Archiv für August 2009

Luftblase und/oder Aal?

- „Gegenstandpunkt“ de-constructed -

Zugleich Anmerkungen zum Verhältnis von Recht, Moral und Politik, von Faschismen und bürgerlicher Demokratie sowie zum Wert (= Nutzen, bevor es neue Moral-Mißverständnisse gibt) demokratischer Formen

In Reaktion auf meinen Text 2 × 4 begrifflich-logische Vorschläge, um nicht an einander vorbeizureden warf mir die Antidemokratische Aktion (Abschnitt II.) vor, ‚moralisch’ zu argumentieren. Da ich meinen Text nicht im geringsten als „moralisch“ empfand (vielmehr ging es um Begriffsklärungen), und da ich auch ansonsten keinE AnhängerIn des Moralismus bin (s. bspw. hier und hier), fragte ich nach, was denn wohl im vorliegenden Fall mit „moralisch“ gemeint sei. Statt eine Antwort auf die Frage, bekam ich den Hinweis, daß Definitionen eh ‚böse‘ seien, ins Lager der FeindInnen gehören („bürgerliche Wissenschaft“) (+ div. Kommentare).
Nun ja. Mittlerweile ist die Diskussion bei politischeren Themen angekommen. Porada ninfu, der/die der Antidemokratischen Aktion beisprang, vertritt folgende Positionen
a) Er/sie kritisiert, daß ich „der Demokratie im fiktiven Notfall die Stange halten“ will (porada ninfu – 27. August 2009 um 13:34 Uhr, 2. Abs.).
b) „Für Antifa-Arbeit bin ich zum Beispiel gar nicht, weil Nazigrüppchen mir nicht das Leben schwer machen. Das sind der Kapitalismus und die Demokratie.“ (porada ninfu – 27. August 2009 um 13:34 Uhr, 3. Abs.)
Außerdem brachte er die folgenden ‚Moral-Theorie‘ in die Diskussion ein:

„Alle wollen das Eigentum und damit sie ihrem Interesse als Eigentümer nachgehen können, brauchen sie einen Staat der sie gegenseitig auf den Ausschluss vom Reichtum verpflichtet. Weil sie den Staat als Gewaltsubjekt ihres Gemeininteresses wollen, gibt es Moral überhaupt nur.“

Bei diesem Stand der Debatte schrieb ich folgenden Text A. als Zwischenresümee. Danach gab es noch mehrere Antworten der Antidemokratischen Aktion und von porada ninfu. Auch weitere Leute schalteten sich in die Debatte ein. Dann schrieb ich als Antwort meinen anschließenden Text B. Außerdem hatte die Antidemokratische Aktion (FN 1) noch einen Text über einen Vortrag von Peter Decker (vom „Gegenstand“) zur Lektüre empfohlen. Auf diesen antwortet mein untenstehender Text C.

TEXT A.:
ZWISCHENRESÜMEE
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Wissenschaft – Ethik – Politik


- aus Anlaß der Diskussion über Intersexualität und die angebliche ausschließliche Existenz zweier Geschlechter -
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Gibt es AUSSCHLIESSLICH zwei Geschlechter?

Der folgende Beitrag erschien zuerst am 24. August als Kommentar bei der Mädchenmannschaft. Für die hiesige Veröffentlichung wurde er noch einmal Korrektur gelesen; die Zwischenüberschriften sind neu eingefügt. Die dortige Diskussion ist noch am Laufen, kam aber etwas aber etwas vom Thema ab, da Quatsch mit Soße auf das zentrale Argument nicht antwortete, sondern in eine Wesens- und Prinzipienphilosophie flüchtete, was dann wiederum unter methodologischen Gesichtspunkten kritisiert werden mußte (1, 2). Das zentrale Argument gegen die Behauptung es gäbe ausschließlich zwei Geschlechter läßt sich wie folgt reformulieren:
1. Es ist unumstritten, daß das Geschlecht nicht anhand eines einziges Kriteriums festgestellt werden kann. Vielmehr werden sowohl die Chromosomensätze als auch die sog. primären Geschechtsorgane (das sind die äußeren und inneren Geschlechtsorgane und deren Anhangdrüse) herangezogen.
2. Nun müssen aber weder die Geschlechtsmerkmale homolog (i.S. der vorgestellten Zweigeschlechtlichkeit) auftreten noch müssen diese ihrerseits zu dem jeweiligen Chromosomensatz homolog sein.
3. Das heißt: Es gibt zwar die beiden tyischen Fälle xx-Chromosomen + Klitoris (Frauen) sowie xy-Chromosomen + Penis (Männer), aber es gibt auch die umgekehrten Kombinationen und unter Berücksichtung der weiteren sog. „primären Geschlechtsmerkmale“ weitere Varianten. Und unter Berücksichtigung der Hormonproduktion und deren Wirksamkeit wird es noch kompliziert.
4. Das wiederum heißt nun: Es gibt mehr als zwei Merkmalskombinationen und das heißt: mehr als zwei Geschlechter. Denn „Geschlecht“ ist nicht irgendeine durch die Naturphilosophie geisternde Wesenheit, sondern die jeweilige Merkmalskombination.
Mehr als zwei Merkmalskominationen = mehr als zwei Geschlechter. Das ist der entscheidende Punkt. Oder in den Worten meines Beitrages unter http://maedchenmannschaft.net/sportler-sportlerin/#comment-17736: (mehr…)

radikal-Interview mit der militanten gruppe zu „organisierung des revolutionären widerstandes“ (Teil IV der Rezension zu radikal Nr. 161)

Fortsetzung der Rezensions-Reihe vom 07.08., 09.08. und 10.08.

