Wissenschaftspluralismus?!

Die Antidemokratische Aktion schreibt:


http://greschka.blogsport.de/2009/08/17/theorie-als-praxis-schlaegt-zurueck/#comment-2805

„der Quark mit den Begriffsdefinitionen, also der gewollten Vermischung von willkürlicher Benennung und sachlicher Bestimmung, folgt aus dessen wissenschaftspluralistischem Geiste. Wenn ohnehin alles nur die subjektive Spinnerei eines ‚Ansatzes‘ ist, für den aber als Ansatz Anerkennung, Berücksichtigung und Ressourcen eingefordert werden, dann ist dem die Logik der Begriffsdefinition‘ schon immanent.“

(Daß die „Vermischung“ vielmehr auf Seiten der Antidemokratischen Aktion liegt, hatte ich schon an anderer Stelle1 ausgeführt: Es ist die Antidemokratische Aktion, die die Kontigenz von Wortbedeutungen/Definitionen mit einer relativistischen oder subjektivistischen Negation der Objektivität von Erkenntnissen vermengt. Tatsächlich verhält es sich aber genau umgekehrt: Erst auf der Grundlage definierter Wortbedeutungen läßt sich entschieden, ob eine Aussagen zutreffend oder irrtümlich oder z.Z. weder zu beweisen noch zu widerlegen ist.
Ich diskutiere daher im folgenden nur das Problem des „wissenschaftspluralistischem Geiste[s]“ und der „subjektive[n] Spinnerei“.
Zu diesem Thema noch zwei weitere Zitate der Antidemokratischen Aktion.)

„Na klar wird da entlang der ‚Ansätze‘ geforscht und werden zu ihnen passende Erklärungen publiziert. Das ändert aber nichts daran, wie dann ein innerwissenschaftspluralistischer Streit abläuft. Da wird sich eben nicht gezofft, welche Erklärung denn nun stimmt, sondern den Vertretern anderer ‚Ansätze‘ wird einerseits der Respekt erwiesen, dass ihr Ansatz schon auch seine Berechtigung habe, um darüber zugleich die Wichtigkeit ihres Ansatzes zu betonen. Die anderen Ergebnisse würden ja nur dem anderen Ansatz entspringen und dabei den eigenen Ansatz mit dessen Ergebnissen nicht ausreichend berücksichtigen. Kritisiert wird also nicht ein inhaltlicher Fehler, sondern abstrahiert vom Inhalt ein Verstoß gegen die Wichtignahme des eigenen Ansatzes.“

„Wenn sie [die „bürgerlichen Wissenschaftler“] […] einen Pluralismus der Ansätze präsentieren, von dem sich der eine höchstens dadurch heraushebt, dass man sich für ihn entschieden hat und die Studenten das daher auch machen sollten, wenn ihnen ihre Karriere wichtig ist, dann ist damit Deine Behauptung widerlegt, im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb würde es um das bessere Argument gehen.“

1. Zur Situationsanalyse

„Da [Beim innerwissenschaftspluralistischer Streit] wird sich eben nicht gezofft, welche Erklärung denn nun stimmt, sondern den Vertretern anderer ‚Ansätze‘ wird einerseits der Respekt erwiesen, dass ihr Ansatz schon auch seine Berechtigung habe, um darüber zugleich die Wichtigkeit ihres Ansatzes zu betonen.“

Wo lebt denn die Antidemokratische Aktion? Nimmt sie „bürgerliche“ (auch zu dieser Ettikierung habe ich schon an anderer Stelle eine kritische Anmerkung gemacht2) wissenschaftliche Diskussionen überhaupt zur Kenntnis?
Was war denn mit den science wars in den Kultur- und Sozialwissenschaften zwischen De-KonstruktivistInnen, KonstruktivistInnen und EssentialistInnen? Wurde da den „den Vertretern anderer ‚Ansätze‘ […] der Respekt erwiesen, dass ihr Ansatz schon auch seine Berechtigung habe“? (Da wurde sogar ein gefakter Aufsatz [Sokal-Joke] bei einer Zeitschrift eingereicht, um die Redaktionslinie durch die erwartete und tatsächlich erfolgte Artikel-Veröffentlichung zu diskreditieren.)
Und was ist mit der Verdrängung keynesianistischer Positionen durch neoliberale in der Wirtschaftswissenschaft? Oder mit der Ablösung kritisch-theoretischer Positionen (die ich meinerseits nicht als marxistisch bezeichnen würde) durch technokratische in den Sozialwissenschaften?
Und was ist mit den Schwierigkeiten, die Feministinnen immer noch haben, auf Lehrstühle berufen zu werden?
Alles nur Respekt für die jeweils anderen Ansätze?!

