Heute gesehen (23.8.)

1.a) daß eif­rig über Tests zur Geschlechts­be­stim­mung von Sport­le­rIn­nen dis­ku­tiert wird – bei

-- Eman­zi­pa­tion oder Bar­ba­rei

-- Das Ende des Sex: Bio­lo­gi­sches Geschlecht ist gemacht

-- Kopf und Herz

-- der Mäd­chen­mann­schaft. Dort sei ins­be­son­dere auf den Kom­men­tar von Kopf und Herz hin­ge­wie­sen:

„es ist doch schlicht so, dass es keine zwei geschlech­ter gibt, da es unklar ist, an was man/​frau geschlecht fest machen soll. d.h. selbst biologisch/​medizinisch ist das nicht klar, ganz zu schwie­gen von sozia­len prak­ti­ken (drag, plas­ti­sche chir­ur­gie etc.)… geschlecht ist gemacht und es müsste eigent­lich das recht auf selbst­be­stim­mung gel­ten. […] das geni­tal macht aktu­ell wohl auch nicht das geschlecht aus, was der fall der leicht­ath­le­tin zeigt. […]. also sollte man geschlecht end­lich als kon­ti­nuum begrei­fen, dann bräuchte man auch sol­che tests nicht … in denen letzt­lich auf grund einer viel­zahl von fak­to­ren (die medi­zin ist hier wei­ter als der all­ge­meine men­schen­ver­stand), […].“

Daraf ant­wor­tet Quatsch mit Soße:

„zwei geschlech­ter gibt es laut aktu­el­lem erkennt­nis­stand schon seit 565 mio. jah­ren. sie sind ein uni­ver­sel­les und bewähr­tes prin­zip der bio­lo­gie. in den meis­ten fäl­len haben men­schen keine pro­bleme, män­ner und frauen zu unter­schei­den. das funk­tio­niert auch, wenn man nur ein gesicht sieht, ohne make up und mit neu­tra­ler fri­sur. kleine kin­der und sogar tiere kön­nen treff­si­cher zwi­schen geschlech­tern unter­schei­den. eine mensch­li­che ent­schei­dung kann, soll und muss es geben über die rol­len, die män­ner und frauen ein­neh­men möch­ten. aber davor haben sie einen bio­lo­gi­schen kör­per, der in den aller­meis­ten fäl­len ein­deu­tig einem geschlecht ange­hört.“

Das state­ment von Quatsch mit Soße ent­hält nun aller­dings einen klei­nen, aber ent­schei­den­den Wider­spruch:

„zwei geschlech­ter gibt es laut aktu­el­lem erkennt­nis­stand schon seit 565 mio. jah­ren. sie sind ein uni­ver­sel­les und bewähr­tes prin­zip der bio­lo­gie.“
vs.
Men­schen haben „einen bio­lo­gi­schen kör­per, der in den aller­meis­ten fäl­len ein­deu­tig einem geschlecht ange­hört.“

„in den aller­meis­ten fäl­len“ ist eben nicht „uni­ver­sell“ (auch im Tier­reich ist Zwei­ge­schlecht­lich­keit keine uni­ver­selle Rea­li­tät).

Also: Es gibt zwar (bio­lo­gisch ein­deu­tige) Män­ner und Frauen, aber es gibt nicht aus­schließ­lich zwei Geschlech­ter, was die von Quatsch mit Soße zuge­stan­de­nen – wenn auch zahl­mä­ßig gerin­gen – unein­deu­ti­gen Fälle zei­gen.

„Es gibt keine zufrie­den­stel­lende human­bio­lo­gi­sche Defi­ni­tion der Geschlechts­zu­ge­hö­rig­keit, die die Pos­tu­late der All­tags­theo­rien ein­lö­sen würde.“1 „Klas­si­fi­ka­ti­ons­kri­te­rien kön­nen [… näm­lich] die Geni­ta­lien zum Zeit­punkt der Geburt oder die Chro­mo­so­men sein, die im Zuge vor­ge­burt­li­cher Ana­ly­se­ver­fah­ren fest­ge­stellt wer­den; beide müs­sen nicht not­wen­di­ger­weise überein­stim­men.“2

Die­ser Rea­li­tät ist eine Zuord­nungs­pra­xis, die nur die Alter­na­tive „Mann oder Frau“ zuläßt, auf jeden Fall unan­ge­mes­sen – egal wie wenig unein­deu­tige Fälle es gibt. Auch ein Fall stellt bereits den strik­ten Bina­ris­mus in Frage. Jeder unein­deu­tige ‚Fall‘, der den­noch zu Mann oder Frau erklärt oder per Zwangs-​​OP (eindeutig[er]) gemacht wird, ist kein Fall von bio­lo­gi­scher Erkennt­nis, son­dern von sozia­ler Herr­schafts­pra­xis.