Das Interview mit der militanten gruppe (mg) (S. 28 – 54) macht fast die Hälfte des aktuellen radikal-Heftes (60 Seiten + Tarnumschlag) aus. Es ist ein ungewöhnliches Interview: Es besteht aus 14 Fragen und den jeweiligen Antworten – also im Durchschnitt fast zwei Druckseiten Antwort pro Frage, wobei sich tendenziell sagen läßt, daß die Antworten auf die ersten Fragen kürzer und die späteren Antworten länger ausfallen.
Inhaltlich und formell lassen sich drei – unterschiedlich lange – Teile unterscheiden: Der erste Teil beschäftigt sich mit dem inneren Gruppenzustand der mg (soweit dies für den vor dem Berliner Kammergericht stattfindenden Prozeß gegen vermeintliche mg-Mitglieder relevant ist, wurde darauf bereits in Teil II dieser Rezensionsreihe eingegangen). Die Teile 2 und 3 des Interviews befassen sich mit weiterführenden strategischen Fragen, wobei die ersten Fragen von der militanten gruppe ziemlich klar beantwortet werden, während späteren Fragen eher über Lektüreerfahrungen berichten, denen die Schlußfolgerungen noch weitgehend fehlen. Mir scheint, das Interview hätte an Lesbarkeit gewonnen, wenn sich die mg dort deutlich kürzer gefaßt und auf noch zu schreibende Papiere verwiesen hätten. (mehr…)

Wissenschaftspluralismus?!

Die Antidemokratische Aktion schreibt:


http://greschka.blogsport.de/2009/08/17/theorie-als-praxis-schlaegt-zurueck/#comment-2805

„der Quark mit den Begriffsdefinitionen, also der gewollten Vermischung von willkürlicher Benennung und sachlicher Bestimmung, folgt aus dessen wissenschaftspluralistischem Geiste. Wenn ohnehin alles nur die subjektive Spinnerei eines ‚Ansatzes‘ ist, für den aber als Ansatz Anerkennung, Berücksichtigung und Ressourcen eingefordert werden, dann ist dem die Logik der Begriffsdefinition‘ schon immanent.“

(Daß die „Vermischung“ vielmehr auf Seiten der Antidemokratischen Aktion liegt, hatte ich schon an anderer Stelle1 ausgeführt: Es ist die Antidemokratische Aktion, die die Kontigenz von Wortbedeutungen/Definitionen mit einer relativistischen oder subjektivistischen Negation der Objektivität von Erkenntnissen vermengt. Tatsächlich verhält es sich aber genau umgekehrt: Erst auf der Grundlage definierter Wortbedeutungen läßt sich entschieden, ob eine Aussagen zutreffend oder irrtümlich oder z.Z. weder zu beweisen noch zu widerlegen ist.
Ich diskutiere daher im folgenden nur das Problem des „wissenschaftspluralistischem Geiste[s]“ und der „subjektive[n] Spinnerei“.
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Heute gesehen (23.8.)

1.a) daß eifrig über Tests zur Geschlechtsbestimmung von SportlerInnen diskutiert wird – bei

-- Emanzipation oder Barbarei

-- Das Ende des Sex: Biologisches Geschlecht ist gemacht

-- Kopf und Herz

-- der Mädchenmannschaft. Dort sei insbesondere auf den Kommentar von Kopf und Herz hingewiesen:

„es ist doch schlicht so, dass es keine zwei geschlechter gibt, da es unklar ist, an was man/frau geschlecht fest machen soll. d.h. selbst biologisch/medizinisch ist das nicht klar, ganz zu schwiegen von sozialen praktiken (drag, plastische chirurgie etc.)… geschlecht ist gemacht und es müsste eigentlich das recht auf selbstbestimmung gelten. […] das genital macht aktuell wohl auch nicht das geschlecht aus, was der fall der leichtathletin zeigt. […]. also sollte man geschlecht endlich als kontinuum begreifen, dann bräuchte man auch solche tests nicht … in denen letztlich auf grund einer vielzahl von faktoren (die medizin ist hier weiter als der allgemeine menschenverstand), […].“

Daraf antwortet Quatsch mit Soße:

„zwei geschlechter gibt es laut aktuellem erkenntnisstand schon seit 565 mio. jahren. sie sind ein universelles und bewährtes prinzip der biologie. in den meisten fällen haben menschen keine probleme, männer und frauen zu unterscheiden. das funktioniert auch, wenn man nur ein gesicht sieht, ohne make up und mit neutraler frisur. kleine kinder und sogar tiere können treffsicher zwischen geschlechtern unterscheiden. eine menschliche entscheidung kann, soll und muss es geben über die rollen, die männer und frauen einnehmen möchten. aber davor haben sie einen biologischen körper, der in den allermeisten fällen eindeutig einem geschlecht angehört.“

Das statement von Quatsch mit Soße enthält nun allerdings einen kleinen, aber entscheidenden Widerspruch:

„zwei geschlechter gibt es laut aktuellem erkenntnisstand schon seit 565 mio. jahren. sie sind ein universelles und bewährtes prinzip der biologie.“
vs.
Menschen haben „einen biologischen körper, der in den allermeisten fällen eindeutig einem geschlecht angehört.“

„in den allermeisten fällen“ ist eben nicht „universell“ (auch im Tierreich ist Zweigeschlechtlichkeit keine universelle Realität).

Also: Es gibt zwar (biologisch eindeutige) Männer und Frauen, aber es gibt nicht ausschließlich zwei Geschlechter, was die von Quatsch mit Soße zugestandenen – wenn auch zahlmäßig geringen – uneindeutigen Fälle zeigen.

