürgerliche Ökonomie mit Marx retten. Sokal gehört sicher nicht in die Riege dekonstruktivistischer Geisteswissenschaftler, sondern er kritisiert die wissenschaftliche Verblödung, die durch die Dekonstruktivisten gefördert wird. Genutzt hat es freilich nichts. Die Geisteswissenschaften haben sich seine kritischen Anmerkungen nicht zu Herzen genommen.

  2. 2 systemcrash 26. August 2009 um 6:54 Uhr

    vielen dank für den sehr interessanten artikel über gramsci und althusser.

    die gedanken über kulurelle hegemonie und ideologische staatsapparate scheinen mir für eine erneuerung der marxistischen theorie der gegenwart äußerst wichtig zu sein.

    viel erfolg für ihre weitere arbeit!

    systemcrash

    http://systemcrash.wordpress.com (plattform für marxistische konvergenz)

  3. 3 alkohol 26. August 2009 um 13:28 Uhr

    In der Tat kann (so ziemlich) jeder Gegenstand unter unterschiedlichen Blickwinkeln (von unterschiedlichen ‚Ansätzen‘ aus) betrachtet werden: Das Geschlechterverhältnis bspw. unter sozialwissenschaftlichen, psychologischen und medizinisch-naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten.
    Das Verkehrssystem unter ökologischen, ökonomischen und ingenieurwissenschaftlichen Perspektiven.

    Ergeben sich aus der Beantwortung der verschiedenen Fragen, die du „Ansätze“ nennst, einander widersprechende Antworten?
    Nein, denn es sind ja verschiedene Gegenstände.

    Entsprechend im Bereich der ‚Sozialwissenschaften‘ oder des ‚historischen Materialismus‘: Der Marxismus kann in diesem Bereich kein Monopol beanspruchen: Soviel er im Bereich des Klassenverhältnisse zu sagen haben mag, so wenig hat er zum Geschlechterverhältnis oder zum Rassismus zu sagen.

    Genau hier wird deutlich, welchen Unterschied es macht, ob einem verschiedene Ansätze am Herzen liegen oder das bessere Argument.
    Man kann Marx‘ Werke aufschlagen und denken: „Aha, der marxistische Ansatz ist insoundsofern spannend und konsistent.“ Dann geht es einem eben darum, eine bestimmte Weise die Welt zu betrachten zu charakterisieren. Man redet dann über das was Marx so aufgeschrieben hat im Allgemeinen, in Bausch & Bogen, pauschal.
    Man kann sich aber auch fragen, ob das, was man da gerade liest, stimmt oder nicht. Dann hat man es mit einer konkreten Frage zu tun und Argumenten zu dem Thema. Dann ist man aber auch nicht Marxist, sondern beschäftigt sich mit Gedanken über einen Gegenstand.

    Wenn man sich mit dem Geschlechterverhältnis beschäftigt, wird man wohl nicht bloß in die MEWs gucken.

    In den Geisteswissenschaften gibt es den wertfreien Pluralismus der Ansätze nicht pur. Aber als Selektions- und Kampfmittel ist er doch allgegenwärtig.

  4. 4 bigmouth 26. August 2009 um 16:50 Uhr

    @krim: sokal geht es nicht um „die geisteswissenschaften“, sondern um eine strömung darin

  5. 5 DGSch 26. August 2009 um 18:28 Uhr

    @ Krim

    „Der Sokal Aufsatz und sein Buch „Eleganter Unsinn“ ist eine Kritik am geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsbetrieb insbesondere eine Kritik an der Unart wie Geisteswissenschaftler Naturwissenschaftliche Ergebnisse zur Propagierung des Relativismus in den Geisteswissenschaften missbrauchen. Es weißt nach, dass die Geisteswissenschaftler überhaupt nicht wissen wovon sie eigentlich reden, aber trotzdem meinen die Botschaft des Relativismus den Naturwissenschaften ablauschen zu dürfen.“

    Ja.

