„Die Krux -Ihr Denkfehler- liegt in der Tatsache, dass vor allem rassistisches Handeln nicht zwangsläufig aus dem ‚Vorsatz, rassistisch zu sein‘ resultiert. Ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt – Fakt ist, dass das Plakat rassistische und sexistische Assoziationen (be)nutzt und (be)stärkt.
Vor allem Rassismus ist so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass er sich in Selbstverständlichkeiten ausdrückt und als Mechanismus idR nur von denjenigen wahrgenommen wird, die betroffen sind.
Ihrer Auffassung nach stellt das Plakatmotiv selbstverständlich keine rassistische Handlung dar, genauso wie Sie selbstverständlich nicht rassistisch sein können. Doch um Rassismus authentisch zu entlarven, gilt es, eigenes (selbstverständliches) Verhalten zu hinterfragen und zu reflektieren. Anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen für das Initiieren solch einer Werbung auseinander zu setzen, scheinen Sie jedoch mehr damit beschäftigt, Gründe aufzuzählen, warum Sie keine Rassisten sein können. Lassen Sie sich gesagt sein: Es ist nicht so simple wie es scheint, kein Rassist zu sein – das liegt ganz einfach in den gesellschaftlichen Strukturen begründet.
Ihre Flucht in die alltäglichen ‚Ich bin kein Rassist, weil…‘-Abwehrmechanismen, kostet Sie unseres Erachtens mehr an Glaubwürdigkeit und Wählerstimmen als die Plakatwerbung an sich. Sie hätten Ihren Fauxpas zum Anlass nehmen können/müssen, um -entsprechend Ihrer Programmatik- Rassismus und Sexismus als weitreichende und tiefgehende gesellschaftliche Übel zu demaskieren. Denn Ausfälle wie Ihr Wahlplakat sind zwar traurig, im Grunde aber nicht verwunderlich. Vielmehr sind sie Ausdruck alteingesessener rassistischer und sexistischer Praxen und Strukturen. Die Wahrheit: Niemand ist davor gefeit, in die böse Falle zu tappen.“
Nur gegen den Halbsatz „und als Mechanismus idR nur von denjenigen wahrgenommen wird, die betroffen sind.“ möchte ich leichte bis starke Vorbehalten anmelden:
aa) Jedenfalls das „idR“ ist doppelt und dreifach dick zu unterstreichen: Auch Nicht-Betroffene und sogar ProtagonistInnen eines Herrschafts- und/oder Ausbeutungsverhältnisses können dieses erkennen – nur, daß die ProtagonistInnen dieses Herrschaftsverhältnis als „gerechte Herrschaft“ (good governance), als leider (noch) notwendig oder sonstwie legitim betrachten werden.
bb) Und umgekehrt garantiert auch das Betroffensein von Herrschaft und Ausbeutung nicht immer das Erkennen derselben.
Standpunkt-Epistemologien sind wissenschaftstheoretisch nicht haltbar und auch politisch verhängisvoll, s. http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 48 f., 59 f. und am Beispiel der ‚proletarischen Biologie‘ Lyssenkos: http://www.marx2mao.com/Other/Proletarian%20Science.pdf.
„Auffällig ist das große Schweigen zum Thema, ob ein dermaßen auffälliges Bauvorhaben an solch exponierter Stelle (Karl-Kunger Ecke Lohmühlenstraße, sozusagen am Kreuzberger Einfallstor nach Alt-Treptow) nicht symbolisch eine starke Aufwertungskraft entwickeln und Eigentümer von Nachbarhäusern zu Mietsteigerungen animieren könnte.“
Aber: So sehr die Einsicht zu verteidigen ist, daß auch das Private politisch ist, so ist doch gleichzeitig zu unterscheiden zwischen direktem, herrschaftlichem und/oder ausbeutenden Handeln (z.B. dem von Vergewaltigern) und einem Verhalten, das erst über dazwischen tretende Marktprozesse oder gar nur „symbolisch“, unerfreuliche Effekte erzeugt. Hinzukommt, daß in Anbetracht des nahezu vollständigen Fehlens kleingruppen-übergreifender, demokratischer Entscheidungsstrukturen in der Linken nicht ersichtlich ist, welche Instanz befugt sein sollte, GenossInnen mit einem unterdurchschnittlichen, durchschnittlichen oder auch leicht überdurchschnittlichen Einkommen sanktionsbewährte Vorschriften darüber zu machen, wie sie ihr Geld ausgeben (von Extremfällen, wie der Beschäftigung von Putzfrauen zu Hungerlöhnen mal abgesehen – aber das ist dann auch ein Fall direkten Handelns).
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