„Es gibt keine zufriedenstellende humanbiologische Definition der Geschlechtszugehörigkeit, die die Postulate der Alltagstheorien einlösen würde.“1 „Klassifikationskriterien können [… nämlich] die Genitalien zum Zeitpunkt der Geburt oder die Chromosomen sein, die im Zuge vorgeburtlicher Analyseverfahren festgestellt werden; beide müssen nicht notwendigerweise übereinstimmen.“2

Dieser Realität ist eine Zuordnungspraxis, die nur die Alternative „Mann oder Frau“ zuläßt, auf jeden Fall unangemessen – egal wie wenig uneindeutige Fälle es gibt. Auch ein Fall stellt bereits den strikten Binarismus in Frage. Jeder uneindeutige ‚Fall‘, der dennoch zu Mann oder Frau erklärt oder per Zwangs-OP (eindeutig[er]) gemacht wird, ist kein kein Fall von biologischer Erkenntnis, sondern von sozialer Herrschaftspraxis.

Dagegen greift auch nicht der Einwand3 durch, daß es für sportliche Leistungen (anders als bspw. für die Benutzung von Toiletten und Umkleidekabinen oder – einvernehmliche oder gewaltsame – sexuelle Handlungen) ohnehin nicht auf die Genitalien, sondern allein auf die Chromosomen ankomme. Denn wie mehrere KommentatorInnen bei der Mädchenmannschaft dargelegt haben, garantieren auch XY-Chromosomen keine höhere sportliche Leistungsfähigkeit:

Helga schreibt:

„Wenn Semenya eine komplette Androgenresistenz hat, dürfte sie z.B. bei den Olympischen Spielen starten. Eben weil ihr Körper keine männlichen Hormone verarbeiten kann. Sie wäre kein Mann. Und auch keine normale Frau. Das Y-Chromosom nützt bei der Androgenresistenz nichts. die männlichen Sexualhormone werden ja nicht verarbeitet […]. Oder wenn das Y-Chromsosom abgeschaltet ist, dann würden nicht mal Hormone produziert.“

Kasu zitiert einen Spiegel Online-Artikel:

“Normalerweise weisen Frauen zwei X-Chromosomen in ihren Zellen auf, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Manche mit einem Y-Chromosom geborenen Menschen entwickeln alle körperlich charakteristischen Merkmale einer Frau – ausgenommen der inneren Sexual-Organe. Sie leiden unter dem Androgen-Insuffizienz-Syndrom (AIS). Diese Frauen sind XY, allerdings kein Mann, weil ihr Körper nicht auf das produzierte Testosteron reagiert. Deshalb dürfen sie auch bei den Frauen starten. Sieben der acht Frauen, die 1996 bei Olympia in Atlanta positiv auf Y-Chromosomen getestet wurden, hatten AIS und durften teilnehmen. ”

und fügt dann hinzu:

„Daher könnte es gut sein, dass Caster Semenya überhaupt kein wettkampfrechtlichen Konsequenzen hat, auch wenn sich herausstellt, dass sie eine XY-Frau ist.“

Für den Bereich des Sports wäre also – im Interesse einer Vergleichbarkeit der Leistungen (wenn denn nicht überhaupt das Konzept der „Leistung“ und der „Leistungssport“ in Frage gestellte werden sollen – zwei Fragen die an dieser Stelle nicht diskutiert werden sollen) – statt einer Kategorisierung nach „Mann oder Frau“ eine Bildung von Leistungsfähigkeitsklassen nach Kriterien, wie sie Herz und Kopf vorgeschlagen hat, vorzuziehen:

für den sport gilt es also anstatt der schwammigen zuordnung per geschlecht, genaue kriterien festzulegen, dies könnten sein:
- körpergröße
- alter
- gewicht
- lungenvolumen
- bmi
oder was es sonst noch für leistungesrelevante kriterien gibt.“

In einem Punkt hat allerdings Quatsch mit Soße recht:

„In fragen der biologischen und körperlichen tatsachen zählen biologie und körper.“

Dagegen greift auch der Einwand von Sven nicht durch:

„Ich würde behaupten, dass jegliche Anbindung an vordiskursive ‘Tatsachen’ schlichtweg sinnlos ist; aus unserer Sprache und Kultur kommen wir nicht heraus.“

aa) entwertet dieser Eiwand nicht nur – wie beabsichtigt – die hegemoniale Behauptung eines Tatsachen-Charakters der ausschließlichen Zweigeschlechtlichkeit, sondern genauso auch die auf die Tatsache der Intersexualität gestützte Kritik an der hegemonialen Sichtweise,

womit sich bb) zeigt, daß ein ‚lingustizistischen Monismus‘ – gegen den sich im übrigen auch Judith Butler wendet4 – nur in Subjektivismus = Willkür enden kann.
Daß wir unsere Erkenntnisse nur mittels Sprache produzieren und formulieren können, heißt nicht, daß es die Gegenstände unserer Erkenntnisse nicht gibt.5

b) Ergänzend sei – gegen Quatsch mit Soße:

„ich denke, du erfindest hier kriterien für eine unhaltbare these. dass menschen biologisch frauen und männer sind und sich als frauen und männer fortpflanzen, ist eine tatsache, […]“ –

noch darauf hingewiesen, daß auch das – für den Sport allerdings nicht besonders relevante Kriterium der Gebärfähigkeit keine eindeutige Zuordnung aller Menschen zu einem von ausschließlich zwei Geschlechtern erlaubt:

