Auf Papier gelesen: Radikal, Nr. 161, Sommer 2009 – Teil I

In mei­nen Erläu­te­run­gen dazu, daß es auf die­ser Seite kei­nen dis­clai­mer gibt (s. dort FN 9), hatte ich ankün­digt, auf die aktu­elle Aus­gabe der Zeit­schrift der radi­kal1 zurück­zu­kom­men. Dies wird hier­mit in Form des ers­ten Teil einer mehr­tei­li­gen Bespre­chungs­se­rie begin­nen. Die­ser erste Teil beginnt mit einer knap­pen Dar­stel­lung des Hef­tin­hal­tes und einer Über­sicht, was fol­gen wird.
Das Heft hat einen Umfang von 60 Sei­ten plus einem Schutz­um­schlag, der das Werk als „DOKU­MEN­TA­TION über die ‚Extreme Linke‘“2 beti­telt. Diese 60 Sei­ten ver­tei­len sich auf 6 Bei­träge: Ein­lei­tende Worte des neuen Redak­ti­ons­kol­lek­tivs, ein Dis­kus­si­ons­pa­pier der mili­tan­ten gruppe (mg) sowie ein schrift­lich geführ­tes Inter­view mit der­sel­ben, ein Text über „mili­tante Agit­prop“, einer über bewaff­nete linke Grup­pen in den USA insb. am Bei­spiel der Wea­t­her­man und der erste Teil einer Serie mit dem Titel „Für ein revo­lu­tio­nä­res Leben“. Auch Texte zur lin­ken Wider­stands­ge­schichte, wie diesml zu den Wea­t­her­man, sol­len eine stän­dige Ein­rich­tung wer­den.
Ich werde unten kurz auf die Ein­lei­tung ein­ge­hen, mor­gen mich – in Form einer Nach­be­mer­kung zu mei­nem Text Die Schlacht von Ascu­lum und das Ber­li­ner mg-​​Verfahren – mit jenen Pas­sa­gen in den bei­den mg-​​Texten befas­sen, die für das Ber­li­ner Ver­fah­ren rele­vant sind (Teil II), dann – wahr­schein­lich erst in den nächs­ten Tagen – auf die wei­te­ren The­sen und Argu­men­ta­tio­nen in bei­den mg-​​Texten ein­ge­hen (Teil III und IV) und schließ­lich viel­leicht auch noch etwas zu den sons­ti­gen Bei­trä­gen in dem Heft schrei­ben (Teil V).

In der Ein­lei­tung ver­spricht das neue Redak­ti­ons­kol­lek­tiv – zurück­bli­ckend auf die bis­he­ri­gen Aus­ga­ben – fol­gen­des:

„Die Stärke der Zei­tung sehen wir also vor allem im unzen­sier­ten Raum für revo­lu­tio­näre Pro­pa­ganda und Debat­ten, sehen aber auch Gren­zen und Schwä­chen des Pro­jek­tes haupt­sach­lich im Feh­len einer Linie und der feh­len­den Bereit­schaft, Ver­ant­wor­tung für einen revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sie­rungs­pro­zess zu über­neh­men. Diese Schwä­chen wol­len wir ver­su­chen in der kom­men­den Reihe anzu­ge­hen.“

Mit die­sem Anspruch wird inso­fern gleich ernst gemacht, als die neue Redak­tion als „Orga­ni­sie­rung ‚Revo­lu­tio­näre Linke (RL)‘“ fir­miert, und die radi­kal jetzt den Unter­ti­tel publi­ka­tion der revo­lu­tio­nä­ren lin­ken trägt. Jene „Orga­ni­sie­rung“ sei

„ein Zusam­men­schluss von Grup­pen und Akti­vis­tIn­nen, die aus den ver­schie­de­nen Strö­mun­gen der revo­lu­tio­nä­ren Lin­ken kom­men und auch auf unter­schied­li­chen Ebe­nen aktiv sind.“