„einen Pluralismus der Ansätze präsentieren, von dem sich der eine höchstens dadurch heraushebt, dass man sich für ihn entschieden hat und die Studenten das daher auch machen sollten,“

Wie sehr auch die Universitäten vor den pragmatischen Hund gekommen sein mögen: Eine ‚Entscheidung für einen Ansatz ohne Begründung‘ – wo gibt es das denn?

II. Zum Wissenschaftspluralismus

1. Sicherlich gibt es eine Tendenz zum Relativismus und Agnostizismus sowie zur Ersetzung von Erkenntnissen durch Politik – aber da ist die neoliberale Universitätslandschaft nur die „paradoxe Wunscherfüllung“ (F.O. Wolf in ähnlichem, aber anderen Zusammenhang) der hegel-marxistischen Wissenschaftsfeindlichkeit der 68er Ideologie.

2. Diese Tendenz zum Relativismus und Agnostizismus sowie zur Ersetzung von Erkenntnissen durch Politik muß kritisiert werden und kann auch kritisiert werden3 – und zwar ohne sogleich aus der wissenschaftlichen community ausgeschlossen zu werden – weil die Verbindung von Wissenschaft einerseits und dem Anspruch auf wahren Erkenntnissen und wahrhaftigen Methoden andererseits letztlich doch nicht gekappt ist.

3. Im Rahmen der Kritik des Relativismus und Agnostizismus sowie des Beharrens auf einer materialistischen epistemologischen Position und der Möglichkeit objektiver Erkenntnisse hat Wissenschaftspluralismus allerdings seine Berechtigung:

a) In der Tat kann (so ziemlich) jeder Gegenstand unter unterschiedlichen Blickwinkeln (von unterschiedlichen ‚Ansätzen‘ aus) betrachtet werden: Das Geschlechterverhältnis bspw. unter sozialwissenschaftlichen, psychologischen und medizinisch-naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten.
Das Verkehrssystem unter ökologischen, ökonomischen und ingenieurwissenschaftlichen Perspektiven.
„Verrechtlichung“ und/oder „Juridifizierung“ – ich schlage vor, beides zu unterscheiden – unter politikwissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Aspekten.
Die Integration dieser unterschiedlichen Perspektiven mag wünschenswert sein – aber auch das ist weniger umstritten, als daß die (Methode der) Umsetzungsversuche unzureichend ist/sind.
Oder, um „Blickwinkel“ oder „Anssatz“ kleinteiliger zu fassen: Auch ‚qualitative‘ und ‚quantitative‘ Forschungsansätze haben – in unterschiedlichen Stadien der Beantwortung einer definierten Forschungsfrage – ihre Berechtigung.

b) Aber nicht nur unterschiedliche Blickwinkel und Methoden, auch unterschiedliche theoretische Ansätze haben in den Wissenschaften tatsächlich ihre Berechtigung:

aa) Wer/welche heute auf der Grundlage der Annahme, die Erde sei eine Scheibe und die Sonne drehe sich um sie, ‚argumentiert‘ oder forschen will, ohne neue Argumente vorzubringen, schließt sich selbst aus der wissenschaftlichen Diskussion aus. Auf der gegenteiligen Annahme mag es aber eine Vielzahl von Forschungs‘ansätzen‘ / ‚Theorien‘ / Hypothesen geben, zwischen denen im Moment keine Entscheidung möglich ist.