Auch unter dem Gesichtspunkt der Generativität, läge es durchaus nahe, mehr als zwei Hauptgruppen – Männer (angeblich = Nicht-Gebärfähige) und Frauen (angeblich = Gebärfähige) – zu bilden. Es läge unter dem Gesichtspunkt der Generativität vielmehr nahe, mindestens drei – vielleicht auch vier, fünf, oder sechs – Hauptgruppen zu bilden:
• Nie-Gebärfähige (darunter solche, die trotzdem gebären wollen, und solche die ohnehin nicht gebären wollen);
• Noch-Nicht- und Nicht-Mehr-Gebärfähige;
• (gebärwillige und gebärunwillige) Gebärfähige.
Und vor allem sind wohl Kulturen denkbar, die den Umgang mit den Folgen des Gebärens so regeln, daß die Tatsache des Gebärens nicht mehr ausschlaggebend für die Positionierung von Individuen in der gesellschaftlichen Struktur ist. (Das letzte Argument führt durchaus nicht zur Restauration der Unterscheidung zwischen sex und gender. Denn jedenfalls das Gebären ist [anders als die Gefährfähigkeit, die aber wiederum – wie gezeigt – nicht allen Frauen gemeinsam ist!] keine Eigenschaft (des sex Frau), sondern eine Tätigkeit. Es bleibt also bei Butler: Würde von der Tätigkeit des Gebärens bzw. Nicht-Gebärens – also vom doing gender – auf die Existenz zweier sex mit unterschiedlichen biologischen Eigenschaften geschlossen, so wäre dies nur ein neues Argument dafür, daß sex nicht ursprünglich, sondern vielmehr ein Effekt von gender ist.)6

2. Pinky nimmt in FN ** zu den hiesigen Kommentaren von Antifatzke und ♥Tekknoatze Stellung; auch hier gibt es inzwischen weitere Kommentare zu dem Ausgangsbeitrag. Ich werde bei Gelegenheit auch noch etwas zur Mindestlohnforderung schreiben.
3. Dagegen ist die Antidemokratische Aktion in Schweigen verfallen. Ein Zeichen von Einsicht? Oder vielmehr von argumentloser Beibehaltung der kritisierten Position?
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In den letzten Tagen gelesen

1.a) einen Nachtrag zur Rassismus-Diskussion anläßlich des ‚Po-Plakates‘ der Grünen Kaarst: Die brotherskeepers betonen zu recht den Unterschied zwischen wollen und tun; zwischen sagen wollen und tatsächlich sagen (vgl. auch: http://theoriealspraxis.blogsport.de/2009/08/13/was-macht-gute-analysen-aus/, Nr. 2)

„Die Krux -Ihr Denkfehler- liegt in der Tatsache, dass vor allem rassistisches Handeln nicht zwangsläufig aus dem ‚Vorsatz, rassistisch zu sein‘ resultiert. Ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt – Fakt ist, dass das Plakat rassistische und sexistische Assoziationen (be)nutzt und (be)stärkt.
Vor allem Rassismus ist so tief in unserer Gesellschaft verankert, dass er sich in Selbstverständlichkeiten ausdrückt und als Mechanismus idR nur von denjenigen wahrgenommen wird, die betroffen sind.
Ihrer Auffassung nach stellt das Plakatmotiv selbstverständlich keine rassistische Handlung dar, genauso wie Sie selbstverständlich nicht rassistisch sein können. Doch um Rassismus authentisch zu entlarven, gilt es, eigenes (selbstverständliches) Verhalten zu hinterfragen und zu reflektieren. Anstatt sich mit den eigentlichen Ursachen für das Initiieren solch einer Werbung auseinander zu setzen, scheinen Sie jedoch mehr damit beschäftigt, Gründe aufzuzählen, warum Sie keine Rassisten sein können. Lassen Sie sich gesagt sein: Es ist nicht so simple wie es scheint, kein Rassist zu sein – das liegt ganz einfach in den gesellschaftlichen Strukturen begründet.
Ihre Flucht in die alltäglichen ‚Ich bin kein Rassist, weil…‘-Abwehrmechanismen, kostet Sie unseres Erachtens mehr an Glaubwürdigkeit und Wählerstimmen als die Plakatwerbung an sich. Sie hätten Ihren Fauxpas zum Anlass nehmen können/müssen, um -entsprechend Ihrer Programmatik- Rassismus und Sexismus als weitreichende und tiefgehende gesellschaftliche Übel zu demaskieren. Denn Ausfälle wie Ihr Wahlplakat sind zwar traurig, im Grunde aber nicht verwunderlich. Vielmehr sind sie Ausdruck alteingesessener rassistischer und sexistischer Praxen und Strukturen. Die Wahrheit: Niemand ist davor gefeit, in die böse Falle zu tappen.“

Nur gegen den Halbsatz „und als Mechanismus idR nur von denjenigen wahrgenommen wird, die betroffen sind.“ möchte ich leichte bis starke Vorbehalten anmelden:
aa) Jedenfalls das „idR“ ist doppelt und dreifach dick zu unterstreichen: Auch Nicht-Betroffene und sogar ProtagonistInnen eines Herrschafts- und/oder Ausbeutungsverhältnisses können dieses erkennen – nur, daß die ProtagonistInnen dieses Herrschaftsverhältnis als „gerechte Herrschaft“ (good governance), als leider (noch) notwendig oder sonstwie legitim betrachten werden.
bb) Und umgekehrt garantiert auch das Betroffensein von Herrschaft und Ausbeutung nicht immer das Erkennen derselben.
Standpunkt-Epistemologien sind wissenschaftstheoretisch nicht haltbar und auch politisch verhängisvoll, s. http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen/schulze-detlef-georgia-2004-06-10/PDF/schulze.pdf, S. 48 f., 59 f. und am Beispiel der ‚proletarischen Biologie‘ Lyssenkos: http://www.marx2mao.com/Other/Proletarian%20Science.pdf.

