Archiv für Januar 2009

Von der Ausschließung zum Klassenkampf?

Wie kön­nen wir zumin­dest einen Teil der Aus­wir­kun­gen der neo­li­be­ra­len Umstruk­tu­rie­rung von Sozi­al­staat und Ökono­mie auf den Begriff brin­gen, und was lässt sich dage­gen viel­leicht sogar tun? Mit der ers­ten Frage, deren Beant­wor­tung auch die Beant­wor­tung der zwei­ten Frage zumin­dest erleich­tern dürfte, beschäf­tigte sich kürz­lich das Inter­na­tio­nale For­schungs­zen­trum Kul­tur­wis­sen­schaft in Wien. Gela­den waren Heinz Bude, Prof. für Makro­so­zio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Kas­sel, die pro­mo­vierte Sozi­al­ethi­ke­rin Michaela Moser von der öster­rei­chi­schen Armuts­kon­fe­renz und dem Euro­pean Anti-​​Poverty Net­work, der eme­ri­tierte Kri­mi­nal­so­zio­loge Heinz Stei­nert (Johann Wolf­gang Goethe-​​Universität Frankfurt/​Main) sowie Prof. Hilde Weiss vom Insti­tut für Sozio­lo­gie der Uni­ver­si­tät Wien. Bei der Tagung sollte es „um die Lage jener Bevöl­ke­rungs­grup­pen, die mit unschar­fen Begrif­fen wie ‚Pre­ka­riat’, ‚Unter­schicht’ oder ‚Moder­ni­sie­rungs­ver­lie­re­rIn­nen’ bezeich­net wer­den“ gehen.[1]

Die Arbeit an der Schär­fung der Begriffe haben die gela­de­nen Sozi­al­wis­sen­schaft­le­rIn­nen und sozi­al­po­li­ti­schen Akteu­rIn­nen (Heinz Bude bekannte sich als Schrö­de­ria­ner, der auch jetzt die von ihm bewor­bene Agenda 2010-​​Politik für rich­tig hält) weder den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten noch den sozia­len Bewe­gun­gen abge­nom­men. Auch wenn Stei­nert dem (von ihm im übri­gen kri­tisch behan­del­ten) Ausschließungs-​​Begriff sei­nen „dyna­mi­schen“ Cha­rak­ter zugute hielt, so war bei der Tagung doch kaum von dem Pro­zess der Aus­schlie­ßung (und, wenn doch, dann von ver­meint­li­cher Selbst-​​Ausschließung) die Rede. Viel­mehr wurde „Aus­schlie­ßung“ als Syn­onym für das Ergeb­nis „Aus­schluss“ und selbst für die Gruppe der ver­meint­lich „Aus­ge­schlos­se­nen“ ver­wen­det. Was nicht gese­hen wurde, ist, dass auch die­ses Außen ein der­ri­da­sches Außen, ein kon­sti­tu­ti­ves Außen, ist. Die Gesell­schaft ist weder ein Ding noch eine Ansamm­lung von Indi­vi­duen, son­dern ein Ver­hält­nis – zwi­schen Grup­pen in Bezug auf Dinge (Produktionsmittel)[2]. Und die­ses Ver­hält­nis sind Ausbeutungs-​​ und Herr­schafts­be­zie­hun­gen.

Von Aus­beu­tung und Herr­schaft war frei­lich bei der Tagung nicht, ist auch ansons­ten in der Dis­kus­sion über „soziale Aus­schlie­ßung“, „Unter­schicht“ etc. kaum die Rede. Das Podium in Wien war mit vier reprä­sen­ta­tive Figu­ren die­ser Dis­kus­sion besetzt: Dem Ideo­lo­gie­kri­ti­ker, der mora­lisch Betrof­fe­nen, der empi­ri­schen Sozi­al­for­sche­rin und dem, der sich im Blick nach unten selbst erhebt.

Voll­stän­di­ger Text bei
http://​www​.attac​.de/​f​i​l​e​a​d​m​i​n​/​u​s​e​r​_​u​p​l​o​a​d​/​K​a​m​p​a​g​n​e​n​/​K​a​p​i​K​o​n​/​T​e​x​t​e​/​S​c​h​u​l​z​e.pdf
und
http://www.grundrisse.net/grundrisse29/Ausschlie%C3%9Fung_zum_Klassenkampf.htm.