Dage­gen greift auch nicht der Ein­wand3 durch, daß es für sport­li­che Leis­tun­gen (anders als bspw. für die Benut­zung von Toi­let­ten und Umklei­de­ka­bi­nen oder – ein­ver­nehm­li­che oder gewalt­same – sexu­elle Hand­lun­gen) ohne­hin nicht auf die Geni­ta­lien, son­dern allein auf die Chro­mo­so­men ankomme. Denn wie meh­rere Kom­men­ta­to­rIn­nen bei der Mäd­chen­mann­schaft dar­ge­legt haben, garan­tie­ren auch XY-​​Chromosomen keine höhere sport­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit:

Helga schreibt:

„Wenn Semenya eine kom­plette Andro­gen­re­sis­tenz hat, dürfte sie z.B. bei den Olym­pi­schen Spie­len star­ten. Eben weil ihr Kör­per keine männ­li­chen Hor­mone ver­ar­bei­ten kann. Sie wäre kein Mann. Und auch keine nor­male Frau. Das Y-​​Chromosom nützt bei der Andro­gen­re­sis­tenz nichts. die männ­li­chen Sexu­al­hor­mone wer­den ja nicht ver­ar­bei­tet […]. Oder wenn das Y-​​Chromsosom abge­schal­tet ist, dann wür­den nicht mal Hor­mone pro­du­ziert.“

Kasu zitiert einen Spie­gel Online-​​Artikel:

“Nor­ma­ler­weise wei­sen Frauen zwei X-​​Chromosomen in ihren Zel­len auf, Män­ner ein X-​​ und ein Y-​​Chromosom. Man­che mit einem Y-​​Chromosom gebo­re­nen Men­schen ent­wi­ckeln alle kör­per­lich cha­rak­te­ris­ti­schen Merk­male einer Frau – aus­ge­nom­men der inne­ren Sexual-​​Organe. Sie lei­den unter dem Androgen-​​Insuffizienz-​​Syndrom (AIS). Diese Frauen sind XY, aller­dings kein Mann, weil ihr Kör­per nicht auf das pro­du­zierte Tes­to­ste­ron rea­giert. Des­halb dür­fen sie auch bei den Frauen star­ten. Sie­ben der acht Frauen, die 1996 bei Olym­pia in Atlanta posi­tiv auf Y-​​Chromosomen getes­tet wur­den, hat­ten AIS und durf­ten teil­neh­men. ”

und fügt dann hinzu:

„Daher könnte es gut sein, dass Cas­ter Semenya über­haupt kein wett­kampf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen hat, auch wenn sich her­aus­stellt, dass sie eine XY-​​Frau ist.“

Für den Bereich des Sports wäre also – im Inter­esse einer Ver­gleich­bar­keit der Leis­tun­gen (wenn denn nicht über­haupt das Kon­zept der „Leis­tung“ und der „Leis­tungs­sport“ in Frage gestellt wer­den sol­len – zwei Fra­gen die an die­ser Stelle nicht dis­ku­tiert wer­den sol­len) – statt einer Kate­go­ri­sie­rung nach „Mann oder Frau“ eine Bil­dung von Leis­tungs­fä­hig­keits­klas­sen nach Kri­te­rien, wie sie Herz und Kopf vor­ge­schla­gen hat, vor­zu­zie­hen:

für den sport gilt es also anstatt der schwam­mi­gen zuord­nung per geschlecht, genaue kri­te­rien fest­zu­le­gen, dies könn­ten sein:
- kör­per­größe
- alter
- gewicht
- lun­gen­vo­lu­men
- bmi
oder was es sonst noch für leis­tun­ges­re­le­vante kri­te­rien gibt.“

In einem Punkt hat aller­dings Quatsch mit Soße recht:

