Die Ruhrbarone – im Winde gedreht

Am 28. Mai 2008 hieß es bei den Ruhr­ba­ro­nen:

„[…] jen­seits des harm­lo­sen Fun-​​Raps hat die Band­breite ein ande­res Gesicht. Die Band, deren Mit­glie­der in Krei­sen der Gewerk­schafts­ju­gend und der Sozia­lis­ti­schen Jugend – Die Fal­ken – Rap-​​Workshops ver­an­stal­ten, ver­tritt eine gefähr­li­che Ver­schwö­rungs­le­gende: In ihrem Song ‘Selbst gemacht‘ machen die Musik­päd­ago­gen ‚die USA für den 11. Sep­tem­ber ver­an­wort­lich und wer­fen ihnen vor, Sol­da­ten geop­fert zu haben, um in den Zwei­ten Welt­krieg ein­zu­grei­fen‘, notierte SpOn schon Ende Novem­ber letz­ten Jah­res. Unter öffent­li­chem Druck bestä­tigt Bandbreiten-​​Rapper Wonja die­sen Spinner-​​Standpunkt auf You Tube noch ein­mal expli­zit: ‚Wenn man sich Berichte anguckt, dann wird es plau­si­bel, warum die Ame­ri­ka­ner Ter­ror­an­schläge auf ihre eige­nen Hoch­hä­ser ver­übt haben – Es gibt genü­gend Berichte im Inter­net, infor­miert Euch doch ein­mal dar­über.‘ Der­glei­chen Spin­nert­he­sen schei­nen unter Lin­ken bei­fall­wür­dig: Der Geschäfts­füh­rer der Duis­bur­ger Lin­ken, Wer­ner Wirt­gen lud die Band­breite zum tra­di­tio­nel­len Fisch­es­sen der Links­par­tei Ascher­mitt­wochs in die Rhein­hau­ser Tra­di­ti­ons­gast­stätte Holz­wei­ler. Bei­fall­spen­dende Par­tei­pro­mis der geschlos­se­nen Ver­an­stal­tung waren unter ande­rem der Bezirks­ge­schäfts­füh­rer der Gewerk­schaft Verdi Tho­mas Keuer und das Linkspartei-​​Landesvorstandsmitglied Edith Froese.“

Damals war die Ver­schwö­rungs­le­gende der Band noch „gefähr­lich“ und, daß diese „unter Lin­ken bei­fall­wür­dig“ zu sein schien, wurde mit wohl kri­tisch gemein­tem Ton­fall ver­merkt. Seit heute weht der Wind aus einer ande­ren Rich­tung – aller­dings wei­ter­hin gegen die Links­par­tei. Unter Ver­lin­kung von Theo­rie als Pra­xis schrei­ben die Ruhr­ba­rone:

„Des­we­gen ent­zog dem lin­ken Radio der Bun­des­ge­schäfts­füh­rer der Lin­ken, Diet­mar Bartsch, seine Sym­pa­thie. Es heißt: ‚Wenn es bei der Aus­strah­lung sol­cher Lie­der und Aus­sa­gen bleibt, dann wer­den wir das Gruß­wort und die Geneh­mi­gung für die Ver­wen­dung des Logos zurück­zie­hen.‘ Jetzt ist die Frage, wie geht die Links­par­tei mit Rund­funk um? Hat sie die Größe, auch Scheiße zu ertra­gen? Oder gebär­det sie sich wie ein bestall­ter Rund­funk­rat aus dem katho­li­schen länd­li­chen Raum, der am liebs­ten jed­wede Play­list mit sei­nem Pas­tor abspre­chen würde?“

Daß ein lin­kes Radio – anders als ein öffentlich-​​rechtlicher Sen­der mit Rund­funk­rat – gerade nicht auf die Repro­duk­tion des gesell­schaft­li­chen Plu­ra­lis­mus in sei­ner gan­zen Band­breite ver­pflich­tet ist, son­dern ganz andere Maß­stäbe an seine Sen­de­ent­schei­dun­gen anle­gen sollte, wurde hier bereits dar­ge­legt (Eine War­nung vor dem Zensur-​​Begriff; Über den Nut­zen von Defi­ni­tio­nen und ein paar andere Anmer­kun­gen) und soll des­halb nicht noch ein­mal wie­der­holt wer­den. -

Statt des­sen eine Erläu­te­rung, warum es mir nicht sinn­voll erscheint, das Stück Selbst gemacht in einem lin­ken Sen­der unkri­ti­siert zu spie­len. Zitat aus den lyrics:

Ihr woll­tet damals über Cuba ein Flug­zeug spren­gen,
und dann Fidel Cas­tro die­sen die Coup anhän­gen.
Ich denke dann an den Golf von Ton­kin in Viet­nam,
damals habt ihr behaup­tet man griffe euch an,
ein ande­res Unter­fan­gen dat war ziem­lich maka­ber,
eigne Leute geop­fert im Mas­sa­ker von Pearl Har­bor,
ja die bösen Japa­ner, die euch nur dabei hal­fen,
end­lich mit in den zwei­ten Welt­krieg ein­zu­grei­fen.