b) sich auch die Mädchenmannschaft mit Rassismus beschäftigt – vorliegend einer Fotoserie des Models Naomi Campbell.
2. einen Brief von Fels (Für eine linken Strömungen) in Sachen eines ‚Baugruppen‘-Projektes bzw. gentrification. – Auch wenn ich ansonsten nicht immer von Fels-Text begeistert bin, ist an diesem m.E. im Großen und Ganzen nichts auszusetzen. Der den Brief veröffentlichen blog Mietenstopp montiert zwar:

„Auf­fäl­lig ist das große Schwei­gen zum Thema, ob ein der­ma­ßen auf­fäl­li­ges Bau­vor­ha­ben an solch ex­po­nier­ter Stel­le (Karl-​Kun­ger Ecke Loh­müh­len­stra­ße, so­zu­sa­gen am Kreuz­ber­ger Ein­falls­tor nach Alt-​Trep­tow) nicht sym­bo­lisch eine star­ke Auf­wer­tungs­kraft ent­wi­ckeln und Ei­gen­tü­mer von Nach­bar­häu­sern zu Mietstei­ge­run­gen ani­mie­ren könn­te.“

Aber: So sehr die Einsicht zu verteidigen ist, daß auch das Private politisch ist, so ist doch gleichzeitig zu unterscheiden zwischen direktem, herrschaftlichem und/oder ausbeutenden Handeln (z.B. dem von Vergewaltigern) und einem Verhalten, das erst über dazwischen tretende Marktprozesse oder gar nur „symbolisch“, unerfreuliche Effekte erzeugt. Hinzukommt, daß in Anbetracht des nahezu vollständigen Fehlens kleingruppen-übergreifender, demokratischer Entscheidungsstrukturen in der Linken nicht ersichtlich ist, welche Instanz befugt sein sollte, GenossInnen mit einem unterdurchschnittlichen, durchschnittlichen oder auch leicht überdurchschnittlichen Einkommen sanktionsbewährte Vorschriften darüber zu machen, wie sie ihr Geld ausgeben (von Extremfällen, wie der Beschäftigung von Putzfrauen zu Hungerlöhnen mal abgesehen – aber das ist dann auch ein Fall direkten Handelns).

3. daß das Audioarchiv. Emanzipatorische Inhalte zum Hören einen Vortrag von Andrea Trumann zum Thema „Frauenfrage in der Linken“ veröffentlicht. Kein Kommentar – da noch nicht angehört.
4. daß bei der Antidemokratischen Aktion weiter über Begriffsdefinitionen und NS-Gleichsetzungen diskutiert wird (1, 2 – auch Theorie als Praxis kann nicht schweigen).
5. diverse Terminankündigungen:
b) Demo am 12. Sept. in Berlin „gegen Überwachung“
c) Aktionen gegen den „1000-Kreuze-Marsch“ von christlich-fundamentalistischen Anti-Choise-AktivistInnen am 26.09. in Berlin (12:30 h, Rotes Rathaus)
6. daß das Einstellungsbündnis auf den Teil II der hiesigen radikal-Rezensions-Reihe (morgen kommt Teil IV.) hinweist.

Wer/welche zuletzt lacht, lacht am besten – über die ‚patentierten‘ Marxisten von der Antidemokratische Aktion

- Antwort auf den Text „Pi mal Daumen genau getroffen“ der Antidemokratischen Aktion - (mehr…)

Pi mal Daumen – Für die Antidemokratische Aktion genug?

Zu: „Theorie als Praxis schlägt zurück“ (vom 17.08.2009)

1.

„An­wür­fe der Sorte, ich solle mal ‚Be­griffs­de­fi­ni­tio­nen‘ brin­gen, loh­nen dabei den Kon­ter nicht, denn ist oh­ne­hin of­fen­sicht­lich, was das für ein Blöd­sinn ist. Schließ­lich ist es so ziem­lich das Ge­gen­teil vom Be­grei­fen einer Sache, also sich einen Be­griff von ihr zu ma­chen,“

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Gelesen (17.08.)

1. daß TOP und die Internationalen KommunistInnen kritisch auf die Iran-Kundgebung am 12. August, an der sie beteiligt waren, zurückblicken – fragt sich nur, warum nicht bereits in den ursprünglichen Kundgebungsaufruf klipp und klar
-- eine Ablehnung eines evtl. Krieges gegen den Iran
und
-- eine Kritik des paternalistisch-militärischen Menschenrechtsexports geschrieben wurde.
Dann hätte sich wahrscheinlich von vornherein eine Kundgebungsteilnahme derjenigen politischen Kräfte, deren Agieren bei der Kundgebung jetzt mit Mißfallen aufgenommen wurde, erübrigt. Statt dessen wurde in dem Aufruf ohne klare Stellungnahme über das iranische „Atom- und Raketenprogramm“ und das angebliche „politischen Appeasement“ gegenüber dem Iran geschrieben. Eine Kritik am iranischen Atomprogramm ohne unzweideutiger Absetzung von einer Verteidung des bestehenden Atomwaffenoligopols gerät aber zwangsläufig in ein fragwürdiges Fahrwasser; genauso eine pauschale Solidarität mit „den Protestierenden“ im Iran – ohne auf Klassen-, gender etc.-Differenzen und unterschiedliche politische Optionen einzugehen.
2. der Bekämpfer der vermeintlichen BekämpferInnen des vermeintlich Bösen zu dem Thema anmerkt:

„Nachdem nun über eine halbe Woche im Internet über die Iran-Kundgebung in Berlin diskutiert wurde, manifestiert T.O.P. mit einer Stellungnahme nur nocheinmal, …“

„nun über eine halbe Woche“ – gibt es eigentlich inzwischen eine Stellungnahme von ARAB und JANO zu dem Soli-Konzert am 7.8.? Oder sollen ursprüngliche Ein- und spätere Ausladung von MaKss Damage dauerhaft ohne politischer Erklärung bleiben? – Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen.