„In fra­gen der bio­lo­gi­schen und kör­per­li­chen tat­sa­chen zäh­len bio­lo­gie und kör­per.“

Dage­gen greift auch der Ein­wand von Sven nicht durch:

„Ich würde behaup­ten, dass jeg­li­che Anbin­dung an vor­dis­kur­sive ‘Tat­sa­chen’ schlicht­weg sinn­los ist; aus unse­rer Spra­che und Kul­tur kom­men wir nicht her­aus.“

aa) ent­wer­tet die­ser Eiwand nicht nur – wie beab­sich­tigt – die hege­mo­niale Behaup­tung eines Tatsachen-​​Charakters der aus­schließ­li­chen Zwei­ge­schlecht­lich­keit, son­dern genauso auch die auf die Tat­sa­che der Inter­se­xua­li­tät gestützte Kri­tik an der hege­mo­nia­len Sicht­weise,

womit sich bb) zeigt, daß ein ‚lin­gus­ti­zis­ti­schen Monis­mus‘ – gegen den sich im übri­gen auch Judith But­ler wen­det4 – nur in Sub­jek­ti­vis­mus = Will­kür enden kann.
Daß wir unsere Erkennt­nisse nur mit­tels Spra­che pro­du­zie­ren und for­mu­lie­ren kön­nen, heißt nicht, daß es die Gegen­stände unse­rer Erkennt­nisse nicht gibt.5

b) Ergän­zend sei – gegen Quatsch mit Soße:

„ich denke, du erfin­dest hier kri­te­rien für eine unhalt­bare these. dass men­schen bio­lo­gisch frauen und män­ner sind und sich als frauen und män­ner fort­pflan­zen, ist eine tat­sa­che, […]“ –

noch dar­auf hin­ge­wie­sen, daß auch das – für den Sport aller­dings nicht beson­ders rele­vante Kri­te­rium der Gebär­fä­hig­keit keine ein­deu­tige Zuord­nung aller Men­schen zu einem von aus­schließ­lich zwei Geschlech­tern erlaubt:

Auch unter dem Gesichts­punkt der Gene­ra­ti­vi­tät, läge es durch­aus nahe, mehr als zwei Haupt­grup­pen – Män­ner (angeb­lich = Nicht-​​Gebärfähige) und Frauen (angeb­lich = Gebär­fä­hige) – zu bil­den. Es läge unter dem Gesichts­punkt der Gene­ra­ti­vi­tät viel­mehr nahe, min­des­tens drei – viel­leicht auch vier, fünf, oder sechs – Haupt­grup­pen zu bil­den:
• Nie-​​Gebärfähige (dar­un­ter sol­che, die trotz­dem gebä­ren wol­len, und sol­che die ohne­hin nicht gebä­ren wol­len);
• Noch-​​Nicht-​​ und Nicht-​​Mehr-​​Gebärfähige;
• (gebär­wil­lige und gebär­un­wil­lige) Gebär­fä­hige.
Und vor allem sind wohl Kul­tu­ren denk­bar, die den Umgang mit den Fol­gen des Gebä­rens so regeln, daß die Tat­sa­che des Gebä­rens nicht mehr aus­schlag­ge­bend für die Posi­tio­nie­rung von Indi­vi­duen in der gesell­schaft­li­chen Struk­tur ist. (Das letzte Argu­ment führt durch­aus nicht zur Restau­ra­tion der Unter­schei­dung zwi­schen sex und gen­der. Denn jeden­falls das Gebä­ren ist [anders als die Gefähr­fä­hig­keit, die aber wie­derum – wie gezeigt – nicht allen Frauen gemein­sam ist!] keine Eigen­schaft (des sex Frau), son­dern eine Tätig­keit. Es bleibt also bei But­ler: Würde von der Tätig­keit des Gebä­rens bzw. Nicht-​​Gebärens – also vom doing gen­der – auf die Exis­tenz zweier sex mit unter­schied­li­chen bio­lo­gi­schen Eigen­schaf­ten geschlos­sen, so wäre dies nur ein neues Argu­ment dafür, daß sex nicht ursprüng­lich, son­dern viel­mehr ein Effekt von gen­der ist.)6

2. Pinky nimmt in FN ** zu den hie­si­gen Kom­men­ta­ren von Anti­fatzke und ♥Tek­knoatze Stel­lung; auch hier gibt es inzwi­schen wei­tere Kom­men­tare zu dem Aus­gangs­bei­trag. Ich werde bei Gele­gen­heit auch noch etwas zur Min­dest­lohn­for­de­rung schrei­ben.
3. Dage­gen ist die Anti­de­mo­kra­ti­sche Aktion in Schwei­gen ver­fal­len. Ein Zei­chen von Ein­sicht? Oder viel­mehr von argu­ment­lo­ser Bei­be­hal­tung der kri­ti­sier­ten Posi­tion?