bb) Entsprechend im Bereich der ‚Sozialwissenschaften‘ oder des ‚historischen Materialismus‘: Der Marxismus kann in diesem Bereich kein Monopol beanspruchen: Soviel er im Bereich des Klassenverhältnisse zu sagen haben mag, so wenig hat er zum Geschlechterverhältnis oder zum Rassismus zu sagen. Und auch auf seinem eigenen Feld gibt es viele Frage, die der Marxismus (bisher) nicht schlüssig beantworten kann, für deren Beantwortung er von anderen – meinetwegen: auf falschen Prämissen beruhenden – Ansätzen lernen kann – mindestens, welche Leerstellen er aufweist.

c) Überhaupt ist nicht zu unterschätzen, wieviel daraus gelernt werden kann, immer wieder von abweichenden Ansätzen herausgefordert zu werden, sich rechtfertigen sowie Argumente und Beweise vorbringen zu müssen. Das Scheitern des Realsozialismus und die weitgehende wissenschaftliche Irrelevanz des dort herrschend gewesenen Marxismus-Verständnisses resultiert u.a. genau daraus, daß er diese – von demokratisch-kapitalistische Gesellschaften weitlich genutzte – Effektivitätsquelle verschmäht hatte.

d) Alldies bedeutet nicht das geringste Nachgeben gegenüber dem Relativismus und Agnostizismus: Die gleiche Strenge der Beweisführung und Argumentation, die für den eigenen ‚Ansatz‘ ‚versprochen‘ wird / als Herausforderung an den eigenen ‚Ansatz‘ akzeptiert wird, ist auch an alle konkurrierende Ansätze zu richten. Wer/welche sie von vornherein nicht erfüllen will – sondern sich bspw. einfach auf seinen/ihren ‚Standpunkt‘ / seine/ihre ‚Meinung‘ beruft –, schließt sich – im Gegensatz zu denen, die die Standards von Argumentation und Beweisführung akzeptieren, sie aber im Einzelfall (noch) nicht erfüllen – aus der wissenschaftlichen Diskussion aus.

S. außerdem:

http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/08/13/was-macht-gute-analysen-aus/

http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/07/26/ueber-den-nutzen-von-definitionen-ein-paar-andere-anmerkungen/

  1. http://greschka.blogsport.de/2009/08/17/theorie-als-praxis-schlaegt-zurueck/#comment-2782; http://greschka.blogsport.de/2009/08/17/theorie-als-praxis-schlaegt-zurueck/#comment-2821. [zurück]
  2. http://greschka.blogsport.de/2009/08/17/theorie-als-praxis-schlaegt-zurueck/#comment-2821. [zurück]
  3. http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 46 – 61 und 131 – 157. [zurück]
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10 Antworten auf „Wissenschaftspluralismus?!“


  1. 1 krim 25. August 2009 um 9:07 Uhr

    „(Da wurde sogar ein gefakter Aufsatz [Sokal-Joke] bei einer Zeitschrift eingereicht, um die Redaktionslinie durch die erwartete und tatsächlich erfolgte Artikel-Veröffentlichung zu diskreditieren.)“ Der Sokal Aufsatz und sein Buch „Eleganter Unsinn“ ist eine Kritik am geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsbetrieb insbesondere eine Kritik an der Unart wie Geisteswissenschaftler Naturwissenschaftliche Ergebnisse zur Propagierung des Relativismus in den Geisteswissenschaften missbrauchen. Es weißt nach, dass die Geisteswissenschaftler überhaupt nicht wissen wovon sie eigentlich reden, aber trotzdem meinen die Botschaft des Relativismus den Naturwissenschaften ablauschen zu dürfen. Den Sokal für die Aussage zu mißbrauchen, dass doch Auseinandersetzung um die Sache in den bürgerlichen Wisssenschaften stattfände, ist so ähnlich als wollte man bürgerliche Ökonomie mit Marx retten. Sokal gehört sicher nicht in die Riege dekonstruktivistischer Geisteswissenschaftler, sondern er kritisiert die wissenschaftliche Verblödung, die durch die Dekonstruktivisten gefördert wird. Genutzt hat es freilich nichts. Die Geisteswissenschaften haben sich seine kritischen Anmerkungen nicht zu Herzen genommen.

