In meinen Erläuterungen dazu, daß es auf dieser Seite keinen disclaimer gibt (s. dort FN 9), hatte ich ankündigt, auf die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift der radikal1 zurückzukommen. Dies wird hiermit in Form des ersten Teil einer mehrteiligen Besprechungsserie beginnen. Dieser erste Teil beginnt mit einer knappen Darstellung des Heftinhaltes und einer Übersicht, was folgen wird.
Das Heft hat einen Umfang von 60 Seiten plus einem Schutzumschlag, der das Werk als „DOKUMENTATION über die ‚Extreme Linke‘“2 betitelt. Diese 60 Seiten verteilen sich auf 6 Beiträge: Einleitende Worte des neuen Redaktionskollektivs, ein Diskussionspapier der militanten gruppe (mg) sowie ein schriftlich geführtes Interview mit derselben, ein Text über „militante Agitprop“, einer über bewaffnete linke Gruppen in den USA insb. am Beispiel der Weatherman und der erste Teil einer Serie mit dem Titel „Für ein revolutionäres Leben“. Auch Texte zur linken Widerstandsgeschichte, wie diesml zu den Weatherman, sollen eine ständige Einrichtung werden.
Ich werde unten kurz auf die Einleitung eingehen, morgen mich – in Form einer Nachbemerkung zu meinem Text Die Schlacht von Asculum und das Berliner mg-Verfahren – mit jenen Passagen in den beiden mg-Texten befassen, die für das Berliner Verfahren relevant sind (Teil II), dann – wahrscheinlich erst in den nächsten Tagen – auf die weiteren Thesen und Argumentationen in beiden mg-Texten eingehen (Teil III und IV) und schließlich vielleicht auch noch etwas zu den sonstigen Beiträgen in dem Heft schreiben (Teil V).
In der Einleitung verspricht das neue Redaktionskollektiv – zurückblickend auf die bisherigen Ausgaben – folgendes:
„Die Stärke der Zeitung sehen wir also vor allem im unzensierten Raum für revolutionäre Propaganda und Debatten, sehen aber auch Grenzen und Schwächen des Projektes hauptsachlich im Fehlen einer Linie und der fehlenden Bereitschaft, Verantwortung für einen revolutionären Organisierungsprozess zu übernehmen. Diese Schwächen wollen wir versuchen in der kommenden Reihe anzugehen.“
Mit diesem Anspruch wird insofern gleich ernst gemacht, als die neue Redaktion als „Organisierung ‚Radikale Linke (RL)‘“ firmiert, und die radikal jetzt den Untertitel publikation der revolutionären linken trägt. Jene „Organisierung“ sei
„ein Zusammenschluss von Gruppen und AktivistInnen, die aus den verschiedenen Strömungen der revolutionären Linken kommen und auch auf unterschiedlichen Ebenen aktiv sind.“
In inhaltlicher Hinsicht wird auf die „Dialektik eines sozialrevolutionär-klassenkämpferischen (also antikapitalistisch, antirassistisch und antipatriarchal) und antiimperialistisch-internationalistischen Ansatzes mit der klar definierten Zentralperspektive des Kampfes für den Kommunismus“ Bezug genommen. „Proletarischer Klassenstandpunkt“ und „proletarischer Internationalismus“ seien „vor dem Hintergrund einer kommunistischen Befreiungsperspektive untrennbar“.
In einem historischen Vergleich ausgedrückt, mag darin der Versuch gesehen werden, die in früherer Zeit prominent von den Revolutionären Zellen (sozialrevolutionär) und RAF (antiimperialistisch) repräsentierten politisch-theoretischen Positionen zusammenzuführen – und zwar im Namen einer beiden übergeordenten kommunistischen Perspektive. Wie sich darin die Gesichtspunkte „antirassistisch“ und „antipatriarchal“ einordnen, wird allerdings nicht genauer ausgeführt.
Der Klassenkampf wird i.S.e. „Schaffung und permanente[n] Ausdehnung proletarisch-revolutionärer Autonomie auf allen Ebenen und in allen Lebensbereichen, d.h. auf politisch-ideologischem, kulturellem, organisatorischem, usw. Gebiet“ konkretisiert. Letzteres läßt hoffen, daß ökonomistische Positionen vermieden werden sollen. Weniger optimistisch stimmt, daß das Wort „proletarisch“ in keiner Weise erläutert wird. Ist damit ein engerer Begriff als „ArbeiterInnenklasse“ oder „Lohnabhängige“ gemeint? Welche Überlegungen existieren dazu, wie die ‚neue‘ radikal die damit anscheinend anvisierte Zielgruppe erreichen soll?
Zur zukünftigen Funktion der radikal wird schließlich noch auf Lenins – in der Tat lesenswerte – Ausführung zu einer Zeitung als kollektivem Organisator verwiesen.
In etwas irritierendem Kontrast dazu wird ein „‚Avantgarde-Anspruch‘ ab[ge]lehn[t]“. Wer/welche aber – wie es an anderer Stelle der Einleitung heißt, beansprucht, „mitzugestalten, voran-zutreiben und eine kontiuierliche Weiterentwicklung abzusichern“, erhebt (zumindest in Form des Vorantreibens) einen Avantgardeanspruch. Dies ist in meinen Augen auch gar nicht ehrenrührig; auf der Hand liegt allerdings, daß das Erheben dieses Anspruchs und selbst das ernsthafte Bemühen darum, ihm gerecht zu werden, nicht garantiert, daß die prätendierte Avantgarde auch die wirkliche Avantgarde ist – aber das ist das Risikos, das mit jedem politischen Vorschlag, der unterbreitet wird, verbunden ist. -
Abschließend wird betont, daß die neue Redaktion „an einer möglichst breiten Beteiligung von euch [also den LeserInnen, TaP] interessiert“ sei. Dies soll über vorher angekündigte Schwerpunkte realisiert werden. Eine solche Rückbindung an die LeserInnenschaft dürfte auch unbedingt erforderlich sein, wenn das Mitgestalten, Vorantreiben und Weiterentwicklen nicht ein bloßer Anspruch bleiben, sondern zumindest einen breiteren Kreis von politischen AktivistInnen ansprechen soll. Wie dies genau funktionieren soll, bleibt aber unklar, da das vorliegende Heft (anders als frühere) nicht einmal eine postalische Auslands-Kontaktadresse und auch keine modernen elektronischen Alternativen nennt.
Siehe auch noch http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/08/09/heute-gelesen-98/, Nr. 2.
- Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Radikal_(Zeitschrift). [zurück]
- Online zugänglich – wie gesagt unter –: http://einstellung.so36.net/files/radi161.pdf [zurück]
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