Die Linke, die Grünen, die sozialen Bewegungen und die Gewalt(-Diskussion)

In dem bereits erwähn­ten online-​​Forum erschien fol­gen­des state­ment zu dem im Bei­trag Immer wie­der Pro­bleme mit der RAF behan­del­ten Vor­gang:

„Ja ehr­lich gesagt pas­siert genau was ich befürch­tet habe, die Par­tei DIE LINKE geht einen ähnli­chen Weg wie einst Die Grü­nen, schade!

Ich schrieb dort dazu:

Die­ser Ver­gleich mag an vie­len Punk­ten stim­men. Aber was m.E. für eine rea­lis­tisch poli­ti­sche Ein­schät­zung gese­hen wer­den muß, ist: Im Punkt der Dis­kus­sion über poli­ti­sche Gewalt im all­ge­mei­nen und die RAF im beson­de­ren ist die Aus­gangs­lage der Grü­nen und der Links­par­tei fun­da­men­tal ver­schie­den:

++ Die Grü­nen hat­ten ihre Kon­tro­ver­sen über die Gewalt­frage, und sie ende­ten mit einer demons­tra­ti­ven Aner­ken­nung des staat­li­chen Gewalt­mo­no­pols.

++ Die PDS und die WASG haben nie­mals das staat­li­che Gewalt­mo­no­pol des (bür­ger­li­chen) Staa­tes in Frage gestellt; schon das ‚real­so­zia­lis­ti­sche‘ Lager hatte sich auf eine Stra­te­gie des fried­li­chen (und wohl auch lega­len) Übergangs fest­ge­legt.

++ Die Grü­nen sind aus der 68er Bewe­gun­gen (die ihre Erfah­run­gen mit gewalt­sa­men Demons­tra­tio­nen hatte [Oster­un­ru­hen nach dem Dutschke-​​Anschlag, Schlacht am Tegel Weg etc.]) und deren Nach­wir­kun­gen, den sog. neuen sozia­len Bewe­gun­gen der 70er und 80er Jahre, ent­stan­den.

++ Für diese Bewe­gun­gen mußte poli­ti­sches Han­deln nicht legal sein: Von ‚Schuld­be­kennt­nis­sen‘ abtrei­ben­der Frauen, über den Volks­zäh­lungs­boy­kott 1983 (?), über Sitz­blo­cka­den der Frie­dens­be­we­gung, bis zu Haus-​​ und Bau­platz­be­set­zun­gen und Schlach­ten an AKW-​​Bauplätzen, mili­tan­ten Aktio­nen aus den Bewe­gun­gen her­aus wie Strom­mas­ten umsä­gen und Bahn­stre­cken außer Funk­tion set­zen, Anschläge auf Aus­län­der­be­hör­den und Gen­la­bors (ohne Per­so­nen­ge­fähr­ung, wie die Revo­lu­tio­nä­ren Zel­len [RZ] und die Rote Zora sie durch­führ­ten], bis­hin letzt­lich zu den töd­li­chen Aktio­nen der RAF: Das war letzt­lich alles eine alter­na­tive bis links­ra­di­kale poli­ti­sche Kul­tur, die trotz aller Kon­tro­ver­sen über Gewalt­de­fi­ni­tio­nen (Gewalt gegen Per­so­nen /​ Gewalt gegen Sachen /​ Zivi­ler Unge­horm­sam) sowie über Ort, Zeit und Bedin­gun­gen des – wie auch immer defi­nier­ten oder euphe­mis­tisch benann­ten – Geset­zes­bruch deut­lich links von DKP/​SEW, SED und natür­lich SPD stan­den.

++ Die DKP hatte nur zu einer die­ser Bewe­gun­gen Kon­takt: zur Frie­dens­be­we­gung – und auch dort war nicht sie die Trä­ge­rin der Sitz­blo­cka­den, son­dern Chris­tIn­nen und links­li­be­rale Intel­lek­tu­elle.

++ Damit sind heute die Bedin­gun­gen für eine Aus­ein­an­der­set­zung der Links­par­tei mit der RAF ganz andere, als sie es für die Grü­nen waren. Die Grü­nen konn­ten und muß­ten sich lange Zeit einen Flü­gel leis­ten, der Ver­bin­dun­gen zu den links­ra­di­ka­len Tei­len der neuen sozia­len Bewe­gun­gen hatte.

++ Für das politische-​​kulturelle Spek­trum, das die Links­par­tei ganz über­wie­gend domi­niert (SED-​​, DKP-​​, DGB-​​ und SPD-​​Erfahrungen) sind das nahezu voll­stän­dig neue Fra­gen – woran auch ein paar quer Kon­takte zu attac (mit sei­ner aka­de­mi­schen Prä­gung) nichts ändern.

Ich sage nicht, daß es nicht wün­schens­wert sei, wenn doch noch die Tra­di­tio­nen der alten Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung und der sog. neuen sozia­len Bewe­gun­gen zusam­men­fin­den wür­den. Ich finde das sehr wün­schens­wert! Aber eine sol­che Ent­wick­lung läßt sich nicht mit ein paar Songs – nach dazu aus­ge­rech­net über die RAF, als der die Dis­kus­sion am meis­ten pola­ri­sie­ren­den Grup­pie­rung errei­chen.

Womit der zitierte Dis­kus­si­ons­bei­trag aller­dings so halb recht hat, ist fol­gen­des:

„Wenn eine Par­tei den Namen „DIE(!!!) Linke“ wählt, dann muss sie auch damit rech­nen dass sie das Ganze Spek­trum anzieht und bei sich hat, wenn Kräfte inner­halb der Par­tei damit nicht klar kom­men, dann finde ich dies eben­falls Schade, eine Chance wird ver­tan!“

Das von mir oben beschrie­bene Inte­gra­ti­ons­pro­blem ist sicher­lich nicht nur vom Lin­ken Radio unter­schätzt wor­den; sicher­lich hat sich auch die Par­tei­füh­rung nicht aus­rei­chend Gedan­ken dar­über gemacht, was es bedeu­tet zu bean­spru­chen, „DIE LINKE“ zu sein (und zwi­schen der ehe­ma­li­gen RAF und der Links­par­tei gibt es ja nun wirk­lich noch eine ganze Reihe von poli­ti­schen Spek­tren!).

Die poli­ti­sche inter­es­sante, aber mich nicht beson­ders opti­mis­tisch stim­mende Frage ist, ob nach einem kur­zen Flirt mit Breite es zu einer schnel­len Ent­täu­schung von jeweils ein­zel­nen Akteu­rIn­nen der unter­schied­li­chen Spek­tren kommt, oder ob der Wille und das poli­ti­sche Poten­tial vor­han­den ist, die­ses bis­her ver­dräng­ten Pro­blem über­haupt ein­mal zur Kennt­nis zu neh­men und anzu­ge­hen.

Und ich bin aus drei Grün­den nicht opti­mis­tisch:

a) auf­grund der von mir gemut­maß­ten Mehr­heit an Basis und in der Füh­rung der Links­par­tei.

b) auf­grund des weit­ge­hen­den Des­in­ter­es­ses der radi­ka­le­ren Teile der sozia­len Bewe­gun­gen an der Links­par­tei

c) weil diese radi­ka­le­ren Teile der sozia­len Bewe­gun­gen heute viel schwä­cher sind als in den Anfangs­jah­ren der Grü­nen.

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