3. die Antidemokratische Aktion kritisiert, ohne daß das Kritisierte vorher zur Kenntnis zu nehmen:

„Bei TaP, dem Blog für die Ver­wurs­tung von Ge­plap­per straight outta Wis­sen­schafts­be­trieb als Pra­xis, in der man sich weder von ob­jek­ti­ver Wis­sen­schaft noch von Po­li­tik ‚be­vor­mun­den‘ las­sen möch­te, also dar­auf be­harrt, die ei­ge­ne Sub­jek­ti­vi­tät un­ge­trübt von Kri­tik dar­stel­len zu kön­nen, schreibt man den glei­chen Blöd­sinn auf wis­sen­schafts­theo­re­tisch und gleich­zei­tig links­ra­di­kal, d.h. mit dop­pel­ter Jar­go­ni­tis als Ar­gu­men­ter­satz.“

Wie dargelegt kann eine objektive Erkenntnis die politische Bewertung des Erkannten nicht ersetzen oder vorwegnehmen. Die Zurückweisung der Bevormung der Politik durch die Wissenschaften tangiert daher weder den Anspruch der Wissenschaften auf Objektivität noch deren Objektivität, soweit sie denn tatsächlich gegeben ist.

„Den Ver­gleich wie De­cker im oben ver­link­ten Text ein­fach zu ma­chen, das ist eines links­ra­di­ka­len Wis­sen­schafts­hei­nis selbst­ver­ständ­lich nicht wür­dig. Statt­des­sen schlägt er sich damit herum, ob man einen sol­chen Ver­gleich ma­chen kann (man kann!) und was man dabei nicht ma­chen kann (gleich­set­zen!).“

Auch die Gleichsetzung kann gemacht werden, nur ist sie (wissenschaftlich) unzutreffend und (politisch) falsch.

„wes­halb es Quatsch ist, das Re­sul­tat Nich­ti­den­ti­tät als me­tho­di­sche Vor­schrift vor­weg­zu­neh­men.“

‚Vorwegnahme‘?! – nach soundsoviel Jahre Forschung zum Nationalsozialismus?

„Womit dann der Moral von der Ge­schich­te der Boden be­rei­tet ist“

Argument? Begriffs-Definition? – Ist nach Ansicht der Antidemokratischen Aktion jede politische Bewertung des Existierenden oder ehemals Existierenden oder politischer Zielsetzungen per se moralisch und daher zu unterlassen? Verfolgt die Antidemokratische Aktion politische Ziele? Drückt „Aktion“ im blog-Namen politisches Handeln und „antidemokratisch“ eine Zielbeschreibung aus? Und falls ja, wie begründet sie ihre Zielsetzungen? Falls nein, welchen Status haben die Bestandteile des blog-Namens dann statt desen?

„Und schon ist auch der ra­di­ka­len Lin­ken als Dienst­an­wei­sung für gutes ra­di­ka­les Links­sein die Na­tio­nal­moral vom guten de­mo­kra­ti­schen Na­tio­na­lis­mus vs. den schlech­ten (neo-)na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen mal wie­der ins Stamm­buch ge­schrie­ben“

Daß auch das kleinere Übel ein Übel ist, ändert nichts daran, daß sich Unterschiede zwischen verschiedenen Übel feststellen und sich diese auch quantitativ und qualitativ auf den Begriff den Begriff bringen lassen.

Bitte Lenins Linksradikalismus-Kritik lesen, dabei und anschließend denken und nächstes Mal etwas Durchdachtes schreiben.

Heute gesehen (16.8.)

1. einen neuen blog: für einen Antirepressions-Kongreß 2010; mit einer präzisen „deadline for submission“ von Vorschlägen für Kongreß-Beiträge: „October 9th, 2009 Midnight (23:59) UTC“. – Das stimmt mich ja hoffnungsvoll für die Zukunft des Leninismus; werde jedenfalls einen Vorschlag einreichen, falls noch etwas genaueres zur Fragestellung des Kongresses veröffentlicht wird.
3. Die Dokumentation einer Analyse eines Arbeitskampf in der Ukraine durch die Gruppe Internationaler SozialistInnen:

„Was ist der grundlegende Unterschied zwischen der Forderung nach Verstaatlichung auf der einen Seite und dem Kampf für konkrete materielle Forderungen auf der anderen? Die Forderung nach Verstaatlichung, d.h. der Überführung des Unternehmens in Staatseigentums (bzw. des bürgerlichen Staates da es keinen anderen gibt) impliziert den Kampf für eine alternative kapitalistische Strategie, […].
Wenn wir die Chance gehabt hätten am Kampf teilzunehmen hätten wir folgendes vorgeschlagen:
• Übernahme der Fabrik unter der Autorität einer Arbeiterversammlung.
• Rückführen der ausgelagerten Gerätschaften (hier müssen wir anmerken, dass in der Fabrik 1500 Arbeiter beschäftigt sind. Zusammen mit ihren Familien und Freunden war das eine bedeutende Kraft, die angesichts der dreifachen Krise in der Ukraine gute Chancen hatte ihre Forderungen gegenüber den Behörden durchzusetzen).
• Die Forderung nach sofortiger Auszahlung der ausstehenden Löhne.
• Agitation für Betriebsbesetzungen durch Arbeiterkollektive in anderen Städten und anderen Unternehmen in Cherson und der Ukraine.
• Versuch der Schaffung eines Arbeiterrates in Cherson.“