  1. Carol Hagemann-​​White, Wir wer­den nicht zwei­ge­schlecht­lich gebo­ren, in: dies. /​ Maria S. Rer­rich (Hg.), Frau­en­Män­ner­Bil­der. Män­ner und Männ­lich­keit in der femi­nis­ti­schen Dis­kus­sion (Forum Frau­en­for­schung Band 2), AJZ: Bie­le­feld, 1988, 224 – 235 (228). [zurück]
  2. Can­dace West /​ Don H. Zim­mer­mann, Doing gen­der, in: Judith Lor­ber /​ Susan A. Farell (Hg.), The Social Con­struc­tion of Gen­der, Sage: New­bury Park /​ Lon­don /​ New Dehli, 1991, 13 – 37 (14) (dt. Über­set­zung n. Regine Gil­de­meis­ter /​ Ange­lika Wet­ter, Wie Geschlech­ter gemacht wer­den. Die soziale Kon­struk­tion der Zwei­ge­schlecht­lich­keit und ihre Rei­fi­zie­rung in der Frau­en­for­schung, in: Gudrun-​​Axeli Knapp /​ Ange­lika Wet­te­rer (Hg.), Tra­di­tio­nen. Brü­che. Ent­wick­lun­gen femi­nis­ti­scher Theo­rie, Kore: Frei­burg i. Br., 1992, 201 – 254 [212 f.]). [zurück]
  3. http://​maed​chen​mann​schaft​.net/​s​p​o​r​t​l​e​r​-​s​p​o​r​t​l​e​r​i​n​/​#​c​o​m​m​e​n​t​-​17639: „Für einen Ver­band wie den IAAF jeden­fall wird wohl gel­ten, daß er diese Debatte nicht füh­ren wird müs­sen. Er defi­niert in sei­nen Sta­tu­ten ein­fach, daß Frau = XX und Mann = XY ist.“ [zurück]
  4. Kör­per von Gewicht. Die dis­kur­si­ven Gren­zen des Geschlechts, Ber­lin Ver­lag: Ber­lin, 1995 , 30: „Die Debatte zwi­schen Kon­struk­ti­vis­mus und Essen­tia­lis­mus ver­kennt an der Dekon­struk­tion […] völ­lig das Ent­schei­dende. Es ging nie darum, daß ‚alles dis­kur­siv kon­stru­iert ist‘; diese Aus­sage, wenn und wo immer sie gemacht wird, gehört zu einer Art von dis­kur­si­ven Monis­mus oder Lin­gu­is­ti­zis­mus.“ [zurück]
  5. http://​edoc​.hu​-ber​lin​.de/​d​i​s​s​e​r​t​a​t​i​o​n​e​n​/​s​c​h​u​l​z​e​-​d​e​t​l​e​f​-​g​e​o​r​g​i​a​-​2​0​0​4​-​0​6​-​1​0​/​P​D​F​/​s​c​h​u​l​z​e.pdf, S. 46 – 61 und 131 – 157 [zurück]
  6. ebd., S. 355, FN 189. [zurück]
  7. Moni­que Wit­tig, One is not born a woman (1981), in: Moni­que Wit­tig, The Strai­ght Mind, Bea­con Press: Bos­ton, 1992, 9 – 20 (15); vgl. a.a.O. (FN 5), S. 364, FN 247. [zurück]
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2 Antworten auf „Heute gesehen (23.8.)“


  1. 1 Antidemokratische Aktion 23. August 2009 um 9:57 Uhr

    Keine Angst, Antwort kommt schon noch – wahrscheinlich sogar heute. Ich habe nur nicht vor, jeden Tag mit Blogdiskussionen zu verbringen.

  2. 2 Antidemokratische Aktion 23. August 2009 um 15:10 Uhr

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