In inhalt­li­cher Hin­sicht wird auf die „Dia­lek­tik eines sozialrevolutionär-​​klassenkämpferischen (also anti­ka­pi­ta­lis­tisch, anti­ras­sis­tisch und anti­pa­tri­ar­chal) und antiimperialistisch-​​internationalistischen Ansat­zes mit der klar defi­nier­ten Zen­tral­per­spek­tive des Kamp­fes für den Kom­mu­nis­mus“ Bezug genom­men. „Pro­le­ta­ri­scher Klas­sen­stand­punkt“ und „pro­le­ta­ri­scher Inter­na­tio­na­lis­mus“ seien „vor dem Hin­ter­grund einer kom­mu­nis­ti­schen Befrei­ungs­per­spek­tive untrenn­bar“.
In einem his­to­ri­schen Ver­gleich aus­ge­drückt, mag darin der Ver­such gese­hen wer­den, die in frü­he­rer Zeit pro­mi­nent von den Revo­lu­tio­nä­ren Zel­len (sozi­al­re­vo­lu­tio­när) und RAF (anti­im­pe­ria­lis­tisch) reprä­sen­tier­ten politisch-​​theoretischen Posi­tio­nen zusam­men­zu­füh­ren – und zwar im Namen einer bei­den über­ge­or­den­ten kom­mu­nis­ti­schen Per­spek­tive. Wie sich darin die Gesichts­punkte „anti­ras­sis­tisch“ und „anti­pa­tri­ar­chal“ ein­ord­nen, wird aller­dings nicht genauer aus­ge­führt.
Der Klas­sen­kampf wird i.S.e. „Schaf­fung und permanente[n] Aus­deh­nung proletarisch-​​revolutionärer Auto­no­mie auf allen Ebe­nen und in allen Lebens­be­rei­chen, d.h. auf politisch-​​ideologischem, kul­tu­rel­lem, orga­ni­sa­to­ri­schem, usw. Gebiet“ kon­kre­ti­siert. Letz­te­res läßt hof­fen, daß ökono­mis­ti­sche Posi­tio­nen ver­mie­den wer­den sol­len. Weni­ger opti­mis­tisch stimmt, daß das Wort „pro­le­ta­risch“ in kei­ner Weise erläu­tert wird. Ist damit ein enge­rer Begriff als „Arbei­te­rIn­nen­klasse“ oder „Lohn­ab­hän­gige“ gemeint? Wel­che Über­le­gun­gen exis­tie­ren dazu, wie die ‚neue‘ radi­kal die damit anschei­nend anvi­sierte Ziel­gruppe errei­chen soll?
Zur zukünf­ti­gen Funk­tion der radi­kal wird schließ­lich noch auf Lenins – in der Tat lesens­werte – Aus­füh­rung zu einer Zei­tung als kol­lek­ti­vem Orga­ni­sa­tor ver­wie­sen.
In etwas irri­tie­ren­dem Kon­trast dazu wird ein „‚Avantgarde-​​Anspruch‘ ab[ge]lehn[t]“. Wer/​welche aber – wie es an ande­rer Stelle der Ein­lei­tung heißt, bean­sprucht, „mit­zu­ge­stal­ten, voran-​​zutreiben und eine kon­tiuier­li­che Wei­ter­ent­wick­lung abzu­si­chern“, erhebt (zumin­dest in Form des Vor­an­trei­bens) einen Avant­gar­de­an­spruch. Dies ist in mei­nen Augen auch gar nicht ehren­rüh­rig; auf der Hand liegt aller­dings, daß das Erhe­ben die­ses Anspruchs und selbst das ernst­hafte Bemü­hen darum, ihm gerecht zu wer­den, nicht garan­tiert, daß die prä­ten­dierte Avant­garde auch die wirk­li­che Avant­garde ist – aber das ist das Risi­kos, das mit jedem poli­ti­schen Vor­schlag, der unter­brei­tet wird, ver­bun­den ist. -
Abschlie­ßend wird betont, daß die neue Redak­tion „an einer mög­lichst brei­ten Betei­li­gung von euch [also den Lese­rIn­nen, TaP] inter­es­siert“ sei. Dies soll über vor­her ange­kün­digte Schwer­punkte rea­li­siert wer­den. Eine sol­che Rück­bin­dung an die Lese­rIn­nen­schaft dürfte auch unbe­dingt erfor­der­lich sein, wenn das Mit­ge­stal­ten, Vor­an­trei­ben und Wei­ter­ent­wick­len nicht ein blo­ßer Anspruch blei­ben, son­dern zumin­dest einen brei­te­ren Kreis von poli­ti­schen Akti­vis­tIn­nen anspre­chen soll. Wie dies genau funk­tio­nie­ren soll, bleibt aber unklar, da das vor­lie­gende Heft (anders als frü­here) nicht ein­mal eine pos­ta­li­sche Auslands-​​Kontaktadresse und auch keine moder­nen elek­tro­ni­schen Alter­na­ti­ven nennt.

Siehe auch noch http://​theo​rie​als​pra​xis​.blog​sport​.de/​2​0​0​9​/​0​8​/​0​9​/​h​e​u​t​e​-​g​e​l​e​s​e​n-98/, Nr. 2.

  1. Vgl. http://​de​.wiki​pe​dia​.org/​w​i​k​i​/​R​a​d​i​k​a​l​_​(​Z​e​i​t​s​c​hrift). [zurück]
  2. Online zugäng­lich – wie gesagt unter –: http://​ein​stel​lung​.so36​.net/​f​i​l​e​s​/​r​a​d​i​1​6​1.pdf [zurück]
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