Rez. zu Fülberth: KPD und DKP 1945 – 1990

[Erschien ursprüng­lich – redak­tio­nell leicht bear­bei­tet und gekürzt – unter der Über­schrift „Geschichte kom­mu­nis­ti­scher Par­teien. Radi­kale linke DKP-​​Kritik“ im Neuen Deutsch­land vom 14.07.1991, S. 14; die gedruckte Fas­sung gibt als .pdf-​​Datei hier; es folgt dann mein ursprüng­li­cher Text.]

Georg Fül­berth

KPD und DKP 1945 – 1990

Zwei kom­mu­nis­ti­sche Par­teien in der vier­ten Periode kapi­ta­lis­ti­scher Ent­wick­lung

Dis­tel Ver­lag: Heil­bronn, 1990

215 Sei­ten, 22,80 DM

Fül­berth, für die DKP Mit­glied im Mar­bur­ger Stadt­rat, wie­der­holt und belegt mit umfang­rei­chem Mate­rial im ein­zel­nen seine The­sen zur Kri­tik der poli­ti­schen Pra­xis der offi­zi­el­len west­eu­ro­päi­schen kom­mu­nis­ti­schen Par­teien, die er Ende der 80er Jahre in der Ham­bur­ger Zeit­schrift KON­KRET, in der Zei­tung des Kom­munistischen Bun­des „Arbei­ter­kampf“ (Ham­burg), in der West­ber­li­ner PROWO und im DKP-​​Theorieorgan „Mar­xis­ti­sche Blät­ter“ geübt hat. Für ehe­ma­lige DDR-​​Bür­gerInnen, die damals nicht die Chance hat­ten, diese Arti­kel zur Kennt­nis zu neh­men, ist das Buch unbe­dingt zur Lek­türe zu emp­feh­len. Wer/​welche diese frü­he­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen dage­gen kennt, erfährt in dem Buch wenig Neues.

Aus­gangs­punkt des Buches ist die These, daß die sta­lin­sche Kon­zep­tion des Auf­baus des „Sozia­lis­mus in einem Lande“ dazu geführt habe, die ande­ren kom­munistischen Par­teien aus revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­tio­nen in Agen­tu­ren der je­weils wech­seln­den sowje­ti­schen Außen­po­li­tik zu ver­wan­deln (S. 10). Nach dem Bank­rott der ultra-​​linken Sozialfaschismus-​​These der KPD (S. 11 f.) habe sich in der KPD seit 1935 die Ori­en­tie­rung auf eine „nicht-​​sozialistische ‚antifaschistisch-​​demokratische Ord­nung“ her­aus­ge­bil­det (S. 15, 19). Mit ih­rer natio­na­len PRO-​​Wiedervereinigungsargumentation, die bis hin zu der These ging, die BRD sei von den USA kolo­ni­siert (S. 56), machte sie zwar Konserva­tiven und Libe­ra­len Zuge­ständ­nisse. Damit konnte sie aber kommuni­stische (Partei-)Politik nicht beför­dern (S. 48 f.), denn sie ließ mit die­ser an der Wirk­lich­keit (erst ökono­mi­scher, dann auch poli­ti­scher Wie­der­auf­stieg des BRD-​​Kapitals) vor­bei­ge­hen­den Schein-​​Kritik das herr­schende Bewußt­sein unbe­rührt. (Inter­es­san­ter­weise sind sol­che national„kommunistischen“ Phra­sen schon in der ultra-​​linken Phase der Wei­ma­rer KPD zu fin­den.) Im Gegen­satz zu die­ser rechts­op­por­tu­nis­ti­schen Poli­tik auf die­sem Gebiet stand aller­dings die sek­tie­re­ri­sche Gewerkschaftspoli­tik der KPD, die ihr wich­ti­gen Ein­fluß in der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung kos­tete (S. 50 ff.).

Wei­tere Aus­füh­run­gen zur KPD-​​Ge­schichte sind der innerparteili­chen Repres­sion gegen Mit­glie­der der Gruppe Arbei­ter­po­li­tik (auch heute noch in der BRD beste­hende Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­tion der KPO), gegen „Titois­ten“ und „Trotz­kis­ten“ (S. 45 f., 63 ff.) sowie der KommunistInnen-​​Verfolgung der BRD (S. 84 ff.) und der Pra­xis der ver­bo­te­nen KPD (S. 91 ff.) gewid­met.

Die DKP bil­dete schließ­lich den rech­ten Rand der sich als revo­lu­tio­när ver­ste­hen­den BRD-​​Linken: Sie betrach­tete „die Auseinan­dersetzung zwi­schen der klei­nen Gruppe des Mono­pol­ka­pi­tals und allen antimo­nopolistischen, demo­kra­ti­schen Volks­kräf­ten“ (S. 121) als die zen­trale Kon­fliktlinie in der BRD. Unreflek­tiert bleibt bei die­ser Kon­zep­tion das Inter­esse auch des „nicht-​​monopolisti­schen“ Kapi­tals an der Auf­recht­er­hal­tung des Kapi­ta­lis­mus. (s. den Kon­flikt zwi­schen der offi­zi­el­len Par­tei­li­nie und der DKP Butz­bach: S. 140 ff.).