Dazu hier nur soviel: Was soll denn in die­sem Kon­text die Iro­nie „böse Japa­ner“?! Der japa­ni­sche Faschis­mus war ja wohl tat­säch­lich ‚böse‘, und folg­lich der II. Welt­krieg etwas ande­res als der Vietnam-​​Krieg. (Wären die USA neu­tral geblie­ben, folg­lich UK besiegt wor­den, wäre kei­nes­falls klar gewe­sen, daß die SU den Krieg gegen Nazi-​​Deutschland gewinnt.) In der Links­par­tei wird/​wurde (der Kon­flikt ist mehr oder min­der beige­legt) sich dar­über auf­ge­regt, daß das Linke Radio Stü­cke über die RAF sen­det (ohne daß die Kri­tikIn­nen son­der­lich interessiert[e], was die Stü­cke über die RAF aus­sa­gen; allein das Thema und, daß die Aus­sa­gen evtl. ‚miß­ver­stan­den‘ wer­den könn­ten, ließ die Alarm­glo­cken schril­len) – aber das wirk­lich ‚Schlimme‘ ist doch, das so ein Koket­tie­ren mit dem japa­ni­schen Faschis­mus (war anschei­nend gar nicht so ‚böse?!) – ver­mit­telt über das andere Stück (Die neue RAF) der glei­chen Band – mit der RAF in Ver­bin­dung gebracht wird (wie unzu­rei­chend auch immer wie­derum die Faschismus-​​Theorie und anti­fa­schis­ti­sche Stra­te­gie der RAF war)!
In dem – in dem alten Ruhrbarone-​​Text erwähn­ten – YouTube-Bei­trag wird gel­tend gemacht, daß das Stück ja nicht über die Betei­li­gung der USA am Zwei­ten Welt­krieg sei, son­dern dar­über, wie die USA ihre Kriege ein­lei­ten und begrün­den wür­den. Dazu ist fol­gen­des zu sagen:
► Es erklärt nicht die iro­ni­sche Rede über die „bösen Japa­ner“. Der japa­ni­sche Faschis­mus war tat­säch­lich mit Nazi-​​Deutschland ver­bün­det, und die japa­ni­sche Armee griff tat­säch­lich Pearl Har­bor an. (Auch die diver­sen Ver­schwö­rungs­theo­rien zu Pearl Har­bor behaup­ten nicht, die USA hat­ten den Angriff „selbst gemacht“, son­dern nur, es sei unter­las­sen wor­den, ihn zu ver­hin­dern /​ erfolg­reich abzu­weh­ren, obwohl es mög­lich gewe­sen wäre.1)
► Die Aus­flucht, die Kriegs­be­tei­li­gung selbst sei ja nicht das Thema, ent­wer­tet selbst die Rele­vanz der gan­zen Ver­schwö­rungs­theo­rien: Wenn die Betei­li­gung der USA am Zwei­ten Welt­krieg rich­tig war, obwohl sie nach Ansicht von die­band­breite auf einer Mani­pu­la­tion der US-​​Öffentlichkeit beruhte, dann läßt sich auch aus etwai­gen wei­te­ren Ver­schwö­run­gen nichts für oder gegen die Richig­keit wei­te­rer Kriege der USA ablei­ten. Diese Ver­schwö­rungs­theo­rien sind bes­ten­falls ein Neben­kriegs­schau­platz, wes­halb sie hier auch nicht im Detail dis­ku­tiert wer­den sol­len.
► Schließ­lich belegt die pau­schale Rede in dem YouTube-Bei­trag von „wie die USA in Kriege ein­tre­ten – näm­lich vor­nehm­lich oder so gut wie immer mit einer Lüge“ /​ „wie die USA gene­rell“ genau den Antiamerikanismus-​​Vorwurf, gegen den die Band dort ver­sucht, sich zu ver­wah­ren. Mit der­ar­ti­gen For­mu­lie­run­gen wird ein Aspekt, der auch eine Rolle spie­len kann, zu dem cha­rak­te­ris­ti­schen Aspekt, zu dem lei­ten­den Hand­lungs­mus­ter gemacht („vor­nehm­lich oder so gut wie immer“ /​ „gene­rell“) – und gleich­zei­tig nicht dar­über gespro­chen,
daß a) einer­seits Lügen und Halb-​​Wahrheiten wahr­schein­lich in so ziem­lich jeder Kriegs­pro­pa­ganda vor­kom­men (sodaß es falsch ist, die daran zu übende Kri­tik spe­zi­fisch auf die USA zuzu­spit­zen; und es auch falsch ist, sol­che Metho­den ein­fach mora­lisch zu ver­ur­tei­len, ohne zu berück­sich­ti­gen, in wel­chen poli­ti­schen Zwän­gen und Struk­tu­ren sie zur Anwen­dung kom­men)
und ande­rer­seits b) es aber immer auch eine plu­ra­lis­ti­sche us-​​amerikanische Öffen­lich­keit gab, in der diese Kriegs­ent­schei­dun­gen kon­tro­vers dis­ku­tiert und auch sol­che Ver­schwö­rungs­theo­rien ver­brei­tet wer­den dürf­ten und dür­fen (was nicht bei jeder kriegs­füh­ren­den Macht der Fall ist).
Ich hatte kürz­lich unter der Über­schrift Linke Kapi­ta­lis­mus­kri­tik muß tref­fen­der wer­den geschrie­ben. Hier sei hin­zu­ge­fügt: Auch die Kri­tik am Impe­ria­lis­mus im all­ge­mei­nen und dem US-​​Imperialismus im beson­de­ren muß tref­fen­der wer­den. Und es ist schwie­rig, wenn nicht unmög­lich, die USA-​​Kritik von die­band­breite über­haupt noch als linke Kri­tik zu iden­ti­fi­zie­ren.

