Archiv für September 1991

Klassenkampf oder Mitmach-Imperialismus?

erschien in: Neues Deutsch­land, 21./22.09.1991, S. 10.

Eine .pdf-​​Bild-​​Datei des Tex­tes gibt es hier.

Autonome Politökokonomie

[Erschien ursprüng­lich – leicht redak­tio­nell bear­bei­tet und gekürzt – unter der Über­schrift „Auto­nome Polit­öko­no­mie. Wider­stand – auch Trö­de­lei und Kon­sum ohne Arbeit“ im Neuen Deutsch­land vom 20.09.1991, S. 14; die gedruckte Fas­sung gibt es als .pdf-​​Datei hier, dann folgt mein ursprüng­li­cher Text. Res Strehle hat es mitt­ler­weile zum Ko-​​Chefredakteur des Schwei­zer Tages-​​Anzeigers gebracht und dort als erste Amts­hand­lung ein Vier­tel der Redak­tion ent­las­sen (müs­sen). – So kön­nen sich die Klassenkampf-​​Perspektiven ver­schie­ben…]

Auto­nome Polit­öko­no­mie

Res Strehle

Ein­füh­rung in die poli­ti­sche Ökono­mie:

KAPI­TAL UND KRISE

Schwarze Risse /​ Rote Straße: Berlin/​Göttingen, 1991

186 S., 18 DM

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Zivilgesellschaft oder ideologische Staatsapparate?

[Die­ser Text ent­stand 1991 im Zusam­men­hang mit mei­nen Rezen­sio­nen zur Geschichte von DKP/​KPD, DS und SAP, blieb damals aber unver­öf­fent­licht. Er wurde zuerst 2009 von mir bei links­ak­tiv ver­öf­fent­licht und dann von scharf-​​links über­nom­men. Vgl. auch dort und dort.]

Louis Alt­hus­ser zu Anto­nio Gramscis Zivilgesellschafts-​​Begriff

Neu­er­dings wird sich in der Lin­ken posi­tiv auf das, was Anto­nio Gramsci die „Zivil­ge­sell­schaft“ nannte bezo­gen. Meis­tens – und das ist dann wenigs­tens kon­se­quent – ist damit gleich noch ein posi­ti­ver Bezug auf den Staat im enge­ren Sinne, von Gramsci „poli­ti­sche Gesell­schaft“ genannt, ver­bun­den. Dies tut nun sicher­lich dem ita­lie­ni­schen Kom­mu­nis­ten unrecht. Denn ihm ging es nicht um Affir­ma­tion, son­dern um Ana­lyse der Kampf­be­din­gun­gen – sowohl in der sog. Zivil­ge­sell­schaft als auch der sog. poli­ti­schen Gesell­schaft.

Trotz­dem hat Gramsci – so die schon 1977 vom fran­zö­si­schen Revo­lu­tio­när und Phi­lo­so­phen Louis Alt­hus­ser auf­ge­stellte These – die Ent­wick­lung zur Affir­ma­tion des Staa­tes begüns­tigt. Denn Gramscis Begriff­lich­keit führt – in ande­ren Wor­ten (Zivil­ge­sell­schaft /​ poli­ti­sche Gesell­schaft) – wie­der die bür­ger­li­che Unter­schei­dung zwi­schen bür­ger­li­cher Gesell­schaft und Staat in den Mar­xis­mus ein. ‚Die Gesell­schaft’ wird in die­ser – heute als „links“ aus­ge­ge­be­nen – Vor­stel­lung (unge­ach­tet aller dort vor­han­de­nen klas­sen­mä­ßi­gen und sons­ti­gen Ver­mach­tun­gen) als Ort der freien und glei­chen Ent­fal­tung der wider­sprüch­li­chen Inter­es­sen gedacht. Der Staat ver­kör­pert das dar­über ste­hende All­ge­meine. Soweit, so bekannt – und bereits vor der heu­ti­gen Zivilgesellschafts-​​Mode hin­läng­lich wider­legt.

