In den letzten Tagen gelesen

1.a) einen Nachtrag zur Rassismus-Diskussion anläßlich des ‚Po-Plakates‘ der Grünen Kaarst: Die brotherskeepers betonen zu recht den Unterschied zwischen wollen und tun; zwischen sagen wollen und tatsächlich sagen (vgl. auch: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/08/13/was-macht-gute-analysen-aus/, Nr. 2)

„Die Krux -Ihr Denkfehler- liegt in der Tatsache, dass vor allem rassistisches Handeln nicht zwangsläufig aus dem ‚Vorsatz, rassistisch zu sein‘ resultiert. Ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt – Fakt ist, dass das Plakat rassistische und sexistische Assoziationen (be)nutzt und (be)stärkt.
Vor allem Rassismus ist so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass er sich in Selbstverständlichkeiten ausdrückt und als Mechanismus idR nur von denjenigen wahrgenommen wird, die betroffen sind.
Ihrer Auffassung nach stellt das Plakatmotiv selbstverständlich keine rassistische Handlung dar, genauso wie Sie selbstverständlich nicht rassistisch sein können. Doch um Rassismus authentisch zu entlarven, gilt es, eigenes (selbstverständliches) Verhalten zu hinterfragen und zu reflektieren. Anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen für das Initiieren solch einer Werbung auseinander zu setzen, scheinen Sie jedoch mehr damit beschäftigt, Gründe aufzuzählen, warum Sie keine Rassisten sein können. Lassen Sie sich gesagt sein: Es ist nicht so simple wie es scheint, kein Rassist zu sein – das liegt ganz einfach in den gesellschaftlichen Strukturen begründet.
Ihre Flucht in die alltäglichen ‚Ich bin kein Rassist, weil…‘-Abwehrmechanismen, kostet Sie unseres Erachtens mehr an Glaubwürdigkeit und Wählerstimmen als die Plakatwerbung an sich. Sie hätten Ihren Fauxpas zum Anlass nehmen können/müssen, um -entsprechend Ihrer Programmatik- Rassismus und Sexismus als weitreichende und tiefgehende gesellschaftliche Übel zu demaskieren. Denn Ausfälle wie Ihr Wahlplakat sind zwar traurig, im Grunde aber nicht verwunderlich. Vielmehr sind sie Ausdruck alteingesessener rassistischer und sexistischer Praxen und Strukturen. Die Wahrheit: Niemand ist davor gefeit, in die böse Falle zu tappen.“

Nur gegen den Halbsatz „und als Mechanismus idR nur von denjenigen wahrgenommen wird, die betroffen sind.“ möchte ich leichte bis starke Vorbehalten anmelden:
aa) Jedenfalls das „idR“ ist doppelt und dreifach dick zu unterstreichen: Auch Nicht-Betroffene und sogar ProtagonistInnen eines Herrschafts- und/oder Ausbeutungsverhältnisses können dieses erkennen – nur, daß die ProtagonistInnen dieses Herrschaftsverhältnis als „gerechte Herrschaft“ (good governance), als leider (noch) notwendig oder sonstwie legitim betrachten werden.
bb) Und umgekehrt garantiert auch das Betroffensein von Herrschaft und Ausbeutung nicht immer das Erkennen derselben.
Standpunkt-Epistemologien sind wissenschaftstheoretisch nicht haltbar und auch politisch verhängisvoll, s. http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 48 f., 59 f. und am Beispiel der ‚proletarischen Biologie‘ Lyssenkos: http://www.marx2mao.com/Other/Proletarian%20Science.pdf.

b) sich auch die Mädchenmannschaft mit Rassismus beschäftigt – vorliegend einer Fotoserie des Models Naomi Campbell.
2. einen Brief von Fels (Für eine linken Strömungen) in Sachen eines ‚Baugruppen‘-Projektes bzw. gentrification. – Auch wenn ich ansonsten nicht immer von Fels-Text begeistert bin, ist an diesem m.E. im Großen und Ganzen nichts auszusetzen. Der den Brief veröffentlichen blog Mietenstopp montiert zwar:

„Auf­fäl­lig ist das große Schwei­gen zum Thema, ob ein der­ma­ßen auf­fäl­li­ges Bau­vor­ha­ben an solch ex­po­nier­ter Stel­le (Karl-​Kun­ger Ecke Loh­müh­len­stra­ße, so­zu­sa­gen am Kreuz­ber­ger Ein­falls­tor nach Alt-​Trep­tow) nicht sym­bo­lisch eine star­ke Auf­wer­tungs­kraft ent­wi­ckeln und Ei­gen­tü­mer von Nach­bar­häu­sern zu Mietstei­ge­run­gen ani­mie­ren könn­te.“

Aber: So sehr die Einsicht zu verteidigen ist, daß auch das Private politisch ist, so ist doch gleichzeitig zu unterscheiden zwischen direktem, herrschaftlichem und/oder ausbeutenden Handeln (z.B. dem von Vergewaltigern) und einem Verhalten, das erst über dazwischen tretende Marktprozesse oder gar nur „symbolisch“, unerfreuliche Effekte erzeugt. Hinzukommt, daß in Anbetracht des nahezu vollständigen Fehlens kleingruppen-übergreifender, demokratischer Entscheidungsstrukturen in der Linken nicht ersichtlich ist, welche Instanz befugt sein sollte, GenossInnen mit einem unterdurchschnittlichen, durchschnittlichen oder auch leicht überdurchschnittlichen Einkommen sanktionsbewährte Vorschriften darüber zu machen, wie sie ihr Geld ausgeben (von Extremfällen, wie der Beschäftigung von Putzfrauen zu Hungerlöhnen mal abgesehen – aber das ist dann auch ein Fall direkten Handelns).

3. daß das Audioarchiv. Emanzipatorische Inhalte zum Hören einen Vortrag von Andrea Trumann zum Thema „Frauenfrage in der Linken“ veröffentlicht. Kein Kommentar – da noch nicht angehört.
4. daß bei der Antidemokratischen Aktion weiter über Begriffsdefinitionen und NS-Gleichsetzungen diskutiert wird (1, 2 – auch Theorie als Praxis kann nicht schweigen).
5. diverse Terminankündigungen:
b) Demo am 12. Sept. in Berlin „gegen Überwachung“
c) Aktionen gegen den „1000-Kreuze-Marsch“ von christlich-fundamentalistischen Anti-Choise-AktivistInnen am 26.09. in Berlin (12:30 h, Rotes Rathaus)
6. daß das Einstellungsbündnis auf den Teil II der hiesigen radikal-Rezensions-Reihe (morgen kommt Teil IV.) hinweist.
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