4. Die Fortsetzung der Diskussion beim Mädchenblog über das rassistische Grüne Wahlplakat in Kaarst.
5. das allerneuste ‚Argument‘ von Eintagsfliege:

„Ein letztes mal zu dir, Detlef, ich schalte deine Trackbacks nicht frei, weil ich kein Interesse an der Auseinandersetzung mit Politclowns wie dir habe. Weil bei dir Politik und Brotjob zusammengehören, kann ich mir auch nicht vorstellen, wie eine Auseinandersetzung zwischen uns überhaupt fruchtbar sein sollte. Du musst ja schon aus ernährungs-technischen Gründen auf deinem Standpunkt beharren, warum sollte ich da argumentieren.
Btw.: Du verhöhnst den ganzen Tag die Opfer des Holocaust ohne es zu wissen. Da sieht man mal wie mächtig Sprache ist.“

Noch einmal: Grüner Rassismus

Im Nachgang zum hiesigen Beitrag von vorgestern (Nr. 2) habe ich mich heute an der Diskussion beim Mädchenblog über die Grünen Wahlplakate in Kaarst beteiligt.

Erst schickte ich den folgenden Kommentar, dann antwortete apostel dreimal und schließlich ich noch zweimal, apostel drei weitenre Male und ich noch einmal: (mehr…)

Heute gelesen (14.8.)

1. daß lysis auf weitere Termine der Buchvorstellung „Homophober Moslem, toleranter Westen?“ hinweist (17. und 20. Aug., 26. Okt. – in Hannover, Erfurt und Göttingen; weitere Veranstaltungen sind geplant).

null

2. Normalzustand Rot eine Blüte der Reichtumsanalyse (Freude am Haustier = 78.640 Pfund) de-konstruiert.
3. Eintagsfliege anscheinend die Trackbacks aufgrund meiner Anmerkungen vom 11.8. (Nr. 7) und 12.8. (Nr. 1) gelöscht hat. – Eintagsflieges Argumente werden immer besser.
4. es bei der Mädchenmannschaft
a) eine Serie WWW Girls, in der bloggerinnen und ihre blogs vorgestellt werden, heute Floras blog,
und
b) eine Rezensions-Reihe Feministische Bibliothek, wo gestern das im Wagenbach Verlag erschienene Buch die Vulva vorgestellt wurde,
gibt.

null

5. Emanzipation oder Barbarei Bahamas‘ Gewerkschaftsfeindlichkeit vorführt. Ergänzend sei angemerkt, daß Sätze wie dieser Bahams-Satz

„Heute ist nämlich der segregierende Charakter der Krisenprävention im Racket-Staat so deutlich wie nicht mehr seit 1945 zu sehen: Durch den Ausschluss derer, die nicht rechtzeitig oder durch den Verzicht auf ihre Jugend und quälende Job-Castings (Praktika) in die Brutto- (nicht: Netto!) Hochlohn-Maschinerie hineingekommen sind.“

nicht nur als (neo)liberal zu verbuchen sind, sondern genauso gut auch mit einer linksradikalen – im Namen eines aus der ArbeiterInnenklasse hinausdefinierten ‚Prekariats‘ o.ä. vorgebrachten – Gewerkschaftskritik konvergieren.

6. nicht nur die Grünen rassistische Wahlplakate kleben (siehe hier [Nr. 2] und hier), sondern auch die CDU Thüringen dem rassistischen Druck der dortigen NPD nachzugeben scheint. Jedenfalls erscheint der schwarze CDU-Integrationsbeauftragte auf dem neuen, ansonsten kaum veränderten CDU-Plakat nicht mehr: siehe Thüringer Blogzentrale – bemerkt Dank: Thüringenwahl; siehe nunmehr aber das update der Blogzentrale. Unklar bleibt in welchem Verhältnis das anscheinend neue (hochformatige) Bildplakat und das neue hochformatige Textplakat stehen, die anscheinend beide das querformatige Bildplakat mit dem Integrationsbeauftragten ablösen.

Konsequenzen ohne Einsicht

Was macht gute Analysen aus?

Folgende Zitatesammlung hatte ich am 17.8. – quasi als Dreingabe zu meinem Text Linke Kapitalismuskritik muss treffender werden – bei linksaktiv geposted und rief dort 26 Kommentare hervor. Da die Zitatesammlung vielleicht auch im Kontext der Kontroverse zwischen ‚Antideutschen‘ und ‚Anti-Antideutschen‘ bzw. ‚AntiimperialistInnen‘ und ‚Anti-AntiimperialistInnen‘ von Interesse ist, sei sie auch hier noch mal veröffentlicht.

