Archiv für Juli 1998

Was war an Butler eigentlich neu? (2)

Die­ser Text ver­gleicht
Judith But­lers Das Unbe­ha­gen der Geschlech­ter (1991)
mit
Ursula Scheus Wir wer­den nicht als Mäd­chen gebo­ren – wir wer­den dazu gemacht (1977)

Er ent­stand im Som­mer 1998 – wenn ich mich recht erin­nere – zunächst für eine Gruppen-​​Diskussion. Danach (oder viel­leicht auch von Anfang an) hatte ich anfan­gen, ihn für eine Ver­öf­fent­li­chung zu (über-​​ /​ er-)arbeiten. Kurz vor Fer­tig­stel­lung war ich dann aus irgend­ei­nem Grunde abge­stor­ben.
Mir liegt – neben der Datei – noch ein Aus­druck mit Anmer­kun­gen einer Kon­troll­le­se­rin vor. Dar­aus habe ich jetzt die ortho­gra­phi­schen Kor­rek­tu­ren über­nom­men. Außer­dem schlug sie vor, die Abschnitt IX. und VIII. – in die­ser Rei­hen­folge – vor den Abschnitt IV. zu ver­schie­ben. (Also ein­fach mal aus­pro­bie­ren, wel­che Lese­rei­hen­folge mehr Sinn ergibt.)
Mir selbst gefiel meine Über­schrift VII. noch nicht – des­halb die geschwei­fe­ten Klam­mern.
Im Kon­text der Dis­kus­sion mit dem Ende des Sex stelle ich ihn aber jetzt (02.10.2009) ein­fach so online, wie er damals war.

Hier eine Glie­de­rungs­über­sicht des neun­sei­ti­gen Tex­tes; den kom­plet­ten Text gibt es als .pdf-​​Text-​​Datei:

I. Die Ana­lyse (1): Ver­ge­schlecht­li­chung als Defor­mie­rung (Ent­frem­dung) oder als Pro­duk­tion?
Scheu: Ver­ge­schlecht­li­chung ist eine Defor­mie­rung (des mensch­li­chen Wesens)
revo­lu­tio­nä­rer De-​​Konstruktivismus (rev. Deko.): Ver­ge­schlecht­li­chung ist eine For­mie­rung (von Sub­jek­ten)

II. Das Ziel (1): Rück­kehr zu un-​​entfremdeten Ursprün­gen oder Pro­duk­tion von etwas Neuem?
Scheu: Befrei­ung ist die Frei­le­gung des (ursprüng­li­chen glei­chen, nicht-​​vergeschlechtlichen) mensch­li­chen Wesens
rev. Deko.: Befrei­ung ist keine Rück­kehr zu unent­frem­de­ten Ursprün­gen, son­dern die Pro­duk­tion von etwas Neuem

III. Das Ziel (2): Anglei­chung (von Frauen) an Männ­lich­keit oder Ent-​​Identifizierung von Männ­lich­keit und Weib­lich­keit?
Scheu: Das Ziel ist dabei zugleich ten­den­zi­ell die Anglei­chung von Frauen an Män­ner. Denn Män­ner sind weni­ger defor­miert, weni­ger von ihrem Mensch-​​ (= Subjekt)sein ent­frem­det
rev. Deko.: Es geht nicht um Anglei­chung an Männ­lich­keit, son­dern um die Ent-​​Identifizierung von Männ­lich­keit und Weib­lich­keit

IV. theo­re­ti­sche Prä­mis­sen: Subjekt/​Objekt-​​Dialektik oder Bruch mit der bügerlich-​​patriarchale Subjekt-​​Ideologie?
Scheu: Män­ner sind (auto­nome, aktive) Sub­jekte; Frauen keine (auto­no­men, akti­ven) Sub­jekte, son­dern (pas­sive) Objekte
rev. Deko.: Frauen (und Män­ner) sind sub-​​jekte

V. poli­ti­sche Kon­se­quen­zen: Sub­jekt­wer­dung der Frauen oder Kampf der Geschlech­ter
Scheuch: Die Sub­jekt­wer­dung der Frauen ist poli­ti­sches Ziel und Mit­tel in einem
rev. Deko.: Die dif­fe­ren­zi­el­len Ver­hält­nisse selbst, der Kampf der gesell­schaft­li­chen Grup­pen, ist das ‘Sub­jekt’ der Geschichte

VI. Repres­si­ons­hy­po­these oder Pro­duk­ti­vi­tät der Macht?
Scheu: Die Defor­mie­rung zu Weib­lich­keit ist ein Pro­zeß des Ent­zu­ges (der Vor­ent­hal­tung) und der Unter­drü­ckung (Repres­si­ons­hy­po­these)
rev. Deko.: Weib­lich­keit ist das Ergeb­nis eines pro­duk­ti­ven Pro­zes­ses

VII. {Repressionshypothese/​Manipulationstheorie} oder Hege­mo­nie­theo­rie?
Scheu: Das Patri­ar­chat macht keine posi­ti­ven Ange­bot an Frauen
rev. Deko.: Sexis­ti­sche Subjekt-​​Konstitution ist ein Ange­bot zur Iden­ti­fi­zie­rung mit Weib­lich­keit

VIII. Fest­ste­hen­des weib­li­ches Arbeits­ver­mö­gen oder his­to­ri­sche Wan­del­bar­keit Weib­lich­keits­kli­schees?
Scheu: Es gibt ein inhalt­lich bestimm­tes weib­li­ches Arbeits­ver­mö­gen
rev. Deko.: Die geschlechts­hier­ar­chi­sche Arbeits­tei­lung exis­tiert unab­hän­gig von den kon­kre­ten Arbeits­in­hal­ten

IX. sex-​​gender-Unter­schei­dung oder sex als Pro­dukt von gen­der?
Scheu: Es gibt eine bio­lo­gi­sche Zwei­ge­schlecht­lich­keit
rev. Deko.: Auch das soge­nannte „bio­lo­gi­sche Geschlecht“ ist gesell­schaft­lich pro­du­ziert

X. „Die Tren­nung von Pri­va­tem und Öffent­li­chen“ – kri­ti­sie­rens­werte Rea­li­tät oder kri­ti­sie­rens­werte Ideo­lo­gie?
Scheu: Die Tren­nung von Pri­va­tem und Öffent­li­chen ist eine kri­ti­sie­rens­werte patri­ar­chale Rea­li­tät; „die Frau“ ist aus der öffent­li­chen Sphäre aus­ge­schlos­sen
rev. Deko.: Das Getrenntden­ken von Pri­va­tem und Öffent­li­chen ist eine kri­ti­sie­rens­werte patri­ar­chale Ideo­lo­gie; Frauen sind sowohl in der öffent­li­chen als auch der pri­va­ten Sphäre unter­ge­ord­net