  2. 2 systemcrash 26. August 2009 um 6:54 Uhr

    vielen dank für den sehr interessanten artikel über gramsci und althusser.

    die gedanken über kulurelle hegemonie und ideologische staatsapparate scheinen mir für eine erneuerung der marxistischen theorie der gegenwart äußerst wichtig zu sein.

    viel erfolg für ihre weitere arbeit!

    systemcrash

    http://systemcrash.wordpress.com (plattform für marxistische konvergenz)

  3. 3 alkohol 26. August 2009 um 13:28 Uhr

    In der Tat kann (so ziemlich) jeder Gegenstand unter unterschiedlichen Blickwinkeln (von unterschiedlichen ‚Ansätzen‘ aus) betrachtet werden: Das Geschlechterverhältnis bspw. unter sozialwissenschaftlichen, psychologischen und medizinisch-naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten.
    Das Verkehrssystem unter ökologischen, ökonomischen und ingenieurwissenschaftlichen Perspektiven.

    Ergeben sich aus der Beantwortung der verschiedenen Fragen, die du „Ansätze“ nennst, einander widersprechende Antworten?
    Nein, denn es sind ja verschiedene Gegenstände.

    Entsprechend im Bereich der ‚Sozialwissenschaften‘ oder des ‚historischen Materialismus‘: Der Marxismus kann in diesem Bereich kein Monopol beanspruchen: Soviel er im Bereich des Klassenverhältnisse zu sagen haben mag, so wenig hat er zum Geschlechterverhältnis oder zum Rassismus zu sagen.

    Genau hier wird deutlich, welchen Unterschied es macht, ob einem verschiedene Ansätze am Herzen liegen oder das bessere Argument.
    Man kann Marx‘ Werke aufschlagen und denken: „Aha, der marxistische Ansatz ist insoundsofern spannend und konsistent.“ Dann geht es einem eben darum, eine bestimmte Weise die Welt zu betrachten zu charakterisieren. Man redet dann über das was Marx so aufgeschrieben hat im Allgemeinen, in Bausch & Bogen, pauschal.
    Man kann sich aber auch fragen, ob das, was man da gerade liest, stimmt oder nicht. Dann hat man es mit einer konkreten Frage zu tun und Argumenten zu dem Thema. Dann ist man aber auch nicht Marxist, sondern beschäftigt sich mit Gedanken über einen Gegenstand.

    Wenn man sich mit dem Geschlechterverhältnis beschäftigt, wird man wohl nicht bloß in die MEWs gucken.

    In den Geisteswissenschaften gibt es den wertfreien Pluralismus der Ansätze nicht pur. Aber als Selektions- und Kampfmittel ist er doch allgegenwärtig.

  4. 4 bigmouth 26. August 2009 um 16:50 Uhr

    @krim: sokal geht es nicht um „die geisteswissenschaften“, sondern um eine strömung darin

  5. 5 DGSch 26. August 2009 um 18:28 Uhr

    @ Krim

    „Der Sokal Aufsatz und sein Buch „Eleganter Unsinn“ ist eine Kritik am geisteswissenschaftlichen Wissenschaftsbetrieb insbesondere eine Kritik an der Unart wie Geisteswissenschaftler Naturwissenschaftliche Ergebnisse zur Propagierung des Relativismus in den Geisteswissenschaften missbrauchen. Es weißt nach, dass die Geisteswissenschaftler überhaupt nicht wissen wovon sie eigentlich reden, aber trotzdem meinen die Botschaft des Relativismus den Naturwissenschaften ablauschen zu dürfen.“

    Ja.

    „Den Sokal für die Aussage zu mißbrauchen, dass doch Auseinandersetzung um die Sache in den bürgerlichen Wisssenschaften stattfände, ist so ähnlich als wollte man bürgerliche Ökonomie mit Marx retten. Sokal gehört sicher nicht in die Riege dekonstruktivistischer Geisteswissenschaftler, sondern er kritisiert die wissenschaftliche Verblödung, die durch die Dekonstruktivisten gefördert wird. Genutzt hat es freilich nichts. Die Geisteswissenschaften haben sich seine kritischen Anmerkungen nicht zu Herzen genommen.“

    War Sokal davor und danach irgendwelchen Schwierigkeiten ausgesetzt? Nicht, daß ich wüßte. – Damit taugt Sokal als Beweis gegen die These der Antidemokratischen Aktion, in den Wissenschaften würde sich gegenseitig nur mit Samthandschuhen angefaßt. Er ist in den Wissenschaftsbetrieb voll intergriert und ging mit harten Bandagen gegen die abgelehnte Position vor.

