Rechts-Staat gegen Rechts-Staat: Mythos 20. Juli

Vor 1 1/​2 Wochen fand in Ber­lin aus Anlaß des heu­ti­gen 20. Juli eine Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung1 statt. Bei der Ver­an­stal­tung refe­rierte u.a. Frank Brendle, der sich dafür auf sei­nen Buch­bei­trag in Gerd Wie­gel /​ Jan Korte (Hg.), Sicht­bare Zei­chen. Die neue deut­sche Geschichts­po­li­tik – Von der Täter­ge­schichte zur Opfe­rer­in­ne­rung, Pap­py­Rossa: Köln, 2009 stützte.1 Das Typo­skript lag bei der Ver­an­stal­tung aus. Dar­aus seien hier der erste Absatz des gesam­ten Tex­tes sowie der erste Absatz des auf die Ein­lei­tung fol­gen­den Abschnit­tes („Bünd­nischa­rak­ter des 20. Juli“) zitiert:

„Den Jah­res­tag des Offi­zier­sat­ta­ten­ta­tes auf Adolf Hit­ler vom 20. Juli 1944 zele­briert die Bun­des­wehr seit zehn Jah­ren mit einem pom­pö­sen ‚Fei­er­li­chen Gelöb­nis‘ in Ber­lin. Die Erin­ne­rung an die Mili­tär­ver­schwö­rung ist das Para­de­stück der bun­des­wehr­ei­ge­nen Tra­di­ti­ons­pflege. Die Sol­da­ten des 20. Juli wer­den den jun­gen Rekru­ten, aber auch der gan­zen Gesell­schaft als Vor­bil­der prä­se­niert, ‚weil sie ihr Gewis­sen über den vom Unrechts­staat gefor­der­ten Gehor­sam stell­ten', wie es auf der Home­page des Deut­schen Hee­res heißt. Die Mili­tärs als ‚anstän­di­ger Kern‘ der Wehr­macht: Diese Aus­sage wird auch von etli­chen Film­pro­duk­tio­nen der ver­gan­ge­nen Jahre, zuletzt ‚Val­ky­rie‘ mit Tom Cruise, auf­ge­stellt. Das ist aller­dings nur ein Mythos, und zwar einer der von der Bun­des­wehr mit Tar­nen und Täu­schen ver­tei­digt wird. Denn die Offi­ziere des 20. Juli wer­den nicht zuletzt zur Legit­mi­ta­tion für deut­schen Natio­nal­stolz und den Anspruch auf welt­weite mil­tä­ri­sche Inter­ven­tion gebraucht.“ (meine Hv.)

„Wie sehr die­je­ni­gen Offi­ziere, die sich spä­ter in der Ver­schwö­rung fan­den, nicht nur die Macht­über­tra­gung an die Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933, son­dern etli­che ihrer Maß­nah­men begrüß­ten und sowohl macht-​​ als auch ras­se­po­li­ti­sche Ziele und Ideo­lo­geme der Nazis teil­ten, hat die bun­des­deut­sche Geschichts­wis­sen­schaft erst nach lan­gem Zögern auf­zu­ar­bei­ten begon­nen. Die Bun­des­wehr hinkt, was diese Auf­ar­bei­tung angeht, beson­ders weit hin­ter­her. In ganz beson­de­rem Maße gilt dies für die von den Ver­schwö­rern zu ver­ant­wor­ten­den Kriegs­ver­bre­chen.“

Wei­tere Infor­ma­tio­nen zu den Hin­ter­grün­den des Putsch­ver­su­ches fin­den sich auf der Seite http://​www​.bamm​.de/​g​e​l​o​e​b​n​i​x​/​h​i​n​t​e​r​g​r​u​ende/ (u.a. mit einem Auf­satz von Frank Stern in der Zeit­schrift für Geschichts­wis­sen­schaft).

Bleibt nur nach­zu­tra­gen, daß nicht nur die Offi­ziere des 20. Juli im Namen des Rechts­staats han­del­ten2, son­dern auch die Nazis den mora­lisch auf­ge­la­de­nen Begriff des Rechts­staats für sich rekla­mier­ten, der gegen­über die Wei­ma­rer Repu­blik ein blo­ßes Geset­zes­staat, ein Staat der Herr­schaft des par­la­men­ta­ri­schen Geset­zes war:

1934 wandte sich Carl Schmitt – zwecks Abwehr von Kri­tik am NS – gegen „for­male Metho­den, Grund­sätze, Nor­men und Ein­rich­tun­gen […], die aus dem Rechts­staat einen blo­ßen Geset­zes­staat machen“3. Und im glei­chen Sinne und im glei­chen Jahr stellte Hein­rich Lange „den inne­ren Wert des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Rechts­staa­tes der äuße­ren Form eines lee­ren Gesetzes-​​ und Machts­staa­tes ent­ge­gen“4.
Auch Roland Freis­ler warf dem „liberal-​​bürgerliche Geset­zes­staat“ vor, „sich der Bezeich­nung ‚Rechts­staat’ zu Unrecht bemäch­tigt“ zu haben.5
Otto Koell­reut­ter sprach vom „natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Rechts­staat“, Hans Frank vom „deut­schen Rechts­staat Adolf Hit­lers“6.
Die­ser Wen­dung schloß sich 1935, um ihn ein wei­te­res Mal zu zitie­ren, Carl Schmitt an:

„Durch deut­li­che Bei­worte, wie ‚natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Rechts­staat‘ oder ‚natio­nal­so­zia­lis­ti­scher deut­scher Rechts­staat‘, am klars­ten durch die For­mel des Reichs­ju­ris­ten­füh­rers Hans Frank, ‚Der deut­sche Rechts­staat Adolf Hit­lers‘ 2), wird der tiefe Bedeu­tungs­wan­del außer Zwei­fel gestellt. In mei­nem Auf­satz ‚Der Rechts­staat‘, der in dem von Hans Frank her­aus­ge­ge­be­nen, soeben ver­öf­fent­lich­ten ‚Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Hand­buch für Recht und Gesetz­ge­bung‘ (Mün­chen 1935) erschie­nen ist, bin ich die­ser Umprä­gung eben­falls gefolgt.“

2) Deut­sches Recht, 1934, S. 120.