Ge­nauso wenig wie die­ses „nicht-​​monopolistische“ Kapi­tal diese Anbie­de­rung der DKP hono­rierte, konnte die DKP mir ihrer Stra­tegie der „Akti­ons­ein­heit“ mit der SPD Erfolg lan­den. Wei­ter war für die DKP kenn­zeich­nend eine ouvrieristi­sche Hal­tung – Ori­en­tie­rung auf das „hand­ar­bei­tende Pro­le­ta­riat in der Groß­industrie“ (S. 138, s. a. S. 146) –, die die Ver­än­de­run­gen in der ArbeiterIn­nenklasse nicht pro­duk­tiv für moderne kom­mu­nis­ti­sche Poli­tik nut­zen konnte. Der Klas­sen­re­duk­tio­nis­mus (zur Kri­tik s.: LW 5, 355 [425 ff.] – Was tun?) der DKP führte dazu, daß sie von der neuen – femi­nis­ti­schen – Frau­en­be­we­gung und der Ökolo­gie­be­we­gung iso­liert blieb (S. 145, 148). Glei­cher­ma­ßen iso­lierte sich die DKP im Kampf um die Ver­tei­di­gung demo­kra­ti­scher Frei­hei­ten: Am Rus­sel-​​Tribunal zur Situa­tion der Men­schen­rechte in der BRD betei­ligte sich die DKP nicht, da sie sich nicht mit Mit­glie­dern mao­is­ti­scher Orga­ni­sa­tio­nen, die Opfer von Berufs­ver­bo­ten wur­den, und mit Ange­klag­ten in poli­ti­schen Prozes­sen, deren Verteidigungs­rechte im Zuge der staat­li­chen „Terroristen“-Hatz ein­schränkt wur­den, solida­risieren wollte (S. 147 f.).

Grö­ße­ren personel­len(!) Ein­fluß konnte die DKP dage­gen in der BRD-​​Friedensbewegung der frü­hen 80er Jahre errin­gen. Dort wirkt sie aber nicht als der „ent­schie­denste, immer wei­ter­trei­bende Teil“ (Kom­mu­nis­ti­sches Mani­fest), son­dern als Sach­wal­te­rin des „Mini­mal­kon­sen­ses“ (S. 160 ff.). Den Kampf um eine anti­im­pe­ria­lis­ti­sche Ori­en­tie­rung in der Frie­dens­be­we­gung und um eine Kri­tik an der NATO, die über die „Nach“rüstung hin­aus­ging, über­ließ die DKP Auto­no­men, lin­ken GRÜ­NEN und Grup­pen wie dem Kom­mu­nis­ti­schen Bund (KB). Die DKP hat mit ihrer opportuni­stischen Poli­tik in der Frie­dens­be­we­gung und den Gewerk­schaf­ten (S. 166) jede – über die Bewah­rung bestimm­ter als „marxistisch-​​leninistisch“ aus­ge­ge­be­ner Rituale hinausge­hende – (kom­mu­nis­ti­sche) Iden­ti­tät ver­lo­ren bzw. nie gewin­nen kön­nen. Umge­kehrt war sie aber auch als refor­mis­ti­sche Par­tei gegen­über der SPD und grü­nen „Real“os/as nicht kon­kur­renz­fä­hig (S. 161 f.).

Mit dem Zusam­menbruch des real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus ver­lor die DKP schließ­lich auch noch ihre Funk­tion als des­sen Agen­tur in der BRD: Die sog. „Erneue­rIn­nen“, die sich v.a. an neo­re­vi­sio­nis­ti­schen Kon­zep­tio­nen sog. rot-​​grüner Reformpo­litik von SPD und GRÜ­NEN ori­en­tier­ten, ver­lie­ßen mas­sen­weise die Par­tei (S. 166 ff.).

Links­ab­spal­tun­gen hat­ten dage­gen im Nie­der­gangs­pro­zeß der DKP nur wenig Rele­vanz: Für einige Zeit erschien in den 80er Jah­ren die Zeit­schrift „Düs­sel­dor­fer Debatte“ (S. 167) und in Osna­brück geben heute einige – von Fül­berth nicht erwähnte – ehe­ma­lige DKP-​​Mitglieder den „Hin­ter­grund“ her­aus. Fül­berth selbst schließ­lich hat sich in den letz­ten Jah­ren an den Debat­ten der „Radi­ka­len Lin­ken“ betei­ligt und war dort einer der weni­gen beson­nen Köpfe in einem Sumpf von mehr oder min­der dump­fen Sek­tie­re­rIn­nen­tum.

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