    Umgekehrt sind auch die RelativistInnen zumindest dann nicht mehr relativistisch, wenn es gegen die AntirelativistInnen geht. Dann wissen sie auf einmal sehr genau, was unzutreffend und falsch ist. Das ist noch ein Beweis gegen die Samthandschuh-These der Antidemokratischen Aktion.

    Im übrigen erfolgt dies Diskussion viel zu undifferenziert:

    ++ die einen verwerfen mit dem zurecht zu verwerfenden Empirismus gleich auch den Materialismus

    ++ die anderen tendieren dahin, mit der zurecht erfolgenden Verwerfung des Idealismus auch in einen Emprismus zurückzufallen und werfen außerdem noch Postmoderne, De-Konstruktion und Konstruktivismus sowie Strukturalismus und Poststrukturalismus in einen Topf.

    Ich kann das hier und im Moment nicht weiter ausführen; ein paar Hinweise zu notwendigen Differenzierungen und Grenzziehungen finden sich aber in den wissenschaftstheoretischen und methodologischen Kapiteln meiner Diss.:

    http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 46 – 61 und 131 – 157.

    @ alkohol

    „Ergeben sich aus der Beantwortung der verschiedenen Fragen, die du ‚Ansätze‘ nennst,“

    Es war die Antidemokratische Aktion, die den Ausdruck „Ansätze“ in die Diskussion eingeführt hat und damit anscheinend mehr oder minder alles – zumindest in den sog. Geistes- und Sozialwissenschaften – meint, was kein Marxismus-Monopol anerkennt. Ich habe den Ausdruck nicht ohne Grund in Anführungszeichen gesetzt.

    Auch bei Deiner zweiten Anmerkung kann ich nicht so richtig eine Differenz erkennen.

    Noch einmal zurück zu Krim:

    Bei der ADA hatte Krim auf eine entsprechende Frage von mir, was denn „bürgerliche Wissenschaft“ sei, geantwortet:

    Bürgerliche Wissenschaft ist das was bürgerliche Geisteswissenschaftler treiben und für Wissenschaft halten. Es ist die Geisteswissenschaft der bürgerlichen kapitalistischen Produktionsweise, die Ideologien produziert, also keine Wissenschaft ist.

    Darauf hin hatte ich gefragt:

    Und was mach(t)en proletarische GeisteswissenschaftlerInnen? Und wodurch unterscheidet sich beides? Und wodurch unterscheidet sich beides nicht? Und was ist mit der von Frankreich ausgehenden strukturalistischen Revolution der Geisteswissenschaften, die nun mittlerweile vor mehr als 40 Jahren begann (und auch Rückschläge erlitten hat, weil Wissenschaft auch in bürgerlichen Gesellschaften – anders die Antidemokratische Aktion zu meinen scheint – kein Deckchen stecken bzw. keine dinner party [so die engl. Übersetzung des fraglichen Mao-Textes] ist.) Und was ist mit der tendenziellen Ersetzung des Begriffes „Geisteswissenschaften“ durch den Begriff „Kulturwissenschaften“, was nicht nur ein Austausch eines Wortes ist, sondern auch mit einer Veränderung von Gegenständen und Methoden sowie der Produktion neuer Erkenntnisse einhergeht?

    Darauf antwortete Krim wiederum:

    ‚Und was mach(t)en proletarische GeisteswissenschaftlerInnen?‘

    Das ist deine Frage angebracht. Wo soll es sowas geben?

    ‚Und was ist mit der tendenziellen Ersetzung des Begriffes ‚Geisteswissenschaften‘ durch den Begriff ‚Kulturwissenschaften‘…‘

    Was soll damit sein? Frag dich halt, ob das weiterhin eine pluralistische Wissenschaft ist. Wenn ja, wäre ich skeptisch, ob da Wissen rauskommt.“

    Antwort zum Strukturalismus? Kein. Antwort zu den Kulturwissenschaften? „wäre ich skeptisch“. – Nichts genaues weiß man/frau nicht – aber das Etitekett „bürgerlich“ ist schnell vergeben.