    „Den Sokal für die Aussage zu mißbrauchen, dass doch Auseinandersetzung um die Sache in den bürgerlichen Wisssenschaften stattfände, ist so ähnlich als wollte man bürgerliche Ökonomie mit Marx retten. Sokal gehört sicher nicht in die Riege dekonstruktivistischer Geisteswissenschaftler, sondern er kritisiert die wissenschaftliche Verblödung, die durch die Dekonstruktivisten gefördert wird. Genutzt hat es freilich nichts. Die Geisteswissenschaften haben sich seine kritischen Anmerkungen nicht zu Herzen genommen.“

    War Sokal davor und danach irgendwelchen Schwierigkeiten ausgesetzt? Nicht, daß ich wüßte. – Damit taugt Sokal als Beweis gegen die These der Antidemokratischen Aktion, in den Wissenschaften würde sich gegenseitig nur mit Samthandschuhen angefaßt. Er ist in den Wissenschaftsbetrieb voll intergriert und ging mit harten Bandagen gegen die abgelehnte Position vor.

    Umgekehrt sind auch die RelativistInnen zumindest dann nicht mehr relativistisch, wenn es gegen die AntirelativistInnen geht. Dann wissen sie auf einmal sehr genau, was unzutreffend und falsch ist. Das ist noch ein Beweis gegen die Samthandschuh-These der Antidemokratischen Aktion.

    Im übrigen erfolgt dies Diskussion viel zu undifferenziert:

    ++ die einen verwerfen mit dem zurecht zu verwerfenden Empirismus gleich auch den Materialismus

    ++ die anderen tendieren dahin, mit der zurecht erfolgenden Verwerfung des Idealismus auch in einen Emprismus zurückzufallen und werfen außerdem noch Postmoderne, De-Konstruktion und Konstruktivismus sowie Strukturalismus und Poststrukturalismus in einen Topf.

    Ich kann das hier und im Moment nicht weiter ausführen; ein paar Hinweise zu notwendigen Differenzierungen und Grenzziehungen finden sich aber in den wissenschaftstheoretischen und methodologischen Kapiteln meiner Diss.:

    http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 46 – 61 und 131 – 157.

    @ alkohol

    „Ergeben sich aus der Beantwortung der verschiedenen Fragen, die du ‚Ansätze‘ nennst,“

    Es war die Antidemokratische Aktion, die den Ausdruck „Ansätze“ in die Diskussion eingeführt hat und damit anscheinend mehr oder minder alles – zumindest in den sog. Geistes- und Sozialwissenschaften – meint, was kein Marxismus-Monopol anerkennt. Ich habe den Ausdruck nicht ohne Grund in Anführungszeichen gesetzt.

    Auch bei Deiner zweiten Anmerkung kann ich nicht so richtig eine Differenz erkennen.

    Noch einmal zurück zu Krim:

    Bei der ADA hatte Krim auf eine entsprechende Frage von mir, was denn „bürgerliche Wissenschaft“ sei, geantwortet:

    Bürgerliche Wissenschaft ist das was bürgerliche Geisteswissenschaftler treiben und für Wissenschaft halten. Es ist die Geisteswissenschaft der bürgerlichen kapitalistischen Produktionsweise, die Ideologien produziert, also keine Wissenschaft ist.

    Darauf hin hatte ich gefragt:

    Und was mach(t)en proletarische GeisteswissenschaftlerInnen? Und wodurch unterscheidet sich beides? Und wodurch unterscheidet sich beides nicht? Und was ist mit der von Frankreich ausgehenden strukturalistischen Revolution der Geisteswissenschaften, die nun mittlerweile vor mehr als 40 Jahren begann (und auch Rückschläge erlitten hat, weil Wissenschaft auch in bürgerlichen Gesellschaften – anders die Antidemokratische Aktion zu meinen scheint – kein Deckchen stecken bzw. keine dinner party [so die engl. Übersetzung des fraglichen Mao-Textes] ist.) Und was ist mit der tendenziellen Ersetzung des Begriffes „Geisteswissenschaften“ durch den Begriff „Kulturwissenschaften“, was nicht nur ein Austausch eines Wortes ist, sondern auch mit einer Veränderung von Gegenständen und Methoden sowie der Produktion neuer Erkenntnisse einhergeht?

    Darauf antwortete Krim wiederum:

    ‚Und was mach(t)en proletarische GeisteswissenschaftlerInnen?‘

    Das ist deine Frage angebracht. Wo soll es sowas geben?

