Die „Krisis“ (nunmehr: „Exit“) und das Geschlechterverhältnis

Dieser Text entstand 1996 aus Anlaß der Vorbereitung eines Seminars zum Thema „Subjektform und Geschlecht“ am Fachbereich Politische Wissenschaft der FU Berlin, an dessen Vorbereitung und Leitung Kornelia Hauser mich beteiligte.

Ich veröffentliche ihn jetzt aufgrund eines hiesigen Kommentars von

bigmouth – 03. Oktober 2009 um 17:09 Uhr

„dass kurz kein feminist ist, halte ich für ein gerücht. die exit/krisis-spaltung ght doch darauf zurück, dass teile der krisis die feministischen theorien v roswitha scholz nicht ernt genug nahmen“

(vgl. TaP – 06. Oktober 2009 um 9:26 Uhr; bigmouth – 06. Oktober 2009 um 10:51 Uhr; TaP – 06. Oktober 2009 um 11:09 Uhr).

Der Text ist, insb. in den Schlußfolgerungen, um einige anlaß-bezogene Bemerkungen gekürzt. Da es sich um einen Gelegenkeitstext handelt, habe ich mir großen Aufwand für die gestalterische Verschönerung, Korrektur von falschen Anführungszeichen u.ä. gespart.

Ursprünglich hatte ich vor, in einer Fortsetzung auch noch genauer auf den eingangs genannten Text von Robert Kurz einzugehen; das fiel dann aber flach. -

Diesem Text vorausging ein Text, der die Position der Zeitschrift Argument und insb. der seinerzeit dort existierenden Autonomen Frauenredaktion zur Frage der (post)strukturalistisch-dekonstruktivistischen Subjekt-Kritik, diskutiert. Einige Argumente, die ich dort bereits ausführte, blieben in dem Text zur Krisis bloß angedeutet. Aus diesem Grund veröffentliche ich auch den Text zur Argument-Position und empfehle diesen zur ergänzenden oder evtl. sogar vorherigen Lektüre.
Was die in dem hiesigen Text zur Krisis-Position erwähnte Sphären-Trennungsthese anbelangt, sei außerdem auf diesen Text verwiesen. ---

Da ich mich nun eh erneut mit der Krisis beschäftige, hier noch zwei ergänzende Anmerkungen:

1. Ein paar Zitate aus dem Text „Anmerkungen zu Robert Kurz‘ ‚Abstrakte Arbeit und Sozialismus‘“ von Diethard Behrens, Kornelia Hafner, Thomas Gehrig und Thomas Schweier (http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/IMG/pdf/kurzkritik-2.pdf; ursprünglich in: Kalaschnikow – Das Politmagazin, H. 14, 1/2000, S. 51 ff.)

„Kurz schwankt ständig zwischen der Postulierung von Gegenständlichkeit und der abstrakten Formbestimmtheit, ohne den Ort dieser Bestimmungen konkret festmachen zu können und deren Vermittlungen darstellen zu können. Dies wird besonders deutlich, wo er den Fetischbegriff über der Kritik der politischen Ökonomie äußerliche Analogien (sexueller Fetischismus) zu explizieren versucht und daran die Vorstellung von Tauschhandlung und Geld koppelt, als ob der Wert nur Macht über die Individuen hätte, weil sie an ihn glaubten und sich entsprechend verhielten. […]. Kurz’ Konstruktion fällt also auseinander in eine Vorstellung vom Arbeitswert als Produkt lebendiger Arbeit, als Gegenstand, und eine Vorstellung vom Wert als Abstrakt-Allgemeinen,der sich letztlich als Normorientierung der Zirkulationsagenten präsentiert. Die Revolution bestünde dann nur im Wechsel des normativen Paradigmas: ‚Einfach nicht mehr daran glauben!‘“ (S. 7).

Kurz Argumentatition sei durch einen „beständigen Wechsel von Aussage- und Bezugsebenen und ihre Kontamination“ gekennzeichnet: „Aussagen über Theorien, Aussagen über ‚Realgeschichte‘, Aussagen über Kategorien, Aussagen über gesellschaftliche Zusammenhänge, Aussagen über individuelle Handlungen. Erkennbar wird die Absicht eines ontologischen Zugriffs auf die Dinge und das, was die Welt im Innersten
zusammenhält.“ (S. 9).

„Dies [Verhältnis von Arbeits- und Verwertungsprozeß etc.] kann auf der Ebene der Wertformanalyse überhaupt noch nicht entwickelt werden, weil eben die Begriffe noch nicht entwickelt sind, die es erst ermöglichen, eine Vorstellung von kapitalistischer ‚Wertproduktion‘ zu gewinnen. Der Versuch, vom Wert nach ‚hinten‘ zu gehen, zu einer Vorstellung von Zeit und Arbeit überhaupt, landet notwendig in jenem gelobten Land bürgerlicher Ideologie, in dem es keine Geschichte gibt, in der der homo sapiens als einzelner Einzelner immer schon mit seiner Hände Arbeit Privateigentum produziert, also bei der in Marxens Spott über die Robinsonaden inkriminierten Handwerkermonade.“ (S. 11, FN 16)

„Kurz übersieht hier, daß er in seiner eigenen Theoriebildung sich in die Tradition von Proudhon bis Gesell einreiht, nur um die Erfahrung klüger, daß er kein Freigeld fordert.“ (S. 12, FN 35).