Louis Alt­hus­ser (Zu eini­gen Vor­aus­set­zun­gen der Staats­frage in der mar­xis­ti­schen Theo­rie, in: ders., Krise des Mar­xis­mus, VSA: Ham­burg, 1978, 69 ff.) hat des­halb vor­ge­schla­gen, statt Zivil­ge­sell­schaft den Begriff „ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­rate“ zu ver­wen­den. Die­ser Begriff mache deut­lich, daß Staat und Gesell­schaft nicht getrennt seien. Viel­mehr unter­strei­che er, „daß die Hege­mo­nie sich in For­men ent­fal­tet, die – auch wenn ihr ‚Ursprung‘ spon­tan ist – in ideo­lo­gi­sche For­men inte­griert und trans­for­miert sind, die in orga­ni­scher Ver­bin­dung zum Staat ste­hen: zwar kann der Staat diese For­men bereits ‚vor­fin­den’ (…), aber sie wer­den unauf­hör­lich inte­griert und ver­ein­heit­licht in For­men, die die Hege­mo­nie (der herr­schen­den Klasse, d. Verf.) sichern.“ (ebd. 73 f.).

Mit die­ser Begriff­lich­keit wird eine dop­pelte Illu­sion ver­mie­den: 1. die der Macht-​​ und Herr­schafts­frei­heit der Zivil­ge­sell­schaft 2. die, daß Poli­tik nur in der Sphäre des Staa­tes statt­finde. Dies sei ganz im Sinne von Anto­nio Gramsci, der begrif­fen hätte, daß es keine beson­dere „Sphäre der Poli­tik“ gebe, son­dern für den „alles Poli­tik“ gewe­sen sei (74). Der Begriff „ideo­lo­gi­sche Staats­ap­pa­rate“ treffe also das, was Gramsci sagen wollte, bes­ser als Gramscis eige­ner Aus­druck „Zivil­ge­sell­schaft“.

Alt­hus­ser kri­ti­sierte – im Gegen­satz zu sei­ner euro­kom­mu­nis­ti­schen ‚Regie­rungs­par­tei im War­te­stand’, der Fran­zö­si­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, der er ange­hörte, – die Redu­zie­rung revo­lu­tio­nä­rer Poli­tik auf die „offi­zi­ell aner­kann­ten For­men“ (ebd.) und die Über­nahme des (reprä­sen­ta­ti­ven) „Modells des bür­ger­li­chen poli­ti­schen Appa­ra­tes“ durch die meis­ten kom­mu­nis­ti­schen Par­teien. Er ver­trat die These, „daß diese grund­sätz­lich Beein­flus­sung der kom­mu­nis­ti­schen Kon­zep­tion der Poli­tik durch die bür­ger­li­che Ideo­lo­gie genau der Punkt ist, an sich die Zukunft der Arbei­ter­be­we­gung ent­schei­den wird“ (75). Für Ost­eu­ropa hat er vor­läu­fig – im Nega­ti­ven – Recht bekom­men.

Im Anschluß an Alt­hus­ser sind ver­schie­dene spe­zi­fi­sche Unter­su­chun­gen ein­zel­ner ideo­lo­gi­scher Staats­ap­pa­rate ent­stan­den: zur Schule, zum Recht, zur Reli­gion, zur Kunst. Einige die­ser Arbei­ten sind nach­ge­wie­sen bei: Kamm­ler /​ Plumpe /​ Schött­ler, Phi­lo­so­phie der Ideo­lo­gie oder Theo­rie des ideo­lo­gi­schen Klas­sen­kamp­fes, in: Alter­na­tive (West­ber­lin) Heft. 118, Feb. 1978, 2 ff. FN 32 – 39; Kolkenbrock-​​Netz /​ Schött­ler, Für eine mar­xis­ti­sche Althusser-​​Rezeption in der BRD, in: Thieme, Alt­hus­ser zur Ein­füh­rung, SOAK: Han­no­ver, 1982, 119 ff., FN 69, 87, S. 165 – 167.