1. Nicht moralische Fehlhaltung von Personen denunzieren, sondern gesellschaftliche Verhältnisse analysieren

Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, […], den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.
[Marx: Das Kapital, S. 9. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3323 (vgl. MEW Bd. 23, S. 16)]

meine analytische Methode, die nicht von dem Menschen, sondern der ökonomisch gegebnen Gesellschaftsperiode ausgeht,“ (Marx)

2. Nicht über Absichten spekulieren, sondern Handlungen analysieren

„Wollen wir Turati, dem Reformisten, Turati, dem Anhänger Kautskys, glauben, daß es nicht seine Absicht war, den Krieg zu rechtfertigen. Wer wüßte aber nicht es in der Politik nicht auf Absichten ankommt, sondern auf Taten? nicht auf fromme Wünsche, sondern auf Tatsachen? nicht auf das, was man sich einbildet, sondern auf das, was wirklich ist?“ (LW 23, 187; engl. [1])

Während im gewöhnlichen Leben jeder Shopkeeper sehr wohl zwischen Dem zu unterscheiden weiß, was Jemand zu sein vorgibt, und dem, was er wirklich ist, so ist unsre Geschichtschreibung noch nicht zu dieser trivialen Erkenntnis gekommen. Sie glaubt jeder Epoche aufs Wort, was sie von sich selbst sagt und sich einbildet.“ (Marx/Engels)

3. Der eigenen Überzeugung widersprechende Auffassungen nicht wegen vermeintlich dahinterstehender Absichten und Zwecke denunzieren, sondern sie in der Sache widerlegen

„Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrthümlich sie immer sein mag), sondern von aussen, ihr fremden, äusserlichen Interesse entlehnten Standpunkt zu accomodieren sucht, nenne ich ‚gemein‘“ (Marx, Theorien über den Mehrwert, MEW, Bd. 26.2, S. 112 zit. n. [2])

4. Nicht Glaubenssätze verbreiten, sondern Beweise liefern

„Der Artikel von G[eorg] L[ukács] ist ein sehr radikaler und sehr schlechter Artikel. […]. Es fehlt die konkrete Analyse ganz bestimmter historischer Situationen.“ (LW 31, 153)

„the most essential thing in Marxism, the living soul of Marxism, [is] the concrete analysis of concrete conditions“ (zit n. [3], dt. wie vorstehend S. 154 [?]).

„Viele Genossen reden den ganz Tag lang mit geschlossenen Augen ins Blaue hinein. Für einen Kommunisten ist das eine Schande. Wie kann denn ein Kommunist vor der Wirklichkeit die Augen verschließen, dafür aber den Mund voll nehmen? Unmöglich! Ausgeschlossen! Das Hauptgewicht auf die Untersuchungen legen! Schluß mit dem Geschwätz!“ (Mao [4])

5. Dabei aber nicht in den Empirismus verfallen

Es scheint das Richtige zu sein, mit dem Realen und Konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der Ökonomie mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Produktionsakts ist. Indes zeigt sich dies bei näherer Betrachtung [als] falsch. Die Bevölkerung ist eine Abstraktion, wenn ich z.B. die Klassen, aus denen sie besteht, weglasse. Diese Klassen sind wieder ein leeres Wort, wenn ich die Elemente nicht kenne, auf denen sie beruhn, z.B. Lohnarbeit, Kapital etc. Diese unterstellen Austausch, Teilung der Arbeit, Preise etc. Kapital z.B. ohne Lohnarbeit ist nichts, ohne Wert, Geld, Preis etc. Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre das eine chaotische Vorstellung des Ganzen, und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre. Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen. Der erste Weg ist <632> der, den die Ökonomie in ihrer Entstehung geschichtlich genommen hat. […]. Das letztre [= der zweite Weg] ist offenbar die wissenschaftlich richtige Methode.“ (Marx)

Anzunehmen […], nur die sinnliche Erkenntnis sei zuverlässig, die rationale Erkenntnis aber unzuverlässig – das hieße, den aus der Geschichte bekannten Fehler des ‚Empirismus‘ zu wiederholen. Der Fehler dieser Theorie liegt in der mangelnden Kenntnis dessen, daß die Sinnesangaben zwar eine Widerspiegelung gewisser Realitäten der objektiven Außenwelt […], jedoch nur etwas Einseitiges und Oberflächliches sind; eine solche Widerspiegelung ist unvollständig, […]. Zur vollständigen Widerspiegelung des Dinges in seiner Totalität, zur Widerspiegelung seines Wesens und seiner inneren Gesetzmäßigkeiten muß man durch den Denkprozeß mannigfaltige Sinnesangaben verarbeiten, […] – muß man den Sprung von der sinnlichen Erkenntnis zur rationalen Erkenntnis tun. Die so bearbeitete Erkenntnis ist nicht ärmer, nicht unzuverlässiger. Im Gegenteil, alles, was im Erkenntnisprozeß auf der Grundlage der Praxis wissenschaftlich verarbeitet worden ist, spiegelt – wie Lenin sagt – die objektiven Dinge tiefer, richtiger und vollständiger wider. Gerade das verstehen die vulgären Praktizisten nicht: Sie schätzen die Erfahrung hoch, achten aber die Theorie gering, infolgedessen können sie keine Übersicht über den objektiven Prozeß in seiner Gesamtheit gewinnen, fehlt ihnen die klare Orientierung, haben sie keine weitreichende Perspektive, berauschen sie sich an zufälligen Erfolgen und an einem Schimmer von Wahrheit. Leiteten solche Menschen die Revolution an, würden sie diese in eine Sackgasse führen.“ (Mao, Über die Praxis).

„der Umweg über die Theorie [zwingt …] den wissenschaftlichen Geist zu einer Kritik der Wahrnehmung“

„Die primäre Erfahrung, oder genauer gesagt, die erste Beobachtung ist immer ein erstes Hindernis für die wissenschaftliche Bildung. […]. Das Denken muß den unmittelbaren Empirismus überwinden. […] das erste System ist falsch. […].“

Die „Tatsachen [werden] im vulgären Wissen zu früh“ – vor der theoretischen Reflexion – „in die Begründung eingebracht“; „die Antwort [wird] gegeben, bevor man die Frage geklärt hat“(Gaston Bachelard zit. n. [5]).

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