    Systemcrash meint im übrigen anscheinend meinen Text bei scharf-links:

    Zivilgesellschaft oder ideologische Staatsapparate?
    Louis Althusser zu Antonio Gramscis Zivilgesellschafts-Begriff

    http://www.scharf-links.de/49.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=6493&tx_ttnews[backPid]=49&cHash=0cd93b8276

  6. 6 alkohol 27. August 2009 um 9:28 Uhr

    War Sokal davor und danach irgendwelchen Schwierigkeiten ausgesetzt? Nicht, daß ich wüßte. – Damit taugt Sokal als Beweis gegen die These der Antidemokratischen Aktion, in den Wissenschaften würde sich gegenseitig nur mit Samthandschuhen angefaßt. Er ist in den Wissenschaftsbetrieb voll intergriert und ging mit harten Bandagen gegen die abgelehnte Position vor.

    Zu den ersten beiden Sätzen: Fehlt da irgend ein „nicht“ oder warum verstehe ich die nicht?
    Zum letzten Satz: Na ja, integriert war Sokal auch vorher in den Wissenschaftsbetrieb – und zwar als Physiker. Einen Paradigmenwechsel hat er bei den von ihm Kritisierten aber jedenfalls nicht ausgelöst. Er wird also mit seinem Coup, der in „Eleganter Unsinn“ mündete, gar nicht ernstgenommen. Er ist in der Hinsicht bloß so‘n Fachfremder, der halt mal eine philosophische Zeitschrift verarscht hat.
    Als jemand, der sich mit eigentlich guten Argumenten in philosophische Debatten einmischt, ist er aber nicht integriert. Im Großen und Ganzen ist er in der philosophischen Abteilung des Wissenschaftsbetriebes nicht diskussionsberechtigt, kann ignoriert werden.

    Sokal ist also ein hervorragendes Beispiel dafür: Es zählt nicht das bessere Argument, sondern wer was sagen darf.
    .

    Es war die Antidemokratische Aktion, die den Ausdruck „Ansätze“ in die Diskussion eingeführt hat und damit anscheinend mehr oder minder alles – zumindest in den sog. Geistes- und Sozialwissenschaften – meint, was kein Marxismus-Monopol anerkennt. Ich habe den Ausdruck nicht ohne Grund in Anführungszeichen gesetzt.

    Auch bei Deiner zweiten Anmerkung kann ich nicht so richtig eine Differenz erkennen..

    In den Geistes- und Sozialwissenschaften hat man zwar kein Meinungsmonopol von De-Konstruktion, Konstruktivismus, Strukturalismus oder Poststrukturalismus etc. Aber der Vorwurf ein Theorie-Monopol zu beanspruchen geht ja davon aus, dass die verschiedenen theoretischen Produkte inhaltlich gleichgültig nebeneinander stehen und nur über formale Kriterien ausgemacht wird, wer am Meinungsmarkt überhaupt anerkannt wird.

  7. 7 bigmouth 27. August 2009 um 10:10 Uhr

    social text ist keine philosophische zeitschrift. im gegenteil: in amerikanischen philosophischen abteilungen ist das sehr positiv aufgenommen worden. denn: diese sachen irgendwo an der schnittstelle zwischen sozial- und kulturwissenschaften, gay- , queer- und gender studies bedienen sich vorrangig kontinentaler philosophie – und die gilt in den analytisch geprägten nordamerikansichen departments oft als höherer unsinn.

    analytische philosophen haben in den 90ern zb heftig protestiert, als Derrida einen ehrendoktor in oxford bekommen sollte. von wegen wissenschaftspluralismus: die haben ihn einen scharlatan genannt

    du scheinst wirklich zu wenig ahnung vom gegenstand zu haben, um dich darüber zu äussern

  8. 8 alkohol 27. August 2009 um 15:00 Uhr

    du scheinst wirklich zu wenig ahnung vom gegenstand zu haben, um dich darüber zu äussern

    Vielleicht.
    Aber was du da berichtest, macht doch immerhin deutlich: da fand weniger klärende Diskussion statt, als dass jede „Richtung“ sich bestätigt fühlte. Es gibt also kein weltweites Theorie-Monopol, aber lokale Hegemonien.