Sehr ergrei­fend auch, datt damals ira­ki­schen Sol­da­ten
in Kran­ken­häu­sern Babys aus den Brut­käs­ten tra­ten,
s war n Fake, ne Fäl­schung, ein PR-​​Gag von euch,
doch hat dat für den Ein­tritt in den Golf­krieg gereicht.
Und da macht ihr’s mir leicht, mit dem 11. Sep­tem­ber,
denn an eurem Ver­hal­ten hat sich gar nix geän­dert.

Nur daß Al-​​Qaida gar nicht bestrei­tet, es gewe­sen zu sein.2 Das macht doch alle Spe­ku­la­tio­nen weit­ge­hend über­flüs­sig.

Zwei wei­tere Län­der legt ihr gleich­sam in Eisen,
führt nen Krieg im Irak mit gefälsch­ten Bewei­sen.

Refrain
Habt ihr dat viel­leicht selbst gemacht?
Den Ter­ror sel­ber in die Welt gebracht?
Ja, ihr hat­tet doch damals die­sen Think Tank
isset drin, datt ihr da an die­ses Ding denkt?
Habt ihr dat viel­leicht selbst gemacht?
Habt ihr dabei an dat Geld gedacht?
Habt ihr dafür die eige­nen Leute getö­tet,
weil ihr dat Öl da drü­ben so drin­gend benö­tigt?

Was hat es für einen Sinn, sol­che Fra­gen zu stel­len, ohne sie zu beant­wor­ten? Und was ist mit dem Unter­schied zwi­schen „selbst gemacht“ und „aus­ge­nutzt“? – Was sich in dem Stück viel­leicht noch als skep­ti­sche Nach­fra­gen ver­ste­hen läßt, wird in dem YouTube-Bei­trag zur „Wahr­heit“, daß die USA selbst die Hoch­häu­ser zum Ein­sturz gebracht hät­ten…

Circa 2050 ist das Erdöl ver­braucht,[… etc.]

Das Erdöl mag 2050 ver­braucht sein, aber es wird durch Mili­tär­in­ter­ven­tio­nen auch nicht mehr.
Und die aller­meis­ten Erd­öl­pro­du­zen­ten, die nicht NATO-​​Mitglieder sind, dürf­ten ökono­misch mehr vom Ver­kauf ihres Erd­öls abhän­gig sein als die füh­ren­den impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten von ein­zel­nen Erd­öl­ex­por­teu­ren abhän­gig sind. Die ‚Erdöl-​​Waffe‘ des OPEC-​​Kartells erwies sich doch letzt­lich als schumpf.