Vgl. zum natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Rechts-​​ und Rechtsstaats-​​Begriff auch noch http://userpage.fu-berlin.de/~dgsch/docs/StaR-P_w_2_Ueb_zumF-Stand.pdf, S. 58-​​60.

Nach­trag:

S. außer­dem noch von der Gruppe never­go­ing­home:

Frag­wür­dige Tra­di­ti­ons­li­nien. Stauf­fen­berg und der 20. Juli 1944 im deut­schen Erin­ne­rungs­dis­kurs (Bro­schüre als .pdf-​​Datei)

sowie

Vor­trag: Stauf­fen­berg – Natio­na­ler Wider­stand

und dazu die engl. sum­mary (‘Val­ky­rie’: Cruise as “Nazi Light”).

  1. „Seit den Debat­ten um Ver­trei­bung und Bom­ben­krieg haben sich die öffent­li­che Erin­ne­rung und die staat­lich legi­ti­mierte Gedenk­po­li­tik von den NS-​​Verbrechen weg­be­wegt. In den Mit­tel­punkt sind die deut­schen Opfer gerückt. Deutsch­land wird so zum Teil einer inter­na­tio­na­len Opfer­ge­mein­schaft und zieht aus den Schre­cken der Ver­gan­gen­heit die mora­li­sche Recht­fer­ti­gung sei­ner heu­ti­gen Poli­tik. Gleich­zei­tig soll ein ein­sei­ti­ger Blick die weit­ge­hende Gleich­set­zung von DDR und Drit­tem Reich fest­schrei­ben. Diese geschichts­po­li­ti­schen Stränge wer­den der­zeit in feste For­men gegos­sen und das im wört­li­chen Sinne. Mit dem »Sicht­ba­ren Zei­chen gegen Ver­trei­bung«, dem Einheits-​​ und Frei­heits­denk­mal oder dem »Ehren­mal« für die Toten der Bun­des­wehr wer­den zur Zemen­tie­rung die­ses ver­än­der­ten Geschichts­bilds eine Reihe neuer Erin­ne­rungs­orte geplant. Trotz­dem gehen die Deu­tungs­kämpfe um die neuere deut­sche Geschichte wei­ter. Die­sen Deu­tungs­kämp­fen gehen die Auto­rIn­nen nach.“ (
    http://​www​.papy​rossa​.de/​s​i​t​e​s​_​n​e​u​e​r​s​c​h​/​n​e​u​e​r​2​0​0​9​h​_​d​i​r​e​k​t.htm) [zurück]
  2. Vgl. dazu affir­ma­tiv: Frank Schind­ler, Pau­lus van Husen im Krei­sauer Kreis. Ver­fas­sungs­recht­li­che und ver­fas­sungs­po­li­ti­sche Bei­träge zu den Plä­nen der Krei­sauer für einen Neu­auf­bau Deutsch­lands (Rechts-​​ und Staats­wis­sen­schaft­li­che Ver­öf­fent­li­chun­gen der Görres-​​Gesellschaft N.F. Bd. 78 hrsg. von Alex­an­der Hol­ler­bach /​ Hans Maier /​ Paul Mikat): Schö­ningh: Paderborn/​München/​Wien/​Zürich, 1996 (zugl. Diss. Uni Ham­burg, 1995), im inter­net aus­zugs­weise (S. 61 – 74) unter: http://​www​.gewal​ten​tei​lung​.de/​s​c​h​i​n​d​l​e​r.htm. [zurück]
  3. Natio­nal­so­zia­lis­mus und Rechts­staat, in: Juris­ti­sche Wochen­schrift 1934, 713 – 718 (714). [zurück]
  4. Hein­rich Lange, Vom Geset­zes­staat zum Rechts­staat. Ein Vor­trag, Mohr: Tübin­gen, 1934, 3. [zurück]
  5. Stich­wort „Rechts­staat“, in: Erich Volk­mar /​ Alex­an­der Els­ter /​ Gün­ther Küche­hof (Hg.), Die Rechts­ent­wick­lung der Jahr 1933 bis 1935/​36. Zugleich Hand­wör­ter­buch der Rechts­wis­sen­schaft. Bd. VIII: Der Umbruch 1933/​36, de Gruy­ter: Berlin/​Leipzig, 1937, 568 – 577 (574). [zurück]
  6. Beide zit. n. Inge­borg Maus, Ent­wick­lung und Funk­ti­ons­wan­del der Theo­rie des bür­ger­li­chen Rechts­staats, in: Mehdi Toh­idi­pur (Hg.), Der bür­ger­li­che Rechts­staat, Suhr­kamp: Frank­furt am Main, 1978, 13 – 81 = Inge­borg Maus, Rechts­theo­rie und Poli­ti­sche Theo­rie im Indus­trie­ka­pi­ta­lis­mus, Fink: Mün­chen, 1986., 11 – 82 – jew. 74, FN 191. [zurück]
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