Vorschlag zur korrigierten Übersetzung eines Foucault-Zitates: Universale vs. spezifische Intellektuelle

Ich möchte vor­schla­gen, die­ses Foucault-​​Zitat

„On l1’écou­tait, ou il pré­ten­dait se faire écou­ter comme repré­sen­tant de l’universel. Être intel­lec­tuel, c’était être un peu la con­sci­ence de tous. Un nou­veau mode de liai­son entre la thé­o­rie et la pra­ti­que s’est établi. Les intel­lec­tu­els ont pris l’habitude de tra­vail­ler non pas dans l’universel, l’exemplaire, le juste-​​er-​​vrai-​​pour-​​tous, mais dans de secteurs déter­mi­nés, en des points pré­cis […]. Ils y ont gagné à coup sûr une con­sci­ence beau­coup plus con­crète et immé­diate des lut­tes. […] ; c’est ce que j’appellerais l’intellectuel spé­ci­fi­que par oppo­si­tion à l’intellectuel uni­ver­sel. […]. On peut sup­po­ser que l’intellectuel uni­ver­sel tell qu’il a fonc­tionné au XIXe siè­cle est en fait dérivé d’une figure his­to­ri­que bien par­ti­cu­lière : l’homme de justice, […], celui qui au pou­voir, au des­po­tisme, aux abus, à l’arrogance de la rich­esse oppose l’universalité de la justice […]. L’intellectuel uni­ver­sel dérive du juriste-​​notable et trouve son expres­sion la plus pleine dans l’écrivain, por­teur de signi­fi­ca­ti­ons et de val­eurs où tous peu­vent se recon­naître. L’intellectuel spé­ci­fi­que dérive d’une toute figure, non plus le juriste-​​notable, mais le savant-​​expert.“
(Entre­tien avec Michel Fou­cault, in Michel Fou­cault, Dits et Écrits. Tome III, Galli­mard : Paris, 1994, 140 – 160 [154, 156]).

fer­ner­hin wie folgt zu über­set­zen:

„Man hörte ihn [den auf Sei­ten der sog. Lin­ken ste­hen­den Intel­lek­tu­el­len] als Reprä­sen­tan­ten des Uni­ver­sel­len, oder er bean­spruchte, als sol­cher Gehör zu bekom­men. Intel­lek­tu­el­ler sein hieß ein wenig das Gewis­sen aller zu sein. […]. Es ist eine neue Art der Ver­bin­dung von Theo­rie und Pra­xis ent­stan­den. Die Intel­lek­tu­el­len haben sich ange­wöhnt, ihre Arbeit nicht mehr im Uni­ver­sel­len, im Exem­pla­ri­schen, im ‚Wahren-​​und-​​Gerechten-​​für-​​alle’ anzu­sie­deln, son­dern in bestimm­ten [déter­mi­nés] Berei­chen, an genauen [pré­cis] Punkte, […]. Damit haben sie mit Sicher­heit ein viel kon­kre­te­res, unmit­tel­ba­re­res Bewußt­sein von den Kämp­fen gewon­nen. […]. Und die­sen Typ würde ich im Gegen­satz zum ‚uni­ver­sa­len’ Intel­lek­tu­el­len den ‚spe­zi­fi­schen’ Intel­lek­tu­el­len nen­nen. […]. Es ist zu ver­mu­ten, daß der ‚uni­ver­sale’ Intel­lek­tu­elle, so wie es ihn im 19. und Anfang des 20. Jahr­hun­derts gab, von einer recht eigen­tüm­li­chen his­to­ri­schen Gestalt abstammt, näm­lich dem Mann der Gerech­tig­keit, […], von dem der der Macht, dem Des­po­tis­mus, den Miß­bräu­chen und der Arro­ganz des Reich­tums die Uni­ver­sa­li­tät der Gerech­tig­keit […] ent­ge­gen­stellte. Der uni­ver­sale Intel­lek­tu­elle stammt von dem Rechts­kun­di­gen als Wür­den­trä­ger [juriste-​​notable] ab und fin­det sei­nen voll­kom­mens­ten Aus­druck im Schrift­stel­ler, dem Trä­ger von Bedeu­tun­gen und Wer­ten, in denen sich alle wie­der­er­ken­nen kön­nen. Der spe­zi­fi­sche Intel­lek­tu­elle stammt von einer ande­ren Figur ab, nicht mehr dem Rechts­kun­di­gen als Wür­den­trä­ger [juriste-​​notable], son­dern dem Wis­sen­schaft­ler als Exper­ten [savant-​​expert].“

Die­ser Vor­schlag ent­stand im Jan. 2009 mit Unter­stüt­zung von Anne Chalard-​​Fillaudeau. In die­ser .pdf-​​Datei fin­den sich Hin­weise zu den Abwei­chun­gen von den bereits exis­tie­ren­den Über­set­zun­gen.

Inhalt­li­che Anmer­kung:

Wenn Fou­cault nach dem „Mann der Jus­tiz“ den „Mann des Geset­zes“ unter die ‚uni­ver­sel­len Intel­lek­tu­el­len’ ein­reiht, so sei hier dage­gen gefragt, ob die Frau (?) des Geset­zes nicht viel­mehr – im Gegen­satz zum Mann (!) der Gerech­tig­keit – in die Kate­go­rie der ‚spe­zi­fi­schen Intel­lek­tu­el­len’ fällt. Diese Hypo­these wird bei ande­rer Gele­gen­heit zu über­prü­fen sein.

  1. Der vor­ste­hende Satz lau­tet: „On l’écoutait, ou il pré­ten­dait se faire écou­ter comme repré­sen­tant de l’universel.“ [zurück]