    Vor einiger Zeit referierte ich mal grob, wovon „Eleganter Unsinn“ handelt, nachdem ein paar PoMo-Titel empfohlen worden waren. Antwort: Das wär‘ doch vor allem ein Hype gewesen. Und man könne doch klar irgendwelche Wörter aus den Naturwissenschaften nehmen und irgendwie anders verwenden.
    Interesse daran, was rauszufinden sieht anders aus.

  9. 9 DGSch 27. August 2009 um 16:35 Uhr

    Ohne das wissenschaftsgeschichtlich untersucht zu haben, geht mein spontaner Eindruck dahin, daß nach dem Sokal-Joke der Postmoderne-hype ziemlich abgelauft ist (so ein bißchen wie Seattle für den politischen Neoliberalismus) – was nicht heißt, daß damit alles, was in ‚der Postmoderne‘ diskutiert wurde, erledigt ist.

    @ alkohol – 27. August 2009 um 9:28 Uhr:

    „Zu den ersten beiden Sätzen: Fehlt da irgend ein „nicht“ oder warum verstehe ich die nicht?“

    Meine Frage: „War Sokal davor und danach irgendwelchen Schwierigkeiten ausgesetzt?“ Meine verneinende Antwort: „Nicht, daß ich wüßte.“

    „Sokal ist also ein hervorragendes Beispiel dafür: Es zählt nicht das bessere Argument, sondern wer was sagen darf.“

    Das würde ich nicht sagen. Ich hatte das damals zwar nicht im Detail verfolgt, aber mein Eindruck war: Es werden einige extreme ‚postmoderne‘ Übertreibungen gesammelt – und die werden dann umgehauen. Alles, was es an ernsthaften Argumenten gegen den Emprismus gab usw., wurde gar nicht erst zur Kenntnis genommen.

    Kein Wunder, daß das dann die andere Seite wieder weitgehend ignoriert.

    Ein entscheidendes Problem in der ganzen Debatte ist m.E. die beidseitige – mal zustimmende, mal ablehende pauschale Rede von Konstruktion im allgemeinen. Statt dessen müßte gefragt werden: Was wird produziert (oder verändert)? Ein Realobjekt oder dessen (wissenschaftliche) Erkenntnis oder dessen (ideologische) Verkennung? Was sind die konkret eingesetzten ‚Produktions‘mittel (hängt davon ab, was produziert wird: ein Real-Konkretum oder ein Gedanken-Konkretum)? Was sind die ‚Rohstoffe‘ (andere theoretische Vorstellungen, die kritisiert oder weiterentwickelt werden) oder materielle Objekte? usw. (s. noch einmal die Methoden/Wissenschaftstheorie-Kap. meiner Diss., bes. S. 54, FN *; S. 138, S. 377, FN 387-380)

    „Aber der Vorwurf ein Theorie-Monopol zu beanspruchen geht ja davon aus, dass die verschiedenen theoretischen Produkte inhaltlich gleichgültig nebeneinander stehen und nur über formale Kriterien ausgemacht wird, wer am Meinungsmarkt überhaupt anerkannt wird.“

    Verstehe ich nicht. Wie geht denn „Monopol“ mit „gleichgültig“ zusammen.

  10. 10 alkohol 28. August 2009 um 11:31 Uhr

    Verstehe ich nicht. Wie geht denn „Monopol“ mit „gleichgültig“ zusammen.

    Wenn’s nicht um das bessere Argument, sondern um ein „Monopol“ geht (wie immer das in Bezug auf Theorie ausschauen mag) oder Hegemonie (darum geht es ja schon recht oft im Wissenschaftsbetrieb), dann ist der Inhalt egal. Jedenfalls, wenn ’ne Theorie was über die Welt aussagen soll.
    Dem persönlichen Gusto der jeweiligen Vertreter_innen einer Theorie ist der Inhalt nicht egal, aber halt aus falschen Gründen (psychologischen?).

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