    ‚Und was ist mit der tendenziellen Ersetzung des Begriffes ‚Geisteswissenschaften‘ durch den Begriff ‚Kulturwissenschaften‘…‘

    Was soll damit sein? Frag dich halt, ob das weiterhin eine pluralistische Wissenschaft ist. Wenn ja, wäre ich skeptisch, ob da Wissen rauskommt.“

    Antwort zum Strukturalismus? Kein. Antwort zu den Kulturwissenschaften? „wäre ich skeptisch“. – Nichts genaues weiß man/frau nicht – aber das Etitekett „bürgerlich“ ist schnell vergeben.

    Systemcrash meint im übrigen anscheinend meinen Text bei scharf-links:

    Zivilgesellschaft oder ideologische Staatsapparate?
    Louis Althusser zu Antonio Gramscis Zivilgesellschafts-Begriff

    http://www.scharf-links.de/49.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=6493&tx_ttnews[backPid]=49&cHash=0cd93b8276

  6. 6 alkohol 27. August 2009 um 9:28 Uhr

    War Sokal davor und danach irgendwelchen Schwierigkeiten ausgesetzt? Nicht, daß ich wüßte. – Damit taugt Sokal als Beweis gegen die These der Antidemokratischen Aktion, in den Wissenschaften würde sich gegenseitig nur mit Samthandschuhen angefaßt. Er ist in den Wissenschaftsbetrieb voll intergriert und ging mit harten Bandagen gegen die abgelehnte Position vor.

    Zu den ersten beiden Sätzen: Fehlt da irgend ein „nicht“ oder warum verstehe ich die nicht?
    Zum letzten Satz: Na ja, integriert war Sokal auch vorher in den Wissenschaftsbetrieb – und zwar als Physiker. Einen Paradigmenwechsel hat er bei den von ihm Kritisierten aber jedenfalls nicht ausgelöst. Er wird also mit seinem Coup, der in „Eleganter Unsinn“ mündete, gar nicht ernstgenommen. Er ist in der Hinsicht bloß so‘n Fachfremder, der halt mal eine philosophische Zeitschrift verarscht hat.
    Als jemand, der sich mit eigentlich guten Argumenten in philosophische Debatten einmischt, ist er aber nicht integriert. Im Großen und Ganzen ist er in der philosophischen Abteilung des Wissenschaftsbetriebes nicht diskussionsberechtigt, kann ignoriert werden.

    Sokal ist also ein hervorragendes Beispiel dafür: Es zählt nicht das bessere Argument, sondern wer was sagen darf.
    .

    Es war die Antidemokratische Aktion, die den Ausdruck „Ansätze“ in die Diskussion eingeführt hat und damit anscheinend mehr oder minder alles – zumindest in den sog. Geistes- und Sozialwissenschaften – meint, was kein Marxismus-Monopol anerkennt. Ich habe den Ausdruck nicht ohne Grund in Anführungszeichen gesetzt.

    Auch bei Deiner zweiten Anmerkung kann ich nicht so richtig eine Differenz erkennen..

    In den Geistes- und Sozialwissenschaften hat man zwar kein Meinungsmonopol von De-Konstruktion, Konstruktivismus, Strukturalismus oder Poststrukturalismus etc. Aber der Vorwurf ein Theorie-Monopol zu beanspruchen geht ja davon aus, dass die verschiedenen theoretischen Produkte inhaltlich gleichgültig nebeneinander stehen und nur über formale Kriterien ausgemacht wird, wer am Meinungsmarkt überhaupt anerkannt wird.

  7. 7 bigmouth 27. August 2009 um 10:10 Uhr

    social text ist keine philosophische zeitschrift. im gegenteil: in amerikanischen philosophischen abteilungen ist das sehr positiv aufgenommen worden. denn: diese sachen irgendwo an der schnittstelle zwischen sozial- und kulturwissenschaften, gay- , queer- und gender studies bedienen sich vorrangig kontinentaler philosophie – und die gilt in den analytisch geprägten nordamerikansichen departments oft als höherer unsinn.

    analytische philosophen haben in den 90ern zb heftig protestiert, als Derrida einen ehrendoktor in oxford bekommen sollte. von wegen wissenschaftspluralismus: die haben ihn einen scharlatan genannt

    du scheinst wirklich zu wenig ahnung vom gegenstand zu haben, um dich darüber zu äussern

  8. 8 alkohol 27. August 2009 um 15:00 Uhr

    du scheinst wirklich zu wenig ahnung vom gegenstand zu haben, um dich darüber zu äussern

    Vielleicht.
    Aber was du da berichtest, macht doch immerhin deutlich: da fand weniger klärende Diskussion statt, als dass jede „Richtung“ sich bestätigt fühlte. Es gibt also kein weltweites Theorie-Monopol, aber lokale Hegemonien.

