Archiv für Oktober 1996

Über Mit-Mach-Lesben und Sektiererinnen

Rezen­sion zu
Diane Hamer /​ Belinda Budge (Hg.), Von Madonna bis Mar­tina. Die Romanze der Mas­sen­kul­tur mit den Les­ben. Orlanda Frau­en­ver­lag: Ber­lin, 1996.

Die Rezen­sion ent­stand 1996 ursprüng­lich als Uni-​​Seminar-​​Arbeit. Nach einem abschlie­ßen­den feed­back, das ich damals von einer Freun­din – nach diver­sen Dis­kus­si­ons­durch­läu­fen – noch erbe­ten hatte, wollte ich die Rez. eigent­lich auch irgendwo zur Ver­öf­fent­li­chung anbie­ten, aber das ging dann irgend­wie unter. Nun wird es an die­ser Stelle nach­ge­holt.

Die „Krisis“ (nunmehr: „Exit“) und das Geschlechterverhältnis

Die­ser Text ent­stand 1996 aus Anlaß der Vor­be­rei­tung eines Semi­nars zum Thema „Sub­jekt­form und Geschlecht“ am Fach­be­reich Poli­ti­sche Wis­sen­schaft der FU Ber­lin, an des­sen Vor­be­rei­tung und Lei­tung Kor­ne­lia Hau­ser mich betei­ligte.

Ich ver­öf­fent­li­che ihn jetzt auf­grund eines hie­si­gen Kom­men­tars von

big­mouth – 03. Okto­ber 2009 um 17:09 Uhr

„dass kurz kein femi­nist ist, halte ich für ein gerücht. die exit/​krisis-​​spaltung ght doch dar­auf zurück, dass teile der kri­sis die femi­nis­ti­schen theo­rien v ros­wi­tha scholz nicht ernt genug nah­men“

(vgl. TaP – 06. Okto­ber 2009 um 9:26 Uhr; big­mouth – 06. Okto­ber 2009 um 10:51 Uhr; TaP – 06. Okto­ber 2009 um 11:09 Uhr).

Der Text ist, insb. in den Schluß­fol­ge­run­gen, um einige anlaß-​​bezogene Bemer­kun­gen gekürzt. Da es sich um einen Gele­gen­keits­text han­delt, habe ich mir gro­ßen Auf­wand für die gestal­te­ri­sche Ver­schö­ne­rung, Kor­rek­tur von fal­schen Anfüh­rungs­zei­chen u.ä. gespart.

Ursprüng­lich hatte ich vor, in einer Fort­set­zung auch noch genauer auf den ein­gangs genann­ten Text von Robert Kurz ein­zu­ge­hen; das fiel dann aber flach. -

Die­sem Text vor­aus­ging ein Text, der die Posi­tion der Zeit­schrift Argu­ment und insb. der sei­ner­zeit dort exis­tie­ren­den Auto­no­men Frau­en­re­dak­tion zur Frage der (post)strukturalistisch-dekonstruktivistischen Subjekt-​​Kritik, dis­ku­tiert. Einige Argu­mente, die ich dort bereits aus­führte, blie­ben in dem Text zur Kri­sis bloß ange­deu­tet. Aus die­sem Grund ver­öf­fent­li­che ich auch den Text zur Argu­ment-Posi­tion und emp­fehle die­sen zur ergän­zen­den oder evtl. sogar vor­he­ri­gen Lek­türe.
Was die in dem hie­si­gen Text zur Kri­sis-Posi­tion erwähnte Sphären-​​Trennungsthese anbe­langt, sei außer­dem auf die­sen Text ver­wie­sen. ---

Da ich mich nun eh erneut mit der Kri­sis beschäf­tige, hier noch zwei ergän­zende Anmer­kun­gen:

(mehr…)

Pluralismus und Antagonismus

– Eine Rekon­struk­tion post­mo­der­ner Les­wei­sen –

Diplom­ar­beit FU Ber­lin, 1996
115 Sei­ten.

Ich mache an die­ser Stelle meine Diplom­ar­beit aus dem Jahre 1996 als .pdf-​​Text-​​Datei online zugäng­lich. Für diese Ver­öf­fent­li­chung habe ich die Arbeit noch ein­mal Kor­rek­tur gele­sen und Tipp­feh­ler besei­tigt (soviele wie das waren, sollte ich den Vor­gang bei Gele­gen­heit noch ein­mal wie­der­ho­len; dann gibt es ein update) sowie neu­for­ma­tiert (die ursprüng­lich Sei­ten­zäh­lung war ohne­hin feh­ler­haft) und einige Nach­be­mer­kun­gen hin­zu­ge­fügt.
Die ein­ge­reichte Fas­sung der Arbeit ist unter der Signa­tur D.A. 5068 in der Biblio­thek des Fach­be­rei­ches Sozi­al­wis­sen­schaf­ten der FU Ber­lin ein­seh­bar.

In der Arbeit wur­den drei Ten­den­zen inner­halb der Post­mo­derne unter­schie­den:
► Eine analytisch-​​affirmative Ten­denz,
► eine normativ-​​kritische Ten­denz
und schließ­lich
► eine analytisch-​​kritische Ten­denz.