Im übri­gen läßt sich Mili­tär­stra­te­gie doch nicht 1:1 aus ökono­mi­schen Inter­es­sen ablei­ten (eine hand­voll texa­ni­scher Erdöl-Kapitalist[Inn?]en steu­ern die Welt­ge­schichte – das ist doch absurd); mili­tä­ri­sche und poli­ti­sche Fak­to­ren bekom­men bei der Ent­schei­dung, Kriege zu füh­ren, ein Eigen­ge­wicht – was die Kriege der USA in Afgha­nis­tan und im Irak nicht bes­ser macht.

Die Suche nach einem steu­ern­den VerschwörerInnen-​​Zentrum ist als sol­ches des­ori­en­tie­rend, wenn es um die Ana­lyse gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nisse und Kämpfe in ihrer wirk­li­chen Kom­pe­xi­tät geht.

Gegen­über die­ser Des­ori­en­tie­rung ist nicht die heu­tige – auf die Links­par­tei gemünzte – Frage der Ruhr­ba­rone ange­bracht, „Hat sie die Größe, auch Scheiße zu ertra­gen?“, son­dern die Frage, warum bzw. ob es ein Lin­kes Radio als seine Auf­gabe ansieht, sol­che Des­ori­en­tie­rung – um des lie­ben Plu­ra­lis­mus und der Kunst­frei­heit wil­len – zu ver­brei­ten. Oder es viel­mehr als seine Auf­gabe ansieht, Posi­tion wie sie in dem hier ana­ly­sier­ten Stück for­mu­liert wer­den, zu kri­ti­sie­ren?

Dies sind poli­ti­sche statt pas­to­rale Fra­gen. -

PS.:
Ergä­zend sei noch auf meine Kri­tik der bio­lo­gis­ti­schen lyrics des Stücks Kein Sex mit Nazis ver­wie­sen.

PPS.:
Im blog des Lin­ken Radios heißt es: „Punk, Metall aber auch Hip Hop will eben eine deut­li­che Spra­che spre­chen und direkt kom­mu­ni­zie­ren!“ – Dage­gen ist nicht ein­zu­wen­den – nur wird eine falsch Posi­tion nicht dadurch rich­tig, daß sie deut­lich aus­ge­spro­chen wird.

  1. S. die von der Wiki­pe­dia refe­rierte Kri­tik an die­sen Ver­schwö­rungs­theo­rien. Ergän­zend ist zu erwä­gen, daß viel­leicht auch (und gerade) ein erfolg­reich abge­wehr­ter Angriff die US-​​Öffentlichkeit für einen Kriegs­ein­tritt mobi­li­siert hätte. [zurück]
  2. In dem YouTube-Video wird sich dage­gen auf eine Tali­ban (!)-Pres­se­kon­fe­renz beru­fen, in der diese die Anschläge angeb­lich „leug­nen“. Was das auch immer bedeu­ten soll (Leug­ne­ten sie, daß die Anschläge statt­ge­fun­den haben? Leug­ne­ten sie, daß sie es waren? Oder leug­ne­ten sie, daß es Al-​​Qaida war?) – es gibt m.W. jeden­falls keine Al-​​Qaida-​​Erklärung, in der diese die Täter­schaft bestrei­ten oder die Anschläge kri­ti­sie­ren. Was es gibt, ist allein ein angeb­li­ches Bin Laden-​​FAX von kurz nach den Anschlä­gen an eine afgha­ni­sche Nach­rich­ten­agen­tur, in der er allein – mehr oder min­der (er habe einen Eid geleis­tet, der ihm das ver­bie­ten würde; aber Eide kön­nen auch gebro­chen wer­den) – bestrei­tet, die Anschläge von Afgha­nis­tan aus orga­ni­siert zu haben („I am resi­ding in Afgha­nis­tan. I have taken an oath of alle­giance [to the Taliban’s spi­ri­tual lea­der, Mul­lah Moham­mad Omar] which does not allow me to do such things from Afgha­nis­tan“). S. im übri­gen noch ein­mal die Wiki­pe­dia zum Thema angeb­lich „Gefläsch­tes Geständ­nis“; Al-​​Qaida würde es sicher­lich nicht an Mög­lich­kei­ten feh­len, ein etwai­ges Dementi wirk­sam zu ver­brei­ten. [zurück]
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1 Antwort auf „Die Ruhrbarone – im Winde gedreht“


  1. 1 ich der linke 28. August 2009 um 17:43 Uhr

    Die Frösse SPINNT

    Fährt rum und droht anderen Kreisverbänden wen sie nicht das machen was sie will

    das ist diktatur

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