    Vor einiger Zeit referierte ich mal grob, wovon „Eleganter Unsinn“ handelt, nachdem ein paar PoMo-Titel empfohlen worden waren. Antwort: Das wär‘ doch vor allem ein Hype gewesen. Und man könne doch klar irgendwelche Wörter aus den Naturwissenschaften nehmen und irgendwie anders verwenden.
    Interesse daran, was rauszufinden sieht anders aus.

  9. 9 DGSch 27. August 2009 um 16:35 Uhr

    Ohne das wissenschaftsgeschichtlich untersucht zu haben, geht mein spontaner Eindruck dahin, daß nach dem Sokal-Joke der Postmoderne-hype ziemlich abgelauft ist (so ein bißchen wie Seattle für den politischen Neoliberalismus) – was nicht heißt, daß damit alles, was in ‚der Postmoderne‘ diskutiert wurde, erledigt ist.

    @ alkohol – 27. August 2009 um 9:28 Uhr:

    „Zu den ersten beiden Sätzen: Fehlt da irgend ein „nicht“ oder warum verstehe ich die nicht?“

    Meine Frage: „War Sokal davor und danach irgendwelchen Schwierigkeiten ausgesetzt?“ Meine verneinende Antwort: „Nicht, daß ich wüßte.“

    „Sokal ist also ein hervorragendes Beispiel dafür: Es zählt nicht das bessere Argument, sondern wer was sagen darf.“

    Das würde ich nicht sagen. Ich hatte das damals zwar nicht im Detail verfolgt, aber mein Eindruck war: Es werden einige extreme ‚postmoderne‘ Übertreibungen gesammelt – und die werden dann umgehauen. Alles, was es an ernsthaften Argumenten gegen den Emprismus gab usw., wurde gar nicht erst zur Kenntnis genommen.

    Kein Wunder, daß das dann die andere Seite wieder weitgehend ignoriert.

    Ein entscheidendes Problem in der ganzen Debatte ist m.E. die beidseitige – mal zustimmende, mal ablehende pauschale Rede von Konstruktion im allgemeinen. Statt dessen müßte gefragt werden: Was wird produziert (oder verändert)? Ein Realobjekt oder dessen (wissenschaftliche) Erkenntnis oder dessen (ideologische) Verkennung? Was sind die konkret eingesetzten ‚Produktions‘mittel (hängt davon ab, was produziert wird: ein Real-Konkretum oder ein Gedanken-Konkretum)? Was sind die ‚Rohstoffe‘ (andere theoretische Vorstellungen, die kritisiert oder weiterentwickelt werden) oder materielle Objekte? usw. (s. noch einmal die Methoden/Wissenschaftstheorie-Kap. meiner Diss., bes. S. 54, FN *; S. 138, S. 377, FN 387-380)

    „Aber der Vorwurf ein Theorie-Monopol zu beanspruchen geht ja davon aus, dass die verschiedenen theoretischen Produkte inhaltlich gleichgültig nebeneinander stehen und nur über formale Kriterien ausgemacht wird, wer am Meinungsmarkt überhaupt anerkannt wird.“

    Verstehe ich nicht. Wie geht denn „Monopol“ mit „gleichgültig“ zusammen.

  10. 10 alkohol 28. August 2009 um 11:31 Uhr

    Verstehe ich nicht. Wie geht denn „Monopol“ mit „gleichgültig“ zusammen.

    Wenn’s nicht um das bessere Argument, sondern um ein „Monopol“ geht (wie immer das in Bezug auf Theorie ausschauen mag) oder Hegemonie (darum geht es ja schon recht oft im Wissenschaftsbetrieb), dann ist der Inhalt egal. Jedenfalls, wenn ’ne Theorie was über die Welt aussagen soll.
    Dem persönlichen Gusto der jeweiligen Vertreter_innen einer Theorie ist der Inhalt nicht egal, aber halt aus falschen Gründen (psychologischen?).

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