Die analytisch-​​affirmative Ten­denz dia­gnos­ti­ziert eine Plu­ra­li­sie­rung des/​r Subjekte/​s, und par­al­lel dazu sieht sie die – als bereits exis­tie­rend auf­ge­faßte – post­mo­derne Gesell­schaft als plu­ra­lis­tisch und allen­falls noch lokal (also nicht mehr struk­tu­rell) ver­mach­tet* an. Zur Ver­tei­di­gung die­ser Auf­fas­sung stützt diese Ten­denz sich neben ana­ly­ti­schen Erwä­gun­gen vor allem auf einen phi­lo­so­phi­schen Idea­lis­mus, der die Exis­tenz oder zumin­dest die Erkenn­bar­keit der außer-​​diskursiven Rea­li­tät bzw. mate­ri­el­ler Macht­struk­tu­ren leug­net.

Die normativ-​​kritische Ten­denz sieht die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse (wei­ter­hin oder neu­er­dings) als ‚tota­li­tär‘ an, behaup­tet einen ‚Ver­lust‘ des Sub­jek­tes und setzt den beste­hen­den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen das Plu­rale, Lokale und Dif­fe­rente als poli­ti­sche Kri­tik ent­ge­gen. Dies läuft letzt­lich – zusam­men mit einer lebens­phi­lo­so­phi­schen Wis­sen­schafts­feind­lich­keit – auf eine Reha­bi­li­tie­rung der in hegel-​​marxistischer Tra­di­tion ste­hen­den Kri­ti­schen Theo­rie hin­aus: Die Totalitäts-​​Kategorie wird nicht als ana­ly­tisch unge­eig­net ver­wor­fen, son­dern zur Kri­tik der ver­meint­li­chen Rea­li­tät ver­wen­det. In die­sem Rah­men wird dem Einen, dem Iden­ti­schen, das Andere, das Dif­fe­rente, ent­ge­gen­setzt und damit – ent­ge­gen dem eige­nen Anspruch – zwangs­läu­fig das komplementär-​​hierarchische Ver­hält­nis des Einen zu dem Ande­ren repro­du­ziert.

Wäh­rend die bei­den erst­ge­nann­ten Ten­den­zen mit ihren plu­ra­lis­ti­schen Les­ar­ten moderne Posi­tio­nen wie­der in die Post­mo­derne ein­schrei­ben, erweist sich dage­gen die dritte, anti-​​pluralistische Les­art – die analytisch-​​kritische Ten­denz – mit ihrer Beto­nung der gesell­schaft­li­chen Ant­ago­nis­men als kon­se­quent post­mo­dern. Nach deren Auf­fas­sung sind die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse gleich­zei­tig plu­ral und ver­mach­tet. Sie dia­gnos­ti­ziert kei­nen ‚Subjekt-​​Verlust‘, auch keine Plu­ra­li­sie­rung des/​r Sub­jekte, son­dern kri­ti­siert den empha­ti­schen Subjekt-​​Begriff der Moderne als illu­so­risch. Die­ser Les­art geht es weder um eine Iden­ti­fi­zie­rung mit den herr­schen­den Ver­hält­nis­sen noch um eine ‚Auf­wer­tung‘ bzw. ‚posi­tive‘ Umwer­tung der beherrsch­ten Seite(n), dem Ande­ren, die­ser Ver­hält­nisse. Viel­mehr geht es die­ser Ten­denz um eine grund­le­gende Umwäl­zung der beste­hen­den Ver­hält­nisse und damit auch der bei­den Sei­ten die­ser Ver­hält­nisse, also um eine Poli­tik der kon­se­quen­ten Ent-​​Identifizierung.

In sozio­lo­gi­schen Ter­mini des sozia­len Wan­dels läßt sich diese Unter­schei­dung fol­gen­der­ma­ßen refor­mu­lie­ren: Ten­denz 1 über­schätzt den Wan­del, der zwi­schen der Moderne und dem, was sie Post­mo­derne nennt, ein­ge­tre­ten ist. Ten­denz 2 unter­schätzt dem­ge­gen­über den der Moderne imma­nen­ten Impuls zum sozia­len Wan­del, wäh­rend Ten­denz 3 gerade den der Moderne imma­nen­ten sozia­len Wan­del unter­sucht, der (noch) nicht zu herr­schafts­freien, post­mo­der­nen Ver­hält­nis­sen geführt hat.

In poli­ti­sche Ter­mini über­setzt ließe sich sagen, daß die erste Ten­denz mit neo­li­be­ra­len Posi­tio­nen und die dritte im revolutionär-​​marxistischen kon­ver­giert, wäh­rend die zweite sowohl mit links­ra­di­ka­len als auch linksliberal/​linkssozialdemokratischen, refor­mis­ti­schen Posi­tio­nen ein­her­ge­hen kann.

* Zu die­sem Aus­druck siehe die ent­spre­chende Nach­be­mer­kung in der Arbeit.