2. Einige Zitat aus Etienne Balibars On the theory of fetishism (= Abschnitt I von: Self Criticism: Answer to Questions from ‚Theoretical Practice‘, in: Theoretical Practice Iss. 7-8, 1973, 56 – 72)

Kritiken wie die vorstehenden bleiben aber solange halbherzig, wie sie nicht mit einer grundlegenden Kritik des Ganzen Entfremdungs-, Verdinglichungs- und Fetischismus-Gedöns sowie dem Geklimpere mit dem Konkreten und dem Abstrakten usw., was ja alles in keinerweise spezifisch für Kurz und Scholz ist, sondern den ganz ‚Hegel-Marxismus‘ prägt, verbunden sind.

Dazu hier noch einige Balibar-Zitate:

„The theory of ‚fetishism‘ […] as a theory (I insist on this specification), it is totally idealist. On this particular, but decisive point, the rupture with idealism has not taken place.“ (57, linke Spalte)

Die Theorie des „Fetischismus“ verhindert eine rigorose Analyse der Materialität ideologischer Praxen und begnügt sich statt dessen mit einer vagen ‚Ableitung‘ (vgl. dort) aus der ökonomischen ‚Sphäre‘:

„Why totally idealist? Because it prevents a materialist theory of ideology, it is an obstacle to it precisely where that theory is required: in the explanation of an ideological effect. As we are now beginning to realise, an ideological effect […] can only be explained by a positive cause, the existence and functioning of ideological social relations historically constituted in the class struggle. Specific social relations really distinct from the relations of production although they are determined by the latter ‚in the last instance‘. Really distinct means realised, materialised in specific practices, depending on special ideological apparatuses, etc. […]. Moreover, such a representation is already outlined in Marx, not so much in Capital, but as a function of certain conjunctures of the political struggle (cf. already the third section of the Communist Manifesto). But it does not begin to take a general form (and it cannot become a theory strictly speaking) until Mao Tse-tung or his period (on the practical basis of the ‚cultural revolution‘).“ (57, rechte Sp.)

„throughout Part One [of Capital], Marx has ‚logically‘ developed the abstract (universal) and simultaneously concrete (immediately present in ‚no matter what‘ everyday exchange of ‚no matter what‘ product of labour) form of the commodity, represented as a subject. […]. It is thus a genesis of the subject [… -] a genesis of the subject as an ‚alienated‘ subject […]. That is why, after having been stated by Marx in a Hegelian-Feuerbachian problematic, […].“ (58, linke Spalte)

Die Theorie des „Fetischismus“ impliziert eine Utopie des Verschwindens der Ideologien:

„In consequence, not only does the theory of the fetishism of commodities prevent the scientific explanation of the special ideological effects implied by commodity circulation, it also prevents our thinking their revolutionary transformation: it makes it seem that the ‚transparency‘ of social relations is an automatic effect […] of the suppression of ‚commodity categories‘, i.e., of the commodity. It is a theory of ideology in general, of the historically transitory role of ideology in general: if it is to be believed, one fine day not only will there no longer be class ideologies, but, as there will no longer be any commodities, there will no longer be any ideology at all. Alienation, then suppression of alienation.“ (58, rechte Spalte)

„In other words, the theory of fetishism can never truly think that subject is an ideological notion (elaborated first of all within juridical ideology). On the contrary, it seems to make the notion of ’subject‘ the scientific‘ concept of ideology.“ (59, linke Spalte)

Eine deutlich längere, in drei Unterabschnitte untergliederte, spätere frz. Fassung dieses Balibar-Textes ist unter der Adresse http://www.marx2mao.com/Other/CEMH74.pdf, S. 206 – 227 zugänglich. Ich werde bei Gelegenheit die dt. Übersetzung der frz. Fassung zugänglich machen.

Zur Kritik der Entfremdungs-These und des ‚Hegel-Marxismus‘ s. auch noch meine Texte:

Sozialistischer Humanismus“, autonomer Humanismus oder gar kein Humanismus?
Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten!. Anmerkungen zur Res Strehles „Einführung in die politische Ökonomie“

sowie

zur Kritik des ‚Hegel-Maxismus‘ außerdem:

Gareth Stedman Jones, The Marxism of the Early Lukács: an Evaluation, in: New Left Review, Iss. 70, Nov./Dec. 1971, 27 – 64 (wiederabgedruckt in: ders. et al., Western Marxism. A Critical Reader, NLB: London, 1977, 11 – 60).

Göran Therborn, The Frankfurt School, in: New Left Review H. 63, Sept./Oct. 1970, 65 – 96 (zusammen mit Therborn 1971 wiederabgedruckt in: Stedman Jones et al. 1977, 83 – 139).
ders., Jürgen Habermas: A New Eclecticism, in: New Left Review Iss. 67, May/June 1971, 69 – 83 (zusammen mit Therborn 1970 wiederabgedruckt in: Stedman Jones et al. 1977, 83 – 139).

(Aus Netzwerken von Universitäts- und Staatsbibliotheken besteht ein kostenfreier Zugang zum NLR-Archiv.)

Rolf Nemitz, Ideologie als „notwendig falsches Bewußtsein“ bei Lukács und der Kritischen Theorie, in: Projekt-Ideologie-Theorie (Hg.), Theorien über Ideologie (Argument-Sonderband AS 40), Argument: [West]berlin, 1. Aufl.: 1979, 3. Aufl.: 1986, 39 – 60.

Steffen Kratz / Beate Verhorst, Frankfurter Schule (Adorno und Marcuse), in: Heinz Kimmerle (Hg.), Modelle der Materialistischen Dialektik. Beiträge der Bochumer Dialektik-Arbeitsgemeinschaft, Martinus Nijhiff: Den Haag, 1978, 185 – 209; online unter: http://www.trend.infopartisan.net/trd0507/t030507.html.

Lucio Colletti, Von Hegel zu Marcuse, in: alternative H. 72/73: Literatur und Revolution. Beiträge aus Italien, Juni/Aug. 1970, 129 – 149

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